Schlagwort: Trash

FRAKTUS – Das Newcomer-Comeback des Jahrzehnts

Nach vier Jahren sind sie zurück, aber eigentlich auch nach über zwanzig Jahren. Spielt aber nicht so die Rolle, denn FRAKTUS haben weitaus mehr zu bieten als nur sieben Buchstaben.


Dienstag, der 19.01.2016, 20:17 – Die Kesselhalle des Bremer Kulturzentrums Schlachthof ist brechend voll. Schnell ist man Teil eines alternativen Mittdreißiger-Kulturabends geworden – was auch für Mittzwanziger wie mich gilt. Jeder, der hier ist, weiß um den historischen Moment und brodelt voll introvertierter Vorfreude. Doch langsam werden einige Stimmen laut (Dickie Starshine aka Dickie Schubert aka Rocko Schamoni wird sie später als angebliche Hannoveraner enttarnen, die sich unter das moderat feiernde Bremer Publikum gemischt haben). Wo bleiben die Herren der Schöpfung FRAKTUS, die hier und heute Abend ihren großen Tourauftakt geben werden?

Allzu lange Zeit haben sie sich dann doch nicht gelassen. Torsten Bage aka Heinz Strunk, Dickie Schubert und Bernd Wand aka Jacques Palminger betreten in roten Overalls und mit grün leuchtenden Helmen die Bühne und ernten ein großes, erwartungsvolles Hallo. Seit ihrem Film FRAKTUS – das letzte Kapitel der Musikgeschichte (2012) hat sich das in die Jahre gekommene Hamburger bzw. Brunsbütteler Trio in zehntausende anfällige Herzen eingraviert. Hartnäckige Ruhmsucht und unerschütterliche Bodenständigkeit geben sich die Hand; ganz getreu der Mottos „Erfolg ist out“ und „Fraktus sind nicht nur nett, sondern Internet!“ (D. Schubert). Der Opener ist der gleichnamige Song des frisch gebackenen Albums Welcome to the Internet und die verzerrte, dröhnende Stimme Dickie Starshines verkündet verheißungsvoll und nostalgisch zugleich das (leicht modifizierte) Alte Testament der Digital Natives. Wer hat das Internet erfunden? Richtig. Dickie Starshine. Wir ahnten es schon immer.

Quelle: YouTube

Das Eis bricht gleich zu Anfang, als der König des Kabelmodems seinen Text kolossal durcheinanderbringt und das Bremer Publikum damit aus der fast ehrfürchtigen Schockstarre reißt. Das döspaddelige Dreiergespann mit Wumms unterm zukunftsweisenden Fahrradhelm hat seine Hupfdohlen zu Hause gelassen und fährt dafür mit einer multimedialen Show auf, die überschaubar aber wirksam ist. In „Saugetücher“ glänzt Bage durch eine Querflöteneinlage à la Jethro Tull auf Acid, der brachial pulsierende Song „Maler und Lackierer“ ist ton-, licht- und videotechnisch in eine Chucky die Mörderpuppe-Ästhetik getaucht. Und die Jungs von FRAKTUS wären einfach nicht sie selbst, würden sie sich nicht zur Belustigung aller anfangen zu kabbeln. Gründe? Finden sie schon. Dass sie auf sympathische Art und Weise kindisch sind, schützt nicht vor Zweifeln an der Jugendfreigabe. Dickie raucht fast Kette und prostet dem Publikum zu, aus dem stellenweise ein vertrauter harziger Geruch strömt: „Is‘ dir der Saft ausgegangen, muss man Saft nachkippen!“

Ein paar Hits später ist es Zeit für Werbung und die eingefleischten Fans wissen sofort Bescheid. Bernd Wand preist die Bananensäge® jetzt auch als Schlüsselanhänger an, Mr Starshine präsentiert seinen für Raucher ausgebauten Flötel® und überraschenderweise kehrt Torsten Bage die pädagogisch wertvolle Seite der Band hervor: Das smartphonetaugliche Game Smirkey’s Dope House soll Jugendlichen in vier Leveln einen kontrollierten Umgang mit Drogen näherbringen. Die musikalischen Filmstars beweisen nicht nur sicheren Umgang mit interaktiven, digitalen Medien, sondern auch einen einfühlsamen Umgang mit ihrem Publikum. „Nicht erschrecken!“, raunt Bernd „Optiker for life“ Wand schließlich naiv-verschwörerisch ins Mikrofon, „Ich habe eine Bombe mitgebracht.“ Besagte Bombe explodiert untermalt mit „geheimnisvoller Zauberwaldmusik“ tatsächlich – es ist eine Handvoll goldener Lametta, die das Lied „Mary Poppins“ einleitet, welches ohne dieses Intro wahrscheinlich vollkommen untergangen wäre. Dahingegen ließ das stampfende, stark an Kraftwerk erinnernde „Musik aus Strom“ sofort den Schlachthof erbeben. Das an frühe EBM angelehnte, angeblich indizierte Stück „Die Toten schauen dir beim Wichsen zu“ hinterfragt subtil die Privatsphäre beim Eigenliebemachen. Die technoiden Drei geizen letztlich nicht mit Zugaben, die den Abend wohlgeformt abrunden: Der alte, neue Klassiker „Affe sucht Liebe“ lässt die Kesselhalle nochmal schön aufkochen, bevor das versöhnliche, rührende „Freunde sind Friends“ ein elektrisch knisterndes, warmes Gefühl in der Brust eines jeden Konzertbesuchers entfacht. Eine Hommage an FRAKTUS selbst, aber auch an die Freundschaft allgemein. Gut zu wissen, dass Dickie, Bernd und Torsten trotz aller Ungleichheiten und Uneinigkeiten ein stets unzertrennliches Trio sind. Quasi die Drei Amigos der deutschen Elektropop-Szene.

Die Experimentierfreude von FRAKTUS ist nach wie vor grenzenlos und doch bewegt sie sich irgendwie im Rahmen. Die elektronische Sterilität des Albums ist glücklicherweise in analoger Form, also live, nicht zu spüren. Es lohnt sich, die drei „Originals“ im Schweiße ihres professionellen Angesichts zu erleben – das haltlose Rumblödeln am Stimmverzerrer z.B. hat gut und gerne einige Minuten in Anspruch genommen. Die Mitglieder von FRAKTUS sind in erster Linie Unterhalter mit dem Prädikat ‚hervorragend bräsig und besonders gut‘. Auch ohne den Film hätte die Band einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichen können, doch letzten Endes scheint der cineastische Kickstart Voraussetzung für den erreichten Kultstatus gewesen zu sein. Damit wäre FRAKTUS meines Wissens die erste Kombo, die den (verpönten) Musikerfolg über das visuelle Vergnügen erlangt hat. Zu guter Letzt möchte ich mich einfach für das North German Fun Elelctro Event bedanken. Thank you, Fraktus. Ich hoffe, ihr bleibt den freien Kulturgängern und Freunden des gepflegten Trashs noch ein Weilchen erhalten. Und ich erahne bereits die Antwort – sie öffnet als Hologramm Dickie Starshines in epischer Slowmotion die Augen: „Not for that!“

Level: next shit

Gibt es die Musik von morgen? Meine zeitreisenden Gedanken versuchen Antworten zu finden, die sowieso noch keiner kennen kann.


Als neulich in der Tagesschau ein Bericht zu den MTV Video Music Awards kam, habe ich mich leicht erschrocken. Music Television – die Marke schwebt als mediales Kulturfossil lebendig vor derer Augen, die es noch miterlebt haben, stand es doch im Ursprung für das bahnbrechende Musikvideo, für das kollektive Erleben und Teilhaben an Popkultur… Und heute? Mir wurde plötzlich bewusst, dass sich nicht nur die Landschaft um die Charts in den letzten zehn Jahren merklich gewandelt hat, sondern überhaupt das Erleben und Konsumieren von Musik. Zufällig stolperte ich zur selben Zeit über einen Spex Artikel von Remo Bitzi aus dem Jahr 2013, in dem er über die Fusion von scheinbar nicht zusammenpassenden Musikstilen schrieb:

„Mit dem Eintreten des digitalen Zeitalters sind die Grenzen zwischen einzelnen Jugend- und Subkulturen zunehmend verschwommen. Musik allein dient weniger der Identifikation, sondern wird als weiterer Konsumgegenstand wahrgenommen.“

Musik als ein bloßes Konsumgut von vielen? Da bleibt nur zu hoffen, dass es weiterhin ein paar leidenschaftliche Hörer geben wird, die die kreative Arbeit von Musikern zu schätzen wissen. Mir kommen da so altbackene Begriffe wie „Avantgarde“ und „Nostalgie“ in den Sinn, die mehr oder weniger einen gewissen Anspruch an die Musik erheben. Sind sie eigentlich noch zeitgemäß? Kann man das Credo des Fortschritts überhaupt auf die Musik übertragen? Wozu und wohin avanciert Musik? Schließen sich Avantgarde und Nostalgie in der Musik eigentlich aus? Ich kann mir kaum vorstellen, dass eine Begrifflichkeit, ein Anspruch einfach so verschwindet, auch wenn sich das Verständnis von und unser Verhältnis zur Musik im letzten Jahrhundert ziemlich gewandelt hat. Wo ist also diese Avantgarde – kann es sein, dass ihre ehemalige Heimat Klassische Musik nun ihr endgültiges Exil geworden ist? Weil ich das irgendwie nicht glaube, habe ich ein wenig in meinem Musikfundus gewühlt und nach möglichen Anhaltspunkten gesucht…

Über Brücken und aus Ruinen

Vor acht Jahren feierte das Duo Deine Lakaien auf der Bühne zusammen mit der Neuen Philharmonie Frankfurt „20 years of Electronic Avantgarde“. Vor allem in der sogenannten Schwarzen Szene populär, bildeten Deine Lakaien jedoch schon immer eine kleine Ausnahme: bestehend aus Ernst Horn, der als Dirigent und Pianist aus der (klassischen) Neuen Musik stammt, und Alexander Veljanov, der seinerzeit in der entstehenden Gothic-Subkultur unterwegs war. Der furchtlose Brückenbau zwischen Klassik und Elektronik wirkt weniger wie eine Kombination als wie ein eigenständiges Konzept. Die Diskographie ist von elektronischen Sounds geprägt, die der Dark Wave entlehnt sind. Auf Konsole eher die Ausnahme, auf der Bühne inzwischen öfter praktiziert, ist die rein akustische Interpretation ausgewählter Lieder. Nur Gesang und ein zum Teil präpariertes Klavier (John Cage lässt grüßen!). Hört man sich ein bisschen in diese „Acoustic“-Eskapaden hinein, erkennt man, dass in „20 years of Electronic Avantgarde“ ein wenig mehr stecken muss als ein Orchester, das als hübsche Garnierung zum Jubiläum fungiert. Es war in dieser Live-Konstellation ein fester Bestandteil und kein „drübergegossener Klassiksirup à la Rock meets Classic“, wie Veljanov im Interview mit Whiskey Soda klarstellte. Wer sich ein eigenes Bild von einer Studioversion und seiner orchestralen Umsetzung machen möchte, kann das tun. Ich habe mal als Beispiel einen Lakaien-Klassiker herausgepickt:

(Quelle: Youtube)

Mit „20 years of Electronic Avantgarde“ haben sich Deine Lakaien wieder auf ihren Ursprung besinnt und elektronisch komponierte Sounds klassisch umgesetzt. Ein höchstinteressantes Verhältnis zwischen Avantgarde und Nostalgie… Der Bandname bezieht sich übrigens auf die Gruppe Einstürzende Neubauten, die ihrer Zeit nicht viel von Harmonien hielten – eher im Gegenteil.

Was steckt dahinter?

„And then I (…) started the cult experimental anarchy sort of terrorist Einsturzende Neubauten kinda band. (…) That’s the most important band I was in, still for me, some of the most important music I’ve done”, sagt Björk in einem Interview mit Evelyn McDonnell in Björk (orange press, 2002, S.86/88). Sie spricht hier von der isländischen Band K.U.K.L., die weniger populär war als The Sugarcubes, durch die Björk erst international bekannt wurde. Mittlerweile ist die Frau eine feste Größe in der Popwelt, die mit Künstlern diverser Disziplinen kooperiert. Das MoMA versuchte in diesem Jahr ihr bisheriges Werk in einer Retrospektive zusammenzufassen. Bis ins MoMA hat Madonna es nicht geschafft, wobei sie ihrer Zeit keine geringere Rolle gespielt hat. Als erste eigenständige weibliche Pop-Ikone behauptete sie sich in der männlich dominierten Unterhaltungsindustrie. Madonnas Erfolgsrezept des ständigen Imagewechsels hat bis heute Bestand – siehe Lady Gaga, Nicki Minaj, Miley Cyrus, etc. Die Maskerade macht auch einen wesentlichen Teil von Björks Arbeit aus, wobei sie bei weitem nicht die primäre mediale Aufmerksamkeit anstrebt wie es ihre eben genannten Kolleginnen tun. Ist das nicht die Avantgarde, die da verräterisch aus der Maskeraden-Parade blitzt? Ein Spiegel unserer Zeit? Oder ist es doch nur ein uraltes Bedürfnis nach gesehen werden und verstecken spielen? Klaus Biesenbach, der Björks Retrospektive im MoMA organisiert hat, schreibt folgendes:

„The symbol of the mask has been thematized throughout the ages. In the plays of antiquity, actors went on stage with a mask, thus simultaneously embodying a person and a persona, a living and a dead body. (…) As an artist, Björk has adopted many visually compelling personas. (…) But the mask is only one palpable, tangible embodiment of the idea of a character. Björk also created distinct, semi-fictitious characters to evoke and perform the author/actor/singer/protagonist/heroine/role of each album, channeling the creative energies of a musical period and galvanizing a mask to reflect the art and artist simultaneously.”

(Björk: Archives, 2015; Klaus Biesenbach’s introduction, S. 4)

Aus alt mach anders

Ich vermute ja, dass avantgardistische Musik heute nicht mehr denselben absolut bahnbrechenden Charakter haben kann wie es sich Kunst-Pioniere vor etwa sechzig Jahren ausgemalt haben. Zwölftonmusik. Anklagende und brutale Disharmonien. Neue Klänge und Beats. Das Aufbrechen der Grenze zwischen Hoch- und Popkultur – all das ist schon längst passiert. Das Vorkämpfertum musikalischer Innovationen ist genauso diffus geworden wie die Popkultur selbst (Kunst und Pop, wo ist der Wertunterschied?). Avantgarde findet ständig überall statt, wo doch das Crossover von Stilen und das Sampeln inzwischen an der Tagesordnung sind. Hat sie sich dadurch aber nicht selbst abgeschafft? Die Avantgarde schaut über Grenzen, während die Nostalgie anscheinend genau das Gegenteil tut. Heute würde eine Psychedelic Rock-Band zum Beispiel, die ihrem Genre strikt treu bleibt, nichts tun, außer ihr Genre zu reproduzieren – ein quasi in sich geschlossenes Soundsystem. Es geht nicht um das Experimentieren und was daraus entstehen kann, sondern um die Bewahrung eines Ideals. Auf der anderen Seite besitzt Nachahmung das Potenzial, Veränderungen hervorzubringen. Demzufolge könnten Nostalgie und Avantgarde sich doch auch wechselseitig beeinflussen! Ein potentialträchtiges Genre – wenn man es denn so nennen kann – mache ich in einer schummrigen, zwielichtigen Ecke aus, wo der Begriff der Avantgarde eigentlich gar nicht hinpasst: im Trash.

(Quelle: Youtube)

Natürlich ist Alexander Marcus eine Nummer für sich, weshalb er stark polarisiert. Das Unerträgliche sehen viele in der Künstlichkeit dieser Figur, aber ich finde gerade diesen Aspekt spannend. Er parodiert kein spezielles Genre oder eine spezielle Person und gibt damit niemanden außer sich selbst der Lächerlichkeit preis. Er greift lediglich Schlager-Klischees auf und treibt sie schamlos auf die Spitze. Alexander Marcus spielt nicht unbedingt vor 60.000 Menschen auf einmal, spricht dafür aber ein ziemlich breites Publikum an. Sinnfreie Lyrics kombiniert er mit Beats, die weniger an den billigen, unbeholfenen Schlagersound erinnern (den man in diesem Kontext eigentlich erwarten würde), sondern viel eher an Clubmusik der 80er und 90er. Alexander Marcus hat mit der Schöpfung des Genres „Electrolore“ schon einen kleinen avantgardistischen Beitrag geleistet, auch wenn die einzige Message Unterhaltung lautet. Was ja eigentlich total unavantgardistisch ist… Oder?

Helene Fischer spielt Konzerte vor 60.000 Menschen. Warum?

Helene Fischer

Ein Versuch über den deutschen Schlager


Der deutsche Schlager gehörte über viele Jahre zu den Musikrichtungen, die man, wenn man ernsthafte Kritiken verfassen möchte, einfach ignorieren sollte. Diese vielen schmunzelnden Gesichter hinter den Playbackmikrofonen wollen doch gar nicht ernstgenommen werden. Die schunkelnden Seniorinnen und Senioren nur ihren Frieden. Und so ergab sich über lange Zeit eine funktionsfähige Übereinkunft der Trennung der Welten. Aber in letzter Zeit ist zu viel passiert, um ihn weiterhin ignorieren zu können. Lange führte er ein profilloses Nischendasein, weshalb seine Rückkehr zu altem Glanz undenkbar schien. Nun ist er in ungekannter Größe zurück, füllt Stadien und Prime-Time-Sendungen, zieht wieder junge Menschen an (und nicht nur alte aus). Sein Konsum wird nicht mehr tabuisiert und der Schlager ist wieder salonfähig. Diesem Phänomen und der Bedeutung von Schlager soll hier auf den Grund gegangen werden. Zunächst ein paar Impulse zu diesem Versuch, beginnend mit einem Fallbeispiel.

Großer Bruder, du bist immer da

Ironischerweise ist der Trash-Hit Großer Bruder von Zlatko und Jürgen eine der tiefgründigsten Erscheinungen des deutschen Schlagers, da er Einblick in die gesellschaftliche Bedeutung seines Genres gibt. Denn auch wenn er, wenn man ihn sich so anhört, nicht viel herzugeben scheint, weist Großer Bruder zumindest intertextuell eine überaus starke Vielseitigkeit auf, denn der Song, der eine Begleiterscheinung der Fernsehsendung Big Brother war, basiert, wie die Sendung, auf der Gesellschaftsdystopie 1984, dem Buch George Orwells. Besungen wird also auf abstrakter Ebene niemand Geringeres als das Staatsoberhaupt des vollkommenen Überwachungsstaats. Doch gerade nun im Buch 1984 findet sich eine der stärksten Polemiken gegen den Schlager im Allgemeinen, jedoch auch sehr konkret gegen sein Publikum. Orwell schreibt:

„Draußen vor dem Fenster sang jemand. Winston lugte unter dem Schutz des Musselinvorhangs hervor. […] Das Lied wurde während der letzten Wochen in ganz London geträllert. Es war einer von zahlreichen ähnlichen Schlagern, die für die Proles von einer Unterabteilung der Fachgruppe Musik herausgegeben wurden. Der Wortlaut dieser Lieder wurde ohne jedes menschliche Zutun von einem sogenannten ‚Versificator‘ zusammengestellt. Aber die Frau sang so melodiös, daß aus diesem fürchterlichen Blödsinn beinahe ein hübsches Liedchen wurde.“

Der Schlager selbst wird in dem fiktiven Überwachungsstaat des Buchs als politisches Instrument eingesetzt, das die beschriebenen „Proles“ vom Denken abhalten soll, damit sie sich ihrer physischen Macht gegen die Regierung nicht bewusst werden. Sie werden wie folgt beschrieben:

„Sie wurden geboren, wuchsen in der Gosse auf, gingen mit zwölf Jahren an die Arbeit, durchlebten eine kurze Blütezeit körperlicher Schönheit und sinnlicher Begierde, heirateten mit zwanzig, alterten mit dreißig und starben zum größten Teil mit sechzig Jahren. Schwere körperliche Arbeit, die Sorge um Heim und Kinder, kleinliche Streitigkeiten mit Nachbarn, Kino, Fußball, Bier und vor allem Glücksspiele füllten den Rahmen ihres Denkens aus. Es war nicht schwer, sie unter Kontrolle zu haben.“

George Orwell – 1984 (Übersetzung: Kurt Wagenseil)

Aber das ist nur Literatur. Und Provokation. In Deutschland wird Musik ja marktwirtschaftlich produziert. Und überhaupt. Eine Klassengesellschaft gibt es doch gar nicht.

Der Schlager im Hier und Jetzt

Dennoch erinnern in Berlin angestellte Beobachtungen seit dem Sommer 2014 stark an die Begegnung zwischen Winston und der singenden Frau. Beispiel: Herbst 2014, eine Bäckerei in Berlin Wilmersdorf. Eine junge, türkischstämmige Mitarbeiterin unterbricht ihre Arbeit, um auf ihrem Handylautsprecher in voller Lautstärke und auf Repeat Atemlos durch die Nacht von Helene Fischer anzustellen. Sie sagt ihren Kolleginnen, sie möchte es bis zu ihrem Feierabend um 14 Uhr durchhören, und dass sie niemand davon abhalten kann. Eine ältere Kollegin sagt, sie unterstützt sie da voll und ganz. Beide beginnen zu singen. Es ist acht Uhr morgens.

Anderes Beispiel: Ein paar Monate zuvor. Die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren hatte die Fußballweltmeisterschaft gewonnen. Dann waren alle in ein Flugzeug gestiegen und nach Berlin geflogen, wo ihr Sieg an einem Sommermorgen die Straßen vor dem Brandenburger Tor füllte. Alle jubelten, die Stimmung war trotz ein paar dramaturgischer Längen ausgelassen. Dann fingen alle an zu singen. Der Höhepunkt der Show. Auftritt Helene Fischer. Atemlos durch die Nacht. Mannschaft und Trainer bilden einen Kreis und Chor um sie herum, klatschen und hüpfen vergnügt mit. Dieselben Menschen, die eine Woche früher die brasilianische Nationalmannschaft mit 7:1 aus dem Turnier geworfen hatten.

Für Beispiel 2 gibt es Beweise:

Quelle: Youtube

Kritische Gedanken

Das Besondere: Die Rückkehr des Schlagers ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Das Merkwürdige: All das scheint niemanden zu stören. Vielleicht liegt es am Beobachter, der zu viel Adorno gelesen und Björk gehört hat. Aber das Gefühl, die Welt um sich herum nicht mehr zu erkennen, ist bedrückend. Es wäre ein besseres Gefühl, sie zu verstehen. Aber immerhin gibt es immer Menschen, die noch mehr Unverständnis zeigen. Ein populärer Vertreter unter diesen ist Noel Gallagher, der sich mit folgender Stellungnahme zu Atemlos durch die Nacht zitieren lässt:

Das ist furchtbar! Gott, können wir das bitte ausmachen? Das ist genau die Popmusik, von der ich spreche. Sie bedroht heute die ganze Welt. Das ist Musik, die absolut nichts mehr bedeutet. Oder noch schlimmer: Das hier ist nicht mal Musik. Das soll in Deutschland das große Ding sein? Unfassbar! Aber man muss auch immer genau nachschauen, wer solche Songs schreibt. Das war garantiert nicht diese Helene Fischer. Das waren ein paar Typen in meinem Alter, die zu fett sind, um Rockstars zu sein, eine Glatze haben und Scheißsongs schreiben. Dieses Lied bringt irgendjemandem viel Geld. Mich macht es sehr, sehr traurig.“

Quelle: Die Welt

Sein Unwille, Verständnis zu zeigen, macht ihn vielen Menschen sympathisch. Seine Kritik erfasst jedoch nicht das Problem. Denn Helene Fischer macht keinen Pop, sondern Schlager. Und Schlager wird von Menschen konsumiert, die die Songs Gallaghers, mit Ausnahme von Wonderwall, selbst für vollkommen bedeutungslos halten, weil ihnen die Kultur unzugänglich ist, in der diese entstanden sind. Was Gallagher übersieht: Schlager ist dazu gemacht geworden, die zeithistorische Bedeutung aus bestimmten Musikrichtungen herauszunehmen und sie in triviale Kontexte zu stellen. Im Falle von Atemlos durch die Nacht ist das ein Elektropopsound. Dennoch ist es kein Elektropop und hat mit Bands wie CHVRCHES absolut nichts zu tun. Dies wird vor dem Hintergrund der Geschichte des deutschen Schlagers deutlicher, die im Folgenden betrachtet werden soll.

A brief history of schlager

Seinen Ursprung findet der Schlager in den leichten Gassenhauern deutschsprachiger Operetten zum Ende des 19. Jahrhunderts. Doch erst die Massenmedien des frühen 20. Jahrhunderts machten ihn zu einer eigenständigen Kunstform und zu einem Geschäft, das zwar immer wieder für Propagandazwecke missbraucht wurde, aber dennoch problemlos zwei Weltkriege überstand. Auch zu Zeiten des Wirtschaftswunders blühte der große deutsche Schlager noch einmal richtig auf und hatte mit Hildegard Knef, Peter Alexander oder Freddy Quinn seine Momente. Zur Beleuchtung der Frage, welche Bedeutung er einst für die deutsche Kultur hatte, könnte eine Anekdote aus dem Jahr 1970 hilfreich sein.

Die alte Bedeutung des Schlagers. Die Geschichte von Black Sabbath und Cindy und Bert

In jenem Jahr hatten Black Sabbath die Single Paranoid, ihren bis heute erfolgreichsten Song veröffentlicht. Die Zeit war reif für unangepasste, unbequeme, politische Musik, für Heavy Metal. Mit der aufblühenden, vor allem englischsprachigen Rocklandschaft ab den 1960er Jahren entstand eine Jugendkultur, die die Welt nachhaltig verändern sollte. Doch es waren nicht alle bereit. Deutschland stand noch woanders, West wie Ost. Ganz woanders.

Quelle: Youtube

Eine deutsche Popkultur war auf dem Vormarsch, lag aber noch in Windeln. Udo Lindenberg machte noch Jazz und der Schlager war groß. Unfassbar groß. Zwar hörten auch damals schon in Deutschland viele Menschen internationale Bands, aber das war Underground, die großen deutschen Radios hingen allesamt weit hinterher. Um internationale Künstler für das Hauptpublikum salonfähig zu machen, mussten erst einmal eigene Versionen für den deutschen Markt her. Bands wie The Beatles hatten bereits zuvor deutschsprachige Varianten ihrer Songs aufnehmen müssen, um in Deutschland gespielt zu werden. Bei Black Sabbath reichte das nicht. Ihr einzigartiger Sound war nicht mehr aus der Welt zu bekommen, doch die viele negative Energie schien deutsche Sendeanstalten zu überfordern und ihnen ihr Publikum zu entfernen. Ein sicherer Tod für die deutsche Schlagerkultur. Könnte man denken. Doch es gab einen Ausweg: Cindy und Bert.

Ihr Song Der Hund von Baskerville ist musikalisch ein tadellos produziertes Cover von Paranoid, das seinem Original in nichts nachsteht. Aber textlich machen Cindy und Bert daraus ein Genre-Stück, in dem die als unheimlich wahrgenommene und damals sehr bekannte Geschichte des gleichnamigen SherlockHolmes-Falls erzählt wird. Aus dem glaubhaft von Ozzy Osborne inszenierten verzweifelten Ich-Erzähler des Originals wird die angeregte Geschichtenerzählerin Cindy.

Quelle: Youtube

Es gelingt, die Konnotation des Songs vollkommen zu verkehren: Der lebensverneinende Protestsong wird zum familienfreundlichen Stück deutscher Hochkultur, in dem „die gute alte Schauergeschichte“, für die man auch schon mal britische Autoren las, ihr neues Gewand fand. Cindy und Bert haben dem deutschsprachigen Musikmarkt diese neuartige Musik erklärt und eine Versöhnung mit dem unheimlichen Sound erzeugt. Und das war bereits ein Nachklang der Hochphase des Schlagers, dessen frühere Macht sich nur erahnen lässt. Auf kurze Sicht haben von dem Cover alle Beteiligten, auch Black Sabbath, profitiert. Doch dem großen deutschen Schlager stand mit der Globalisierung der Popmusik ein unaufhaltsamer Leidensweg bevor.

Der qualvolle Selbstverlust

Man hätte für ihn Ende der 1960er-Jahre den schnellen Tod wählen können, aber es kam immer wieder etwas dazwischen. In der BRD residierende Großveranstaltungen wie die Olympischen Spiele 1972 oder die Endrunde der Fußball-WM 1974 erforderten ihre Hymnen, die wie Defibrillatoren auf die im Sterben begriffene Schlagerhochkultur einwirkten. Auch durch die rezessive Kulturpolitik in der DDR wurde sie, zumindest medial, noch lange aufrechterhalten, bevor sie in den 1980er-Jahren dann vollends ins Wachkoma fiel. Das deutsche Schlagerpublikum war selbst zur Subkultur und, zumindest von außen betrachtet, zu einer überholten Erscheinung geworden. Musikalisch rettete man sich, als die großen Hits ausblieben und die wichtigen Sendetermine an Popsendungen fielen, eben in den Trash. Die Not wurde zur Tugend.

Schlagersongs wurden mit immer geringerem Aufwand produziert, und in den Gesang schlich sich, um eine jugendliche, popkulturell geprägte Perspektive einzunehmen, immer häufiger Ironie. Und langsam aber sicher verlor der Schlager den Zugang zu sich selbst und damit seine Bedeutung. Er lief zwar noch ab und zu im Fernsehen, aber die Sendungen wurden von jüngeren Konsumentinnen und Konsumenten wie ein Relikt aus einer der vielen völlig unbegreiflichen Phasen deutscher Geschichte wahrgenommen. Nur Schlagerpartys wurden bei ihnen ungebrochen als unersetzliche Möglichkeit gesehen, den Kopf auszuschalten. Trash eben. So entstanden Erscheinungen wie Ballermann- oder Aprés-Ski-Hits, die von solch historischer Hässlichkeit sind, dass sie zumindest niemanden kaltließen. Und wer polarisiert, findet sein Publikum. Auch wenn niemand so recht sagen kann, wer das Ganze eigentlich ernst meinte und wer sich einer Freakshow hingab, entstand ein fruchtbarer Industriezweig. Und obwohl zumindest Adorno über Erscheinungen wie DJ Ötzi wohl sehr unglücklich gewesen wäre, war Anton aus Tirol in Deutschland die erfolgreichste Single des Jahres 2000. Platz 8 waren dann Zlatko und Jürgen.

Die Ersatzidentität

Also: Der Schlager war zwar nie tot, er war auch nie wirklich klein, aber er hat seine Identität verloren und ein altes Selbstbewusstsein gegen ein neues getauscht. Wenn es in den 1990ern und 2000ern auch Menschen gegeben haben wird, die nicht nur aus finanziellen, sondern auch aus künstlerischen Motiven Schlager produziert oder interpretiert haben, so wurden sie von der überwältigen Mehrheit der deutschen Bevölkerung dennoch nicht als ernsthafte Künstlerinnen und Künstler wahrgenommen. Es fehlte an Substanz. Den „Schlager-Star“ gab es nicht mehr, nur noch Personen, die die Maske  der Schlagersängerin oder des Schlagersängers je nach Belieben absetzen konnten und dies in Interviews bisweilen auch mussten, um von den Medien als normale Menschen akzeptiert zu werden. Das Gute für Nicht-Schlager-Fans an dieser Phase war die Möglichkeit, das Ganze zu ignorieren: Die Orte des Geschehens ließen sich meiden und die beteiligten Personen wirkten weitgehend harmlos.

Der Fall Helene F.

Trash-Phänomene gibt es natürlich auch heute noch. Aber der Erfolg von Helene Fischer, die ihren Weg durch diese Schlagerlandschaft gefunden hat, lässt sich absolut nicht mehr mit Trash oder Ironie oder Feierwut erklären. Sie bietet die Substanz, die dem Schlager lange fehlte. Über Jahre hat sie sich eine Bühnenshow aus eigenen Schlagern und gecoverten internationalen Klassikern aufgebaut, die ein ungeteiltes Entertainment bieten sollen. Vor allem durch ihren Körpereinsatz setzt sich die Show von vergleichbaren Erscheinungen ab. Ich würde keine Sekunde auf diesen Konzerten aushalten, doch das Prinzip leuchtet ein. Dumm ist es nicht. Zwischen den hymnischen Eigenveröffentlichungen und Covers wie Let me entertain you bleibt wenig Platz zum Zweifeln. Das Publikum, das sich wirklich aus allen Alters- und Gesellschaftsgruppen zusammensetzt, kann der Welt außerhalb des Stadions für ein paar Stunden entkommen und sich schlicht treiben lassen. Und die Show ist über Jahre hinweg ausgereift. Nichts passiert zufällig, Aufwand und Einsatz sind enorm.

Quelle: Youtube

Es muss festgestellt werden: Wer, wie Helene Fischer 2015, eine Tour durch 17 Stadien vor jeweils mehreren zehntausend Menschen spielt und in einigen davon, unter anderem dem Berliner Olympiastadion, sogar mehrfach nacheinander auftritt, ist eine ernsthafte Künstlerin. Ein 60.000-köpfiges Einzelpublikum ist nicht harmlos.

Eine Frage, die bleibt, ist aber die Folgende: Warum wollen die Menschen auf Helene-Fischer-Konzerten sich treiben lassen und der Welt außerhalb der Stadien entkommen? Denn die dargebotene Show schafft es in Vollendung, jegliche Gesellschaftskritik auszublenden und jedes politischen Moments zu entbehren. Die Songs greifen zwar Klänge der aktuellen Musiklandschaft auf, deren Vielseitigkeit jedoch durch eine Banalisierung von Text und Akkordschemen neutralisiert werden. Dennoch sind die anwesenden Menschen freie, intelligente Wesen, die den abwesenden in Nichts nachstehen. Und wenn wir Menschen doch ach so intelligente, „höchsten Leids und Glückes fähige“ (John Stuart Mill), „von Natur aus politische“ (Platon) Geschöpfe sind: Warum zieht es uns dann immer wieder so viele von uns zu solchen puren Unterhaltungsshows? Nach langer Vorrede soll also nun die Frage betrachtet werden: Was in uns will zum Schlager?

Was in uns will zum Schlager?

Der Psychologe Julian Jaynes hält dafür eine einleuchtende Erklärung bereit, die eines letzten kurzen Exkurses bedarf. In seinem Hauptwerk mit dem Titel Die Entstehung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche von 1976 stellt er eine eigenwillige Menschheitsgeschichte auf, die sich auf den Zusammenhang von Bewusstsein und Unterbewusstsein des Menschen konzentriert. Beide hält er für vollkommen getrennte, aber gleich stark ausgeprägte Sphären des Geistes. Unser Bewusstsein auf der einen Seite ermöglicht uns demnach, einen Gemeinschaftssinn zu entwickeln, eine komplexe Außenwelt anzuerkennen und an der Gesellschaft teilhaben zu können. Das schließt sowohl den Überlebensdrang als auch eine Auseinandersetzung mit anderen Subjekten ein. Es ist der Ursprung von Ethik und Politik und seine Inhalte sind, da sie empirisch zugänglich sind, logisch weitgehend geschlossen.

Unser Unterbewusstsein ist für Jaynes dagegen ein verkümmertes Relikt aus einer frühen Phase der Menschheit, in der die empirische Welt eben noch nicht als für sich stehendes, geschlossenes Ganzes angesehen wurde. Viele literarische Werke der Antike -etwa die Ilias von Homer- weisen, wie er folgert, darauf hin, dass Menschen sich lange Zeit unter dem direkten Einfluss göttlicher Wesen verstanden haben, die ihnen Handlungsanweisungen gegeben haben. Er hält sie von seiner wissenschaftlichen Perspektive aus für Halluzinationen, die von einer Kammer unseres Geistes produziert wurden, die wir heute als unser Unterbewusstsein verstehen. Jaynes verortet diese im Sprachzentrum der rechten Gehirnhälfte. Die befehlenden Inhalte dieses Bewusstseins zweiter Ordnung bilden demnach den gedanklichen Ursprung der Religionen und sind, da sie nicht empirisch zugänglich sind, auch nicht logisch.

Das Unterbewusstsein steht, und das ist entscheidend, dem Bewusstsein im Einfluss auf unsere Handlungen jedoch in nichts nach. Wir halten unsere Träume oftmals zumindest solange für real, bis wir aufwachen, und treffen viele Entscheidungen, die sich nicht rational auflösen lassen. Dabei befinden wir uns, wie Jaynes schreibt, jedoch nicht im gedanklich unstrukturierten Raum, sondern wir folgen vielmehr einer Art „Trancelogik“. Von da aus ist es gedanklich ein kurzer Weg zu Helene-Fischer-Konzerten.

Die Rolle des Unterbewusstseins

Denn unser Unterbewusstsein, schreibt Jaynes, ist in der Phase unserer frühesten Kindheit am stärksten ausgeprägt. Und dies ist die Phase, in der wir auch unsere primäre musikalische Sozialisation erfahren. Auch wenn wir uns später bewusst einer bestimmten Musikrichtung hingeben, wachsen wir, wenn wir eine dieser privilegierten bspw. deutschen Durchschnittskindheiten genießen, erst einmal mit den Schlafliedern auf, die unsere Eltern uns vorsingen. Sie werden uns hingebungsvoll vorgetragen, um uns zu beruhigen, und wecken in uns die Ideen von Harmonie und Geborgenheit, die beide unterbewusst sind. Sie werden, so folgert Jaynes, von der rechten Gehirnhälfte produziert. Zur Veranschaulichung:

Quelle: Youtube

Die simplen, symmetrischen Songstrukturen der Schlaflieder speichern wir unterbewusst als höchste Stufe musikalischer Harmonie; und der unkritische Gesang unserer Eltern, der nur auf unsere Aufmerksamkeit gerichtet ist, und uns einnehmen und in eine Traumwelt entführen soll, ist eines der stärksten Gefühle von Geborgenheit, die wir jemals wahrnehmen werden. Dann lernen wir die Reize eines auf das Bewusstsein ausgerichteten Lebens kennen und wachsen auf. Doch die beiden Ideen und Gefühle des Schlaflieds bleiben für uns wichtige Anhaltspunkte zur Orientierung in der Welt.

Und Helene Fischer macht im Grunde nichts anderes, als diese beiden Gefühle für ihre Hörerinnen und Hörer zu rekonstruieren. Den Rest macht deren Unterbewusstsein. Atemlos durch die Nacht bspw. ist harmonisch betrachtet ein denkbar simpler Song. Die Art, wie er auf Konzerten präsentiert wird, ist wiederum denkbar einnehmend. Im Songtext geht es, so die gängige Interpretation, um Sex: eine zeitlose Thematik ohne konkrete politische Bezüge, für die keinerlei Kontextwissen nötig ist, das über die eigenen Urtriebe hinausgeht. Zum Vergleich: „Müde bin ich, geh zur Ruhe. Schließe beide Äuglein zu“. Dasselbe Prinzip. In der von Jaynes skizzierten, unterbewussten „Trancelogik“, die nach den wohligen Gefühlen der Kindheit und nach der Teilhabe an einer Traumwelt strebt, ist ein Helene-Fischer-Konzert also „the place to be“. Doch warum jetzt? Warum ist sie gerade 2014 von einer Berühmtheit in der Schlagerszene zum Megastar erster Reihe und zur erfolgreichsten deutschen Live-Künstlerin aufgestiegen? Das kann nicht nur an der Veröffentlichung von Atemlos durch die Nacht gelegen haben.

Warum genau jetzt?

Keiner von uns hat einen Tag erlebt, an dem sich nicht zwei Staaten miteinander im Krieg befanden. Aber auch wenn es immer Leid gab, hat sich zumindest in Deutschland das Bewusstsein der Allgegenwart von Konflikten drastisch verändert. 2014 gab es ja nicht nur die Fußball-WM. Es gab auch die Annexion der Krim durch Russland, die zum ersten Bürgerkrieg auf EU-Gebiet führte, der nach wie vor andauert. Infolge von Mordanschlägen kam es zu Bombenangriffen im Gazastreifen, was die Unversöhnbarkeit des Konflikts Israels und Palästinas in Erinnerung rief. Dazu kamen Nachfolgekonflikte des arabischen Frühlings wie der Bürgerkrieg in Syrien. Und islamistisch und nationalsozialistisch motivierte Terroranschläge. Verzweifelt flüchtende Menschenmassen.

Kriege und Terrorismus dieser Dimensionen sind nicht neu, unsere Perspektive darauf jedoch schon. Denn sie bringen unsere schöne neue globale Welt 2.0 ins Wanken – und eine Kultur, deren wichtigstes politisches Instrument ein „Gefällt mir“-Button zu sein scheint, ist an den Grenzen ihrer politischen Macht angekommen, wenn es Hinrichtungsvideos des IS auf die Startseiten sozialer Plattformen schaffen. Und an diesen Grenzen kommt jeder bei sich an. Unser immer stärkeres Bewusstsein der Komplexität der Welt scheint uns maßlos zu überfordern. Also versuchen es die meisten mit ihrem lange unterdrückten Unterbewusstsein von Harmonie und Geborgenheit, das immer wichtiger wird. So freuen sich einige über sportliche Erfolge und unpolitische Musik. Andere führt es zu gemütlichen Indierock- oder Elektrofestivals. Andere in Schrebergärten. An Badeseen. Ins Private. Nach Hause. Es gibt sogar wieder Mainstreampop. Und Neo-Folk.

Also?

Die geschlossenen Sphären der Fußballstadien, in denen Helene Fischer auftritt, werden als Zufluchtsorte in einer brennenden Welt wahrgenommen. Als Harmoniehorte. Manchen ist das zu blöd, andere nehmen es dankend an. Dennoch sind die neuen großen Schlagershows bloß die stärkste Ausprägungen einer gesamtgesellschaftlichen Tendenz der Resignation, die wiederum die Folgeerscheinung einer satten, müden Kultur ist. So bleibt es nicht viel mehr als ein Gedankenspiel, sich auszumalen, wo wir ständen, wenn wir all das wollten, was wir könnten. Denn das ach so intelligente, höchsten Leids und Glückes fähige, politische Wesen Mensch schafft es einfach nicht, über die Schlaflieder seiner Kindheit hinwegzukommen.

Beitragsbild: © Lennart Colmer