Schlagwort: Rock

US Emo, Level drei. Foxings Rundumschlag

2018. Die USA sind tief zerrissen in verfeindete Lager. Zumindest, was ihren Indie-Rock angeht. Gut, dass eine Band es schafft, die Subgenres zu einen. Auf Nearer My God trumpfen Foxing groß auf.


Vorweg eine These: Das neue Album einer Band ist immer dann automatisch ihr bestes, wenn in ihm alle früheren Alben aufgehen. Denn wo die alten mitgedacht sind, brauchen diese gar nicht mehr weiter angehört zu werden. Wenn dem so ist, ist Foxing nach zwei erfolgreichen Alben nun tatsächlich ein Genie-Streich gelungen. Sollte jemand wirklich seinen Musikgeschmack auf solche diskursiven Thesen reduzieren wollen, so bräuchte er sich nun weder jemals wieder die ersten beiden Foxing-Alben anzuhören noch irgendein anderes Album jüngerer US-Indierock-Geschichte. Denn auf Nearer My God ist schon alles mitgedacht, wodurch sich das Album sehr geschickt selbst in die Plattensammlung einräumt und dort sogar zum Bindeglied wird.

Nachdem Foxing auf Albatross noch teilweise hardcorige Songs ins Zentrum rückten, schien sich der Band-Fokus auf Dealer eher in Richtung ruhigerer, impulsiver Balladen zu bewegen, was ihnen immerhin Platz drei der US-Charts einbrachte, aber auch ein böses Omen fürs nachfolgende Album war. Denn wenn sie nun schon in diese Richtung gestartet sind – wohin soll der nächste Schritt führen? Auch Song eins von Album drei beruhigt nicht unmittelbar, beginnt tendenziell sogar eher unheilvoll, zumindest vor dem Hintergrund der Bandgeschichte, denn das Intro klingt definitiv nach weißem, wenn nicht sogar europäischem R’n’B, wie ihn zum Beispiel inzwischen die Arctic Monkeys oder die skandinavische Szene betreiben: gekonnt arrangiert, aber unterm Strich etwas dünn und künstlich. Zum Glück wechseln sie noch während des Songs das Genre, was sie auf dem Album zur Gewohnheit machen.

Immer wieder finden sich ungewohnte Elemente, mal gesampelter Gesang, dann Streicher, dann wieder der rifflastige Bombast-Rock, mit dem sie angetreten sind. Davon abgesehen gehen in Nearer My God auch verschiedenste Einflüsse der jüngeren US-amerikanischen Indie-Rock-Subkultur-Flügel auf: vom Indietronic, den Bands wie Owl City geprägt haben (zum Beispiel in der Vorabsingle Slapstick), bis zum guten alten Crossover á la Hot Action Cops oder Alien Ant Farm (zum Beispiel in der jüngsten Single Gameshark). Auch der Dance Rock kommt nicht zu kurz. Selten waren Songs eines dieser Genres so gut ausproduziert wie bei wie bei Foxing. Ein Glück, dass auch der vielseitig einsetzbare Frontmann Conor Murphy alle Flügelwechsel problemlos mitmacht, was das Album ebenfalls weiter glättet.

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Am häufigsten lässt sich dann aber doch wieder diese neue Emo-Welle heraushören, zu denen neben Foxing vor allem andere Südstaaten-Bands wie Blis. oder Microwave, aber auch Künstler wie The Hotelier oder The Antlers gehören. Gegenüber ihren schwarzgefärbten, kajalbelegten Vorbildern der 2000er-Jahre pflegen sie optisch zwar ein authentischeres Auftreten, akustisch lassen sie aber keine Punkte in Sachen Verzweiflung oder großen Gesten liegen. Obwohl die Betitelung als Emo vielen Bands seit jeher verhasst ist, zeichnet sich hier eben doch ab, dass Drama und Pathos feste Größen im US-Independent-Bereich sind. Foxing jedenfalls gelingt nicht nur die Selbstverortung im eigenen Schaffen, das seit ihrer Gründung auf das neue Album zugelaufen zu sein scheint, sondern auch die Bündelung des Genres, das keines sein will.

Bloß ein Manko hat das Ganze am Ende doch: Die in der Theorie sympathische Aktion, den Titelsong Nearer My God in fünf Sprachen als Singles herauszubringen, führt, vorsichtig ausgedrückt, zu irritierenden Ergebnissen, und fand zum Glück außerhalb des Albums statt. Klingt die japanische Variante aus der Ferne noch recht muttersprachlich, hat die deutsche, so zumindest ein subjektiver Eindruck, etwas Befremdliches. Aber auch hierzulande scheitern ja nach wie vor viele Projekte daran, deutschsprachigen Indie gut klingen zu lassen. Und auch Foxing können am Ende nicht alles können. Wie beruhigend.

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Nearer My God von Foxing erschien am 10. August 2018 bei Triple Crown Records.

Titelbild: © Hayden Molinarolo

Kettcar. Am Ende der Geduld

Das neue Kettcar-Album heißt Ich vs. Wir und ist ein scharf einschlagendes, Musik gewordenes böses Erwachen. Musikalisch besinnt sich die Band auf alte Zeiten, textlich ist sie besonnen wie nie.


Dabei kommen sie nicht ohne Proto-Kettcar-Phrasen wie „Irgendwann ist immer nur ein anderes Wort für nie“ oder die Mitsingparole „Das Beste ist immer der Feind des Guten“ aus. Bloß drumherum hat sich einiges verändert. Die über vier Alben ausgebreiteten Themen wie das Älterwerden ohne den Selbstverrat, Linksbleiben in Phasen des Reichtums, die Adressierung von Ängsten oder die Verarbeitung von Verlusten rücken in den Hintergrund. Im Vordergrund steht das Konkrete: die Selbstbestimmung im Hier und Jetzt.

Denn die scheint für die Band ein ernsthaftes Problem darzustellen. Zum Vergleich: Im Sommer ’89, als die Bandmitglieder um die 20 waren und politisches Engagement noch klare Formen wie Fluchthilfe am Eisernen Vorhang fand, konnte man im Freundeskreis noch mit Leidenschaft und bis weit über die Schmerzgrenze über die Sehnsüchte und Gefahren einer deutschen Wiedervereinigung diskutieren. Heute ist man in dieser Diskussion trotz fast 30 Jahren Erfahrung kaum reicher an Erkenntnissen. Und die politische Debatte selbst ist diffus geworden. Außerdem ist sie deutlich zu weit nach rechts gerückt, wird irrational und populistisch geführt. Als kritisch denkender, sozialer Mensch durchlebt man da schon mal Zyankali-Tage, an denen doch recht deutlich wird, dass Menschen keinen Sinn ergeben. Was tun? Hier gibt es mehrere Möglichkeiten.

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Option 1: Eskapismus.

Zum Flughafen fahren, in die Ankunftshalle setzen, Leute bei Begrüßungsszenen beobachten. Wie sie etwas Aufrichtiges tun. Sie als echte Menschen mit echten Gefühlen betrachten. Sich klarmachen, dass sie nicht alle und nicht immer eine Meute sind. Das funktioniert so lange gut, bis die letzte Nachtmaschine abgefertigt wurde. Und selbst Fußballgucken hat seine Grenzen. Als langjährige St.-Pauli-Fans stehen Kettcar ja exemplarisch für linke Fußballkultur, die den Sport liebt, sich an nationalistischen Fußballkulturen aber soweit hochschaukeln kann, dass die Mannschaftsausstellung zum metaphorischen Politikum wird und einen im Länderspiel aller sportlichen Grundlage entbehrend plötzlich gegen Deutschland sein lässt. Aus Panik.

Option 2: Gedanken sortieren.

Wie kann es eigentlich zu egoistischen Massenbewegungen kommen? Steht da nicht Ich vs. Wir? Wie formen viele Ichs ein Wir der Einzelinteressen und formieren daraus dann auch noch eine Wagenburg? Das wäre ja auch praktisch zu wissen, um eine Gegenbewegung zu bilden. Aber einem widersprüchlichen Gedankengang kann man nunmal nicht mit Rationalität Herr werden, sondern verheddert sich bloß und kommt in derselben Starre aus, die ja Ausgangspunkt des Ganzen war. Es hilft nur eins.

Option 3: Handeln.

„Mama sagte, achte auf deine Gedanken, denn sie werden deine Worte. Und mit ein paar Worten fing das Ganze an.“

Kettcar – Benzin und Kartoffelchips

Aber wie denn nun? Nur weil man Unsinn nicht sortieren kann, bleibt man ja ein rationalen Denkens fähiges Wesen. Da wird man ja wohl nicht die Geduld verlieren und sich zu Gewalt hinreißen lassen. Denn mit einem Jahr im Gefängnis ist ja auch keinem geholfen.

„Mama sagte, achte auf deine Worte, denn sie werden deine Taten. Wir waren nicht betrunken, nicht in der Unterzahl.“

Kettcar – Benzin und Kartoffelchips

Wobei man ja auch nicht gleich zuschlagen muss. Den Revolver entsichern wäre ja auch erstmal eine Maßnahme. Und mit dieser Maßnahme endet das Album dann auch. Weiter kann Kunst, zumal Indie-Pop-Rock, nicht gehen. Was das Album aber besonders macht, sind die vielen Stellen, an denen genau dieser eine Schritt zu weit höchst elegant umtanzt wird. Man spürt sehr deutlich die Wut der Band darüber, hier überhaupt nochmal in den Ring treten zu müssen. Hatte man nicht damals, zum Beispiel mit …But Alive, schon alles gesagt? Aber wenn schon, denn schon. Also produziert man es aus, denkt es zu Ende, nimmt alle sinnvollen und notwendigen Perspektiven ein, lässt dieses eine Mal wirklich nichts aus. Das Scheitern, das Zweifeln, die Wut, die Ursachen, die Konsequenzen oder den steten Versuch, einfach nur klarzukommen, den Mutspruch:

„Keine einfache Lösung haben, ist keine Schwäche. Die komplexe Welt anerkennen, keine Schwäche. Und einfach mal die Fresse halten, ist keine Schwäche, nicht zu allem eine Meinung haben, auch keine Schwäche.“

Kettcar – Den Revolver entsichern

Option 4: Ich vs. Wir veröffentlichen.

Der bemerkenswerteste Song der Platte bleibt trotz reicher Auswahl die Vorab-Single Sommer ’89, auch wenn die meisten im Kettcar-Publikum ihn vermutlich inzwischen schon totgehört haben. Doch seine konsequent prosaischen Strophen, die vom Schlagzeug durch die Handlung getrieben werden, sind nicht das einzig innovative Arrangement des Albums. Es fällt musikalisch vielseitig aus, lebt durch Ideenreichtum, nicht zuletzt spannende Gitarrenparts. Im Sound scheint es zwar ein bisschen, als entwickelten Kettcar sich im Kreis und wären viel näher an ihrem Frühwerk ausgekommen als am teilweise experimentelleren Vorgänger Zwischen den Runden. Aber sie entwickeln vieles weiter und machen einfach viel mehr daraus als früher.

Auf Ich vs. Wir kommt am Ende niemand zu kurz. Bloß wer sich davon angegriffen fühlt, hat Grund zur Sorge. Es gibt Schlimmeres.

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Kettcars Album Ich vs. Wir erscheint heute bei Grand Hotel van Cleef.

Titelbild: © Andreas Hornoff

Formation – Look At The Powerful People. Repolitisierung des Pop?

Zumindest stimmen die Oberflächen, an denen Formations Texte kratzen. Und ihr Debütalbum „Look at the Powerful People“ eröffnet eine Perspektive.


Formation kommen aus London und machen sowas wie Protest-Dancerock – wenn es das gibt. Wenn nicht, haben sie es eben erfunden. Dabei klingen ihre Songs schon beim ersten Hören so merkwürdig vertraut, passen sich perfekt ein in den repolitisierten Medienapparat der ausklingenden Spaßgesellschaft. Und funktionieren bestimmt auch an sonnigen Festivalnachmittagen. Mit einer Entscheidung für das Dancerock-Genre gehen Foundation im Grunde schon kein großes Risiko ein, auch wenn es sich zuletzt etwas abgenutzt hat. So richtig gehypt hat es nach den 80ern vielleicht vor zehn Jahren nochmal mit Panic! At The Disco oder We Are Scientists, findet aber mit !!!, Hot Chip und Arcade Fire auch nach wie vor seine Künstler٭innen. Und technisch können Formation sich mit ihrem Debütalbum allemal mit diesen Bands in eine Reihe stellen.

Dabei klingen sie stilistisch eher nach einem Hybrid aus Kasabian und den Dandy Warhols, ziehen sich diese schwermütig getriebenen Disco-Grooves mit weitgehend unbeeindrucktem, fast stoischen und einem ganz kleinen bisschen zu coolem Gesang durch. Formation machen rhythmuslastige, voluminöse Musik, die immer wieder mit Synthies und Bläsern aufgebauscht und von einem knurrenden Bass angetrieben wird. Besonderes Highlight: der sechsminütige Abschlusstrack „Ring“, der nach dem Anbruch in eine vielversprechende gemeinsame Zukunft klingt. Die Riffs sitzen, die Melodien stimmen, der Vortrag ist musikalisch brilliant – zumal eben auch majorlabelhaft ausproduziert. Dass sie bei Warner Music gelandet ist, könnte jedoch schlicht darauf beruhen, dass ihr Bandkonzept den Zeitgeist trifft. Denn schon in den Vorabtracks erhielten Formation vor allem Anerkennung für ihre Haltung. Die meisten ihrer Texte laufen wieder und wieder auf Slogans zu, die sich hervorragend auf Demonstrationen machen würden. Immerhin gelang es ihnen schon, Streets-Frontmann Mike Skinner zum Dreh ihres Musikvideos, seiner ersten Regiearbeit überhaupt, zu bewegen:

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Und ihre Texte umranden tatsächlich viele gesellschaftlich relevante Themen von Drugs über Gods bis Powerful People. Bloß bleiben sie leider an der Oberfläche, laufen sie auf vage Handlungsanweisungen à la „Sieh dir die Mächtigen an – die tun mir irgendwie leid – man sollte da echt was unternehmen“ zu. Die Texte umranden ihre Themen allesamt eher anstatt sie aufzugreifen. Und so ist ihre Musik leider doch vor allem Entertainment. Das ist insofern schade, denn durch den unaufgeregten Vortrag ihres Sängers Will Ritson wirken die gesellschaftskritischen Parolen dem ersten Anschein nach wie die selbstverständliche Haltung einer jungen Straßenbewegung. Mit Kutte und Aufnähern und so. Wie ein Hoffnungsschimmer in einem Land, das sich erst letzten Sommer aus Uninformiertheit und irrationalen Ängsten für den Brexit entschieden hat. Aber Formation geht es weniger um eigene Taten als um Aneignung, um Lifestyle. Vielleicht gelingt es ihnen, die Oberflächen irgendwann zu zerkratzen und zu den wirklich interessanten Inhalten vorzudringen, um selbst Powerful People zu werden. Das Zeug dazu haben sie. Bloß eine Chance haben sie mit ihrem Debütalbum bereits vertan: Was ein Weckruf sein könnte, verkommt über die Albumspielzeit immer mehr zum Snooze-Button. Der ist zwar nicht ganz so mächtig, hat aber auf lange Sicht auch schon vielen in den Tag geholfen.

Titelbild: © Sam Hiscox/Formation/Warner Music

Pabst: „Skinwalker“

Heute bringt nicht nur Xavier Naidoo eine neue Single raus. Pabst debütieren mit ihrer EP Skinwalker. Was hat ein indianischer Mythos mit Bier, einer Herzabhörmethode in der Tiermedizin oder einem Spuckbecken zu tun? Wahrscheinlich so viel wie Pabst mit Xavier Naidoo.


Im Zeichen der alten und neuen, retrospektiven Zeiten ist die Skinwalker EP natürlich auch als Vinyl erhältlich. Zu Reviewzwecken erwies sich der digitale Musikdownload zugegeben als praktischer. Nichtsdestotrotz wird sich gerade bei Pabst der Hörgenuss auf guter, alter Plattenbasis lohnen. Aber worauf genau kann sich der interessierte Hörer gefasst machen?

Quelle: YouTube

Im Titeltrack verschränken sich ursprünglicher Hard Rock nach legendärer Black-Sabbath-Art und davon inspirierter, jüngerer Stoner-Rock. Durch das gesamte Hörerlebnis der EP zieht sich des Weiteren ein gedrehter Strang aus fuzzigem Garagen Rock und Grunge.

Während Bias einen poppigen Einschlag hat, erinnert Members Only an die von The Cure gefärbten späten 1980er auf psychedelischer Grundlage. Die Palette der musikalischen Einflüsse reicht darüber hinaus bis zu Nirvana und Tame Impala.

Einem Cliffhanger gleich kommt übrigens der abschließende Song der EP. Watching People Die, den Grunge-Nerv der 90er treffend, zergeht rauschend in einem Bad aus pulsierendem Noise. Gibt es bald mehr davon?

Pabst machen die Frage, wie viel Rock-Genres in eine Band passen, überflüssig. Ihr Debüt dafür macht neugierig auf mehr und man hofft auf die Beibehaltung ihres Facettenreichtums.

Am 18.11.2016 spielt das Trio übrigens im Musik & Frieden in ihrer Heimatstadt Berlin. Die Gelegenheit, um sich abseits der sauberen Plattenproduktion ein Live-Bild von Pabst zu machen!

Titelbild: © Fabian Bremer

„Wir sind Explosionen im Himmel!“

Eine eigentümliche Geste, den eigenen Bandnamen bei der Begrüßung des Publikums gleich mit zu übersetzen. Und eine besonders liebenswürdige, sollte es doch das Einzige bleiben, was Explosions in the Sky an diesem Abend auf der Bühne sagen. Der Rest ist Musik.


20.06.2016, Huxleys Neue Welt, Berlin

Den Anfang an diesem Abend im Huxleys machen Immanu El. Die 2004 gegründete schwedische Band um die beiden Zwillingsbrüder Claes und Per Strängberg geben mit ihrer angenehmen Mischung aus Post-Rock und Dream-Pop die perfekte Einstimmung auf die Hauptband. Nicht umsonst wurden die sympathischen Schweden bereits des Öfteren mit bekannten Größen aus der Szene verglichen, darunter die Bands Logh, Ef, Sigur Rós und eben auch Explosions in the Sky. Im Unterschied zur Hauptband jedoch, liegt ein besonderer Fokus von Immanun El auf dem Zusammenspiel der Musik mit dem Gesang. Deswegen kann zwischen den Liedern auch gerne mal mit dem Publikum gesprochen werden. Fast jedem Lied folgt ein freundliches Dankeschön. Doch während die Vorband singt und spricht, bleiben Explosions in the Sky – mit Ausnahme von ihrer Begrüßung – den Abend über stumm.

Explosions in the Sky, das sind Munaf Rayani, Mark Smith, Chris Hrasky und Michael James aus Austin, Texas. Die instrumentale Post-Rock Band gibt es bereits seit 1999. Ihr Debüt-Album How Strange, Innocence (2000) hatte mit nicht mehr als 300 CD-Rs nur eine kleine Auflage und erreichte damals nur wenige Menschen. Mittlerweile gehört die Band längst zu den bekannten der Szene und spätestens nach ihrem Auftritt in der Late Show with Stephen Colbert müsste man sie auch außerhalb der Szene kennen.

Quelle: YouTube

Wenn die Remastered-Version ihres Debüt-Albums, die 2005 veröffentlicht wurde, als eine Versöhnung mit ihren ersten musikalischen Experimenten angesehen werden kann, dann haben sich Explosions in the Sky auf ihrem gerade erschienenen neuen Album The Wilderness wohl ein stückweit neu erfunden. Die wohlbekannten und für die Band typischen Crescendos und Klimaxe wird man auch hier nicht vermissen. Doch da ist auch etwas Neues. Es hört sich an wie ein kontemplatives Horchen. Als würde Stille klingen. Dabei erinnern die elektronischen Parts ein wenig an Mark Smiths Nebenprojekt Eluvium. Die Musik auf diesem Album bewegt sich nicht mehr nur in eine Richtung, sie nimmt den Raum ein, breitet sich aus und verändert ihn.

Raumdeutung durch Musik – das bekommt man heute Abend im Huxleys in Berlin zu spüren. Die Halle ist gefüllt, um die eintausend Menschen stehen verteilt, auf den Tribünen an den Seiten, dem hinteren Balkon. Als die Band anfängt zu spielen, setzt sich die Masse in Bewegung. Erst zaghaft, einige nicken mit dem Kopf, während andere zu „The Wilderness“ den Fuß auf und ab bewegen. Die Band spielt einen Song nach dem anderen, ohne zwischen ihnen eine Pause einzulegen. Ein einziges Lied ensteht, eine Musik, die langsam in den Raum eindringt, die Menschen mitnimmt und sie dazu einlädt, sich selbst im Raum zu bewegen. Auf „The Ecstatics“ folgt „The Birth and Death of the Day“, folgt „With Tired Eyes, Tired Minds, Tired Souls, We Slept“. Je länger die Band spielt, desto mehr scheint das Publikum Teil der Musik zu werden. Selbst die Lichtshow der Scheinwerfer wird nicht auf die Bühne, sondern in den Zuschauerraum geworfen. Wer nicht gedankenversunken die Augen schließt, der bekommt Lichter zu sehen, die wie Aurora Borealis in immer neuen Farben den Raum verschwimmen lassen. Es wirkt ein bisschen so, als hätten Musik und Licht sich verbündet, um Löcher in Zeit und Raum zu reißen. Colors in Space.

Hinter der Welle aus Musik und Licht verschwindet die Band. Da sind keine Rockstarallüren, da ist keine Trennung von Musikern und Publikum. Da ist nur die Musik und da sind wir. Fast erscheint es schon symbolisch, als zu „Disintegration Anxiety“ Regenbogenfarben den gesamten Raum erleuchten. Mittlerweile spielt nicht mehr nur der Geigenbogen auf der Gitarre das Crescendo. Würde man die Szenerie auf stumm schalten, könnte man an den Körpern der Menschen die Musik ablesen. Es wundert nicht, dass Explosions in the Sky von Filmkomponisten so geschätzt werden. Am Ende spielt die Band „The Only Moment We Were Alone“. Der Titel dieses Liedes scheint ambivalent. Einerseits war dieser Abend ein sehr persönlicher, das Publikum in sich selbst versunken. Aber irgendwie war er auch ein Zusammen. Und deswegen gibt es am Ende doch noch etwas von den Menschen hinter den Instrumenten zu hören: ein Dankeschön.

Titelbild: © Julia-Luise Hüske