Schlagwort: Roman

Daniela Krien: Muldental

In Muldental erzählt Daniela Krien elf Geschichten, die sich im Kern mit der Frage „Schicksal oder Schuld?“ befassen und im weitesten Sinne mit der Vereinigung zwischen Ost- und Westdeutschland zusammenhängen. Der Roman lässt erahnen, dass unter die Oberfläche blicken noch nicht bedeutet, auch in die Tiefe zu schauen.


Die auf dem Cover von Muldental abgebildete junge Frau in Schwarz, die vor einem dämmergrauen Hintergrund in die Ferne schaut, scheint zum Verwechseln ähnlich mit dem bekannten Gemälde Lucas Cranachs des Älteren, das Martin Luther zeigt. Auch wenn Welten zwischen ihnen liegen, stehen beide im Zeichen des Umbruchs. In elf Kapiteln lässt Daniela Krien verschiedene Protagonisten sprechen. Würde man ihr Konzept auf eine simple Gleichung herunterbrechen, würde es „Eine Portion Realität, eine Portion Fiktion“ lauten.

Die Autorin wahrt Distanz zu ihren Protagonisten, indem sie als Außenstehende über sie schreibt. Dennoch zeichnet sie auf lakonische, doch unter die Haut gehende Weise ihre jeweiligen Innenwelten nach. Es bedrückt, da jede in irgendeiner Form isoliert erscheint und sich um eine mehr oder minder starke Verzweiflung dreht. Doch sind viele dieser Welten auch irgendwie miteinander verknüpft – in der Vergangenheit, im Jetzt oder in beidem. Muldental ist der Ort, der die Geschichten in sich versammelt wie eine Senke, die sich bei Regen stets mit Wasser füllt.

Zwar macht Krien es einem leicht, in die Realitäten der jeweiligen Protagonisten einzutauchen. Doch sind die Erzählungen alles andere als einfach einzuordnen. Der Subtext von Muldental vermittelt uns deutlich, wie wir einerseits leicht verleitet werden, uns ein Urteil über das Denken und Handeln anderer zu bilden und wie es uns andererseits herausfordert, einfach zuzuhören und zu versuchen zu verstehen. Oft ist es nämlich diese Auseinandersetzung, worauf es zuerst und vor allem ankommt.

Beitragsbild: © Lennart Colmer

Die Klassenfrage kehrt zurück in die Literatur

Spätestens seit Anke Stellings Roman Schäfchen im Trockenen ist es in der deutschen Literaturszene wieder legitim, sozioökonomische und -kulturelle Selbstreflexionen zu verfassen, um den eher elitären Schriftstellerhabitus von Menschen, die doch meist in prekären Verhältnissen leben, zu hinterfragen. Doch nun hat der Journalist etwas wesentlich Gewagteres vorgelegt: eine Autobiographie über seine Jugend und Kindheit in Armut, eine Autobiographie, in der er die Klassenfrage stellt. Sein Buch Ein Mann seiner Klasse bringt endlich wieder Leben, ökonomische Fragen und gesellschaftliche Probleme zurück in die Literatur.


Baron schreibt im Grunde sogar mehr als eine Autobiographie, nämlich die Geschichte seiner Familie. Er berichtet, wie sich seine Eltern im Arbeitermilieu von Kaiserslautern kennengelernt und ein Kind nach dem anderen bekommen haben. Der Leser erfährt, dass die Mutter Dichterin werden wollte, aber ihr schulisches und soziales Umfeld es ihr vergätzt haben und sie schließlich depressiv wurde. Wir erfahren, dass der Vater ein Alkoholiker war, der Frau und Kinder verprügelte und nirgendwo hohes Ansehen besaß. In diese Familie wurde der Autor hineingeboren.

Nach dem frühen Tod der Mutter an Krebs kamen die Kinder zur Tante mütterlicherseits – die immer noch zur Unterschicht gehörte, aber resolut und ehrgeizig war und ihren Schwager verabscheute. Während sein Bruder immer wieder Drogenprobleme hatte, schafft Christian Baron es aber schließlich, auch durch die Förderung einer anderen, wohlhabenden und gebildeten Tante, das Abitur zu machen, und interessiert sich bald für Journalismus – jedoch nicht ohne in einer höheren Schule stets als Außenseiter zu gelten, als derjenige, der aus einer Unterschichtenfamilie kommt und vom Bildungssystem systematisch diskriminiert wird.

Das Buch erzählt nicht nur von sozialem Elend und der Armut, am Ende des Monats nicht mehr genug Nahrung zu haben, weil der Schläger-Vater zu viel vom wenigen Geld versoffen hat, und davon, zu Hause keine Förderung zu erhalten, sondern auch davon, in ständiger Angst leben zu müssen. Es geht auch um Barons Selbstreflexion. Denn er entschuldigt nicht nur dauernd die Passivität der Mutter, die selbst das Opfer ihres Ehemannes ist und gleichzeitig aber die Kinder, aufgrund ihrer Depression, schützt; er liebt auch seinen Vater bedingungslos. Nie wollte er ihn loswerden, egal wie bösartig der Patriarch war; nein, Baron will immer, dass sein Vater sich ändert. Diese ständige Ambivalenz durchströmt das ganze Buch. Und er wird sich bewusst, dass – was keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung ist – der Vater ein „Mann seiner Klasse“ war, nie Aufstiegschancen hatte, nur Armut kannte und selbst bereits aus der Familie eines prügelnden Alkoholikers stammte.

Gewalt, Armut und Pathos

Barons Buch bildet also nicht einfach ein Milieu ab. Dabei erklärt er gar nicht einmal sonderlich viel, sondern beschreibt nur sehr genau – doch gerade dies gibt Ein Mann seiner Klasse eine große Kraft und dennoch einen explanatorischen Wert, den man selbst herausziehen kann, so deutlich ist die Schilderung. Denn Barons Stil und Sprache sind, selbst noch bei den Elementen der akademischen Selbstreflexion, einfach, simpel und klar. Baron gibt soziale Zustände exakt wieder, ohne Fremdworte nutzen zu müssen: ein stilistisches Bekenntnis zur Arbeiterklasse. Diese Klarheit wird ein bisschen unterminiert durch einige pathetische Elemente und der einseitigen Festsetzung des Vaters als Täter und der depressiven Mutter als Opfer – aber davon, dass sie ihre Kinder beschützt hat, liest man nichts. Doch es wäre natürlich zu viel erwartet von einer offenen Autobiographie, die so unangenehme, persönliche und doch gesellschaftlich relevante Themen berührt, wenn man hier noch eine nüchterne Analyse, statt dem kindlichem Pathos, das Baron als Junge fühlte, erwarten würde.

Obgleich es eine Autobiographie über die eigene Kindheit und Jugend ist, hat Baron es nicht nur geschafft, die eigene Entwicklung und Selbstfindung zu skizzieren. Seine Vergangenheit ist ein pars pro toto für eine ganze soziale Schicht oder Klasse. Ein Mann seiner Klasse steht dafür, als Junge in Armut, Not und damit auch Angst und Unfreiheit aufzuwachsen. Das Buch steht für Kinder, die früh männliche Gewalt erfahren. Das Buch steht für psychische Aufarbeitung dieses Leids, und für Liebe, Erinnern und die Suche nach Versöhnung mit der Familie und der Vergangenheit in einer widersprüchlichen Welt der Gewalt, sozialen Ungleichheit und Exklusion. Genau das ist der Verdienst: dass Baron die lange vergessene Klassenfrage wieder zurück in das öffentliche Bewusstsein rückt und dabei ohne ganz ohne Resignation oder Hass auskommt. Gegenüber diesem Debüt sehen andere deutsche, bourgeoise Debütromane – die meist davon handeln, wie ein rich kid auf Selbstfindungstrip geht, oder wie jemand mal als Kind gehänselt wurde – alt und abgeschmackt aus. Barons Klassenautobiographie gibt der Literatur ein wichtiges Stück Leben, Seele, Authentizität und die Behandlung manifester sozialer (statt nur individueller) Probleme zurück.

Ein Mann seiner Klasse von Christian Baron erschien am 31. Januar 2020 im Claassen Verlag und hat 288 Seiten.

Coverbild: © Claassen Verlag

Die Verzweifelten Nationen. Schutzzone von Nora Bossong

Mira Weidner ist ein Mädchen aus Köln/Bonn, das 1994 während der Scheidung ihrer Eltern als 9-jährige eine Zeit lang bei dem UN-Diplomaten Darius und dessen Familie unterkommt. Sie baut eine besondere Beziehung zum ältesten Sohn Milan auf. Später studiert sie Internationale Beziehungen, arbeitet in New York und Burundi für die Vereinten Nationen und landet schließlich 2017 in Genf, wo sie eine Affäre mit eben jenem Milan beginnt, der jetzt verheiratet ist und einen Sohn hat.


Nach ihrem letzten Roman über den italienischen Politiker Antonio Gramsci behandelt Nora Bossong in Schutzzone nun die größte politische Institution der Welt: Die Vereinten Nationen. Schon vor der Veröffentlichung ist ihr vierter Roman ein Erfolg, denn er steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2019.

Der Roman erzählt Miras Geschichte unlinear und springt zwischen den verschiedenen Erzählsträngen. Dabei verzichtet Nora Bossong auf die explizite Markierung der wörtlichen Rede, wodurch der Romantext und besonders die Dialoge oft wie ein innerer Monolog von Mira erscheinen. Die Grenzen zwischen den Figuren sind unklar, ähnlich wie die in der Politik. In der Mitte des Romans sagt Milan: „Wir spielen uns klare Grenzen vor, aber jeder Versuch, ein Land mit exakten Grenzlinien zu zeichnen hat zu nichts als Absurditäten geführt.“ Statt einzelnen Kapitelüberschriften nennt der Roman jeweils Ort- und Zeit der Kapitel. Zudem sind die Kapitel in fünf Abschnitten zusammengefasst: Frieden, Wahrheit, Gerechtigkeit, Versöhnung und Übergang.

Der interessanteste Erzählstrang ist Miras Aufenhalt in Burundi, als Angehörige der Wahrheitskomission. Andere Leute sagen über sie, dass sie Leute gut zum Reden bringen könne. Das Erzählen hat hier einen expliziten Wert, auch wenn sich Mira selber nicht genau weiß welchen. Ihre Freundin Sarah: „Wir erzählen unser Leben, wir erzählen das Geheimste, das Intimiste, als müssten wir beweisen, dass es uns tatsächlich gibt.“ So trifft Mira auch den Milizengeneral Aimé, zu dem sie eine beinahe freundschaftliche Beziehung aufbaut, die von anderen Helfer٭innen kritisch gesehen wird. Denn Aimé ist für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich. Er habe unter anderem eine Kirche voller Kinder anzünden lassen. Doch seine Ehrlichkeit fasziniert Mira – oder ist es doch nur seine Art zu lügen?

Insgesamt bliebt die Hauptfigur des Romans etwas blass. Als ob sie selber um sich eine Schutzzone errichtet habe. Allerdings wird auch diese Schutzzone für kurze Zeit durchbrochen, als sie Milan trifft. Generell sind die Schutzzonen im Roman nicht besonders effektiv. Bei den Vereinten Nationen herrscht zynische Einigkeit darüber herrscht, dass eine Schutzzone ohne dazugehörige Militärtruppen nichts wert sei. So wirkt das größte Staatenbündnis der Welt wie eine verzweifelte Organisation, die viel versucht, wenig bewirkt und ihre Angestellten schließlich zu gut ausgebildeten Nihilist٭innen macht.

Auch, wenn er es nicht auf die Shortliste des Buchpreises schaffen sollte: Schutzzone ist ein Roman mit interessantem Setting und Einblicken in eine ungewöhnliche Welt. Dadurch ist er auf jedenfall lesenswert – trotz gelgentlicher Längen.

Schutzzone von Nora Bossong erscheint am 9.9. im Suhrkamp Verlag und hat 332 Seiten.

Titelbild: © Suhrkamp Verlag

Schellenmann – ein Schwäbisch Noir

Philipp Böhms Schellenmann überzeugt vor allem durch seinen sphärischen Schreibstil, der expressionistische Unschärfe erzeugt. Und ein ungewöhnliches Romandebüt freisetzt.


Philipp Böhms Debütroman Schellenmann spiegelt eine Situation, die der Autor und vielleicht auch einige seiner Leser٭innen selbst ganz gut kennen: Die Jugend in einer Kleinstadt geht zu Ende, die wichtigste Lebensentscheidung besteht für einen Moment in der Frage: bleiben oder wegziehen? Das gespiegelte Bild jedoch verzerrt sich durch den Umstand, dass Protagonist Jakob sich fürs Dableiben entscheidet. Statt herauszuwollen und einer Ausbildung nachzugehen, folgt er seinem Freund Hartmann ungelernt in die Fabrik am Stadtrand. Von der er noch nicht einmal genau weiß, was produziert wird, deren Maschinen im ganzen Betrieb fast niemand wirklich versteht und deren Charaktere Böhm ihn in ihren Eigenheiten studieren lässt.

Fremd bleiben sie ihm und den Leser٭innen dennoch. Wie alles fremd bleibt, in dieser Stadt, in die Jakob erst ein paar Jahre vor Einsetzen der Handlung zugezogen ist. Das eigentliche Problem am Bleiben jedoch ist, wie er dann auch erfahren muss, dass um einen herum ja trotzdem vieles wegbricht. Und sei es nur die endende Jugend oder das Wegziehen von Freund٭innen. Bei Böhm wird es noch dramatischer: Selbst die Natur scheint zu protestieren und Jakob forttreiben zu wollen, was dramatische Züge annimmt.

Die Überspitzung dieses Konflikt führt Philipp Böhm auch ein Stück weit ins Fantastische, vielleicht, weil er eine Realität durchspielt, die er selbst hätte wählen können, die ihm dann aber selbst zu abstrakt und unrealistisch erscheint. Ein wertvolles Stilmittel dieser Fantasie ist die von ihm in die Handlung eingefügte Figur des Schellenmanns, die er sich aus der schwäbisch-allemannischen Fastnachts-Folklore leiht. In dieser tritt der Schellenmann, auch „Gschell“ genannt, seit einigen Jahrhunderten als Repräsentant des Sommers und Gegenspieler des Federahannes auf, der den Winter verkörpert. Letzterer soll mit lauten Glocken ferngehalten werden, die ersterer am Körper trägt. Auch in Böhms Schellenmann will ein Sommer nicht enden und hält an, bis selbst die Tiere beginnen, vor sich hinzusterben, und der Schellenmann Realität wird – eine Entscheidung des Autors, die maßgeblich dazu beiträgt, dass man als Leser٭innen mitfühlen kann, wie fremd Jakob, dem Zugezogenen, sein Umfeld eigentlich ist – die Riten, Verspanntheiten und Dynamiken eines verschlossenen Raums.

Der Roman lebt inhaltlich vor allem durch die persönliche Inhaltsebene und seine Porträts der Mikrokosmen Kleinstadt und Fabrik. Die noch größeren Stärken hat das Debüt aber in seinem Sprachstil, der es schafft, einen Farbfilter über die Handlung zu legen. Beschrieben wird so wenig wie möglich, was zum einen ein gewisses Desinteresse der Protagonist٭innen an ihrer Umwelt aufarbeitet, die eben nicht die spannende weite Welt ist, sondern der kleine, bedeutungslose Ort, an dem eben wohnt. Zum anderen setzt es Bilder frei.

Und wo doch etwas beschrieben wird, da ist es karg, unwirtlich und im Grunde auch nicht so richtig beeinflussbar, sondern einfach eine nutzlose Gegebenheit. Wie die Blätter und Zigarettenstummel in der Ecke des Fabrikhofs, die sich nach jedem Fegen neu sammeln oder „zusammgeknüllte Burger-Tüten, Bierflaschen, Umsonstzeitungen, Flip-Flops, Eierkartons“, die den Bach entlangtreiben – „und dann die Eichhörnchen“.

Ein einziges Manko dieses ausgereiften Erzählstils ist, dass die Handlung hinter ihm teilweise nur unscharf und benommen durchscheint und der eigentliche Plot, in dem immerhin auch noch eine Figur spurlos verschwindet, eher hintergründig wird. Das nimmt Böhm jedoch in Kauf, um der über allem schwebenden Warum-Frage und inneren Unruhe des Erzählten auf mehreren Ebenen gerecht werden zu können.

Wo es Schellenmann an Spannung fehlt, springt eine durchdringende Anspannung ein. Philipp Böhms Roman, der sich expressionistisch liest, entromantisiert das Idyll, stellt aber gleichzeitig die Sinnsuche junger Menschen überhaupt in Frage: Wieso löst es so einen starken inneren und äußeren Widerstand aus, sein Glück nicht in Selbstverwirklichung zu suchen, sondern einfach nur zu probieren, sich an dem Ort, an dem man lebt, einzurichten und ein kleines bisschen weniger fremd zu fühlen?

Schellenmann von Philipp Böhm erschien 2019 im Verbrecher Verlag und hat 224 Seiten.

 

 

Jenseits von Eden – Sarah Kuttners Kurt

Blühende Vorgärten, Kaffeegeruch am Morgen, ein Haus im Grünen und ein toter Sohn. Der neue Roman von Sarah Kuttner Kurt beschreibt das eigentlich Unbeschreibliche.


Wie erträgt man es, wenn der sechsjährige Sohn stirbt? Wie geht man mit diesem Schmerz um? Und wie sehr darf man leiden, wie traurig darf man sein, wenn es nicht der eigene Sohn ist? Wenn man nur die Stiefmutter ist, die Mitbewohnerin, die neue Lebensgefährtin des Vaters oder was auch immer? Denn das ist Lena in Sarah Kuttners neuem Roman Kurt. Sie ist die Freundin vom großen Kurt, der seinen Sohn ebenfalls Kurt genannt hat. Und mit dem ist sie gerade erst in ein Haus nach Brandenburg gezogen – irgendwo bei Oranienburg nahe dem Stadtteil Eden. Damit sie beide näher am kleinen Kurt und seiner Mutter Jana wohnen. Sie haben im neuen Haus das Kinderzimmer eingerichtet, Bäume gepflanzt. Der kleine und der große Kurt haben Kieselsäcke in den Garten geschleppt.

Häusliches Unglück

„Und dann fällt Kurt vom Klettergerüst.“ Ein Satz, der sich erst einmal unauffällig einreiht in die Beschreibung der heilen Biedermeier-Vorstadt-Welt und des glücklichen Patchworkfamilien-Idylls. Doch dann wird es dumpf. Ja, es wird dumpf. Anders ist er nicht zu beschreiben – der Ton, in dem das Buch zunächst fortfährt. Lena liest Beerdigungsgesetzestexte und Kurt ist irgendwie nie da. Lässt Lena nicht teilhaben an seinem Schmerz. Lena lässt ihn machen und zieht für ein paar Tage zu ihrer Schwester nach Berlin. Versucht, deren Dachgarten in Schuss zu bringen. Trinkt zu viel. Dabei versteckt die Ich-Erzählerin ihre Fassungslosigkeit über den Tod des kleinen Kurts sowie die Sorge um den großen Kurt hinter flapsiger Ironie und schlagfertigen Sprüchen. Ganz in bekannter Kuttner-Manier. So kommt man nicht umher in der Protagonistin die Autorin zu sehen. Doch diese schafft es in beeindruckender Weise, den Leser٭innen das Gefühl zu geben, etwas zu unterdrücken. Da ist plötzlich irgendwas, das herauswill, aber nicht kann.

Dreck im Idyll

Ja, hier wird ein bekanntes Erzählmittel gewählt: Je glücklicher und bunter das Leben der Protagonist٭innen beschrieben wird, desto härter trifft die Leser٭innen die dramatische Wendung. Doch bei Kurt ist etwas anders: Die Vorstadt-Idylle bleibt und gaukelt vor, alles sei wie immer. Die frisch gepflanzten Bäume im neuen Garten blühen bunt, die Nachbarn grillen an warmen Abenden. Die Protagonist٭innen sind eingesperrt in ein scheinbar friedliches Landleben, das sie nur noch durch einen Schleier betrachten können. Und das auch für die Leser٭innen immer unerträglicher wird. Denn jedes erwähnte Vogelgezwitscher, jeder Sonnenstahl, jeder blühende Baum unterstreicht noch einmal: Es könnte alles gut sein. Warum hat sich der kleine Kurt beim Sturz nicht nur den Arm gebrochen?

Neue Welt

Die Leser٭innen begleiten Lena in ihrer hilflosen Sorge um ihren Freund Kurt und durch ihre Wut auf ihn, dass er seine Gefühle nicht mit ihr teilt. Bis die Protagonistin endlich zu der Erkenntnis kommt, dass auch sie ein Recht darauf hat, so zu trauern, wie es sich für sie richtig anfühlt. Aber die Leser٭innen verfolgen auch eine Beziehung, die erst glücklicher nicht sein könnte in ihrer neu entdeckten Häuslichkeit und plötzlich am Schmerz zu zerbrechen droht. Dabei schafft es Kuttner immer, den richtigen Ton zu treffen, sich jedoch eine gewisse Leichtigkeit in der Sprache zu bewahren. Und mit dieser schiebt sie Lena und den großen Kurt am Ende langsam und ganz vorsichtig zurück ins Leben. Zwar ist es nicht Eden und auch nicht die glückliche Biedermeier-Vorstadt-Welt – beides gibt es ohne den kleinen Kurt nicht mehr. Aber sie entlässt sie in eine Welt, in der sie die Trauer des jeweils anderen verstehen und in der sie sich wiederfinden können. Und endlich kann auch bei den Leser٭innen das heraus, was sich die ganze Lektüre hindurch angestaut hat: Im letzten Kapitel rollen endlich die Tränen.

Kurt von Sarah Kuttner erschien am 13. März im S. Fischer Verlag und hat 240 Seiten.

Elena Ferrante: Frau im Dunkeln

Die Geschichte findet dort statt, wohin man gerne ein Buch mitnimmt: im Urlaub, am Strand, in Italien. Dass die herbeigesehnte Erholung vom Alltag durch das verloren geglaubte Selbst und die Suche danach ins Wanken gebracht werden kann wie ein kenterndes Schiff, davon erzählt Leda.


Nichts ist mehr wie es fünfundzwanzig Jahre lang für Leda war. Nachdem ihre erwachsenen Töchter zu ihrem Vater, Ledas Exmann, nach Toronto gezogen sind, fühlt sich die Universitätsprofessorin sinnentleert. Während sie allein den Sommerurlaub an der ionischen Küste verbringt, wird sie von ihrer Vergangenheit begleitet, die sich wie ein trüber Strudel um die eigentliche Frage dreht, wer sie selbst jetzt ist. Alles, was sie an die Gegenwart bindet, sind die Bücher, die sie zur Vorbereitung zum kommenden Semester mitgenommen hat. Doch eine fremde, junge Mutter und ihre kleine Tochter lassen Ledas durchwachsene Vergangenheit und einsame Gegenwart aufeinanderprallen.

Für ihre Töchter wollte sie immer Gutes, doch durch den jahrelangen Spagat zwischen Ehe, Familie und Beruf fühlt sich Leda zunehmend überfordert und frustriert, wodurch sie schließlich auch Verwerfliches tut. Sie wird sich selbst(bewusst) eine Rabenmutter nennen und möchte sich zugleich von den älteren – und wie sie sagt: stummen, grimmigen – Muttergenerationen abgrenzen. Durch die Begegnung mit der Fremden und ihrer Familie wird sie erneut an die Anforderungen der Mutterschaft sowie an die (un)möglichen Konsequenzen erinnert, die sie selbst erlebt hat. Ihr seit jeher andauernder Kampf um Anerkennung und Erkanntwerden lassen Leda im Dunkeln die Augen verschließen und zugleich auch sehen. Wo beginnt die Grenze zum (Un-)Erträglichen? Wer will sie sein und wer ist sie wirklich?

Elena Ferrante liefert eine spannungsgeladene Geschichte über mütterliche Identität, die sie auf knapp 190 Seiten bannt. Sie zeichnet eine komplexe Protagonistin, die im Netz aus Selbstschuld und Fremdschuld verfangen ist und fluchtartig, aber selbstbestimmt einen Neuanfang sucht.

Elena Ferrantes Frau im Dunkeln erschien im Suhrkamp Verlag und hat 188 Seiten.

Titelbild: © Lennart Colmer

Die Pyramiden von Kanada

In seinem Roman Kanada erzählt Juan Gómes Bárcena die Geschichte eines Auschwitz-Überlebenden, der versucht, ins Leben zurückzufinden. Um dessen Schicksal nachzuempfinden, hält er einen konfrontativen, eindrücklichen Stil bereit, der Schwächen bewusst in Kauf nimmt, um am Ende dann doch in der Magengrube seiner Leser٭innen einzuschlagen.


„Eine Armbanduhr kostet einhundertzwanzig Zigaretten, dreißig Zigaretten kostet eine Brotration, vier Brotrationen kostet es, den Kommandos mit der leichtesten Arbeit zugeteilt zu werden, und du verwaltest du Tarife verschwiegen, brutal, gleichgültig.“

Stell dir vor

Du hast Auschwitz überlebt. Du kehrst zurück nach Hause, findest dort aber kein Leben mehr vor, in das du wieder zurückkehren kannst. Immerhin steht dein Haus noch. Du suchst nach Ruhe und findest Isolation. Du kannst nichts dafür, doch du glaubst es dir nicht. Hättest du anders gehandelt, hättest du selbst nicht überlebt. Du kannst nichts dafür, dass du in „Kanada“, den Affektenlagern des Vernichtungslagers, arbeiten musstest.

Du findest es seltsam, vom Text in der zweiten Person angesprochen zu werden? Ist es auch. Und bleibt es auch dann noch, wenn man einen gesamten Roman lang mit dieser Ansprache konfrontiert wird. Irritierenderweise erinnert diese Erzählform, die Juan Gómes Bárcena für Kanada wählt, an Abenteuer-Jugendromane wie Die Insel der 1000 Gefahren, in denen Leser٭innen ständig aufgefordert werden, Entscheidungen zu treffen und auf eine andere Stelle im Buch zu blättern. Doch am Ende bleibt die Ansprache die einzige Gemeinsamkeit zu diesen Büchern, denn das in Kanada durchlebte Schicksal ist unausweichlich. Die Entscheidungen, die das Leben der angesprochenen Hauptfigur bestimmen, sind längst gefällt. Nun durchlebt sie den Konflikt, mit ihnen, die sie in der Hölle getroffen hat, außerhalb von ihr weiterleben zu müssen.

Die größten Verbrechen hinterlassen keine Spur

„– und wenn sie doch eine Spur hinterlassen, dann ist es eine, die die Henker noch größer macht.“

Dabei hatte diese Hauptfigur eigentlich ein unbescholtenes, ruhiges Leben als Astrophysiker an der Universität geführt. Gerade zu Beginn des Romans versucht sie noch, in diese Gedankenwelt zurückzukehren. Doch der Kosmos, den sie nun bewohnt, wird immer kleiner und es fällt ihr zunehmend schwerer, die Regeln des Universums damit zu verbinden. Sie findet gedanklich keinen Zugang mehr. Immer stärker entfalten sich Gedanken an Krieg, Deportation und Auschwitz, an Vorbilder für die Verbrechen der Nazis. Wie wird man Auschwitz gedenken? Wie wird sich der Millionen Opfer erinnert werden? Die Azteken hatten ja auch unzählige Menschen hingerichtet. Und heute bewundert man ihre Pyramiden, die Opferstellen, als Denkmäler der Baukunst und Monumente menschlicher Größe.

„Die Jahrhunderte werden über das Lager hinweggehen. Das Fleisch seiner Geopferten, dein Fleisch, wird verfaulen, und zurückbleiben wird nur die Absicht, der Glaube, der seine Schöpfer bewegte. Alles steht noch, Öfen, Schienen und Zäune – wie ein lebendes Museum, als wäre die Zeit ein Traum, und du würdest im nächsten Moment daraus erwachen. Auch die Pyramiden von Kanada sind noch da. Tonnenweise Schuhe, Brillen, Haarsträhnen – Touristen einer anderen Zeit werden sie betrachten, sie tun es bereits, fasziniert von der Größe der Henker und der Bedeutungslosigkeit ihrer Opfer.“

Im Reich der Pyramiden

Was die Person in dem Roman nun genau erlebt hat, setzt sich erst spät zusammen. Einen zentralen Wendepunkt hat die Erzählung an einer Stelle, in der der überraschende Anblick einer nackten Frau die Erinnerung an die zahllosen nackten Leichen hervorschießen lässt, die die größten der Pyramiden von Auschwitz bildeten, zwischen denen sie einige Jahre gelebt und Zwangsarbeit verrichtet hat. Den Leser٭innen, wie ihr selbst wird nun endgültig die Unfähigkeit weiterzuleben offenbar. Bilder der Leichenberge und Haufen von den Koffern der Deportierten, persönlichen Gegenständen und Wertsachen, die nach der Befreiung des Lagers vorgefunden wurden, sind heute vielen bekannt. Daran, dass Menschen, nicht nur deutsche Aufseher, auch Inhaftierte, jahrelang einen bizarren Alltag zwischen diesen Pyramiden führen mussten, deren eigene Arbeit aus dem Anhäufen dieser Berge bestand, erinnert Juan Gómes Bárcena in diesem Zusammenhang eindrücklich. Dafür, dass sie die Opfer eines monströsen Verbrechens sind und bleiben, aber sich, alleingelassen mit ihren Gedanken, auch selbst in Schuldgefühlen verlieren, findet er einen beklemmenden Erzählstil.

Unbehagen, Trauma, Nachhall

Dass die Vorgeschichte des Romans sich erst nach und nach zusammensetzt, ist eine Schwäche des Erzählstils, die Gómes Bárcena in Kauf nimmt: Hier wird eine Gefühlswelt nachvollzogen, über die die Leser٭innen beim Lesen die meiste Zeit nur sehr wenig wissen und die sie dennoch ständig auffordert, nachzuvollziehen, wie man selbst sich denn nun fühlen müsste. Das Buch zwingt uns als seinen Leser٭innen eine Rolle auf, über die wir aber lange nur wenige Informationen haben, zunächst bloß, dass wir in unsere Wohnung zurückkehren. Dann erhalten wir immer mehr merkwürdige Information über uns selbst, zum Beispiel, dass wir uns gewünscht hätten, sie wäre im Krieg zerstört worden. Dass der Nachbar die Wohnung, nachdem sie ausgeräumt wurde, mit gefundenen Möbeln neueingerichtet hatte, nehmen wir als weiteren Quell von Unbehagen auf.

In welchem Land die Wohnung sich befindet, warum wir deportiert wurden, welche Erfahrung wir im Konzentrationslager gemacht haben, warum uns nicht zuletzt das Gefühl der Scham umtreibt, setzen wir uns durch kleine Randinformationen zusammen. Den eigentlichen Konflikt während des Lesens nachzuvollziehen, wird dadurch fast unmöglich. Erst auf den letzten Seiten setzt sich alles vollständig zusammen, so als hätten wir es selbst eigentlich schon gewusst und verdrängt – und das ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum der Roman nach dem Lesen noch so lange nachhallt. Nicht nur erzählt Juan Gómez Bárcena in Kanada eine der abermillionen unerzählten und auch in der Erinnerungskultur wenig Gehör findenden Schicksale des Holocaust. Er zeigt einmal mehr die Dimensionen des Verbrechens auf.


Kanada von Juan Gómez Bárcena erschien 2018 im Secession Verlag für Literatur und hat 192 Seiten.

Über, neben und zwischen Komplizen

Ralph Hammerthaler liefert uns mit Unter Komplizen ein vielseitiges, ja kubistisches, Porträt einer gut vernetzten, globalen Künstlerszene – über die er verdächtig gut Bescheid weiß.


Vielen Künstler٭innen wird vor allem in zwei Lebensphasen Aufmerksamkeit geschenkt: zur jungen, progressiven Schaffenszeit, als sie gerade anfangen, einen Unterschied zu machen, und dann wieder, wenn sie tot sind. So dreht sich auch die meiste Literatur über Künstler٭innen entweder um wilde Frühphasen (bspw. Sven Regeners Wiener Straße), in denen nicht wenige denken, ihnen gehört die Welt, oder aber um die großen, bereits verewigten Ikonen – denen wirklich die Welt gehört (wie das Graphic Novel Pablo). Aber was ist eigentlich mit denen dazwischen, also den nicht mehr ganz so jungen nicht mehr ganz so Wilden der Kunstwelt? Taugen die nicht auch für literarische Porträts?

Unter nicht mehr ganz so jungen nicht mehr ganz so Wilden

Genau dieser Frage widmet sich Ralph Hammerthalers jüngst erschienener, fast 500-seitiger Roman Unter Komplizen. Und wird mit seiner Antwort eindeutig der Komplexität dieser Frage gerecht. Denn um zu sehen, ob sie wirklich dafür taugen, muss eine differenzierte Betrachtung her. Und so widmet er sich einer umfassenden Beobachtung einer kleinen, aber global verstreuten Szene befreundeter Künstler٭innen verschiedener Disziplinen sowie einiger Personen aus ihrem Umfeld. Schauen wir mal hinein: Was treiben Künstler٭innen heutzutage denn so, wenn ihnen gerade niemand die große Bühne anbietet? Der eine wohnt vielleicht noch immer im provinziellen Kunstquartier und hangelt von Stipendium zu Stipendium. Der andere finanziert seine Avantgarde-Kompositionen und sein Großstadtleben mit Soundtracks für Spielautomaten. Wieder eine sucht in Russland mit Sex-Performances globale Aufmerksamkeit für die eigene Unterdrückung. Ein Vierter versucht noch immer, Schiller im mexikanischen Theater zu etablieren.

Die Liste, die der Roman anstellt, ist lang und erstaunlich vielseitig. Außer in dem Punkt, dass alle, die auf ihr stehen, sich so etwas wie einen Alltag eingerichtet haben, der hier sehr gut eingefangen wird. In dessen Zentrum steht uneingeschränkt die Kunst, über die sie sich ein Staunen bewahrt haben. Und für deren Platz in ihrem Leben sie doch auch widerstandslos ihren Preis zahlen. Aber der Roman dreht sich nicht bloß um Alltage, sondern erfasst auch die Banalität und Absurdität der Lebenswelten, und lässt uns teilhaben an Kämpfen um Anerkennung und das schiere Überleben, berichtet von Herausforderungen des Schicksals und nicht zuletzt von Ausbrüchen.

Im Komplizen-Milieu

Einiges spricht am Ende dafür, dass die abgebildeten Personen und Schicksale vielleicht gar nicht so weit von der Lebenswelt Ralph Hammerthalers entfernt sein könnten. Zum Beispiel diese verdächtig unaufgeregte Erzählweise, die er der sprunghaften, schauplatzreichen Handlung abgebrüht entgegenstellt. Fast wirkt sie wie ein Understatement auf das Erzählte, oder so, als wäre die Handlung tatsächlich unbeeindruckend. Dabei ist sie im Gegenteil immer wieder für überraschende und dramatische Wendungen gut, die durch die undramatische Erzählweise nur umso besser einschlagen. Viel Potenzial zieht der Roman aus unvermittelten Sprüngen zwischen unzähligen Erzählperspektiven. Vielleicht mögen die betrachteten Biographien nicht ganz so fiktiv sein, wie man erst denken und manchmal hoffen möchte. Aber die unsteten Betrachtungsweisen sind ein wertvolles Stilmittel, besonders dann, wenn sie gerade unscheinbare, aber ertragreiche Außenperspektiven auf unsere Hauptcharaktere richtet.

Unter Komplizen schafft über all seine Kapitel hinweg Raum für ein umfassendes Szeneportrait, das teils weniger Literatur und mehr einer Milieustudie gleicht – aber nur deswegen, weil es so glaubhaft erzählt ist und Hammerthaler unter den unscheinbarsten Perspektiven genau die richtigen findet, um ein klares, glaubhaftes Gesamtbild zu präsentieren. Das ist so vielseitig, dass sogar getrost das offene Ende verraten werden kann. Der Roman findet Worte für den vielleicht kunstvollsten Ausblick, den die Menschheit sich je geschaffen hat, den Panoramablick auf –. Obwohl nein, Enden verrät man nicht.

Unter Komplizen von Ralph Hammerthaler erschien im Verbrecher Verlag und hat 493 Seiten. Es fühlt sich aber kürzer an.

Beitragsbild: © Gregor van Dülmen

Hans Joachim Schädlich – Felix und Felka

Rom, Alassio, Ostende, Brüssel – Stationen der Flucht Felix Nussbaums und Felka Plateks vor den nationalsozialistischen Schergen. In „Felix und Felka“ gewährt uns der Autor Hans Joachim Schädlich intime Einblicke in die Situation des Künstlerpaares.

Von Alexander Boberg


Wer sich das Werk Felix Nussbaums anschaut, der kann sich der Wandlung seiner Bilder von fröhlich wirkenden Gemälden hin zu verzweifelten und düsteren im Zuge der Jahre der Verfolgung nicht entziehen. Zunächst werden am Anfang der nazistischen Herrschaft in Deutschland noch die Einsamkeit und der Ausschluss aus der Gesellschaft thematisiert, so ändert sich dies und der schwarze Schatten der Verfolgung und der antisemitischen Barbarei legt sich langsam auf seine Gemälden, Gouachen und Zeichnungen. Mauern als Sinnbild der Einschränkung, Verfremdungen, die seinen Ausstoß aus der Gesellschaft zeigen und immer wieder die Hoffnung des Überlebens, dargestellt in Szenen des Alltags, durchziehen sein Werk.

Ein unbeugsamer Wille zur Freiheit und zum Durchhalten trotz der Widrigkeiten. Je weiter die Jahre voranschreiten, desto düsterer und verzweifelter äußert sich sein Leben in seinen Bildern. (Auf dieser Website lässt sich ein großer Teil der auch in der Novelle erwähnten Bilder, Goauchen und Zeichnungen ansehen.) Sein Gesamtwerk lässt sich nur schwer in die glatt polierte Oberfläche der Erinnerungskultur an den Nationalsozialismus in Deutschland einordnen, in der sich auch der Roman „Felix und Felka“ von Hans Joachim Schädlich wiederfindet.

Das Zeitalter der Zeitzeugen geht allmählich dem Ende entgegen, ihre schriftlichen, mündlichen und bildlichen Zeugnisse sind gelesen und werden langsam durch popkulturelle Produkte an den Rand gedrängt. Die Erinnerung wird der ersten und zweiten Nachkriegsgeneration überlassen. In dieser Situation erscheint nun „Felix und Felka“, das mir buchstäblich in die Hände fiel. Hans Joachim Schädlich beschreibt darin die Odyssee des Künstlerpaares Felka Platek und Felix Nussbaum durch Europa zwischen den Jahren 1933 und 1944. Dabei beschreibt er das Leben im Exil in schlichten Sätzen. Durch diese Momentbilder sollen die materiellen und existenziellen Ängste bewusst gemacht werden, wie es auf dem Buchrücken heißt. Darüber hinaus wird im Klappentext der Autor als Meister der Reduktion gerühmt und hervorgehoben, dass er das Künstlerpaar in ihrem privaten Umfeld zeige, woraus die Geschichte ihre Kraft ziehe.

Verstellter Blick und gelungene Form

Die Novelle nimmt den Leser in kurzen Episoden in das Privatleben eines durch Flucht und Verzweiflung geprägten Paares mit. Angedeutet wird dieser Bezug auf das Privatleben schon durch den Titel, der bloß die Vornamen nennt. Problematisch ist diese suggerierte Nähe und Vertrautheit, die einerseits die Situation der beiden Protagonisten darstellen will und den Versuch einer Normalität in der Flucht beschreiben möchte. Die angestrebte „Normalität“ einer Beziehung unter den Umständen der Flucht wird in der Darstellung der Beziehung zwischen Felka Platek und der Mutter Felix Nussbaums deutlich.

Andererseits ist der Fokus zu sehr auf die private Konversation des Paares beschränkt. Die Formgestaltung der Novelle, mittels Reduktion Ausschnitte des Lebens zu zeigen, verliert hierbei ihre Kraft, Lücken in die eigene Vorstellung zu reißen und über die Situation der Verfolgung nachzudenken. Die bedrückende Stimmung, die sich so unheilvoll in Nussbaums gemalten Bildern ankündigt, wurde leider nicht in Schriftform übersetzt. Auch die Zitierung verschiedener Briefe Nussbaums, die dessen Gedanken darlegen, helfen nicht über den Eindruck hinweg, dass sich der Autor zu eng an sein Objekt anschmiegt.

Die Form des Romans kann dagegen als gelungen bezeichnet werden, trotz der oben genannten Einschränkung. Momentaufnahmen verkürzen sich zu immer schneller werdenden Schlaglichtern. Der allmählich kürzer werdende Zeitraum neuer Akte antisemitischer Politik bis hin zur Kulmination in der Shoah folgt auch die literarische und zeitliche Form des Romans, wodurch sich die Geschwindigkeit des Lesen demgemäß einstellt und immer hastiger die Sätze, Absätze und Seiten verschlingt. Gegen Ende des Buches, welches in einem stakkatohaften Traum Nussbaums gipfelt, verschaffen einzig die Briefe von Irene Awret eine Atempause. Der Traum lässt den Minimalismus der Beschreibung voll zur Geltung kommen.

Beide Momente der Novelle bilden eine Einheit, die Schwierigkeit des emotionalen Hineindenkens in das Paar und der Versuch der Überwindung dieser Unmöglichkeit durch die Formgestaltung. Obgleich die Briefe dem Autor ermöglichen, eine gewisse Authentizität zu wahren, vermindert sich dieser Eindruck in der Rückschau des Buches. Die erfundene Konversation des Paares nimmt dem Werk ihren unbequemen Charakter und lässt es als Fiktion erscheinen. Die Reduktion ist besonders in diesem Punkt nicht weit genug getrieben worden. Die Geschichte der Exilierten wirkt durch die fiktiven Elemente nicht im Bewusstsein des Lesers nach.

Felix und Felka von Hans Joachim Schädlich erschien vor ein paar Wochen im Rowohlt Verlag und hat 208 Seiten.


Alexander Boberg verschlug es durch sein Studium vom kleinen Osnabrück ins beschauliche Leipzig. Neben seiner Leidenschaft für Literatur und Philosophie arbeitet er im Verlagswesen. Zu seinen Hobbys gehört das Testen verschiedener Sportarten, wie Wandern oder BJJ.

 

Beitragsbild: Felix Nussbaum – Selbstportrait mit Felka Platek / Wikimedia Commons

 

Der tragikomische Kampf ums Überleben

Floß der Medusa

Unzählige bloße Nacherzählungen historischer und natürlicher Katastrophen definieren viele Kunstwerke jeder Art. Zunächst könnte man meinen, bei Das Floß der Medusa. Roman nach einer wahren Begebenheit des österreichischen Schriftstellers Franzobel handle es sich um einen solchen historischen Roman, der sich meist durch Einfallslosigkeit und wenig literarische Leistung definiert. Doch weit gefehlt: Franzobel macht aus dem Schiffbruch der Medusa im Jahr 1816 vor der Küste Mauretaniens ein tragikomisches Meisterwerk über den Mensch im Ausnahmezustand.


Die Medusa war im Juni 1816 mit vier anderen Schiffen im restaurierten Frankreich ausgelaufen, um Soldaten, Beamte und Siedler in die Kolonie Senegal zu bringen. Durch die Navigationsfehler und die Passivität des inkompetenten Kapitäns strandete das Schiff aber am 2. Juli auf der Arguin-Sandbank vor der afrikanischen Küste. Da es, ähnlich wie auf der Titanic etwa 100 Jahre später auch, zu wenig Rettungsboote gab, flüchtete die Elite auf die Boote. Die übrigen 147 Menschen bauten sich aus dem Schiff ein viel zu kleines Floß, um mit viel zu wenig Proviant die Küste zu erreichen. Damit begann ein brutaler Kampf ums Überleben, den nur 15 überleben würden.

Franzobel, der mit bürgerlichen Namen Franz Stefan Griebl heißt, macht aus diesem historischen Fall eine Allegorie des Überlebens. Dazu setzt er jedoch nicht erst bei der Strandung der Medusa an, sondern mit dem Ankommen von Besatzung und Passagieren am Schiff. Schon hier bietet sich ein bizarres, oft groteskes Bild der vermeintlich zivilisierten postnapoleonischen Gesellschaft. Es herrschen krasse Klassenstrukturen und ständiges Misstrauen vor. Es treffen sich allerlei ungleiche Protagonisten, die stets gegeneinander opponieren, vom führungsschwachen Kapitän, über Intriganten und Putschisten, Monarchisten mit Guillotine-Fetisch, versteckte Jakobiner, leichenfleddernde Schiffsärzte, nervige Matronen mit ebenso nervigen Kindern von hoffnungslosen Kaufmännern, abenteuerlustige und naive Idealisten bis hin zu sexuell dauerregten Jungfern und brutalen Matrosen. Diese aufgeklärte Gesellschaft offenbart ihr wahres Gesicht, der Lust am blutigen Spektakel und der Brutalität zur Zementierung der Hierarchien schon von Anfang an. Dies demonstriert Franzobel en détail an diabolischen Köchen, die ihre Untergebenen schinden, ekligen Initiationsritualen, von der die Gorch Fock nur träumen kann, und drakonischen Strafen, die tödlich enden. Die erste Hälfte des Romans beschäftigt sich alleine mit dieser Gesellschaft, bis Katastrophe und Wendepunkt in eins fallen.

Monstrositäten und Bewusstseinsströme

Die pure Brutalität und das Recht des Stärkeren, die schließlich auf dem Rettungsfloß herrschen werden, wenn die letzten Grenzen des Schams, des Gewissens und des royalen Rechts fallen, ist nur eine Steigerung der sozialen Erscheinungen, denen der Leser von Anfang an auf der Medusa folgte. Damit wird Franzobels Roman zu einem epochalen Kunstwerk über die Abgründe des Menschen und dem Schein der Zivilisation, wenn es um den Kampf um Ressourcen und das Überleben geht. Der Ausnahmezustand macht nur deutlicher, was dem vergesellschafteten Mensch schon inhärent ist – nämlich das Huldigen eines Gottes des Gemetzels, wie es im gleichnamigen Theaterstück von Yasmina Reza heißt.

Das Floß der Medusa ist schon durch die detaillierten Schilderungen der Rücksichtslosigkeit und Brutalität kein Buch für sanfte Gemüter. Doch Franzobel suhlt sich nicht, wie manch anderer, in monströsen Szenen, sondern verfremdet sie. Er fabuliert breit und kombiniert verschiedene Stile in wilder Manier. Die blanke Gewalt des nackten Lebens wechselt sich ununterbrochen mit surrealen Alpträumen, dem beißenden Sarkasmus eines allwissenden Erzählers, den traumatischen Perspektiven und der Angst vieler Täter und Opfer, Rachegeistern und irren Bewusstseinsströmen ab.

Genau das verleiht dem Roman seine literarische Tiefe, sein Fieber, seine tragikomischen Verfremdungsmomente. Das führt dazu, dass es sich hierbei um keinen historischen Roman, sondern ein Epos mit anthropologischen Prämissen über den Menschen in Not handelt. An diesem Meisterwerk ist dabei zusätzlich erstaunlich, dass es sich um ein literarisch komplexes Mischwerk handelt, das dennoch – oder eher gerade deswegen – einen gut zugänglichen philosophischen Lesegenuss bietet.

Titelbild: Das Floß der Medusa (Théodore Géricault)

Franzobel: Das Floß der Medusa

Erscheinungsdatum: 30.01.2017

592 Seiten

Zsolnay

26€

ISBN 978-3-552-05816-3