Schlagwort: Roman

Ein literarischer Meisterkoch wärmt Altes neu auf

Normalerweise ist man von dem japanischen Schriftsteller Haruki Murakami, der seit Jahren als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gilt, Meisterwerke zu zwischenmenschlichen Beziehungen und psychischen Abgründen gewöhnt. Sein neuer Roman Die Ermordung des Commendatore, dessen erster Band Eine Idee erscheint nun in deutscher Sprache vorliegt, ist dagegen leider eine Enttäuschung. Denn zu sehr spielt Murakami mit etablierten Motiven, sein Buch bringt nur wenig Neues.


Der Erzähler des Romans ist diesmal namenlos und Porträtmaler. Nachdem seine nichtssagende Ehe in eine Scheidung mündete, reist der Protagonist ziellos durch Japan, bis er schließlich in die Berge zieht, in eine Hütte des Vaters eines früheren Kommilitonen. Isoliert in den Bergen, sich unfähig zu jeder Art von Malerei fühlend, ergeben sich hier nun mehrere Handlungsstränge, die noch nicht ersichtlich miteinander koinzidieren. Zum einen beauftragt ihn der exzentrische und dubiose IT-Millionär Wataru Menshiki für ein besonderes Porträt, jedoch mit anderen Zielen im Hinterkopf. Ebenso versucht der Erzähler seine sexuelle Vergangenheit und seine eigentümliche Beziehung zu seiner toten Schwester in Rückblenden aufzuarbeiten. Und, vielleicht am wichtigsten, auch wenn dies eher so nebenbei geschieht, findet der Maler auf dem Dachboden ein altes Gemälde: Die Ermordung des Commendatore. Dieses Bild, das eine Szene aus der Oper Don Giovanni adaptiert, zieht ihn fortan in den Bann und bringt ihn in Kontakt mit einer unklaren materialisierten Idee aus einer anderen, zeitlosen Welt.

All diese Motive, ein farbloser Ich-Erzähler, ein Einzelgänger, der gerne ein Künstler wäre, Parallelwelten, schlechter Sex und nicht aufgeklärte mystische Geheimnisse, sind dem Murakami-Leser keinesfalls neu. Auch der enttäuschte Künstler, der sich in die Natur zurückzieht, ist nicht gerade eine kreative Idee. Generell ist vieles in dem Roman berechenbar. Es scheint, als ob der Meisterkoch der Literatur nur ein altes Gericht wieder aufgewärmt hätte. Frisch ist daran nur sehr wenig: etwa, dass der männliche Erzähler, diesmal fasziniert ist von einem Mann, nämlich Menshiki, aber auch überfordert, und dass er diesmal kein erfolgloser Schriftsteller oder Architekt ist, sondern Porträtist, der gerne freie Kunstwerke zeichnen und malen würde.

Insgesamt scheinen dieses Mal die Figuren farblos gestaltet zu sein. Während es in seinen früheren Romanen charakteristisch war, dass der Ich-Erzähler farblos war oder sich so empfand – so etwa in seinem melancholischen Roman Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki –, sind nun alle Figuren mehr oder weniger farblos. Das könnte einerseits dazu dienen, ihnen bei der Auflösung im zweiten Band, der im April erscheinen soll, Tiefe zu verleihen und sie nun geheimnisvoll zu gestalten; andererseits hat der Künstler prinzipiell Probleme Gesicht oder Charakter von Menshiki auf einer Metaebene zu malen. Es scheint, dass nur der Commendatore als Idee und die Vergangenheit des Hausbesitzers literarische Plastizität besitzt.

Doch selbst wenn dies Methode und womöglich einen Sinn hat, den der Leser noch nicht durchschaut, so ist es doch über einen ganzen Roman hinweg ziemlich langatmig. Daher ist es wohl auch keine gute Idee, das Projekt zweibändig zu gestalten, denn dadurch entstehen lästige Längen, und auch spannende Cliffhanger zählen – das zeigt auch sein an sich epochaler dreibändiger Roman 1Q84 – nicht zu Murakamis Stärken. Dafür ist sein Stil im neuen Werk modifiziert: Er beschreibt nun, seinem Erzähler angemessen, seine Umwelt wesentlich bildhafter, plastischer, farbiger, und in seiner literarischen Verarbeitung von Gemälden und Opern, generiert er eine künstlerische Kombination auf einer Metaebene.

Tatsächlich ist das Abdecken verschiedenster Kunstformen die größte Stärke von Die Ermordung des Commendatore, Bd. 1. Denn natürlich bleibt Murakami ein genialer Stilist. Jedoch scheinen ihm die Ideen für Neues auszugehen, so als ob ihm (hoffentlich nur zwischenzeitlich) die Luft während der Produktion ausgegangen ist. Darum ist auch im ersten Teil dieses Werkes noch kein großer Gehalt ersichtlich. Kreativ, innovativ, tiefsinnig und grandios sind eher seine anderen Romane und Erzählungen.


Haruki Murakamis Die Ermordung des Commendatore, Band I: Eine Idee erscheint, übersetzt von Ursula Gräfe, erschien am 22. Januar 2018 beim Dumont Verlag Köln.

Titelbild: © Dumont Verlag

Wer braucht die Liebe in Gedanken? Schlinks „Olga“

Der neue Roman von Bernhard Schlink „Olga“ ist vieles. Doch am meisten eine Liebesgeschichte. Aber wie muss Liebe eigentlich beschrieben sein, damit die Leser*innen sie nachfühlen können?


Olga liebt Herbert. Bis zum Schluss. Obwohl diese Liebe die meiste Zeit nur in Form von Sehnsucht existiert. Sehnsucht, die von Erinnerungsfetzen und die Hoffnung auf ein Wiedersehen genährt wird. Denn während es Olga mithilfe von Fleiß und Willensstärke zu einer Anstellung als Lehrerin im preußischen Memelland schafft, packt den Gutsbesitzersohn Herbert regelmäßig die Abenteuerlust. Dann kämpft er fürs Deutsche Kaiserreich im Ersten Weltkrieg oder begibt sich auf Forschungsreisen. Und verlässt Olga – wieder und wieder. Bis er nicht mehr wiederkommt.

„Dass sich Olga und Herbert ineinander verliebten“

Bernhard Schlinks Roman „Olga“ ist vieles: Eine Roman über die deutsche Geschichte vom späten 19. bis zum frühen 21. Jahrhundert, ein Portrait einer Frau, eine Erzählung über eine generationsübergreifende Freundschaft und eine Liebesgeschichte. Das alles kennen wir bereits von Schlink. Doch eines fehlt: die Erotik, wie sie im Welterfolg „Der Vorleser“ thematisiert wird. Fast scheint es, als ginge es ihm in seinem neuen Werk weniger darum, eine körperliche als eine tiefe gedankliche Liebe zweier Menschen zu beschreiben. Doch diese Liebe bleibt merkwürdig blass. Warum ist sie für die Leser*innen so wenig nachvollziehbar? Vielleicht liegt es an der Sprache, die nicht den richtigen Rhythmus und nicht den richtigen Ton findet: Mal plätschert das Erzählte nüchtern dahin, mal schlägt es ins Extreme aus. Kommt ins Schwärmen, als müsse sie bewiesen, ja, gerechtfertigt werden, die Liebe zwischen Olga und Herbert.

„Ich bin schon wieder bei dir, Herbert.“

Vielleicht liegt es aber auch an der Wahl der Erzähler. So wie der Roman aus drei Teilen besteht, so gibt es drei Perspektiven. Im ersten Teil beschreibt ein auktorialer Erzähler Olgas Geschichte bis kurz nach ihrer Flucht von Ostpreußen nach Heidelberg. Hier erfahren die Leserinnen viel über den Verlauf ihres Leben, aber kaum etwas über ihr Innenleben. Und Herbert? Auch seine Innenwelt bleibt den Leserinnen verschlossen. Zwar gibt er vor Olga zu lieben und besucht sie zwischen seinen Reisen bis zu seinem Verschwinden, aber wirkt aufgrund seines Handelns fast desinteressiert. Ist es das, was die Liebe für die Leser*innen wenig nachfühlbar macht? Dass Herbert kein Sympathieträger ist? Vielleicht. Aber auch Olga ist unnahbar, ja, die Figur eindimensional. Denn was bleibt von ihr, wenn die Liebe zu Herbert herausgestrichen würde? Nicht viel.

„Sie erzählte, wie Herbert und sie umeinander warben und zueinanderfanden.“

Aber zum Glück gibt es noch einen zweiten Teil. Und als habe der zunächst noch junge Ferdinand schon ungeduldig darauf gewartet, endlich zu Wort kommen zu dürfen, bricht mit ihm Lebendigkeit aus. Hier gelingt es Schlink auf beeindruckende Art, den männlichen Protagonisten und die Freundschaft zwischen ihm und der nun in die Jahre gekommenen Olga mithilfe eines Ich-Erzählers so authentisch zu beschreiben, als handele es sich um ein autobiografisches Erlebnis. Ferdinand, bis ins Erwachsenenalter und noch lange nach ihrem Tod fasziniert von Olgas Liebe zu Herbert, macht sich auf die Suche nach ihren Briefen. Und wird fündig. Doch die Spannung, die kurz auflodert, erlischt im dritten Teil: Hier wird das Innenleben Olgas, das im ersten Teil fehlt, in Form von Briefen an den verschollenen Herbert offengelegt. Und ja, die Leser*innen erfahren Neues und können im ersten Teil entstandene Leerstellen schließen. Aber wirkliche Überraschungen sind es nicht.

„Dann fragt ich sie, warum sie nach Herberts Tod keinen anderen genommen hat.“

Aber noch etwas wird in den Briefen deutlich: Olga existiert nur, weil die Gedanken an Herbert sie existieren lassen. Der Roman ist kein Portrait einer unabhängigen Frau im 19. bis 21. Jahrhundert, was er hätten werden können, sondern zeichnet eine Frau, die nur für einen Mann lebt. Damit hinterlässt er kein Gefühl von Ergriffenheit über diese bedingungslos anhaltende Liebe, sondern ein Gefühl von Wut. Darüber, dass die kurz aufkeimende Hoffnung, Olga könnte sich doch noch abwenden, sich von der Macht Herberts befreien und sich dem von ihr angetanem Kollegen zuwenden, enttäuscht wird. Darüber, dass diese Frau ein einsames Leben voller Warten aufgrund eines Mannes führt, der nie zu Kompromissen bereit war. Somit lässt sich die Frage, wie Liebe im Roman beschrieben sein muss, damit sie nachfühlbar wird, einfach beantworten: Sie darf nicht zu gewollt, nicht zu erzwungen sein. Sie darf nicht wütend machen.

„Olga“ von Bernhard Schlink erschien am 12. Januar 2018 im Diogenes Verlag.
Titelbild © Katharina van Dülmen.

Tod der Natur – Jovana Reisingers Still halten

Mit ihrem Debüt Still halten gelingt Jovana Reisinger ein benommenes Drama, das in postmoderner Manier eine morbide Perspektive auf Existenz und Gesellschaft wirft.


„Nur die schwachen Geister lassen sich von der Natur einnehmen.“

Still halten ist erzählt als depressiver Monolog seiner Protagonistin, die damit beschäftigt ist, ihrer Umwelt gefällig zu sein, ohne selbst völlig unterzugehen. Teilweise gelingt es ihr ganz gut, gegenüber den Personen in ihrer Umgebung zu funktionieren oder sie dies zumindest glauben zu lassen. Was ihr hilft, ist, Personen als Rollen wahrzunehmen. Was sie herausfordert, sind Situationen, in denen Rollen von Personen ihr gegenüber sich wandeln oder Personen hinter Rollen sich ändern. Ihr Sparkassenfilialleiter etwa wird einfach ungefragt ausgetauscht. Ihre Mutter wechselt die Funktion in ihrem Leben – und liegt, was Ausgangspunkt der Handlung ist, neuerdings im Sterben.

Da die Mutter sich hierzu in einer Privatklinik eines kleinen Kurorts befindet, die Erzählerin sich jedoch in der Stadt aufhält, in die sie vor ein paar Jahren gezogen ist, beschäftigt sich ein großer Teil des Buchs mit ihrem Aufbruchversuch, der sich weniger einfach gestaltet, als es den Leser*innen lieb ist. Denn die stecken tief in der Gedankenwelt der Protagonistin, die sich ständig darum bemüht, sich in den Personen, denen sie begegnet, zu spiegeln, aus ihrer Perspektive heraus die Welt zu begreifen, verschiedene Perspektiven auf sich selbst zu richten, und gedanklich weite Kreise aufzumachen. Gerade eigene Entscheidungen fallen ihre schwer, weshalb sie ausgiebig darüber grübelt, wie sie ihrer Mutter einen letzten Besuch abstatten kann, der eines letzten Besuchs bei der eigenen Mutter würdig ist. Beziehungsweise der der Mutter eines letzten Besuchs ihrer Tochter als würdig erscheinen würde. Der die Tochter der Mutter gefallen lässt.

„Niemand ist jemals für die Mutter von dieser Wohnung aus über Maria Bitter und Maria Elend nach Maria Schmolln gelaufen, um dann in den Luftkurort zu gehen, ohne dabei nur in einer der Wallfahrtskirchen für sie zu beten.“

Ein spannender Effekt ist, dass sich Gedankenwelt und Erzählstil entspannen, sobald sie etwas mehr Ruhe findet. Die sie dann auch findet, als sie in ihre Heimat zurückkehrt, was den Roman deutlich an Tempo gewinnen lässt und seine Anspannung immer mehr in Spannung auflöst. Was ihr jedoch fehlt, sind Bezugspersonen. Denn auch ihr Mann ist derzeit unterwegs. Dass sie trainiert darin ist, sich fremdbestimmen zu lassen, macht nicht nur die Handlung, sondern auch die Erzählweise deutlich, da sie meisten ihrer Handlungen passiv erlebt. Mit ihr wird geredet, über sie wird entschieden, mit ihr wird geschlafen.

„Dem Richard war mein Körper schon immer wichtiger als mir.“

Immer wieder lässt sie sich leiten und beißt sich in kleine Gedanken fest, bis sie sich in fatale Dimensionen in diese hineingesteigert hat. Anstatt eines aktiven Erzählstils entsteht dadurch ein reaktiver, der sich in starke Abhängigkeit von Einflüssen bringt, die von außen auf die Erzählung treffen.

Still halten erschien im Verbrecher Verlag:

Quelle: Instagram

Worauf könnte ein Buch nun hinauslaufen, das zu Beginn einen depressiven Hauptcharakter mit der Nachricht konfrontiert, dass die Mutter im Sterben liegt? Genau, auf eine Auseinandersetzung mit Leben und Tod. Das wäre weit weniger innovativ, würde Jovana Reisinger dabei nicht so ein interessantes Gegensatzpaar aufmachen. Zwar lässt das Buch konträre Charaktere aufeinandertreffen, aber diese sind sich in gewissen Punkten seltsam einig, vor allem in ihrer Auseinandersetzung mit der Natur. Denn sowohl seine Protagonistin als auch der Förster ihres Heimatdorfs, der sich in der Handlung zum immer größeren Charakter entwickelt, begreifen die Natur als ständige Existenzbedrohung. Für ihn ist die Gefahr strukturell, aber so lang es Leute wie ihn gibt, zähmbar. Für sie ist die Angst persönlich. Die Natur, konkret der Wald, wird sie alle einholen. Sie ist die letzte in der Reihe, er wartet nur auf sie.

„Die Fläche hinter mir ist überschaubar, ich kann mich beim Zurückgehen durch den Garten nicht verirren. Ich kann den Ausgang nicht verfehlen. Ich kann mich hier nicht mehr verlieren. Ich darf nur nicht in den Wald geraten. Und ich bin das letzte Opfer, das es noch zu holen gilt.“

Das Gegensatzpaar Kultur–Natur bildet die Verbindungslinie zwischen den Gedankenwelten des konservativen Dörflers und der feministischen Städterin. Nur könnten die Sphären, die sie davon berührt sehen – hier die dörfliche Gesellschaft mit ihrer Forst- und Landwirtschaft, da die bloße Existenz – unterschiedlicher nicht sein. Zwar beginnen beide von einem bestimmten Punkt im Roman an wie damit, wie besessen Tiere zu erschießen. Aber die Mikroperspektive auf die nichtsdestotrotz unterschiedlichen gedanklichen Sphären, die die Personen haben, gibt Still halten etwas Besonderes.

Damit und mit ihrem assoziativen Schreibstil schafft Jovana Reisingers ein kleines wie feines, depressives Gesellschaftsportrait österreichischen Lebens, das am Ende viele Kreise schließt und bloß eine wichtige Frage offenlässt: Darf man seiner toten Mutter eigentlich die Finger brechen?

„Was macht es ihr schon aus, wenn ihr eine Hand gebrochen wurde, sie wird nie wieder meinen Kinderkopf damit streicheln können. Jetzt hat sie endlich ihr Kind verloren und kriegt es nicht mit!“

alle Zitate © Jovana Reisinger / Verbrecher Verlag

Identität gesucht: Sasha Marianna Salzmann: Ausser sich

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Sasha Marianna Salzmann erzählt in ihrem Prosadebüt die Geschichte von Zwillingen, die auf der Suche nach ihren Identitäten Konventionen und Grenzen überwinden – ein sprachgewaltiges und experimentierfreudiges Buch über den Kampf mit der der Frage „Wer bin ich?“.


Sasha Marianna Salzmann war bislang vor allem als Hausdramatikerin des Berliner Gorki Theaters bekannt. Doch nun hat die 1985 in Wolgograd geborene Autorin den Schritt zum Roman gewagt und ist dabei vielen ihrer dramaturgischen Mittel treu geblieben. Ausser sich ist der Titel ihres Prosadebüts, das es auf Anhieb auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat – ein Titel, der bereits das große Thema des Romans andeutet: die Überschreitung weltlicher, gesellschaftlicher und persönlicher Grenzen auf der Suche nach dem „Ich“.

Das Thema der Grenzüberschreitung begegnet uns bereits auf den ersten Seiten des Romans. Die junge Alissa, genannt Ali, begibt sich auf die Suche nach ihrem Zwillingsbruder Anton. Einzige Spur ist eine Postkarte, die ohne Text und Absender aus Istanbul verschickt wurde. Als Ali schließlich die Grenze in die Türkei überschreitet verspürt sie den bekannten Geschmack von Hähnchenfleisch auf der Zunge, den sie noch von ihrer ersten Reise in die alte Heimat, Moskau, kennt, als sie noch ein kleines Mädchen war. Mit diesem einfachen szenischen Trick inszeniert Salzmann sprachlich die Dramaturgie eines  Romans, der von komplexen Verflechtungen einer Familie bestimmt wird, deren Mitglieder auf der Suche sind: auf der Suche nach ihrer Heimat, nach Geborgenheit und vor allem nach sich selbst. Um diese verworrene Sinnsuche darzustellen, sprengt Sasha Marianna Salzmann sprachliche und erzählerische Konventionen. Die Prosa des Romans ist verschachtelt, lebendig und wild – verworrene Sinneseindrücke durchbrechen immer wieder Wahrnehmungen der Hauptfigur, die Zeitwahrnehmung wird verzerrt, Halluzinationen vermischen sich mit Realität, Erinnerungen mit Wahnvorstellungen.

Und trotz dieser sprachgewaltigen Prosa bietet Ausser sich auch inhaltlich jede Menge Substanz. Über fast 100 Jahre erstreckt sich die Geschichte der Familie Tschepanow, die aus der Sicht von vier Generationen multiperspektivisch erzählt wird. Es ist eine Geschichte von Migration und Ausgrenzung. Ali und Anton fliehen als Kinder von russischen Juden von Moskau nach Deutschland und erfahren sowohl in der alten als auch in der neuen Heimat, wie schmerzhaft die Dynamiken der  Exklusion sein können. Halt finden die beiden Zwillinge in ihrer Zuneigung zueinander, doch nachdem Ali ihr Mathestudium abbricht, verschwindet Anton und Ali macht sich nach Istanbul auf, um ihn zu finden. Doch die Suche nach ihrem Bruder wird vor allem auch eine Suche nach dem eigenen „Ich“ – und ein Hinterfragen, wer denn eigentlich die Identität bestimmt. Ali hinterfragt nicht nur ihre Herkunft, sondern auch ihre Geschlechtsidentität und sieht gar nicht ein, warum sie zulassen sollte,  dass ihr irgendwelche Label aufgedrückt werden. So lernt sie in Istanbul eine Transperson kennen und beginnt eine selbstverordnete Hormontherapie, geht ihren eigenen Weg.

Genau wie Ali’s fluide Genderidentität ist der gesamte Debütroman von Sasha Marianna Salzmann kaum zu labeln. Die Erzählperspektive springt nicht nur wild zwischen Personen, Orten und Zeiten, sondern transformiert sich mit  seinen Figuren – inklusive Angleichung des Personalpronomens. Salzmann hat mit diesem Roman ein Debüt hingelegt, das Grenzen und Konventionen sprengt und Lust macht auf eine neue Gegenwartsliteratur, die sich nicht davor scheut die bekannten Pfade zu verlassen und einen Schritt ins Unbekannte zu gehen.


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Sasha Marianna Salzmann: Ausser sich
Roman

366 S., geb.

ISBN: 978-3-518-42762-0

22 €

erschienen am 11.09.2017 im Suhrkamp Verlag

Macht Geld glücklich? Clemens Berger: Im Jahr des Panda

Im seinem neuen Roman Im Jahr des Panda nimmt sich Autor Clemens Berger einer ganz klassischen Frage an: Macht Geld glücklich? Er nimmt uns mit auf eine Abenteuerreise, die seine Figuren durch die halbe Welt führt – ständig auf der Suche nach sich selbst. Unter dem oberflächlichen Label der Kapitalismuskritik geht es dem Buch eigentlich um eine Reflektion der Widersprüchlichkeit menschlicher Begehrlichkeiten.


„Im Jahr des Panda“ – Über Wertigkeit und Aussteigerträume

Geld ist schon eine seltsame Sache. Die kleinen Scheine und Münzen repräsentieren einen Wert. In ihnen steckt das Versprechen, zu einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort einen Gegenwert zu erhalten, über den man selbst frei verfügen kann. Geld ist damit für viele mehr als nur ein Zahlungsmittel – es verspricht Möglichkeiten frei zu sein und zu leben. Wir arbeiten, um frei zu sein – ist das nicht paradox?

Zu diesem Schluss kommen auch Pia und Julian, die Abend für Abend Geldautomaten mit riesigen Mengen von Banknoten befüllen und dafür selbst ziemlich mies bezahlt werden. Aus dem was-wäre-wenn-Feeling, das in dieser monotonen Situation in der Luft liegt, entwickelt sich erst eine Beziehung zwischen den beiden und schließlich die fixe Idee nach dem ganz großen Ausstieg. Was könnte das junge Paar für ein Leben führen, wenn sie sie statt einen der Geldautomaten einfach mal ihren Kofferraum mit den frisch gedruckten Scheinen vollstopfen würden?

Für Autor Clemens Berger gibt es nur einen Weg, diese Frage zu beantworten: Er lässt seine Protagonisten den Kopfsprung ins Ungewisse wagen und schickt sie nach dem Raub einer halben Millionen Euro auf eine Abenteuerreise quer durch die ganze Welt. Neben der Geschichte von Julian und Pia gibt es noch zwei andere Handlungsstränge: Den  des exzentrischen aber steinreichen Künstler Kasimir Ab, der eines Tages einfach beschließt, die Sicherheit seines Luxusateliers hinter sich zu lassen, und der Tierpflegerin Rita, deren unauffälliges Leben durch die Geburt eines kleinen Pandajungen gründlich auf den Kopf gestellt wird.

Bergers großes Thema in allen diesen miteinander verwobenen Erzählsträngen ist der Wunsch nach einem Neuanfang – oder mehr noch: die Sehnsucht nach dem Ausbruch aus einem bekannten und normierten System.

Das soziale Tabu des Toilettenpapiers

Dieses Thema wird von Berger innerhalb des beinahe 700 Seiten langen Romans mit einer Vielzahl von erzählerischen Mitteln entwickelt. Im Jahr des Panda ist eine Mischung aus Reise-, Liebes-, Kriminal- und Gesellschaftsroman, der es kunstvoll versteht feine prosaische Alltagsbeobachtungen mit experimentell anmutenden Erzählformen zu verbinden.

So beschreibt die junge Geldautomatendiebin in Spe, Pia, zum Beispiel das seltsame Gefühl des sozialen Stigma, wenn man im Supermarkt eine XXL-Packung Toilettenpapier kauft: „Ganz schön was vor“, denken sich die Leute in Pias Vorstellung, die sie anschließend offensiv mit ihren erworbenen Papierrollen konfrontiert und so die Grenzen des Anständigen missachtet.

Durch solche Kurzepisoden lässt uns Berger sehr behutsam mit seinen Figuren in Kontakt kommen. Pia etwa ist eine mutige junge Frau, die sich nicht von gesellschaftlichen Konventionen einengen lassen will und auch bereit ist, sich gegen Widerstände zu behaupten. Ganz anders verhält es sich bei der Tierpflegerin Rita, die ein zurückgezogenes und ängstliches Leben führt. Erst nachdem Pandamutter Fu Mao ein Junges wirft, das nur Rita betreuen darf, beginnt sie die Welt mit anderen Augen zu sehen. Diese neue Perspektive kann Rita nur vermitteln, indem sie anfängt, ein Tagebuch aus der Sicht des Neugeborenen zu schreiben.

Die Metapher des Panda

Dass ein Teil des Romans gerade aus der Perspektive eines Panda geschrieben ist, ist sicher kein Zufall. Pandas eignen sich hervorragend für die Paradoxie der Begehrlichkeit, die Berger aufzeigen möchte. Die vom Aussterben bedrohten schwarz-weißen Bären sind eine Kuriosität der Natur. Sie stopfen tagtäglich riesige Mengen von Bambus in sich hinein, um ihren Nährstoffbedarf zu decken – doch eigentlich stecken die drolligen Riesen in einem Körper, der viel besser für den Fleischkonsum geeignet wäre. Pandas haben sich das Image der tollpatschigen Faulenzer angeeignet, deren Alltag so mit basaler Bedürfnisbefriedigung gefüllt ist, dass sie sogar zu faul sind, sich zu paaren.

Seltsamerweise ist der Panda für den Menschen aber auch zu einem Symbol des Artenschutzes geworden – oder wie Berger formuliert: ein Symbol dafür, wie man eine Art mit viel Geld erhalten kann, die nachher nur noch fähig ist, in den Grenzen ihrer Gefangenschaft zu überleben. Diese Gegenüberstellung von scheinbarer Freiheit innerhalb unüberschreitbarer Grenzen ist eine Grundstruktur, die auch uns Menschen bestens bekannt ist.

Freiheit, Lust und die bittere Erkenntnis der Begrenztheit

Die Tatsache, dass Pandas Sexmuffel sind, ist sicher auch dadurch bedingt, dass sie sprichwörtlich alle Hände voll damit zu tun haben, ihr Überleben zu sichern. Lust am Sex hat in dieser Interpretation etwas mit dem Gefühl von Freiheit zu tun. Pia etwa wird kurz nach dem Diebstahl des Geldes auf dem Weg nach Slowenien so von ihrer Lust überwältigt, dass sie noch im Auto über Julian herfällt. Ihre Ekstase spiegelt die ungebändigte Freude darüber, aus einen eingeengten Leben ausgebrochen zu sein – und wird prompt durch zwei Streifenpolizisten gebrochen, die unmittelbar nach dem beidseitigen Höhepunkt ans Autofenster klopfen.

Pia steht nun also vor diesen Ordnungshütern, während ihr noch die Körperflüssigkeiten des gerade erst beendeten Quickies an den Schenkeln herunterlaufen und soll sich für den Geruch eines Joints rechtfertigen, den Julian kurz vorher im Auto geraucht hatte. Pia und Julian müssen kurz nachdem sie ihre neu gewonnene Freiheit zelebriert haben schon wieder um alles bangen, denn sie haben schließlich den ganzen Kofferrraum voller gestohlener Banknoten.

Ironischerweise ist ein Teil dieses Geldes, das sie in diesem Moment schwer belastet, auch der Ausweg aus ihrer misslichen Lage. Die Polizisten lassen sich bestechen, Pia und Julian können ihr Abenteuer fortsetzen. Berger will hiermit zwei Dinge sage: Erstens ist im kapitalistischen Gefüge alles auf Geld ausgerichtet und zweitens schränkt Geld uns genau aus diesem Grunde auch in unserer Freiheit ein. Denn selbst wenn man es für einen scheinbaren Ausbruch aus diesem System benutzt, kann man sich ihm trotzdem nicht vollständig entziehen.

Gestohlenes Geld ist mehr wert

Clemens Berger hat mit  Im Jahr des Panda einen klugen und gefälligen Roman geschrieben, der dem Leser seine Interpretationsmöglichkeiten nicht vorschreibt. Ohne die Entwicklung der einzelnen Abenteuerreisen vorwegzunehmen, kann man sich trotzdem an die Eingangsfrage „Macht Geld glücklich?“ wagen. Pia und Julian reflektieren gegen Ende ihrer Reise nicht nur die Rolle des Geldes, sondern auch ihre eigenen Begehrlichkeiten:

„Scheiß Geld.“

„Nicht das Geld, Julian. Das ist nicht das Problem. Die Frage ist, was man damit anstellt.“

„Ich wollte doch nur -“

„Eben. Und wofür? Für deinen Kleinbürgertraum?

Pia steht in Bergers Roman exemplarisch für einen Freigeist, der Geld nur als Mittel nutzt, um aus seinen eigenen Schranken auszubrechen. Während Julian sich während der kompletten Handlung nie von seinem normierten Weltbild lösen konnte, ist Pia ein Symbol für das Ideal, welches Berger propagiert: Sei mutig. Habe keine Angst davor Umwege zu gehen. Mach was draus.

Eigentlich ja ganz nett. Steht so aber auch in jedem Poesiealbum, das man für 5,99 € am Kiosk erwerben kann. Vielleicht sogar mit Panda auf dem Cover.


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Clemens Berger: Im Jahr des Panda

Roman, gebunden, 24 €

ISBN: 9783630875316

erschienen 19. September 2016

Luchterhand Literaturverlage

 


Beitragsbild: Martin Kulik

 

Das Grauen der Provinz – Szilárd Borbely: Die Mittellosen

Szilárd Borbely_Die Mittellosen

Einen düsteren autobiographischen Roman über Armut und Leid, über Kämpfe und Kriege, über Ethnien und Klassen im Ungarn der 1960er Jahre, einen Roman, der kurz vor einem Suizid beendet wurde, so etwas dachten wir, muss man sich ansehen – es ist ergreifend, aber nichts für sanfte Gemüter.


Dass in der Peripherie, der Provinz bösartige Abgründe lauern können, zeigen in den vergangenen paar Jahren viele Bücher in den Bestsellerlisten. Wenig beachtet wird dabei aber der autobiographische Roman des ungarischen Schriftstellers Szilárd Borbély, nämlich „Die Mittellosen“, den er kurz vor seinem Suizid 2014 veröffentlichte. Dabei ist doch gerade dieses Buch in seinen düsteren Tiefen und den geschilderten Ausgrenzungsmechanismen erschreckend authentisch. Jetzt liegt die deutsche Übersetzung vor.

Ort der Handlung ist ein archaisches Bauerndorf in der unterentwickelten Region Edrőhát, im Dreiländereck von Ungarn, Rumänien und der Ukraine, das in den 1960er Jahren alles, was nicht aus dem Dorf stammt, hasst: Kommunisten, Rumänen, Ukrainer, Juden oder sogenannte Zigeuner. Dort wächst der elf Jahre alte Ich-Erzähler mit seiner Familie in absoluter Armut auf. Das Einzige, was an diesem Ort zählt, ist physische Gewalt. Und gerade hier wird die Familie exkludiert. Oft werden Menschen verspottet, stigmatisiert, missbraucht oder verprügelt, überall ist der Erzähler mit Aggression konfrontiert.

Doch damit nicht genug: Er fühlt sich von der gesamten Welt getrennt. Das verdeutlicht Borbély gerne mit Primzahlen, unteilbare Zahlen, etwa Altersunterschiede, die irgendwie zwischen dem Jungen und den anderen Protagonisten stehen und die ihn von allen isolieren.

Zwei Faktoren sorgen für die Isolation: Erstens findet die Gewalt viele Wege. So foltern die Dorfbewohner gerne Tiere, aber gehen auch mit ihren Kindern kaum besser um. Letztere bekommen nur die Gewalt vorgelebt und behandeln dementsprechend Tiere ähnlich. Ähnlich verhält sich in Ehebeziehungen: Der Mann verprügelt Ehefrau und Kinder, doch auch die Mutter gibt die Gewalt wieder an das schwächere Glied weiter. Diese hierarchischen Dreiecksverhältnisse der Gewalt sind es, die den Jungen von seiner rohen Umwelt trennen. Zweitens darf auch über die Vergangenheit nicht gesprochen, das Schweigen isoliert jeden.

Borbélys Roman hat kaum Handlung. In zahlreichen Kurzepisoden wird nur das alltägliche Leben seiner rumänischen Familie in dem rassistischen Dorf geschildert. Die einzige Entwicklung ist, dass der Erzähler eingeschult wird und dort auch diskriminiert wird. Die Misshandlung von allem, was anders ist, entsprechen einer Mentalität, die sich auch in der heutigen nationalistischen Regierung Ungarns manifestiert, was dem Buch zusätzlich einen aktuellen und warnenden Anlass verleiht.

Obwohl der kindliche, schlichte und oft redundante Stil „Die Mittellosen“ leicht lesbar macht, so besteht die Schwierigkeit des Werkes in etwas anderem: Denn die realistischen und unverschnörkelten Schilderungen, der rohen Brutalität, der körperlichen und seelischen Misshandlungen, die sich die Klinke in die Hand geben, sind auf Dauer für den Leser schwer zu ertragen. Etwa werden hier am laufenden Band Katzen in Kot erstickt, getreten oder angezündet, ständig wird der Junge verprügelt, oder es wird Sodomie betrieben. Die Missachtung von Lebewesen erscheint in den krassesten Facetten. Dennoch kann man nicht anders, als weiter zu lesen und das Grauen erschreckend wahrzunehmen.

Gerade weil die Handlung statisch, sich somit einem klassischen Romanaufbau entzieht, und die Sprache kindlich, ehrlich und schonungslos ist, wird Borbélys Roman zu einem großen Wurf, eine mikrosoziologische Studie in der gnadenlosen Selbstbeobachtung eines Ausgeschlossenen. Denn immer wieder träumt die Familie von einer Änderung. Doch es kommt nie etwas zustande, eine Änderung erscheint in diesem Leben, in diesem Dorf nicht möglich. Dazu ist der Ort zu verroht, archaisch und rassistisch, um nicht in Resignation zu enden.


„Die Mittellosen“ bei Suhrkamp

„Rosarot, wie ein Marzipanschweinchen, aber intensiver“ – Suters Elefant

Treffen sich ein Obdachloser, ein Elefantenflüsterer, ein Zirkusdirektor, ein Genforscher und ein rosaroter Mini-Elefant – willkommen in Martin Suters neuem Roman „Elefant“.


Martin Suter muss niemandem etwas beweisen. Seine Romane funktionieren ohne große mit Metaphern überladene Satzgefüge, wie wir sie etwa von Juli Zeh kennen. Sein Schreibstil ist schlicht. Seine Sätze sind kurz. Dafür wurde der ehemalige Werbetexter am Anfang seiner Karriere belächelt. Aber beweist es nicht Können? Denn bei Martin Suter sitzt jedes Wort. Jeder kleine Satz hat Bedeutung, eine Funktion. Mit dieser schlichten, fast sachlichen Sprache baut der Schweizer Autor Welten, die uns erst bekannt vorkommen und dann doch nicht: Plötzlich finden sich die Leser٭innen in der Business Class wieder, in einer Molekularküche oder jüngst in einem Labor eines skrupellosen Genforschers und der Wohnhöhle eines Obdachlosen. Schon lange belächelt niemand mehr den Bestsellerautor. Denn sein Erfolg gibt ihm recht.

Ein Perfektionist bei der Arbeit

Martin Suter arbeitet weniger wie ein Schriftsteller und mehr wie ein Journalist. Seine Geschichten sind präzise, ja, perfekt recherchiert. So hat der Obdachlose Schoch, den die Leser٭innen auf der ersten Seite des Romans „Elefant“ kennenlernen, wahrscheinlich mehr mit der Realität gemein als mit einer Romanfigur. Und wenn Schoch glaubt, dass dieser rosarote in der Dunkelheit leuchtende Mini-Elefant, der eines Nachts in seiner Schlafhöhle steht, seinem Alkoholkonsum geschuldet ist, wissen es Suter-Kenner٭innen besser: Es gibt für Außergewöhnliches in Suter-Welten immer eine Erklärung, eine bis ins kleinste Detail durchdachte Theorie. So ist es dann auch: Während Schoch seiner morgendlichen Routine auf den Straßen Zürichs nachkommt und die sonderbare nächtliche Begegnung längst vergessen hat, befinden sich die Leser٭innen bereits im Labor des Genforschers Roux. Dieser doktert mit Skalpell und Pinzette in den Eingeweiden einer auf dem Rücken liegenden und mit Gummibändern fixierten Ratte namens Miss Playmate herum. Ziel seiner Arbeit: der Nobelpreis. Am liebsten für einen rosaroten leuchtenden Elefanten – lebend, aber wenn es nicht anders geht auch tot.

Die Faszination des Durchdachten

Zu diesem Zeitpunkt weiß der Forscher noch nicht, dass ihm das Unvorstellbare gelingen wird. Die Leser٭innen sind ihm voraus. Oder doch nicht? Sie wissen ja nur, dass es einen rosaroten Elefanten geben wird. Aber nicht, wie es dazu kommt. Denn Suter wechselt nicht nur ständig zwischen den Handlungssträngen und Perspektiven der Figuren, wie dem Zirkusdirektor Pellegrini, der Tierärztin Valerie, dem Veterinär Reber und dem burmesischen Elefantenflüsterer Kaung, die er nach und nach in die Geschichte flicht. Er springt auch in der Zeit. Die Daten vor einem jeden Kapitel zeigen den Leser٭innen an, an welchem Zeitpunkt des Geschehens sie sich befinden. Und wenn sie sich anfangs fragen, warum eine bestimmte Passage erzählt wird, wird an späterer Stelle ihre Wichtigkeit für den Plot umso deutlicher. Denn, wie wir wissen, jeder Satz hat eine Funktion. Martin Suter erlaubt sich keine Fehler. Seinen Romanen geht ein ausführliches Konzept voraus: „Ich schreibe keinen ersten Satz ohne den letzten“ (Zeit-Interview). Dieses ist auch in „Elefant“ zu erkennen – und irgendwie doch nicht. Egal, wie sehr man sich beim Lesen auf das Analysieren der Sprache und Erzählweise konzentriert, früher oder später verfällt man dem Erzählten.

Spannung eines Sympathen

Nicht nur wegen des hohen Erzähltempos rast man durch den Plot. Je mehr sich die Handlung verdichtet, desto schneller liest man. Es gibt nämlich noch etwas, was Suter ziemlich gut kann: Spannung erzeugen. Dafür hat er einen Trick. Der ist zwar altbekannt, doch Suter treibt ihn auf die Spitze. Ebendann wenn sich die Leser٭innen an einen Handlungsstrang klammern, weil sie z. B. wissen wollen, wie eine Verfolgungsjagd ausgeht, wechselt er die Perspektive oder springt in der Zeit. Die Leser٭innen werden hingehalten. Diese Spannung ist unerträglich. Und führt dazu, dass der Roman innerhalb kurzer Zeit durchgelesen ist.

Es lässt sich noch viel zum Roman sagen, z. B. dass Suter verschiedene Sichten auf das Ungewöhnliche – hier der rosarote Mini-Elefant – zulässt: Glaube, in Form des Elefantenflüsterers Kaung, versus Wissenschaft, in Person des Genforschers Roux. Und dass er es sich nicht nehmen lässt, Gesellschaftskritik mit dem Aufgreifen aktueller Themen zu üben. Denn am Ende des Romans wissen die Leser٭innen nicht nur, was ein „mikrozephaler osteodysplastischer primordialer Zwergwuchs vom Typ II“ ist oder wie ein Elefant künstlich befruchtet wird, sondern auch dass das rosarote Elefäntchen kein Hirngespinst Suters ist. In seiner Danksagung erklärt der Autor, ein Hirnforscher habe ihm erklärt, dass es gentechnisch möglich sei, ein solches Tier zu erzeugen. Der Roman „Elefant“ ist die Arbeit eines Perfektionisten – eines sympathischen Perfektionisten. Denn schon allein für die Danksagungen, die Suter an jeden Roman anhängt, muss man ihn lieben.

Titelbild: © postmondän auf Instagram/Buchcover © Diogenes Verlag

Die Schlesiensaga – Szczepan Twardoch: „Drach“

Der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch hat abermals einen provokanten Roman geschrieben: „Drach“ ist die Geschichte einer schlesischen Familie die Jahrhunderte hindurch, doch der eigentliche Akteur und Erzähler ist die Erde. Ihr Gedächtnis soll der kritische Roman aufdecken.


Schon mit seinem Roman „Morphin“  erregte der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch im Jahr 2012 die Gemüter, mit seinem morphinsüchtigen, zerstörten Protagonisten Konstanty, der sich im Zweiten Weltkrieg dem polnischen Widerstand anschließt. Seitdem ist Twardoch international bekannt, als ein Autor, der hart, schonungslos und brutal schreibt, der das Leid in seinen verschiedensten Facetten darzulegen vermag und nichts auf politische Korrektheit gibt. Nun wagt er ein schlesisches Epos über eine Familie, vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart. „Drach“ heißt der Roman, der 2014 in Polen erschienen ist und nun in deutscher Sprache vorliegt.

Drach ist ein Terminus für die oberschlesische Erde, ein in der Neuzeit vor allem von Bergbau, Industrie und Krieg geprägtes Territorium. Der Titel macht Sinn, denn als auktorialen Erzähler wählt Twardoch jenen Drach. Der Roman soll ergo ein Gedächtnis der Erde über die Jahrhunderte hinweg anhand einer typischen Familie darstellen. Mal ist diese Erde in ihrer Erzählform trocken und schon fast kalt, manchmal auch abgehackt und elliptisch, manchmal pflegt sie aber auch einen konservativ-melancholischen Stil, bleibt aber vom Duktus her meist distanziert und passiv zum Geschehen. Nicht immer wird klar, warum gerade welcher Stil gewählt wird und schon innerhalb der vielen, meist kurzen Kapitel Brüche aufweist, jedoch macht dies „Drach“ zu einem anspruchsvollen und abwechslungsreichen Werk.

Vor allem zwei Hauptpersonen bilden sich heraus: Der eine ist Josef Magnor, der als Kind im Jahre 1906 die Rohheit der Menschheit bei der brutalen Schlachtung eines Schweins kennenlernt, später als Soldat des Deutschen Reiches in den Schützengräben in Frankreich landet und schließlich, gebrochen durch Kriegstraumata, seine Geliebte Caroline und deren heimlichen Geliebten umbringt. Der zweite wichtige Protagonist ist Nikodem Gemander, Josefs Urenkel, der im einundzwanzigsten Jahrhundert als dekadenter Stararchitekt lebt. Er steht in einer dialektischen Beziehung zur Familie: Einerseits gibt es eine Verbindung zu Josef, andererseits könnte Nikodem nicht weiter von ihm weg sein. Denn auch in seinem Leben spielt Eifersucht eine dominante Rolle: Er will mit seiner Geliebten zusammenziehen, kommt aber von Ehefrau und Kindern nicht los. Aber es geht bei Nikodem nicht mehr um materielles Leid, jeder Krieg ist ihm fern und zu seinen Vorfahren vermag er nur eine komplizierte und dünne Beziehung aufzubauen.

Zu den Biographien der beiden gesellen sich immer wieder Kurzepisoden aus anderen historischen Epochen, die die eigentliche Handlung unterbrechen und auflockern, andererseits auch komplexer gestalten. Denn übersichtlich kann man „Drach“ nicht nennen. Die Erde als Erzähler hält nichts von Chronologie, denkt universal. Daher springt Twardoch auch immer innerhalb der Kapiteln zwischen den Jahrhunderten assoziativ hin und her, dem Schicksal von Nebenprotagonisten wird oft vorweg gegriffen oder historische Hintergründe werden, manchmal auch bezugslos, aufgedeckt. Dadurch entsteht ein Anspruch auf eine Allumfasstheit des Romans, so allwissend wie die Erde, was natürlich in diesem Buch nicht vorgelegt werden kann, und manchmal wirkt die Auswahl der Episoden willkürlich. Gerade das macht das Buch, das ansonsten eine durchschnittliche Familiensaga schildern würde, zu einem speziellen literarischen Werk, das sich, wenn zumindest nicht meisterhaft, so doch in seiner Methodik und Krassheit innovativ und spannend gestaltet.

Doch noch aus einem weiteren Grund, legt „Drach“ einen Finger in Wunden, indem Twardoch Schlesien als Handlungsort auswählt, eine Region, die sowohl Polen als auch einst Deutschland gehörte, was sich hier auf privater und politischer Ebene wiederspiegelt, deren Einwohner zu beiden Staaten teils ein zwiespältiges Verhältnis hatten oder haben und in Kriegen mal für die eine mal für die andere Seite kämpften. Gerade mit dieser Region sprengt Twardoch das Konstrukt der nationalen Identität auf und ist somit der nationalistischen Regierung Polens ein Dorn im Auge, die beispielsweise auch die Verfilmung von „Morphin“ autoritär unterbindet.

Ergo ist „Drach“ ein komplizierter und lesenswerter Roman, der trotz seines geschichtlichen Charakters kein historischer Roman im typischen Sinne ist, denn die Zeit ist nur der tertiäre Faktor, der primäre Faktor ist der Raum und der sekundäre ist die Familie. Darum ist es auch kein Familien-, sondern ein Schlesienepos. Und gerade durch seinen Fokus auf ein umstrittenes, national nicht klar zuortbares Terrain wird auch jeder kollektivistische Heroismus in diesem Roman unterminiert. Zusätzlich kann der Leser sowohl durch den oft distanzierten Erzählstil der Erde als auch die häufigen Zeitsprünge nicht so einfach mit den Protagonisten fraternisieren, nein, er wird, klassisch verfremdend und emanzipativ, mit seiner eigenen Kritik an den Protagonisten zurückgelassen.

Titelbild: © Rowohlt Verlag

Das Konzept des Fortsetzungsromans – Tilman Rammstedt: „Morgen mehr“

Tilman Rammstedt und ich haben so einiges gemeinsam. Irgendwann mal in Tübingen Philosophie studiert.. Leben jetzt in Berlin… Nachtaktiv… Ingeborg-Bachmann-Preis… Ach ne, den hab ich ja garnicht. Bin aber auch kein Autor, wie der Tilman Rammstedt. Allerdings muss man als Autor ja Bücher veröffentlichen und das ist manchmal garnicht so einfach – seit Rammstedts letztem Roman „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“ sind nun immerhin auch schon ein paar Jährchen vergangen. Glücklicherweise hat sich Tilman Rammstedt jetzt mit den pfiffigen Leuten der Hanser Literaturverlage zusammengetan, die die Idee hatten, ihren Autor quasi zum Zwangsschreiben zu verdonnern und nebenbei noch ein sowohl aus Leser- als auch aus Marketingsicht interessantes Projekt zu starten: Tilman Rammstedt schreibt einen Fortsetzungsroman.


 

„Morgen mehr“ von und mit Tilman Rammstedt

Jo Lendle, seines Zeichens Chef des Hanser Verlags, beschreibt den Arbeitsalltag mit Autor Rammstedt folgendermaßen:

„Zu den erfreulichsten Momenten in dem von freudvollen Momenten nicht gänzlich freien Leben eines Lektors gehört die Arbeit an einem neuen Buch von Tilman Rammstedt. Morgens kommt man in den Verlag, da wartet, von einem knappen Verzweiflungsseufzer begleitet, im Posteingang das noch schreibwarme Ergebnis der vergangenen Nacht. Man liest in stillvergnügtem Glück die neuen Seiten, ruft den Autor an, kritisiert zum Schein einen Halbsatz, ein Komma, ein stilistisches Detail, preist dann vollmundig das täglich klarer sich abzeichnende Ganze, worauf Tilman Rammstedt sich – grummelnd, übermüdet, aber halbwegs mit der Nacht versöhnt – zur Ruhe legt.“

(Jo Lendle: morgen-mehr.de – Aufwachen mit Tilman Rammstedt)

Die morgendlichen Mails, die sonst nur Jo Lendle zu Gesicht bekommt, sollen bei dem neuen Buch Rammstedts „Morgen mehr“ mit der Welt geteilt werden und zwar tagesaktuell. Ab dem 11.01.2016 werden jeden Werktag zwei Seiten des Romans veröffentlicht. Dabei sein (per Email oder Whatsapp, als Text oder vom Autor gelesen) kann jeder, der sich über die Crowdfunding Plattform Startnext ein Abonnement sichert. Preislich startet das Ganze bei 8€ (nur Lese/Hörtexte). Für 20€ bekommt man nach Abschluss des Projektes auch eine vollständig lektorierte Fassung des Buches zugeschickt, welche später auch von Nicht-Abonnementen ganz normal im Buchhandel erworben werden kann.

Zwar bleibt zu vermuten (und auch zu hoffen), dass sich da im Laufe des Projektes noch so einiges ändert, aber einen groben Inhaltsteaser gibts auch schon:

„Es ist Sommer 1972. Seit Jahren schon. Die Farben verblassen, die Musik leiert, und ein Mann sehnt sich nach der Zukunft. Er vermisst all das, was es noch nicht gibt: Navigationssysteme, Glutenintoleranz, die Nostalgie nach klareren Zeiten. Er vermisst auch seine Frau, die er noch nicht hat, seine Kinder, die es nicht gibt. Er will nicht länger warten. Er beschließt, die Uhr nach vorne zu drehen. Und zwar nicht nur seine eigene, sondern die Koordinierte Weltzeit, an der sich alle Uhren orientieren. Dafür muss er nach Paris. In einem gestohlenen Taxi fährt er durch ein merkwürdiges Europa und sammelt auf dem Weg all diejenigen ein, die auch endlich in die Zeit fallen wollen, am besten mit Karacho.“

(Hanser News zu „Morgen mehr“)

Ok. Klingt Rammstedtsch.

Das Konzept des Fortsetzungsromans: Ein Dinosaurier?

Einen Roman in kleinen Stücken zu veröffentlichen ist nicht neu. Der sogenannte Fortsetzungs- oder Feuilletonroman hat in der europäischen Weltliteratur Tradition und boomte vor allem im 19. und 20. Jahrhundert. So sind beispielsweise Werke wie „David Copperfield“ und „Oliver Twist“ von Charles Dickens, genauso wie „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde, vor der Buchveröffentlichung seriell in Zeitschriften erschienen. Fjodor Dostojewski schrieb gar einen Großteil seiner Bücher auf diese Weise – und das immer unter Zeitdruck.

Zeitlich wenig aktueller war das experimentelle Fortsetzungsprojekt der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zusammen mit Science-Fiction Autor Andreas Eschbach: „Exponentialdrift„. Von September 2001 bis Juli 2002 erschienen wöchentlich neue Textstücke von Eschbach in der FAS. Die Handlung bezog sich dabei oft auf tagesaktuelle Geschehnisse. Die Resonanz der Leser blieb allerdings hinter der Erwartungen zurück. Eschbach, der  zum Start des Projektes durch die Veröffentlichung von „Eine Billionen Dollar“ eine starke mediale Präsenz innehatte, zieht im Nachwort der Buchfassung von „Exponentialdrift“ ein ernüchtertes Fazit zum Konzept des klassischen Fortsetzungsromans:

„Völlig falsch eingeschätzt haben alle Beteiligten, glaube ich, das Bedürfnis nach der Form des Fortsetzungsromans. Es stimmt, seit Charles Dickens hat das niemand mehr gemacht – aber vermutlich aus gutem Grund. […] Ich glaube, dass der klassische Fortsetzungsroman – einige wenige Spalten in einer Zeitung – eine überholte Form ist.“

(Andreas Eschbach: „Exponentialdrift“ Making Of)

Oha. Wikipedia konstatiert gar: „Gegenwärtig (Stand 2014) ist der Fortsetzungsroman so gut wie ausgestorben.“ Hat Hanser sich da ein konzeptuell verstaubtes Dinossauriergerippe ausgebuddelt, um seinen prokrastinierenden Autor doch noch zum Schreiben zu zwingen?

Der Fortsetzungsroman als Marketingstrategie: Von #Hashtagliebhabern und Autoren in Ketten

Obwohl sich „Morgen mehr“ nach Eigenaussage klar in die Tradition des klassichen Fortsetzungsromans stellt, stellt es trotzdem ein Novum dar. Im Gegensatz zu den üblichen seriellen Veröffentlichungen in Printmedien beschreitet Hanser mit dem Projekt die große weite Welt des digitalen Nutzers, oder anders: das Buch soll eine „experimentierfreudige Klientel ansprechen – #ZumBeispielSolcheDieHashtagsMögen“. Den Bedürfnissen dieser Zielgruppe sind nun auch einige  Faktoren angepasst, die für eine Rückkehr des Konzeptes Fortsetzungsroman eine entscheidende Rolle spielen könnten.

Der Hauptkritikpunkt der Leserschaft von Eschbachs „Exponentialdrift“ in der FAS war die wöchentlich Veröffentlichungsfrequenz relativ kurzer Textstellen. Bei „Morgen mehr„werden nun jeden Werktag zwei Seiten versprochen (toi toi toi, Herr Rammstedt!) – und zwar nicht nur als Text, sondern auf Wunsch auch als vom Autor eingelesene Audiodatei. Genau die richtige Länge um die tägliche Dosis Rammstedt als festes Tagesritual zu etablieren – am Frühstückstisch, der Mittagspause oder in der Ubahn.  Und noch besser: Die Zielgruppe der #Hashtagliebhaber kommuniziert über sowas gerne. Zum Beispiel über Twitter,  Facebook oder auf einem Blog und kurbelt natürlich damit ordentlich die Werbetrommel. Klappt ja ganz gut, wie man sieht.

Das Konzept von „Morgen mehr“ als Fortsetzungsroman ist nicht neu, aber im digitalen Kontext durchaus innovativ und trifft (vielleicht) den Zeitgeist. Ein großer Teil der Strategie im gegenwärtigen Buchmarketing ist die Vermarktung von Autoren und ihrer Schreibpraxis. Ein Fortsetzungsroman gibt dem Leser die Möglichkeit, sich dem kreativen Entstehungsprozess des Buches viel näher verbunden zu fühlen. Und zwar inklusive möglicher Schaffensflauten. Gerade jemandem wie Tilman Rammstedt, der sich schon mit Büchern wie „Der Kaiser von China“ ein etwas kurioses Image aufgebaut hat, traut man tatsächlich zu, dass er, wie in einer Bilderserie des Hanser Verlags prognostiziert, an Tag 22 des Projektes völlig verzweifelt versucht sich hanebüchen lustige Wendungen für das Kapitel des nächsten Tages aus den Fingern zu saugen und es am Ende trotzdem gut wird. Man ist gar neugierig, ob der übernächtigte Rammstedt denn nun tatsächlich jeden Tag zwei Seiten hinkriegt, oder ob irgendwann eine peinlich  berührte Entschuldigungsmail von Verleger Jo Lendle im Emailpostfach wartet.

Dementsprechend selbstironisch wird der Roman auch beworben. Häufig wiederkehrende Themen: Verschiedene Phasen der Rammstedtschen Auflösung in den Ketten seiner Veröffentlichungsverantwortung, Verwirrung ob der geplanten Planlosigkeit des Projekts und ein vollkommen verzückter Lektor, der eben für ein paar Monate mal „ein wenig früher aufstehen muss“.

Der Plan für „Morgen mehr“ steht also. Und ich bin gespannt auf das Experiment und freue mich morgens von den neuesten Rammstedtschen Schreibergüssen geweckt zu werden – ganz egal, ob der Autor nun wirklich jede Nacht schweißgebadet vor dem leeren Word-Dokument sitzt, oder ob das nicht doch alles strukturfester ist als suggeriert. In jedem Fall mal was Anderes!

Und was sagt eigentlich Tilman Rammstedt dazu?  Kein sehr guter Plan, sagt er laut eines aktuellen Youtubevideos von Hanser.

Er soll aber nicht so viel sagen, er soll verdammt nochmal schreiben. Seinen neuen Roman. Tag für Tag.

Na dann mal los, Herr Rammstedt.