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Amanda Gorman – der wahre Star der Inauguration

Die 22-jährige Lyrikerin, Schriftstellerin und Aktivistin Amanda Gorman war die jüngste Inaugural-Poetin, die je bei einer Präsidenteneinführung in den USA aufgetreten ist. Mit ihrem lebhaft vorgetragenen, optimistischen und hoffnungsvollen Gedicht „The Hill We Climb“ wurde die junge Harvard-Absolventin zum Star der Inauguration, von der Presse gleichermaßen gelobt und gefeiert wie von den Sozialen Medien und bekannten Persönlichkeiten wie Oprah Winfrey, Michelle Obama oder Hillary Clinton.


Die Gepflogenheit, einen Dichter oder eine Dichterin bei der Amtseinführung des Präsidenten auftreten zu lassen, kann in den USA auf eine Tradition zurückblicken, wobei bislang nur Präsidenten der Demokratischen Partei Poeten engagiert haben. Die Ehre, als „Inaugural Poet“ ausgewählt zu werden, wurde vor Gorman fünf weiteren Dichterinnen und Dichtern zuteil.

Der erste unter ihnen war 1961 Pulitzer-Preisträger und Nationaldichter David Frost, der bei der Inauguration von John F. Kennedy eigentlich das eigens geschriebene „Dedication“ vortragen wollte, aber dann, weil er wegen der blendenden Sonne auf dem Kapitol nichts sah, sein älteres Gedicht „The Gift Outright“ vortrug“ welches er auswendig konnte. Weitere Inaugural-Dichterinnen und -Dichter traten bei den jeweils zwei Amtseinführungen Bill Clintons (Maya Angelou, 1993; Miller Williams, 1997) und Barack Obamas (Elizabeth Alexander, 2009; Richard Blanco, 2013) auf.

Die Tradition der Herrscherdichtung lässt sich im Grunde bis in die Antike zurückverfolgen, als Dichter für Fürsten und Kaiser Nationaldichtung anfertigten, wie etwa Vergils „Aeneis“, das bedeutendste Epos der Römer, in welchem nicht nur die Größe des römischen Reiches gefeiert wird, sondern auch Augustus‘ Ankunft vorweggenommen wird.

Wenn man solche Traditionslinien im Auge hat, lässt es sich besser verstehen, dass die Gattung der Inauguralgedichte in den USA klassischerweise nationale Themen wie den Ursprung Amerikas, die Größe, die Weite und den Ruhm der Nation und Visionen wie Zusammenhalt, Vielfalt und Einheit bearbeitet. Das Gedicht bei der Amtseinführung darf durchaus politisch sein, es darf auch heikle Themen anschneiden, sollte dem Land letztlich aber Hoffnung, Optimismus und eine Identität geben.

Frost, der erste Inauguraldichter, thematisierte in seinem Beitrag „The Gift Outright“ 1961 das amerikanische Land und die Eroberung Amerikas, was aus heutiger Sicht durchaus als kolonialistisch ausgelegt werden kann. Bei den Inauguralpoeten neueren Datums ging es weniger staatstragend zu, obwohl natürlich dennoch die amerikanische Seele gestreichelt wurde: Elizabeth Alexander trug bei Obamas erster Amtseinführung 2009 mit „Praise Song for the Day“ ein Gedicht über den amerikanischen Alltag vor, der das Land zusammenhält, das aber auch von Hoffnung („I know there’s something better down the road“), dem ewigen Kampf und der Sklavenhalter-Vergangenheit handelte. Richard Blanco rezitierte 2013 mit „One Today“ ein Inauguralpoem über die Weite des amerikanischen Landes und die Vielfalt der Landschaft und der Menschen, die alle verbunden sind.

Amanda Gorman schließt an diese Tradition an, interpretiert sie aber auch neu, indem sie aktuelle gesellschaftliche Themen in ihr Gedicht „The Hill We Climb“ einflicht, zum Beispiel den Sturm auf das Kapitol, die Gefährdung der Demokratie und die Gespaltenheit der amerikanischen Nation. Mit den Vorgängern Elizabeth Alexander und Richard Blanco hat sich Gorman offensichtlich im Vorfeld der Inauguration abgesprochen. Eine besondere Referenz ist für sie aber die afroamerikanische Dichterin Maya Angelou, was sich allein schon daran erkennen lässt, dass Gorman während der Amtseinführung einen Ring trug, der aus einem in einen Käfig eingesperrten Vogel bestand – eine Hommage an Angelous Werk „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“ (1969).

Angelou war 1993 die erste schwarze Frau, die als Inauguralpoetin engagiert wurde; ihr theatralischer Vortrag von „On the Pulse of Morning“ im Jahr 1993 blieb im Gedächtnis und wurde mit Auftritten von schwarzen Ikonen und Bürgerrechtsaktivisten wie Martin Luther King und Malcom X verglichen. Auch Amanda Gorman konnte durch die lebendige Vortragsweise und die gelungene mimische, gestische und stimmliche Inszenierung überzeugen, die den Inhalt unterstrichen hat.

Doch worum ging es genau in ihrem Gedicht „The Hill We Climb“? Den Text hat Amanda Gorman kurz nach dem Angriff aufs Kapitol zu Ende geschrieben, und dies ist ihm auch anzumerken: Die Nation wird bei Gorman angesichts der Gegenwart nicht glorreich überhöht, sie wird aber auch nicht als „broken“, kaputt, abgeschrieben, wie es manche Kommentatoren und Journalisten diagnostizieren würden. Stattdessen ist die USA für Gorman „simply unfinished“, hat also noch das Potenzial sich zu verbessern. Über sich selbst spricht das lyrische Ich als ein dünnes „Black girl / descended from slaves and raised by a single mother“, welches den Traum hegt, eine schwarze Präsidentin zu werden, und gerade vor einem Präsidenten ein Gedicht vorträgt.

Amanda Gormans „The Hill We Climb“ benennt die Sollbruchstellen der amerikanischen Gesellschaft, die Kluft, die die Gesellschaft spaltet, die Unterschiede, die in den Trump-Jahren in Untiefen geratene Demokratie. Sie greift die Tradition des Inauguralpoems insofern auf, als sie dem Negativen die sehr amerikanische Vision von Hoffnung, Einheit, besserer Zukunft und Optimismus entgegenstellt – eine Vision, die auch Joe Biden in seiner 20-minütigen Rede zu vermitteln versuchte. Die Dichterin unterstützt damit den Politiker, es handelt sich auf eine gewisse Weise um gattungstypische Nationaldichtung:

We are striving to forge a union with purpose
To compose a country committed to all cultures, colors, characters and
conditions of man
(…)
We close the divide because we know, to put our future first,
we must first put our differences aside
We lay down our arms
so we can reach out our arms
to one another

The Hill We Climb

Gorman beschwört etwas pathetisch die „Ära gerechter Wiedergutmachung“, der Versöhnung und des Wiederaufbaus und den „Stolz“ des amerikanischen Volkes, sie möchte ein neues Kapitel aufschlagen und in die Zukunft blicken, nachdem eine Katastrophe überwunden ist. Trump und seine Anhänger werden so als einmaliger Ausrutscher der amerikanischen Geschichte offenbar nur wenige Tage nach dem Abtritt des Ex-Präsidenten ad acta gelegt. Ob der rein patriotische Blick nach vorn der richtige Weg ist, die Dämonen der amerikanischen Demokratie zu beseitigen, die immer noch als Trump-Supporter, Verschwörungstheoretiker, Proud Boys und Rechtsextreme die Gesellschaft spalten?

Wie mehrere Inauguralpoeten vor ihr evoziert Amanda Gorman den Topos des amerikanischen Landes und der darin lebenden Vorfahren. Es wird in bildhafter Sprache die Weite Amerikas beschrieben, die von den goldbeschienenen Hügeln des Westens über den windgepeitschten Norden, die Städte des Mittleren Westens bis hin zum sonnenbeschienenen Süden reicht. Auch eine weitere zentrale Referenz Amerikas, die Bibel, wird von Gorman zitiert. Vor allem die letzten, aufgrund ihrer Assonanzen, Anaphern und Wiederholungen besonders eingängigen Verse des Gedichtes mit ihrem Aufruf zu Mut, Erneuerung und Veränderung werden wohl in der Öffentlichkeit in Erinnerung bleiben:

When day comes we step out of the shade,
aflame and unafraid
The new dawn blooms as we free it
For there is always light,
if only we’re brave enough to see it
If only we’re brave enough to be it

The Hill We Climb

Durch die Berufung der jungen Dichterin und Harvard-Absolventin in Soziologie, die mit 16 zur „Youth Poet Laureate“ ihrer Heimatstadt Los Angeles gewählt wurde und später zur ersten „National Poet Youth Laureate“ ernannt wurde, wollte der 78-jährige und weiße Präsident Joe Biden eindeutig eine Botschaft an die jüngeren sowie die diversen Teile der amerikanischen Gesellschaft wie People of Color, Latinos und Migrantinnen und Migranten senden, um ihnen zu zeigen, dass sie von seiner Regierung anerkannt und gehört werden. Denn Biden selbst steht für einen Teil der amerikanischen Gesellschaft, der Privilegien besitzt, über die viele andere nicht verfügen.

Dass Biden es nicht nur bei reiner Symbolik belässt, hat sich an seinem ersten Tag im Amt gezeigt: Binnen weniger Stunden nach Amtsantritt unterzeichnete er 17 Erlasse, die Teile der Politik seines Amtsvorgängers Donald Trump zurücknehmen. So ist die USA in das Pariser Klimaabkommen und die WHO zurückgekehrt. Außerdem wurde der sogenannte „Muslim Ban“ abgeschafft, der Einreisebeschränkungen für Menschen aus mehreren mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern vorschrieb. Durch eine weitere Verfügung Bidens wird fortan die Diskriminierung am Arbeitsplatz aufgrund der sexuellen Orientierung oder der Geschlechtsidentität untersagt, was Trump im Namen der Religionsfreiheit erlaubt hatte.

Von Amanda Gorman ist übrigens bisher kaum etwas veröffentlicht: 2015 ist der Gedichtband „The One for Whom Food Is Not Enough“ erschienen, der allerdings vergriffen ist. Im September 2021 wird ein neuer Lyrikband mit dem Titel „The Hill We Climb“ publiziert. Außerdem wird 2021 das Kinderbuch „Change Sings: A Children’s Anthem“ mit Illustrationen von Loren Long erscheinen, in welchem Kindern die Möglichkeit von Veränderung nahegebracht werden soll. Beide Bücher stehen durch die öffentliche Aufmerksamkeit infolge ihres Auftritts inzwischen auf der Amazon-Bestseller-Liste.

Amanda Gormans Auftritt in Washington am 20. Januar 2021:

Zum Nachlesen gibt es das Gedicht in voller Länge hier. Und hier in deutscher Übersetzung.

Titelbild: Wikimedia Commons

The Founder: Dog eat dog. Man eat beef. Beef eat shit.

The Founder Ronald McDonald

John Lee Hancock erzählt in The Founder eine Erfolgsgeschichte nach und lässt Michael Keaton als Ray Kroc den American Dream durchspielen. Er begleitet ihn über fast zwei Stunden hinweg von der ersten Begegnung mit den McDonald-Brüdern, Betreibern eines erfolgreichen Schnellrestaurants in San Bernadino, Kalifornien, bis zur Etablierung eines globalen Fastfood-Imperiums. Zeit genug, zu erforschen, was den Geschäftsmann antrieb, welche weitreichenden Konsequenzen die Effizienzsteigerung einer gewissen Firma namens McDonald’s hatte und wofür sie in Kauf genommen wurden. Eigentlich.


Die Handlung dieses Films von Regisseur John Lee Hancock ist schnell erzählt: Der erfolglose Selfmademan Ray Kroc (Michael Keaton) lernt Mitte der 1950er Jahre zufällig Mac und Dick McDonald (John Carroll Lynch und Nick Offerman) in Kalifornien kennen. Die beiden Brüder betreiben ein umsatzstarkes Schnellrestaurant, in dem durch effizientes Küchendesign und ausgeklügelte Arbeitsteilung („Speedee System“) Hamburger in 30 Sekunden zubereitet werden. Kroc erkennt das finanzielle Potenzial dieses Geschäftsmodells und versucht, die Brüder zur Eröffnung weiterer Filialen in den USA zu überreden. Die Brüder lehnen jedoch ab, da sie bereits schlechte Erfahrungen gemacht haben und befürchten, bei einer Expansion, keine Kontrolle mehr über die Qualität der Produkte zu haben.

Eine Erfolgsgeschichte von Ideenraub, Effizienz und Skrupellosigkeit

Nachdem dieser Grundkonflikt etabliert ist, zeigt der Film in den restlichen eineinhalb Stunden, wie es Kroc schrittweise gelingt, zunächst die Franchise-Rechte von den McDonald-Brüdern zu bekommen, mehr und mehr Veränderungen gegen deren Willen durchzusetzen und schließlich die Rechte an der Marke McDonald’s an sich zu reißen, um so die Brüder aus ihrem eigenen Unternehmen zu drängen. Immer wieder betont Kroc, dass ein erfolgreicher Unternehmer kein Talent oder Genie braucht, sondern Hartnäckigkeit. Das ist aber nur die halbe Wahrheit des American Dream. Kroc nutzt auch juristische Schlupflöcher im Vertrag, ist rücksichtslos, hat einfach Glück die richtigen Leute zu treffen und missachtet die Ideale der ursprünglichen McDonald’s Gründer. Beispielsweise spart er Kosten ein, indem er nicht echte Milch für die Milchshakes verwendet, sondern billiges Pulver. Geschäftsleute führen Krieg mit Papier, Stift und Taschenrechner.

The-Founder-Michael-Keaton-Film-Review

Die Moral von der Geschichte ist also, wenn man Ideen klaut, effizient und skrupellos ist und an den richtigen Stellen spart, kann das Unternehmen schnell wachsen und der Besitzer wird reich.
Aber selbst die enteigneten Brüder sind am Ende nicht wirklich die Verlierer. Immerhin erhalten sie je 1 Million Dollar Abfindung – dafür könnte sich jeder fast 3 Millionen Hamburger leisten. Man kann die Geschichte des Films vollständig erzählen, ohne zu spoilern, denn es passiert im Grunde nichts Überraschendes, nichts Unvorhergesehenes. Durch die insgesamt guten schauspielerischen Leistungen langweilt der Film zwar nicht, aber Regisseur John Lee Hancock erzählt die Erfolgsgeschichte von Ray Kroc ganz linear von A nach B, ohne Wende- oder Höhepunkte.

The Founder: Monopoly im Kino

Das allein wäre noch erträglich, wenn Ray Kroc interessanter gezeichnet worden wäre, aber die Figur bleibt leider sehr eindimensional. Man erfährt zu wenig über seine Motivation. Was treibt ihn an? Warum ist er so besessen davon, ein nationales und dann globales Unternehmen aufzubauen? Nur um seinen reichen Freunden zu beweisen, dass er es kann? Kroc will scheinbar einfach reich werden, um reich zu sein. Das reicht mir aber nicht, um in sein Schicksal emotional investiert zu sein. Das macht ihn erst mal nur unsympathisch, die Geschichte wird aber so erzählt, als sollten die Zuschauer*innen mit ihm mitfiebern.

The-Founder-Film-Rezension

Nach der Dog-eat-dog-Logik sollte es aber gerade gleichgültig sein, ob sich Kroc durchsetzt oder die McDonald-Brüder oder keiner von ihnen. Auch Gewissenskonflikte, die ein Mensch in Krocs Situation haben könnte (oder sollte), werden nicht vertieft genug dargestellt. Kroc handelt so, wie es die Regeln des Monopoly-Spiels verlangen und der Erfolg gibt ihm am Ende Recht. Ob und warum man überhaupt so spielen soll, wird aber nicht gefragt. Das ist schade, denn erst dann wäre der Film relevant und mehr als eine Nacherzählung einer so oder so ähnlich geschehenen „wahren Begebenheit“.

Man könnte nämlich auch eine alternative Erfolgsgeschichte des Fast-Food-Imperiums schreiben:

Old McDonald’s had a farm. Und auf der Farm gibt es Rinder, die in Rekordzeit gemästet werden mit Futter, für das Regenwald abgeholzt wurde. Ich liebe es!

Wer tiefer in die Materie einsteigen will, dem empfehle ich das Mc Donald’s Video Game . Das Spiel stellt die eigentlich spannenden Fragen, die der Film gezielt ausspart, weil er sich auf eine Einzelperson konzentriert: Wo kommt das Hackfleisch für die Hamburger her? Und wie geht es eigentlich den Arbeiter*innen in den McDonald’s Filialen? Was sind die Konsequenzen der Effizienzsteigerung?


Titelbild ©Dirk Sorge

Beitragsbilder © splendid-film

Postfaktisch – Die Politik des Bauchgefühls

Das US-amerikanische Wahlvolk hat gesprochen. Es rief „TRUMP!“ Was es damit ausdrücken will, ist aber unklar, denn es spricht mit einem kaum verständlichen Dialekt, den Sprachforscher „Postfaktisch“ nennen.


Postfaktische Zeiten

Das kleine Wörtchen „post“ hat es ganz schön in sich: Es zeigt nicht nur einen zeitlichen Verlauf an (etwas ist nach etwas anderem), sondern es markiert auch einen qualitativen Unterschied. Die Postmoderne ist reflektierter als die Moderne. Die postcolonial studies sind besser als koloniale Forschungsreisen. Postmondän ist cooler als Die Welt. Doch was ist der Unterschied zwischen dem Postfaktischen und dem Faktischen?

Das Oxford Dictionary hat das englische Pendant „post-truth“ zum Wort des Jahres 2016 gewählt und begründet die Entscheidung mit dem Gebrauch des Worts im Zusammenhang mit dem Brexit und Donald Trumps Kandidatur im US-Wahlkampf. Das Wort bezeichne „circumstances in which objective facts are less influential in shaping public opinion than appeals to emotion and personal belief“. Objektive Tatsachen sind also für die öffentliche Meinungsbildung weniger einflussreich als Gefühle und die persönliche Überzeugung. Bezogen auf das Titelbild dieses Artikels würde der postfaktisch denkende Mensch sagen: „Ich könnte die Größe der Figuren auf dem Bild zwar nachmessen, aber ich verlasse mich lieber auf mein Bauchgefühl. Und das sagt mir, dass die Figuren nach hinten größer werden.“ Postfaktisch denkende sind anfällig für Täuschungen.

Angela Merkel sprach von „postfaktischen Zeiten“, als sie im September die schlechten Wahlergebnisse der CDU bei den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern kommentierte.

„Postfaktisch“ scheint sogar eine treffendere Benennung der gemeinten Phänomene zu sein als „post-truth“. Schließlich wird das Konzept der Wahrheit (truth) nicht insgesamt aufgegeben. Nur die Rolle, die Fakten bei der Wahrheitsfindung und bei der Begründung der Meinung spielen, ändert sich. Fakten sind nur noch dann Fakten, wenn sie mit meinen persönlichen Gefühlen übereinstimmen. Wenn nicht, dann sind die Fakten Lügen.

Tatsächlich kann aber niemand, der seine Meinung lautstark äußert, das Konzept der Wahrheit ganz über Bord werfen. Er fühlt sich ja zu seiner Meinung berechtigt und muss sie äußern, weil sie bis jetzt noch nicht von ‚denen da oben‘, vom Establishment oder von den Massenmedien genügend berücksichtigt wurde. Der Ausruf „Lügenpresse!“ setzt gerade voraus, dass es eine Wahrheit gibt, über die die Medien eigentlich berichten sollten.

Post-Kompetenz

Das Spannende ist nun, dass diese postfaktische Haltung nicht nur den wütenden Mob auf der Straße betrifft, sondern ins Innerste des politischen Systems vorgedrungen ist. Das Neue ist dabei nicht, dass Politiker heutzutage lügen – das haben sie vermutlich immer schon getan. Die neue Qualität entsteht, wenn sie nicht einmal mehr versuchen, ihre Meinung durch Fakten zu belegen. Und wenn sie einer Lüge überführt werden, hat das oftmals keine gravierenden Konsequenzen mehr. Die Lüge ist eben keine Lüge, wenn sie sich richtig anfühlt oder dem Belogenen in seiner Überzeugung bestätigt. Und ein digitaler Shitstorm wird so schnell vom nächsten abgelöst, dass die aufgedeckte Lüge in Vergessenheit gerät.

Nun haben wir den Salat: Donald Trump wird bald der mächtigste Politiker der Welt sein. Dass Prominente aus dem Showbusiness politische Ämter bekleiden, ist in den USA nicht neu. Arnold Schwarzenegger und Ronald Reagan sind die wohl bekanntesten Beispiele. Reagan hatte vor der Wahl zum US-Präsidenten 1980 allerdings immerhin schon viele Jahre lang politische Erfahrungen gesammelt (er war Gouverneur von Kalifornien 1966-1974). Trump hingegen ist politisch genau so erfahren wie ein Autoreifen. Man muss sich einmal klar machen, was die Wahl Trumps wirklich bedeutet: Das ist so, als wäre Dieter Bohlen der deutsche Bundeskanzler!

Aber nicht nur nimmt es Trump mit den Fakten nicht so genau. Auch das schwächere Kriterium der Kohärenz ignoriert er, die Forderung also, dass Aussagen einer Person wenigstens widerspruchsfrei zueinander passen. Seine Reden während des Wahlkampfs enthielten nicht nur zahlreiche Selbstwidersprüche, auch seine erklärten Ziele vor und nach der Wahl widersprechen sich bereits. Beispielsweise nannte er im Wahlkampf das Ziel, Obamacare abzuschaffen. Nach der Wahl ruderte er zurück und möchte Teile der Gesundheitsreform nun doch beibehalten. Das grundsätzliche Problem ist also, dass gar nicht klar ist, was die Wahl von Trump für Folgen haben wird – er scheint es ja selbst nicht zu wissen. Seine Ziele ändern sich mit seinen Gefühlen je nach Tagesform. Konrad Adenauer wird gerne mit der flapsigen Bemerkung zitiert: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Nichts hindert mich, weiser zu werden.“ Trumps Motto ist sinngemäß: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Nichts hindert mich, heute andere Gefühle zu haben.“

Donald Trump funktioniert wie eine Fernsehserie, bei der in jeder Episode eine unerwartete, schockierende Wendung in der Story das Publikum bei der Stange hält. Ob die Geschichte dabei logisch schlüssig ist, ist zweitrangig.

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Das ‚alte‘ Massenmedium Fernsehen macht es einer kontroversen Figur wie Trump leicht, gehört und gesehen zu werden. Trump ist auf skurrile und verstörende Art unterhaltsam und unberechenbar – ein Garant für Einschaltquoten. Der Fernsehsender CNN hat selbst eingeräumt, Trumps Reden zu oft und zu ausführlich ausgestrahlt zu haben, als sich dieser 2015 neben anderen Bewerbern im Vorwahlkampf der republikanischen Partei befand.

Der hauptberufliche Miesepeter Neil Postman hat den Zusammenhang zwischen medialer Aufmerksamkeit und politischer Meinungsbildung schon in den 1980er Jahren anschaulich dargestellt. Ihn sorgte die Tendenz des Fernsehens, alles im Format der Unterhaltung zu präsentieren und den ernsthaften Diskurs zu verdrängen. Durch die sozialen Medien, die Postman nicht mehr miterlebt hat, hat sich diese Tendenz sicherlich noch verstärkt. Man muss gar nicht kulturpessimistisch eingestellt sein, um zu verstehen, dass mit 140 Zeichen keine komplexen politischen Zusammenhänge dargestellt werden können. Emojis drücken standardisierte Gefühle aus, aber zum Argumentieren sind sie eher ungeeignet. Während die FDP einst forderte, dass die Steuererklärung so einfach sein müsse, dass sie auf einen Bierdeckel passt, scheint sich heute der gesamte politische Diskurs an solchen begrenzenden Formatvorgaben zu orientieren. Bierdeckel passen ja auch gut zu Stammtischparolen, bei denen die Faust auf den Tisch donnert.

Auf der Jagd nach Clicks, Likes und Einschaltquoten berichten die Medien lieber über verbale Entgleisungen und andere Fehltritte von Politiker*innen als über politische Inhalte. Günther Oettinger beispielsweise war aus personenbezogenen Gründen in den letzten Wochen gleich mehrfach in den Schlagzeilen. Was seine politischen Ziele und seine Aufgaben als EU-Kommissar eigentlich sind, bleibt dabei aber völlig im Dunkeln und scheint niemanden zu interessieren. Mit der Überschrift „Politiker*in XY will die Einkommenssteuer um 0,5 Prozent erhöhen!“ lässt sich eben keine Aufmerksamkeit generieren. Und für die Wähler*innen ist es natürlich auch bequemer und leichter, sich über eine öffentliche Person eine Meinung zu bilden als über ein Parteiprogramm, eine politische Debatte oder einen konkreten aber langweiligen Gesetzentwurf. So werden schließlich Politiker*innen gewählt, weil sie ’sympathisch rüberkommen‘. Aber selbst ein unsympathischer Kandidat hat im Zweifelsfall bessere Chancen als ein Name, dem man zum ersten Mal in der Wahlkabine begegnet.

Schön wäre es, wenn der Wahlsieg Trumps als Weckruf für Redaktionen und andere Entscheidungsträger*innen in der Medienbranche ernst genommen würde und eine selbstkritische Analyse stattfände.

Postproduktion der Stimme

Donald Trump hat verstanden, wie die Medien funktionieren und hat es geschafft, mediale Aufmerksamkeit in Wählerstimmen umzuwandeln. Neue Medientechnologien zu verstehen und zu nutzen, wird sich für Politiker*innen zukünftig wohl noch mehr lohnen, denn die Wahrheit wird durch diese zunehmend flexibel gestaltbar.

Jeder Hobbyfotograf kann heute mit Photoshop Bilder retouchieren und so bearbeiten, wie es zu Zeiten der Analogfotografie nur für Profis möglich war. Kinobesucher*innen haben sich längst daran gewöhnt, dass in Filmen virtuelle Welten gezeigt werden, die vollständig am Computer entstanden sind. Die Stimmen von animierten Figuren wurden bislang jedoch von Schauspieler*innen im Tonstudio gesprochen. Das könnte sich bald ändern, denn Adobe, die Entwicklungsfirma von Photoshop, hat den Prototypen der Software VoCo präsentiert, mit der beliebige Texte von beliebigen Stimmen gesprochen werden können. Und zwar nicht so, wie es synthetische Stimmen schon seit Jahren können, sondern mit Stimmen von ‚echten‘ Personen. Man kann jeder beliebigen Person, von der genügend lange digitale Tonaufnahmen existieren, jedes Wort in den Mund legen – im Idealfall klingt die Sprachausgabe so echt, dass durch bloßes Hören nicht entschieden werden kann, ob die Person den Text tatsächlich gesprochen hat oder ob es die Software ist, die nur die Stimme der Person nutzt.

Jede sprachliche Äußerung von Trump, die zukünftige Journalist*innen finden, könnte also prinzipiell ein Fake sein. Und Trump könnte jede seiner früheren Äußerungen bestreiten, indem er behauptet, dass seine politischen Gegner sie mit der Software generiert hätten. Der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge hätte dann nur noch eine theoretische Relevanz. Für eine politische Diskussion hätte er gar keine Auswirkungen mehr. Das wäre dann tatsächlich post-truth.

Vielleicht sollten wir aber erst mal klein anfangen und eine Crowdfunding-Kampagne starten, um Hillary Clinton einen EDV-Kurs an der Volkshochschule zu spendieren. Es ist nie zu spät, den richtigen Umgang mit Email-Programmen zu lernen.

Angry White Men – Donald Trump’s Silent Majority

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Donald Trump’s elevation to the highest office in the United States came to most in the United States and abroad as a shock to the current political establishment.  A view into, as sociologist Michael Kimmel has named them, America’s ‚Angry White Men‘ shows that this decade long strain of frustration brewing among America’s self-endowed heirs to the American Dream laid fertile ground for the rise of a Trump-like authortarian character in American politics.  Feeling abandoned by Washington elites, progressives who seem to dismiss their legitimate hardships, and the media, these men turned to the darkest corners of political philosophy for the answers seeking to ‚Make America Great Again‘.

by Nicholas Babakitis


 

“When Mexico sends its people, they’re not sending the best. They’re not sending you, they’re sending people that have lots of problems and they’re bringing those problems with us. They’re bringing drugs. They’re bring crime. They’re rapists… And some, I assume, are good people.”

17 months ago, this ridiculous, now infamous statement was uttered by the, now, President of the United States, Donald J. Trump. Whipping up his abysmal cocktail of hyper-masculinity, rampant sexism, racism, homophobia, and pretty much anything else generations of men and women in the United States have been fighting against, yet somehow in this slew of word vomit, Mr. Trump secured his place in being the next Commander in Chief. These sentiments, obviously, must have resonated with some Americans (over 58 million at the time of writing this piece), but how did these vile, archaic ideas take center-stage in American politics and mobilize massive groups of people to support him? Michael Kimmel, author of Angry White Men and sociologist at the Stony Brook University in New York, offers an insight into these groups of disenfranchised men, clinging on to their ‚values‘ and imaginary utopia of a time when men were men, that many Americans have long overlooked as being simply an unwillingness to adapt to the times.

Kimmel scores the nation searching for groups most men (and women) would not only disregard, but some whom many would wish to avoid at all costs: neo-Nazis, men’s rights activists, school shooters, and others compelled to rebel against a system they find to be oppressing them. The 1960s, while giving minorities and women more rights and opportunities in the American way of life, had immediate backlash from conservative communities prompting the promotion of ‚Law and Order‘ values from notable politicians the likes of Richard Nixon, Ronald Reagan, and now Donald Trump in the decades following. This opposition, which still carries over into modern politics, is felt by many of these men and in their eyes isn’t seen as being racially driven, rather that these groups (women and minorities) were ‚taking their jobs‘ and threatening their way of life.

“Make America Great Again”

American jobs belong to Americans, right? This sense of entitlement, as Kimmel notes, is a tenant of the American way these men felt was guaranteed to them as being hard working Americans, depicting themselves akin to the modern-day frontiersmen. Hard work equated to having a stable job, being able to feed their families, in most cases owning a house and a car, many staples of American life which, post-2008, have been more and more difficult for hard-working Americans to access, in turn leaving many angry, wishing to position their rage at anything which seems somewhat feasible to them and developing a nostalgia for a time that never really existed.

The self-made man, who left the city generations ago to set out west and make a new life for himself, honing his skills for survival while embarking on grand adventures. This self-made man was America and the beginning of the truest expression of freedom and the American dream to these men, something far in the past due to progressive reforms of the last century. Kimmel, however, pulls off the rose-colored glasses, which many Americans, not just these angry white men, have on, shedding some light on the situation of these idolized frontiersmen and their reasons for abandoning their lives in the North; namely an inability for these men to become successful in their towns and cities where they were from attempting to sacrifice all they had to be successful, simply because they had the open wilderness at their disposal.

Free-market capitalism, the epicenter of all of America’s growth, wealth, and industrial power, remained in the eyes of not only Angry White Men, but most Americans, as a piece of the American dream they could take part in, express their freedoms the true American way, and become successful. Once again, this staple promise of the American Dream was never really fulfilled for these men. Oblivious to the basics of labor exploitation, the mobility of labor, and the now new competition for positions in the labor market due to the influx of minorities and women introduced in the work force over the next few decades, promises of a life destined through their position as white American men, dwindled for many in front of their eyes.

“Grab ‘em by the pussy”     

Feminism, rather Women’s Liberation as a whole, has found many men in a similar state of panic with many of whom are in a defensive struggle to ‚get their balls back‘. Consistent complaints of ‚men unable to be men‘ resonate throughout Kimmel’s chapter focusing on such Men’s Rights groups, rather childishly due to women having more, although not equal, opportunities in the workforce. What Trump dismissed a few weeks prior to his election as simply ‚locker-room talk‘ is a private-sphere in which these men feel they can no longer express and represent themselves in traditionally male-dominated fields (the overall workspace). These men yearn for the good ol‘ days, when women held jobs in ‚women specific‘ fields and a nostalgia reminiscent of Mad Men tickles their fantasies of how great it must have been to be a man in the era of Fordism.

Antifeminists in the 1950s and 60s viewed feminism as a means of turning women into consumerist gold-diggers, ruing the docile nature of the pre-feminist woman. While America sees itself founded on consumerism, anti-feminists have continuously held the belief that this culture and behavior is inclined more to the male gender and the preservation of the patriarchy. Men Right’s Activists of today see these continuous pushes from women wishing to make themselves an equal part of a society notorious for denying them the right to be seen as equals as the federal government taking a political agenda that is a feminist ploy to rig the system against men and tilt it into the favor of women.

“I have a great relationship with the Blacks. I’ve always had a great relationship with the Blacks”

Race in the eyes of many of these Angry White Men is something Kimmel describes as a ‘Goldilocks’ affect: too hot, too cold, or just right. Western outlooks on race and the attributes men (and women) have displayed supposedly due to their race is a long, upsetting history which is unfortunately far from being a thing of the past. White Men have seen other races as either being far too hypo-masculine, Latinos or Asians, or hyper-masculine, particularly Black men, and are not fit for the world the white man resides in. While Kimmel does not address this issue the way famous sociologies like Frantz Fanon have marvelously done in the past, he uses these stereotypes as the mechanism which men have historically used to promote white-American values and have seemed to slip into an unconscious realm of thought potentially unknowingly racist in many cases.

Similarly to how MRA’s (Men’s Rights Activists) feel their right to the patriarchy is being threatened by a relatively recent addition into the traditionally white, male dominated workforce seeking equality, many working class white males, and those who give an outlet to this rage and in many cases paired with scientifically inaccurate ideas of race, feel they’re being forced out of the places predetermined to them by their status and skin color. Kimmel points continuously to recent American pop culture as a visualization of this attitude many white working class men, most recently, and possibly most accurately depicted in the Clint Eastwood film Grand Tornio.

“If you’re a conservative Republican, you’ve got to fight for your life. It’s really an amazing thing.

Obviously, as history has shown, this rage doesn’t remain bottled up and has developed itself into a massive, politically active network ready to mobilize and take their country back which they feel they have been robbed of. Conservatives cry of the unfair tilt ‘liberal media’ has in the United States (Lügenpresse!11!1!), yet tuning into talk radio will show a rather drastic bias towards far-right wing political leanings, oddly symbolic of a somewhat outdated means of broadcasting being used to broadcast and expand outdated ideas and sentiments. Rush Limbaugh, Michael Savage, Sean Hannity, Mark Levin, and many many more, create a seemingly never ending list of far-right pundits who broadcast coast to coast from morning into the wee hours of the night producing delusions of grandeur for these men to tap into and, in many cases, mobilize into a strong political community. Promoting seemingly obvious white nationalist sympathies, Kimmel notes how these mouthpieces for the Angry White Men provide many with the outlet they seek, with likeminded people, in order to fight whichever liberal agenda is attempting to emasculate them.

Overall, this inability, or rather unwillingness for these Angry White Men to see the roots of their, in many ways, legitimate qualms with a society they feel ignored in, is a product of neo-liberalism. Kimmel suggests throughout the book that these men are trying and wanting to be heard, and in a society where they feel attacked for being white, something previously unheard of to these men in the United States, they find themselves in a regression of thought with millions of others who share their resentment.   Simply put, white, working class men, are legitimately hurting, rather than teaming up with other exploited and truly oppressed peoples in this modern world, they’re turning inwards, becoming angry and, unfortunately, getting their way as of Wednesday morning’s election results. These Angry White Men, as the struggling backbone of an American society existing only in the theater of the mind, helped propel Donald J. Trump to the highest office in the United States of America.


Nick BabakitisNicholas Babakitis is currently studying North American Studies at the Freie Universität Berlin with a special focus in Politics and Economics. He is originally from Phoenix, Arizona and has his BA in History and Political Science from Arizona State University. When he isn’t preoccupied with his studies, he enjoys playing guitar, eating pizza, and secretly playing with Legos when no one is looking.

„In Trumpland“

Für eine Umstimmung der Trump-Wähler hat der Film von Michael Moore nicht gereicht. Doch gibt er uns einen Eindruck davon, was uns im Trumpland erwartet?


Auf Kuschelkurs mit Hillary begibt sich Michael Moore in „Trumpland“, einem Film, der potentielle Trump-Wähler überzeugen sollte, doch noch für Clinton zu stimmen. Was den Titel betrifft, scheint Moore eine Vision gehabt zu haben, die über Nacht nun leider Realität geworden ist: Wir befinden uns in Trumpland. Die USA haben sich eine Trump-Regierung an den Hals gewünscht – ähnlich stimmten in einer „Zeit“- Umfrage nur Frankreich und Russland, wobei ersteres mehr verblüfft.

Aber was steckt hinter dem filmischen Trumpland von Michael Moore und wird es den hochgeschraubten Erwartungen gerecht? Vermag es auch nur einen Trump-Wähler umzustimmen? Offensichtlich nicht.

Das Filmerlebnis im Babylon startet mit einer Orgel-Einlage, die positiv stimmt und an unbeschwerte Zeiten in nostalgisch möblierten Etablissements erinnert. Dann tritt ein Mann vor das Publikum und preist seine „Berlin for Bernie“-Kampagne an, die mittlerweile auf einen anderen Namen hört, nämlich „progressive democrats abroad“. T-Shirts mit Bernie-Aufdruck können erworben werden und alle applaudieren für den Mann, der die kostenlose Vorführung von „Trumpland“ möglich machte. Endlich startet der Film. Die One-Man-Show, die in einem Theater stattfindet, beginnt mit einer Reihe von Clichés über Republikaner und Demokraten. Während erstere als besonders organisiert, zielstrebig und aufgeräumt gelten, scheinen letztere unentschieden und grüblerisch. Auf die ersten vagen Lacher folgt tosendes Gelächter, als Moore die Räumlichkeiten des Theaters einweiht: Links oben wurde ein Séparée für alle Mexikaner und mexikanisch aussehenden Menschen eingerichtet, die dort sitzend darauf warten können, wie im Laufe des Theaterstücks langsam eine Mauer aus Pappe um sie herum gebaut wird. Auf der anderen Seite wurden alle Muslims und muslimisch Aussehenden separiert, über deren Köpfe eine Drohne fliegt – all das zur Beruhigung der anwesenden Republikaner oder wenn man ehrlich ist, zur Belustigung der überwiegend demokratisch orientierten Theatergäste.

„Don’t get gay married if you don’t like“

Moore steigt ein und legt die Karten auf den Tisch: Er selbst hätte für Sanders gestimmt, er sei kein Hillary-Fan, und so fällt es ihm zunächst gar nicht leicht, drei positive Dinge über die Frau zu sagen. Damit ist man dann auch an dem zentralen Thema des Abends angelangt: dem Frau-Sein.

Im Folgenden wird man Zeuge wie Moore versucht die anwesenden Republikaner weiter einzubeziehen, so erteilt er hilfreiche Lektionen über Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe: „Don’t get gay married if you don’t like, and don’t get an abortion if you don’t want one“. Über die Generation der Millenials ist Moore sichtlich begeistert und befreit sie von der Verantwortung für die Schandtaten seiner eigenen Generation. Doch im besonderen Fokus steht das Frau-Sein. Frauen könnten jetzt auch Single sein, bräuchten Männer nicht mehr, wären noch nie Amok gelaufen und hätten auch die Atombombe nicht erfunden. Wäre also eine Welt die bessere, die von einer Frau regiert würde? Es scheint so. Gut, dass Hillary sich anbietet, die Welt scheint gerettet, denn sie ist bekanntlich eine Frau. Auch wenn die Überredungsversuche Moores eher emotionaler als argumentativer Art sind, lernen wir die Person Hillary Clinton von einer neuen Seite kennen: als verletzliches Lamm, dem in der Vergangenheit oft Unrecht getan wurde und doch so willensstarke Persönlichkeit, die ihre politischen Ziele klar verfolgt. Welche das sind, bleibt größtenteils außen vor. Trump-Wählern mit Rationalität beizukommen wird gar nicht erst versucht.

Das Gesundheitssystem oder die Frage – was ist Terror?

Eine Ausnahme stellt der interessante Schwenk zum Thema Gesundheitssystem dar, wobei auch hier die Emotionalität im Vordergrund steht – es wird daran erinnert wie viele, nämlich 1 Mio., Amerikaner innerhalb von 20 Jahren ihr Leben verloren haben, ganz einfach weil sie nicht versichert waren und sich den Arztbesuch oder teure Medikamente und OPs nicht leisten konnten. „Was ist Terror?“, fragt Moore im Anschluss einmalig provokativ und erhält Standing Ovations, als er daran erinnert, dass fast jeder jemanden kennt, den er an das Gesundheitssystem Amerikas verloren hat. Bemerkenswert ist wirklich, dass Clinton, angespornt, das Gesundheitssystem zu verbessern, einst nach Estland reiste, um herauszufinden, woran es liegt, dass dort so viel weniger Frauen bei Geburten sterben – weltweit hat Estland die niedrigste Quote. Wir sehen also eine junge Clinton, die ambitioniert in die Welt hinausgeht, um etwas zu ändern. Leider bleibt es bei diesem kurzen Intermezzo, dann geht es wieder um ihre Rolle als Frau, in der sie es so viel schwerer hat als ihre männlichen Kollegen. Interessante Anekdoten über die Begegnungen Moores und Clintons können leider auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Film es wohl kaum vermochte, einen waschechten Trump-Wähler umzustimmen.

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Bildquelle: trumplandmovie.com

Clinton als politischer Papst Franziskus?

Politisch wird es erst dann als Moore das Publikum fragt, was es an Hillary auszusetzen gibt und jenes antwortet „she’s too cosy with Wall Street/Bengasi/Iraq War“ usw. Doch auch hier geht Moore nur auf den Vorwurf ein, sie sei nicht vertrauenswürdig, wobei er bemerkt, dass dieser Vorwurf fehl am Platz ist, insofern nicht die Wahl zur neuen besten Freundin, sondern die Präsidentschaft auf dem Spiel stünde. Moores anfänglich noch zaghaftes Gesäusel über Clinton mündet in einem Lobgesang zu ihrer Person, in dem er sogar von Liebe spricht. Den Bemühungen zum Trotz, uns alle einzulullen, horchen wir noch einmal auf als sie plötzlich als politische Version von Papst Franziskus angepriesen wird, der als Vertreter moderner Werte schlechthin vorgestellt wird. Die Wahlkampfmaschine Moore fordert eine Revolution, die Hillary den Rücken stärkt, damit diese in Beyoncés Boots den USA den Weg aus dem Schlamassel weist. Eigentlich ein schöner Gedanke. Schade nur, dass Clintons Frau-Sein allein nur wenig mit ihrer (außen-)politischen Agenda zu tun hat. Moores Pathos verhallt und sein Fazit lautet: Wähl‘ Clinton, auch wenn du sie hasst – hass‘ sie ruhig weiter, aber wähl sie trotzdem! Ein ehrlicher Moment, ein Moment, mit dem sich auch viele Deutschen identifizieren können, die eigentlich Sanders wollten, im Rennen um den Sieg nun aber das kleinere Übel auswählten.

Was bleibt, ist der Witz, mit dem Trump begegnet wird. Und so sehr man geneigt ist, in das Gelächter einzustimmen, so sehr muss man sich im Nachgang der Wahl fragen, ob es nicht gerade dieser Umgang mit einer Person wie Trump ist, der ihm letztlich zum Sieg verholfen hat. Fest steht, dass wir in nächster Zeit wohl eher weniger zu lachen haben.

 

Bildquelle Titelbild: trumplandmovie.com