Schlagwort: Roman

Die unstillbare Sehnsucht nach der Ferne

„Allerorten“, der Titel von Sylvain Prudhommes Roman, der im französischen Original „Par les routes“ lautet, ist ein veralteter, aber dafür umso schönerer Ausdruck für das Adverb „überall“. Und tatsächlich bewegt sich einer der Protagonisten dieses leichten und lebensbejahenden Romans überall in Frankreich. Es handelt sich um den Anhalter, der trampend durch das ganz Land reist.


Doch von vorn: Der Schriftsteller und Ich-Erzähler des Textes Sacha hat das großstädtische Lebens in der französischen Hauptstadt satt und zieht daher von Paris in die kleine Stadt V. in der Provence um. Von V. erfahren die Leserinnen und Leser nicht viel mehr als den ersten Buchstaben. In dem Ort wohnt zufällig auch der Anhalter, mit dem Sacha 17 Jahre zuvor während des Studiums in Paris bereits befreundet war, ehe die beiden sich zerstritten und daraufhin getrennte Wege gingen.

Als die beiden ehemaligen Freunde sich in dem kleinen Ort nach fast zwei Jahrzehnten wieder begegnen, verstehen sie sich besser denn je. Was genau sie damals auseinander getrieben hat, kommt in dem Text nie zur Sprache, sodass man sich während des gesamten Romans immer wieder die spannende Frage stellt: Warum verstanden sich die zwei Freunde nicht mehr? Man erfährt bloß, dass der Anhalter die Geduld Sachas vor 20 Jahren schon einmal überstrapaziert hat. Außerdem hat es wohl damals eine Rivalität zwischen ihnen gegeben.

Der Anhalter hat seit der letzten Begegnung eine Familie gegründet, die aus seiner Frau Marie und einem Sohn im Schulalter, Agustín, besteht, während Sacha alleinstehend und kinderlos geblieben ist. Der Anhalter und Marie kommen über die Runden, indem er selbständig handwerkliche Aufträge fast jeder Art – Maurerarbeiten, Fliesenlegen, Bäder, Küchen – ausführt und Gelegenheitsjobs annimmt, und indem sie belletristische Bücher wie einen Romantext von Lodoli aus dem Italienischen übersetzt.

Überraschend ist nicht nur der Kontrast aus handwerklicher und intellektueller Tätigkeit. Auch sonst sind die Lebensentwürfe von Marie und dem Anhalter von Gegensätzen geprägt, was der Liebe bislang keinen Abbruch tut. Während Marie sich um ihre Arbeit und den gemeinsamen Sohn kümmert, zieht es den 40-jährigen immer wieder in die Ferne. Dann bereist er für längere Zeiträume per Anhalter ganz Frankreich.

„Ich brauche das, sagte er schließlich. So einfach ist das, glaube ich. Ich brauche es. Es gibt Leute, die müssen Sport machen. Es gibt Leute, die trinken, die feiern gehen. Und ich brauche es loszuziehen. Das ist für mein inneres Gleichgewicht notwendig. Wenn ich zu lange nicht losziehe, ersticke ich.“

Dabei fährt er anfangs nur über die Autobahnen des Landes, von einer Raststätte zur anderen trampend. Ob er an einem bestimmten Reiseziel ankommt, sei es Paris, Lille oder Brest, ist ihm dabei relativ egal. Es geht ihm vor allem um die Fahrt an sich, den Spaß am Reiseerlebnis.

Bei einem ist sich Sacha sicher: Der Anhalter flieht nicht vor seiner Familie und der Verantwortung. Denn „(e)r war keiner von den Männern, die ersticken, die es drängt, endlich den Ausbruch zu wagen (…).“ Vielmehr hat er das ständig Bedürfnis, anderen zu begegnen, Bekanntschaften und Freundschaften mit neuen Fahrerinnen und Fahrern zu machen. Für den Anhalter ist es nämlich ausnahmslos eine Freude, neue Menschen kennenzulernen.

„Ich bin in meinem Leben wenigen Menschen begegnet, für die andere nie lästig, ermüdend, langweilig sind. Sondern immer eine Chance. Ein Fest. Die Möglichkeit eines Mehrs an Leben. Der Anhalter gehörte dazu.“

Bei einem Abendessen erzählt der Schriftsteller Sacha von seinem neuen Buchprojekt, welches ebenfalls vom Reisen handelt und den Titel „Die Melancholie der großen Schiffe“ trägt: Es ist die Geschichte einer alten Dame, „die auf Reisen geht, von Stadt zu Stadt, von Begegnung zu Begegnung.“ Da die Dame sich bereits im Ruhestand befindet und keinerlei Verpflichtungen mehr hat, kann sie überallhin reisen, wo sie möchte. Sie reist in dem Buch zu verschiedenen Orten zugleich, „in ein und derselben absoluten Gegenwart“.

Auch der Anhalter hält seine Reiseerlebnisse fest, allerdings fotographisch: Von jeder Fahrerin und jedem Fahrer, der ihn ein Stück weit mitnimmt, egal ob weit oder kurz, macht er mit einer Polaroidkamera eine Aufnahme. Seine Sammlung umfasst Hunderte von Bildern, die er in einer Schublade in seiner heimischen Werkstatt sammelt. Als Sacha etwas später im Roman die Fotos durchzählt, sind es bereits weit über tausend Fotos. An viele der Fahrerinnen und Fahrer kann der Anhalter sich noch erinnern.

Später ändert der Anhalter seine Reisemethode: Er verlässt nun die Autobahnen die Autobahnen, um stattdessen von einem entlegenen Dorf zum nächsten zu reisen. Die Dörfer, in die er sich begibt, sucht er anhand ihrer Namen aus. Es handelt sich überraschend oft um Dörfer mit sprechenden Ortsnamen, zum Beispiel „Beausoleil“ (schöne Sonne), „Le Rendez-vous des chasseurs“ (Jägertreff), „La Réunion“ (Treffen), „Ogres“ (Menschenfresser), „Doux“ (Sanft). An der belgischen Grenze bereist er Dörfer, deren Name mit einem Z beginnt, etwa Zuytpeene, die „letzte Stadt im Alphabet“, oder Zydcooote, Zutkerque, Zoteux, Zouafques.

Um die Verbindung zu Sacha, Marie und Agustín nicht ganz abbrechen zu lassen, sendet er den dreien Ansichtskarten aus jeder neuen Stadt, in die er kommt. An festen Tagen und zu festen Zeiten – montagmorgens und donnerstagabends – ruft der Anhalter außerdem zuhause an, während er unterwegs ist.

Doch wie die Ansichtskarten mit der Zeit immer seltener eintrudeln, so machen sich auch die Besuche des Anhalters zuhause in V. immer rarer. Dauerten seine Touren anfangs in der Regel nur drei, vier Tage dauerten, bleibt er nach Sachas Ankunft in V. ein, zwei Wochen weg. Marie hat es irgendwann über, dass ihr Mann ständig auf Achse ist, wie der Anhalter seinem Freund an der Autobahnraststätte Lançon gesteht.

„Ich habe sie gefragt, ob ich ihr fehle, sie hat Nein geantwortet. Sie hat mir ins Gesicht geschaut und die Wahrheit gesagt: dass ich ihr immer weniger fehle. Sie sei traurig (…). Nicht weil ich losziehe. Nicht weil ich nicht da bin. Sondern traurig, weil sie sich daran gewöhnte. Traurig zu spüren, dass meine Abwesenheiten ihr fast nichts mehr ausmachen.“

Der Anhalter merkt, dass er durch seine vielen Reisen dabei ist, seine Beziehung zu Marie zu zerstören, die ihm offen gesteht, dass sie Sacha mag. Marie ist zunehmend traurig, wenn die Postkarten vom Anhalter ankommen, während zu Beginn ihre Freude, Traurigkeit und Unmut ausgewogen waren.

Und tatsächlich: Während der Abwesenheit des Anhalters kommen sich Sacha und Marie näher. Sie verbringen zunächst immer mehr Zeit miteinander. Sacha kümmert sich manchmal um Agustín, indem er ihn von der Schule abholt oder danach auf ihn aufpasst, um Marie zu entlasten.

Die Liebesbeziehung zwischen Marie und Sacha, die zu Beginn keine ist, keine sein darf, beginnt mit vorsichtigen Annäherungen, ausgetauschten Küssen, einem ersten Anschmiegen, Umarmungen. Dann geht Marie demonstrativ wieder auf Distanz, weil sie ihren Mann nicht betrügen möchte. Diese emotionale und intellektuelle Bewegung zwischen intuitiver Annäherung, lustvollem körperlichen Kennenlernen und Abstoßung aus rationalen Gründen ist vom Autor sehr fein beobachtet und hervorragend geschildert.

Eine ménage à trois beginnt, bei der einer der Beteiligten nur aus der Ferne zusehen kann, da er fast nie anwesend ist. Und dennoch wird man bei der Lektüre das Gefühl nicht los, dass der Anhalter von Beginn an, womöglich schon bei den ersten Aufeinandertreffen der drei, ein sehr gutes Gespür dafür hat, dass zwischen seiner Frau und dem Neuankömmling Sacha etwas Ernsteres entstehen könnte. Statt gegen diese langsam vonstatten gehende Entwicklung vorzugehen oder Zeichen von Eifersucht an den Tag zu legen, lässt er den Dinge einfach ihren Lauf. Hier wird die wahrhafte Tramperseele offenbar.

Vielleicht ist die zunehmende Nähe zwischen Marie und Sacha einer der Gründe dafür, dass der Anhalter die drei Zuhausegebliebenen nun für immer längere Zeiträume allein in V. lässt. Die beiden fahren auf einen Vorschlag Sachas hin mit Agustín und einem Freund Agustíns ans Meer.

Als kurz nach dem idyllischen Ausflug ans Meer der Anhalter aus der Normandie anruft, wird Sacha kurzzeitig von dem paranoiden Gedanken beherrscht, dass der Anhalter in Wahrheit gar nicht verreise, sondern heimlich ihr Leben in V. beobachte. Eine Nacht lang kurvt er auf der Suche nach ihm mit dem Auto durch die dunklen Straßen der kleinen Stadt, jedoch ohne fündig zu werden, weshalb er die quälenden Gedanken am Ende verwirft.

Marie sagt nun, dass sie nicht mehr könne – die vielen Reisen des Anhalters werden ihr zu viel. Während Marie, die auf einmal den Impuls hat wegzufahren, für einige Tage verreist, kümmert sich Sacha um Agustín und hütet das Haus. Er fühlt sich dabei wie ein Kuckuck, der sich in ein fremdes, gemachtes Nest setzt – „mit dem Unterschied, dass ich kein Ei in ein fremdes Nest lege, im Gegenteil, ich beschütze die Brut, die schon da ist, ich kümmere mich darum, ich verhalte mich wie eine echte Mutter“.

Als Marie nach zehn Tagen zurückkehrt, wird sie von Agustín mit großer Freude empfangen und berichtet Sacha, was sie erlebt hat. Zunächst hat sie für drei, vier Tage ihren ehemaligen Studienkollegen und Geliebten Jean besucht, der mittlerweile, von seiner Frau getrennt, einen kleinen Verlag führt.

„Was ich nach drei Tagen mit Jean vor allem gesehen habe, war, dass der Anhalter mir weiter fehlte. ist ich mich in jedem Augenblick fragte, wo er war, was er machte.“

Am Morgen des vierten Tages ist sie ins Auto gestiegen, um nach Norden zu fahren, wo sich nach ihren Kenntnissen der Anhalter in diesem Moment aufhielt, der eine Karte aus den Orten gesendet hatte, die mit Z beginnen. Sie erreicht die Dörfer, die mit Z beginnen und irrt den ganzen Tag mit dem Wagen umher. Sie nimmt sich ein Motel und verbringt mehrere Tage im Norden, um ihren Mann zu suchen, im Bewusstsein, dass ihr Vorhaben eigentlich völlig verrückt ist. Nach vier Tagen passiert das Unwahrscheinliche: Sie findet den Anhalter an einer vierspurigen Straße am Ausgang von Dunkerque.

Nachts nehmen sie sich ein Hotel. An der Rezeption ereignet sich der Moment, der für beide den entscheidenden Wendepunkt in ihrer Beziehung markiert. Der Anhalter verlangt vom Rezeptionisten ein Zimmer für beide. Marie korrigiert ihn, indem sie um ein zweites Zimmer für sich selbst bittet. Am nächsten Morgen fährt Marie wieder nach Hause, wobei sie sich plötzlich immer sicherer und selbstbewusster fühlt.

Von nun ist Sacha immer öfter bei Marie und Agustín zu Besuch und übernachtet sogar. Die drei Zuhausegebliebenen gehen gemeinsam wandern, arbeiten im Gemüsegarten, Marie spielt Klavier und beendet ihre Übersetzung. Sie verbringen einige Tage des Nichtstuns. Das Fortsein des Anhalters wird immer mehr zu einer Tatsache. Zwischen den vier hat sich ein Gleichgewicht eingespielt, das keiner mehr infrage stellt. Das Zusammenleben mit Sacha ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Nachdem Agustín ein Bild von unterirdischen Gängen und dem Krieg gemalt hat, das Sacha an Les Éparges erinnert, fährt der Anhalter dorthin. Daraufhin ersinnen die vier ein Spiel: Sacha, Agustín und Marie diktieren dem Anhalter per Telefon, an welchen Ort er als nächstes reisen soll. Dieser nimmt die Herausforderung an. Währenddessen werden die Postsendungen weniger und bleiben schließlich ganz aus.

Eines Tages im Mai steht der Anhalter vor der Tür, um Sacha abzuholen. Er möchte ihn für zwei, drei Tage auf eine Reise in den Weiler Orion mitnehmen, der auf halbem Weg zwischen Pau und Bayonne liegt. Nur sie beide sollen noch einmal per Anhalter verreisen, wie früher. Gegen Ende des Buches erlebt man das Trampen und das damit einhergehende Lebensgefühl also aus nächster Nähe. Eine schöne Reiseepisode, die „eine vertraute Anspannung“, nämlich das Reisefieber, die „Freude, wieder auf Achse zu sein“ vermittelt.

Nach einem Tag Fahrt kommt Sacha in Orion an. Der Anhalter ist bereits vor Ort, wo er am Fuß eines Wasserturms sitzt, der in dem kleinen Ort kaum zu übersehen ist. Während der Anhalter mit neun Fahrten in das Städtchen gekommen ist, hat Sacha nur fünf gebraucht.

„Das sagte viel über uns aus. Der Vorausschauende, Abwägende, Vorsichtige, auf Effizienz Bedachte. Und der Abenteurer, bereit, jede sich bietende Gelegenheit zu ergreifen (…).“

Sie ruhen sich aus, bauen ihre Zelte neben dem Wasserturm auf und baden im Bach in der Nähe. Daraufhin lernen sie eine Frau aus dem Ort kennen, Souad, die sie abends zu sich nach Hause einlädt, wo sie ihnen ein Abendessen und eine Dusche anbietet. Der literarisch und mythologisch gebildete Sacha erzählt Souad und ihrer Tochter Lila die Geschichte, wie der riesenhafte Jäger Orion zu einem Sternbild wurde. Denn nach Orion kamen die beiden Freunde, wie sie berichten, nur deshalb, weil das Dorf den Namen eines Sternbilds trägt.

Schließlich müssen die Freunde wieder nach draußen, um in ihren Zelten die Nacht zu verbringen. Am nächsten Morgen dann die große Überraschung: Der Anhalter ist weg, abgereist, verschwunden mitsamt seinem Zelt. Sacha sucht im Dorf nach ihm, doch vergebens.

„Ich dachte an all die Momente, die wir in den letzten Monaten zusammen verbracht hatten. An die unerwartete Freude, die es mir bereitet hatte, ihn wiederzusehen. Ich dachte an die Worte zurück, die ich vor langer Zeit zu ihm gesagt hatte: Ich will, dass du aus meinem Leben verschwindest. (…) Ich wünschte mir auf einmal, er wäre wieder da.“

Nachdem Sacha nach V. zurückgekehrt ist, zieht er endgültig bei Marie und Agustín ein. Er widmet sich wieder seiner künstlerischen Arbeit. Marie gibt ihre Übersetzung ab. Im Juni machen Marie und Sacha Urlaub in Rom und Marseille, während Maries Mutter sich um Agustín sorgt. In Marseille legen sie während der Rückreise einen spontanen mehrtägigen Halt ein, obwohl sie dort eigentlich nur hätten umsteigen müssen. Marie, Agustín und Sacha ziehen daraufhin öfter los, etwa zu der Dune du Pilat. Der Anhalter bleibt ab dem Sommer verschwunden.

Dann erreicht sie im August überraschend eine Mail vom Anhalter, mit der er Hunderte seiner Fahrerinnen und Fahrer zu einem gemeinsamen Fest einlädt. Die Empfänger sollen einfach am nächsten Wochenende in das Dorf Camarade in Ariège kommen und etwas zu essen und zu trinken mitbringen.

Tatsächlich folgen Hunderte von Menschen dem Aufruf, „Menschen jeden Alters, jeden Milieus, jeden Stils. Männer. Frauen. Kinder. Sichtlich Reiche. Sichtlich Bescheidene.“ Nur der Anhalter kommt nicht. Er hat Freude daran, seine Fahrerinnen und Fahrer aus der Ferne zusammenzubringen, ohne selbst an dem ungewöhnlichen Fest teilzunehmen. Er möchte nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, nimmt Sacha an.

Die Feier wird ein Erfolg: Die Leute freuen sich, verblüfft über sich selbst, dass sie der spontanen Einladung gefolgt sind. Sie unterhalten sich miteinander, grillen, baden, spielen, singen. Der Roman schließt also auf eine sehr festliche und fröhliche Weise. Nur der Anhalter bleibt verschwunden. Das Konstante an ihm ist, dass er sich immer wieder entzieht, indem er sich in die Ferne begibt, die auch bei den Lesern im Lauf der Lektüre die Sehnsucht nach einer Reise weckt.

„Allerorten“ ist Werk über die Lust am Reisen, das Abfahren und Ankommen, das Sich-Entfernen und das Zurückkehren. Mal sprüht die Erzählung vor Energie, mal gibt sie sich den leiseren Tönen hin. Eigentlich wäre das Buch die perfekte Urlaubslektüre. Denn der Roman entführt die Leserinnen und Leser in die mehr oder weniger entlegenen Orte Frankreichs, in die Provence, die Normandie, die Bretagne, in Dörfer mit Namen, die man noch nie gehört hat, und an Orte, die man wahrscheinlich nie im Leben sehen wird.

Das Buch bezaubert durch eine gewisse Leichtigkeit, es hat etwas Entspanntes, Lockeres, das das Urlaubsgefühl in den heimischen Lesesessel bringt. In Zeiten, wo das Verreisen aufgrund des Coronavirus nicht möglich ist, kann ein solcher Text wenigstens eine kompensatorische Leistung übernehmen.

Darüber hinaus ist der Text hochgradig intertextuell: Er steckt voller Anspielungen auf andere musikalische wie auch literarische Werke. Der belesene Sacha nennt uns immer wieder Autorinnen und Autoren, auf die er sich bezieht und die für ihn Bedeutung haben, etwa Gustave Flaubert, Lobo Antunes, Claude Simon, Giani Stuparich, oder gegen Ende den Musiker Leonhard Cohen. Auch Marie ist literarisch gebildet: Sie liest Jim Harrison, Susan Sontag, Luca Sau, Antonio Moresco und Marco Lodoli.

Das Buch „Allerorten“ ist somit auch eine Ode an das Leben als Künstlerin oder Künstler, Schriftstellerin oder Schriftsteller und Übersetzerin oder Übersetzer. In dem Roman wird viel mehr als in anderen Büchern gelesen und über das Schreiben und Lesen nachgedacht.

Über Monate arbeitet Sacha in V. an seinem Projekt „Die Melancholie der großen Schiffe“, bei welchem er Leinwände mit safrangelber Farbe bemalt. Immer wieder sitzt er vor seinem begonnenen Word-Dokument. Ganz nebenbei wohnt man so in dem Roman der mit Scheitern und Schwierigkeiten verbundenen Arbeit des Künstlers bei.

Auch eine sehr bildhafte und anschauliche Würdigung der Übersetzkunst mittels einer militärischen Allegorie, vorgebracht von der Übersetzerin Marie selbst, enthält der Text:

„Sie verglich die Wörter mit alten Soldaten, die seit Jahrhunderten im Dienst der Sprache stehen. Sie sagte, sie gelangten nicht neu zu uns, sie hätten schon in vielen Schlachten gedient. Ein Wort statt eines anderen zu wählen bedeute, einen Veteranen mit seiner gesamten Geschichte, seinem gesamten Gedächtnis in sein Buch aufzunehmen, da dürfe man sich nicht vertun, sonst laufe die ganze Truppe der bisher gewählten Wörter Gefahr, ihre Einheit zu verlieren.“

Als Sacha etwa in der Mitte des Textes in der von Marie angefertigten Lodoli-Übersetzung liest, findet er Gefallen an dem titelgebenden Ausdruck „allerorten“:

„Maries Übersetzung war voller Trouvaillen, die mich begeisterten, zum Beispiel die Stelle, wo der Gärtner zum ersten Mal allein im Garten ist und beschließt, die Pflanzen zu gießen, „weil die Sonne sich neigte und Constantino wusste, dies war allerorten die Stunde, um die man die Gärten goss“. Ich liebte diesen Ausdruck, allerorten.“

Es fällt immer wieder auf, dass Prudhomme eine eigentümliche Interpunktion benutzt, was den Lesefluss bisweilen etwas unterbricht. Er setzt nach Fragesätzen kein Fragezeichen, sondern einen Punkt. Bei manchen Aufzählungen werden die Elemente der Aufzählung nicht durch Kommata abgetrennt, sondern stehen lose nebeneinander. Hat man sich einmal an diese Zeichensetzung gewöhnt, die auch aus seinen vorherigen Romanen „Legenden“ und „Ein Lied für Dulce“ schon bekannt sein könnte, liest sich der Text sehr flüssig.

Insgesamt erhält man mit „Allerorten“ einen Kunst-, Beziehungs- und Reiseroman, der voller Lebensfreude und -bejahung steckt. Die sich ergebende ménage à trois zwischen Sacha, Marie und dem meist abwesenden Anhalter und die Reisen des Anhalters treiben die Handlung des Romans voran, die voller Überraschungen steckt – Ausflüge, eine plötzliche Rückkehr, die abschließende Feier. So wird es in diesem Text nie langweilig, obwohl im Grunde nicht viel passiert und sich die Dinge eher langsam entwickeln. Das liest sich schön, spannend und erfrischend.

„Par les routes“ wurde 2019 in Frankreich mit dem Prix Fémina ausgezeichnet.


Allerorten von Sylvain Prudhomme erschien in der Übersetzung Claudia Kalscheuers am 14. September 2020 im Unionsverlag und hat 256 Seiten. Alle Zitate stammen aus dem Buch.

Titelbild: © Unionsverlag 

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Daniela Krien: Muldental

In Muldental erzählt Daniela Krien elf Geschichten, die sich im Kern mit der Frage „Schicksal oder Schuld?“ befassen und im weitesten Sinne mit der Vereinigung zwischen Ost- und Westdeutschland zusammenhängen. Der Roman lässt erahnen, dass unter die Oberfläche blicken noch nicht bedeutet, auch in die Tiefe zu schauen.


Die auf dem Cover von Muldental abgebildete junge Frau in Schwarz, die vor einem dämmergrauen Hintergrund in die Ferne schaut, scheint zum Verwechseln ähnlich mit dem bekannten Gemälde Lucas Cranachs des Älteren, das Martin Luther zeigt. Auch wenn Welten zwischen ihnen liegen, stehen beide im Zeichen des Umbruchs. In elf Kapiteln lässt Daniela Krien verschiedene Protagonisten sprechen. Würde man ihr Konzept auf eine simple Gleichung herunterbrechen, würde es „Eine Portion Realität, eine Portion Fiktion“ lauten.

Die Autorin wahrt Distanz zu ihren Protagonisten, indem sie als Außenstehende über sie schreibt. Dennoch zeichnet sie auf lakonische, doch unter die Haut gehende Weise ihre jeweiligen Innenwelten nach. Es bedrückt, da jede in irgendeiner Form isoliert erscheint und sich um eine mehr oder minder starke Verzweiflung dreht. Doch sind viele dieser Welten auch irgendwie miteinander verknüpft – in der Vergangenheit, im Jetzt oder in beidem. Muldental ist der Ort, der die Geschichten in sich versammelt wie eine Senke, die sich bei Regen stets mit Wasser füllt.

Zwar macht Krien es einem leicht, in die Realitäten der jeweiligen Protagonisten einzutauchen. Doch sind die Erzählungen alles andere als einfach einzuordnen. Der Subtext von Muldental vermittelt uns deutlich, wie wir einerseits leicht verleitet werden, uns ein Urteil über das Denken und Handeln anderer zu bilden und wie es uns andererseits herausfordert, einfach zuzuhören und zu versuchen zu verstehen. Oft ist es nämlich diese Auseinandersetzung, worauf es zuerst und vor allem ankommt.

Beitragsbild: © Lennart Colmer

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Die Klassenfrage kehrt zurück in die Literatur

Spätestens seit Anke Stellings Roman Schäfchen im Trockenen ist es in der deutschen Literaturszene wieder legitim, sozioökonomische und -kulturelle Selbstreflexionen zu verfassen, um den eher elitären Schriftstellerhabitus von Menschen, die doch meist in prekären Verhältnissen leben, zu hinterfragen. Doch nun hat der Journalist etwas wesentlich Gewagteres vorgelegt: eine Autobiographie über seine Jugend und Kindheit in Armut, eine Autobiographie, in der er die Klassenfrage stellt. Sein Buch Ein Mann seiner Klasse bringt endlich wieder Leben, ökonomische Fragen und gesellschaftliche Probleme zurück in die Literatur.


Baron schreibt im Grunde sogar mehr als eine Autobiographie, nämlich die Geschichte seiner Familie. Er berichtet, wie sich seine Eltern im Arbeitermilieu von Kaiserslautern kennengelernt und ein Kind nach dem anderen bekommen haben. Der Leser erfährt, dass die Mutter Dichterin werden wollte, aber ihr schulisches und soziales Umfeld es ihr vergätzt haben und sie schließlich depressiv wurde. Wir erfahren, dass der Vater ein Alkoholiker war, der Frau und Kinder verprügelte und nirgendwo hohes Ansehen besaß. In diese Familie wurde der Autor hineingeboren.

Nach dem frühen Tod der Mutter an Krebs kamen die Kinder zur Tante mütterlicherseits – die immer noch zur Unterschicht gehörte, aber resolut und ehrgeizig war und ihren Schwager verabscheute. Während sein Bruder immer wieder Drogenprobleme hatte, schafft Christian Baron es aber schließlich, auch durch die Förderung einer anderen, wohlhabenden und gebildeten Tante, das Abitur zu machen, und interessiert sich bald für Journalismus – jedoch nicht ohne in einer höheren Schule stets als Außenseiter zu gelten, als derjenige, der aus einer Unterschichtenfamilie kommt und vom Bildungssystem systematisch diskriminiert wird.

Das Buch erzählt nicht nur von sozialem Elend und der Armut, am Ende des Monats nicht mehr genug Nahrung zu haben, weil der Schläger-Vater zu viel vom wenigen Geld versoffen hat, und davon, zu Hause keine Förderung zu erhalten, sondern auch davon, in ständiger Angst leben zu müssen. Es geht auch um Barons Selbstreflexion. Denn er entschuldigt nicht nur dauernd die Passivität der Mutter, die selbst das Opfer ihres Ehemannes ist und gleichzeitig aber die Kinder, aufgrund ihrer Depression, schützt; er liebt auch seinen Vater bedingungslos. Nie wollte er ihn loswerden, egal wie bösartig der Patriarch war; nein, Baron will immer, dass sein Vater sich ändert. Diese ständige Ambivalenz durchströmt das ganze Buch. Und er wird sich bewusst, dass – was keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung ist – der Vater ein „Mann seiner Klasse“ war, nie Aufstiegschancen hatte, nur Armut kannte und selbst bereits aus der Familie eines prügelnden Alkoholikers stammte.

Gewalt, Armut und Pathos

Barons Buch bildet also nicht einfach ein Milieu ab. Dabei erklärt er gar nicht einmal sonderlich viel, sondern beschreibt nur sehr genau – doch gerade dies gibt Ein Mann seiner Klasse eine große Kraft und dennoch einen explanatorischen Wert, den man selbst herausziehen kann, so deutlich ist die Schilderung. Denn Barons Stil und Sprache sind, selbst noch bei den Elementen der akademischen Selbstreflexion, einfach, simpel und klar. Baron gibt soziale Zustände exakt wieder, ohne Fremdworte nutzen zu müssen: ein stilistisches Bekenntnis zur Arbeiterklasse. Diese Klarheit wird ein bisschen unterminiert durch einige pathetische Elemente und der einseitigen Festsetzung des Vaters als Täter und der depressiven Mutter als Opfer – aber davon, dass sie ihre Kinder beschützt hat, liest man nichts. Doch es wäre natürlich zu viel erwartet von einer offenen Autobiographie, die so unangenehme, persönliche und doch gesellschaftlich relevante Themen berührt, wenn man hier noch eine nüchterne Analyse, statt dem kindlichem Pathos, das Baron als Junge fühlte, erwarten würde.

Obgleich es eine Autobiographie über die eigene Kindheit und Jugend ist, hat Baron es nicht nur geschafft, die eigene Entwicklung und Selbstfindung zu skizzieren. Seine Vergangenheit ist ein pars pro toto für eine ganze soziale Schicht oder Klasse. Ein Mann seiner Klasse steht dafür, als Junge in Armut, Not und damit auch Angst und Unfreiheit aufzuwachsen. Das Buch steht für Kinder, die früh männliche Gewalt erfahren. Das Buch steht für psychische Aufarbeitung dieses Leids, und für Liebe, Erinnern und die Suche nach Versöhnung mit der Familie und der Vergangenheit in einer widersprüchlichen Welt der Gewalt, sozialen Ungleichheit und Exklusion. Genau das ist der Verdienst: dass Baron die lange vergessene Klassenfrage wieder zurück in das öffentliche Bewusstsein rückt und dabei ohne ganz ohne Resignation oder Hass auskommt. Gegenüber diesem Debüt sehen andere deutsche, bourgeoise Debütromane – die meist davon handeln, wie ein rich kid auf Selbstfindungstrip geht, oder wie jemand mal als Kind gehänselt wurde – alt und abgeschmackt aus. Barons Klassenautobiographie gibt der Literatur ein wichtiges Stück Leben, Seele, Authentizität und die Behandlung manifester sozialer (statt nur individueller) Probleme zurück.

Ein Mann seiner Klasse von Christian Baron erschien am 31. Januar 2020 im Claassen Verlag und hat 288 Seiten.

Coverbild: © Claassen Verlag

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Die Verzweifelten Nationen. Schutzzone von Nora Bossong

Mira Weidner ist ein Mädchen aus Köln/Bonn, das 1994 während der Scheidung ihrer Eltern als 9-jährige eine Zeit lang bei dem UN-Diplomaten Darius und dessen Familie unterkommt. Sie baut eine besondere Beziehung zum ältesten Sohn Milan auf. Später studiert sie Internationale Beziehungen, arbeitet in New York und Burundi für die Vereinten Nationen und landet schließlich 2017 in Genf, wo sie eine Affäre mit eben jenem Milan beginnt, der jetzt verheiratet ist und einen Sohn hat.


Nach ihrem letzten Roman über den italienischen Politiker Antonio Gramsci behandelt Nora Bossong in Schutzzone nun die größte politische Institution der Welt: Die Vereinten Nationen. Schon vor der Veröffentlichung ist ihr vierter Roman ein Erfolg, denn er steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2019.

Der Roman erzählt Miras Geschichte unlinear und springt zwischen den verschiedenen Erzählsträngen. Dabei verzichtet Nora Bossong auf die explizite Markierung der wörtlichen Rede, wodurch der Romantext und besonders die Dialoge oft wie ein innerer Monolog von Mira erscheinen. Die Grenzen zwischen den Figuren sind unklar, ähnlich wie die in der Politik. In der Mitte des Romans sagt Milan: „Wir spielen uns klare Grenzen vor, aber jeder Versuch, ein Land mit exakten Grenzlinien zu zeichnen hat zu nichts als Absurditäten geführt.“ Statt einzelnen Kapitelüberschriften nennt der Roman jeweils Ort- und Zeit der Kapitel. Zudem sind die Kapitel in fünf Abschnitten zusammengefasst: Frieden, Wahrheit, Gerechtigkeit, Versöhnung und Übergang.

Der interessanteste Erzählstrang ist Miras Aufenhalt in Burundi, als Angehörige der Wahrheitskomission. Andere Leute sagen über sie, dass sie Leute gut zum Reden bringen könne. Das Erzählen hat hier einen expliziten Wert, auch wenn sich Mira selber nicht genau weiß welchen. Ihre Freundin Sarah: „Wir erzählen unser Leben, wir erzählen das Geheimste, das Intimiste, als müssten wir beweisen, dass es uns tatsächlich gibt.“ So trifft Mira auch den Milizengeneral Aimé, zu dem sie eine beinahe freundschaftliche Beziehung aufbaut, die von anderen Helfer٭innen kritisch gesehen wird. Denn Aimé ist für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich. Er habe unter anderem eine Kirche voller Kinder anzünden lassen. Doch seine Ehrlichkeit fasziniert Mira – oder ist es doch nur seine Art zu lügen?

Insgesamt bliebt die Hauptfigur des Romans etwas blass. Als ob sie selber um sich eine Schutzzone errichtet habe. Allerdings wird auch diese Schutzzone für kurze Zeit durchbrochen, als sie Milan trifft. Generell sind die Schutzzonen im Roman nicht besonders effektiv. Bei den Vereinten Nationen herrscht zynische Einigkeit darüber herrscht, dass eine Schutzzone ohne dazugehörige Militärtruppen nichts wert sei. So wirkt das größte Staatenbündnis der Welt wie eine verzweifelte Organisation, die viel versucht, wenig bewirkt und ihre Angestellten schließlich zu gut ausgebildeten Nihilist٭innen macht.

Auch, wenn er es nicht auf die Shortliste des Buchpreises schaffen sollte: Schutzzone ist ein Roman mit interessantem Setting und Einblicken in eine ungewöhnliche Welt. Dadurch ist er auf jedenfall lesenswert – trotz gelgentlicher Längen.

Schutzzone von Nora Bossong erscheint am 9.9. im Suhrkamp Verlag und hat 332 Seiten.

Titelbild: © Suhrkamp Verlag

Schellenmann – ein Schwäbisch Noir

Philipp Böhms Schellenmann überzeugt vor allem durch seinen sphärischen Schreibstil, der expressionistische Unschärfe erzeugt. Und ein ungewöhnliches Romandebüt freisetzt.


Philipp Böhms Debütroman Schellenmann spiegelt eine Situation, die der Autor und vielleicht auch einige seiner Leser٭innen selbst ganz gut kennen: Die Jugend in einer Kleinstadt geht zu Ende, die wichtigste Lebensentscheidung besteht für einen Moment in der Frage: bleiben oder wegziehen? Das gespiegelte Bild jedoch verzerrt sich durch den Umstand, dass Protagonist Jakob sich fürs Dableiben entscheidet. Statt herauszuwollen und einer Ausbildung nachzugehen, folgt er seinem Freund Hartmann ungelernt in die Fabrik am Stadtrand. Von der er noch nicht einmal genau weiß, was produziert wird, deren Maschinen im ganzen Betrieb fast niemand wirklich versteht und deren Charaktere Böhm ihn in ihren Eigenheiten studieren lässt.

Fremd bleiben sie ihm und den Leser٭innen dennoch. Wie alles fremd bleibt, in dieser Stadt, in die Jakob erst ein paar Jahre vor Einsetzen der Handlung zugezogen ist. Das eigentliche Problem am Bleiben jedoch ist, wie er dann auch erfahren muss, dass um einen herum ja trotzdem vieles wegbricht. Und sei es nur die endende Jugend oder das Wegziehen von Freund٭innen. Bei Böhm wird es noch dramatischer: Selbst die Natur scheint zu protestieren und Jakob forttreiben zu wollen, was dramatische Züge annimmt.

Die Überspitzung dieses Konflikt führt Philipp Böhm auch ein Stück weit ins Fantastische, vielleicht, weil er eine Realität durchspielt, die er selbst hätte wählen können, die ihm dann aber selbst zu abstrakt und unrealistisch erscheint. Ein wertvolles Stilmittel dieser Fantasie ist die von ihm in die Handlung eingefügte Figur des Schellenmanns, die er sich aus der schwäbisch-allemannischen Fastnachts-Folklore leiht. In dieser tritt der Schellenmann, auch „Gschell“ genannt, seit einigen Jahrhunderten als Repräsentant des Sommers und Gegenspieler des Federahannes auf, der den Winter verkörpert. Letzterer soll mit lauten Glocken ferngehalten werden, die ersterer am Körper trägt. Auch in Böhms Schellenmann will ein Sommer nicht enden und hält an, bis selbst die Tiere beginnen, vor sich hinzusterben, und der Schellenmann Realität wird – eine Entscheidung des Autors, die maßgeblich dazu beiträgt, dass man als Leser٭innen mitfühlen kann, wie fremd Jakob, dem Zugezogenen, sein Umfeld eigentlich ist – die Riten, Verspanntheiten und Dynamiken eines verschlossenen Raums.

Der Roman lebt inhaltlich vor allem durch die persönliche Inhaltsebene und seine Porträts der Mikrokosmen Kleinstadt und Fabrik. Die noch größeren Stärken hat das Debüt aber in seinem Sprachstil, der es schafft, einen Farbfilter über die Handlung zu legen. Beschrieben wird so wenig wie möglich, was zum einen ein gewisses Desinteresse der Protagonist٭innen an ihrer Umwelt aufarbeitet, die eben nicht die spannende weite Welt ist, sondern der kleine, bedeutungslose Ort, an dem eben wohnt. Zum anderen setzt es Bilder frei.

Und wo doch etwas beschrieben wird, da ist es karg, unwirtlich und im Grunde auch nicht so richtig beeinflussbar, sondern einfach eine nutzlose Gegebenheit. Wie die Blätter und Zigarettenstummel in der Ecke des Fabrikhofs, die sich nach jedem Fegen neu sammeln oder „zusammgeknüllte Burger-Tüten, Bierflaschen, Umsonstzeitungen, Flip-Flops, Eierkartons“, die den Bach entlangtreiben – „und dann die Eichhörnchen“.

Ein einziges Manko dieses ausgereiften Erzählstils ist, dass die Handlung hinter ihm teilweise nur unscharf und benommen durchscheint und der eigentliche Plot, in dem immerhin auch noch eine Figur spurlos verschwindet, eher hintergründig wird. Das nimmt Böhm jedoch in Kauf, um der über allem schwebenden Warum-Frage und inneren Unruhe des Erzählten auf mehreren Ebenen gerecht werden zu können.

Wo es Schellenmann an Spannung fehlt, springt eine durchdringende Anspannung ein. Philipp Böhms Roman, der sich expressionistisch liest, entromantisiert das Idyll, stellt aber gleichzeitig die Sinnsuche junger Menschen überhaupt in Frage: Wieso löst es so einen starken inneren und äußeren Widerstand aus, sein Glück nicht in Selbstverwirklichung zu suchen, sondern einfach nur zu probieren, sich an dem Ort, an dem man lebt, einzurichten und ein kleines bisschen weniger fremd zu fühlen?

Schellenmann von Philipp Böhm erschien 2019 im Verbrecher Verlag und hat 224 Seiten.

 

 

Jenseits von Eden – Sarah Kuttners Kurt

Blühende Vorgärten, Kaffeegeruch am Morgen, ein Haus im Grünen und ein toter Sohn. Der neue Roman von Sarah Kuttner Kurt beschreibt das eigentlich Unbeschreibliche.


Wie erträgt man es, wenn der sechsjährige Sohn stirbt? Wie geht man mit diesem Schmerz um? Und wie sehr darf man leiden, wie traurig darf man sein, wenn es nicht der eigene Sohn ist? Wenn man nur die Stiefmutter ist, die Mitbewohnerin, die neue Lebensgefährtin des Vaters oder was auch immer? Denn das ist Lena in Sarah Kuttners neuem Roman Kurt. Sie ist die Freundin vom großen Kurt, der seinen Sohn ebenfalls Kurt genannt hat. Und mit dem ist sie gerade erst in ein Haus nach Brandenburg gezogen – irgendwo bei Oranienburg nahe dem Stadtteil Eden. Damit sie beide näher am kleinen Kurt und seiner Mutter Jana wohnen. Sie haben im neuen Haus das Kinderzimmer eingerichtet, Bäume gepflanzt. Der kleine und der große Kurt haben Kieselsäcke in den Garten geschleppt.

Häusliches Unglück

„Und dann fällt Kurt vom Klettergerüst.“ Ein Satz, der sich erst einmal unauffällig einreiht in die Beschreibung der heilen Biedermeier-Vorstadt-Welt und des glücklichen Patchworkfamilien-Idylls. Doch dann wird es dumpf. Ja, es wird dumpf. Anders ist er nicht zu beschreiben – der Ton, in dem das Buch zunächst fortfährt. Lena liest Beerdigungsgesetzestexte und Kurt ist irgendwie nie da. Lässt Lena nicht teilhaben an seinem Schmerz. Lena lässt ihn machen und zieht für ein paar Tage zu ihrer Schwester nach Berlin. Versucht, deren Dachgarten in Schuss zu bringen. Trinkt zu viel. Dabei versteckt die Ich-Erzählerin ihre Fassungslosigkeit über den Tod des kleinen Kurts sowie die Sorge um den großen Kurt hinter flapsiger Ironie und schlagfertigen Sprüchen. Ganz in bekannter Kuttner-Manier. So kommt man nicht umher in der Protagonistin die Autorin zu sehen. Doch diese schafft es in beeindruckender Weise, den Leser٭innen das Gefühl zu geben, etwas zu unterdrücken. Da ist plötzlich irgendwas, das herauswill, aber nicht kann.

Dreck im Idyll

Ja, hier wird ein bekanntes Erzählmittel gewählt: Je glücklicher und bunter das Leben der Protagonist٭innen beschrieben wird, desto härter trifft die Leser٭innen die dramatische Wendung. Doch bei Kurt ist etwas anders: Die Vorstadt-Idylle bleibt und gaukelt vor, alles sei wie immer. Die frisch gepflanzten Bäume im neuen Garten blühen bunt, die Nachbarn grillen an warmen Abenden. Die Protagonist٭innen sind eingesperrt in ein scheinbar friedliches Landleben, das sie nur noch durch einen Schleier betrachten können. Und das auch für die Leser٭innen immer unerträglicher wird. Denn jedes erwähnte Vogelgezwitscher, jeder Sonnenstahl, jeder blühende Baum unterstreicht noch einmal: Es könnte alles gut sein. Warum hat sich der kleine Kurt beim Sturz nicht nur den Arm gebrochen?

Neue Welt

Die Leser٭innen begleiten Lena in ihrer hilflosen Sorge um ihren Freund Kurt und durch ihre Wut auf ihn, dass er seine Gefühle nicht mit ihr teilt. Bis die Protagonistin endlich zu der Erkenntnis kommt, dass auch sie ein Recht darauf hat, so zu trauern, wie es sich für sie richtig anfühlt. Aber die Leser٭innen verfolgen auch eine Beziehung, die erst glücklicher nicht sein könnte in ihrer neu entdeckten Häuslichkeit und plötzlich am Schmerz zu zerbrechen droht. Dabei schafft es Kuttner immer, den richtigen Ton zu treffen, sich jedoch eine gewisse Leichtigkeit in der Sprache zu bewahren. Und mit dieser schiebt sie Lena und den großen Kurt am Ende langsam und ganz vorsichtig zurück ins Leben. Zwar ist es nicht Eden und auch nicht die glückliche Biedermeier-Vorstadt-Welt – beides gibt es ohne den kleinen Kurt nicht mehr. Aber sie entlässt sie in eine Welt, in der sie die Trauer des jeweils anderen verstehen und in der sie sich wiederfinden können. Und endlich kann auch bei den Leser٭innen das heraus, was sich die ganze Lektüre hindurch angestaut hat: Im letzten Kapitel rollen endlich die Tränen.

Kurt von Sarah Kuttner erschien am 13. März im S. Fischer Verlag und hat 240 Seiten.

Elena Ferrante: Frau im Dunkeln

Die Geschichte findet dort statt, wohin man gerne ein Buch mitnimmt: im Urlaub, am Strand, in Italien. Dass die herbeigesehnte Erholung vom Alltag durch das verloren geglaubte Selbst und die Suche danach ins Wanken gebracht werden kann wie ein kenterndes Schiff, davon erzählt Leda.


Nichts ist mehr wie es fünfundzwanzig Jahre lang für Leda war. Nachdem ihre erwachsenen Töchter zu ihrem Vater, Ledas Exmann, nach Toronto gezogen sind, fühlt sich die Universitätsprofessorin sinnentleert. Während sie allein den Sommerurlaub an der ionischen Küste verbringt, wird sie von ihrer Vergangenheit begleitet, die sich wie ein trüber Strudel um die eigentliche Frage dreht, wer sie selbst jetzt ist. Alles, was sie an die Gegenwart bindet, sind die Bücher, die sie zur Vorbereitung zum kommenden Semester mitgenommen hat. Doch eine fremde, junge Mutter und ihre kleine Tochter lassen Ledas durchwachsene Vergangenheit und einsame Gegenwart aufeinanderprallen.

Für ihre Töchter wollte sie immer Gutes, doch durch den jahrelangen Spagat zwischen Ehe, Familie und Beruf fühlt sich Leda zunehmend überfordert und frustriert, wodurch sie schließlich auch Verwerfliches tut. Sie wird sich selbst(bewusst) eine Rabenmutter nennen und möchte sich zugleich von den älteren – und wie sie sagt: stummen, grimmigen – Muttergenerationen abgrenzen. Durch die Begegnung mit der Fremden und ihrer Familie wird sie erneut an die Anforderungen der Mutterschaft sowie an die (un)möglichen Konsequenzen erinnert, die sie selbst erlebt hat. Ihr seit jeher andauernder Kampf um Anerkennung und Erkanntwerden lassen Leda im Dunkeln die Augen verschließen und zugleich auch sehen. Wo beginnt die Grenze zum (Un-)Erträglichen? Wer will sie sein und wer ist sie wirklich?

Elena Ferrante liefert eine spannungsgeladene Geschichte über mütterliche Identität, die sie auf knapp 190 Seiten bannt. Sie zeichnet eine komplexe Protagonistin, die im Netz aus Selbstschuld und Fremdschuld verfangen ist und fluchtartig, aber selbstbestimmt einen Neuanfang sucht.

Elena Ferrantes Frau im Dunkeln erschien im Suhrkamp Verlag und hat 188 Seiten.

Titelbild: © Lennart Colmer

Die Pyramiden von Kanada

In seinem Roman Kanada erzählt Juan Gómes Bárcena die Geschichte eines Auschwitz-Überlebenden, der versucht, ins Leben zurückzufinden. Um dessen Schicksal nachzuempfinden, hält er einen konfrontativen, eindrücklichen Stil bereit, der Schwächen bewusst in Kauf nimmt, um am Ende dann doch in der Magengrube seiner Leser٭innen einzuschlagen.


„Eine Armbanduhr kostet einhundertzwanzig Zigaretten, dreißig Zigaretten kostet eine Brotration, vier Brotrationen kostet es, den Kommandos mit der leichtesten Arbeit zugeteilt zu werden, und du verwaltest du Tarife verschwiegen, brutal, gleichgültig.“

Stell dir vor

Du hast Auschwitz überlebt. Du kehrst zurück nach Hause, findest dort aber kein Leben mehr vor, in das du wieder zurückkehren kannst. Immerhin steht dein Haus noch. Du suchst nach Ruhe und findest Isolation. Du kannst nichts dafür, doch du glaubst es dir nicht. Hättest du anders gehandelt, hättest du selbst nicht überlebt. Du kannst nichts dafür, dass du in „Kanada“, den Affektenlagern des Vernichtungslagers, arbeiten musstest.

Du findest es seltsam, vom Text in der zweiten Person angesprochen zu werden? Ist es auch. Und bleibt es auch dann noch, wenn man einen gesamten Roman lang mit dieser Ansprache konfrontiert wird. Irritierenderweise erinnert diese Erzählform, die Juan Gómes Bárcena für Kanada wählt, an Abenteuer-Jugendromane wie Die Insel der 1000 Gefahren, in denen Leser٭innen ständig aufgefordert werden, Entscheidungen zu treffen und auf eine andere Stelle im Buch zu blättern. Doch am Ende bleibt die Ansprache die einzige Gemeinsamkeit zu diesen Büchern, denn das in Kanada durchlebte Schicksal ist unausweichlich. Die Entscheidungen, die das Leben der angesprochenen Hauptfigur bestimmen, sind längst gefällt. Nun durchlebt sie den Konflikt, mit ihnen, die sie in der Hölle getroffen hat, außerhalb von ihr weiterleben zu müssen.

Die größten Verbrechen hinterlassen keine Spur

„– und wenn sie doch eine Spur hinterlassen, dann ist es eine, die die Henker noch größer macht.“

Dabei hatte diese Hauptfigur eigentlich ein unbescholtenes, ruhiges Leben als Astrophysiker an der Universität geführt. Gerade zu Beginn des Romans versucht sie noch, in diese Gedankenwelt zurückzukehren. Doch der Kosmos, den sie nun bewohnt, wird immer kleiner und es fällt ihr zunehmend schwerer, die Regeln des Universums damit zu verbinden. Sie findet gedanklich keinen Zugang mehr. Immer stärker entfalten sich Gedanken an Krieg, Deportation und Auschwitz, an Vorbilder für die Verbrechen der Nazis. Wie wird man Auschwitz gedenken? Wie wird sich der Millionen Opfer erinnert werden? Die Azteken hatten ja auch unzählige Menschen hingerichtet. Und heute bewundert man ihre Pyramiden, die Opferstellen, als Denkmäler der Baukunst und Monumente menschlicher Größe.

„Die Jahrhunderte werden über das Lager hinweggehen. Das Fleisch seiner Geopferten, dein Fleisch, wird verfaulen, und zurückbleiben wird nur die Absicht, der Glaube, der seine Schöpfer bewegte. Alles steht noch, Öfen, Schienen und Zäune – wie ein lebendes Museum, als wäre die Zeit ein Traum, und du würdest im nächsten Moment daraus erwachen. Auch die Pyramiden von Kanada sind noch da. Tonnenweise Schuhe, Brillen, Haarsträhnen – Touristen einer anderen Zeit werden sie betrachten, sie tun es bereits, fasziniert von der Größe der Henker und der Bedeutungslosigkeit ihrer Opfer.“

Im Reich der Pyramiden

Was die Person in dem Roman nun genau erlebt hat, setzt sich erst spät zusammen. Einen zentralen Wendepunkt hat die Erzählung an einer Stelle, in der der überraschende Anblick einer nackten Frau die Erinnerung an die zahllosen nackten Leichen hervorschießen lässt, die die größten der Pyramiden von Auschwitz bildeten, zwischen denen sie einige Jahre gelebt und Zwangsarbeit verrichtet hat. Den Leser٭innen, wie ihr selbst wird nun endgültig die Unfähigkeit weiterzuleben offenbar. Bilder der Leichenberge und Haufen von den Koffern der Deportierten, persönlichen Gegenständen und Wertsachen, die nach der Befreiung des Lagers vorgefunden wurden, sind heute vielen bekannt. Daran, dass Menschen, nicht nur deutsche Aufseher, auch Inhaftierte, jahrelang einen bizarren Alltag zwischen diesen Pyramiden führen mussten, deren eigene Arbeit aus dem Anhäufen dieser Berge bestand, erinnert Juan Gómes Bárcena in diesem Zusammenhang eindrücklich. Dafür, dass sie die Opfer eines monströsen Verbrechens sind und bleiben, aber sich, alleingelassen mit ihren Gedanken, auch selbst in Schuldgefühlen verlieren, findet er einen beklemmenden Erzählstil.

Unbehagen, Trauma, Nachhall

Dass die Vorgeschichte des Romans sich erst nach und nach zusammensetzt, ist eine Schwäche des Erzählstils, die Gómes Bárcena in Kauf nimmt: Hier wird eine Gefühlswelt nachvollzogen, über die die Leser٭innen beim Lesen die meiste Zeit nur sehr wenig wissen und die sie dennoch ständig auffordert, nachzuvollziehen, wie man selbst sich denn nun fühlen müsste. Das Buch zwingt uns als seinen Leser٭innen eine Rolle auf, über die wir aber lange nur wenige Informationen haben, zunächst bloß, dass wir in unsere Wohnung zurückkehren. Dann erhalten wir immer mehr merkwürdige Information über uns selbst, zum Beispiel, dass wir uns gewünscht hätten, sie wäre im Krieg zerstört worden. Dass der Nachbar die Wohnung, nachdem sie ausgeräumt wurde, mit gefundenen Möbeln neueingerichtet hatte, nehmen wir als weiteren Quell von Unbehagen auf.

In welchem Land die Wohnung sich befindet, warum wir deportiert wurden, welche Erfahrung wir im Konzentrationslager gemacht haben, warum uns nicht zuletzt das Gefühl der Scham umtreibt, setzen wir uns durch kleine Randinformationen zusammen. Den eigentlichen Konflikt während des Lesens nachzuvollziehen, wird dadurch fast unmöglich. Erst auf den letzten Seiten setzt sich alles vollständig zusammen, so als hätten wir es selbst eigentlich schon gewusst und verdrängt – und das ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum der Roman nach dem Lesen noch so lange nachhallt. Nicht nur erzählt Juan Gómez Bárcena in Kanada eine der abermillionen unerzählten und auch in der Erinnerungskultur wenig Gehör findenden Schicksale des Holocaust. Er zeigt einmal mehr die Dimensionen des Verbrechens auf.


Kanada von Juan Gómez Bárcena erschien 2018 im Secession Verlag für Literatur und hat 192 Seiten.

Über, neben und zwischen Komplizen

Ralph Hammerthaler liefert uns mit Unter Komplizen ein vielseitiges, ja kubistisches, Porträt einer gut vernetzten, globalen Künstlerszene – über die er verdächtig gut Bescheid weiß.


Vielen Künstler٭innen wird vor allem in zwei Lebensphasen Aufmerksamkeit geschenkt: zur jungen, progressiven Schaffenszeit, als sie gerade anfangen, einen Unterschied zu machen, und dann wieder, wenn sie tot sind. So dreht sich auch die meiste Literatur über Künstler٭innen entweder um wilde Frühphasen (bspw. Sven Regeners Wiener Straße), in denen nicht wenige denken, ihnen gehört die Welt, oder aber um die großen, bereits verewigten Ikonen – denen wirklich die Welt gehört (wie das Graphic Novel Pablo). Aber was ist eigentlich mit denen dazwischen, also den nicht mehr ganz so jungen nicht mehr ganz so Wilden der Kunstwelt? Taugen die nicht auch für literarische Porträts?

Unter nicht mehr ganz so jungen nicht mehr ganz so Wilden

Genau dieser Frage widmet sich Ralph Hammerthalers jüngst erschienener, fast 500-seitiger Roman Unter Komplizen. Und wird mit seiner Antwort eindeutig der Komplexität dieser Frage gerecht. Denn um zu sehen, ob sie wirklich dafür taugen, muss eine differenzierte Betrachtung her. Und so widmet er sich einer umfassenden Beobachtung einer kleinen, aber global verstreuten Szene befreundeter Künstler٭innen verschiedener Disziplinen sowie einiger Personen aus ihrem Umfeld. Schauen wir mal hinein: Was treiben Künstler٭innen heutzutage denn so, wenn ihnen gerade niemand die große Bühne anbietet? Der eine wohnt vielleicht noch immer im provinziellen Kunstquartier und hangelt von Stipendium zu Stipendium. Der andere finanziert seine Avantgarde-Kompositionen und sein Großstadtleben mit Soundtracks für Spielautomaten. Wieder eine sucht in Russland mit Sex-Performances globale Aufmerksamkeit für die eigene Unterdrückung. Ein Vierter versucht noch immer, Schiller im mexikanischen Theater zu etablieren.

Die Liste, die der Roman anstellt, ist lang und erstaunlich vielseitig. Außer in dem Punkt, dass alle, die auf ihr stehen, sich so etwas wie einen Alltag eingerichtet haben, der hier sehr gut eingefangen wird. In dessen Zentrum steht uneingeschränkt die Kunst, über die sie sich ein Staunen bewahrt haben. Und für deren Platz in ihrem Leben sie doch auch widerstandslos ihren Preis zahlen. Aber der Roman dreht sich nicht bloß um Alltage, sondern erfasst auch die Banalität und Absurdität der Lebenswelten, und lässt uns teilhaben an Kämpfen um Anerkennung und das schiere Überleben, berichtet von Herausforderungen des Schicksals und nicht zuletzt von Ausbrüchen.

Im Komplizen-Milieu

Einiges spricht am Ende dafür, dass die abgebildeten Personen und Schicksale vielleicht gar nicht so weit von der Lebenswelt Ralph Hammerthalers entfernt sein könnten. Zum Beispiel diese verdächtig unaufgeregte Erzählweise, die er der sprunghaften, schauplatzreichen Handlung abgebrüht entgegenstellt. Fast wirkt sie wie ein Understatement auf das Erzählte, oder so, als wäre die Handlung tatsächlich unbeeindruckend. Dabei ist sie im Gegenteil immer wieder für überraschende und dramatische Wendungen gut, die durch die undramatische Erzählweise nur umso besser einschlagen. Viel Potenzial zieht der Roman aus unvermittelten Sprüngen zwischen unzähligen Erzählperspektiven. Vielleicht mögen die betrachteten Biographien nicht ganz so fiktiv sein, wie man erst denken und manchmal hoffen möchte. Aber die unsteten Betrachtungsweisen sind ein wertvolles Stilmittel, besonders dann, wenn sie gerade unscheinbare, aber ertragreiche Außenperspektiven auf unsere Hauptcharaktere richtet.

Unter Komplizen schafft über all seine Kapitel hinweg Raum für ein umfassendes Szeneportrait, das teils weniger Literatur und mehr einer Milieustudie gleicht – aber nur deswegen, weil es so glaubhaft erzählt ist und Hammerthaler unter den unscheinbarsten Perspektiven genau die richtigen findet, um ein klares, glaubhaftes Gesamtbild zu präsentieren. Das ist so vielseitig, dass sogar getrost das offene Ende verraten werden kann. Der Roman findet Worte für den vielleicht kunstvollsten Ausblick, den die Menschheit sich je geschaffen hat, den Panoramablick auf –. Obwohl nein, Enden verrät man nicht.

Unter Komplizen von Ralph Hammerthaler erschien im Verbrecher Verlag und hat 493 Seiten. Es fühlt sich aber kürzer an.

Beitragsbild: © Gregor van Dülmen

Hans Joachim Schädlich – Felix und Felka

Rom, Alassio, Ostende, Brüssel – Stationen der Flucht Felix Nussbaums und Felka Plateks vor den nationalsozialistischen Schergen. In „Felix und Felka“ gewährt uns der Autor Hans Joachim Schädlich intime Einblicke in die Situation des Künstlerpaares.

Von Alexander Boberg


Wer sich das Werk Felix Nussbaums anschaut, der kann sich der Wandlung seiner Bilder von fröhlich wirkenden Gemälden hin zu verzweifelten und düsteren im Zuge der Jahre der Verfolgung nicht entziehen. Zunächst werden am Anfang der nazistischen Herrschaft in Deutschland noch die Einsamkeit und der Ausschluss aus der Gesellschaft thematisiert, so ändert sich dies und der schwarze Schatten der Verfolgung und der antisemitischen Barbarei legt sich langsam auf seine Gemälden, Gouachen und Zeichnungen. Mauern als Sinnbild der Einschränkung, Verfremdungen, die seinen Ausstoß aus der Gesellschaft zeigen und immer wieder die Hoffnung des Überlebens, dargestellt in Szenen des Alltags, durchziehen sein Werk.

Ein unbeugsamer Wille zur Freiheit und zum Durchhalten trotz der Widrigkeiten. Je weiter die Jahre voranschreiten, desto düsterer und verzweifelter äußert sich sein Leben in seinen Bildern. (Auf dieser Website lässt sich ein großer Teil der auch in der Novelle erwähnten Bilder, Goauchen und Zeichnungen ansehen.) Sein Gesamtwerk lässt sich nur schwer in die glatt polierte Oberfläche der Erinnerungskultur an den Nationalsozialismus in Deutschland einordnen, in der sich auch der Roman „Felix und Felka“ von Hans Joachim Schädlich wiederfindet.

Das Zeitalter der Zeitzeugen geht allmählich dem Ende entgegen, ihre schriftlichen, mündlichen und bildlichen Zeugnisse sind gelesen und werden langsam durch popkulturelle Produkte an den Rand gedrängt. Die Erinnerung wird der ersten und zweiten Nachkriegsgeneration überlassen. In dieser Situation erscheint nun „Felix und Felka“, das mir buchstäblich in die Hände fiel. Hans Joachim Schädlich beschreibt darin die Odyssee des Künstlerpaares Felka Platek und Felix Nussbaum durch Europa zwischen den Jahren 1933 und 1944. Dabei beschreibt er das Leben im Exil in schlichten Sätzen. Durch diese Momentbilder sollen die materiellen und existenziellen Ängste bewusst gemacht werden, wie es auf dem Buchrücken heißt. Darüber hinaus wird im Klappentext der Autor als Meister der Reduktion gerühmt und hervorgehoben, dass er das Künstlerpaar in ihrem privaten Umfeld zeige, woraus die Geschichte ihre Kraft ziehe.

Verstellter Blick und gelungene Form

Die Novelle nimmt den Leser in kurzen Episoden in das Privatleben eines durch Flucht und Verzweiflung geprägten Paares mit. Angedeutet wird dieser Bezug auf das Privatleben schon durch den Titel, der bloß die Vornamen nennt. Problematisch ist diese suggerierte Nähe und Vertrautheit, die einerseits die Situation der beiden Protagonisten darstellen will und den Versuch einer Normalität in der Flucht beschreiben möchte. Die angestrebte „Normalität“ einer Beziehung unter den Umständen der Flucht wird in der Darstellung der Beziehung zwischen Felka Platek und der Mutter Felix Nussbaums deutlich.

Andererseits ist der Fokus zu sehr auf die private Konversation des Paares beschränkt. Die Formgestaltung der Novelle, mittels Reduktion Ausschnitte des Lebens zu zeigen, verliert hierbei ihre Kraft, Lücken in die eigene Vorstellung zu reißen und über die Situation der Verfolgung nachzudenken. Die bedrückende Stimmung, die sich so unheilvoll in Nussbaums gemalten Bildern ankündigt, wurde leider nicht in Schriftform übersetzt. Auch die Zitierung verschiedener Briefe Nussbaums, die dessen Gedanken darlegen, helfen nicht über den Eindruck hinweg, dass sich der Autor zu eng an sein Objekt anschmiegt.

Die Form des Romans kann dagegen als gelungen bezeichnet werden, trotz der oben genannten Einschränkung. Momentaufnahmen verkürzen sich zu immer schneller werdenden Schlaglichtern. Der allmählich kürzer werdende Zeitraum neuer Akte antisemitischer Politik bis hin zur Kulmination in der Shoah folgt auch die literarische und zeitliche Form des Romans, wodurch sich die Geschwindigkeit des Lesen demgemäß einstellt und immer hastiger die Sätze, Absätze und Seiten verschlingt. Gegen Ende des Buches, welches in einem stakkatohaften Traum Nussbaums gipfelt, verschaffen einzig die Briefe von Irene Awret eine Atempause. Der Traum lässt den Minimalismus der Beschreibung voll zur Geltung kommen.

Beide Momente der Novelle bilden eine Einheit, die Schwierigkeit des emotionalen Hineindenkens in das Paar und der Versuch der Überwindung dieser Unmöglichkeit durch die Formgestaltung. Obgleich die Briefe dem Autor ermöglichen, eine gewisse Authentizität zu wahren, vermindert sich dieser Eindruck in der Rückschau des Buches. Die erfundene Konversation des Paares nimmt dem Werk ihren unbequemen Charakter und lässt es als Fiktion erscheinen. Die Reduktion ist besonders in diesem Punkt nicht weit genug getrieben worden. Die Geschichte der Exilierten wirkt durch die fiktiven Elemente nicht im Bewusstsein des Lesers nach.

Felix und Felka von Hans Joachim Schädlich erschien vor ein paar Wochen im Rowohlt Verlag und hat 208 Seiten.


Alexander Boberg verschlug es durch sein Studium vom kleinen Osnabrück ins beschauliche Leipzig. Neben seiner Leidenschaft für Literatur und Philosophie arbeitet er im Verlagswesen. Zu seinen Hobbys gehört das Testen verschiedener Sportarten, wie Wandern oder BJJ.

 

Beitragsbild: Felix Nussbaum – Selbstportrait mit Felka Platek / Wikimedia Commons