Schlagwort: Science Fiction

Chor aus der Dunkelheit – ein Autorengespräch

Im März veröffentlichte Philip Dingeldey, auch bei postmondän ein fleißiger Autor, seinen ersten Roman „Chor aus der Dunkelheit“. Gutes Timing, denn er erzählt eine dystopische Geschichte, zwar ohne Pandemie, Shutdown und Abstandsregeln, dafür mit Großkonzernen, die in Europa die Regierung übernommen haben, Konzentrationslagern, in denen Menschen zu Opfergaben gezüchtet werden – achja, und Vampiren. Gregor, ebenfalls Autor bei postmondän, hat den Roman mittlerweile durchgelesen, und ein paar Fragen ihn.


Alles Gute zum Buchrelease! Hand aufs Herz: Wie autobiographisch ist der Roman?

Im Grunde gar nicht. Die meisten Autoren möchten ja etwas autobiographisches als Debüt vorlegen, in dem man sich intensiv mit seinem Innenleben auseinandersetzt. Das wollte ich für meinen ersten Roman vermeiden, denn ich finde, damit ist der Markt schon überflutet und ich wollte gern etwas anderes machen. Es ist nur insofern autobiographisch, dass er meine persönlichen Gedanken zu Politik und Gesellschaft umfasst, dafür aber nichts zu meinem Leben. Es gibt auch keine Figur, in der ich mich wiedererkenne.

Worum geht es denn in der Geschichte?

In der Ausgangslage ist Europa im 22. Jahrhundert ein zusammenhängender Staat mit neofeudalem System geworden ist. Plötzlich verbreiteten sich Vampire, die, vampirtypisch, das Tageslicht meiden und Blut trinken müssen. Es gab einen kriegerischen Konflikt, der mit einem Vertrag zwischen Regierung und Vampiren beigelegt wurde. Dieser besagt, dass Vampire für Menschen arbeiten, ihre körperlichen Fähigkeiten für sie einsetzen und zum Beispiel Ökostrom produzieren, wofür sie Blut geliefert bekommen. Für die Blutlieferungen werden Lager errichtet, in denen später Menschen gezüchtet werden. Damit das Gleichgewicht erhalten bleibt, ist es verboten, dass Vampire sich reproduzieren, also ihre Opfer in Vampire verwandeln, sie dürfen sie einfach nur töten.

Im Roman bricht eine Vampirin diese Abmachung und verwandelt ein Opfer aus dem Lager in einen Vampir, was der beaufsichtigende Wächter, George, zulässt. Der Grundkonflikt besteht also in einem Vertragsbruch und darin, dass die Vampire erkennen müssen, dass ihnen das System, auf das sie sich eingelassen haben, keinen Vorteil bringt, und neben ihnen auch noch Menschen unterdrückt. Sie beschließen, Widerstand zu leisten, und geraten zwischen verschiedene politische Fronten.

„Chor aus der Dunkelheit“. Was hat es mit dem Buchtitel auf sich?

Der Roman wird eingeleitet durch Brecht-Zitat:

„Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.“

„Die im Dunkeln“ sind dabei ja die Subalternen, die keine Stimme haben, weder gesehen noch gehört werden und unterdrückt sind. Das sind in dieser Situation zum einen die Lagerinsassen, die für die Vampire geschlachtet werden, zum anderen die Vampire, die kein Mensch mag, aber mit denen man einen Frieden schließt, in dem sie ausgebeutet werden. Der Hauptcharakter Septimus, der frisch verwandelte Vampir, bemerkt irgendwann, dass dahinter eine Reihe von Grundproblemen stehen, und sich die unterdrückten Vampire und Menschen eigentlich zusammenschließen müssten. Das ist der Chor aus der Dunkelheit: die, die das System am Laufen halten, also brav singen, aber nichts zu melden haben – also im Dunklen stehen.

Kannst du damit leben, wenn jemand deinen Roman grotesk findet?

Mit Groteske hab ich eigentlich kein Problem, der Roman hat viele übertreibende Elemente und wird an vielen Stellen auch bizarr, was auch gewollt ist. Ich komme damit klar. Vielleicht trifft es dadurch nicht jeden Geschmack, denn Groteske muss man natürlich wollen.

Ich verstehe dein Buch als eine Dystopie mit Science-Fiction- und Fantasy-Elementen. Du auch?

Ja, so war es auf jeden Fall gedacht. Mein Verlag war der Meinung, es gehört auch zum Horror-Genre, was auch nicht komplett falsch ist, da Vampire dort ja oft eingeordnet werden. Es ist aber kein typischer Gruselroman, sondern eher ein Horrorszenario, eine Dystopie. Ich hab versucht, das Fantasy-Element der Vampire in eine zukünftige Gesellschaft hineinzudenken. Das gab es so bisher noch nicht wirklich, vor allem nicht politisiert.

Stehen sich die beiden Genres Science Fiction und Fantasy nicht eigentlich gegenseitig im Weg?

Jein. Es gibt schon viele Science-Fiction-Romane, die ein metaphysisches Wesen haben – oder eines, dessen Technik oder Funktionsfähigkeit nicht erklärt werden kann. Wir wissen auch gar nicht, wie metaphysisch diese Vampire sind: Sie haben übermenschliche Kräfte, aber keine übersinnlichen. In anderen Romanen können sie Gedanken lesen oder zaubern. Hier können sie bloß in gewisser Weise ihre Form ändern, sich zum Beispiel Flügel wachsen lassen, sich aber nicht in Fledermäuse oder Wölfe verwandeln oder Tiere kontrollieren. Insofern sind sie beschränkt metaphysisch. Es ging darum, eine Entität zu finden, die nichtmenschlich ist, aber intelligenter ist als etwa ein Zombie, der einfach nur Gehirne fressen will und kein anderes Motiv damit verbinden kann. Während Vampire einfach als intelligenter gelten und sich besser organisieren können, mehr Gefühle und Gedanken äußern können. Man hätte als Pendant auch eine Alienrasse nehmen können, wenn man daraus ein Space Adventure hätte machen wollen.

Vielleicht im nächsten Roman.

Genau.

Um das Buch in eine Beziehung zum laufenden Jahrhundert zu setzen: Findest du okay, wenn man eine Kritik am Neoliberalismus herausliest?

Wenn man möchte, ja. Eigentlich möchte ich das natürlich dem Leser überlassen, weil der Autor ja nicht die Deutungshoheit hat. Aber aus meiner Sicht ist es definitiv angedacht. Zum Beispiel, wenn es darum geht, dass sich das System im Roman als freiheitlich, kosmopolitisch und progressiv versteht und Gleichberechtigung als wichtiges Motiv sieht – Schlagworte wie Nachhaltigkeit bedient. Andererseits verteufeln sie jede Form von Gleichverteilung, sind brutale Ausbeuter und unzufrieden mit dem Vampirvertrag, der ja eine Planwirtschaft festhält, an die sie sich halten müssen.

Es ist selbst kein neoliberales System mehr, weil es auch einfach unrealistisch ist, dass der Neoliberalismus so lange Bestand haben wird. Aber natürlich spielen Elemente dort hinein: die vollkommene Macht der Wirtschaft, die völlige politische Kontrolle durch Unternehmen ist angedacht. Es hat mit dem Neoliberalismus zu tun, ist aber viel, viel schlimmer.

Kannst du dir vorstellen, dass wir momentan auf eine solche Herrschaft der Konzerne zusteuern?

Nicht in diesem offensichtlichen und dreisten Maß, wie es im Roman passiert, in dem Regierungen ja schlicht nicht mehr bestehen, bloß Pressesprecher in Erscheinung treten und Konzerne alles unter sich regeln. Die Tendenz dazu würde ich aber auf jeden Fall sehen. Politik hängt heute immer mehr davon ab, Konzernlobbys zu befriedigen, sich Gesetzesentwürfe von Konzernen schreiben zu lassen und durchzuwinken. Diese Elemente steuern ja bereits auf eine vollkommene Privatisierung hin.

Wie gefährlich wäre das?

Das kann sehr gefährlich werden, denn man kann über unser System sagen, was man will, muss es auch nicht mögen, aber es hat nach wie vor Grundfeste, die man verteidigen kann. Eine beschränkte Volksmacht gibt es noch immer. Gefährlich wäre, wenn die Bürger auch diese Kontrolle verlieren.

Auch Städte haben in deinem Buch Markennamen übernommen, „Walt Disney City“ oder „Telekom City“ zum Beispiel. Das erinnert mich an Ideen aus Infinite Jest oder Quality Land. Glaubst du, dass im ausschweifenden Neoliberalismus derzeit das größte dystopische Potenzial für die Literatur liegt?

Ja, das könnte man sagen. Beziehungsweise im Ende des Neoliberalismus. Man könnte ja auch schon den Neoliberalismus selbst als Horrorszenario bezeichnen, in dem alles kommerzialisiert werden kann, inklusive Städtenamen. Eigentlich basierte diese Idee bei mir eher auf dem Film Fightclub, wo es in einer Szene darum geht, dass große Konzerne die Namen von Planeten bestimmen dürfen. Ich fand die Idee so reizvoll, dass ich es auf Städte übertragen habe.

Žižek hat einmal gesagt, es fällt uns heute leichter, das Ende der Welt zu denken als eine Welt ohne Kapitalismus. Und da wir gar nicht wissen, wie es nach dem Neoliberalismus weitergehen wird, ist das Potenzial für Spekulation und Horrorszenarien natürlich hoch. Also einerseits der Neoliberalismus, andererseits die Frage: Was kommt danach? Wenn man zusätzlich dazu bestimmte Staatschefs wie Trump oder Johnson beobachtet, glaubt man sich manchmal näher an der Apokalypse als an der Überwindung der Ungerechtigkeit.

Sind Vampire Menschen ethisch überlegen?

Sie haben eine andere Art, miteinander umzugehen. Zwar sind sie weniger herzlich, aber ihr Eigentumsbegriff ist bedürfnisorientiert und alle sind in jederlei Hinsicht gleichberechtigt: rechtlich, politisch, sozial. Zumindest am Anfang des Romans gibt es unter ihnen keine sichtbaren Hierarchien. Vielleicht sind sie ethisch nicht überlegen, aber politisch sind sie partizipatorischer, egalitärer und solidarischer als Menschen heute und im 22. Jahrhundert. Dennoch sind sie korrumpierbar und müssen davon leben, Menschen zu töten. Den Weg des Vegetarismus könnten sie sich zum Beispiel nicht einfach aussuchen. Sie haben einfach eine andere Kultur, die auf eine Art rückständig ist, auf eine andere Art egalitärer.

Glaubst du wirklich, wenn wirklich eine Vampir-Invasion ansteht, ließe sich ein pragmatischer Friedensvertrag mit ihnen schließen?

Es gibt in diese Richtung ja auch wissenschaftliche Gedankenexperimente wie „Zombies in international relations“, wo dasselbe Problem mit einer Zombie-Invasion thematisiert wird. Mit denen ist ein Deal weniger leicht möglich, Vampire sind dagegen vernunftbegabt, und man kann sich fragen: Was sind die primären Interessen von Vampiren? Sie möchten ein dunkles Versteck und Blut. Im Falle einer Ausbreitung von Vampiren wäre es doch naheliegend, dass Menschen sagen: Wenn wir sie nicht besiegen können, da sie zu stark sind, sollten wir einen Friedensvertrag schließen. Wenn wir sie nicht unterdrücken können, unterdrücken wir eben andere und beuten alle aus. Als Lohn erhalten sie, was ihre primäre Interessen sind: Blut und Sicherheit.

Warum können Vampire in Romanen nie Sex haben?

Es gibt schon einige Romane, in denen Sex angedeutet wird, zum Beispiel in Ann Rices „Chronik der Vampire“. In meinem Roman sind sie im Grunde entsexualisiert. Der Sexualtrieb und die Fähigkeit dazu, sich fortzupflanzen, ist hier sexuall gar nicht nötig: Vampire reproduzieren sich nicht durch Geschlechtsverkehr, sondern dadurch, dass sie ein menschliches Opfer verwandeln. Das läuft bei mir durch einen Blutaustausch. Das Opfer wird nicht nur ausgetrunken, sondern bekommt Blut des Vampirs. Dadurch wird logisch, dass nicht jedes Opfer zum Vampir wird. Denn es musste einen Unterschied geben. Wenn wir dadurch eine Reproduktion haben, wird Sex biologisch überflüssig. Manche Vampire bereuen im Roman auch sehr, dass sie dazu nicht mehr fähig sind.

Deine Vampire sind anders als jüngste Adaptionen wie „I am Legend“ oder „Twilight“ eher klassisch angelegt: mit Buckel, Vampirzähnen, Flügeln und Verglühen im Sonnenlicht. Das ist ja nicht besonders progressiv. Gibt es andere progressive Aspekte in deinem Roman?

Was Vampire betrifft: Stimmt, die Darstellung ist nicht progressiv, sondern konventionell. Sie entsprechen im Grunde dem hässlichen Nosferatu-Bild und kommen nicht mit der Sonne klar. Ich bin mir aber nicht sicher, ob neue Romane wirklich dadurch progressiv werden, dass Vampire im Sonnenlicht einfach nur glitzern. Meiner Meinung nach ist das zu vereinfachend. Im Grunde sind Vampirfähigkeiten doch etwas Tolles: Du hast übermenschliche Fähigkeiten, lebst, wenn du möchtest, ewig. Diese Vorteile musst du teuer bezahlen – was ein sehr gängiges Motiv in Fantasy-Romanen ist. Erstens dadurch, dass du nur durch den Tod anderer lebst, zweitens durch die Vermeidung von Sonnenlicht. Wenn sich ein Vampir nicht mehr davor scheuen muss, ist für mich der dialektische Reiz an der Figur verloren.

Was hat es mit dem Christlichen Staat auf sich?

Der Christliche Staat ist eine Untergrund-Organisation, ein Pendant zum IS in einer säkularisierten Zeit. Der vorherrschende neokapitalistische Feudalismus hat mit Religion nicht mehr viel zu tun und funktioniert durch andere Mechanismen: wirtschaftliche Rationalität, Effizienz, Freiheitsideologie. Das Christentum, vor allem der Katholizismus, hat hier nicht mehr viel zu bieten. Im Gegensatz zum Protestantismus hat er große Probleme, sich in ein solches System einzugliedern. Da ihrer Meinung nach durch den Deal mit den Vampiren, welche sie für Dämonen halten, in Europa der Teufel herrscht, ist das gesamte System für sie verkommen. Es gibt für sie keine Möglichkeit, allzu offen Kritik zu üben. Darum gründen sie diese reaktionäre Untergrundorganisation, die das Ganze rückchristianisieren und auch die Vampire besiegen möchte.

Im Buch gibt es zwei Verwandlungen: Ein Mensch wird zum Vampir, ein anderer zum Cyborg. Was von beidem ist erstrebenswerter?

Ich weiß nicht, ob ich sagen würde, dass eines davon erstrebenswert ist. Das eine ist das Science-Fiction-, das andere das Fantasy-Element. Der Wärter wird zum Cyborg, der instrumentalisiert wird. Er kann ziemlich viel, ist aber immer noch sterblich. Er kann tagsüber hinaus und muss, anders als Vampire, nicht Menschen töten, um zu überleben. Das ist natürlich ein Vorteil für ihn, aber aus meiner Sicht auch nicht unbedingt erstrebenswert.

Wenn du es dir ganz frei aussuchen könntest, wo würdest du am liebsten leben: im Europa der Konzerne, im Christlichen Staat oder in der Vampirgesellschaft?

Wenn man die Vampire, die in Clans leben, für sich isoliert sehen kann, und sich anschaut, wie das Leben innerhalb der Clans aussieht, würde ich sagen, okay, lieber etwas unterentwickelt leben, aber dafür eine gewisse Gleichheit und volle Handlungsfreiheit innerhalb des Hoheitsgebiets haben. Dass man in kleinen Gruppen lebt, in denen man alles ausdiskutieren kann, ist ein urdemokratisches Bild, das ich vorziehen würde. Bloß mit den externen Konflikten, in die sie wieder hineingezogen werden, würde ich mich eher ungern auseinandersetzen. Vielleicht ist es aber trotzdem besser als das Europa der Konzerne.

Der christliche Staat kommt aber trotzdem nicht in Frage?

Nein, der ist raus.

Danke für das Gespräch.


„Chor aus der Dunkelheit“ von Philip Dingeldey erschien in der Reihe APEX HORROR des Apex-Verlags und hat 372 Seiten.

Otremba Funeral Service – Das Erbe der Science-Fiction

Hendrik Otremba singt bei Messer und feierte erst 2017 mit Über uns der Schaum sein Debüt als Autor. Jetzt legt er in diesem Nebenjob nach und präsentiert: Kachelbads Erbe. Damit hat er schon wieder ein Buch geschrieben, das im Grunde niemand erwartet hat. Denn hinter dem sperrigen Titel und merkwürdigen Cover verbirgt sich ein im Grunde nicht weniger sperrig aufgebauter Roman mit merkwürdigem Thema. Allerdings im besten Sinne.


Das Jahrhundert der Kryonik

Das Romanthema muss man sich als Autor auch erstmal zutrauen. Und Hendrik Otremba handelt es nicht bloß oberflächlich ab, sondern taucht tief hinein. Im Zentrum steht die Geschichte der Kryonik, erzählt anhand mehrerer Schicksale, die mit dieser wissenschaftlichen Bewegung eng verbunden sind. Die Schicksale liefern praktischerweise unterschiedliche Erzählperspektiven gleich mit und tragen zu einer Handlung bei, die sich durch einige kulturelle Epizentren des 20. Jahrhunderts windet, vom Wien der 20er über Mexiko, Deutschland, Frankreich, Spanien und Vietnam bis zum New York und Chernobyl der 80er-Jahre. Aber was war noch gleich die Kryonik?

Die Forschungsrichtung, welche ab den 1960er Jahren ein paar Institute und Firmen beschäftigte, ging und geht noch heute der Frage nach ewigem Leben nach: Es ist momentan, wie allgemein bekannt ist, ja leider noch nicht möglich, gestorbene Körper wiederzubeleben – aber könnte man Leichen nicht trotzdem schonmal einfrieren für den Fall, dass es doch eines Tages möglich sein wird? Wissenschaftlich betrachtet hätte man dadurch eine valide Forschungsgrundlage, wenn sich irgendwann realistische Möglichkeiten zur Reanimation von Leichen bieten sollten. Subjektiv betrachtet produziert dieser Gedanke Hoffnung auf Unsterblichkeit. Und tatsächlich lassen sich, ähnlich wie im altägyptischen Totenkult, auch heute noch Menschen in der starken Hoffnung auf Wiederbelebung ihrer toten Körper konservieren. Nur dass der mit der Wiedergeburt verbundene Glaube nicht, wie im Altertum, eschatologisch sondern modernetypisch wissenschaftspositivistisch ist: also nicht jenseitig, sondern diesseitig.

Kachelbads Erbe erschien bei Hoffmann und Campe:

Quelle: Instagram

Die ersten Einfrierungen im Sinne der modernen Kryonik fanden Ende der 1960er Jahre statt, und inzwischen lagern nicht wenige konservierte Leichen in Tanks, deren Seelen zu Lebzeiten von einer Auferstehung in einer besseren Zeit träumten – in der zum Beispiel körperliche Gebrechen heilbar oder vielleicht sogar Altern und Sterblichkeit insgesamt überwunden ist. Das Anliegen der modernen Kryonik liegt, im Gegensatz zur Mumifizierung im Altertum, stärker auf der funktionalen Erhaltung aller Organe als auf einer reinen Konservierung der äußeren Erscheinung. Es ist daher auch keine Pyramide, sondern eine Halle mit Tanks voll kahlrasierter Leichen, in dem die Handlungsstränge von Kachelbads Erbe zusammenlaufen.

Eine Science-Fiction-Geschichte

Eigentlich bedient sich der Roman damit eines klassischen Science-Fiction-Stoffs. Denn die Krynonik tauchte unter einem anderen Namen schon Ende des 19. Jahrhunderts in der Literatur auf: 1888 zum Beispiel ließ Edward Bellamy einen Protagonisten durch einen Magnetismus konservieren und das ferne Jahr 2000 besuchen. Auch späteren Autor*innen dienten kryonische Überlegungen für Zeitsprünge in Zukunftswelten, bis die Wissenschaft sich des Themas tatsächlich annahm. Zum Beispiel Stanisław Lem oder die Serie Futurama greifen es auf. Bei Hendrik Otremba, der sich mutig in die Reihe stellt, liegt der Fokus weniger auf den Science-Fiction- und stärker auf kulturgeschichtlichen Aspekten. Was bedeutet die Kryonik, die ja zumindest, was das Einfrieren betrifft, inzwischen tatsächlich angewendet wurde, als soziale Praxis, und welche Schicksale verband sie?

So begleitet Otremba einige Mitarbeiter des fiktiven Unternehmens Exit US, darunter ein gewisser H.G. Kachelbad, durch ihren Alltag Mitte der 1980er Jahre, als die erste große Öffentlichkeitswelle der Kryonik eigentlich schon wieder abgeebbt ist und die Praxis aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verschwinden beginnt, aber dennoch einige Aufträge offen sind. In der Kryonik wartet man ja meist den natürlichen Tod ab. Teil ihrer Tagesordnung ist es somit, nach dem Ableben von Klient*innen von Exit US die Leichen mit einem Kühlwagen abzuholen (der aus verschiedenen Gründen die Aufschrift „OTREMBA FUNERAL SERVICE“ trägt), diese auszubluten, das Blut durch ein Frostschutzmittel zu ersetzen, und in einen Tank mit -196° kaltem flüssigen Stückstoff einzulagern.

„Wenn die Sprache an ihre Grenze kommt, betreten wir eine neue Welt.“

Hendrik Otremba – Kachelbads Erbe

Da das Unternehmen zu dieser Zeit schon einige Jahre auf dem Markt ist, sind bereits zahlreiche Leichentanks zusammengekommen, die in einer Lagerhalle in Los Angeles stehen und regelmäßiger Wartung bedürfen. Nebenbei bieten sie als futuristischer Friedhof auf Zeit einen ausgezeichneten Schauplatz, an dem die Handlungsstränge von Kachelbads Erbe zusammenlaufen. Von dort aus richtet Kachelbads Erbe neben einem literaturwissenschaftlich obligatorischen Blick in die Zukunft auch ausführliche Rückblicke auf Lebensgeschichten der gefrorenen Leichen, ihren Platz in der Zeitgeschichte und die Gründe, die sie zur Kryonik brachten. Der Roman stellt große Fragen, thematisiert zum Beispiel die Grenzen der Sprache, etwa dann, wenn die Nachbereitung eines Lebens plötzlich wieder zu ihrer Vorbereitung wird. Oder fragt, was es eigentlich bedeutet, einen kleinen Gegenwartsmoment in der großen Seinsgeschichte zu durchlaufen. Aber er stellt auch sehr profane Fragen, die ebenfalls ihr Gewicht haben. Zum Beispiel: Was wird eigentlich aus den vielen Leichen, wenn ein Kryonik-Unternehmen sich wirtschaftlich nicht mehr trägt?

Die Kunst der Unsichtbarkeit

Und obwohl der Roman ein Science-Fiction-Thema aufgreift, glänzt er vor allem darin, vermeintlich Übernatürliches einzufangen und unter profanen Aspekten zu betrachten. Es mag zunächst aufstoßen, dass in einem Buch, das wissenschaftliche Sprache verwendet, plötzlich Unsichtbare, Zeitreisende und Seelenwanderer auftreten. Aber Otremba gelingt es, vermeintlich Übernatürliches logisch greifbar zu machen. Unsichtbarkeit zum Beispiel lässt sich von Seite zu Seite immer weiter als eine Eigenschaft nachvollziehen, die manche Menschen oder gesellschaftliche Gruppen zweifelsfrei tatsächlich haben, die man sich grundsätzlich aber auch antrainieren könnte. Auch die meisten anderen Phänomene, die auftreten scheinen zunächst undenkbar, später im Roman aber greifbar und völlig praktikabel. Die wenigen am Ende noch verbleibenden fantastischen Elemente lassen den komplexen Roman an einigen Stellen surreal verschwimmen.

Der fragmentarische Stil von Kachelbads Erbe, der auch an Buchprojekte wie Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen von Philipp Weiss oder Judith Schalanskys Verzeichnis einiger Verluste erinnert, und bei Otremba eine schlanke Form findet, ist in zwei Hinsichten geschickt gewählt. Zum einen kann der Autor damit zahlreiche Epochen abhaken, die er vermutlich selbst spannend genug findet, um ihnen ein Buch zu widmen, zum anderen lassen die Episoden kaum Aspekte unbeleuchtet, um den umkreisten Betrachtungsgegenstand, die Kryonik, auszuerzählen. Er achtet zwar auf den logischen Zusammenhalt zwischen den Fragmenten, traut das letztendliche Zusammenführen der Passagen zu einem Roman aber weitgehend seinen Leser*innen selbst zu. Diese werden mit jedem neuen Kapitel kurz mit dem Gefühl konfrontiert, plötzlich ein anderes Buch zu lesen. Was sich teilweise auch bewahrheitet. Als nachhaltig irritierend fällt höchstens eine aus der Sicht einer Katze erzählte Passage heraus, deren Weltbild trotz starkem Hang zur Verschmustheit und instinktiven Werturteilen doch sehr menschlich erscheint.

Sprünge im Erzählstil, die man während des Lesens ankreiden möchte, werden durch den Einbau von Metaebenen abgefedert. Diese schwanken zwischen wissenschaftlicher Beschreibung, surrealer Betrachtung und persönlichem Erzähler. Bloß manchmal würde man sich wünschen, dass der Roman noch stärker verschachtelt wäre und lieb gewonnene Charaktere noch zumindest ein zweites Mal zurückkehren würden. Aber nicht nur in seinem Thema, auch in seinem Aufbau bleibt der Roman durchgehend unbequem. Damit beweist Hendrik Otremba sein erzählerisches Talent. Zwischen den fragmentarisch zusammengefügten Kapiteln lässt er nicht zuletzt einen gesamten Roman unsichtbar werden.

Kachelbads Erbe von Hendrik Otremba erschien am 5. August 2019 bei Hoffmann und Campe und hat 432 Seiten. Er kostet 24 €, die ersten Seiten sind jedoch auch gratis vorgetragen verfügbar:

Quelle: YouTube
Titelbild: © Kat Kaufmann

Liebende Maschinen

Das Thema der Künstlichen Intelligenz (KI) ist endlich von der (oft zu Unrecht verschrienen Science Fiction) in die Mainstreamliteratur herübergeschwappt.


Große Genre-Autoren – wie Philip K. Dick, Iain Banks, Dietmar Dath und inzwischen auch Marc-Uwe Kling – bearbeiten das Thema bereits seit Dekaden und stellen sich vor allem drei Fragen: Erstens, was bedeutet die Vollautomatisierung für die menschliche Gesellschaft? Zweitens, wie müsste man rechtlich und moralisch mit einer Künstlichen Intelligenz umgehen, das heißt mit einem elektronischen Wesen, das selbstständig lernen kann und – anders als ein bloßes neuronales Netz – empathiefähig wäre? Und drittens, ginge von einer solchen überlegenen Spezies eine Gefahr aus? Genau die gleichen Fragen stellt sich nun auch, mit ordentlicher Verspätung, die Publikumsliteratur. Ian McEwan hat beispielsweise in seinem neuen Roman Maschinen wie ich eine alternative Gegenwart entwickelt, in der die ersten KIs als Servicekräfte und Begleiter eingesetzt werden. Während er damit zwar ein technisch und erzählerisch sauberes und spannendes Werk vorlegt, trägt er inhaltlich zur (noch rein fiktiven) Debatte kaum etwas bei.

In Maschinen wie ich lebt der Junggeselle und Ich-Erzähler Charlie immer noch vom Erben und von meist erfolglosen Börsenspekulationen. Auch bandelt er mit seiner Nachbarin, der Studentin Miranda, an. Die beiden sind bereits ein Paar, als Charlie einen großen Teil des Erbes aus reinem Interesse in eine KI steckt. Er bekommt das Modell „Adam“ geliefert, einen Androiden, der in eine menschliche Hülle gesteckt wird und allerlei menschliche Aufgaben übernehmen kann – nur schneller, effizienter und intelligenter. Schon bald entwickelt Adam eine eigene Persönlichkeit, vernetzt sich mit „Artgenossen“ und wird der Dritte in der Liebesgeschichte, als auch er sich in Miranda verliebt und sogar einmal Sex mit ihr hat. In dem Gefühlschaos kommt auch eine dunkle Vergangenheit Mirandas ans Licht. Die Situationen werden für das menschliche Paar immer verhängnisvoller, und immer mehr zeigt sich, dass der strenge Adam im Grunde der Moralischste unter den Dreien ist.

Die Geschichte ist gut konstruiert und hat eigentlich das, was es zu einem guten Roman braucht: authentische Protagonisten, Liebe, Sex, eine Ménage à trois, inklusive Eifersucht sowie philosophische und politische Reflexionen in einem. Die Protagonisten beispielsweise sind keinesfalls rein gut oder schlecht, sondern schlicht menschlich. Charlie etwa ist zwar charmant, liebevoll und einigermaßen intelligent, aber andererseits reflektiert er auch über zahlreiche Fehler wie Geldprobleme, seinen Egoismus und seinen falschen, oft herablassenden Umgang mit Adam. Miranda ist eine geheimnisvolle junge Frau, die zärtlich und nett ist, aber auch rachsüchtig, skrupellos und verzweifelt. Und Adam ist ein geborener Kantianer, der um seine intellektuelle Überlegenheit weiß und keine moralischen Ausnahmen duldet, aber andererseits sich gerne zur Romantik in Haiku-Form hinreißen lässt.

Lesenswert, aber unoriginell

Zwei Besonderheiten schweben zudem als Kontext über der Handlung. Zum einen wird immer wieder das Geschehen unterbrochen, um Einblick in die britische Politik zu bekommen. In McEwans Szenario bekämpfen sich Thatcher-Tories und Labours über die zunehmende Automatisierung der Arbeit. Was passiert dann mit den Arbeitern? Es geht um Maschinenstürme und den denkbaren Luxus, ohne Arbeit leben zu können, sollte Lohnarbeit überflüssig werden. Leider reicht McEwans Fantasie hier nur für die sehr bourgeoise Lösung eines bedingungslosen Grundeinkommens, ohne das Wirtschaftssystem, das menschliche Arbeit als ökonomische Ressource sieht, zu hinterfragen. Darüber hinaus lässt der Autor auch Alan Turing noch lebendig sein. Als Erfinder des Turing-Tests war er maßgebend für die Frage, ab wann eine KI als menschlich gelten kann – nämlich dann, wenn ein menschliches Gegenüber keinen Unterschied von KI und Mensch mehr ausmachen kann. Mehrmals trifft Turing auf Charlie, erklärt ihm technische Details oder gibt auch das eine oder andere erschütternde moralische Urteil ab.

So gilt McEwan im Grunde zu Recht als ein Meister der gegenwärtigen britischen Literatur, der einfühlsam und mit einer eleganten Einfachheit zu schreiben vermag. Nichtsdestotrotz ist dieser Roman zwar sehr gelungen, aber dennoch überflüssig. Solche und ähnliche Geschichten – von höherer und niedrigerer Qualität – gibt es schon zuhauf. Warum das Thema noch einmal aufwärmen, wenn man nichts dazu zu sagen hat? Denn McEwan vermag nicht, thematisch dem Ganzen etwas Neues hinzuzufügen. Er erkennt nur die Brisanz einer scheinbar immer näher rückenden Zukunftsvision, ohne eigene Gedanken dazu zu entwickeln und zu verarbeiten. Er setzt einfach den moralisch fragwürdigen Umgang mit einer neuen Spezies in einen neuen Kontext, nämlich die Ära des englischen Neoliberalismus. Doch neue Konfliktlinien oder Reaktionsmuster vermag er daraus nicht abzuleiten. Er hat das, was die Science-Fiction schon lange vorher geliefert hat, nur noch einmal neu verpackt.

Zusammengefasst zeigt sich, dass Maschinen wie ich eine durchaus gute Geschichte ist, die in einem klaren und dennoch mitreißenden Stil erzählt ist. Kurz gesagt: Isoliert betrachtet ist das Buch lesenswert und liefert den einen oder anderen Page-Turner. Da der Handlung selbst aber jede Innovation oder auch nur Neuigkeit fehlt, vermag das Buch bestenfalls in die literarischen Topoi KI, Androiden und Replikanten einzuführen. Letzteres sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Roman jeder literarischen Originalität entbehrt. Wer sich wirklich dafür interessiert, dem sei sozialkritische Science Fiction empfohlen.

„Maschinen wie ich“ von Ian McEwan erschien in deutscher Übersetzung von Bernhard Robben 2019 im Diogenes Verlag und hat 416 Seiten.

Coverbild: © Diogenes Verlag

 

Ann Cotten – Lyophilia

Lyophilia ist ein zähes, schwer lesbares und stellenweise ganz wunderbares Buch. Der Suhrkamp-Verlag, der die Bücher der österreicherischen Autorin verlegt, nennt es Science-Fiction auf Hegelbasis. Das meint wahrscheinlich, dass das Buch dialektisch angelegt sei. Tatsächlich besteht Lyophilia hauptsächlich aus zwei längeren Erzählungen, die sich antithetisch gegenüberstehen. In der Erzählung „Proteus“ geht es um eine Dreiecksbeziehung des Musikers Zladko zur slowenischen Politikerin Ganja und ihrem Sohn Igor. Die Geschichte ist in einer nahen Zukunft angesiedelt in der es Sex-Roboter gibt, aber die Menschen noch auf der Erde leben.


Diese Zukunft hat die bekannten Fragen und Probleme der Gegenwart zugespitzt: „Die Unruhigen übertünchen ihre krankhafte Unruhe, indem sie die Ziele ihres Strebens mit den Vorschlägen der Werbung streamlinen. Der Werbung oder ihrer Eheleute. Die können genauso wenig wie ich Ordnung schaffen und in der Sonne liegen, aber ihr Chaos und ihre Unruhe wird in Anzüge, Villen, automatische Autos oder gedankenabwesende Kinderbetreuung gespeist.“

Zladko, der Ich-Erzähler in „Proteus“ spielt Saxofon in einer Band, deren größter Hit „Lyophilia“ heißt. Das Wort bezeichnet die Gefriertrocknung und ist eine Möglichkeit Körper für die Ewigkeit zu konservieren. In der Erzählung „Proteus“ spielt dieses Prinzip kaum eine Rolle, dafür in der zweiten längeren Geschichte „Mitteilungen vom Planeten Amore [KAFUN]“. Die Protagonist٭innen leben auf einer weit entfernten Kolonie, die sie durch eine Zeitreise erreicht haben. Für diese Zeitreise wurde ihr Geist gefriergetrocknet – lyophilisiert.

Diese Erzählung ist deutlich hermetischer. Verschiedene Protagonist٭innen einer Gruppe von Siedler٭innen des Planeten Amore [KAFUN] berichten von ihrem Leben auf diesem Planeten und ihren Beziehungen untereinander. Jetzt fährt Ann Cotten das komplette Science Fiction-Arsenal auf: ferne Planeten, Zeitreisen, Klonen. Die Haupterzählerin nimmt ihren Lebenspartner „Emile“ nur im Plural wahr. Dadurch entstehen Sätze wie: „Emile rollen, bleiben auf den Rücken liegen, die Knie verlangsamt wie bei einer nachdenklichen Spinne. Er scheinen zu überlegen, ob er weiterrollen sollen oder wollen, picken sich einen Grashalm vom Pullover. Rollen plötzlich wieder los, aber fast zitternd vor Unentschiedenheit.“

Solche Einfälle machen Lyophilia zu einem interessanten Prosawerk. Frustrierend sind dagegen die zahlreichen anderen Einfällen, die sich zwischen den Zeilen andeuten. Teilweise sind sie in den begleitenden kürzeren Texten versteckt. Eine dieser Theorien ist, dass die Außerirdischen den Menschen das Sprechen beigebracht haben. Doch wahrscheinlich haben die meisten Leser٭innen frustriert von zu viel Verrätselung aufgegeben, bis sie sich diese Konstrukte erschlossen haben. Zudem konnte Ann Cotten der postmodernen Versuchung nicht widerstehen, aus Lyophilia ein Buch über das Erzählen selbst zu machen. Die Figuren in „Mitteilungen vom Planeten Amore [KAFUN]“ gründen zum Beispiel einen Literaturclub. Ob sie dort Lyophilia lesen würden, ist unwahrscheinlich. Damit entgehen ihnen einige interessante Einfälle, aber sie ersparen sich eine Menge Frust.

Coverbild: © Suhrkamp Verlag

Der digitale Zwist

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Computerprogramme, die sich verselbstständigen und die Menschheit bedrohen – vor vielleicht zwanzig Jahren wäre eine solche Story noch in das Genre Science Ficiton gefallen. In dem kürzlich erschienenen „Das Erwachen“ von Andreas Brandhorst wird ein von Menschenhand heraufbeschworenes Software-Alien Realität.


Was in Daniel Suarez‘ Thriller „Daemon“ (2009) noch ein bisschen düstere Zukunftsmusik zu sein scheint, wirkt in „Das Erwachen“ so nah wie nie zuvor. Andreas Brandhorst verweist in seinem neuen Werk ausdrücklich auf mögliche Risiken und Nebenwirkungen einer sich fortwährend vernetzenden digitalen Welt. Schwarzmalerei oder dunkles Vorgefühl?

Es braucht nicht viel, um ein virales Programm zu entwickeln und in Umlauf zu bringen, sodass sich das hierarchische Verhältnis Mensch – Maschine umkehrt. Eine solche Bedrohung wird im Thriller bereits im Jahre 2031 real. Wie groß wäre das Dilemma, wenn sich künstliche Intelligenzen zu einer Maschinenintelligenz vereinen und den Menschen mit Leichtigkeit übertrumpfen?

Im Gegensatz zu der digitalen Bedrohung Daemon („Disk and Execution Monitor“)aus dem gleichnamigen Buch von Daniel Suarez kreiert Brandhorst aus seiner Maschinenintelligenz keine manipulative Killermaschine, allerdings auch keine dem Menschen unbedingt freundlich gesinnte Intelligenz: Die durch ein Versehen freigesetzte digitale Infektion entpuppt sich als Initialzündung, welche die NSA für den Erstschlag eines globalen Cyberkriegs geschaffen hat – und damit beginnt eine nicht mehr aufzuhaltende, unberechenbare Infizierung aller digital verknüpften Geräte weltweit.

Andreas Brandhorst gelingt es vor allem zu Anfang des Thrillers Spannung aufzubauen und zu halten. Die meisten Charaktere kommen jedoch im Laufe der gut 700 Seiten nicht über eine oberflächliche Darstellung hinaus, da Brandhorst diese im Gegensatz zum behandelten Thema an einer kurzen Leine hält; dementsprechend fallen einige Darstellungen wie Dialoge recht hölzern aus.

Der deutsche Thriller thematisiert einerseits die Angst vor dem menschlichen Kontrollverlust durch das „bedrohliche Fremde“, was uns vor allem aus Science Fiction Stories bekannt sein dürfte. Andererseits stellt er einen aktuellen Bezug her, indem mögliche Konsequenzen der Weiterentwicklung unseres jetzigen technischen Stands und damit verbundene globale Auswirkungen facettenreich diskutiert werden.

Wie die Welt in vierzehn Jahren tatsächlich aussehen mag? Andreas Brandhorst hat zumindest einen visionären Versuch gewagt!

Titelbild: © Piper

James Tiptree Jr. – Die Mauern der Welt hoch

Dass das Genre der Phantastik sich seinen Weg aus der Nischenliteratur heraus zur Weltliteratur erarbeitet, mit universellen Themen wie Demokratie, Patriarchalismus, aber auch Liebe, Tod und Versagen zeigt der neu-übersetzte Roman „Die Mauern der Welt hoch“ von James Tiptree Jr.


Unter den Fans von Science Fiction ist James Tiptree Jr. schon lange bekannt für ihre geniale und über die Jahre hinweg gereifte Kurzprosa, mit Topoi wie Liebe, Versagen, Völkermord oder Tod auf interplanetarischer Ebene, die von witziger Erotik bis zu tiefer Trauer reichen. In den 1970ern war es wie eine Explosion in der Nischenwelt des Genres, als publik wurde, dass sich hinter dem Pseudonym James Tiptree Jr., eine Figur, die doch angeblich immer so maskulin und hart schrieb – was auch immer das bedeuten soll –, eine weißhaarige Frau mit Namen Alice B. Sheldon steckte. Ihr erster von zwei Romanen, „Die Mauern der Welt hoch“ (1978 erstmals im amerikanischen Englisch erschienen) wurde 2016 vom Septime Verlag in der neuen kongenialen Übersetzung von Bella Wohl herausgegeben – im Rahmen der Gesamtausgabe ihres literarischen Werkes.

Der Handlungsstrang des Romans ist dreigeteilt, und ermöglicht es Tiptree so, Geschehen und Orte länger und intensiver darzulegen, aber auch das Tempo, das in ihren Erzählungen und Kurzgeschichten meist recht hoch, manchmal gar kafkaesk ist, zu drosseln. Die entscheidende Entität des Romans ist ein immaterielles Wesen, das sich selbst das Böse nennt und ganze Planeten zerstört. Doch es tituliert sich nicht wegen seiner destruktiven totalen Kraft, für die es geschaffen worden sei, böse, sondern weil es in einem Krieg dieser Wesen in die Einsamkeit desertiert und auf eigene Faust durch das Universum wandelt.

Der zweite Handlungsstrang handelt von dem faszinierenden Planeten Tyree, eine paradiesische Welt, auf der riesige, fliegende rochenartige Wesen leben. Diese Bewohner kommunizieren mit ihren biolumineszierenden Körpern, mit bunt leuchtenden Mustern, die Gefühle und Erlebnisse kommunizieren. Das soziale und politische System dieses Planeten ist wohl faszinierender als die Handlung selbst. Die Tyreaner wirken archaisch, aber sind direktdemokratisch in Versammlungen organisiert. Außerdem sind sie ein patriarchalisches System, das aber matriarchalisch geprägt ist, denn die Männchen erziehen die Kinder, da sie mehr Kraft haben, und sind aus dem Grund, dass sie die Zukunft des Planeten hüten die Anführer, während die Frauen Forscher und Kämpfer sind. Manchen Männern ist auch etwas möglich, das als „Lebensraub“ bezeichnet wird: die Fähigkeit das eigene Bewusstsein in den Körper eines anderen Wesens – auch auf anderen Planeten – zu transferieren und das Bewusstsein des Wirtes mit dem eigenen zu tauschen.

Obgleich Lebensraub als Verbrechen gilt, entscheiden die Tyreaner dies systematisch zu nutzen, als der immaterielle Planetenzerstörer sich ihnen nähert und ihre Existenz somit auszulöschen droht. Sie wollen ihre Körper mit einigen Menschen auf der Erde tauschen (natürlich ohne deren Kenntnis), die metaphysische Fähigkeiten haben, ansatzweise Gedanken lesen können und manchmal auch Zukunftsahnungen haben – eine Gruppe unterschiedlicher Protagonisten mit meist psychischen Problemen, mit denen die US-amerikanische Regierung zu Zeiten des Kalten Krieges experimentiert; die Gruppe befindet sich unter Leitung eines frustrierten Mannes namens Doktor Dan, der von Gewissensbissen getrieben wird, da er seine Frau hat sterben lassen, und gerade dabei ist, sich hoffnungslos zu verlieben.

Die Handlung selbst ist faszinierend, besonders die Schilderungen des Planeten Tyree, deren politisches System, und ihre Interaktion mit den Menschen nach dem Lebensraub. Die Geschichte hat im Grunde alles, was man inhaltlich braucht, um Weltliteratur zu produzieren: die detaillierte Schilderung verschiedenster Kulturen aus der jeweiligen Perspektive der Akteure, eine Mischung aus Liebe, Trauer, Einsamkeit, technologischer und metaphysischer actiongeladenen Szenen, und einer elementaren Bedrohung, sowie tiefe philosophische Reflektionen darüber was politisch und ethisch vertretbar ist – und vor allem was nicht.

Das wird noch garniert durch den einzigartigen Stil von Tiptree und ihrem Spiel mit den Geschlechtern – was sich in Anbetracht ihrer eigenen Künstlerbiographie ja auch geradezu aufdrängt. Ihr Stil ist unprätentiös, knapp, manchmal hart, aber oft einfühlsam und unterstreicht vor allem das Faszinosum um fremde Planeten und Existenzen, was durch die neue Übersetzung umso deutlicher wird.

Jedoch merkt man, dass Tiptree aus dem Genre der Kurzprosa kommt, und es scheint, als ob sie in dieser Gattung sich besser entfalten kann. Beispielsweise verliert sie sich in der ersten Hälfte des Romans gerne in marginale Details. Dadurch verlangsamt sich die Handlung enorm, und wird vor allem von den Gefühlen von der eher grauen Erscheinung des Doktor Dan gehindert. In einer längeren Erzählung hätte sich dies auf ein spannenderes Niveau verdichten lassen. Des Weiteren befindet sich in ihrer Erzählstruktur ein eher unangenehmer Bruch. Während in der ersten Hälfte die drei Handlungsstränge sich regelmäßig abwechseln, verwischen sie in der zweiten Hälfte, und auch die drei Erzählperspektiven verändern sich, vermischen sich oder werden am sehr langatmigen Ende gar auf informatische Weise eins. Aber natürlich bleibt bei diesem Kritikpunkt fraglich, ob sich das überhaupt hätte vermeiden lassen, ohne die Handlung zum Schlechteren zu verändern.

Alles in allem hat James Tiptree Jr. mit „Die Mauern der Welt hoch“ bewiesen, obgleich sie vor allem im Bereich der Kurzprosa brilliert, auch ergreifende und komplexe Romane schreiben kann, und somit mühelos neben Science-Fiction-Giganten wie Philip K. Dick oder den Strugatsky-Brüdern eingeordnet werden kann.

© Septime Verlag

Feminismus mit oder ohne Technik

Auf der Berlin Feminist Film Week wurde das Science-Fiction Genre endlich `mal ein wenig umgekrempelt. Frauen schrieben Drehbuch, führten Regie und machten den Großteil des Castings aus. Mit Advantageous ist eine dystopische Schau in die Zukunft entstanden, die uns widerspiegelt, was an dem heutigen Verhältnis von Arbeit/Frauen und Wissenschaft/Technik schief läuft.


Im Rahmen der Berlin Feminist Film Week lief Advantageous. Die Regisseurin Jennifer Phang schrieb zusammen mit der Hauptdarstellerin Jaqueline Kim das Drehbuch. Zunächst als Kurzfilm für Netflix produziert, wurde dieser 2012 beim Sundance Film Festival gezeigt und später als Feature zu einem vollen Spielfilm ausgearbeitet. Angekündigt wurde „feminist sci-fi at its best“. Ich erwartete also einen feministischen Science-Ficiton Film. Vor allem erwartete ich eine Geschichte, in der Frauen sich behaupten und vielleicht auch gerade durch Technik mehr Macht bekommen oder sie sich nehmen. Ich hatte hier an anderer Stelle bereits auf das speziell gesellschaftskritische Potenzial von Science-Fiction aufmerksam gemacht. In Science-Fiction-Filmen speist sich die Not, mit der neue technische Innovationen erforscht und realisiert werden, fast immer aus ganz grundsätzlichen Fragen, die die menschliche Existenz betreffen. In vielen populären Filmen sieht das so aus: Der Lebensraum auf diesem Planeten wird zerstört, also brauchen wir Raumschiffe und Technik, die Überlebensbedingungen im All oder auf einem anderen Planeten für uns schaffen.

Berlin Feminist Film Week 2016

© Florence Wilken

Das beinahe zwanghafte Verhältnis von Wissenschaft und Praxis wird gerade in Science-Fiction zwar nicht immer Thema der Handlung, ist aber dennoch der Grund und Boden, auf dem sich Handlungsstränge abspielen und Konflikte entzünden oder überhaupt erst ermöglicht werden. Und das ist die gar nicht so fiktionale, sondern reale Dimension des Genres. Wissenschaft und Technik wirken ganz direkt auf Machtverhältnisse zwischen Menschen, denn die in der Wissenschaft destillierten „Fakten“ werden normativ aufgeladen in Technik eingewoben und werden jedes Mal im Gebrauch der Nutzerinnen reproduziert (Cynthia Cockburn, Susan Ormrod: „Wie Geschlecht und Technologie in der sozialen Praxis gemacht werden“, in: Irene Dölling und Beate Krais: Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis).

Technik gegen Biologie

Dreh und Angelpunkt für den Konflikt, dem die Protagonistin in Advantageous ausgesetzt ist, ist der Verfall des menschlichen Körpers, das Altern. Gwen Koh, eine alleinerziehende Mutter, ist Sprecherin für den Konzern „Center for Advanced Health and Living“. Wie der Name vermuten lässt, verbirgt sich dahinter das Bestreben, dem Fortschritt nicht im Wege zu stehen. Dort werden technische „Lösungen“ vermarktet, die das menschliche Leben und die Gesundheit erträglicher machen sollen. Welche Lösung wäre nicht umfassender und logischer, als den Verfall des Körpers gänzlich zu stoppen? Gwen ist in den 40ern, immer noch bildschön, aber man sieht ihr den unerbitterlichen biologischen Prozess eben doch an. Sie kann nicht mehr als Sprecherin des Centers auftreten, man sucht eine neue, jüngere, attraktivere Frau. Gwen ist nicht die einzige, die arbeitslos wird. Im Verlauf des Films sieht man immer wieder Bilder von Frauen in prekären Lebensumständen, ohne Wohnraum oder Prostitution. Die dezent animierten und gezeichneten Gebäude und Transportmittel dieser zukünftigen Welt verstärken dabei das Gefühl, dass für „Natürliches“ und biologische Körper eigentlich kein Platz mehr ist. Zugespitzt wird diese Kritik an der zunehmenden Technisierung unserer Lebensräume, indem ab und an einzelne Bauten einzustürzen beginnen und grauer Staub in den Himmel steigt. Auch die von uns erschaffene Konstruktionen sind vergänglich.

Advantageous Jules Gwen Feminist Film Week

© Good Neighborhood Media

Um ihrer talentierten Tochter eine angemessene Ausbildung zu ermöglichen, sucht Gwen verzweifelt eine neue Arbeit. Ohne Erfolg. Sie weiß um ihre Expertise, jahrelange Erfahrung mit den Produkten. Das will sie noch einmal als Argument ins Feld führen. Als sie sich schließlich an ihren alten Arbeitgeber und auch privat vertrauten Mitarbeiter wendet, ergibt sich eine neue Chance. In Sequenzen, in denen der Mitarbeiter mit seiner Vorgesetzten verschwörerisch Gwen im Wartezimmer beobachtet, wird der Zuschauerin klar, dass von Anfang an auf Gwen gesetzt wurde. Unklar bleibt allerdings, wieso gerade sie eine geeignete Kandidatin für das waghalsige Experiment ist, das Gwens Arbeitgeber an ihr ausprobieren wollen. Obwohl ihr der Mitarbeiter unter vier Augen mitteilt, welche Risiken damit einhergehen, entscheidet Gwen sich dazu, ihren Körper aufzugeben und ihre Identität in einen neuen, jüngeren Frauenkörper transferieren zu lassen. Für sie ist es die letzte und beste Chance.

Wenn Jugend und Schönheit über Arbeit entscheiden

Eine Gesellschaft, in der Frauen es besonders schwer haben, Arbeit zu finden und die aufgrund ihrer verwelkenden Jugend und Schönheit einfach aussortiert werden, dazu muss man nicht ins Jahr 2041 reisen. Wenn sich Gwen dazu entschließt dem Druck nachzugeben und sich der Schönheitsindustrie und dem Diktat „Frau sein heißt attraktiv sein“ unterordnet, schwindet erst einmal die Hoffnung bei mir als Zuschauerin, die Protagonistin könnte sich doch noch selbst behaupten. Aber halt! Vielleicht wird Gwen ja von ihrem Mut belohnt und kann als ganz neues Wesen, eine neue Art von Mensch, Grenzen überwinden und doch noch den Zwang von sich schütteln. Es wird ihr suggeriert, und Gwen glaubt daran, dass Körper und Geist sich trennen lassen, ja sogar unabhängig voneinander existieren können. Dass Identität etwas ist, dass noch mit sich identisch ist – falls es überhaupt so etwas wie einen Kern oder eine Einheit des Selbst gibt –, wenn jeglicher materielle Bezug weggenommen wird. Gwen und ihre Tochter Jules suchen gemeinsam einen neuen Körper aus, in den Gwens geistigen Muster übertragen werden sollen. Irgendwie ahnen beide, dass sie danach anders sein wird. Die Drastik der Handlung spitzt sich gerade in dem Umstand zu, dass Gwen sich nicht verändert hat, sondern dass, auch durch die noch nicht ganz ausgereifte technische Umsetzung, der gespendete Körper und der eingespeiste Geist zusammen eine ganz neue Person bilden. Frau und Mädchen müssen sich erst einmal kennen lernen, damit daraus Mutter und Tochter werden kann.

Quelle: YouTube

“Does progress mean that you can have a conversation with a fellow human being and be human? Or does it mean that you’re just going to be this ultra-human that just exists forever? Or is that natural to who we are?“, fragt die Schauspielerin Jaqueline Kim in einem Interview (Interview auf craveonline.com) . Und das sind auch die Fragen, die bei mir auftauchen, während ich den Film schaue. Der Film versucht aus einer weiblichen Perspektive eine Gesellschaft darzustellen, die es gerade Frauen fast unmöglich macht, ihre eigene Rolle als Frau zu erkennen, geschweige denn autonom zu gestalten. Deprimierend ist, dass hier keine Frauenpower proklamiert wird. Meine Erwartungen wurden also nicht erfüllt. Aber gerade der dystopische Charakter und die totale Aufgabe der Mutter bis hin zur körperlichen Entäußerung erzeugen eine erschütternde Drastik. Und dann ist er wieder da, dieser Moment, der Filme und besonders Science-Fiction so sperrig und wertvoll macht. Der praktische Zwang, der mit der Möglichkeit etwas völlig Neues machen zu können, einhergeht, führt uns vor Augen, was auf dem Spiel steht. Welche Vorstellungen wir von uns haben und welche Teile wir davon vielleicht bewahren sollten und welche wir völlig neu denken müssen. Advantageous ist ein ruhiger, nachdenklicher Science-Fiction Film mit einem überzeugenden Casting und er ist feministisch, gerade weil die Betrachterin gefordert wird, darüber nachzudenken, wie Frau-Sein heute und in Zukunft aussehen soll oder kann.

Titelbild: © Good Neighborhood Media

Genre-Experimente: Cordwainer Smith

Die Science Fiction von Cordwainer Smith beschwört fremdartige und faszinierende Welten herauf und ist in dreierlei Hinsicht bemerkenswert: in ihrem Schreibstil, ihren Erzählstrukturen und ihren Inhalten. Seine Erzählungen sind sowohl inhaltlich als auch formal experimentell und gehen in ihrer überwältigenden Ausgefallenheit und Meta-Geschichtlichkeit weit über das konventionelle Repertoire des Genres hinaus.

ein Gastbeitrag von Dennis Mombauer

Dieser Text erschien zuerst in Die Novelle – Zeitschrift für Experimentelles #4: Perfekte Planeten (Januar 2015)


Die folgenden Zeilen leiten die Kurzgeschichte »Scanners Live in Vain« ein, die 1950 in der kurzlebigen Zeitschrift »Fantasy Book« unter dem Pseudonym Cordwainer Smith publiziert wurde:

»Martel was angry. He did not even adjust his blood away from anger. He stamped across the room by judgment, not by sight. When he saw the table hit the floor, and could tell by the expression on Luci’s face that the table must have made a loud crash, he looked down to see if his leg was broken. It was not. Scanner to the core, he had to scan himself. The action was reflex and automatic. The inventory included his legs, abdomen, chestbox of instruments, hands, arms, face and back with the mirror. Only then did Martel go back to being angry. He talked with his voice, even though he knew that his wife hated its blare and preferred to have him write. ›I tell you, I must cranch. I have to cranch. It’s my worry, isn’t it?‹« (Smith/Davis 2012, 113)

Bereits beim Lesen dieser ersten Zeilen stellen sich viele Fragen, die teilweise im weiteren Verlauf der Geschichte beantwortet werden, teilweise für immer offen bleiben, dabei in jedem Falle jedoch eine fremdartige und faszinierende Welt heraufbeschwören. »Scanners Live in Vain« ist der erste Baustein einer Zukunftshistorie, die sich in mehr als 30 Kurzgeschichten und einer Novelle (Norstrilia) herausbildet, insgesamt über 16.000 Jahre umspannt und das Oeuvre des Science-Fiction-Autors Cordwainer Smith darstellt, das zwischen 1950 und 1987 (21 Jahre nach seinem Tod) erstmalig veröffentlicht wurde. (Lewis 2000, 9–14 und 117)

Die »Instrumentality of Mankind«-Geschichten, wie Smiths Science-Fiction meist zusammengefasst wird, sind mindestens in dreierlei Hinsicht bemerkenswert: in ihrem Schreibstil, ihren Erzählstrukturen und ihren Inhalten. Ihre überwältigende Ausgefallenheit und Meta-Geschichtlichkeit gehen weit über das konventionelle Repertoire des Genres hinaus. Sie sind in einigen Aspekten klassisch und linear, in anderen aber sowohl inhaltlich als auch formal experimentell – und diese Experimente sollen nun im Rahmen einer Vorstellung dieses vergleichsweise unbekannten, jedoch extrem kennenswerten Autors nachvollzogen und illustriert werden.

Ein ungewöhnliches und schillerndes Leben

Cordwainer Smith, alias Paul Myron Anthony Linebarger, alias Lin-Bai Lo (sein chinesischer Geburtsname) alias Carmichael Smith, Felix C. Forrest und Anthony Bearden (Pseudonyme für Romane und Gedichte außerhalb der Science-Fiction), lebte ein ungewöhnliches und schillerndes Leben an den Schauplätzen internationaler Politik, in die er nicht selten involviert war.

Er wuchs in China und Europa als Sohn eines Anwalts und Aktivisten mit engen Verbindungen zu Sun Yat-Sen auf (der Linebargers Taufpate wurde), promovierte mit 23 Jahren in Politikwissenschaft und wurde zum Experten für psychologische Kriegsführung. Er schrieb nicht nur ein Standardwerk dieses Fachgebiets, sondern war im Zweiten Weltkrieg innerhalb der US-Armee am Aufbau der ersten Abteilung für psychologische Kriegsführung beteiligt, diente im Koreakrieg und für die Briten in Malaya als Berater und arbeitete unter anderem für die CIA. Er gehörte als Asien-Experte zum Beraterstab von Präsident Kennedy und war Vertrauter von Chiang Kai-shek, lehrte als Universitätsdozent an der Duke University in Durham sowie der John Hopkins University in Washington D. C. und starb schließlich 1966 mit 53 Jahren an einem Herzinfarkt.

Seine als Cordwainer Smith veröffentlichte Science-Fiction, die mit »Scanners Live in Vain« ihren Anfang nahm, stieß aufgrund ihrer Absonderlichkeit und Kunstfertigkeit, aber auch ihres ungewöhnlichen Schreibstils, schnell auf großes Interesse bei den AutorInnen und LeserInnen des Genres, und die in den folgenden Jahren veröffentlichten Geschichten festigten Cordwainer Smiths Ruf als »einer der begabtesten Science-Fiction-Autoren des 20. Jahrhunderts« (Smith 2011).

Eine einzigartige Stimme

Smiths Schreibstil ist ikonisch und unverkennbar: »Nobody […] wrote science fiction that sounded like that. The lucid, unadorned prose setting forth the immeasurably strange—it was a new kind of voice.« (Smith/Davis 2008, ix) Die bizarrsten Dinge, Orte und Ereignisse werden in nüchterner, unaufgeregter Weise beschrieben, und zwar mit der Selbstverständlichkeit eines Bewohners dieses fremdartigen Universums. Es gibt keine einführenden Erklärungen für die LeserInnen, keine Erläuterung von Settingelementen (was ist ein »Scanner«? was »cranchen«?) – erst im Laufe der Geschichten können sich die LeserInnen langsam zusammenreimen, wie die Dinge aussehen.

Smith ist, im Gegensatz zu beispielsweise Dan Simmons, kein visueller, cinematischer Schriftsteller, und dennoch erzeugen seine simplen, oft leicht »verschoben« wirkenden Sätze (in denen sich auch der Einfluss chinesischer Literatur wiederspiegelt) das Panorama einer ganzen Welt, die im Kopf seiner LeserInnen durch deren eigene Fantasie Form und Farbe annimmt. Smith arbeitet mit Andeutungen, mit geschickt fallengelassenen Informationsbrocken und (siehe unten) oft erst aus der historischen Distanz erkennbaren Halbwahrheiten.

Ein weiteres wiederkehrendes Element sind Neologismen, für die Smith den eigenen umfangreichen Sprachfundus zum Steinbruch macht – am Ende seiner Jugend war er bereits mit sechs verschiedenen Sprachen vertraut. So wird aus dem deutschen »Menschenjäger« mit der Zeit und durch den Verlust von Wissen die Verballhornung »manshonyagger«; andere Begriffe sind zum Beispiel das bereits erwähnte »cranchen«, »haberman«, »pinlighting«, »planoforming«, »Go-captain« und »Stop-captain«, »Spieltier« oder auch »spieking« und »hiering« als Verben telepathischer Verständigung.

Das Experimentelle (zumindest im Rahmen klassischer Science-Fiction) ist also hier, dass den LeserInnen die Welt nicht erklärt oder von außen beschrieben wird, sondern Smith ihnen davon erzählt, wie ein Bewohner dieser Welt es einem anderen erzählen würde: ohne die Fremdartigkeit hervorzuheben oder zu benennen, sondern sie stattdessen, in gewisser Weise beiläufig, im Kopf der LeserInnen organisch entstehen zu lassen.

Erzählstrukturen und -traditionen

Doch diese Art des Schreibens ist nur ein zaghafter Fühler des Experimentellen, das sich tief in der Struktur des Textes versteckt, in den Abfolgen und Mustern seiner Wörter, Sätze und Abschnitte.

Smith weiß, dass es bei einer realen Geschichte nicht ausreicht, die »Fakten« zu kennen, ihre historischen Eckdaten und den groben Ablauf der Ereignisse; er weiß, dass tatsächliche Geschehnisse in keiner Erzählung festgehalten werden können, dass ein Ereignis beliebig viele Erzählungen hervorbringt und keine einzige davon »wahr« ist. Smith teilt diese Tatsache mit seinen LeserInnen und weist sie darauf hin, wie formbar und unstet Erzählungen – auch seine eigenen – sind, und dass sie mindestens so sehr vom Erzähler wie von den tatsächlichen Geschehnissen beeinflusst werden. So nimmt er im Prolog zu Norstrilia alle Rahmenbedingungen vorweg, ohne die LeserInnen damit tatsächlich auf die Geschichte vorzubereiten:

»Story, place and time – these are the essentials. The story is simple. There was a boy who bought the planet Earth. We know that, to our cost. […] The place? That’s Old North Australia. […] Time: first century of the Rediscovery of Man. […] What happens in the story? Read it. Who’s there? It starts with Rod McBan […] He gets away. He got away. See, that’s the story. Now you don’t have to read it. Except for the details. They follow.« (Smith 1988, 1–5)

Immer wieder nimmt er darauf Bezug, wie Ereignisse für die Nachwelt festgehalten werden, wie sie in späteren Geschichten erscheinen, wie sie ausgeschmückt, vereinfacht oder verfälscht werden. Ein Paradebeispiel dafür ist die Kurzgeschichte »The Dead Lady of Clown Town«, in der es um einen gescheiterten Aufstand der Untermenschen geht, der jedoch (neben anderen Ereignissen) das Fundament für spätere große Umwälzungen und schlussendlich die »Rediscovery of Man« bildet.

Wiederholt wird angeführt, dass es sich um ein historisches Ereignis handelt, das bereits längere Zeit zurückliegt und sich seitdem massiv in der Kultur niedergeschlagen hat. Ein Beispiel dafür ist ein (hier nur ausschnittsweise zitiertes) Gedicht: »Poets later tried to describe Elaine at the door with a verse which begins, There were brown ones and blue ones / And white ones and whiter, / In the hidden and forbidden / Downtown of Clown Town. / There were horrid ones and horrider / In the brown and yellow corridor. The truth was much simpler.« (Smith/Davis 2008, 25) An anderen Stellen werden Bilder erwähnt, Lieder, Filme und Theaterstücke, und immer wieder wird gleichzeitig erläutert, in welchem Kontrast diese Wiedergaben zu den tatsächlichen Ereignissen stehen:

»You all know about the trial, so there is no need to linger over it. There is another picture of San Shigonanda, this one from his conventional period, which shows it very plainly. […] The artist has it all. And you have the real view-tapes, too, if you want to go to a museum. The reality is not as dramatic as the famous painting, but it has value of its own. […] The words of the trial, they too have survived. Many of them have become famous, all across the worlds.« (Smith/Davis 2008, 86–87)

So wird zum Beispiel im Laufe von »The Dead Lady of Clown Town« zunehmend deutlich, dass selbst der Erzähler, der bis dahin als Einziger den »wahren« Verlauf zu kennen scheint, weder allwissend noch objektiv ist. Es handelt sich zwar um jemanden, der viele einzelne Puzzlestücke aus großer historischer Distanz zusammengefügt hat – dennoch kann auch er nur eine Variante der Erzählung anbieten, die ebenfalls ihre Fehler, Auslassungen und Verfälschungen enthält.

Das Experiment ist, Geschichte(n) zu erzählen (und sie gut zu erzählen), dabei jedoch deren »Geschichte-Sein« prominent in den Vordergrund zu rücken. Smith zeigt die Elemente, die Geschichten glaubwürdig machen, zum Beispiel technische Aufzeichnungen, betont aber gleichzeitig fast immer ihre Unwahrhaftigkeit:

»She opened [the door]— By sheer caprice. Or so she thought. This was a far cry from the ›I’ll be a witch‹ motif attributed to her in the later ballad. […] It was the tired caprice of a thoroughly frustrated and mildly unhappy woman. Nothing more. All the other descriptions of it have been improvements, embellishments, falsifications.« (Smith/Davis 2008, S. 12–13)

Er zeigt, wie groß die Wirkung von künstlerischen Wiedergaben eines Ereignisses ist (zum Beispiel von klassischen Sagen, Märchen, mündlichen Erzähltraditionen, Geschichtsbüchern, Propaganda), indem er denselben Eindruck, oder zumindest dieselbe Art von Eindruck, mit einer völlig (und offenkundig) fiktiven Geschichte erzielt: »Congohelium and stroon. Cat-people and laminated-mouse-brain roots. Mile-high abandoned freeways, and dead people who move and act and think and feel. Smith made wonderlands. And he made us believe they could be real.« (Smith/Davis 2012, 5)

Ein Biotop des Bizarren

Der letzte Auswuchs der Experimentalitätstriade im Werk von Cordwainer Smith kann hier nur angerissen werden, obwohl er alle Geschichten zutiefst durchdringt: die Ausgefallenheit und Andersartigkeit der erfundenen Welt. Smiths Fiktionen sind ein Biotop des Bizarren und Unerwarteten, das nicht nur berührt, sondern oft auch konsequent zu Ende gedacht wird.

Allein die Entwicklung der Raumfahrt wäre eine eigene Betrachtung wert: von den ersten primitiven Raketen unserer Zeit zu langsamen, weitreichenden Schiffen mit Solarsegeln, gesteuert von grauenhaft veränderten Piloten und pseudo-untoten Mannschaften, die von den ebenso pseudo-untoten Scannern (deren Gehirn nur noch direkt mit den Augen verbunden ist, um nicht an der »great pain of space« zu sterben; »The brain is cut from desire, and pain. The brain is cut from the world. Save for the eyes.« (Smith 1999, S. 14)); vom Überwinden besagter »great pain« zu den großen Kolonieschiffen; von dort zur Entdeckung von »Space2« und den wesentlich schnelleren Planoform-Schiffen, die jedoch lange Zeit auf Telepathen, deren Katzen-Partner in winzigen Begleitschiffen sowie ultrahelle photonukleare Miniatur-Bomben angewiesen sind, damit Besatzung und Passagiere nicht von mysteriösen Kreaturen in den Wahnsinn getrieben werden; und schließlich, gegen Ende der geschichtlichen Entwicklung, zur Enthüllung von »Space3« und damit wesentlich fortgeschritteneren Methoden der Transportation.

Diese kurze Übersicht über die Entwicklung der Raumfahrt soll die Tiefe und Breite von Smiths Kosmos nur andeuten und beispielhaft zeigen, dass es keinen Mangel an Ideen gebt, die erfolgreich auf dem dünnen Grat zwischen atemberaubendem Einfallsreichtum und Lächerlichkeit balancieren und sehr bewusst in die Entwicklung und Kultur seines erfundenen Universums eingebettet werden.

Probleme werden oft auf höchst unerwartete und absonderliche Arten gelöst; so erwehrt sich zum Beispiel ein Kommandant der Instrumentality (der einzige Mensch an Bord seines Erkundungskreuzers) in der Geschichte »The Crime and the Glory of Commander Suzdal« eines Angriffs der (un)menschlichen Arachosianer, die bereits über die Hülle seines Schiffes klettern, durch das Abfeuern von »life-bombs« auf den unbewohnten Mond von Arachosia, die er gleichzeitig in der Zeit zurückkatapultiert. Die Lebensbomben enthalten sorgfältig kodierte Katzen-DNA – und tatsächlich erscheint einen Augenblick später eine Schlachtflotte von Katzen-Menschen, die gerade noch nicht existiert hatten, sich nun aber seit zwei Millionen Jahren auf diesem Mond entwickelt und ideal auf diesen Moment vorbereitet haben.

Und bei diesem Beispiel handelt es sich noch um einen der konventionelleren Handlungsverläufe: es ist selten, dass ein Problem so physisch und offenkundig wie eine angreifende Flotte von (Un)Menschen ist, und die Lösung so simpel wie die Abwehr dieser Flotte mit einer anderen Flotte. Fast immer drehen sich die Geschichten um Probleme anderer Art, die nur innerhalb dieses Universums vorkommen können und fast nie mit reiner Gewalt zu lösen sind; das zentrale Plotelement in »Scanners Live in Vain« ist beispielsweise, dass die titelgebenden Scanner obsolet zu werden drohen und sich dagegen wehren, obwohl ihre Existenz (wie sie selbst wissen) eine qualvolle Zumutung ist und ihre Abschaffung einen echten Fortschritt der Menschheit bedeuten würde.

Es gäbe noch vieles mehr zu sagen, zum Beispiel zu den »underpeople« (die deutsche Übersetzung benutzt das historisch vorbelastetere Wort »Untermenschen«, die moderne transhumanistische Science-Fiction würden sie wohl »uplifts« nennen), die eine zentrale Rolle bei Smith spielen, zu den christlich-humanistischen Analogien und dem generellen Optimismus von Smiths Geschichten, der untypischerweise für die Science-Fiction kein technologischer, sondern ein sozialer und vielleicht auch spiritueller ist: doch für eine nähere Beschäftigung mit all diesen Themen kann nur empfohlen werden, sein Werk selbst zu lesen. Frederik Pohl beschreibt in seinem Vorwort zur Sammlung When the People Fell die Stoßrichtung der Instrumentality-Geschichten vielleicht am besten: »The Cordwainer Smith stories are science fiction of the special sort that C. S. Lewis called ›eschatological fiction‹. They aren’t about the future of human beings like us. The are about what comes after human beings like us.« (Smith/Davis 2012, 8)

Perfekt, aber nicht utopisch

Die »Instrumentality of Mankind«, die interstellare Superregierung, die von der alten Erde ausgehend über die gesamte Zeitlinie hinweg großen Einfluss auf die Entwicklung der Menschheit nimmt, hat eine Utopie geschaffen. »Stroon«, die Santaclara-Droge, erlaubt ein langes Leben (vier Jahrhunderte für die meisten, über tausend Jahre für manche), und es gibt keine Krankheiten, nahezu keine Unfälle, keine schwere Arbeit, keinen Mangel, keine Probleme – außer der unerträglichen Perfektion dieser Existenz: »They were dying off, just by being too perfect.« (Smith 1988, 237) Die Menschen haben sowohl das, was sie brauchen, als auch das, was sie sich wünschen, und dennoch hat die »Instrumentality« ihr Ziel verfehlt. Smith stellt die Frage, was Menschen zu Menschen macht und was Menschen brauchen:

»[…] long before these people built cities, there were others in the Earth—the ones who came after the Ancient World fell. They went far beyond the limitations of the human form. They conquered death. They did not have sickness. They did not need love. They sought to be abstractions lying outside of time. And they died, E’lamelanie—they died terribly. Some became monsters, preying on the remnants of true men for reasons which ordinary men could not even begin to understand. Others were like oysters, wrapped up in their own sainthood. They had all forgotten that humanness is itself imperfection and corruption, that what is perfect is no longer understandable. […] You and I are animals, darling, not even real people, but people do not understand the teaching of Joan, that whatever seems human is human.« (Smith 1988, S. 211)

Die Erde der fernen Zukunft unter der subtilen und wohlwollenden Herrschaft der »Instrumentality« ist nicht dystopisch, aber sie ist auch kein Paradies: es gibt Einschränkungen der Freiheit, die Bevölkerung lebt in Unwissenheit, und die Menschen leben und sterben wie Schlafwandler, glückliche Elois neben den Morlocks der Untermenschen.

Der Lösungsansatz »Instrumentality« für dieses Problem der Perfektion ist die sogenannte »Rediscovery of Man«:

»I’m still cat underneath it all, but even the cats which are unchanged are pretty close relatives of human beings. They make the same basic choices between power and beauty, between survival and self-sacrifice, between common sense and high courage. So the Lady Alice More worked out this plan for the Rediscovery of Man. Set up Ancient Nations, give everybody an extra culture besides the old one based on the Old Common Tongue, let them get mad at each other, restore some disease, some danger, some accidents, but average it out so that nothing is really changed.« (Smith 1988, 237–238)

Diese Wiedereinführung der Gefahren und Unsicherheiten des Lebens durch die »Instrumentality«, das heißt »von oben«, funktioniert nicht auf Anhieb, scheint aber schließlich die Situation zu verbessern, indem sie diese wieder verschlechtert:

»We today know that variety, flexibility, danger, and the seasoning of a little hate can make love and life bloom as they never bloomed before; we know it is better to live with the complications of thirteen thousand old languages resurrected from the dead ancient past than it is to live with the cold blind-alley perfection of the Old Common Tongue.« (Smith/Davis 2008, S. 89)

 

Bibliografie:

Lewis, Anthony R. (2000): Concordance to Cordwainer Smith. 3. Auflage. Framingham, MA: NESFA Press.

Smith, Cordwainer (1988): Norstrilia. London: VGSF.

Smith, Cordwainer (1999): The Rediscovery of Man. Mit einem Vorwort von Graham Sleight. London: Gollancz.

Smith, Cordwainer/Hank Davis (Hrsg.) (2008): We the Underpeople. Mit einem Vorwort von Robert Silverberg. Riverdale, NY: Baen Books.

Smith, Cordwainer (2011): Was aus den Menschen wurde. Mit einem Vorwort von John J. Pierce. München: Wilhelm Heyne Verlag.

Smith, Cordwainer/Hank Davis (Hrsg.) (2012): When the People Fell. Mit einem Vorwort von Ferderik Pohl. Riverdale, NY: Baen Books.

Beitragsbild © The Estate of Cordwainer Smith


 

Autorenfoto Mombauer

Dennis Mombauer, Jahrgang 1984, wuchs »am Rhein« auf und zog studienbedingt nach Köln, wo er heute lebt und arbeitet. Er schreibt Kurzgeschichten, Romane und Flash Fiction und ist Mitherausgeber von »Die Novelle – Zeitschrift für Experimentelles« (http://dienovelle.blogspot.de/). Dort Beiträge zu experimenteller Genre-Literatur und eigene experimentelle Texte. Diverse Veröffentlichungen in englisch- und deutschsprachigen Zeitschriften und Anthologien.

Zeit und Raum unbekannt, Richtung Zukunft – Afrofuturismus

Dass wir alle einer ungewissen Zukunft entgegengehen, wissen wir. Das Ganze einmal aus der Perspektive des afrikanischen Science-Fiction-Kinos zu betrachten, offenbart nicht nur stimmungsvolle Bilder und nachdenkliche Klänge, sondern erweitert unseren kulturellen und kritischen Horizont.


Ein Kurzfilmabend mit afrikanischen Science-Fiction-Filmen. Klingt exotisch und aufregend. Veranstaltet wird der Abend von der internationalen NGO „AfricAvenir“, die sich als politisches und kulturelles Bindeglied zwischen Afrika und Europa für einen interdisziplinären Austausch einsetzt. Der Kinosaal ist sehr voll, man findet kaum noch einen Sitzplatz im Kino in den Hackeschen Höfen. Das Interesse ist groß am Afrofuturismus. Und irgendwie klingt es ja auch verheißungsvoll, als würde uns an diesem Abend etwas Großartiges und Bleibendes begegnen. Auf jeden Fall etwas, das wir so von Afrika noch nicht gesehen haben. Dann läuft der erste Kurzfilm an und in Sekunden tauche ich ein in eine nicht allzu ferne Zukunft.

Eine sanfte Brandung spült Fußabdrücke im grobkörnigen Sand fort. Von wem stammen sie? Kam derjenige aus dem Wasser? Eine Überblendung zeigt uns den mutmaßlichen Besitzer dieses Abdruckes. Ein Wesen lehnt gekrümmt an hohen kargen Steinfelsen. Wir beobachten, wie sich das Wesen, das wir jetzt in seiner menschlichen Gestalt ausmachen können, langsam regt. Arme und Beine bewegen sich und mit sichtlicher Anstrengung wird versucht, den Körper vom Boden aufzurichten. Das Menschenwesen hält sich am Fels fest, zieht sich langsam in die Vertikale. So als ob es sich zuerst an die herrschende Erdanziehung gewöhnen müsste. Als würde es von einem anderen Planeten, aus einer anderen Welt stammen. Sein Atem geht schwer. Währenddessen sehen wir, dass das Wesen einen Anzug trägt. Ein Raumanzug? Ein Reiseanzug? Das braune Leder bedeckt seinen ganzen Körper. Sogar der Kopf ist in einer Art lederne Maske eingebunden. Zwei runde Öffnungen für die Augen und ein Mundfilter aus Metall. Es hat etwas Animalisches. Fremdes, Befremdendes.

Der Blick von der Bucht aufs Meer ist getrübt vom noch nicht angebrochenen Tag. Man meint, am Ende des gebogenen Horizontes ein Land ausmachen zu können. Der Reisende schaut lange aufs Meer und versucht sich in seine neue Umgebung einzufühlen. So wie der Protagonist des Films müssen auch wir uns hineinfühlen. Wo sind wir hier? Ist das noch unsere Erde? Zu welcher Zeit spielt die Handlung? Protagonist und Zuschauer müssen diese Fragen bis zum Schluss des Films aushalten. Wir sitzen im selben Boot. Auf einer Reise durch ein fremdes Land auf der Suche nach einem Anhaltspunkt, einem neuen zu Hause.

Der erste Kurzfilm an diesem Abend fesselt mich sehr. Eigentlich kann ich mich nach diesem kaum noch auf die anderen konzentrieren. Ich bleibe gefangen in der beklemmenden Stimmung des Films. Der junge algerische Regisseur und Produzent Amin Sidi-Boumédiène schafft es mit einfachen Mitteln ein sehr ursprüngliches Gefühl hervorzurufen. Es geht in „L`ile – Al Djazira“ um Einsamkeit und Fremdsein. In dem 2012 entstandenen, 35-minütigen Film folgen wir einem Mann, dessen Herkunft, Ziel und Motivation bis zum Schluss unklar bleiben. Sogar für ihn selbst? Wir kommen mit ihm an. An einen Strand, den wir nicht kennen, zu einer Zeit, die uns fern ist, und wir folgen mit ihm den seltsamen schwarz-weiß Fotografien, die er in einer Kiste im Strand ausgräbt und die uns den Weg durch die Stadt zeigen. Wir sehen verlassene, heruntergekommene Häuser und immer wieder die aufgehende Sonne. Wir laufen mit ihm über schmutzige Straßen und leere Plätze. Was ist hier passiert? Leben hier Menschen? Während der ganzen Zeit trägt der Protagonist seinen Anzug und die Maske.

Mit dieser Art des Werkschaffens reihen sich heute viele afrikanische Künstler in das Genre des sogenannten Afrofuturismus ein. Futuristisch ist hierbei nicht nur die Auswahl der Bilder und Metaphern, die am heutigen Stand technischer Errungenschaften andocken und diesen überzeichnen und eben in Szenerien der Zukunft ansiedeln. Sondern auch das alles verbindende Leitmotiv, eine Frage, die wir uns alle stellen müssen: In was für einer Welt/Zukunft wollen wir leben? Und gerade die afrikanische Diaspora scheint hierfür ein besonders intensives, drängendes Gespür zu haben. Mit den Bildern von Außerirdischen oder maschinenähnlichen Menschen wird eine ebenso wichtige Frage aufgeworfen: Was heißt es, fremd zu sein und was bedeutet es, Mensch zu sein? Wer Mensch sein darf, scheint in vielen Gesellschaften heutzutage gar nicht so klar zu sein. Diskriminierung und Ausgrenzung stellen den Kern eines humanen Miteinanders auch in Deutschland essentiell in Frage.

Wie die anderen Geschichten an diesem Abend ist auch „L`ile – Al Djazira“ in Afrika angesiedelt. Genauer gesagt im Norden des Kontinents, an der Küste Algeriens. Der Traum von einer vielversprechenden, anderen Zukunft, wie wir Europäer sie jeden Tag leben, ist hier in viele Seelen eingeschrieben. Denn man blickt von Algier aus fast direkt auf ein verheißungsvoll leuchtendes Europa. So scheint das Land sich selbst auch fremd zu sein: „These buildings, these streets, these roads and other landscapes shaped by the French presence constantly remind us that our identity is set. Algiers is the evidence that we have been of foreigners in our country. This feeling persists in our thoughts, our actions, our vision for the future.”, so der Regisseur in einem Interview. Doch vielleicht gibt es eine ganz andere Zukunft für die Menschen auf dem afrikanischen Kontinent. Eine, die sich eben nicht nur am aufgeblasenen Ideal des konsumierenden und darum „freien“ Bürgers orientiert. Eine, die aus sich selbst heraus erwächst.

Auf jeden Fall bieten die Filme dieser Künstler eine Kritik ihrer eigenen und damit auch unserer gesellschaftlichen Vergangenheit und Zukunft, die ganz in den Mainstream dieser Tage passt. Dem über alles stehenden Technikglauben und Innovationsdrang. Fortschritt ist gut, solange eben niemand auf der Strecke bleibt. Und wo kann man sonst die zuerst angsteinflößenden, wenn begangen aber Hoffnung spendenden, neuen Wege aufzeigen, wenn nicht im Medium des Films. Afrofuturistische Filme sind Träume, Visionen aber zugleich auch Gesellschaftskritik, Selbstreflexion.

Quelle: Youtube

Fiktion als Kritik oder warum wir mehr Science Fiction schauen sollten

Poster Silent Running

1972 wagten sich ein paar kreative Köpfe daran, einen Science-Ficition-Film zu produzieren. „Silent Running“ ist ein gelungenes Beispiel für kritische Kunst. Noch viel wichtiger, der Film trifft mit seiner Thematik genau ins Schwarze der gegenwärtigen Nachhaltigkeitsdebatten.


Am 30. November diesen Jahres beginnt die 21. UN-Klimakonferenz. Es werden ca. 40.000 Gäste erwartet. Unter ihnen Vertreterinnen der 194 Mitgliedstaaten, unabhängige Beobachterinnen und auch Teilnehmerinnen aus der Zivilbevölkerung. Hauptsächlich aber werden Experten und Politiker über Zahlen und Fakten diskutieren, Zugeständnisse von dem anderen erwarten und selbst Kompromisse eingehen müssen. Die Ziele sind hochgesteckt:

„The aim is to reach, for the first time, a universal, legally binding agreement that will enable us to combat climate change effectively and boost the transition towards resilient, low-carbon societies and economies.“

Quelle: COP 21 Main Issues

Eine allgemeingültige, verbindliche Vereinbarung aller Mitgliedsstaaten bezüglich ihrer jeweiligen CO2-Emissionen. Die so festgelegten Werte sollen die Staaten dann durch entsprechende politische Maßnahmen erreichen. Dass zunächst einmal die Akteure der Wirtschaft und öffentlicher Institutionen mit diesen neuen Regelungen konfrontiert werden und diese in ihr künftiges Handeln integrieren müssen, ist wahrscheinlich der erste Schritt politisch-praktischer Umsetzung. Wie aber kann das, was auf dieser Konferenz beschlossen wird, auch zum einzelnen Individuum vordringen?

Dass es jedes Jahr einen Klimagipfel gibt, wissen wir, aber wer weiß schon, was jedes Jahr dabei herauskommt? Welche Zahlen und Fakten werden für die Entscheidungen zu Grunde gelegt und wie viel der Entscheidungsfindung besteht eigentlich nur aus der Instandhaltung und Festigung bestehender Machtverhältnisse im weltpolitischen Spiel der Großen? Aber ich möchte wieder zurück zum/zur kleinen Mann/Frau. Denn was dort verhandelt wird, betrifft uns alle. Jeden einzelnen Menschen auf der Erde, jedes Tier. Regulierungen solcher Art müssen nicht nur auf makro- und meso-ökonomischer Ebene, sondern auch auf der Ebene des individuellen Handelns des einzelnen Subjekts etabliert werden. Zuvor allerdings müssen diese Regulierungen auch als notwendig wahrgenommen werden. Damit ein neuer Aspekt in meinem alltäglichen Handeln Berücksichtigung findet, muss ich für diesen Aspekt sensibel sein, ihm einen Wert zusprechen und er muss gerechtfertigt sein.

Die Verbindung zwischen einem Anstieg des Klimas verursacht durch vermehrten CO2-Ausstoß und einem irreversiblen Rückgang der Biodiversität lässt sich schon lange nicht mehr ernsthaft bestreiten. Es gibt unzählige Studien, wissenschaftliche Papers und Vorträge zu dem Thema. Aber die werden eben hauptsächlich von denen gelesen, die selbst solche Texte schreiben und diese Forschung betreiben. Was ist mit dir und mir? Und vor allem mit denen nach uns? Damit unsere ganzen Bemühungen nicht einfach nur als kurzes Aufflackern praktizierter Verantwortung im Kosmos erlöschen, müssen diese auf wissenschaftlichem Weg erschlossenen Erkenntnisse über die Folgen unseres invasiven Treibens auf der Erde auch eine Entsprechung in unserer praktischen Vernunft, das heißt in unserem ethischen Denken finden. Ich spreche hier von dem Begriff der Nachhaltigkeit. Seit Jahrzehnten ein scheinbar magisches Wort, mit dem sich alle gern schmücken, es aber nur wenigen gelingt, sich seiner wahren Bedeutung durch tatsächliches Handeln zu nähern.

Kunst als Kritik

In den 1970er Jahren gab es bereits Menschen, die sich mit dieser Thematik auseinander gesetzt haben. Keine Wissenschaftler, sondern Filmemacher. Keine rohen Texte voll gespickt mit Zahlen und Argumenten, sondern Bilder, Musik und Personen, die handeln. Das Filmdebüt „Silent Running“ (1972) des damals 28-jährigen amerikanischen Spezialisten für Spezialeffekte Douglas Trumbull ist ein gelungenes Beispiel für kritische Kunst (das Beitragsbild zeigt ein originales Filmplakat). Trumbull, der zuvor für die Spezialeffekte in Kubricks 2001 zuständig war, steckte sein ganzes technisches Können und die Wagnis das erste Mal Regie zu führen in diesen Science-Fiction-Film (The making of, 26:00-26:40). Der Titel ist eine Anspielung auf ein 1962 veröffentlichtes Buch der US-amerikanischen Biologin Rachel Carson. In „Silent Spring“ belegt Carson akribisch die verehrenden Folgen des Einsatzes von Pestiziden in der Landwirtschaft und gibt somit den Startschuss für die erste große Umweltbewegung in den Staaten.

Quelle: Youtube

Das 21. Jahrhundert (damals in den 70ern noch weit, weit entfernt). Die Erde bewohnt von einer einzigen Art, dem homo technicus. Alle anderen Arten, sei es Flora oder Fauna, existieren nicht mehr. Das heißt fast. Denn die kleine vierköpfige Crew des American-Airlines-Frachters Valley Forge beherbergt einen großen Schatz: Mehrere Plateaus mit großen transparenten Kuppeln bieten Schutz für unzählige Pflanzen und Tiere. Eine Idylle unter einer gigantischen Käseglocke könnte man sagen. Gehegt und gepflegt von dem etwas hippieesk anmutenden Botaniker Lowell, der jedes Mal seinen blauen Astronauten Overall gegen eine weiße Kutte tauscht, wenn er in den Plateaus nach dem Rechten sieht.

Es wird schnell klar, dass seine drei Kollegen irgendwie doch lieber den optimierten „Astronautenfraß“ essen als Lowells liebevoll erzeugte Kürbisse oder Melonen. Es stehen sich zwei grundsätzlich verschiedene Haltungen gegenüber: hier die sensible, mit der Natur verbundene Person, die jedem Lebewesen den gleichen Wert beimisst und dort die anderen, rational Denkenden, die einfach nur ihren Job machen wollen. Das kann nicht lange gutgehen. Und man spürt schnell, dass sich zwischen diesen Einstellungen ein Konflikt entfalten wird. Wie sich dieser Konflikt dann entlädt, lässt den zuvor dahinplätschernden, bildgewaltigen Film in Richtung Thriller gleiten. Aber nur für kurze Zeit.

Die Belegschaft des Frachters bekommt die Anweisung, alle Plateaus vom Frachter zu lösen und ins Weltall zu schießen. Lowell gerät in einen moralischen Konflikt, denn er sieht keine Möglichkeit durch Gespräche seine Kollegen davon zu überzeugen, die Plateaus weiterzubetreiben: Nun sieht er sich vor der Entscheidung entweder seine bisherige Arbeit, seinen Traum und vor allem etwas aufzugeben, das alles andere an Wert übertrifft, nämlich die biologische Artenvielfalt, oder er verhindert das Abschießen der Plateaus um jeden Preis. Der Preis ist hoch, denn Lowell tötet schließlich im Ringkampf den einen Kollegen und schießt die anderen zwei mit einem Plateau einfach in die Unendlichkeit.

Die Krise des Zuschauers

Lowell bleibt jedoch, obwohl er schreckliche Taten zur Erreichung seines Ziels einsetzt, der „Gute“. Man identifiziert sich mit ihm am Anfang ganz einfach, weil er vieles von dem verkörpert, was wir als erstrebenswert ansehen: er ist achtsam und respektvoll anderen Individuen gegenüber, er scheint beflissen und verantwortungsvoll seine Arbeit zu verrichten. Man identifiziert sich aber auch dann noch, wenn er zu Mitteln greift, die wir als unmoralisch beschreiben würden. Dass Lowell nicht einfach gestrickt ist und den Tod seiner Kollegen als eine erstrebenswerte Art der Problemlösung ansieht, dass er sich also in einem ernsthaften moralischen Konflikt befindet, zeigt sich in folgender Szene. Er schickt die drei Hilfsroboter zum noch am Kampfort liegenden Kollegen. Sie sollen ein Grab für ihn ausheben und im letzten Plateau „beerdigen“. Während dessen beobachtet Lowell alles über einen Monitor im Raumschiff und gibt den Robotern Anweisungen. Sein Gesicht im close-up, die Worte kommen nur stockend:

„Put him, put him down in it. And then remain there because i would like to say something before you cover him over. […] There weren`t exactly my friends but I did like them. And, uh, I don`t think that I will ever be able to excuse what it is that I did, but I had to do it.“

„Silent Running“, Min. 40:50-42:04

Was hier geschieht, ist von existenzieller Bedeutung. Denn ein Mensch muss seine bisherigen Wertvorstellungen gegeneinander abwägen. Er kann sich nur für a oder b entscheiden. Beides, also die Biodiversität erhalten und seine Kollegen am Leben lassen, geht nicht. Es ist ein utilitaristisches, auf den größtmöglichen Nutzen ausgerichtetes Prinzip, welches Lowell letztendlich zu seiner Handlung antreibt: Drei Menschenleben wiegen nicht so viel, wie die diversen Arten auf den Plateaus. Der Wert der Plateaus wird sogar noch gesteigert, indem der Umstand hinzukommt, dass der Erhalt der Biodiversität in der Zukunft viel mehr Menschen nutzen könnte, falls man diese wieder auf der Erde oder auf einem anderen Planeten siedeln ließe.

Wir können Lowells Entscheidung/Handlung verstehen, aber dass sie nicht auf die Art und Weise gerechtfertigt ist, wie wir es gerne von rationalen und „richtigen“ Entscheidungen/Handlungen fordern, wird uns mit Lowells Gram und Trauer vor Augen geführt. Und genau an dieser Stelle entfaltet der Film seine kritische Potenz. Was die Stärke des Films ist, ist seine Darstellungsform. Wir sehen und hören den Protagonisten, wir erleben ihn und unsere Spiegelneuronen geben ihr Bestes, um in unserem Gehirn ein passives Miterleben zu erzeugen. Wir sind sozusagen mittendrin, fast ist es so, als müssten wir selbst uns verantworten. Der Zuschauer wird, genau wie der Protagonist, in eine Krise geführt, die einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Gar nicht so „simple-minded“ wie Vincent Canby in seiner Kritik nach den ersten Vorstellungen in der New York Times schrieb .

Science-Fiction

Was macht diesen Film noch so besonders? Es ist das Genre, in dem er sich bewegt, das wie gemacht dafür scheint, ethische Fragen zu Umweltveränderungen durch menschliches Handeln und die Zukunft uns folgender Generationen abzubilden. Science-Fiction war lange Zeit ein Spartengenre, bevölkert von Nerds und Phantasten. Aber spätestens seit Stanislav Lem und Isaac Asimov ihre kurzen und langen Geschichten in diesen (gar nicht so) fiktiven Zukunftswelten ansiedelten, hat sich Science-Fiction immer mehr Platz in den Bücherregalen der „Normalos“ erkämpft.

Wissenschaft und Technik bedingen sich gegenseitig. Dinge werden erforscht, um sie nutzbar zu machen, sie in ein technisches Vokabular zu überführen. Und genau dieses scheinbar zwanghafte sich gegenseitig Hervorbringen ist die Grundannahme in Science-Fiction. In „Silent Running“ gerät der Protagonist durch die Umwelt zerstörenden Folgen angewandter Wissenschaft in die Ausgangssituation der Story: Lowell hat den Auftrag mit riesigen Raumschifffrachtern in der Nähe des Saturn zu fliegen und während dessen sämtliche Tier-und Pflanzenarten für die Nachwelt zu erhalten, weil die Menschen Bedingungen geschaffen haben, die ein natürliches Leben unmöglich machen. Das, was zum Problem geführt hat, wird auf der anderen Seite wieder zur Problemlösung genutzt. Denn die Technik (Das Raumschiff und die Plateaus) ermöglicht es auch, dass die Biodiversität unter für sie hinreichenden Bedingungen weiter existieren kann.

„[Social] science fiction is that branch of literature which is concerned with the impact of scientific advance on human beings.“

Isaac Asimov, Science Fiction Writers of America Bulletin, 1951

Dennoch spielt die Science im Film „Silent Running“ und auch in den meisten anderen Science-Fiction Geschichten nicht die entscheidende Rolle – denn entscheiden können letztendlich nur Menschen. Wissenschaft und Technik bilden den Handlungsrahmen für Individuen, die sich darin mit vorher nie gedachten Problemen und Konflikten zurecht finden müssen. Man könnte sagen, dass Science-Fiction in einem besonderen Maße auch Geschichtsschreibung ist. Geschichtsschreibung für die Zukunft. Denn es wird versucht, im Gegensatz zu Fantasy, die Grenzen der Physik auszudehnen, aber nicht völlig auszuhebeln. Es werden mögliche Welten erdacht, die vielleicht gar nicht so unwahrscheinlich, die Konsequenzen unseres gegenwärtigen Treibens auf der Erde aufzeichnen. Insofern kann man Science-Fiction – sei es im Buch oder Film – auch in dieser Hinsicht ein aufklärerisches Potenzial zusprechen.

Was hat das jetzt alles mit der UN-Klimakonferenz zu tun? Hier die Antwort: Die Themen, die auf solchen kostspieligen Konferenzen besprochen und nach denen dann bestimmte Regulierungen festgesetzt werden, betreffen am Ende uns alle. Für viele Menschen scheint es aber einen grundsätzlichen Graben zu geben zwischen dem, was die da oben beschließen und dem, was wir hier dann bitte schön tun sollen. Die Ziele der UN-Kommissionen sind zu begrüßen, aber der größte und schwierigste Schritt ist der, hin zu einer umweltverträglichen, verantwortungsvollen Haltung jedes Bürgers. Warum sollen wir denn jetzt auf unseren Wohlstand verzichten oder weniger Autofahren? Ich möchte nicht an meinem Wohlergehen sparen nur damit zukünftige Generationen ein genauso gutes oder vielleicht größeres Wohlergehen haben. Das sind verständliche Einwände, die aber auch problematisch sind. Darüber nachzudenken ist der erste Schritt hin zu einer ethischen Haltung. Und Kunst, die solche Filme wie „Silent Running“ hervorbringt, kann einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, mit dem Nachdenken zu beginnen.