Schlagwort: Teju Cole

Was nehmen wir mit von 2016? Eine postmondäne Leseliste

Bevor auch wir im Jahr 2017 ankommen, haben wir uns einmal zusammengesetzt und darüber nachgedacht, welche Bücher uns das letzte Jahr über beschäftigt haben. Immerhin hat 2016 ja eine vielseitige Literaturlandschaft hinterlassen. Andererseits spielte die Geschichte auch älteren Werken ungeahnte Aktualität zu. Anbei also ein paar persönliche Leseempfehlungen fürs neue Jahr aus der postmondän-Redaktion. Übrigens ohne Verkaufs-Links.

von Martin Kulik, Lenn Colmer, Dirk Sorge, Moritz Bouws, Katharina van Dülmen, Gregor van Dülmen und Dominik Gerwens


Morgen mehr Sprache, Mut und Zauberei

Martin zu …
„Morgen mehr“ von Tilman Rammstedt

Tilman Rammstedt hat experimentiert. Über mehrere Monate hat er einen Fortsetzungsroman geschrieben, bei dem sich die geneigten Abonnenten jeden Tag auf einige Seiten bester rammstedtscher Prosa freuen konnten. Während man sich am Anfang des Projektes noch fragte: „Packt der Tilman das denn überhaupt, jeden Tag was Neues?“, war bald klar: Wenn jemand einen solch chaotischen Ritt durch ein Buch wagen kann, dann definitiv Tilman Rammstedt. Am Ende ist ein liebevoller Roman voller Fantasie entstanden, der nach jedem Leseabend nur eine Frage offenlässt „Morgen mehr?“ – bitte, Herr Rammstedt?

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„Fallensteller“ von Saša Stanišić

„Auf so einen bist du nie vorbereitet, mit seinem Gepäck voll Allerlei: Sprache, Mut und Zauberei“, das ist der letzte Satz der Erzählung Fallensteller, die dem Erzählband von Saša Stanišić seinen Namen stiftet. Dieses Zitat kann durchaus als Sinnspruch für das Erleben dieses eindrucksvollen Werkes gelten – Stanišić erschafft in seinen Geschichten eine literarische Spiegelwelt voller Seltsamkeiten, Anlässen zum Wundern und Staunen. Sein unberechenbarer Stil ist dabei ein Abbild seiner eigenen Biographie – voller Unwegsamkeiten, Brüchen und einer melancholisch angehauchten Heiterkeit.

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Cover: „Morgen mehr“ © Hanser Literaturverlage,
Cover: „Fallensteller“ © Luchterhand

Handschuhe, Verfolgung, Hools und das Politikum Ernährung

Lenn zu …
„Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk

Lakonisch zeichnet Strunk seine Version des damals realen Vielfachmörders Fritz „Fiete“ Honka. Geballte menschliche Abgründe treffen sich im Siff der Hamburger Absteige Der goldene Handschuh und enden vereinzelt in der mit Klosteinen gespickten Wohnung Honkas. Die auf 10 Seiten ausführlich beschriebene Hafenrundfahrt lässt Protagonist und Leser vorübergehend befreit durchatmen und doch ist man irgendwie froh, wenn man das Buch zur Seite legen kann. Bis der lang anhaltende Schmiersuff verflogen ist, vergehen immerhin noch ein paar Tage.

„Hier sitzen welche, die erst lachen, wenn Blut fließt, und wer lacht nicht gern.“

Heinz Strunk – Der goldene Handschuh

„Hart auf hart“ von T.C. Boyle

Typisch, dass es sich auch bei diesem Boyle-Roman um keine Schönwettergeschichte handelt. Eingebettet in einem Nationalpark der USA kreuzen und streifen sich drei Erzählstränge, die mit komplexen und doch einfach gestrickten Persönlichkeiten verknüpft sind. Jede beschleunigt mit ihrer je eigenen paranoiden Sicht den Leseflussabwärts – spannend, rasant, widerspenstig.

„Hool“ von Philipp Winkler

Man kann förmlich die überfüllten Aschenbecher und den Ranz schalen Alkohols beim Lesen schmecken wie in Strunks Der goldene Handschuh, doch Winklers Quasi-Coming-of-Age-Roman erzählt eine ganz andere Geschichte. Nicht minder von Gewalt und Frustration geprägt stellt sich die Welt des Protagonisten Heiko Kolbe dar, der nicht einsehen will, dass die besten Jahre seiner Hooligan-Clique angelaufen sind. Eine konsequent erzählte Geschichte.

„Die Vegetarierin“ von Han Kang

Die durch und durch graue Maus Yong-Hye verzichtet auf tierische Produkte und beeinflusst mit ihrer Entscheidung das Familienleben. Klingt erstmal ziemlich berechenbar, aber der Schein trügt. Neben dem südkoreanischen, traditionellen Familienmodell wird das desaströse wie faszinierende Innenleben von Yong-Hye zum strudelähnlichen Mittelpunkt der neurotischen Geschichte. Einerseits ist sie leicht zu lesen, enthält andererseits mehr Fleisch als so manch einer ertragen kann.

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Han Kang, © Baek Dahum

Wissen am Ende der Wahrheit?

Dirk zu „Verschwörungstheorien: Eine philosophische Kritik der Unvernunft“ von Karl Hepfer

Obwohl dieses Buch schon 2015 erschien, ist es für 2016 (und 2017?) mindestens genauso aktuell, denn die Themen Lügenpresse, Postfaktizität und Verschwörungstheorien hängen eng miteinander zusammen. Karl Hepfer schreibt in gut verdaulicher Sprache über die Struktur von Verschwörungstheorien und ihre erkenntnistheoretischen Besonderheiten und Probleme. Durch die Lektüre wird verständlich, warum Anhänger einer Verschwörungstheorie argumentativ kaum von ihrer Überzeugung abgebracht werden können und warum es so schwierig ist, echte Verschwörungen von fiktiven zu unterscheiden. Zum Glück ist es kein akademisches Buch – denn dafür ist das Thema zu wichtig!

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Kosmopolitisches Flanieren in NYC

Moritz zu „Open City“ von Teju Cole

Während heutzutage, sehen wir es mal durch die diesjährigen Wahlergebnisse bestätigt, der Okzident mancherorts um seine vermeintliche Monokultur fürchtet, gelang dem nigerianisch-amerikanischen Schriftsteller Teju Cole bereits 2011 mit der Veröffentlichung seines Flaneur-Romans ein Plädoyer für Diversität – ohne dabei die Problematik der Suche nach Identität im großstädtischen Dickicht und ideologischer Kollektive auszusparen. Protagonist ist der junge Psychiater Julius, der seine Freizeit nutzt, um durch die endlose Zivilisation New York Citys zu streifen und somit ein Portrait des urbanen Amerikas kurz vor Obamas erster Wahl zeichnet. Die skizzierten Charaktere, denen Julius begegnet, spiegeln sowohl in positiver als auch negativer Hinsicht die verschiedensten Daseinsweisen im ethnischen, gebildeten, ökonomischen sowie biographischen Kontext wider. Nicht selten werden die Leser٭innen mit universellen Stereotypen konfrontiert, die denkwürdig erscheinen. Im Mittelpunkt steht jedoch die sukzessive Offenbarung des Protagonisten, der sich vom naiven Beobachter zu einer selbstreflektierenden Figur wandelt, die sich aufgrund ihrer schwer zu definierenden Herkunft mehr und mehr in der Bodenlosigkeit verliert. Ein Stück, das zwar auf melancholische Weise, aber mit Weitsicht einen gegenwartsnahen Abriss des urbanisierten Weltbürgertums präsentiert und dabei zugleich als intimer Reiseführer durch die einflussreichste Metropole fungiert.

Kindheit – der unsichtbare Feind?

Katharina zu „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells

Wer früh seine Eltern verliert, kämpft ein Leben lang: nicht nur mit der Trauer, sondern auch gegen die Angst vorm Verlassenwerden und vorm Alleinsein selbst. So auch Jules, der Protagonist in Benedict Wells „Vom Ende der Einsamkeit“, seine Schwester Liz und sein Bruder Marty. Und wenn jede٭r mit der Angst und der Trauer auf seine٭ihre Weisen umgeht und da kein Platz ist für die Trauer und die Angst eines٭einer anderen? Dann bleibt die Einsamkeit. Um ihr zu entkommen, flüchtet sich Jules in seine Träumerei; Liz tröstet sich mit Sex und Drogen; Marty verschanzt sich in seiner Computerwelt. Trotzdem finden die Geschwister, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten, immer wieder irgendwie zusammen. Und auch andere scheinen die Traurigkeit in die Flucht schlagen zu können – wie Jules‘ Schulfreundin Alva. Aber immer wenn es aussieht, als sei das Ende der Einsamkeit gekommen, schlägt das Schicksal wieder zu.

Jules‘ Lebensgeschichte ist nicht linear erzählt. Der Ich-Erzähler puzzelt sie anhand seiner Erinnerungen zusammen. Dabei lesen sich seine Schilderungen fast wie die Beschreibung eines Fotos, das erst einmal nichts mit ihm zu tun hat. Keine großen Gefühlsausbrüche, keine sentimentalen Entladungen – leise bahnt sich die Geschichte ihren Weg. Seine Gefühle, aber auch die Handlungsmotive seiner Mitmenschen hinterfragt der Protagonist selten. Das sind Leerstellen, die der٭die Leser٭in füllen muss und dann mit Empathie zu kämpfen hat. Und ja, das sind die Stellen, an denen man als Leser٭in von seinen٭ihren eigenen Emotionen und nicht von denen der fein gezeichneten Charaktere überwältigt wird.

„Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind, dachte ich. Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.“

Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

 „Wunderkind“ oder „Ausnahmetalent“ wurde Benedict Wells von Kritiker٭innen genannt, wenn es um seine Romane „Spinner“, „Becks letzter Sommer“ oder „Fast genial“ ging. Bei „Vom Ende der Einsamkeit“ sprechen sie bereits vom Meisterwerk des 32-Jährigen und belohnt wurde dieses noch 2016 mit dem Literaturpreis der Europäischen Union.

Benedict Wells Vom Ende der Einsamkeit Rezension

Benedict Wells, © Bogenberger / autorenfotos

Verstörendes vom Rockstar-Literaten

Gregor zu „Die Toten“ von Christian Kracht

Kein wirklicher Geheimtipp, da bereits Hermann-Hesse- und Schweizer-Buchpreis-tragend, ist Christian Krachts „Die Toten“. Zwar ordnet sich das Buch durch zahlreiche Querverweise selbst in den Literaturzirkus und Feuilettondebatten ein und machte sich so rasch zum medialen Selbstläufer, besonders zugänglich ist es dennoch nicht. Das wiederum macht es lesenswert. Besonders unbequem ist der Anfang der 1930er Jahre angesiedelte Roman darin, die Lebenswelt seiner beiden zentralen Protagonisten, eines Schweizer Filmemachers hier, eines japanischen Kulturbeamten da, auch ästhetisch nachzuzeichnen. Beide bewegen sich persönlich wie künstlerisch im Anbruch von Nationalsozialismus und Faschismus zwischen den ästhetischen Vorlieben Japans und Deutschlands, die sie zu bedienen suchen – nicht zuletzt der beiden Kulturkreisen gemeinsamen Faszination für das Tote. Doch nicht nur ihre Handlungen, auch die Ästhetik des Buchs selbst folgt diesen Motiven, was den٭die Leser٭in oftmals wohlwollend zynisch ausbuchstabiert gegen die Wand schleudert.

„Das Leiden des Offiziers in dem Film war gleichzeitig verzückt und unerträglich, eine Transfiguration des Schreckens zu etwas Höherem, Göttlichem – die Deutschen würden das doch gut verstehen in ihrer makellosen Todessehnsucht.“

Christian Kracht – Die Toten

Der Roman verstört wiederum nicht nur sprachlich, sondern schon in seiner Form. In drei Teilen zwingt er zunächst ein aufs Brutalste verlangsamtes Erzähltempo auf, das den biografischen und historischen Rahmen seiner Haupthandelnden detailreich einholt, bevor der Romanplot sie unumschweiflich aufeinanderprallen und interagieren lässt und im letzten Teil einander eilig entreißt und in knappen Shortcuts weiterverfolgt. Dass Kracht dabei genialerweise der Dramaturgie des dreiaktigen japanischen No-Theaters folgt, lässt sich für Unkundige bloß durch eine kurze Erwähnung desselben im Text erahnen. Und dass „Die Toten“ trotz aller Verstörungsdimensionen keinen Absatz lang versäumt, seine Leser٭innen zu unterhalten, rundet den Lesegenuss erst ab und lässt einen selbst in der verstörenden Wohligkeit des Morbiden zurück.

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Cover: „Die Toten“ © Kiepenheuer & Witsch,
Cover: „Mario und der Zauberer“ © Fischer Verlage

Wer „Kracht“ sagt, muss auch „Mann“ sagen. Gerade heute

Dominik zu „Mario und der Zauberer“ von Thomas Mann

Christian Krachts in den 1930er Jahren angesiedelter Roman „Die Toten“ weist nicht nur die oft angesprochene sprachliche Nähe zu den Werken Thomas Manns auf. Dessen Novelle „Mario und der Zauberer“ spielt auch noch im gleichen Zeitraum und ist auch aus gegenwärtiger Perspektive ähnlich lesenswert. Denn 2016 war wieder einmal viel Kracht. Zwar entzündete sich an „Die Toten“ nicht ein ähnlicher Literaturskandal wie im Anschluss an die Rezension von Georg Diez zum Vorgänger „Imperium“, diskutiert wurde trotzdem kontrovers, nur ging es dieses Jahr vor allem um die oft als manieriert empfundene Sprache, die aufs eine oder andere Mal in die Nähe Thomas Manns gerückt wurde.

Christian Kracht – ein zynischer Adapteur Thomas Manns?

 

Doch so ratlos der ironisierende Sound des Romans oft Kritikerrunden zurückließ, umso weiterführender ist vielleicht eine andere Parallele zu Thomas Mann: „Die Toten“ zeichnet ein Bild zweier sich faschisierender Gesellschaften an der Schwelle zum Totalitarismus in den frühen 1930er Jahren. „Mario und der Zauberer“ setzt zur gleichen Zeit ein, die Handlung spielt sich hingegen in Italien ab, wo Mussolini bereits den Umbau zum Faschismus vollzogen hatte. So lassen sich die Geschehnisse der Novelle als Warnung an jene „heißen“ Gesellschaften an der Schwelle zur Diktatur verstehen, die im Mittelpunkt von Krachts Geschichte stehen.

Recht sachlich berichtet der Ich-Erzähler der Novelle von den „atmosphärisch unangenehm[en]“ Stimmungen und Ereignissen eines Badeurlaubs im italienischen Torre di Venere. Beginnend mit kleineren Unstimmigkeiten, der die Familie des Erzählers ausgesetzt ist über Konfrontationen mit anderen Badegästen über die öffentliche Moral und Sitte, nimmt die Novelle immer weiter Fahrt auf und steigert sich – fast dem Aufbau des klassischen Dramas folgend – vom unangenehmen Sich-nicht-willkommen-Fühlen hin zu offenen und öffentlichen Diskriminierungen. Schon will die Familie abreisen, begeht jedoch einen fatalen Fehler, der zum Wendepunkt ohne Umkehr wird: Ihren bizarren Höhepunkt erfährt die Handlung im Besuch einer Zauberveranstaltung des Zauberers Cavaliere Cipolla, dessen bizarre Show trotz diskriminierender und erniedrigender Psychotricks und Hypnosespielen kein einziger Gast verlässt und die auf einen katastrophalen Schluss hinausläuft.

Auch Mann beherrschte die Pose des Literatur-Dandys

 

Das Publikum also als „Volksgemeinschaft“? Schon klar, man sollte sich immer vor allzu platten und offensichtlichen Analogien hüten. Liest man den Text dennoch bewusst politisch, so denkt kommt schon der Gedanke an Aufstieg der Identitären Bewegung in Europa, insbesondere der Neuen Rechten in der Bundesrepublik auf. Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang die Brüche und Diskontinuitäten in der politischen Biographie des Autors. Denn der frühe Thomas Mann, jener, der 1915 – 1918 die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ geschrieben hatte, lässt sich bedenkenlos ebenjener deutschnationalen Strömung der „Konservativen Revolution“ einordnen, die nicht nur teilweise zu intellektuellen Steigbügelhaltern und Sekundanten der NS-Ideologie werden sollte, sondern auch zum Vorbild neurechter Think Tanks der AfD wie Götz Kubitscheks „Institut für Staatspolitik“ geworden ist; jener Institution in Schnellroda, die Björn Höcke 2015 die Bühne für seine Rede vom „afrikanischen Ausbreitungstyp“ bot.

Man stelle sich einmal vor, Thomas Mann wäre nicht zu Kriegsbeginn ausgemustert worden, sondern im Ersten Weltkrieg gefallen. Statt der Abwendung von den Denkern der Konservativen Revolution und dem Bekenntnis zu Weimar wären die polemischen Äußerungen zum Einmarsch ins neutrale Belgien, die Bejahung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges und die Ansicht, dass niemals „der mechanisch-demokratische Westen bei uns Heimatrecht“ erhalten werde.

Manns Abwendung von den Nationalisten und sein Bekenntnis zur Demokratie erfolgte allerdings bereits 1922. Trotzdem stellt sich die Frage, wie politisch man die Novelle, die Alfred Kantorowicz immerhin als „Gipfelung seiner formalen Kunst“ bezeichnete, denn nun lesen kann. Sicherlich wird man dem Buch nicht gerecht, wenn man es ausschließlich als Parabel über den italienischen Faschismus liest. Der Autor selbst hat sie bisweilen als nahezu autobiographisches Ferienerlebnis dargestellt, bei dem er nur den Schluss umgedichtet habe. Wie stark Erzähltes und Erlebtes nun auch zusammenhängen mögen, das hieraus entstehende Sozialgefüge erweist sich als erschreckend präzise Warnung vor ideologisiertem Denken und Populismus allgemein.

Die Geschichte im Sinne einer Gleichsetzung Cipolla – Mussolini zu verstehen, würde ihr nicht gerecht, sie greift weit darüber hinaus und skizziert berichtend die Sozialdynamik sich totalisierender Gesellschaften. Sie erfährt ihren Reiz und gewiss auch ihre überzeitliche Aktualität, weil sie auch das Verlangen nach geschlossenen und totalen Weltbildern thematisiert. So wird in der Zauberveranstaltung das Verhältnis des Diktators zur gleichermaßen elektrisierten wie paralysierten Masse erfasst. Wie auch immer man das Ende der Novelle, das hier nicht vorweggenommen werden soll, auch interpretiert, so ist doch ein Detail erwähnenswert: Es sind nicht die aufgeklärten, intellektuellen und gebildeten, ja verstehenden, Kreise des Bürgertums – denen ja auch der Ich-Erzähler entstammt –, die dem Spuk des Cavaliere ein Ende machen, sondern der Kellner Mario. Dem Großteil der Zuschauer gelingt es in ihrer Trägheit und Willenlosigkeit nicht, die nur allzu offensichtliche Katastrophe abzuwenden.

Es ist sicherlich kein Anzeichen von Alarmismus, hier Gegenwartsbezüge erkennen zu wollen.


Titelbild: Cover: „Die Toten“ © Kiepenheuer & Witsch, Cover: „Vom Ende der Einsamkeit“ © Diogenes Verlag, Cover: „Mario und der Zauberer“ © Fischer Verlage, Cover: „Fallensteller“ © Luchterhand, Cover: „Verschwörungstheorien“ © transcript Verlag, Cover: „Die Vegetarierin“ © Aufbau Verlag, Cover: „Hool“ © Aufbau Verlag, Cover: „Hart auf hart“ © Hanser Literaturverlage, Cover: „Der goldene Handschuh“ © Rowohlt Verlag, Cover: „Open City“ © Suhrkamp Verlag