Schlagwort: Storytelling

Die Angst vor Kontrollverlust – Interview mit Patrick Ness

Sieben Minuten nach Mitternacht

In dem Fantasydrama „Sieben Minuten nach Mitternacht“ wird ein Junge namens Connor regelmäßig von einem Monster besucht, das ihm Geschichten erzählt, die ihm helfen mit der schwierigen Situation umzugehen, in der er sich befindet: Seine Mutter liegt im Sterben. Der Kinofilm basiert auf dem gleichnamigen Buch. Wir hatten die Chance, mit dem Autor dieses Buches, der gleichzeitig auch das Drehbuch für den Film geschrieben hat, zu sprechen. Patrick Ness erzählt uns, was er unter gutem Storytelling versteht, was es mit dem Monster auf sich hat und wie der Übergang von Buch zu Film ablief.

Interview und Übersetzung von Martin Kulik


Patrick, die ursprüngliche Idee für die Geschichte von „Sieben Minuten nach Mitternacht“ stammt eigentlich von Siobhan Dowd, die leider 2007 den Kampf gegen Krebs verlor. Wie seid ihr in Kontakt gekommen und warum hast du dich entschlossen, ihre Vision zu verwirklichen?

Siobhan Dowd und ich hatten den gleichen Herausgeber. „Sieben Minuten nach Mitternacht“ sollte ihr fünftes Buch werden. Siobhan hat fest damit gerechnet, das Buch selbst umzusetzen, auch wenn sie schon wusste, dass ihr Krebs tödlich seid würde. Leider verlief die Krankheit aufgrund einer Infektion sehr viel schneller, als sie antizipiert hatte und sie starb. Aus diesem Grund kam unser damaliger Herausgeber auf mich zu und sagte: „Ich will nicht, dass diese Idee verschwindet. Würdest du dich bereit erklären, sie als Buch umzusetzen?“

Meine erste Reaktion war allerdings eher verhalten. Ich hatte die Sorge, dass man automatisch eine Gedenkschrift statt einer Geschichte schreiben würde – und niemand will eine Gedenkschrift lesen, aus guten Gründen. Das ist auch nicht die Art von Buch, die Siobhan geschrieben hätte. Sie war eine sehr kluge Autorin. Also entschied ich mich zunächst abzulehnen.

Aber dann begann ich das Material durchzuarbeiten und mich überkamen viele Ideen. Genau dieser Moment ist der wirkliche Startpunkt für eine Geschichte. Die erste Idee, die ich hatte, war die Szene in der Connor aus dem zweiten Traum kommt und das Wohnzimmer seiner Großmutter verwüstet. Da dachte ich mir: „Das ist es. Das ist die Wut. Das ist das Taboo des Buches. Das ist die Geschiche.“

Das Buch, das schließlich aus diesen Ideen entstand, ist sehr erfolgreich und sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen beliebt. Besonders das Monster scheint sehr gut rezipiert zu werden – warum ist das so?

Ich denke, das hat damit zu tun, wie wir Geschichten erzählen. Meine Theorie war immer, dass das Leben unerklärbar und unmöglich zu verstehen ist. Wie erklären wir Dinge wie Liebe, Zeit oder Tod? Monster können dabei eine große Rolle spielen. Sie sind in jedem Fall ein Weg, Angst und das Unbekannte zu erklären. Wir Menschen sind die einzigen Tiere, die wissen, dass wir bestimmte Sachen nicht wissen. Das ist eine interessante philosophische Frage – wie gehen wir damit um? Ich würde sagen, dass Monster zu erschaffen ein Lösungsweg ist. Indem wir ein Monster erschaffen, fühlen wir uns sicherer in der Welt, denn es ist ein Weg, unserer Angst ein Gesicht zu geben. Wenn wir das erst mal geschafft haben, dann können wir auch mit unserer Angst umgehen und sie kontrollieren.

Sieben Minuten Nach Mitternacht

Das Monster und Connor

 

Aber das Monster ist in „Sieben Minuten nach Mitternacht“ nicht nur eine Manifestation von Angst, oder? Es scheint Connor, dem Hauptcharakter, auch sehr freundlich gesinnt zu sein.

Ich hatte gehofft, dass Menschen, die das Buch lesen oder den Film anschauen, sich irgendwann die Frage stellen, ob er wirklich ein Monster ist. Er wirkt sehr einschüchternd und monströs in den ersten Szenen, aber dann zeigt sich, dass er auch eine grundlegende Güte in sich trägt. Ich wollte, dass er verschiedene Dinge darstellt: Ich wollte, dass er ein Monster ist – aber ich wollte ihm auch Ähnlichkeit zu einem vor-römischen Mythos namens „Der grüne Mann“ geben. Der grüne Mann ist eine kraftvolle Personifikation der Landschaft – eine Metapher auf die Macht der Natur. Ich wollte auch offen lassen, ob das Monster eine Art Vaterfigur für Connor ist.

Ich möchte, dass all diese Definitionen in euren Köpfen arbeiten. Diese grundlegende Frage soll nie eindeutig klärbar sein. Genau das macht meiner Meinung nach eine gute Geschichte aus. Ich hoffe also, dass ein Kind, oder wirklich jeder, der den Film schaut, irgendwann sagt: „Oh! Jetzt weiß ich, wer oder was das Monster ist“ und sich aber anschließend überhaupt nicht mehr sicher mit seiner Definition ist und zu ganz anderen Schlüssen kommt. Das war mein Ziel: Den Zuschauer langsam immer unsicherer werden zu lassen.

Du hast einmal gesagt, dass wir die Erfahrung aller Altersstufen, die wir durchlaufen, immer in unserer Persönlichkeit mit uns tragen. Ist das der Grund, warum deine Geschichten sich an Kinder und Erwachsene gleichermaßen richten?

Vielleicht! Es gibt eine große Debatte darum, was der Unterschied zwischen Büchern für Kinder und Büchern für Erwachsene ist. Einer der Punkte, der immer wieder gebracht wird und mit dem ich größtenteils übereinstimme, betrifft die Art, wie man das Buch erlebt. Zum Beispiel: Wie erlebt man als Erwachsener ein Buch, in dem ein Kind der Hauptcharakter ist? Aus der Perspektive eines Erwachsenen oder eines Kindes?

Wenn ich Bücher für Kinder schreibe, dann tue ich das auch, weil ich als Kind nie die Bücher finden konnte, die ich lesen wollte. Es gab einfach keine Bücher, die mich ernstgenommen haben, die sich wirklich mit den Dingen auseinandersetzten, die ich fühlte. Stattdessen bekam ich viele Bücher, die mir eine Lehrstunde darüber gaben, wie mein Leben auszusehen hat und wie ich aus dieser kindlichen Phase herauswachsen würde, weil ich ja „nur ein Teenager“ war. Wenn ich also heute Bücher für Kinder oder Teenager schreibe, dann schreibe ich sie wirklich für mein jugendliches Ich. Das ist mein Ansatz. Dabei ist es wichtig, Gefühle nicht universalisieren zu wollen. Stattdessen versuche ich, ein bestimmtes Gefühl ganz spezifisch für den Charakter des Buches wahr werden zu lassen. Und hoffentlich sehen dann auch die Leser eine gewisse Wahrheit in diesem Gefühl und erkennen, dass dieses Gefühl auch für sie etwas bedeutet.

Ist die „Angst vor dem Unbekannten“ oder die „Angst vor Kontrollverlust“ etwas, mit dem sich Menschen aller Altersstufen identifizieren können?

Ja, genau! Ich glaube, das ist eines der Schlüsselthemen für junge Leute oder Teenager. Es gibt da zum einen dieses schreckliche Gefühl der Ungerechtigkeit. Man hat als junger Mensch so viele der Pflichten aus der Erwachsenenwelt, aber keine Privilegien und bekommt ganz sicher keine Anerkennung. Da ist also dieses beständige Gefühl: „Ich werde nicht fair behandelt“. Man lebt in einer Welt, die auf einen einprasselt, ohne dass man selbst Herr der Situation ist. Das ist unfassbar frustrierend.

Und genau dieses Gefühl lässt sich auch auf Erwachsene übertragen – man muss sich nur die politische Situation des Vereinigten Königreiches zur Zeit anschauen, es ist ein Desaster. Wir werden eine völlig sinnlose Wahl durchführen, die das Land für die nächsten fünf Jahre komplett ruinieren wird – und die Opposition ist vollkommen nutzlos. Und ich selbst habe überhaupt keine Kontrolle darüber. Natürlich gehe ich wählen, aber ich kann diese Situation nicht direkt beeinflussen. Also, definitiv: Dieses Gefühl, dass für einen gehandelt wird, statt selbstbestimmt zu handeln, das ist etwas, mit dem sich jeder identifizieren kann.

Sieben Minuten Nach Mitternacht

Sketch des Monsters

In „Sieben Minuten nach Mitternacht“ gibt es kleine Geschichten innerhalb der großen Geschichte. Ist es für den Hauptcharakter wichtig, dass er sich auf diesem Metalevel mit seinen Gefühlen auseinandersetzen kann?

Diese Geschichten sind wichtig, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Die Analogien führen zu einer bestimmten Lehre und dann nimmt das Monster sie komplett auseinander. Und das ist, glaube ich, die wirkliche übergreifende Lehre: Es gibt mehr als eine Perspektive auf eine Geschichte.

Genau in diese Richtung möchten wir Connor, den Hauptcharakter, auch stoßen. Er hat diese schrecklichen Schuldgefühle bezüglich seiner sterbenden Mutter. Er möchte, dass es endlich vorbei ist – eine sehr nachvollziehbare und genuin menschliche Reaktion. Aber er steckt in diesem Dilemma: Er möchte unbedingt, dass seine Mutter bei ihm bleibt, aber er möchte auch, dass diese schreckliche Situation endet. Wie zum Teufel löst man dieses Dilemma auf? Ich denke darauf eine Antwort zu finden, ist der Schritt zum Erwachsensein.

Die Geschichten innerhalb der Geschichte führen Connor zu genau dieser Einsicht. Sie lassen ihn verstehen, dass eine Geschichte nützlich ist, aber auch Limitationen hat und sich verändert, je nachdem wer sie erzählt. Wenn wir uns also selbst eine andere Geschichte erzählen können. Wenn wir unsere Perspektive ändern können, dann können wir auch mit solch schrecklichen Situationen umgehen. Es ist nur eine kleine Veränderung, aber diese kleine Veränderung ist der Schlüssel um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ich möchte also keine Lehren in meinen Geschichten verbreiten – jeder Leser kommt zu ganz unterschiedlichen Einsichten. Aber meine Hoffnung ist, dass wenn wir unsere Sicht auf die Dinge ein klein wenig verändern, wir auch mit den grundlegenden Kontradiktionen des Lebens klarkommen.

Du bist nicht nur der Autor des Buches „Sieben Minuten nach Mitternacht“, sondern hast auch das Drehbuch für den bald erscheinenden Film geschrieben. Welche Herausforderungen hinsichtlich des Storytelling hat der Übergang von Buch zu Film mit sich gebracht?

Ich musste einige Änderungen an der Geschichte vornehmen. Ein Buch kann man weglegen. Man kann sich in jedem Moment dafür entscheiden mit dem Lesen vorerst aufzuhören und wenn man das Buch fertig gelesen hat, kann man es schließen und sich so viel Zeit zur Reflektion nehmen, wie man eben braucht. In einem Film hat man diese Möglichkeit nicht. Es ist eine singuläre Erfahrung – und genau das war die Herausforderung: Die Erfahrung des Zuschauers zu steuern.  Wenn man die Geschichte zu hart erzählt, dann wird der Zuschauer einen inneren Widerstand entwickeln – ich würde mich selbst auch dagegen sträuben, wenn der Film zu sehr auf die Tränendrüse drückt.

Ich musste mir also genau überlegen, wie der Film damit umgehen sollte und als Resultat habe ich einige Anpassungen vorgenommen – zum Beispiel hat der Film ein anderes Ende als das Buch. Der Film musste anders enden, weil der Zuschauer eine kleine Atempause braucht. Es gibt eine Menge Dunkelheit, aber auch viel Licht in diesem Film. Um diese Magie rüberzubringen, mussten wir die Geschichte ein kleines bisschen anders erzählen. Das Ende des Films, so wie es jetzt ist, wäre nicht das richtige Ende für das Buch gewesen. Aber es ist das richtige Ende für den Film.

Vielen Dank für das Interview, Patrick!

Es war mir ein Vergnügen!

Patrick Ness and Martin Kulik

Patrick Ness und Martin Kulik

 


 

Bilder aus dem Film und Filmposter © Studiocanal

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„Sieben Minuten nach Mitternacht“

Regisseur:  J. A. Bayona

Drehbuch: Patrick Ness

Auszug der Schauspieler: Sigourney Weaver, Felicity Jones, Toby Kebell, Lewis MacDougall, Liam Neeson

In den deutschen Kinos ab dem 04. Mai 2017

 

 

„The fear of losing control“ – Interview with Patrick Ness

Sieben Minuten nach Mitternacht

In the fantasy drama film „A Monster calls“ a young boy named Connor is frequently visited by a monster that tells him stories connected to his difficult situation in reality: His mother is slowly dying of cancer. The cinematic release is based on the novel with the same name. We had the chance to talk to the author and screenwriter Patrick Ness about his ideas of good storytelling, what the monster is all about and the transition from book to film.

An Interview by Martin Kulik


Patrick, the idea for the story of „A Monster Calls“ was originally developed by Siobhan Dowd, who passed away in 2007 after a long fight with cancer. How did you get in contact and why did you decide to take on the task of bringing her vision to reality?

Siobhan Dowd and I shared an editor. „A monster calls“ was supposed to be her fifth book. She fully expected she would be able to write it, even though she knew her cancer was terminal. But she caught an infection and was dying way faster than she thought, so our editor at the time came to me and said: „I don’t want this idea to disappear. Would you consider turning it into a book?“ And my first response was: Probably not. Because I worry that anyone trying to do that, would write a memorial instead of a story. And nobody wants to read a memorial – even for good reasons. And that’s not what she would have written either, cause she is such a smart writer. So I was gonna decline.

But then I started looking at the material and started getting ideas. And that’s really the gold in a story. The first idea I got, was the scene where he comes out of the second dream and is destroying the living room. And I thought: „That’s it. That’s the anger. That’s the taboo of the book. That’s the story.“

The book that finally emerged from this idea was wildly sucessful and really popular by children as well as adults. Especially the monster seems to be recepted very well – why do you think that is?

Well I think it goes back to why we tell stories. My theory has always been, that life is inexplicable and impossible to understand. How we explain things like love? How do we explain things like time? How do we explain things like death? Monsters serve a huge function in that. They certainly are a way to explain fear and to explain the unknown. We are the only animals that know that we don’t know things. And that’s an interesting philosophical question – how do you deal with that? I’d say creating a monster is one way to do it. In a way creating a monster is making us feel safer in the world, cause it is a way to personify this fear. And then we can control it, we can step away from it.

Sieben Minuten Nach Mitternacht

The monster and Connor

But the monster is not only serving as a personification of fear, right? It also seems to be kindhearted.

Well I was hoping that people who read the book or watch the film start to question, if he really is a monster. Because he seems really monstrous at first, but then ultimately a kindness comes from him. I wanted him to be different things: I wanted him to be a monster. I also wanted him to be similar to an ancient pre-roman myth called the green man, which has been in english history for thousands of years. The green man is the landscape personified, a powerful analogy on nature. But I also wanted to leave open if the boy calls on a father figure.

I wanted that question to slide and slide in your heads. So that it’s never quite ultimately defined. Which is what a good story does – at least I think so. So hopefully if a kid – or anyone really – watches it and says „Oh, now I know who or what the monster is“, they slowly begin to question this definition and come to different conclusions. And that is what I want: to slowly make you unsure.

You have stated before, that we have all ages present at all times in our lifes, and that being 8, being 16 being 29 and so on stays with our personalities at all times. Is that why you tell stories for children as well as adults?

Maybe! There is lots to debate about what the difference between books for kids and books for adults is. And one of the things that people talk about, and that I sort of agree with, is how you experience it. For example: How do experience a book, where the lead character is a child? Do you experience it looking back or do you experience it as the child?

So when I write books for children I partly do it, because when I was a kid, I didn’t get to read the books I wanted to read. There were no books that took me seriously, that really dealt with the things I was feeling. Instead I got a lot of books telling me lessons about how my life should be and how I would grow out of it, because I was „just a teenager“. So when I’m writing books for children or teenagers now, I’m really writing them for teenage-me. And that’s my approach. Rather than trying to universalize a feeling, I try and make it true specifically for the main character of the book. And hopefully the readers see the truth in that. Hopefully they recognize, that what is true for him is also true for them.

Is the „fear of the unknown“ or the „loss of control“ something that we can relate to on all ages levels?

Yeah! I think that is one of the key things about writing for young people or teenagers. There is this terrible sense of injustice, for one thing. Because you have so many of the responsibilites of an adult, but almost none of the privileges and certainly none of the credit. So there is a constant feeling of: „I am not being treated fairly“. And you live in a world that acts on you. You are not allowed to be the agent of your own life much at the time. That’s tremendously frustrating.

And that’s absolutely a translateable feeling, because if I think about the government of the United Kingdom at the moment – it’s a disaster. We are having a complety useless election that will ruin the country for the next five years and an opposition that is utterly useless. And it’s like I have no control over this. I vote – sure, but I have no control about this terrible situation. So yes, absolutely, this feeling of being acted upon instead of acting for yourself is something everyone can relate to.

Sieben Minuten Nach Mitternacht

Sketch of the monster

In „A Monster Calls“ there are stories inside the story. Is it important for the main character, that he can deal with his feelings on that narrational metalevel?

Those stories are important, but only to a point. Because the analogy only goes up to a lesson and then the monster is taking it apart. And that, I think, is the overarching lesson. That there is more than one way to look at a story.

And that’s what we are trying to get Connor, the main character, to as well. He has those terrible feelings of guilt about his dying mother. That he want’s it to finish – which is a really normal and genuine human reaction. But there is this dilemma: He desperately does not want her to die, but he also want’s her to die. How in the world do you reconcile that? I think reconciling that, is what makes us adults. And the stories inside the story are only leading him to that conclusion for himself. They get him to understand: A story is a useful thing, but it has limits and it changes depending on who is telling it. So maybe if you can tell yourself a different story. Maybe if you change your perspective, you can live with that kind of situation, rather than letting it harm you. It’s a little shitft, but those little shifts are what is really empowering us to live. So I’m not trying to teach a lesson – you can get all kinds of contradictory lessons, depending on how you look at it. But if we change our own perception a little bit, maybe we can live with the contradiction of life.

You’re not only the author of the book, but also the screenwriter for the upcoming movie. What challenges did you face in transitioning the story?

I had to make some changes in the storytelling. Because a book you can put down. You can decide to stop at any time and at the end of the book you can close it and you can take as much time as you need and want. In a film you can’t do that. It’s a single experience – and that was the most challenging thing about it: Managing the audiences experience. Cause if you come on too heavy an audience resists – I would resist and say: „Come on… Too much.“ So I had to really really think about how to manage that. As a result we made changes to the end for example. The movie needed to end in a different way. It needed to end in quiet, so the audience could take a breath and reflect. There is a lot of darkness and a lot of light in that film. Making little adjustments to the story was necessary to convey that and that little bit of magic. The ending of the film as it is right now would not have been the right ending for the book, but it is the right ending for the film.

Thank you so much for the interview, Patrick.

My pleasure!

Patrick Ness and Martin Kulik

Patrick Ness and Martin Kulik

 


 

Pictures of the film and posters © Studiocanal

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„A Monster Calls“

Directed by J. A. Bayona

Screenplay by: Patrick Ness

Starring: Sigourney Weaver, Felicity Jones, Toby Kebell, Lewis MacDougall, Liam Neeson

 

 

Die Evolution des Superhelden – ONE PUNCH MAN

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Superhelden sind ein elementarer Bestandteil der gegenwärtigen Popkultur. Obwohl sie übermenschliche Kräfte haben, bieten sie uns durch ihre Schwächen und Fehler Identifikationspunkte und erlangen moralische Fallhöhen.  Durch diese basalen Story-Telling-Elemente lässt sich der Erfolg des Superheldengenres erklären, welches die Nische der Comics längst verlassen hat. Doch was passiert, wenn man diese Grundzutaten des Erfolgsrezeptes „Superheld“ abändert?


Warum mögen wir Superhelden?

Gehen wir zunächst auf die Frage „Warum mögen wir Superhelden?“ ein. Um diese Frage zu beantworten lohnt sich ein (sehr verkürzter) Rückblick auf einige Archetypen des Superheldengenres. Ich möchte hier stellvertretend auf zwei der bekanntesten Superhelden eingehen: Superman und Batman.

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Ausgabe Action Comics #1 von 1938

Superman war wohl der erste richtige Superheld der Comicgeschichte. 1938 erschien Superman zuerst auf dem Cover eines DC-Comics. Der im normalen Leben als Clark Kent auftretende „Man of Steel“ wartet mit übermenschlichen Kräften auf – er ist unverwundbar, hat immense Kraft, gesteigerte Sinne und kann fliegen. Kurzum: Superman ist die übersteigerte Version der Unbesiegbarkeit. Genau diese Überhöhung ist aus narrativer Perspektive schwierig. Wie soll sich der Leser mit einem – für ihn sehr fremden – Superhelden identifizieren?

Hier haben sich die Macher zwei kluge Gedanken gemacht: Erstens verpassen sie Superman das Alter Ego Clark Kent – eine Manifestation des Durchschnitts, die seine menschliche Seite plakativ zeigt. Durch Clark Kent wird nicht nur Vertrautheit beim Rezipienten erweckt, gleichzeitig wird auch der Wunsch bedient, aus dieser Durschnittswelt auszubrechen und vom normalen Bürger zum Superhelden zu werden. Zweitens hat Superman mit dem Kryptonit einen Schwachpunkt, der Scheitern möglich macht. Dadurch wird der Spannungsbogen hochgehalten – Superman ist nicht unantastbar.

Die zweite ikonenhafte Figur aus dem Univserum der Superhelden ist Batman. Das interessante an Batman im Gegensatz zu Superman ist, dass er keine direkt übermenschlichen Fähigkeiten besitzt. Batman ist ein normaler Mensch, der mit modernster Technik und hartem Training seine eigene Begrenztheit überwindet. Des Weiteren liegt in der Geschichte von Bruce Wayne aka Batman ein viel höheres Augenmerk auf der Charakterentwicklung. Bruce Wayne ist ein zutiefst verstörter und kaputter Charakter, der ständig vor dem Dilemma steht, sich seiner dunklen Seite zu entziehen und sich auch in seinem Fledermauskostüm seine Menschlichkeit zu erhalten. Batman erhält so eine moralische Fallhöhe, die der Geschichte Tiefe verleiht und den Leser fasziniert.

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Batmans moralisches Dilemma den „Joker“ betreffend.

 

 

 

 

 

 

 

Es gibt natürlich in der Geschichte des Superhelden-Narrativs noch viele weitere Erzählstrategien und Ausprägungen, doch für unsere Zwecke reicht festzuhalten: Superhelden müssen Identifikationspotentiale für den Rezipienten bieten. Zwei Möglichkeiten diese Potentiale zu erschaffen, sind dem Held Schwächen und moralische Fallhöhen zu verpassen.

ONE PUNCH MAN – ein Bruch mit der Konvention?

Sprung ins Jahr 2009. Comicverfilmungen sind der Renner im Kino. Batman, Spiderman, Ironman, Wachtmen… die Liste der Blockbuster lässt sich beliebig fortsetzen. Superhelden haben den Sprung aus der Nische geschafft. Das bewährte Erfolgsrezept fruchtet immer noch. Doch in einer anderen Nische traut man sich noch zu experimentieren. In Japan, wo Comics „Mangas“ heißen, läuft eine neue Webcomicserie des Künstlers ONE unter dem Titel ONE PUNCH MAN an. Später erschien der Manga auch als digitales Remake und 2015 schließlich auch als animierte Fernsehserie.

Die Serie folgt dem glatzköpfigen Saitama, der in der fiktiven Stadt Z gegen allerlei Monster antritt. Saitama bricht dabei die Konvention des Superhelden Narrativs gleich mehrmals. Der durchschnittliche junge Mann ist nämlich nur aus Spaß ein Held geworden. Nachdem er gegen ein auftauchendes Monster nichts ausrichten konnte, trainierte er einige Jahre und war plötzlich enorm stark – so stark, dass er nun jedes Monster mit nur einem Schlag besiegt, was ihm später auch den Superheldennamen ONE PUNCH MAN einbringt.

Zu Beginn der Handlung verspürt Saitama deshalb vor allem eins: Langeweile. Egal welcher lautstarke und spektakuläre Gegner sich ihm in den Weg stellt, am Ende zerplatzen sie alle nach nur einem Schlag und lösen alles andere als Ehrfurcht bei Saitama aus.

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Saitama is not impressed. Auszug aus der Single Issue des originalen Webcomics (entnommen von mangareader.net)

Saitama sehnt sich nach einer Herausforderung, nach einem Kampf, der ihn mal wieder in Aufregung versetzen kann. Ein Superheld, der sich unterfordert fühlt? Das ist mal was anderes.

Die unerklärte Übermenschlichkeit des Durchschnittsbürgers

Eine Frage, die natürlich sofort im Raum steht: Wie kam Saitama zu den übermenschlichen Fähigkeiten, die es ihm erlauben die mächtigsten Gegner scheinbar mühelos auszuschalten? In der Welt von ONE PUNCH MAN gibt es vielfältige Superhelden, die ihre Kraft z.B. durch genetische Manipulation, Cyborgtechnik, Psykräfte oder ihre außerirdische Herkunft erlangen. Doch keiner dieser Helden kann auch nur ansatzweise mit Saitama mithalten. Als Erklärung seiner Kräfte führt der ONE PUNCH MAN schließlich folgendes Trainingsprogramm an:

Er habe über einen Zeitraum von 3 jahren jeden Tag folgende Übungen ausgeführt:

100 Liegestütz

100 Situps

100 Kniebeugen

10 km Lauf

und drei ausgewogene Mahlzeiten zu sich genommen.

Die Erklärung von Saitamas Kraft. Auszug aus Staffel 1 des OPM Animes aus dem Jahre 2015 ; Quelle: Youtube

Diese Erklärung löst natürlich prompt Empörung aus. Ein Superheld, der 50 Meter große Monster mit einem Schlag auf die Matte schickt, soll über ein durchschnittliches Fitnessprogramm zu seinen Kräften gekommen sein?

Hier zeigt sich das gut umgesetzte parodistische Stilmittel von ONE PUNCH MAN. Außer Saitama sind viele der Helden und Monster völlig überzeichnet. Der glatzköpfige Protagonist und Held der Serie hingegen wirkt in seinem abgegriffenen Cape und den Reinigungshandschuhen reichlich deplaziert. Dieser Kontrast zwischen überzeichneter Effekthascherei und unbeeindruckter Normalität zeigt sich auch im Zeichenstil des Comics und der Animation. Die ist nämlich bezeiten auch bei Saitama sehr hochwertig, bricht aber in den parodistischen Momenten in buchstäbliche Strichmännchenzeichnung.

ONE PUNCH MAN karikiert die konventionellen Vorstellung und Erzählmuster des Superheldengenres, indem es für wichtig gehaltene Erzählstrategien unterminiert. Die Serie hat trotzdem einen international beträchtlichen Erfolg – woran liegt das?

Wie Parodie das Story-Telling des Superheldenthemas verändert

Zu Beginn dieses Artikels wurden zwei wesentliche Möglichkeiten angeführt, Superhelden dem Rezipienten näherzubringen: dem Held Schwächen geben und moralische Fallhöhen schaffen. Wie geht nun also ONE PUNCH MAN mit diesen Grundlagen des Storytelling um?

Saitama aka ONE PUNCH MAN hat zumindest im bisherigen Verlauf keine Schwächen. Er muss sich nicht einmal Mühe geben, wenn er die stärksten Gegner seines Universums besiegt (man vergleiche seine Spezialattacke: „consecutive normal punches“). Doch wie soll man als Zuschauer nun ein Interesse an einem Charakter haben, der so stark ist, dass sein Superheldenalltag ihn selbst langweilt?

Was hier auf narrativer Ebene geschieht, ist nichts anderes als eine Erwartungsspiegelung des Rezipienten. Im Falle von Superman etwa wissen wir relativ schnell, dass er mit Kryptonit verwundbar und besiegbar ist. Was uns hier also interessiert, ist die Frage „Wie setzt sich unser Held gegen seine eigenen Schwächen durch?“ Im Falle von ONE PUNCH MAN lautet die Frage aber viel eher „Findet unser Held doch irgendwann seine Schwäche?“. Beide Fragen sind dafür geeignet einen Spannungsbogen aufzubauen.

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In einigen Momenten der Animation wird die wirkliche Kraft Saitamas offenbar. Auszug aus dem OPM Manga

Das zweite erwähnte Identifikationspotential des Aufbauens von moralischen Fallhöhen geht ONE PUNCH MAN auf einer tieferen Ebene an. Obwohl Saitama eigentlich nur aus Spaß ein Superheld geworden ist und sich auch nur widerwillig in die geordneten und öffentlichkeitswirksamen Heldenstrukturen seiner Welt einbindet, ist da doch ein versteckter Drang nach Anerkennung spürbar. Saitama sehnt sich insgeheim danach ein wirklicher Held zu sein, fordert diese Anerkennung aber nie ein. Die versteckte Tiefe der Serie besteht darin, dass sein Umfeld ihm trotz seiner offensichtlichen Fähigkeiten jegliche Anerkennung verwehrt – zu unglaublich ist es, dass dieser lächerliche glatzköpfige Durchschnitssmann diese unglaubliche Kraft besitzt. Saitama reagiert darauf aber nicht mit Bitterkeit, sondern mit Gelassenheit und fast einer gewissen Demut. Wie bereits Spiderman bemerkte „With great power comes great responsibility“ – und so ist Saitama am Ende doch ein echter Held, indem er seine Verantwortung stillschweigend erfüllt.

ONE PUNCH MAN hat es geschafft das Superheldenthema parodistisch aufzugreifen, ohne es ins Lächerliche zu ziehen. Das klappt natürlich auch deshalb so gut, weil wir in den letzten 70 Jahren viel Erfahrung mit dem grundlegenden Storytelling des Superheldenthemas gesammelt haben. Eine Spiegelung dieser Erzählstrategien ist frisch und unterhaltsam – das findet auch eine weltweite OPM-Fangemeinde, die momentan gespannt auf die zweite Staffel des Anime wartet, die voraussichtlich 2017 veröffentlicht werden soll.


Beitragsbild: litreactor.com