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The Strokes – Future Present Past

The Strokes bauen eine Brücke zwischen den Zeiten. Bloß: Ist ihre neue EP nun ein Stück Konzeptkunst für sich oder bloß ein Teaser für mehr?


Erkennt noch jemand die fünf Herren auf dem Polaroid? Fast 15 Jahre ist es her, dass ihr Debütalbum Is This it? mit einem Schlag die langen 90er des Indie-Rocks beendete und die hochschwebenden Schöngeister von damals zurück in die Garage zwang. Was immer sich aus diesem halbwegs aktuellen Pressefoto über ihren Zustand ablesen lässt: The Strokes sind aktiv, kreativ und voller Tatendrang. Sagen sie zumindest selbst. Denn mit diesen Worten kündigte ihr Sänger Julian Casablancas unlängst neue Aktivitäten der Band an und löste Spekulationen über ein neues Album aus. Ob es kommt, ist noch immer ungewiss, zunächst testen The Strokes das Badewasser mit einer kleinen Vinyl-EP namens Future Present Past, die schon im Titel die Fragen aufwirft, was die Band gerade vorhat, wo sie im Moment eigentlich so steht und für was sie mal stand.

Denn Future Present Past kommt weitgehend aus dem Nichts. Da sie sich nicht die Mühe gemacht hatten, es zu promoten, ist ihr 2013er Album Comedown Machine ja eher untergegangen – und viele Konzerte spielen sie in letzter Zeit auch nicht. Bisher sind für dieses Jahr drei geplant, was einmal mehr für einen intensiven Studio-Aufenthalt spricht. Außerdem schienen ihre Solopfade sie zuletzt immer weiter voneinander wegzuführen. Wo sie momentan stehen, ist – so zumindest der mediale Eindruck – tatsächlich nicht so ganz klar, obwohl sie sich zumindest dem Zeitgeist bewusst zu sein scheinen und ihre Songs zeitgemäß präsentieren: auf buntem Vinyl und im Sonderformat. Sie erscheint haptisch nur als limitierte 10-Inch in drei verschiedenen Farbeditionen, was gleichzeitig das Sammlerherz erfreut, andererseits aber in der anhaltenden Hochphase von Vinyl-Hologrammen und bunten 180-Gramm-Editionen mit Farbübergängen eine ziemlich einfache Weise ist, um Songs gewinnbringend zu vermarkten. Aber vielleicht ist eine EP eben das beste Format, um einfach mal drei Singles gleichzeitig auf den Markt zu werfen und sich wieder ins Radiobewusstsein zu bringen. Aber greifen wir es mal wohlwollend als kleine Konzept-Platte auf. Vielleicht sollen die Songs ja tatsächlich im künstlerischen Sinne Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit der Band repräsentieren, was nur ein Soundcheck der Platte beantworten kann.

Komischerweise löste der Einstiegssong beim ersten Hören trotz aller Unterschiede zwischen den Bands bei mir zunächst eine Radiohead-Assoziation aus – hat das Grundriff von Drag Queen doch eine ähnlich ähnlich betäubende Wirkung wie Radioheads im Mai erschienene Single Burn the Witch, deren Pizzicato-Streicherarrangement ihr neues Album eröffnet und sein Publikum schon aufgrund des stilistischen Konventionsbruchs andächtig auf den verschobenen Status Quo der Band hebt. Ähnlich bei The Strokes, wenngleich etwas weniger extravagant, jener hohl dröhnende Bass-Sound, der wie eine Nebelschwade über Drag Queen liegt und die klaren Konturen aller anderen Spuren verhüllt. Zwar haben The Strokes immer mit Effekten gearbeitet, doch ihre früheren Resultate waren prägnanter. Aus dem Nebelspiel ergibt sich hier ein heroischer Sound, der The Strokes auf eine ungekannte Ebene hebt. Wie weit die Bandmitglieder zurzeit künstlerisch auseinanderstehen, zeigt dann spätestens ein Remix des Songs durch ihren Schlagzeuger Fabrizio Moretti, der mit der EP exklusiv mitgeliefert wird und eine völlig andere, von ihrer Schwere befreite Interpretation der Komposition vorstellt. Steht Drag Queen entsprechend der EP-Betitelung nun für die Zukunft der Strokes? Darüber lässt sich spekulieren, doch man kann es nur hoffen.

Dann müsste OBLIVION, der zweite Track, ihre Gegenwart markieren – die nach allem, was wir wissen – wahrheitsgemäß unbestimmt daherkommt. Ein interessanter Sound, dessen Strophen sich melodiös aufbäumen, jedoch allzu schnell in einem auf Dauer eher faden, da ziemlich repetativen, Refrain entladen und das Potenzial des Songs schon vor dem synthetisch-spielerischen Gitarrensolo verbraucht, das dahinter eher wie ein Fremdkörper wirkt. Threat of Joy, der jähe Abschluss-Song, kommt auch durchaus, womit das vermeintliche Konzept aufzugehen scheint, als Vertreter der Vergangenheit durch, denn der Song weist eine gewisse Schmiegsamkeit auf und hätte wohl auf jedem der bisherigen Strokes-Alben seinen Platz gefunden. Er lebt vor allem auf dem Zusammenspiel von Gesang und Schlagzeug, die hier wieder zueinander finden. Der Nebel aus Drag Queen verzieht sich in dem Song fast vollends zu einem Sonnendunst, der eine leichte Melancholie in einen Feel-Good-Sound legt. Ein klares Branding der Strokes, die ihre Diskographie nunmehr um drei vor allem soundtechnisch erfrischende Songs erweitern konnten.

Also: Das Badewasser stimmt schonmal, aber ob sich der Kauf wirklich lohnt, zeigt sich wohl erst im Nachhinein. Denn sollte der EP wirklich ein Album folgen, was nach Future Present Past mehr als wünschenswert wäre, reicht es vielleicht auch, das Geld für die EP erstmal aufzusparen und es später direkt in die LP zu stecken. Die Entscheidung zu buntem Vinyl und der 10-Inch-Sonderformatpresse diente wohl vor allem dazu, den drei Songs einen kostbaren Rahmen zu bauen und der 2013 versäumten Öffentlichkeitsarbeit diesmal mit allen Mitteln des Jahres 2016 entgegenzuwirken, welches ja neben der Neo-Vinyl-Ära ebenfalls das Jahr ist, in dem sich 23 Millionen Menschen gierig auf kurze Trailer stürzen. Einen limitierten Vinyl-Teaser für kommende Kostbarkeiten herauszubringen liegt also Strokes-untypischerweise voll im Trend.

Bloß ob ihrer kleinen Veröffentlichung wirklich noch eine große folgt, lässt sich mit Blick auf die Vergangenheit der Band auch nicht so richtig voraussagen. Es waren ja ebenfalls The Strokes, die Anfang der 2000er Albumspielzeiten wieder standardmäßig auf unter eine halbe Stunde drückten und, egal was im Festival-Timetable auch für eine Spielzeit steht, über Jahre hinweg niemals mehr als 12 Songs auf einem Konzert spielten. Sie sind stets für Überraschungen gut und meistens fallen diese zugunsten der Exklusivität ihrer Kunst aus, die sie wie eine Luxusmarke inszenieren. Am Weisesten wird es dann vielleicht doch sein, das Geld erstmal in die limitierte 10-Inch zu stecken, dann zum potenziellen Albumrelease gewinnbringend an eine Liebhaberin weiterverkaufen und davon die transparente Fanedition des Longplayers mit Hologrammen des Strokes-Logos und Julian Casablancas‘ neuer Frisur zu finanzieren.

Vielleicht gibt’s ja auch noch ein Schnapsglas und Postkarten-Set dazu, denkt ein Teil von mir. Mensch, was die mal wert sein wird …

Den Stream zur EP gibt’s auf jeden Fall hier.