Schlagwort: Suhrkamp Verlag

Buchtipps für die Quarantäne

Norbert Elias Über die Einsamkeit der Sterbenden

Lesen hilft so oder so. Ob zur Ablenkung in der Quarantäne oder zur Einordnung von Isolation, Wahnsinn, Leben und Tod. Welche Buch- oder eBook-Händler ihr im Moment auch unterstützen möchtet, hier sind ein paar Titel für eure Bestellliste.


Dirk Sorge empfiehlt …

 

Wenn ich mich nicht irre von Geert Keil

In den letzten Wochen ist vielen von uns wieder bewusst geworden, wie wichtig es ist, sicheres und verlässliches Wissen über die Welt zu erlangen.

Wir müssen uns auf Aussagen verlassen, die wir nicht alle bis ins letzte Detail nachprüfen können. Wir haben aber auch erlebt, dass selbst Wissenschaftler٭innen und Expert٭innen sich irren können. Wir alle sind fehlbar. Geert Keil analysiert die Fehlbarkeit als eine grundlegende menschliche Eigenschaft und untersucht, wie sie mit den Begriffen Wissen und Wahrheit zusammenhängt. Das schmale Büchlein gliedert sich in 11 Kapitel und wendet sich ausdrücklich nicht an Fachleute, sondern an interessierte Laien. Philosophisches Vorwissen wird nicht vorausgesetzt (kann aber nicht schaden, um den anspruchsvollen Gedankengang leichter nachzuvollziehen).

Die Lektüre von „Wenn ich mich nicht irre“ tut gut, denn Geert Keil rehabilitiert den Wissensbegriff, den wir jetzt dringender denn je brauchen. Einer radikalen grundlosen Skepsis erteilt er genauso eine Absage wie der Selbstüberschätzung des eigenen epistemischen Standpunkts.

Keil räumt in dem Buch mit einem populären Fehlschluss auf: Aus der Tatsache, dass wir uns irren können und nie sicher sein können, ob unsere Aussagen wahr oder falsch sind, folgt nicht, dass unsere Aussagen nie wahr sind und dass es gar keine Wahrheit gibt. Es folgt nur, dass wir die Möglichkeit des Irrtums nie ausschließen können und Fehler eingestehen müssen, sobald bessere Belege oder überzeugendere Argumente vorgelegt werden. Fehler zuzugeben, ist also kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen für Rationalität und Offenheit. Gute Wissenschaftler٭innen und Politiker٭innen räumen ein, wenn sie sich geirrt haben. Das unterscheidet sie von Scharlatanen, Esoteriker٭innen und Fanatiker٭innen.

Wenn ich mich nicht irre. Ein Versuch über die menschliche Fehlbarkeit erschien bei Reclam und hat 96 Seiten.

Bild: © Dirk Sorge

Franziska Friemann empfiehlt …

Grief Is the Thing with Feathers von Max Porter

Max Porter Grief is the thing with feathers

Was passiert, wenn ein Mensch plötzlich stirbt? Wie geht man mit der Leere um, die bleibt, wenn auch der letzte Kondolenzbesuch endet? Wie hält man den Schmerz und die Trauer aus?

In seinem Debütroman Grief is the Thing with Feathers widmet sich Max Porter auf überraschende, ergreifende, lustige und ehrliche Weise diesen Fragen. Ein Vater lebt mit seinen zwei Söhnen in London. Die Ehefrau und Mutter ist plötzlich verstorben. In einem Moment der Verzweiflung und der tiefen Trauer erscheint Crow, die Krähe – eben dieses Ding mit Federn – vor der Haustür der Familie und kündigt an, sie erst wieder zu verlassen, wenn sie nicht mehr gebraucht werde. Sie platzt in das Familienleben, ungehobelt, rotzfrech und gleichzeitig charmant. Allgegenwärtig und wenig zurückhaltend reißt die Krähe das Zepter innerhalb der Familie an sich.

CROW: “I was friend, excuse, deus ex machina, joke, symptom, figment, spectre, crutch, toy, phantom, gag, analyst and babysitter.”

Der Text wirkt seltsam lebendig, unbändig und schlicht wild. Er wechselt von Seite zu Seite die Perspektive – vom Vater zur Krähe, zu den Söhnen und wieder zurück. Auch sprachlich ist alles im Fluss. Prosatext wird durch lyrische Elemente gebrochen. Porter schafft, sozusagen federleicht, das Verschmelzen von Märchen, Wahn und der bitteren Realität der Trauer. Eine Geschichte, die noch lange nach Beenden der letzten Seite nachwirkt.

Grief Is the Thing with Feathers erschien 2015 bei Faber und hat 128 Seiten, die deutsche Übersetzung bei Hanser Berlin.

Bild: © Franziska Friemann

Lennart Colmer empfiehlt …

Rote Kreuze von Sasha Filipenko

Dass nur eine funktionierende Nachbarschaft bereichernd sein kann, hat die jetzige landesweite Quarantänesituation mit Sasha Filipenkos neuem Roman gemeinsam.

Wir schreiben das Jahr 2001 und sehen dem vom Schicksal gebeutelten Alexander bei der Wohnungsübergabe in einem Mehrparteienhaus in Minsk zu. Noch am selben Tag macht er die (anfangs widerwillige) Bekanntschaft mit seiner 90jährigen, an Alzheimer erkrankten Nachbarin. In lebhaften Rückblenden erzählt Tatjana ihre bewegende, vom sowjetischen System verstümmelte Lebensgeschichte, sodass sie schließlich auch zu einem Teil von Alexanders wird. Filipenkos Roman zeichnet ein stoisches wie einfühlsames Bild einer vom Sowjetsystem traumatisierten Gesellschaft, die noch Jahrzehnte später zwischen Erinnern und Vergessen schwankt. Bedrückend, herzlich, packend.

Rote Kreuze von Sasha Filipenko erschien 2020 bei Diogenes und hat 288 Seiten.

Tag der geschlossenen Tür von Rocko Schamoni

Der Titel des Romans scheint aktueller denn je.

Für Schamonis Antihelden Michael Sonntag hingegen stehen vielleicht sämtliche Türen offen, aber er hat wenig Elan, hindurchzugehen. Eingeschlossen in Lethargie und dem Gefühl der Sinnlosigkeit streift der Mittdreißiger ziellos durch Hamburg und legt paradoxerweise dadurch ein großes, kreatives Potenzial zutage, das Schamoni in unverwechselbarer Döspaddeligkeit schildert: Von dem Sammeln von Krankheiten in öffentlichen Räumen über jenes von Absagen bis zum vorgetäuschten Wärterjob in der Kunsthalle wird kaum etwas ausgelassen. So krude wie der Roman auch ist, so unterhaltsam und aus dem Leben gegriffen liest er sich.

Tag der geschlossenen Tür erschien 2012 bei Piper und hat 272 Seiten.

Rumo & Die Wunder im Dunkeln von Walter Moers

Ein Heldenroman wie man ihn nur selten findet, eine Liebesgeschichte wie keine zweite, eine einzigartige Reise ins Ungewisse.

Dieses Fantasy-Meisterwerk aus dem Hause Moers kann ich alle paar Jahre mit derselben Begeisterung lesen wie beim ersten Mal. Dass Harmlosigkeit ein Luftschloss ist, muss Rumo bereits in jüngstem Alter erfahren, als er seinem behutsamen Zuhause plötzlich entrissen wird. Statt den Kopf in den Sand zu stecken, lernt Rumo das Entdecken und das Kämpfen, was sich ihm in den verschiedensten Lebenslagen noch als nützlich erweisen wird. Eine mitreißendes, düsteres Märchen vom Erwachsenwerden und seinen Herausforderungen.

Rumo & Die Wunder im Dunkeln erschien 2003 bei Piper und hat 704 Seiten.


Filiz Gisa Çakir empfiehlt …

Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen von Norbert Elias

Norbert Elias Über die Einsamkeit der Sterbenden

Der Tod ist ein Problem der Lebenden. Tote Menschen haben keine Probleme.

Und er ist ein großes Problem. Unseren Umgang mit dem Thema Tod und Sterben beleuchtet der deutsch-britische Soziologe Norbert Elias in seinem essayistischen Werk „Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen“. Erschienen im Jahre 1982, ist es aktuell wie eh und je. Denn welches Thema liegt während einer Pandemie näher als unsere Vergänglichkeit? Aber Spaß bei Seite, auch wenn es schwer zu glauben klingt, ist dieses Buch keineswegs so deprimierend zu lesen, wie der Titel vermuten lässt!

Ganz im Gegenteil … Obwohl, erbauend ist es auch nicht unbedingt. Es ist nun mal die Realität, dass auch in „Nicht-Corona-Zeiten“ Menschen einsam und allein in einem Krankenhausbett oder in einem kahlen Zimmer im Altersheim sterben. Warum ist das so? Warum schieben wir diesen einzigartigen, wichtigen Moment so weit aus unserem Blickfeld? Aus Angst, Egoismus, oder ist doch der Kapitalismus schuld? Mit diesen Fragen setzt sich der Autor in seiner soziologischen Abhandlung auseinander. Ursachen, aber auch Folgen dieser Verdrängung der Sterblichkeit, die in den westlichen Industrieländern vorherrscht und im Auslagern der sterbenden Menschen oder auch im Zulauf (alternativer) religiöser Strömungen endet, werden analysiert und untersucht. Aber keine Sorge, dies geschieht in einer verständlichen und kurzweiligen Art und Weise.

Bei der Reflexion unserer Auffassung vom Tod und was für uns „gelungenes Sterben“ bedeutet, können wir viel über uns selbst und die Zivilisationsprozesse deren Teil wir sind, lernen. Gerade in Zeiten, die zum Innehalten zwingen, haben wir die Chance uns aufs Wesentliche zu besinnen und uns essentiellen Fragen jenseits der täglichen Zerstreuung zu stellen. Und genau dafür gibt dieser Text von Elias großartigen Input. Es ist kleines Büchlein voller schlauer Sätze und Aha-Effekte, welches in wirklich keinem vernünftigen Bücherregal fehlen sollte!

Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen erschien 1982 bei Suhrkamp und hat 264 Seiten.

© Filiz Gisa Çakir

Lukas Lehning empfiehlt …

Manhattan Beach von Jennifer Egan

In Manhattan Beach lernen wir eine junge Amerikanerin kennen, die sich in den 40er Jahren in New York für den Zweiten Weltkrieg engagiert.

Dies tut sie, indem sie sich in der Marinewerft als Unterwasserschweißerin meldet – ein Knochenjob. Dabei kämpft sie nicht nur mit den Grenzen ihres Körpers, sondern auch mit denen der Gesellschaft. Weder ihr Chef noch ihre Kollegen und Kolleginnen trauen ihr diese Tätigkeit zu. Doch nach zahlreichen Rückschlägen, Enttäuschungen und Zufällen zu ihren Gunsten erreicht sie ihr Ziel: Die Heldin ist, nur umgeben von unendlichen Wassermassen und repariert den Rumpf eines Kriegsschiffs. Hierbei gelangt sie jedoch nicht nur auf den Grund des Hudson Rivers, sie erfährt auch, warum ihr Vater vor vielen Jahren spurlos verschwunden ist.

Jennifer Egan schreibt weniger ein Buch über eine junge Patriotin, als dass sie das Portrait einer Gesellschaft zeichnet, in der junge Frauen gesagt bekommen, was sich für sie schickt und was nicht, in der ihnen eine feste Rolle zugeschrieben wird und in der Ausbrechen nicht vorgesehen ist. All diese – erschreckend aktuellen Beobachtungen – verpackt Egan in einen Roman, der halb Gesellschaftskritik und halb Kriminalroman ist. Und genau darin liegt die Stärke dieses fast fünfhundert Seiten umfassenden Buches. So unbefangen, wie die Hauptdarstellerin zwischen New Yorker Nachtleben der 30er und 40er Jahre und der Arbeit in der Werft hin und her tanzt, gelingt es Egan, ein schwieriges Thema mitreißend zu erzählen.

Manhattan Beach erschien bei S. Fischer und hat 488 Seiten.

Bild: © Lukas Lehning

Ann Cotten – Lyophilia

Lyophilia ist ein zähes, schwer lesbares und stellenweise ganz wunderbares Buch. Der Suhrkamp-Verlag, der die Bücher der österreicherischen Autorin verlegt, nennt es Science-Fiction auf Hegelbasis. Das meint wahrscheinlich, dass das Buch dialektisch angelegt sei. Tatsächlich besteht Lyophilia hauptsächlich aus zwei längeren Erzählungen, die sich antithetisch gegenüberstehen. In der Erzählung „Proteus“ geht es um eine Dreiecksbeziehung des Musikers Zladko zur slowenischen Politikerin Ganja und ihrem Sohn Igor. Die Geschichte ist in einer nahen Zukunft angesiedelt in der es Sex-Roboter gibt, aber die Menschen noch auf der Erde leben.


Diese Zukunft hat die bekannten Fragen und Probleme der Gegenwart zugespitzt: „Die Unruhigen übertünchen ihre krankhafte Unruhe, indem sie die Ziele ihres Strebens mit den Vorschlägen der Werbung streamlinen. Der Werbung oder ihrer Eheleute. Die können genauso wenig wie ich Ordnung schaffen und in der Sonne liegen, aber ihr Chaos und ihre Unruhe wird in Anzüge, Villen, automatische Autos oder gedankenabwesende Kinderbetreuung gespeist.“

Zladko, der Ich-Erzähler in „Proteus“ spielt Saxofon in einer Band, deren größter Hit „Lyophilia“ heißt. Das Wort bezeichnet die Gefriertrocknung und ist eine Möglichkeit Körper für die Ewigkeit zu konservieren. In der Erzählung „Proteus“ spielt dieses Prinzip kaum eine Rolle, dafür in der zweiten längeren Geschichte „Mitteilungen vom Planeten Amore [KAFUN]“. Die Protagonist٭innen leben auf einer weit entfernten Kolonie, die sie durch eine Zeitreise erreicht haben. Für diese Zeitreise wurde ihr Geist gefriergetrocknet – lyophilisiert.

Diese Erzählung ist deutlich hermetischer. Verschiedene Protagonist٭innen einer Gruppe von Siedler٭innen des Planeten Amore [KAFUN] berichten von ihrem Leben auf diesem Planeten und ihren Beziehungen untereinander. Jetzt fährt Ann Cotten das komplette Science Fiction-Arsenal auf: ferne Planeten, Zeitreisen, Klonen. Die Haupterzählerin nimmt ihren Lebenspartner „Emile“ nur im Plural wahr. Dadurch entstehen Sätze wie: „Emile rollen, bleiben auf den Rücken liegen, die Knie verlangsamt wie bei einer nachdenklichen Spinne. Er scheinen zu überlegen, ob er weiterrollen sollen oder wollen, picken sich einen Grashalm vom Pullover. Rollen plötzlich wieder los, aber fast zitternd vor Unentschiedenheit.“

Solche Einfälle machen Lyophilia zu einem interessanten Prosawerk. Frustrierend sind dagegen die zahlreichen anderen Einfällen, die sich zwischen den Zeilen andeuten. Teilweise sind sie in den begleitenden kürzeren Texten versteckt. Eine dieser Theorien ist, dass die Außerirdischen den Menschen das Sprechen beigebracht haben. Doch wahrscheinlich haben die meisten Leser٭innen frustriert von zu viel Verrätselung aufgegeben, bis sie sich diese Konstrukte erschlossen haben. Zudem konnte Ann Cotten der postmodernen Versuchung nicht widerstehen, aus Lyophilia ein Buch über das Erzählen selbst zu machen. Die Figuren in „Mitteilungen vom Planeten Amore [KAFUN]“ gründen zum Beispiel einen Literaturclub. Ob sie dort Lyophilia lesen würden, ist unwahrscheinlich. Damit entgehen ihnen einige interessante Einfälle, aber sie ersparen sich eine Menge Frust.

Coverbild: © Suhrkamp Verlag

Grazer Gastritis

Clemens J. Setz kehrt im Erzählband „Der Trost runder Dinge“ mit schrägen Metaphern und Figuren zu seinen literarischen Wurzeln zurück.


Die Erkenntnis, dass wir letzten Endes wenig voneinander wissen und ungesehen vor uns hinvegetieren, ist ja nicht neu. Allein, die Coping-Strategien der Protagonist٭innen aus Clemens Setz’ jüngstem Buch kann man – euphemistisch gesprochen – zumindest als unorthodox ansehen. Der alleinerziehende Familienvater Zweigl zum Beispiel versucht ausgerechnet über seine psychische Erkrankung ein Verhältnis zu seinen Kindern aufzubauen. Er leidet seit seiner Jugend unter Panikattacken und entfremdet sich zusehends von seinen beiden Söhnen, denen er die Angstschübe nicht begreiflich machen kann. Als sein ältester Sohn ähnliche Symptome wie er selbst entwickelt, diese sich aber zum Ende der Geschichte hin allerdings als nicht psychosomatisch, sondern als Folge einer Gastritis herausstellen, ist Zweigl nahezu enttäuscht, dass die aufblühende Beziehung wieder in sich zusammenfällt und er allein und auf sich zurückgeworfen bleibt.

Fast alle Figuren aus der Welt der runden Dinge leiden an der Einsamkeit und der Unmöglichkeit, sich dem Mitmenschen verständlich zu machen. Ihnen widerfahren zum Teil schreckliche Dinge in einer Welt, die genauso schräg und verzerrt zu sein scheint, wie die Metaphern und Vergleiche, mit denen der Erzähler sie beschreibt. Das erzeugt erst einmal Mitgefühl, beispielsweise mit dem Ich-Erzähler aus „OTTER OTTER OTTER“, der recht zurückgezogen vor sich hinlebt und sich hingebungsvoll um seine alte und sich dem Lebensende nähernde Katze kümmert.

Man freut sich über sein Date mit der blinden Kundin Anja aus dem Café, in dem er arbeitet, und über die behutsam gezeichnete und fragile Beziehung, die sich anbahnt. Doch wie in den meisten anderen Erzählungen bricht auch in dieser Geschichte mehr und mehr das Unbehagen in den Alltag ein und das Monströse hält Einzug: Als der Erzähler Anja zum ersten Mal in ihrer Wohnung besucht, findet er alle Räume mit obszönen Schmierereien verunstaltet vor. Ähnlich wie der Erzähler in Stefan Zweigs berühmter „unsichtbarer Sammlung“, dem sein blinder Kunde voller Stolz nur leere Blätter statt seiner längst durch die Kinder verhökerten wertvollen Kunstsammlung vorlegt, scheut auch hier der Ich-Erzähler vor der Wahrheit zu zurück und verstrickt sich darüber hinaus auch noch immer weiter in seine eigene zwanghafte Gedankenwelt.

In nahezu allen Geschichten schafft es Setz grandios, Intimität und Entfremdung, Trauriges und Schönes, Tragisches und Tröstliches miteinander zu verweben. Oft sind es hierbei die synästhetisch und nonverbal wahrgenommenen Dinge, die den Figuren der Geschichten Trost spenden, „überhaupt runde Sachen“, bekennt Zweigl, machen das Leid erträglicher und lindern die Angst. Und so sind es vor allem Dinge, die den Erzählungen ihren Kitt geben und sie miteinander verbinden. Achselhöhlen tauchen oft auf und auffallend oft Katzen. Überhaupt sind es kleine Geschöpfe, denen Setz in seinen zum Teil miniaturhaft kurzen Geschichten geradezu zärtlich Zuneigung angedeihen lässt.

Diese Nähe, die Setz zu den Gestalten erzeugt, steht im krassen Kontrast zu den bizarren Ausgangspunkten der meisten Erzählungen. Annamaria Perchthaler zum Beispiel, Mutter eines Teenagers im Wachkoma, will unbedingt Sex mit einem Callboy im Kinderzimmer haben. „Er bekommt ohnehin nichts mit“, antwortet sie auf die entgeisterte Frage des Callboys, warum sie das denn wolle, und es ist spürbar, welche Antwort sie sich wünscht. „Was? Klar bekommt der was mit!“

Setz zeigt seine Figuren in kuriosen, teilweise erbärmlichen Situationen, doch niemals werden sie zynisch oder würdelos dem Spott preisgegeben. Ihre Innenwelten offenbaren zumeist eine verzerrte Wahrnehmung des Alltäglichen. Dies vermittelt Setz mit der ihm eigenen Sprachwelt, in der seine Figuren Katzen als „kompakt wie Brot“ sehen oder Äpfel essen, die nach Fahrradgeschäft schmecken. Die Unfähigkeit, dieser subjektiv empfundenen Welt auch nach außen hin Ausdruck zu verleihen, lässt die Kommunikation zwangsläufig scheitern und führt die Protagonist٭innen in tiefe moralische Abgründe. Bei allem Wahnwitz macht sich Setz nie über seine Geschöpfe lustig, sondern zeichnet sie so einfühlsam, dass man dann am Ende doch mit ihnen ob ihrer scheiternden Kommunikation nicht nur Mitleid empfindet, sondern auch selbst gewahr wird, wie die Realität des jeweils anderen von der eigenen Wahrnehmung der Welt abweichen kann. So verstörend diese Erkenntnis ist, scheint dies jedoch ein allzu menschliches Problem zu sein. Und das wiederum ist doch wahrlich tröstend.

Der Trost runter Dinge von Clemens J. Setz erschien am 11. Februar im Suhrkamp Verlag und hat 320 Seiten.

Beitragsbild: © Suhrkamp Verlag

Judith Schalanskys neuentdeckte Sachlichkeit

Was bleibt uns von verlorengegangenen Gegenständen, Kunstwerken, Orten, Tierarten oder Personen? Erinnerungen vielleicht? Oder Ruinen, schlechte Gewissen, Kopien, Textfetzen, Mythen? Judith Schalansky wagt mit „Verzeichnis einiger Verluste“ eine erstaunlich breite Aufstellung einiger solcher Verluste der Weltgeschichte, vom Kaspischen Tiger über Sapphos Gesamtwerk bis zum Palast der Republik, und führt uns dabei auch die Weite und Brutalität erzählerischer Grenzen vor.


Ein Sachbuch? – Eben nicht.

Eine Frage wirft das Judith Schalanskys „Verzeichnis einiger Verluste“ schon vor dem Aufschlagen auf: Ist es eigentlich ein Sachbuch oder ein Belletristikband? Von außen betrachtet definitiv Sachbuch. Die nur grundsätzlich thematisch zusammengehaltenen Kapitel erzählen ja keine geschlossene Geschichte. Die Perspektiven sind unstet und der Aufbau erscheint wissenschaftlich und um die Klärung einer Forschungsfrage bemüht. Doch das vermeintliche„Verzeichnis“ stellt sich schon kurz nach dem Aufklappen als literarische Anthologie heraus, dessen wissenschaftsartiger Ausgangspunkt bloß ein Stilmittel ist.

Jedes Kapitel beginnt mit der Benennung eines Verlustes, der in knapper Form sachlich beschrieben wird – mit einer kurzen Datierung von dessen historischen Auftauchen und Verschwinden. Doch anstatt an diese wenigen Zeilen eine nüchterne Ausführung mit dem Anspruch auf Ausführlichkeit zu hängen, entscheidet die Autorin sich für einen anderen Anspruch: verständlich zu machen, was da verloren gegangen ist. Dabei erfindet sie Miniwelten, die sich radikal voneinander unterscheiden und den Lesefluss teilweise ganz bewusst blockieren.

Hooklines der Freejazz-Belletristik

Andersherum betrachtet zeigt sie mit ihrem nerdigen, ja, teils abweisenden Schreibstil, dass sie ihre Leser٭innen ernstnimmt, indem sie sie herausfordert. Diese begeben sich Kapitel für Kapitel auf Suchen, nicht zuletzt nach der Verbindung des verzeichneten Verlustes zur darauf aufgebauten Erzählung. Denn die Verbindungen sind teilweise weit hergeleitet. Ein Beispiel: Wir betrachten den Verlust des 1919 gedrehten Stummfilms „Der Knabe in blau“. Anstatt dessen Entstehungsgeschichte, die Biographie seines Regisseurs Wilhelm Friedrich Murnau oder etwa den Grund dafür nachzuvollziehen, warum er nie uraufgeführt wurde und heute kein Exemplar von ihm mehr existiert, widmet Schalansky sich lieber Greta Garbo.

Die hat zwar keine Verbindung zu dem verlorenen Film, (außer dass sie, worauf Schalansky allerdings nicht eingeht, große Verehrerin Murnaus war,) aber hat in jungen Jahren einen eigenen großen Verlust verursacht und erlitten, als sie sich völlig vom Filmgeschäft abwandte und für ihre letzten 50 Lebensjahre völlig ins Privatleben zurückzog. Ihren Alltag füllte sie seitdem unter anderem mit langen Spaziergängen durch New York, was Schalansky in einem nachdenklichen Monolog aufgreift, der zum einen nachfühlen lässt, wie in Hollywood oder in den Medien überhaupt oder in der menschlichen Wahrnehmung generell vergessen wird und zum anderen, wie sich Vergessensein anfühlt.

Judith Schalansky baut an vielen Stellen ihrer fragmentarischen Kurzgeschichtensammlung kleine literarische Denkmäler, wem diese gebühren, und findet für die verschiedensten Themen prägnante Außenseiterperspektiven. Zum Palast der Republik wählt sie eine Kurzgeschichte, die in der DDR spielt und nur ganz am Rande die damalige Bedeutung des Gebäudes, das es nicht mehr gibt, in einem Alltag, den es nicht mehr gibt, in einem Staat, den es nicht mehr gibt, beleuchtet.

Ein anderer Glanzpunkt ist die archaische Erzählung über ein Kaspisches Tigerweibchen, das am Rande des Römischen Reichs gefangengenommen, wochenlang in dessen Zentrum transportiert, in den Katakomben des Kolosseums ausgehungert und gequält wurde, um schließlich im Vorprogramm eines Gladiatorenkampfs gegen einen Löwen anzutreten, den beide gemäß der Tagesordnung und des Publikumsgeschmacks nicht überleben sollten. Am Aussterben der Art tragen die Römer natürlich keine Schuld. Denn die starb ja erst im 20. Jahrhundert aus, als der Mensch schon viel weiterentwickelt war und sich statt blutigen Kämpfen lieber der Wildtierdressur im Zirkus widmete.

Verzeichnis einiger Versuche

Dadurch, dass das Buch sich eindeutig als Belletristik, wenn auch einer Freejazz-Variante davon, identifizieren lässt, kann man ihm nachsehen, dass es Judith Schalansky nicht an jeder Stelle gelingt, eine kritische sprachliche Distanz zu den Themen und ihren Begriffssystemen aufzubauen – auch wenn das in einigen Kapiteln gerade das Besondere ihres Erzählstils ist: diese Metaebene, die Verbindungen herstellt, ohne unnötig zu moralisieren. Viel lieber taucht sie an anderen Stellen tief in die unterschiedlichsten Materien ein, dringt in kleinste Details vor und bohrt in Emotionen, um verlorene Lebenswelten nachzuvollziehen. Was an manchen Stellen genial und wunderbar zu lesen ist, kann an anderen auch überfordern, verrennt sich manchmal gar und lässt den Gedanken zu, dass die Entstehung der einzelnen Kapitel den Regeln von Versuch und Irrtum folgten, wobei nicht nur die erfolgreichen Versuche am Ende ihren Platz im Buch fanden.

Man kann dem Buch andererseits beileibe nicht vorhalten kann, es sei angepasst, bequem oder oberflächlich. Es möchte nicht um jeden Preis gefallen, sondern ohne Rücksicht auf Konventionen den gesamten sprachlichen Horizont einer Frage beleuchten: Wie funktionieren Verlieren, Vergessen und Erinnern? Am Ende der Lektüre bleibt auf der einen Seite das Gefühl, die Antwort verstanden zu haben, ohne sie mit anderen Worten oder Mitteln erklären zu können als Judith Schalansky es tut. Auf der anderen Seite bleibt eine große Anhäufung wahllosen Wissens. Darüber, dass der Gründungskern von Greifswald im 30-jährigen Krieg zerstört und nie rekonstruiert wurde. Dass Stahl des Palasts der Republik eingeschmolzen wurde und im Burj Khalifa wiederverwendet wird. Dass das gedruckte Buch noch nicht verloren ist.

Judith Schalanskys „Verzeichnis einiger Verluste“ erschien am 22.10.2018 im Suhrkamp Verlag und hat 252 Seiten.

Beitragsbild:
Ausschnitt einer Kopie des 1931 zerstörten Gemäldes des Hafens von Greifswald aus dem Jahr 1810 vom 1840 verstorbenen Caspar David Friedrich
(Quelle: Wikimedia Commons)

Identität gesucht: Sasha Marianna Salzmann: Ausser sich

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Sasha Marianna Salzmann erzählt in ihrem Prosadebüt die Geschichte von Zwillingen, die auf der Suche nach ihren Identitäten Konventionen und Grenzen überwinden – ein sprachgewaltiges und experimentierfreudiges Buch über den Kampf mit der der Frage „Wer bin ich?“.


Sasha Marianna Salzmann war bislang vor allem als Hausdramatikerin des Berliner Gorki Theaters bekannt. Doch nun hat die 1985 in Wolgograd geborene Autorin den Schritt zum Roman gewagt und ist dabei vielen ihrer dramaturgischen Mittel treu geblieben. Ausser sich ist der Titel ihres Prosadebüts, das es auf Anhieb auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat – ein Titel, der bereits das große Thema des Romans andeutet: die Überschreitung weltlicher, gesellschaftlicher und persönlicher Grenzen auf der Suche nach dem „Ich“.

Das Thema der Grenzüberschreitung begegnet uns bereits auf den ersten Seiten des Romans. Die junge Alissa, genannt Ali, begibt sich auf die Suche nach ihrem Zwillingsbruder Anton. Einzige Spur ist eine Postkarte, die ohne Text und Absender aus Istanbul verschickt wurde. Als Ali schließlich die Grenze in die Türkei überschreitet verspürt sie den bekannten Geschmack von Hähnchenfleisch auf der Zunge, den sie noch von ihrer ersten Reise in die alte Heimat, Moskau, kennt, als sie noch ein kleines Mädchen war. Mit diesem einfachen szenischen Trick inszeniert Salzmann sprachlich die Dramaturgie eines  Romans, der von komplexen Verflechtungen einer Familie bestimmt wird, deren Mitglieder auf der Suche sind: auf der Suche nach ihrer Heimat, nach Geborgenheit und vor allem nach sich selbst. Um diese verworrene Sinnsuche darzustellen, sprengt Sasha Marianna Salzmann sprachliche und erzählerische Konventionen. Die Prosa des Romans ist verschachtelt, lebendig und wild – verworrene Sinneseindrücke durchbrechen immer wieder Wahrnehmungen der Hauptfigur, die Zeitwahrnehmung wird verzerrt, Halluzinationen vermischen sich mit Realität, Erinnerungen mit Wahnvorstellungen.

Und trotz dieser sprachgewaltigen Prosa bietet Ausser sich auch inhaltlich jede Menge Substanz. Über fast 100 Jahre erstreckt sich die Geschichte der Familie Tschepanow, die aus der Sicht von vier Generationen multiperspektivisch erzählt wird. Es ist eine Geschichte von Migration und Ausgrenzung. Ali und Anton fliehen als Kinder von russischen Juden von Moskau nach Deutschland und erfahren sowohl in der alten als auch in der neuen Heimat, wie schmerzhaft die Dynamiken der  Exklusion sein können. Halt finden die beiden Zwillinge in ihrer Zuneigung zueinander, doch nachdem Ali ihr Mathestudium abbricht, verschwindet Anton und Ali macht sich nach Istanbul auf, um ihn zu finden. Doch die Suche nach ihrem Bruder wird vor allem auch eine Suche nach dem eigenen „Ich“ – und ein Hinterfragen, wer denn eigentlich die Identität bestimmt. Ali hinterfragt nicht nur ihre Herkunft, sondern auch ihre Geschlechtsidentität und sieht gar nicht ein, warum sie zulassen sollte,  dass ihr irgendwelche Label aufgedrückt werden. So lernt sie in Istanbul eine Transperson kennen und beginnt eine selbstverordnete Hormontherapie, geht ihren eigenen Weg.

Genau wie Ali’s fluide Genderidentität ist der gesamte Debütroman von Sasha Marianna Salzmann kaum zu labeln. Die Erzählperspektive springt nicht nur wild zwischen Personen, Orten und Zeiten, sondern transformiert sich mit  seinen Figuren – inklusive Angleichung des Personalpronomens. Salzmann hat mit diesem Roman ein Debüt hingelegt, das Grenzen und Konventionen sprengt und Lust macht auf eine neue Gegenwartsliteratur, die sich nicht davor scheut die bekannten Pfade zu verlassen und einen Schritt ins Unbekannte zu gehen.


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Sasha Marianna Salzmann: Ausser sich
Roman

366 S., geb.

ISBN: 978-3-518-42762-0

22 €

erschienen am 11.09.2017 im Suhrkamp Verlag

Suizidale Meditationen

Marion Poschmanns Die Kieferninsel ist erzählt wie ein System aus Informationen, die am Ende einer Reise das Bewusstsein durchströmen wie ein komplexer Traum. Oder grüner Tee.


Worum geht es inhaltlich? Der Kulturwissenschaftler Gilbert Silvester wird von einer Information aus seinem Privatleben aus der Bahn geworfen und entscheidet sich kurzerhand für eine Japanreise. Das Gute ist: Er hat Geld und Semesterferien, braucht im Grunde nur einen Konferenzvortrag abzusagen und kann so lange in Japan bleiben, wie er möchte. Das Schlechte: Eigentlich passt eine Japanreise nicht in sein Weltbild. Zum einen probiert er Länder mit überdurchschnittlichem Teekonsum zu meiden.

„Eine Tradition der Sichtbarkeit, der Vorhandenheit, der Deutlichkeit. In Kaffeeländern lagen die Dinge offen zutage. In Teeländern spielt sich alles unter dem Schleier der Mystik ab.“

Zum anderen forscht er momentan zu dem Thema „Bartmode und Gottesbild“, und japanische Männer tragen keine Bärte. Dazu sind Silvester drei Theorien bekannt.

„Die langweiligste war biologistisch: Manchen asiatischen Völkern fehlte ein Gen oder was auch immer für den Bartwuchs verantwortlich zeichne, so daß sie, wenn überhaupt, nur äußerst spärliche Bärte entwickelten, die in ihrer Spärlichkeit nicht als Statussymbol taugten und daher lieber abrasiert würden.“

Die beiden anderen sind spannender. Doch im Grunde genügt ihm die erste schon, um kurz nach seiner Ankunft in Tokio Anschluss zu finden und in Yosa Tamagotchi, einem jungen Mann mit mysteriösem Schnurrbart, dessen Bedeutung ihm schnell klar wird, einen Reisebegleiter zu finden. Viel Spaß haben beide nicht gemeinsam, da der Japaner eine noch deutlich ernstere Lebenskrise durchmacht als Silvester. Dennoch macht es beim Lesen Spaß, sie einander in ihrer Unterschiedlichkeit begegnen zu lassen. Gemeinsam starten sie eine Reise durch ein Japan, dessen Natur von mystischer Schönheit zu sein scheint, dessen Kultur Gilbert Silvester bzw. Marion Poschmann aber als äußerst zwanghaft auffasst: beginnend mit einem Ordnungs- und Reinigungszwang, in den auch die Unterdrückung der Körperlichkeit spielt, über einen Höflichkeitszwang bis hin zu dem Zwang, sich um jeden Preis in der Gesellschaft beweisen zu müssen und den Freitod als notwendige Konsequenz für Scheitern zu akzeptieren.

Ihr Reiseplan ist ein Kompromiss aus zwei Routen: einem klassischen Pilgerpfad des legendären Haiku-Dichters Matsuo Bashō und dem neuzeitlichen Complete Manual of Suicide mit den beliebtesten und würdigsten Selbstmordorten Japans. Der gemeinsame Plan führt über Hochhaussiedlungen, durch Wälder, berühmte Bahnhöfe zu beeindruckende Klippenküsten, wo sie immer wieder auf historische Tempel treffen und zur Erkentnissicherung selbst Haikus schreiben. Der Bildungsreisende möchte seinem zugelaufenen Schützling durch seine eigene Faszination die japanische Lebensweise wieder nahebringen machen und ihn an seinen kulturellen Meditationen teilhaben lassen. Zwar ist dies in seinem eigenen Weltbild ein herzensguter Ansatz, aber es ist wohl auch nicht ohne Grund keine gängige Therapieform.

Japan als kultureller Spiegel?

Auffällig ist trotz der Originalität des Settings eine Ähnlichkeit der Geschichte zu Christian Krachts Die Toten. Beide Romane erzählen von Japanaufenthalten, die in Tokio beginnen und auf die kleineren Inseln des Nordens führt. Sie leben von einer ähnlichen Begeisterung für die japanische Kultur, insbesondere die darin verankerte vermeintliche Todessehnsucht. So kommen beide Texte schon während der ersten Seiten auf Seppuku, jene rituelle, brutale Samurai-Tradition des Ehrenselbstmords, zu sprechen. In dessen Tradition sehen Poschmann wie Kracht oder zumindest ihre Hauptcharaktere die Morbidität des modernen Japans begründet.

Doch während erstere nun in ebendieser einen zentralen Unterschied zur deutschen Gesellschaft sieht, markiert letzterer hier die wesentliche Gemeinsamkeit. Ein paar weitere Unterschiede sind dabei zu berücksichtigen: Die Toten spielt in den 1930er-Jahren, Die Kieferninsel heute. Und Christian Kracht ist im Gegensatz zu Marion Poschmann selbst kein Deutscher, sondern genau wie sein Hauptcharakter Emil Nägeli Schweizer. Schreibt er über „die deutsche Kultur“, tut er dies aus vermeintlicher Objektivität heraus als Provokateur. Marion Poschmann scheint ein solches Vorgehen fremd und geht in ihrer Arbeit deutlich subtiler und bescheidener vor. Die Kieferninsel und Die Toten haben am Ende vielleicht nur die eine große Gemeinsamkeit: Sie verraten viel mehr über deutsche Kultur, Denkmuster und Sehnsüchte als über japanische.

Wer meditiert hier?

Gilbert Silvester als deutscher Proto-Geisteswissenschaftler etwa stellt sich als beileibe nicht weniger verspannt und zwanghaft heraus als das von ihm kritisierte Umfeld heraus. Bemerkenswert an Die Kieferninsel ist vor allem ihr Erzählstil, der sicher nicht allen gefallen wird, andererseits aber wohl ausschlaggebend für alle Literaturpreise ist, die das Buch noch erhalten könnte. Im Prinzip setzt sich der gesamte Roman bloß aus Eindrücken zusammen, die zu allen besuchten Orten den zum Verständnis wichtigen gedanklichen Rahmen herstellen. Absätze machen nicht unmittelbar klar, ob in ihnen die erzählte Geschichte vorangetrieben oder der erinnerte oder kulturelle Rahmen weiter beleuchtet wird, der sie umgibt. E-Mails heben sich bloß durch Anredeformeln vom Fließtext ab. Und Dialoge mit Anführungszeichen zu kennzeichnen wäre für das Buch ebenfalls zu explizit. Sie fügen sich viel lieber stumm ein in den Informationsstrom. Liest man Die Kieferninsel, muss man sich ständig neu orientieren, in welcher Zeit und auf welcher Ebene man sich nun grad befindet. Dabei ist die Erzählweise deutlich sortierter und schärfer als ein blank notierter Stream of Consciousness.

So eingenommen man beim Lesen von den gewohnten Erzählkonventionen ist, mit denen das Buch bricht, und so kryptisch es dagegen wirkt – es scheint doch recht nah daran zu kommen, wie man tatsächlich eine solche Reise erleben würde. Oder wie man das Erlebte am besten ausdrücken könnte, wenn man die Reise eben nicht zu einer Geschichte fiktionalisiert, sondern einfach reflektiert, wie sie einem vorkam. Das Buch funktioniert als Meditation für alle Beteiligten: für seine Charaktere, seine Autorin, seine Leser٭innen. Jede٭r muss die eigenen Zwänge selbst erfahren. Das muss man erstmal wollen. Aber es könnte einen verändern.

Quelle: YouTube

Aufgeführte Zitate stammen aus Die Kieferninsel von Marion Poschmann. Der Roman hat 165 Seiten und erschien im Suhrkamp Verlag.

Titelbild: © Suhrkamp Verlag

Auf eine Pfeife mit Max Frisch

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Was kommt dabei heraus, wenn ein Schriftsteller, der eigentlich keine Interviews geben will, sein Leben lang von Journalisten belagert wird? Genau: ein Band, der gesammelte Gespräche mit ihm versammelt.


Naja, zumindest trifft das im Fall des Schweizer Autoren Max Frisch zu. Denn der Literaturwissenschaftler und Präsident der Max-Frisch-Stiftung an der ETH-Zürich, Thomas Strässle, hat jetzt ein eben solches Buch mit dem Titel „Wie Sie mir auf den Leib rücken“ mit den Interviews und Gesprächen, die Frisch im Lauf seiner literarischen Schaffensphase gegeben hat, herausgegeben und will damit sowohl die Gattung des Schriftstellerinterviews hervorheben sowie dem Œuvre Frischs mit Frisch auf den Grund gehen.

14 Texte, nebst einem erklärenden Vorwort, versammelt das Buch, und unterschiedlicher könnten die Gespräche nicht sein: Vom fiktiven Interview, das eine Rezension ersetzen soll, über Gespräche mit dem Magazin Brigitte, christlichen Zeitungen und anerkannten Feuilletons, bis hin zu einem Interview mit einem sowjetischen Medium ist alles mit dabei. Auch eine breite Zeitspanne umfasst der Band, von 1934 bis 1989, und gibt dabei einen Gesamtüberblick über die charakterliche und literarische Entwicklung des Autors. Mit der Auswahl der Texte will Strässle somit ein pars pro toto zu Frischs Positionen vorlegen. Teils wurden die Interviews schon in Zeitungen oder anderen Büchern publiziert, teils versammelt „Wie sie mir auf den Leib rücken“ auch erstmals veröffentliche und ungekürzte Artikel.

Zugegeben: Zuletzt stand Strässle in der Kritik, weil er Frischs Berliner Journal, entgegen Frischs testamentarischen Bestimmungen, nur als gekürzte Nachlassschrift editieren konnte, um die Rechte darin auftauchender Privatpersonen zu schützen. Die Auswahl, die er jedoch für „Wie Sie mir auf den Leib rücken“ getroffen hat, ist inhaltlich jedoch wesentlich adäquater. Denn das thematische Spektrum ist breit, und der Überblick über einzelne Werkphasen ist dem Herausgeber eindeutig gelungen. Die Interviews handeln oft von Frischs aktuellen Werken, seiner schwierigen Beziehung zur Schweiz, seinen Auslandsaufenthalten in Italien und USA, seiner Sozialkritik – etwa an der Blockbildung von Atommächten und der Aufrüstung im Kalten Krieg, auch in der Schweiz, an repressiven Diskussionskulturen und am Kapitalismus im Besonderen –, aber auch seine Beziehung zu seinem Mentor, dem großen Bertolt Brecht (genauer: seinem epischen Theater), spielt immer wieder eine entscheidende Rolle.

Dabei zeigt sich, dass Frisch, der ja eigentlich keine Interviews mag, und Tonbänder schon gleich gar nicht, ein hervorragender, aber (oder gerade deswegen) schwieriger Gesprächspartner ist, quasi ein Meister der Konversation. Bestimmte Kommentare zu politisch motivierten Texten lehnt er häufig ab, um nicht auf erstere reduziert zu werden. Passt ihm eine Frage nicht, kommuniziert er das, und sagt dafür, was ihn gerade beschäftigt und lässt sich in seinen unorthodoxen Ansichten nicht kleinkriegen. Am wichtigsten ist aber: Frisch bestimmt stets die Richtung des Gesprächs. So stellt er gerne Gegenfragen, macht auch mal den Journalisten zum Interviewten, wie in seinem titelgebenden Interview mit dem ZEIT-Feuilletonisten Fritz Raddatz von 1981. Dort will der Literaturpapst Frisch schriftstellerische Müdigkeit oder Frustration anhängen, Frisch empört sich und stellt Fragen, die Raddatz in die Bredouille bringen. So manches Interview wird mit unerwarteten Wendungen zu einem spannenden Text – mit Dramaturgie, Kritik, Emotion, Witz und einem eigenwilligen Stil.

Doch auch im Ganzen liefert der Band eine gute biographisch-literarische Dramaturgie. Denn zwar bleibt Frisch ein Leben lang dem existentialistischen Topos der Freiheit und der Identität treu, bezüglich dem Wunsch sein Dasein zu ändern oder dem Kampf dagegen, eine Identität – inklusive allen alltäglichen bis politisch und ideologisch fatalen Konsequenzen – aufgepfropft zu bekommen; dennoch klassifiziert er sich anfangs als humanistischer Sozialist, sieht später in Hass und Gewalt immerhin ein emanzipativ-revolutionäres Mittel gegen politische Unterdrückung und Ungerechtigkeit (etwas, was eine friedliche Heilsarmee nie schafft, so Frisch) und distanziert sich schließlich von der Linken, die nicht mehr zu ihren kapitalismuskritischen Idealen stünde. Zuletzt drückt sich darin auch eine hohe Frustration eines alten Schriftstellers aus.

Mit „Wie Sie mir auf den Leib rücken“ hat Strässle ergo eine grandiose Auswahl getroffen, die Frisch aus den verschiedensten Perspektiven zeigt, mal als Philosophen, mal als Weltbürger, mal als engagierten, revolutionären Schriftsteller, der Brechts Verfremdungseffekte auf Romane und Erzählungen transferieren will, mal als unzufriedenen, weisen, alten Kritiker. Damit ist der Band wohl nicht nur ein Muss für eingefleischte Frisch-Fans, sondern kann auch gut als Einführung in den Charakter Frisch und sein Werk fungieren.

Beitragsbild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Metzger, Jack


Max Frisch Wie sie mir auf den Leib rücken

Max Frisch: „Wie Sie mir auf den Leib rücken!“ – Interviews   und Gespräche

D: 22,00 € , Gebunden, 237 Seiten

Erschienen: 10.04.2017

ISBN: 978-3-518-42584-8

Suhrkamp Verlag

Das Grauen der Provinz – Szilárd Borbely: Die Mittellosen

Szilárd Borbely_Die Mittellosen

Einen düsteren autobiographischen Roman über Armut und Leid, über Kämpfe und Kriege, über Ethnien und Klassen im Ungarn der 1960er Jahre, einen Roman, der kurz vor einem Suizid beendet wurde, so etwas dachten wir, muss man sich ansehen – es ist ergreifend, aber nichts für sanfte Gemüter.


Dass in der Peripherie, der Provinz bösartige Abgründe lauern können, zeigen in den vergangenen paar Jahren viele Bücher in den Bestsellerlisten. Wenig beachtet wird dabei aber der autobiographische Roman des ungarischen Schriftstellers Szilárd Borbély, nämlich „Die Mittellosen“, den er kurz vor seinem Suizid 2014 veröffentlichte. Dabei ist doch gerade dieses Buch in seinen düsteren Tiefen und den geschilderten Ausgrenzungsmechanismen erschreckend authentisch. Jetzt liegt die deutsche Übersetzung vor.

Ort der Handlung ist ein archaisches Bauerndorf in der unterentwickelten Region Edrőhát, im Dreiländereck von Ungarn, Rumänien und der Ukraine, das in den 1960er Jahren alles, was nicht aus dem Dorf stammt, hasst: Kommunisten, Rumänen, Ukrainer, Juden oder sogenannte Zigeuner. Dort wächst der elf Jahre alte Ich-Erzähler mit seiner Familie in absoluter Armut auf. Das Einzige, was an diesem Ort zählt, ist physische Gewalt. Und gerade hier wird die Familie exkludiert. Oft werden Menschen verspottet, stigmatisiert, missbraucht oder verprügelt, überall ist der Erzähler mit Aggression konfrontiert.

Doch damit nicht genug: Er fühlt sich von der gesamten Welt getrennt. Das verdeutlicht Borbély gerne mit Primzahlen, unteilbare Zahlen, etwa Altersunterschiede, die irgendwie zwischen dem Jungen und den anderen Protagonisten stehen und die ihn von allen isolieren.

Zwei Faktoren sorgen für die Isolation: Erstens findet die Gewalt viele Wege. So foltern die Dorfbewohner gerne Tiere, aber gehen auch mit ihren Kindern kaum besser um. Letztere bekommen nur die Gewalt vorgelebt und behandeln dementsprechend Tiere ähnlich. Ähnlich verhält sich in Ehebeziehungen: Der Mann verprügelt Ehefrau und Kinder, doch auch die Mutter gibt die Gewalt wieder an das schwächere Glied weiter. Diese hierarchischen Dreiecksverhältnisse der Gewalt sind es, die den Jungen von seiner rohen Umwelt trennen. Zweitens darf auch über die Vergangenheit nicht gesprochen, das Schweigen isoliert jeden.

Borbélys Roman hat kaum Handlung. In zahlreichen Kurzepisoden wird nur das alltägliche Leben seiner rumänischen Familie in dem rassistischen Dorf geschildert. Die einzige Entwicklung ist, dass der Erzähler eingeschult wird und dort auch diskriminiert wird. Die Misshandlung von allem, was anders ist, entsprechen einer Mentalität, die sich auch in der heutigen nationalistischen Regierung Ungarns manifestiert, was dem Buch zusätzlich einen aktuellen und warnenden Anlass verleiht.

Obwohl der kindliche, schlichte und oft redundante Stil „Die Mittellosen“ leicht lesbar macht, so besteht die Schwierigkeit des Werkes in etwas anderem: Denn die realistischen und unverschnörkelten Schilderungen, der rohen Brutalität, der körperlichen und seelischen Misshandlungen, die sich die Klinke in die Hand geben, sind auf Dauer für den Leser schwer zu ertragen. Etwa werden hier am laufenden Band Katzen in Kot erstickt, getreten oder angezündet, ständig wird der Junge verprügelt, oder es wird Sodomie betrieben. Die Missachtung von Lebewesen erscheint in den krassesten Facetten. Dennoch kann man nicht anders, als weiter zu lesen und das Grauen erschreckend wahrzunehmen.

Gerade weil die Handlung statisch, sich somit einem klassischen Romanaufbau entzieht, und die Sprache kindlich, ehrlich und schonungslos ist, wird Borbélys Roman zu einem großen Wurf, eine mikrosoziologische Studie in der gnadenlosen Selbstbeobachtung eines Ausgeschlossenen. Denn immer wieder träumt die Familie von einer Änderung. Doch es kommt nie etwas zustande, eine Änderung erscheint in diesem Leben, in diesem Dorf nicht möglich. Dazu ist der Ort zu verroht, archaisch und rassistisch, um nicht in Resignation zu enden.


„Die Mittellosen“ bei Suhrkamp