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Ronja von Rönne: Wir Kommen

Ronja von Rönne, 24, Literatur It-Girl, Bloggerin, Journalistin, Autorin ist von ziemlich vielen Dingen angeekelt. Vom Feminismus. Von den sozialen Medien. Von hippen Trends. Von Menschen im Allgemeinen. Und ganz neu: von ihrem Debütroman „Wir kommen“. Warum?


Auf dem blauen Sofa

Leipziger Buchmesse 2016, vorletzter Tag. Ronja von Rönne sitzt mit Tobi Schlegl auf dem „blauen Sofa“ und lässt sich zum gefühlten 50. Mal interviewen. Der eine will sich unterhalten, die andere ihr Buch promoten. Das führt dann schon mal zu Einzelszenen, in denen Frau von Rönne ihren Roman in die Kamera hält und Sätze wie „Bitte kaufen Sie das Buch, damit ich nicht noch eins schreiben muss.“ sagt, während Tobi mit einem etwas angenervten „Gucken Sie doch mal MICH an, Frau von Rönne.“ kontert.

Frau von Rönne antizipiert eigentlich auch schon alle Themen, die ihr bei den 49 vorherigen Interviews bereits gestellt wurde. Sie sei jung und naiv gewesen, als sie ihren kontroversen Beitrag „Warum mich der Feminismus anekelt“ in der Welt veröffentlicht hatte. Nein, sie sehe sich nicht als Sprachrohr einer Generation, weil sie dazu ja schließlich niemand gewählt habe. Ja, der Shitstorm mit Todesdrohungen auf Twitter habe ihr schwer zu schaffen gemacht.

Die lakonischen Sprüche, die Ronja von Rönne auf dem blauen Sofa zum Besten gibt, kommen nicht so recht beim Messepublikum an. Besser lief es nebenan bei Clemens Meyer, der andeutet bei einer seiner letzten Kneipentouren die Ochsenknecht-Brüder verprügelt zu haben – vielleicht auch ein Zeichen dafür, wie autorenfokussiertes Marketing funktioniert und wie nicht.

Mein größter Fan: Der Steuerberater

Tobi Schlegl durchbricht die dahinplätschernde Unterhaltung schließlich mit einer Frage an das Publikum: „Wer hat denn das Buch überhaupt gekauft? Sie, ja? Auch gelesen? Dann müssen wir Sie filmen, Gesichter zeigen und so.“ Flugs das Mikro geschnappt und den einsamen Armheber Herr Reinhold zum spontanen Interview aktiviert. Herr Reinhold hat das Buch schon fast ganz gelesen. 30 Seiten fehlen noch, aber das Ende hat er trotzdem schon mal durchgeblättert. Und was ist seine Meinung zu dem Buch? Besonders die Sprache findet er toll.

„In jedem einzelnen Satz steckt wahnsinnig viel. Man kann son Satz lesen und dann kann man denken – ja, was ist da? Und dann zögert man und denkt – was war da? Und dann liest man nochmal. Und dann merkt man wieder: WOW. Ne… Was hat sie da in den einen Satz gepackt? Und das ist schon… grandios.“ Chefkritiker Herr Reinhold im Interview mit Tobi Schlegl auf der LBM16

Als Tobi Schlegl nach dem Kurzinterview wieder aufs blaue Sofa zusteuert wird aus Frau von Rönne dann ganz kurz mal Ronja. Sie freue sich zwar über das hinreißende Lob, tragischerweise sei der Chefkritiker ihr Steuerberater. Da muss sie selbst ehrlich lachen – und das Publikum lacht mit, zum einzigen Male.

Ronja von Rönne: Wir kommen – #Langeweile

Chefkritiker/Steuerberater Reinhold hat zumindest in einem Punkt Recht: Die Sprache ist das Highlight des Romans, weil man nach echter Charaktertiefe oder gar einem überzeugenden Plot vergeblich sucht.

Ich-Erzählerin Nora leidet an Panikattacken und hat deshalb eine Therapie begonnen. Nach der zweiten Sitzung fährt ihr Therapeut allerdings in Urlaub und rät ihr, für die Zeit seiner Abwesenheit Tagebuch zu führen, um anschließend zu ergründen, wo denn diese Panik herrühre. „Wir kommen“ ist somit kein klassischer Roman, sondern eher eine Notizsammlung mit sehr losem Handlungsgerüst. Auch die Figuren bleiben über einen Großteil des Buches Skizzen.

Da gibt es also Nora, die in einer Fernsehsendung mit dicken Frauen shoppen geht, um schließlich den großen Vorher-Nacher Vergleich zu präsentieren. Nora ist sehr passiv, mag Sätze wie „Folgen Sie mir“ und notiert sich „Ich habe genickt. Das kann ich gut“. Nora ist irgendwie in einer offenen Viererbeziehung mit Karl, Leonie und Jonas gelandet. Für die Polyamorie haben sich die vier urbanen Narzissten entschieden, „damit nicht sofort alles zusammenkracht, wenn mal einer schwächelt“. Die Beziehungsdynamiken, inklusive Sex, sind dabei allerdings so gänzlich unspannend wie der Alltag der Figuren, die sich ihre Zeit damit vertreiben am Abend Blogposts mit „Gefällt Mir“ zu markieren, oder in einer abgefuckten Eckkneipe zu versacken: „Da gehen wir manchmal hin, weil dort außer uns nur kaputte Gestalten und Alkoholiker herumhängen und weil wir durch sie daran erinnert werden, wie jung und privilegiert wir sind.“ Alles ist irgendwie egal, die Figuren sind gefangen in einem urbanen Leben mit hippen Jobs, die ihnen zu viel Zeit lassen, um über ihr Leben nachzudenken.

Diese allgegenwärtige Langeweile wird durchbrochen von der Nachricht, dass Maja – eine Jugendfreundin von Nora, die für sie eine Leitfigur war, der sie folgen konnte – gestorben ist. Nora will das allerdings nicht so recht glauben, denn „wenn Maja gestorben wäre, hätte sie mir vorher bescheid gesagt. Solche Dinge haben wir immer abgesprochen.“ In einer Art Verdrängungs- und Fluchtmechanismus vor der traurigen Realität des eigenen Ichs machen sich die vier Mittendzwanziger inklusive eines schweigenden Kindes und einer Schildkröte auf den Weg ans Meer. Was dann schließlich in dem Ferienhaus am Strand passiert ist eigentlich gar nicht so wichtig. Das Grundmuster bleibt weitestgehend stabil: Nora beschreibt lakonisch und ironietriefend die Umrisse einer Generation, die als „die wohlbehütetste aber auch depressivste von allen“ betitelt wird.

„Wir kommen“ ist eigentlich eine Aneinanderreihung von kleinen Anekdoten und assoziativen Beobachtungen. Sprachlich wird alles zum Abschuss freigegeben, es findet sich, abgesehen von wenigen Ausnahmen, kaum ein Abschnitt, der nicht ironisch gebrochen wird. Dabei ist Ronja von Rönnes Prosa durchaus unterhaltsam. Die pointiert schwarzhumorigen Beobachtungen regen nicht nur manchmal zum Schmunzeln an, sondern bieten auch unangenehmes Identifikationspotenzial.

Crazy! Doch nicht so crazy! Hyperkrass!

Das Urteil, was man nun über Ronja von Rönnes Debütroman fällen möchte, kann kaum so vernichtend ausfallen, wie ihr eigenes: „Ich verachte dieses Buch. Das liegt aber glaub ich weniger daran, dass es so schlecht ist, als vielmehr daran, dass ich es geschrieben habe.“, sagt sie auf dem blauen Sofa. Die fatalistische Rhethorik des „ich verachte x und y hat mich schon immer angeekelt“ schwappt von Ronja von Rönne in „Wir kommen“ über. (Man vergleiche einen aktuellen Blogeintrag: Mir ist langweilig und alles egal ) Ob das Ausdruck eines Zeitgeistes ist kann man diskutieren – als Sprachrohr für eine Generation wird Von Rönne nach Äußerungen wie „Ich probiere Meinungen an, wie ich Kleider anprobiere.“ aber wohl nicht anerkannt werden.

Doch ist „Wir kommen“ denn nun trotzdem ein gelungenes Debüt? In ihrem Blog Sudelheft antizipiert Ronja von Rönne die Reaktion des stereotypen „Redakteurs eines hippen Onlinemagazins“ (Bin ich definitiv, oder? Oder…?) auf ihr Buch folgendermaßen:

„Dieses crazy Buch von der crazy Antifeministin ist doch nicht so crazy wie von diesem Winkels angenommen! Hyperkrass! Lest hier: Zehn Gründe, warum Rönnes Buch noch schlechter ist als die Lage in Syrien! Yolo!“ Sudelheft 5. Januar 2016

Für Ronja von Rönne ist Schreiben Konfrontation mit den eigenen Komplexen, das erkennt man an solchen Äußerungen recht deutlich. Die Auseinandersetzung mit sich und anderen geschieht immer auf einer Hipster 2.0 Metaebene. Sie seziert somit sämtliche Dynamiken in einer Sprache, die Ausdruck einer Ohnmächtigkeit des Selbstausdrucks ist. Die sprachlichen Grenzen des Ausdrucks machen den Text zum Gefängnis. Dass Ronja von Rönne also von so vielen Dingen angeekelt ist – inklusive der eigenen Reflexionen – gehört zum Programm ihres Schreibens. In „Wir kommen“ funktioniert das zumindest auf dieser Ebene recht gut. Allerdings ist ein Roman eben kein Blog – 200 Seiten metawitzige Beobachtungen mit ziemlich flachen Figuren und zu vernachlässigendem Plot strapazieren sogar den urbanen Postironisten.

In der Rezension der „Zeit“ zu „Wir kommen“ rät Daniel Haas Ronja von Rönne doch für Böhmermann Pointen zu schreiben, falls das mit der Literatur doch nichts wird. Ist ja momentan auch eher schwierig…. Doch wenn Literatur It-Girl von Rönne es irgendwann auch in ihren Büchern schafft echte Beziehungsebenen zwischen Figuren aufzubauen, wird das vielleicht ja doch noch was mit der Autorinnenkarriere.


Beitragsbild: Aufbau Verlag