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Fußnoten in Romanen

– muss das sein?

Fußnoten gehören vor allem in wissenschaftlichen Texten zum Standardrepertoir. Doch immer wieder versuchen Autoren sie auch in narratives Schreiben – etwa in Romane – einzubinden. Bei der Benutzung von Fußnoten in diesem Kontext stellen sich aber ganz neuartige Fragen über ihre grundlegende Funktion als literarisches Mittel. Können Fußnoten einen Roman bereichern oder machen sie ihn nur unnötig schwierig?


Was sind Fußnoten?

Fußnoten und Anmerkungen werden gegenwärtig in vielen akademischen Disziplinen als Standard des wissenschaftlichen Arbeitens gesehen. Fußnoten dienen hier dazu, Belege für Ausschnitte aus dem Haupttext anzugeben, zu erläutern, oder Informationen auszugliedern. Die Anmerkung, ob als Fußnote (im unteren Teil der Seite), als Randbemerkung oder als Endnote (am Ende des Buches), fällt klassisch unter die Definition des „Paratextuellen“ – d.h. sie ist dem Haupttext beigestellt und untergeordnet. Doch wie Dr. Sabine Zubarik (Die Strategie der Fußnote(n) im gegenwärtigen Roman, S. 12) treffend bemerkt, ist das „kreative wie auch subversive Potential [der Fußnote als Paratext] bereits in der Etymologie des Namens verankert“. Die altgriechische Präposition παρά kann nämlich sowohl mit „neben„, als auch im übertragenen Sinne mit „gegen“ oder „wider“ übersetzt werden.

Zubarik vertritt die These, dass sich die Fußnote aus einer Hilfs- und Nachweisfunktion (etwa im akademischen Bereich) ablösen kann und sich so nicht mehr dem Haupttext unterordnet:

„Statt der dezenten Unterordnung des Beigestellten zeigt sich Widerspruch, Überbordung und Störung“ [Zubarik, Fußnote(n) S. 9]

Besonders deutlich vollzieht sich dies bei der Benutzung von Anmerkungen im narrativen Schreiben. Im folgenden werden einige Autoren und Bücher betrachtet, die Fußnoten als literarisches Mittel nutzen.

James Joyce: Finnegans Wake

Auswahlseite Finnegans Wake

Auswahlseite James Joyce: „Finnegans Wake

James Joyces „Finnegans Wake“ gilt als eines der kompliziertesten Bücher der literarischen Moderne. Joyce nutzt neben unorthodoxen sprachlichen Mitteln  (Neologismen wie „bababadalgharaghtakamminarronnkonnbronntonnerronn-tuonnthuuntrovarrhounawnskawntoohoohoordenenthurnuk“ – „Donner“ aus zehn verschiedenen Sprachen zusammengesetzt), auch Fußnoten in einer konstitutiven narrativen Funktion. In Buch 2, Kapitel 2 nutzt der Autor drei Arten von Anmerkungen (am linken und rechten Rand, sowie unten), die für die Bemerkungen dreier Geschwister beim Erledigen ihrer Hausaufgaben stehen.

Fußnoten in SciFi und Fantasy: Terry Pratchett

Pratchett Guards Guards

Auswahlseite Terry Pratchett: „Guards! Guards!“

Viele Autoren von Science-Fiction- und Fantasyliteratur nutzen Fußnoten in ihren Büchern. Die Fußnote war für diese Bereiche ursprünglich interessant, weil man durch sie eine „Pseudowissenschaftlichkeit“ erzeugen kann – die Autorität der Fußnote, als Quellennachweis aus dem akademischen Bereich, wird in einen fiktionalen Raum überführt (vgl. etwa „physikalische“ Theorien zur „Erklärung“ eines Phänomens in der Welt des Buches).

Diese funktionale Einbindung wurde später immer wieder satirisch gebrochen (siehe etwa Abbildung). Terry Pratchett nutzt in seinen Scheibenweltromanen Fußnoten, um einen komischen Effekt zu erzeugen. Die Anmerkung bereitet durch ihre Verweis- oder Erläuterungsfunktion einen (oft wiederkehrenden) Witz vor. Manchmal widersprechen Fußnoten auch Aussagen des Textes und eröffnen so unterschiedliche narrative Ebenen.

David Foster Wallace: Infinite Jest

Auswahlseite David Foster Wallce: Infinite Jest

Auswahlseite David Foster Wallce: „Infinite Jest“

In David Foster Wallaces „Infinite Jest“ („Unendlicher Spaß„) findet sich nach dem Haupttext ein 200-seitiger Anmerkungsapparat, in dem über 300 Endnoten eingebunden sind, die sowohl erläutern/fiktive Quellen angeben, als auch narrative Nebenschauplätze einführen. Teilweise erstrecken sich einzelne Anmerkungen über mehrere Seiten und sind schon fast als eigenständige Kurzgeschichten zu lesen. Die detaillierte Ausschmückung der Welt von „Infinite Jest“ wird ganz wesentlich von diesen Anmerkungen getragen – der Roman wird oft als „enzyklopädisch“ beschrieben.

Bezeichnend für die zentrale Rolle von Fußnoten in David Foster Wallaces magnus opum ist, dass die gebundene deutsche Ausgabe von „Infinite Jest“ zwei Lesezeichen enthält, eines für den Haupttext und eines für die Anmerkungen.

Mark Z. Danielewski: House of Leaves

Beispielseite aus

Auswahlseite aus Mark Z. Danielewski: „House of Leaves“ (via readsbymandm)

„House of Leaves“ von Mark Z. Danielewski ist noch stärker von Fußnoten beherrscht. Zubarik beschreibt das Buch als „typographische(n) Exzess“ , „in dem alle nur möglichen Spielarten und Potentialitäten des Anmerkungsgebrauchs vorgeführt werden“ [Zubarik: Fußnote S. 10].

Der Autor benutzt Fußnoten hier nicht nur als Bezugspunkte für Nachweise (fiktiv und real) oder Erläuterungen, sondern schafft einen narrativen Bedeutungskontext, der das Buch übersteigt. Der Leser „verirrt sich“ im Netz der Verweise und repräsentiert so auf einer anderen Ebene eine Figur im Buch, die in einem Labyrinth gefangen ist. Zusätzlich beeindruckend ist dabei die Veränderung des Layouts parallel zur strukturellen Handlung des Buches. Nicht nur Anmerkungen bestimmten optisch das Format des Textes – er wird ständig verändert, aufgebrochen, gespiegelt und gegen sich selbst gestellt.

Funktionen von Fußnoten in Romanen

Die angeführten Beispiele machen klar, dass sich die Fußnote in literarischen Texten längst aus der Rolle des bloß Paratextuellen gelöst hat. Anmerkungen dienen nicht mehr als Zusätze für den Haupttext, sie sind ein zusätzliches literarisches Mittel, das mit seinem Störungspotential erheblichen Einfluss auf das Leseerlebnis des Rezipienten ausüben kann.

Positiv betrachtet erschließen Fußnoten ganz neue Möglichkeiten der Verschachtelung von Bedeutungsebenen im Roman. Spielt man ihrer Nachweisfunktion, können durch gezielte Kontradiktionen sogar Erzähler als unzuverlässig entlarvt werden und so entweder ein komischer Effekt, oder sogar eine Beeinflussung des Lesers, hinsichtlich der weiteren Rezeption, geschaffen werden. In gewisser Weise ist sogar ein Durchbrechen der „Vierten Wand“ – also eine direkte Kommunikation mit dem Leser möglich.

Anmerkungen sind, in diesen neuen Funktionen, oftmals nicht mehr bloß optionale Elemente des Textes. Um einen Fußnotenroman wirklich verstehen zu können, ist es zwingend notwendig die Anmerkungen als Teil des Textes ernstzunehmen. Doch genau dieser Umstand führt auch zu einer harschen Kritik an der Anmerkungspraxis im modernen Roman

Argumentation gegen Fußnoten in Romanen

„If you can’t say it in the main text of a novel, then you shouldn’t be saying it at all.“ Amanda Kendel (becomingafictionwriter.com)

Das obige Zitat ist so etwas wie das Motto der fiktiven Society for the Abolition of Footnotes in Novels. Die Emanzipierung der Fußnote, aus einem bloßen Beigestelltsein, ist nach dieser Auffassung exzessiv und störend. Die Beschränkung auf einen fließenden Haupttext ist vor allem einem reibungslosen Leseerlebnis geschuldet.  Dieses Argument ist auf den ersten Blick nachvollziehbar. Der Lesefluss wird allein durch das Springen im Text (auf das Ende der Seite oder gar des Buches) unterbrochen. In gewisser Weise infiltrieren Anmerkungen, zumindest wenn sie bedeutungskonstitutiv eingesetzt werden, den Text strukturell. Doch macht das die Fußnote als literarisches Mittel unnötig?

Komplizierte Bücher, wie etwa die angeführten Werke von Joyce und Foster Wallace, wären auch ohne die Benutzung von Anmerkungen eine schwierige Lektüre. Anmerkungen sind nur ein zusätzliches Mittel, um etwa die sprachlich-formale Anspruchsebene zu supplementieren und Bedeutungsebenen zusätzlich zu verschachteln. Ob man diese Art von Literatur mag, ist ein individuelles Urteil.

Im Falle von Danielewskis „House of Leaves“ allerdings konstitutiert die Anmerkungspraxis direkt im Text eine eigene Struktur. Der Autor will den Leser im Text ganz gezielt stören, um ein Gefühl des Verirrt-seins zu erzeugen, dass das Leseerlebnis mit der Narration verbindet. Der Autor erzeugt fast filmisch eine Atmosphäre von Angst und Verwirrung, die dem Horrorgenre gerecht wird.

Können Fußnoten als literarisches Mittel also Romane bereichern? Ich denke schon. Ob das im Einzelfall immer gelingt und für den Leser funktioniert, steht (wie auch viele Anmerkungen) auf einem anderen Blatt Papier.

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