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Berliner Subkultur

Ein Jazzmusiker, der zugleich Professor für Philosophie ist und sich mit Nachtigallen beschäftigt: Das klingt zunächst eher nach Zutaten für eine schräge Kurzgeschichte mit ungewöhnlichen Figuren. Aber erfunden ist da nichts. Denn alles gibt es in echt. Noch dazu ist David Rothenbergs Buch „Stadt der Nachtigallen“ kein Roman, sondern ein Sachbuch, das sich der Suche nach dem perfekten Klang widmet.

Der Klarinettist hat Musik mit Walen, Insekten, mit Wasser und Wind gemacht: Den perfekten Sound haben ihm dann aber die Berliner Nachtigallen geliefert, die dort im Wettkampf mit dem Stadtlärm über sich hinauswachsen. „Nachtigallen genießen Geräusche. Der Lärm von uns Menschen macht ihnen offenbar nichts aus, möglicherweise ist er für sie sogar ein willkommener Ansporn.“

David Rothenberg, Korhan Erel und eine Berliner Nachtigall im Live-Konzert.

Leider zu spät für verbotene Liebe

Romantiker haben den kleinen Vogel als Wappentier der Liebe und der Sehnsucht außerkoren; die ganze Nacht singt er, bis die anderen Vögel ihn im Morgengrauen ablösen. Romeo sagt seiner geliebten Julia, dass es nicht mehr die Nachtigall ist, die sie hört – und es damit leider zu spät ist für verbotene Liebe. Aber was zieht uns eigentlich in den Bann, wenn wir den Gesang der kleinen Vögel hören?

Um das herauszufinden, setzt sich Rothenberg frühmorgens in die Berliner Hasenheide oder trifft Neuro- und Verhaltensbiologin und Leiterin des Nachtigall-Forschungsstelle an der Freien Universität, lässt sich vom Himmel über Berlin durch die Stadt leiten, trifft Berliner Musiker und Sänger und liest, was Kant zur Nachtigall geschrieben hat. „Stadt der Nachtigallen“ ist ein ungewöhnliches Buch über Töne, Klänge und dem, was wir als „schön“ erleben.

„Irgendetwas daran muss richtig sein“

Rothenberg schreibt über Nachtigallen – und offenbart ganz nebenbei, wie sehr wir im Lärm zuhause sind. Irgendwie haben wir uns mit Flugzeugdonner, Automotorenfauchen und Handyklingeltönen arrangiert. Vielleicht sind die Zeiten, in denen alles etwas heruntergefahren ist, eine gute Gelegenheit, auf die stilleren Töne unserer Geräuschwelt zu achten – und wenn es nur eine Vogelstimme ist. „Denken Sie daran, es ist die älteste Musik, die wir kennen. Sie ist Millionen von Jahren älter als unsere Spezies. Irgendetwas daran muss richtig sein, wenn sie schon so lange existiert.“

Stadt der Nachtigallen – Berlins perfekter Sound ist im Mai im Rowohlt Verlag erschienen.

Hans Joachim Schädlich – Felix und Felka

Rom, Alassio, Ostende, Brüssel – Stationen der Flucht Felix Nussbaums und Felka Plateks vor den nationalsozialistischen Schergen. In „Felix und Felka“ gewährt uns der Autor Hans Joachim Schädlich intime Einblicke in die Situation des Künstlerpaares.

Von Alexander Boberg


Wer sich das Werk Felix Nussbaums anschaut, der kann sich der Wandlung seiner Bilder von fröhlich wirkenden Gemälden hin zu verzweifelten und düsteren im Zuge der Jahre der Verfolgung nicht entziehen. Zunächst werden am Anfang der nazistischen Herrschaft in Deutschland noch die Einsamkeit und der Ausschluss aus der Gesellschaft thematisiert, so ändert sich dies und der schwarze Schatten der Verfolgung und der antisemitischen Barbarei legt sich langsam auf seine Gemälden, Gouachen und Zeichnungen. Mauern als Sinnbild der Einschränkung, Verfremdungen, die seinen Ausstoß aus der Gesellschaft zeigen und immer wieder die Hoffnung des Überlebens, dargestellt in Szenen des Alltags, durchziehen sein Werk.

Ein unbeugsamer Wille zur Freiheit und zum Durchhalten trotz der Widrigkeiten. Je weiter die Jahre voranschreiten, desto düsterer und verzweifelter äußert sich sein Leben in seinen Bildern. (Auf dieser Website lässt sich ein großer Teil der auch in der Novelle erwähnten Bilder, Goauchen und Zeichnungen ansehen.) Sein Gesamtwerk lässt sich nur schwer in die glatt polierte Oberfläche der Erinnerungskultur an den Nationalsozialismus in Deutschland einordnen, in der sich auch der Roman „Felix und Felka“ von Hans Joachim Schädlich wiederfindet.

Das Zeitalter der Zeitzeugen geht allmählich dem Ende entgegen, ihre schriftlichen, mündlichen und bildlichen Zeugnisse sind gelesen und werden langsam durch popkulturelle Produkte an den Rand gedrängt. Die Erinnerung wird der ersten und zweiten Nachkriegsgeneration überlassen. In dieser Situation erscheint nun „Felix und Felka“, das mir buchstäblich in die Hände fiel. Hans Joachim Schädlich beschreibt darin die Odyssee des Künstlerpaares Felka Platek und Felix Nussbaum durch Europa zwischen den Jahren 1933 und 1944. Dabei beschreibt er das Leben im Exil in schlichten Sätzen. Durch diese Momentbilder sollen die materiellen und existenziellen Ängste bewusst gemacht werden, wie es auf dem Buchrücken heißt. Darüber hinaus wird im Klappentext der Autor als Meister der Reduktion gerühmt und hervorgehoben, dass er das Künstlerpaar in ihrem privaten Umfeld zeige, woraus die Geschichte ihre Kraft ziehe.

Verstellter Blick und gelungene Form

Die Novelle nimmt den Leser in kurzen Episoden in das Privatleben eines durch Flucht und Verzweiflung geprägten Paares mit. Angedeutet wird dieser Bezug auf das Privatleben schon durch den Titel, der bloß die Vornamen nennt. Problematisch ist diese suggerierte Nähe und Vertrautheit, die einerseits die Situation der beiden Protagonisten darstellen will und den Versuch einer Normalität in der Flucht beschreiben möchte. Die angestrebte „Normalität“ einer Beziehung unter den Umständen der Flucht wird in der Darstellung der Beziehung zwischen Felka Platek und der Mutter Felix Nussbaums deutlich.

Andererseits ist der Fokus zu sehr auf die private Konversation des Paares beschränkt. Die Formgestaltung der Novelle, mittels Reduktion Ausschnitte des Lebens zu zeigen, verliert hierbei ihre Kraft, Lücken in die eigene Vorstellung zu reißen und über die Situation der Verfolgung nachzudenken. Die bedrückende Stimmung, die sich so unheilvoll in Nussbaums gemalten Bildern ankündigt, wurde leider nicht in Schriftform übersetzt. Auch die Zitierung verschiedener Briefe Nussbaums, die dessen Gedanken darlegen, helfen nicht über den Eindruck hinweg, dass sich der Autor zu eng an sein Objekt anschmiegt.

Die Form des Romans kann dagegen als gelungen bezeichnet werden, trotz der oben genannten Einschränkung. Momentaufnahmen verkürzen sich zu immer schneller werdenden Schlaglichtern. Der allmählich kürzer werdende Zeitraum neuer Akte antisemitischer Politik bis hin zur Kulmination in der Shoah folgt auch die literarische und zeitliche Form des Romans, wodurch sich die Geschwindigkeit des Lesen demgemäß einstellt und immer hastiger die Sätze, Absätze und Seiten verschlingt. Gegen Ende des Buches, welches in einem stakkatohaften Traum Nussbaums gipfelt, verschaffen einzig die Briefe von Irene Awret eine Atempause. Der Traum lässt den Minimalismus der Beschreibung voll zur Geltung kommen.

Beide Momente der Novelle bilden eine Einheit, die Schwierigkeit des emotionalen Hineindenkens in das Paar und der Versuch der Überwindung dieser Unmöglichkeit durch die Formgestaltung. Obgleich die Briefe dem Autor ermöglichen, eine gewisse Authentizität zu wahren, vermindert sich dieser Eindruck in der Rückschau des Buches. Die erfundene Konversation des Paares nimmt dem Werk ihren unbequemen Charakter und lässt es als Fiktion erscheinen. Die Reduktion ist besonders in diesem Punkt nicht weit genug getrieben worden. Die Geschichte der Exilierten wirkt durch die fiktiven Elemente nicht im Bewusstsein des Lesers nach.

Felix und Felka von Hans Joachim Schädlich erschien vor ein paar Wochen im Rowohlt Verlag und hat 208 Seiten.


Alexander Boberg verschlug es durch sein Studium vom kleinen Osnabrück ins beschauliche Leipzig. Neben seiner Leidenschaft für Literatur und Philosophie arbeitet er im Verlagswesen. Zu seinen Hobbys gehört das Testen verschiedener Sportarten, wie Wandern oder BJJ.

 

Beitragsbild: Felix Nussbaum – Selbstportrait mit Felka Platek / Wikimedia Commons

 

Die Schlesiensaga – Szczepan Twardoch: „Drach“

Der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch hat abermals einen provokanten Roman geschrieben: „Drach“ ist die Geschichte einer schlesischen Familie die Jahrhunderte hindurch, doch der eigentliche Akteur und Erzähler ist die Erde. Ihr Gedächtnis soll der kritische Roman aufdecken.


Schon mit seinem Roman „Morphin“  erregte der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch im Jahr 2012 die Gemüter, mit seinem morphinsüchtigen, zerstörten Protagonisten Konstanty, der sich im Zweiten Weltkrieg dem polnischen Widerstand anschließt. Seitdem ist Twardoch international bekannt, als ein Autor, der hart, schonungslos und brutal schreibt, der das Leid in seinen verschiedensten Facetten darzulegen vermag und nichts auf politische Korrektheit gibt. Nun wagt er ein schlesisches Epos über eine Familie, vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart. „Drach“ heißt der Roman, der 2014 in Polen erschienen ist und nun in deutscher Sprache vorliegt.

Drach ist ein Terminus für die oberschlesische Erde, ein in der Neuzeit vor allem von Bergbau, Industrie und Krieg geprägtes Territorium. Der Titel macht Sinn, denn als auktorialen Erzähler wählt Twardoch jenen Drach. Der Roman soll ergo ein Gedächtnis der Erde über die Jahrhunderte hinweg anhand einer typischen Familie darstellen. Mal ist diese Erde in ihrer Erzählform trocken und schon fast kalt, manchmal auch abgehackt und elliptisch, manchmal pflegt sie aber auch einen konservativ-melancholischen Stil, bleibt aber vom Duktus her meist distanziert und passiv zum Geschehen. Nicht immer wird klar, warum gerade welcher Stil gewählt wird und schon innerhalb der vielen, meist kurzen Kapitel Brüche aufweist, jedoch macht dies „Drach“ zu einem anspruchsvollen und abwechslungsreichen Werk.

Vor allem zwei Hauptpersonen bilden sich heraus: Der eine ist Josef Magnor, der als Kind im Jahre 1906 die Rohheit der Menschheit bei der brutalen Schlachtung eines Schweins kennenlernt, später als Soldat des Deutschen Reiches in den Schützengräben in Frankreich landet und schließlich, gebrochen durch Kriegstraumata, seine Geliebte Caroline und deren heimlichen Geliebten umbringt. Der zweite wichtige Protagonist ist Nikodem Gemander, Josefs Urenkel, der im einundzwanzigsten Jahrhundert als dekadenter Stararchitekt lebt. Er steht in einer dialektischen Beziehung zur Familie: Einerseits gibt es eine Verbindung zu Josef, andererseits könnte Nikodem nicht weiter von ihm weg sein. Denn auch in seinem Leben spielt Eifersucht eine dominante Rolle: Er will mit seiner Geliebten zusammenziehen, kommt aber von Ehefrau und Kindern nicht los. Aber es geht bei Nikodem nicht mehr um materielles Leid, jeder Krieg ist ihm fern und zu seinen Vorfahren vermag er nur eine komplizierte und dünne Beziehung aufzubauen.

Zu den Biographien der beiden gesellen sich immer wieder Kurzepisoden aus anderen historischen Epochen, die die eigentliche Handlung unterbrechen und auflockern, andererseits auch komplexer gestalten. Denn übersichtlich kann man „Drach“ nicht nennen. Die Erde als Erzähler hält nichts von Chronologie, denkt universal. Daher springt Twardoch auch immer innerhalb der Kapiteln zwischen den Jahrhunderten assoziativ hin und her, dem Schicksal von Nebenprotagonisten wird oft vorweg gegriffen oder historische Hintergründe werden, manchmal auch bezugslos, aufgedeckt. Dadurch entsteht ein Anspruch auf eine Allumfasstheit des Romans, so allwissend wie die Erde, was natürlich in diesem Buch nicht vorgelegt werden kann, und manchmal wirkt die Auswahl der Episoden willkürlich. Gerade das macht das Buch, das ansonsten eine durchschnittliche Familiensaga schildern würde, zu einem speziellen literarischen Werk, das sich, wenn zumindest nicht meisterhaft, so doch in seiner Methodik und Krassheit innovativ und spannend gestaltet.

Doch noch aus einem weiteren Grund, legt „Drach“ einen Finger in Wunden, indem Twardoch Schlesien als Handlungsort auswählt, eine Region, die sowohl Polen als auch einst Deutschland gehörte, was sich hier auf privater und politischer Ebene wiederspiegelt, deren Einwohner zu beiden Staaten teils ein zwiespältiges Verhältnis hatten oder haben und in Kriegen mal für die eine mal für die andere Seite kämpften. Gerade mit dieser Region sprengt Twardoch das Konstrukt der nationalen Identität auf und ist somit der nationalistischen Regierung Polens ein Dorn im Auge, die beispielsweise auch die Verfilmung von „Morphin“ autoritär unterbindet.

Ergo ist „Drach“ ein komplizierter und lesenswerter Roman, der trotz seines geschichtlichen Charakters kein historischer Roman im typischen Sinne ist, denn die Zeit ist nur der tertiäre Faktor, der primäre Faktor ist der Raum und der sekundäre ist die Familie. Darum ist es auch kein Familien-, sondern ein Schlesienepos. Und gerade durch seinen Fokus auf ein umstrittenes, national nicht klar zuortbares Terrain wird auch jeder kollektivistische Heroismus in diesem Roman unterminiert. Zusätzlich kann der Leser sowohl durch den oft distanzierten Erzählstil der Erde als auch die häufigen Zeitsprünge nicht so einfach mit den Protagonisten fraternisieren, nein, er wird, klassisch verfremdend und emanzipativ, mit seiner eigenen Kritik an den Protagonisten zurückgelassen.

Titelbild: © Rowohlt Verlag