Schlagwort: Rezension

Das Halbdunkle im Alltäglichen

Schon lange gilt Hartmut Lange als ein Meister der Novelle – einer Gattung, die ansonsten eher selten Beachtung in den Feuilletons findet. Lange ist bekannt für seine kurzen, konzentrierten Texte mit nihilistischem Einschlag, in denen den Protagonisten irgendetwas Unbewusstes – anhand des, für die Novelle unverzichtbaren Dingsymbols – sich ein Stück weit offenbart und zum Verhängnis wird. Nun hat Lange einen neuen Band mit sehr kurzen Novellen vorgelegt, in denen es genau um das Verborgene, Tiefe, Traurige und Erschreckende im Banalen und Alltäglichen gilt. „Der Lichthof“ heißt das dünne Bändchen.


Das Buch ist eine Sammlung mit vier Novellen und dem autobiographischen Text. Die Protagonisten der vier Geschichten erleben im Grunde nur Alltägliches. Selbst die seltsamen Dinge, die ihnen widerfahren, sind im Grunde keine „unerhörten Neuigkeiten“, von denen Goethe meinte, die sie seien essenziell für diese Gattung. So lebt etwa eine Frau in einer sanierten 160-Quadratmeter-Altbauwohnung nahezu allein, da ihr Ehemann ständig auf Geschäftsreisen ist und sie, ihm zuliebe, ihre Lohnarbeit an den Nagel gehängt hat. Ihr Alltag ist äußerst langweilig und eintönig. Jedoch legt das Badezimmer einen Blick auf einen unverputzten und eigenartig scheinenden Lichthof frei, den die Frau als hässlichen Schandfleck, aber gleichzeitig als gruselig empfindet, bis schließlich ihr Mann ihr per Post eröffnet, sich unwillentlich in eine andere Frau verliebt zu haben.

Die drei kürzeren Novellen dagegen beschäftigen sich etwa mit einem in die Jahre gekommenen Theaterschauspieler, der sich nicht mehr in seine Rollen hineinfühlen kann und am Meer vergebens auf Besserung hofft. Oder aber mit einer Frau, die eine seltsame Beziehung zu ihrem Navigationsgerät aufbaut und ganz den, auch oft fehlerhaften, Anweisungen folgt – zum Ärger ihres Mannes und Mitreisenden.

Abgeschlossen wird der Band durch die autobiographische Erzählung In eigener Sache. Hier erzählt der Autor von seinem Weihnachten 1944 in Nazideutschland, von den Bombardements und wie er all dies, was um ihm herum passiert und den weihnachtlichen Zauber zerstört, als Kleinkind (noch) nicht versteht. Von da aus folgt überblickhaft seine biographische Entwicklung und ein Einblick, wie dieses Weihnachten ihn geprägt hat.

Eine geheimnisvolle Reduziertheit

Alle versammelten Texte haben also gemein, dass die Protagonisten vor irgendetwas stehen, dass ihnen unerhört scheinen mag – auch wenn es mehr oder weniger banal ist. Und genau das können sie nicht zu verstehen. Dabei sind sie stets von einem gewissen Zwang oder Fetisch erfasst, der im Halbdunkeln bleibt und dessen Ursprung sowie Bedeutung auch nicht aufgeklärt wird; sei es nun der Ehemann, der sich verliebt und dies nicht steuern kann, sondern sein Gefühl einen Zwang auf ihn ausübt (sprich, Liebe gerade das Gegenteil von Freiheit und Unabhängigkeit ist), was wiederum seine Ehefrau genauso wenig begreift, wie den scheinbaren Makel des Lichthofs (der wiederum das Einzige in ihrer Umgebung ist, das nicht gestellt wirkt, sondern authentisch in seiner Heruntergekommenheit), oder sei es der unerklärliche Fetisch für eine defektes Navigationsgerät.

Und genau das ist es, was eine gute Novelle ausmacht: das konzentrierte Erzählen eines Zwangs, eines Determinismus, der tiefenpsychologisch, mystisch, technisch oder naturwissenschaftlich sein kann, oder auch eine Mischung aus all dem, vermittelt durch einen starken Symbolismus, der das zentrale Motiv zeigt, ohne es gänzlich aufzuklären. Insofern sind Langes Texte überaus gelungen und durch das Halbverborgene auch noch spannend – so alltäglich die erzählten Erlebnisse auch sein mögen. Dieses Kriterium erfüllt Lange auch stilistisch gekonnt. Schon seine Sprache drückt eine geheimnisvolle und verdichtete Reduziertheit aus, die ahnen lässt, dass da noch mehr ist, das unaussprechlich ist für den Verstand der Protagonisten. Auch das Psychologisieren an mancher Stelle und die häufige, melancholische Nachinnengewandtheit der Charaktere erklärt nur wenig.

Das Halbdunkel im Alltag wird im Lichthof in verschiedensten Facetten fast kurzweilig und meisterhaft erzählt. Gleichzeitig ist der dahinterstehende Determinismus wohl eines der größten Probleme der Gattung Novelle selbst. Der Mensch ist stets beherrscht und kann sich, trotz aller Versuche, nicht von diesem, wie auch immer gearteten Determinismus befreien. Das macht solche Novellen allzu vorhersehbar und manchmal auch sehr konstruiert. Darüber hinaus vermittelt sich hier oft ein unfreiheitliches, resignatives (oder bei Lange: nihilistisches) Weltbild, das doch hinterfragt werden müsste. Vielleicht braucht es auch eine neue Form der Novelle.

Der Lichthof von Hartmut Lange erschien am 26. Februar bei Diogenes und hat 96 Seiten.

Beitragsbild: © Diogenes Verlag

Neue Buchtipps für die Quarantäne

Lesen hilft so oder so. Ob zur Ablenkung in der Quarantäne oder zur Einordnung von Isolation, Wahnsinn, Leben und Tod. Moment, das Intro kommt dir bekannt vor? Gut aufgepasst: Vor sechs Wochen sind hier schonmal Buchtipps für die Quarantäne erschienen. Hier kommen neue.


Stefan Weigand empfiehlt …

Die Straße von Cormac McCarthy

Es gibt Bücher, die sind wie Kometen: Man begegnet ihnen, liest sie, stellt sie ins Regal – und Jahre später kommen sie wieder ins Leben zurück. „Die Straße“ ist für mich so ein Buch.

Bestimmt ist es mehr als vier Jahre her, als ich die Erzählung zum ersten Mal gelesen habe. Nun, in Corona-Zeiten, fiel das Buch mir wieder in die Hände. Ein kurzes Blättern, und die vielen Bilder und klaren Szenen waren gleich wieder präsent. Cormac McCarthy zeigt hier seine großartige Erzählkunst in Perfektion. Kein Wunder, dass er hierfür 2007 den Pulitzer-Preis bekam.

Die Story selbst ist schlicht. Das Szenario ist die USA in einer Endzeitsituation. Es gibt kaum noch Menschen, eine moderne Infrastruktur ist so gut wie nicht mehr vorhanden. In dieser Welt macht sich ein Vater mit seinem Sohn auf dem Weg. „Wenn er im Dunkel und in der Kälte der Nacht im Wald erwachte, streckte er den Arm aus, um das Kind zu berühren, das neben ihm schlief.“ Wenn ein Roman so beginnt, dann ist klar: Der Leser bleibt nicht auf Distanz, sondern soll mitkommen auf diesen Weg, der an die Küste führen soll. Man begibt sich nicht unbedingt gerne, aber eben unweigerlich in die Obhut der beiden.

Warum die Reise eigentlich an die Küste gehen soll? Was erwarten die beiden dort? Die Fragen bleiben unbeantwortet. Wie eine Sehnsucht, die gar nicht näher bestimmt ist, entwickelt sich dadurch der Sog, der den Roman so bestimmt.

Die Straße wirkt wie ein Vakuum: Sie zieht einen hinein in die Geschichte. Es gibt Begegnungen mit anderen Menschen; kalte Nächte und die Suche nach Essen dominieren den Alltag. Doch das Eigentümliche und auch wundervoll Rätselhafte an der Erzählung ist, dass das Vakuum tatsächlich leer bleibt. Vielleicht ist es so, dass in einer Welt, in der alles infrage gestellt ist, allein schon die Erkenntnis trägt: Jede Leere ist mehr als das Nichts.

Die Straße erschien in der Übersetzung Nikolaus Stingls mit 256 Seiten bei Rowohlt.

Bild: © Stefan Weigand

Katharina van Dülmen empfiehlt …

Die Zeit, die Zeit von Martin Suter

Die Tage in der Quarantäne sind alle gleich. Oder ist es immer derselbe Tag, den wir erleben? Denn wer sagt denn, dass Zeit vergeht? Martin Suters „Die Zeit, die Zeit“ basiert auf der Theorie, „dass es keine Zeit gibt. Es gibt nur die Veränderungen. Wenn diese ausbleiben, steht das, was wir Zeit nennen, still.“

Eigentlich will Peter Taler nur den Tod seiner Frau Laura rächen: Ihren Mörder finden, umbringen und dann Selbstmord begehen. Anders sein alter Nachbar und Zeitnihilist Knupp, der ebenfalls um seine Frau trauert: Der will nämlich einen Moment wiederherstellen, an dem Martha noch lebt, und  ihren Tod verhindern. Taler soll ihm helfen, sträubt sich aber zunächst. Doch Knupp hat etwas, das er braucht, um Lauras Mörder zu finden. Und was ist, wenn sein seltsamer Nachbar recht hat? Wenn es stimmt, dass die Zeit nicht existiert? Dass ein bestimmter Moment wiederhergestellt werden kann, indem alle Veränderungen aufgehoben werden? Dann bestünde ja die Chance, Laura wiederzusehen.

Das Faszinierende an Suter ist doch, dass er das scheinbar Unmöglichste, ja, Unglaubwürdigste, mit einer Leichtigkeit und einer Portion Sachlichkeit glaubhaft macht. Sei es ein rosaroter leuchtender Elefant oder eben das Zurückdrehen der Zeit – alles ist möglich, ergibt Sinn, ja, ist logisch, verständlich und spannend zugleich. „Die Zeit, die Zeit“ ist einer der besten Romane Suters. Und die Zeit in der Quarantäne sollte genutzt werden, um ihn zu lesen.

Dabei könnte es sein, dass die Leser٭innen der Ausgabe von 2012 einen anderen Schluss lesen als die einer Ausgabe nach 2015. Denn laut Tages-Anzeiger hat Suter das Ende noch einmal umgeschrieben. Das würde ja heißen, beide Fassung existieren trotz Veränderung zur gleichen Zeit. Explodierender-Kopf-Emoji.

Die Zeit, die Zeit erschien bei Diogenes und hat 304 Seiten.

Bild: Katharina van Dülmen

Martin Kulik empfiehlt …

Utopien für Realisten von Rutger Bregman

Nicht verzagen, Bregman fragen.

Der junge niederländische Historiker Rutger Bregman hat in den letzten Jahren Aufsehen erregt. Nicht nur durch seine Wutrede gegen die Reichen auf dem Weltwirtschaftsgipfel 2019 in Davos, sondern auch durch seine kämpferischen und visionären Bücher. Und es gibt wohl kaum einen besseren Zeitpunkt als jetzt, sich Gedanken darüber zu machen, wie unsere Zukunft aussehen sollte. Die COVID19-Pandemie sorgt dafür, dass einige der Utopien, die Bregman in seinem Buch „Utopien für Realisten“ vorstellt, gar nicht mehr so weit von unserem Alltag entfernt scheinen: so stellt er uns beispielsweise die 15-Stunden-Woche als Antwort auf die Digitalisierung der Arbeit und das bedingungslose Grundeinkommen als realistische Option vor.

Bregmans Rede in Davos:

Quelle: YouTube

Doch Bregman ist nicht nur utopischer Realist, sondern auch Optimist. In seinem aktuellen Buch „Im Grunde gut“ stellt er eine These vor, die sich in der aktuellen Lage noch bewähren muss – der Mensch, so Bregman, sei im tiefsten Kern seines Wesens gut. Damit meint er vor allem, dass der Mensch eben nicht nur auf den eigenen Vorteil bedacht, sondern ein soziales, sanftmütiges und solidarisches Geschöpf ist. In Zeiten, in denen im Supermarkt kein Klopapier mehr zu finden ist, sicher eine steile Behauptung, die dem Pessimismus der plötzlichen Krise aber erfrischend widerspricht. „Das wahre Problem unserer Zeit ist nicht, dass es uns nicht gut ginge oder dass es uns in Zukunft schlechter gehen könnte. Das wahre Problem ist, dass wir uns nichts Besseres vorstellen können.“, sagt Bregman. Versuchen kann man es ja mal …

Utopien für Realisten erschien in der Übersetzung Stephan Gebauers bei Rowohlt und hat 304 Seiten.


Gregor van Dülmen empfiehlt …

Miroloi von Karen Köhler

Karen Köhlers Debütroman Miroloi warnt vor sozialen Gefahren dauerhafter Isolation, und ist damit im Moment noch aktueller als bei seinem Erscheinen letzten Sommer.

Das Buch erzählt aus dem glücklosen Leben einer namenlose Protagonistin, die als Findelkind in einem fast völlig von der Außenwelt abgeschnittenen Dorf auf einer abgeschlagenen Insel aufwächst und systematisch gemobbt und misshandelt wird. Eigentlich ließe sich die Geschichte locker in ein historisches Setting übertragen, zumal sie Informations- und Machtmechanismen nachzeichnet, die geschichtlich schon zu manchem gedanklichen und gesellschaftlichen Rückschritt geführt haben. An manchen Stellen würde man sich das sogar wünschen. Doch Köhler wählt einen fiktiven Handlungsraum, um die Kausalketten, passend zum Thema, zu isolieren. Das hat den entscheidenden Vorteil, dass sie mit Konservatismus, religiösem Fanatismus und dem Patriarchat abrechnen kann, ohne konkrete Personen zu diffamieren. Auch wenn Miroloi teilweise karg und rau erzählt ist, ist Köhler damit ein lesenswertes, wichtiges Buch gelungen. Nicht zuletzt zeigt es uns, wie gut wir es haben, dass das Internet noch vor COVID-19 erfunden wurde. Besonderes Highlight: Miroloi wird mit einem Hannah-Arendt-Zitat eingeleitet und diesem voll und ganz gerecht.

Miroloi erschien bei Hanser und 463 Seiten.

Bild: © Katharina van Dülmen

Daniela Krien: Muldental

In Muldental erzählt Daniela Krien elf Geschichten, die sich im Kern mit der Frage „Schicksal oder Schuld?“ befassen und im weitesten Sinne mit der Vereinigung zwischen Ost- und Westdeutschland zusammenhängen. Der Roman lässt erahnen, dass unter die Oberfläche blicken noch nicht bedeutet, auch in die Tiefe zu schauen.


Die auf dem Cover von Muldental abgebildete junge Frau in Schwarz, die vor einem dämmergrauen Hintergrund in die Ferne schaut, scheint zum Verwechseln ähnlich mit dem bekannten Gemälde Lucas Cranachs des Älteren, das Martin Luther zeigt. Auch wenn Welten zwischen ihnen liegen, stehen beide im Zeichen des Umbruchs. In elf Kapiteln lässt Daniela Krien verschiedene Protagonisten sprechen. Würde man ihr Konzept auf eine simple Gleichung herunterbrechen, würde es „Eine Portion Realität, eine Portion Fiktion“ lauten.

Die Autorin wahrt Distanz zu ihren Protagonisten, indem sie als Außenstehende über sie schreibt. Dennoch zeichnet sie auf lakonische, doch unter die Haut gehende Weise ihre jeweiligen Innenwelten nach. Es bedrückt, da jede in irgendeiner Form isoliert erscheint und sich um eine mehr oder minder starke Verzweiflung dreht. Doch sind viele dieser Welten auch irgendwie miteinander verknüpft – in der Vergangenheit, im Jetzt oder in beidem. Muldental ist der Ort, der die Geschichten in sich versammelt wie eine Senke, die sich bei Regen stets mit Wasser füllt.

Zwar macht Krien es einem leicht, in die Realitäten der jeweiligen Protagonisten einzutauchen. Doch sind die Erzählungen alles andere als einfach einzuordnen. Der Subtext von Muldental vermittelt uns deutlich, wie wir einerseits leicht verleitet werden, uns ein Urteil über das Denken und Handeln anderer zu bilden und wie es uns andererseits herausfordert, einfach zuzuhören und zu versuchen zu verstehen. Oft ist es nämlich diese Auseinandersetzung, worauf es zuerst und vor allem ankommt.

Beitragsbild: © Lennart Colmer

Buchtipps für die Quarantäne

Norbert Elias Über die Einsamkeit der Sterbenden

Lesen hilft so oder so. Ob zur Ablenkung in der Quarantäne oder zur Einordnung von Isolation, Wahnsinn, Leben und Tod. Welche Buch- oder eBook-Händler ihr im Moment auch unterstützen möchtet, hier sind ein paar Titel für eure Bestellliste.


Dirk Sorge empfiehlt …

 

Wenn ich mich nicht irre von Geert Keil

In den letzten Wochen ist vielen von uns wieder bewusst geworden, wie wichtig es ist, sicheres und verlässliches Wissen über die Welt zu erlangen.

Wir müssen uns auf Aussagen verlassen, die wir nicht alle bis ins letzte Detail nachprüfen können. Wir haben aber auch erlebt, dass selbst Wissenschaftler٭innen und Expert٭innen sich irren können. Wir alle sind fehlbar. Geert Keil analysiert die Fehlbarkeit als eine grundlegende menschliche Eigenschaft und untersucht, wie sie mit den Begriffen Wissen und Wahrheit zusammenhängt. Das schmale Büchlein gliedert sich in 11 Kapitel und wendet sich ausdrücklich nicht an Fachleute, sondern an interessierte Laien. Philosophisches Vorwissen wird nicht vorausgesetzt (kann aber nicht schaden, um den anspruchsvollen Gedankengang leichter nachzuvollziehen).

Die Lektüre von „Wenn ich mich nicht irre“ tut gut, denn Geert Keil rehabilitiert den Wissensbegriff, den wir jetzt dringender denn je brauchen. Einer radikalen grundlosen Skepsis erteilt er genauso eine Absage wie der Selbstüberschätzung des eigenen epistemischen Standpunkts.

Keil räumt in dem Buch mit einem populären Fehlschluss auf: Aus der Tatsache, dass wir uns irren können und nie sicher sein können, ob unsere Aussagen wahr oder falsch sind, folgt nicht, dass unsere Aussagen nie wahr sind und dass es gar keine Wahrheit gibt. Es folgt nur, dass wir die Möglichkeit des Irrtums nie ausschließen können und Fehler eingestehen müssen, sobald bessere Belege oder überzeugendere Argumente vorgelegt werden. Fehler zuzugeben, ist also kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen für Rationalität und Offenheit. Gute Wissenschaftler٭innen und Politiker٭innen räumen ein, wenn sie sich geirrt haben. Das unterscheidet sie von Scharlatanen, Esoteriker٭innen und Fanatiker٭innen.

Wenn ich mich nicht irre. Ein Versuch über die menschliche Fehlbarkeit erschien bei Reclam und hat 96 Seiten.

Bild: © Dirk Sorge

Franziska Friemann empfiehlt …

Grief Is the Thing with Feathers von Max Porter

Max Porter Grief is the thing with feathers

Was passiert, wenn ein Mensch plötzlich stirbt? Wie geht man mit der Leere um, die bleibt, wenn auch der letzte Kondolenzbesuch endet? Wie hält man den Schmerz und die Trauer aus?

In seinem Debütroman Grief is the Thing with Feathers widmet sich Max Porter auf überraschende, ergreifende, lustige und ehrliche Weise diesen Fragen. Ein Vater lebt mit seinen zwei Söhnen in London. Die Ehefrau und Mutter ist plötzlich verstorben. In einem Moment der Verzweiflung und der tiefen Trauer erscheint Crow, die Krähe – eben dieses Ding mit Federn – vor der Haustür der Familie und kündigt an, sie erst wieder zu verlassen, wenn sie nicht mehr gebraucht werde. Sie platzt in das Familienleben, ungehobelt, rotzfrech und gleichzeitig charmant. Allgegenwärtig und wenig zurückhaltend reißt die Krähe das Zepter innerhalb der Familie an sich.

CROW: “I was friend, excuse, deus ex machina, joke, symptom, figment, spectre, crutch, toy, phantom, gag, analyst and babysitter.”

Der Text wirkt seltsam lebendig, unbändig und schlicht wild. Er wechselt von Seite zu Seite die Perspektive – vom Vater zur Krähe, zu den Söhnen und wieder zurück. Auch sprachlich ist alles im Fluss. Prosatext wird durch lyrische Elemente gebrochen. Porter schafft, sozusagen federleicht, das Verschmelzen von Märchen, Wahn und der bitteren Realität der Trauer. Eine Geschichte, die noch lange nach Beenden der letzten Seite nachwirkt.

Grief Is the Thing with Feathers erschien 2015 bei Faber und hat 128 Seiten, die deutsche Übersetzung bei Hanser Berlin.

Bild: © Franziska Friemann

Lennart Colmer empfiehlt …

Rote Kreuze von Sasha Filipenko

Dass nur eine funktionierende Nachbarschaft bereichernd sein kann, hat die jetzige landesweite Quarantänesituation mit Sasha Filipenkos neuem Roman gemeinsam.

Wir schreiben das Jahr 2001 und sehen dem vom Schicksal gebeutelten Alexander bei der Wohnungsübergabe in einem Mehrparteienhaus in Minsk zu. Noch am selben Tag macht er die (anfangs widerwillige) Bekanntschaft mit seiner 90jährigen, an Alzheimer erkrankten Nachbarin. In lebhaften Rückblenden erzählt Tatjana ihre bewegende, vom sowjetischen System verstümmelte Lebensgeschichte, sodass sie schließlich auch zu einem Teil von Alexanders wird. Filipenkos Roman zeichnet ein stoisches wie einfühlsames Bild einer vom Sowjetsystem traumatisierten Gesellschaft, die noch Jahrzehnte später zwischen Erinnern und Vergessen schwankt. Bedrückend, herzlich, packend.

Rote Kreuze von Sasha Filipenko erschien 2020 bei Diogenes und hat 288 Seiten.

Tag der geschlossenen Tür von Rocko Schamoni

Der Titel des Romans scheint aktueller denn je.

Für Schamonis Antihelden Michael Sonntag hingegen stehen vielleicht sämtliche Türen offen, aber er hat wenig Elan, hindurchzugehen. Eingeschlossen in Lethargie und dem Gefühl der Sinnlosigkeit streift der Mittdreißiger ziellos durch Hamburg und legt paradoxerweise dadurch ein großes, kreatives Potenzial zutage, das Schamoni in unverwechselbarer Döspaddeligkeit schildert: Von dem Sammeln von Krankheiten in öffentlichen Räumen über jenes von Absagen bis zum vorgetäuschten Wärterjob in der Kunsthalle wird kaum etwas ausgelassen. So krude wie der Roman auch ist, so unterhaltsam und aus dem Leben gegriffen liest er sich.

Tag der geschlossenen Tür erschien 2012 bei Piper und hat 272 Seiten.

Rumo & Die Wunder im Dunkeln von Walter Moers

Ein Heldenroman wie man ihn nur selten findet, eine Liebesgeschichte wie keine zweite, eine einzigartige Reise ins Ungewisse.

Dieses Fantasy-Meisterwerk aus dem Hause Moers kann ich alle paar Jahre mit derselben Begeisterung lesen wie beim ersten Mal. Dass Harmlosigkeit ein Luftschloss ist, muss Rumo bereits in jüngstem Alter erfahren, als er seinem behutsamen Zuhause plötzlich entrissen wird. Statt den Kopf in den Sand zu stecken, lernt Rumo das Entdecken und das Kämpfen, was sich ihm in den verschiedensten Lebenslagen noch als nützlich erweisen wird. Eine mitreißendes, düsteres Märchen vom Erwachsenwerden und seinen Herausforderungen.

Rumo & Die Wunder im Dunkeln erschien 2003 bei Piper und hat 704 Seiten.


Filiz Gisa Çakir empfiehlt …

Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen von Norbert Elias

Norbert Elias Über die Einsamkeit der Sterbenden

Der Tod ist ein Problem der Lebenden. Tote Menschen haben keine Probleme.

Und er ist ein großes Problem. Unseren Umgang mit dem Thema Tod und Sterben beleuchtet der deutsch-britische Soziologe Norbert Elias in seinem essayistischen Werk „Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen“. Erschienen im Jahre 1982, ist es aktuell wie eh und je. Denn welches Thema liegt während einer Pandemie näher als unsere Vergänglichkeit? Aber Spaß bei Seite, auch wenn es schwer zu glauben klingt, ist dieses Buch keineswegs so deprimierend zu lesen, wie der Titel vermuten lässt!

Ganz im Gegenteil … Obwohl, erbauend ist es auch nicht unbedingt. Es ist nun mal die Realität, dass auch in „Nicht-Corona-Zeiten“ Menschen einsam und allein in einem Krankenhausbett oder in einem kahlen Zimmer im Altersheim sterben. Warum ist das so? Warum schieben wir diesen einzigartigen, wichtigen Moment so weit aus unserem Blickfeld? Aus Angst, Egoismus, oder ist doch der Kapitalismus schuld? Mit diesen Fragen setzt sich der Autor in seiner soziologischen Abhandlung auseinander. Ursachen, aber auch Folgen dieser Verdrängung der Sterblichkeit, die in den westlichen Industrieländern vorherrscht und im Auslagern der sterbenden Menschen oder auch im Zulauf (alternativer) religiöser Strömungen endet, werden analysiert und untersucht. Aber keine Sorge, dies geschieht in einer verständlichen und kurzweiligen Art und Weise.

Bei der Reflexion unserer Auffassung vom Tod und was für uns „gelungenes Sterben“ bedeutet, können wir viel über uns selbst und die Zivilisationsprozesse deren Teil wir sind, lernen. Gerade in Zeiten, die zum Innehalten zwingen, haben wir die Chance uns aufs Wesentliche zu besinnen und uns essentiellen Fragen jenseits der täglichen Zerstreuung zu stellen. Und genau dafür gibt dieser Text von Elias großartigen Input. Es ist kleines Büchlein voller schlauer Sätze und Aha-Effekte, welches in wirklich keinem vernünftigen Bücherregal fehlen sollte!

Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen erschien 1982 bei Suhrkamp und hat 264 Seiten.

© Filiz Gisa Çakir

Lukas Lehning empfiehlt …

Manhattan Beach von Jennifer Egan

In Manhattan Beach lernen wir eine junge Amerikanerin kennen, die sich in den 40er Jahren in New York für den Zweiten Weltkrieg engagiert.

Dies tut sie, indem sie sich in der Marinewerft als Unterwasserschweißerin meldet – ein Knochenjob. Dabei kämpft sie nicht nur mit den Grenzen ihres Körpers, sondern auch mit denen der Gesellschaft. Weder ihr Chef noch ihre Kollegen und Kolleginnen trauen ihr diese Tätigkeit zu. Doch nach zahlreichen Rückschlägen, Enttäuschungen und Zufällen zu ihren Gunsten erreicht sie ihr Ziel: Die Heldin ist, nur umgeben von unendlichen Wassermassen und repariert den Rumpf eines Kriegsschiffs. Hierbei gelangt sie jedoch nicht nur auf den Grund des Hudson Rivers, sie erfährt auch, warum ihr Vater vor vielen Jahren spurlos verschwunden ist.

Jennifer Egan schreibt weniger ein Buch über eine junge Patriotin, als dass sie das Portrait einer Gesellschaft zeichnet, in der junge Frauen gesagt bekommen, was sich für sie schickt und was nicht, in der ihnen eine feste Rolle zugeschrieben wird und in der Ausbrechen nicht vorgesehen ist. All diese – erschreckend aktuellen Beobachtungen – verpackt Egan in einen Roman, der halb Gesellschaftskritik und halb Kriminalroman ist. Und genau darin liegt die Stärke dieses fast fünfhundert Seiten umfassenden Buches. So unbefangen, wie die Hauptdarstellerin zwischen New Yorker Nachtleben der 30er und 40er Jahre und der Arbeit in der Werft hin und her tanzt, gelingt es Egan, ein schwieriges Thema mitreißend zu erzählen.

Manhattan Beach erschien bei S. Fischer und hat 488 Seiten.

Bild: © Lukas Lehning

„soif sauvage“ – Durst auf das Leben

Das Nachdenkliche und Wehmütige schließen Leichtigkeit und die pure Freude nicht aus. Wie verträumt und rastlos Berlin klingen kann, haben soif sauvage für sich entdeckt und nun mit uns geteilt.


Verträumt wie ein herbstlicher Nachmittag an einem stillen See und tanzbar wie eine durchwachte Nacht in Berlin – so hören sich soif sauvage auf ihrem gleichnamigen Debut an. Zwei Jahre ist es her, dass Florence Wilken und Pierre Burdy ihr Musikprojekt ins Leben gerufen haben, das sich irgendwo zwischen House und Indie-Pop bewegt. Seither haben sie einen sinnlichen Sound heranreifen lassen, der sich am besten mit einem simplen, aber anerkennenden „It feels good!“ beschreiben lässt.

Quelle: YouTube

Auf Bandcamp bezeichnen sie sich als „berlin based french duo“, deren melancholischer Electro-Pop von souligem Gesang untermalt wird. Im Sommer 2019, ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung ihres Albums, traten sie bereits als Nachwuchs auf dem Pop-Kultur-Festival Berlin auf.

Soif sauvage siedeln sich musikalisch in der Nachbarschaft einer jungen, diskursfähigen Generation von Pop an, die poetisch-sinnlich und selbstbewusst klingt. Die gefühlsbetonten Lyrics gehen Hand in Hand mit spielerischen Arrangements. Trotz verführerischer Verspieltheit wirkt das Album jedoch wie eine harmonischen Einheit, die wenig experimentierfreudig erscheint. Dass soif sauvage aber das Potenzial dazu haben, lassen sie durchschimmern.

Man kann sich in ihren Songs selbst wiedererkennen und zugleich zwischen den Klängen und Beats verlieren, die, mal subtil, mal ausdrücklich, aber stets zum Tanz auffordern. Auch wenn das Debut von soif sauvage von Melancholie getragen wird, lädt es zum Wohlfühlen ein und lässt die schwer wiegenden Gefühle zehn Tracks lang schweben.

Titelbild: © soif sauvage, bandcamp.com

Ein weltpolitischer Großroman

Es ist ein bizarres und doch erschreckend realistisches Gedankenexperiment, das der japanische Schriftsteller Ryū Murakami, mit seinen zweiteiligen Roman In Liebe, Dein Vaterland vorgelegt hat: Darin besetzt eine nordkoreanische Sondereinheit, getarnt als Rebellen und Kritiker des totalitären Regimes, die japanische Hafenstadt Fukuoka und setzten sich als Ziel, das von Wirtschaftskrisen geplagte Japan zu erobern. Dieses Jahr ist der zweite Band Der Untergang erschienen.


Im ersten Band Die Invasion ist das Expeditionskorps Koryo in Japan gelandet. Nordkorea nutzt dabei die japanische Wirtschaftskrise, die dafür sorgt, dass der Staat im Grunde nicht mehr intakt ist und es ganze Heere an Obdachlosen gibt. Nach und nach übernahm die Yakuza, die japanische Mafia, die politische Macht. Nachdem Koryo eingegriffen hat, hat das Korps versucht, mit politischen Säuberungen die Yakuza zu bekämpfen, sich selbst als Rebellen zu inszenieren und seine Basis in Fukuoka auszubauen, bis das nordkoreanische Heer ganz Japan erobern soll. Band zwei spielt sich – nach kleineren Rückfällen für das Expeditionskorps – zwischen Fukuoka, Tokio, Pjöngjang und der Insel Sakito ab. Murakami nutzt dabei eine riesige Menge an Protagonisten, die in diesem Band größtenteils aus politischen Opportunisten, überforderten Bürokraten, ein schwaches Militär, eine passive Polizei und feigen Journalisten, die sich in den Dienst des Expeditionskorps stellen, besteht. All diese Gruppen diskutieren, ob es sich bei der Invasion um einen kriegerischen Akt handelt oder ob die nordkoreanischen Geiselnehmer Verbündete sind, und überlassen somit den Invasoren die politische Kontrolle, die sich nun medial als Befreier inszenieren, ein autoritäres Regime einführen und unliebsame Zivilisten töten. Aber natürlich gibt es in dem Roman noch die aus der Gesellschaft Ausgeschlossenen: nämlich die Obdachlosen und einer Bande brutaler jugendlicher Satanisten, die Ishihara-Gruppe. Allein Letztere beschließen, die Invasoren zu bekämpfen.

Diese Protagonistenkonstellation ist typisch für den düsteren Murakami. Die Würdenträger und Personen mit öffentlicher Anerkennung und Autorität sind vollkommen hilflos gegenüber dem nordkoreanischen Coup, die geopolitischen und intriganten Aktionen der Koryos werden von ihnen nicht durchschaut, oder wenn doch, dann nur für eigene Klüngel genutzt. So sind die eigentlichen Unsympathen entweder unfähige japanische Akteure oder Verräter, wie selbstgerechte Öko-Mütter im öffentlichen Dienst oder die ideologisch-indoktrinierten Nordkoreaner, die versuchen, im eigentlich neofeudal-kapitalistischen Japan zurechtzukommen. Die potenziellen Retter dagegen sind psychopathische Außenseiter, die mit Gift, Sprengstoff und zelebrierten Gewaltexzessen die Nordkoreaner überraschen wollen.

Eine Erzählkunst, die ihresgleichen suchen muss

Keiner der Protagonisten wird dabei aber als (byronscher) Held gefeiert. Sehr realistisch mangelt es bei Murakami an solch nervigen Archetypen. Kalt und berichtend, hin und wieder versetzt mit beißenden Ironien oder Zynismen schildert der Autor diese unerhörte Dystopie. So wird kein Charakter zur Identifikationsfigur. Der Leser wird vielmehr von der ungeheuerlichen Handlung und dem spezifischen Stil gefesselt. Das ist großartig und eröffnet eine kritischere Auseinandersetzung mit der Handlung, anstatt der emotionalen Präferenz eines bestimmten Protagonisten. Denn selbst die Außenseiter werden nicht als rebellische Underdogs gefeiert, denn sie sind zu brutal, zu psychotisch, zu blutrünstig und zu sektiererisch, um irgendeine Sympathie zu wecken. Zusammen mit Murakamis kühler, meist berichtender Erzählweise geht der Leser also natürlicherweise auf Distanz.

Somit fehlt bei Murakami, abgesehen von politischen Reden der Koryos oder Ishiharas, auch jeder Pathos oder Idealismus. Murakamis eigener Erzählstil ist nämlich herrlich trocken und abgeklärt – und steht in seiner geringen Emotionalisierung und bar jeder Moralisierung in einem auffälligen Gegensatz zur Handlung, die sich irgendwo zwischen einer staatstheoretischen Spekulation für eine Alternativwelt, geopolitischen Abhandlung, Thriller und Actiongeschichte – die entweder an Kriegscomputerspiele oder einen nicht-jugendfreien Manga erinnert – lokalisieren lässt. Daraus wird schließlich ein literarisch meisterhafter Politroman. Spannung, Gewalt und kühle Verstandeskraft geben sich hier die Klinke in die Hand. All dies zeigt nicht nur, dass Murakami offensichtlich ein sehr realistisches bis pessimistisches Menschen- und Politikbild hat, das er grandios (komplex, aber gleichzeitig noch übersichtlich) zu schildern in der Lage ist, sondern auch, dass seine umfangreiche Phantasie von einer hohen politischen Urteilskraft sowie Folgerichtigkeit und Detailreichtum zeugt.

Murakami gelingt somit etwas, was in der Weltliteratur erstaunlich selten ist. Er entwickelt einen weltpolitischen Großroman, der detailliert ein alternatives Szenario denkt, indem er Imperialismus, Feindstellungen und die kapitalistisch-psychotische Perversion unserer Zeit auf die Spitze treibt, ohne in seinen bizarren Schilderungen absurd zu werden. Trockener und gleichzeitig fesselnder, abgeklärter sowie brillanter hätte diese Geschichte nicht erzählt werden können. Eine Erzählkunst, die ihresgleichen sucht.

In Liebe, Dein Vaterland, Bd. 2: Der Untergang von Ryū Murakami erschien im Wiener Septime Verlag und hat 504 Seiten.

Otremba Funeral Service – Das Erbe der Science-Fiction

Hendrik Otremba singt bei Messer und feierte erst 2017 mit Über uns der Schaum sein Debüt als Autor. Jetzt legt er in diesem Nebenjob nach und präsentiert: Kachelbads Erbe. Damit hat er schon wieder ein Buch geschrieben, das im Grunde niemand erwartet hat. Denn hinter dem sperrigen Titel und merkwürdigen Cover verbirgt sich ein im Grunde nicht weniger sperrig aufgebauter Roman mit merkwürdigem Thema. Allerdings im besten Sinne.


Das Jahrhundert der Kryonik

Das Romanthema muss man sich als Autor auch erstmal zutrauen. Und Hendrik Otremba handelt es nicht bloß oberflächlich ab, sondern taucht tief hinein. Im Zentrum steht die Geschichte der Kryonik, erzählt anhand mehrerer Schicksale, die mit dieser wissenschaftlichen Bewegung eng verbunden sind. Die Schicksale liefern praktischerweise unterschiedliche Erzählperspektiven gleich mit und tragen zu einer Handlung bei, die sich durch einige kulturelle Epizentren des 20. Jahrhunderts windet, vom Wien der 20er über Mexiko, Deutschland, Frankreich, Spanien und Vietnam bis zum New York und Chernobyl der 80er-Jahre. Aber was war noch gleich die Kryonik?

Die Forschungsrichtung, welche ab den 1960er Jahren ein paar Institute und Firmen beschäftigte, ging und geht noch heute der Frage nach ewigem Leben nach: Es ist momentan, wie allgemein bekannt ist, ja leider noch nicht möglich, gestorbene Körper wiederzubeleben – aber könnte man Leichen nicht trotzdem schonmal einfrieren für den Fall, dass es doch eines Tages möglich sein wird? Wissenschaftlich betrachtet hätte man dadurch eine valide Forschungsgrundlage, wenn sich irgendwann realistische Möglichkeiten zur Reanimation von Leichen bieten sollten. Subjektiv betrachtet produziert dieser Gedanke Hoffnung auf Unsterblichkeit. Und tatsächlich lassen sich, ähnlich wie im altägyptischen Totenkult, auch heute noch Menschen in der starken Hoffnung auf Wiederbelebung ihrer toten Körper konservieren. Nur dass der mit der Wiedergeburt verbundene Glaube nicht, wie im Altertum, eschatologisch sondern modernetypisch wissenschaftspositivistisch ist: also nicht jenseitig, sondern diesseitig.

Kachelbads Erbe erschien bei Hoffmann und Campe:

Quelle: Instagram

Die ersten Einfrierungen im Sinne der modernen Kryonik fanden Ende der 1960er Jahre statt, und inzwischen lagern nicht wenige konservierte Leichen in Tanks, deren Seelen zu Lebzeiten von einer Auferstehung in einer besseren Zeit träumten – in der zum Beispiel körperliche Gebrechen heilbar oder vielleicht sogar Altern und Sterblichkeit insgesamt überwunden ist. Das Anliegen der modernen Kryonik liegt, im Gegensatz zur Mumifizierung im Altertum, stärker auf der funktionalen Erhaltung aller Organe als auf einer reinen Konservierung der äußeren Erscheinung. Es ist daher auch keine Pyramide, sondern eine Halle mit Tanks voll kahlrasierter Leichen, in dem die Handlungsstränge von Kachelbads Erbe zusammenlaufen.

Eine Science-Fiction-Geschichte

Eigentlich bedient sich der Roman damit eines klassischen Science-Fiction-Stoffs. Denn die Krynonik tauchte unter einem anderen Namen schon Ende des 19. Jahrhunderts in der Literatur auf: 1888 zum Beispiel ließ Edward Bellamy einen Protagonisten durch einen Magnetismus konservieren und das ferne Jahr 2000 besuchen. Auch späteren Autor*innen dienten kryonische Überlegungen für Zeitsprünge in Zukunftswelten, bis die Wissenschaft sich des Themas tatsächlich annahm. Zum Beispiel Stanisław Lem oder die Serie Futurama greifen es auf. Bei Hendrik Otremba, der sich mutig in die Reihe stellt, liegt der Fokus weniger auf den Science-Fiction- und stärker auf kulturgeschichtlichen Aspekten. Was bedeutet die Kryonik, die ja zumindest, was das Einfrieren betrifft, inzwischen tatsächlich angewendet wurde, als soziale Praxis, und welche Schicksale verband sie?

So begleitet Otremba einige Mitarbeiter des fiktiven Unternehmens Exit US, darunter ein gewisser H.G. Kachelbad, durch ihren Alltag Mitte der 1980er Jahre, als die erste große Öffentlichkeitswelle der Kryonik eigentlich schon wieder abgeebbt ist und die Praxis aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verschwinden beginnt, aber dennoch einige Aufträge offen sind. In der Kryonik wartet man ja meist den natürlichen Tod ab. Teil ihrer Tagesordnung ist es somit, nach dem Ableben von Klient*innen von Exit US die Leichen mit einem Kühlwagen abzuholen (der aus verschiedenen Gründen die Aufschrift „OTREMBA FUNERAL SERVICE“ trägt), diese auszubluten, das Blut durch ein Frostschutzmittel zu ersetzen, und in einen Tank mit -196° kaltem flüssigen Stückstoff einzulagern.

„Wenn die Sprache an ihre Grenze kommt, betreten wir eine neue Welt.“

Hendrik Otremba – Kachelbads Erbe

Da das Unternehmen zu dieser Zeit schon einige Jahre auf dem Markt ist, sind bereits zahlreiche Leichentanks zusammengekommen, die in einer Lagerhalle in Los Angeles stehen und regelmäßiger Wartung bedürfen. Nebenbei bieten sie als futuristischer Friedhof auf Zeit einen ausgezeichneten Schauplatz, an dem die Handlungsstränge von Kachelbads Erbe zusammenlaufen. Von dort aus richtet Kachelbads Erbe neben einem literaturwissenschaftlich obligatorischen Blick in die Zukunft auch ausführliche Rückblicke auf Lebensgeschichten der gefrorenen Leichen, ihren Platz in der Zeitgeschichte und die Gründe, die sie zur Kryonik brachten. Der Roman stellt große Fragen, thematisiert zum Beispiel die Grenzen der Sprache, etwa dann, wenn die Nachbereitung eines Lebens plötzlich wieder zu ihrer Vorbereitung wird. Oder fragt, was es eigentlich bedeutet, einen kleinen Gegenwartsmoment in der großen Seinsgeschichte zu durchlaufen. Aber er stellt auch sehr profane Fragen, die ebenfalls ihr Gewicht haben. Zum Beispiel: Was wird eigentlich aus den vielen Leichen, wenn ein Kryonik-Unternehmen sich wirtschaftlich nicht mehr trägt?

Die Kunst der Unsichtbarkeit

Und obwohl der Roman ein Science-Fiction-Thema aufgreift, glänzt er vor allem darin, vermeintlich Übernatürliches einzufangen und unter profanen Aspekten zu betrachten. Es mag zunächst aufstoßen, dass in einem Buch, das wissenschaftliche Sprache verwendet, plötzlich Unsichtbare, Zeitreisende und Seelenwanderer auftreten. Aber Otremba gelingt es, vermeintlich Übernatürliches logisch greifbar zu machen. Unsichtbarkeit zum Beispiel lässt sich von Seite zu Seite immer weiter als eine Eigenschaft nachvollziehen, die manche Menschen oder gesellschaftliche Gruppen zweifelsfrei tatsächlich haben, die man sich grundsätzlich aber auch antrainieren könnte. Auch die meisten anderen Phänomene, die auftreten scheinen zunächst undenkbar, später im Roman aber greifbar und völlig praktikabel. Die wenigen am Ende noch verbleibenden fantastischen Elemente lassen den komplexen Roman an einigen Stellen surreal verschwimmen.

Der fragmentarische Stil von Kachelbads Erbe, der auch an Buchprojekte wie Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen von Philipp Weiss oder Judith Schalanskys Verzeichnis einiger Verluste erinnert, und bei Otremba eine schlanke Form findet, ist in zwei Hinsichten geschickt gewählt. Zum einen kann der Autor damit zahlreiche Epochen abhaken, die er vermutlich selbst spannend genug findet, um ihnen ein Buch zu widmen, zum anderen lassen die Episoden kaum Aspekte unbeleuchtet, um den umkreisten Betrachtungsgegenstand, die Kryonik, auszuerzählen. Er achtet zwar auf den logischen Zusammenhalt zwischen den Fragmenten, traut das letztendliche Zusammenführen der Passagen zu einem Roman aber weitgehend seinen Leser*innen selbst zu. Diese werden mit jedem neuen Kapitel kurz mit dem Gefühl konfrontiert, plötzlich ein anderes Buch zu lesen. Was sich teilweise auch bewahrheitet. Als nachhaltig irritierend fällt höchstens eine aus der Sicht einer Katze erzählte Passage heraus, deren Weltbild trotz starkem Hang zur Verschmustheit und instinktiven Werturteilen doch sehr menschlich erscheint.

Sprünge im Erzählstil, die man während des Lesens ankreiden möchte, werden durch den Einbau von Metaebenen abgefedert. Diese schwanken zwischen wissenschaftlicher Beschreibung, surrealer Betrachtung und persönlichem Erzähler. Bloß manchmal würde man sich wünschen, dass der Roman noch stärker verschachtelt wäre und lieb gewonnene Charaktere noch zumindest ein zweites Mal zurückkehren würden. Aber nicht nur in seinem Thema, auch in seinem Aufbau bleibt der Roman durchgehend unbequem. Damit beweist Hendrik Otremba sein erzählerisches Talent. Zwischen den fragmentarisch zusammengefügten Kapiteln lässt er nicht zuletzt einen gesamten Roman unsichtbar werden.

Kachelbads Erbe von Hendrik Otremba erschien am 5. August 2019 bei Hoffmann und Campe und hat 432 Seiten. Er kostet 24 €, die ersten Seiten sind jedoch auch gratis vorgetragen verfügbar:

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Titelbild: © Kat Kaufmann

Altes, neu vermischt

Es ist nun wirklich nichts Neues: Ein Musiker macht ein Album, nachdem er als selbstinszenierter und furchtbar sensibler Weltenbummler irgendwie inspiriert wurde und dann allzu bekannte, leicht verdauliche Häppchen einer vermeintlichen Authentizität kredenzt. Bonapartes neues und inzwischen siebtes Album Was mir passiert präsentiert solch eine Musik.


Tobias Jundt, dessen Künstlername Bonaparte ist, hat sich für dieses Werk auf die Reise in die Metropole Abidjan in der Elfenbeinküste gemacht, um dort polyvalente Energien und anarchische Beats zu finden. Natürlich wurde er bei der dortigen Musikszene fündig und produzierte allerlei musikalische Hybriden: Seine westliche Popmusik mischt er in 15 neuen Tracks mit der einheimischen Musik. Auch mit Musikern der Elfenbeinküste, wie Jean-Claude „IC Guitare“ Emanuel Bidy oder Tanoh Adjobi „Oanda“ Saint Pierre machte er Aufnahmen. Dabei entstand auch der titelgebende Song.

Ein Schlüsselmotiv des neuen Albums ist dabei der Reisende, der Wanderer, der auf Reisen seine eigene Identität und seine eigene Herkunft entdeckt. Allein dies klingt natürlich hochtrabend, aber ist nichts als abgeschmackte und bourgeoise Banalität eines selbstdarstellerischen Selbstfindungstrips. So besteht ein Großteil von Bonapartes Album aus Phrasen, die manchmal in zweitklassigen Wortspielen verarbeitet werden, und einer angeblichen künstlerischen Authentizität. Dabei flieht Bonaparte in einen ziemlich lahmen Jargon der Eigentlichkeit. Er textet über das Warten auf ein besseres Leben, plädiert dafür, manche Dinge im eigenen Leben passieren zu lassen und zu genießen. Er singt über seine Liebe zum Kochen (in Ich koche), beschreibt, wie eine sexuelle Affäre plötzlich zu Liebe wird (in Ins Herz geschlafen), oder über marode gewordene, aber ganz abstrakt geschilderte Lebensentwürfe (in Chateau Lafite). All das ist ja ganz nett, aber wo genau hier jetzt das innovative Moment oder die spezifische Authentizität des Künstlers sein soll, bleibt mehr als offen. Was ist daran das Besondere, Hörenswerte? Denn anstatt tiefgründige Gedanken zum Leben zu produzieren, bleiben nur Floskeln, die immerhin zuweilen mit einer gewissen Ironie vorgetragen werden oder flachen Wortwitzen (Newsflash: Nur schlechte Autoren schreiben Wortwitze!).

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Komplett verwerfen muss man die 15 Stücke inhaltlich aber nicht. Denn zumindest in zwei Songs sprengt er das langweilige Muster der Eigentlichkeit und wendet sich eher sozialen Problemen (politischer und kultureller Art) zu. Im Lied Big Data, das Bonaparte zusammen mit Farin Urlaub und Bela B singt, wird die digitale Sammelwut und der Verlust negativer Freiheitsrechte mit frechen, wenn auch oberflächlichen Versen kritisiert, mal ironisch, mal sarkastisch. Dieses Stück ist nicht schlecht, aber auch beinhaltet es keine Kritik, derer die Hörer sich nicht ohnehin schon bewusst wären. Da haben Die Ärzte schon Besseres geliefert. Für die eher geringe Qualität der Songs, ist es erstaunlich, welche Größen der zweitklassig singende Bonaparte sonst so für das Album hat gewinnen können: Sophie Hunger, Ruby Hazel und Fatoumata Diawara machen mit, machen die Texte aber auch nicht besser.

Spannender dagegen ist Bonapartes Das Lied vom Tod, der einzige gelungene Song, den der Künstler alleine zustande gebracht hat. Hier bemerkt er, dass alle Musikgenres tot seien, außer Techno, das aber komisch rieche. Ganz offen beschwert er sich hier, dass es keine Musik, keine Lieder mehr gebe, sondern zeitgenössisch nur noch der Beat entscheidend sei. Dabei wünsche er sich gerade ein Lied, zu dem er streiten, lachen und leben könne, also, stilistisch gar nicht so dumm, das Lied vom Tod – man könnte also sagen, das Lied, dass erstens das Sterben der Musik und den unaufhaltsamen Weg des Menschen in den Tod zu begleiten. Diese musikalisch vorgetragene Musikkritik hat durchaus etwas und zeigt, dass die Kunst, das Emotionale oder Aufrüttelnde der Musik – überspitzt formuliert – durch die reine Technik des Techno-Beats ersetzt werde.

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Bis auf einen Song also nichts Besonderes und keine feinfühlige Authentizität. Auch der Sound selbst ändert daran reichlich wenig. Er erschafft zwar Hybriden aus Popmusik, Berliner Beats und der Musik der Elfenbeinküste, aber dies bestenfalls eine mal annehmbare Neumischung, mal schon fast ein reines Hipster-Klischee. Eine Neumischung von Stil und Klängen machen noch keine neue Musik. Zugestehen muss man, dass dadurch manche Tracks abgefahren klingen, selbst wenn sie kitschig werden.

Bonaparte versteckt sich also hinter seiner neuen Selbstinszenierung – diesmal fast ausschließlich auf Deutsch. Inhaltlich ist das Album Was mir passiert eine Banalität, die als feinfühlig und tiefsinnig daherkommt, aber, eben bis auf ein bis zwei Songs, trivial ist. Dafür lohnt sich ein Albumkauf sicherlich nicht. Die Musik ist zwar auch nicht innovativ, aber der Sound ist wenigstens abwechslungsreich, selbstironisch-emotional und der Mischung zumindest kein purer Mainstream und manchmal auch ungewöhnlich – aber selten wirklich gut.

Was mir passiert von Bonaparte erschien am 14. Juni bei Columbia/Sony Music und hat 15 Tracks.

Titelbild: © Dadi Thierry Kouame

Ann Cotten – Lyophilia

Lyophilia ist ein zähes, schwer lesbares und stellenweise ganz wunderbares Buch. Der Suhrkamp-Verlag, der die Bücher der österreicherischen Autorin verlegt, nennt es Science-Fiction auf Hegelbasis. Das meint wahrscheinlich, dass das Buch dialektisch angelegt sei. Tatsächlich besteht Lyophilia hauptsächlich aus zwei längeren Erzählungen, die sich antithetisch gegenüberstehen. In der Erzählung „Proteus“ geht es um eine Dreiecksbeziehung des Musikers Zladko zur slowenischen Politikerin Ganja und ihrem Sohn Igor. Die Geschichte ist in einer nahen Zukunft angesiedelt in der es Sex-Roboter gibt, aber die Menschen noch auf der Erde leben.


Diese Zukunft hat die bekannten Fragen und Probleme der Gegenwart zugespitzt: „Die Unruhigen übertünchen ihre krankhafte Unruhe, indem sie die Ziele ihres Strebens mit den Vorschlägen der Werbung streamlinen. Der Werbung oder ihrer Eheleute. Die können genauso wenig wie ich Ordnung schaffen und in der Sonne liegen, aber ihr Chaos und ihre Unruhe wird in Anzüge, Villen, automatische Autos oder gedankenabwesende Kinderbetreuung gespeist.“

Zladko, der Ich-Erzähler in „Proteus“ spielt Saxofon in einer Band, deren größter Hit „Lyophilia“ heißt. Das Wort bezeichnet die Gefriertrocknung und ist eine Möglichkeit Körper für die Ewigkeit zu konservieren. In der Erzählung „Proteus“ spielt dieses Prinzip kaum eine Rolle, dafür in der zweiten längeren Geschichte „Mitteilungen vom Planeten Amore [KAFUN]“. Die Protagonist٭innen leben auf einer weit entfernten Kolonie, die sie durch eine Zeitreise erreicht haben. Für diese Zeitreise wurde ihr Geist gefriergetrocknet – lyophilisiert.

Diese Erzählung ist deutlich hermetischer. Verschiedene Protagonist٭innen einer Gruppe von Siedler٭innen des Planeten Amore [KAFUN] berichten von ihrem Leben auf diesem Planeten und ihren Beziehungen untereinander. Jetzt fährt Ann Cotten das komplette Science Fiction-Arsenal auf: ferne Planeten, Zeitreisen, Klonen. Die Haupterzählerin nimmt ihren Lebenspartner „Emile“ nur im Plural wahr. Dadurch entstehen Sätze wie: „Emile rollen, bleiben auf den Rücken liegen, die Knie verlangsamt wie bei einer nachdenklichen Spinne. Er scheinen zu überlegen, ob er weiterrollen sollen oder wollen, picken sich einen Grashalm vom Pullover. Rollen plötzlich wieder los, aber fast zitternd vor Unentschiedenheit.“

Solche Einfälle machen Lyophilia zu einem interessanten Prosawerk. Frustrierend sind dagegen die zahlreichen anderen Einfällen, die sich zwischen den Zeilen andeuten. Teilweise sind sie in den begleitenden kürzeren Texten versteckt. Eine dieser Theorien ist, dass die Außerirdischen den Menschen das Sprechen beigebracht haben. Doch wahrscheinlich haben die meisten Leser٭innen frustriert von zu viel Verrätselung aufgegeben, bis sie sich diese Konstrukte erschlossen haben. Zudem konnte Ann Cotten der postmodernen Versuchung nicht widerstehen, aus Lyophilia ein Buch über das Erzählen selbst zu machen. Die Figuren in „Mitteilungen vom Planeten Amore [KAFUN]“ gründen zum Beispiel einen Literaturclub. Ob sie dort Lyophilia lesen würden, ist unwahrscheinlich. Damit entgehen ihnen einige interessante Einfälle, aber sie ersparen sich eine Menge Frust.

Coverbild: © Suhrkamp Verlag

Schellenmann – ein Schwäbisch Noir

Philipp Böhms Schellenmann überzeugt vor allem durch seinen sphärischen Schreibstil, der expressionistische Unschärfe erzeugt. Und ein ungewöhnliches Romandebüt freisetzt.


Philipp Böhms Debütroman Schellenmann spiegelt eine Situation, die der Autor und vielleicht auch einige seiner Leser٭innen selbst ganz gut kennen: Die Jugend in einer Kleinstadt geht zu Ende, die wichtigste Lebensentscheidung besteht für einen Moment in der Frage: bleiben oder wegziehen? Das gespiegelte Bild jedoch verzerrt sich durch den Umstand, dass Protagonist Jakob sich fürs Dableiben entscheidet. Statt herauszuwollen und einer Ausbildung nachzugehen, folgt er seinem Freund Hartmann ungelernt in die Fabrik am Stadtrand. Von der er noch nicht einmal genau weiß, was produziert wird, deren Maschinen im ganzen Betrieb fast niemand wirklich versteht und deren Charaktere Böhm ihn in ihren Eigenheiten studieren lässt.

Fremd bleiben sie ihm und den Leser٭innen dennoch. Wie alles fremd bleibt, in dieser Stadt, in die Jakob erst ein paar Jahre vor Einsetzen der Handlung zugezogen ist. Das eigentliche Problem am Bleiben jedoch ist, wie er dann auch erfahren muss, dass um einen herum ja trotzdem vieles wegbricht. Und sei es nur die endende Jugend oder das Wegziehen von Freund٭innen. Bei Böhm wird es noch dramatischer: Selbst die Natur scheint zu protestieren und Jakob forttreiben zu wollen, was dramatische Züge annimmt.

Die Überspitzung dieses Konflikt führt Philipp Böhm auch ein Stück weit ins Fantastische, vielleicht, weil er eine Realität durchspielt, die er selbst hätte wählen können, die ihm dann aber selbst zu abstrakt und unrealistisch erscheint. Ein wertvolles Stilmittel dieser Fantasie ist die von ihm in die Handlung eingefügte Figur des Schellenmanns, die er sich aus der schwäbisch-allemannischen Fastnachts-Folklore leiht. In dieser tritt der Schellenmann, auch „Gschell“ genannt, seit einigen Jahrhunderten als Repräsentant des Sommers und Gegenspieler des Federahannes auf, der den Winter verkörpert. Letzterer soll mit lauten Glocken ferngehalten werden, die ersterer am Körper trägt. Auch in Böhms Schellenmann will ein Sommer nicht enden und hält an, bis selbst die Tiere beginnen, vor sich hinzusterben, und der Schellenmann Realität wird – eine Entscheidung des Autors, die maßgeblich dazu beiträgt, dass man als Leser٭innen mitfühlen kann, wie fremd Jakob, dem Zugezogenen, sein Umfeld eigentlich ist – die Riten, Verspanntheiten und Dynamiken eines verschlossenen Raums.

Der Roman lebt inhaltlich vor allem durch die persönliche Inhaltsebene und seine Porträts der Mikrokosmen Kleinstadt und Fabrik. Die noch größeren Stärken hat das Debüt aber in seinem Sprachstil, der es schafft, einen Farbfilter über die Handlung zu legen. Beschrieben wird so wenig wie möglich, was zum einen ein gewisses Desinteresse der Protagonist٭innen an ihrer Umwelt aufarbeitet, die eben nicht die spannende weite Welt ist, sondern der kleine, bedeutungslose Ort, an dem eben wohnt. Zum anderen setzt es Bilder frei.

Und wo doch etwas beschrieben wird, da ist es karg, unwirtlich und im Grunde auch nicht so richtig beeinflussbar, sondern einfach eine nutzlose Gegebenheit. Wie die Blätter und Zigarettenstummel in der Ecke des Fabrikhofs, die sich nach jedem Fegen neu sammeln oder „zusammgeknüllte Burger-Tüten, Bierflaschen, Umsonstzeitungen, Flip-Flops, Eierkartons“, die den Bach entlangtreiben – „und dann die Eichhörnchen“.

Ein einziges Manko dieses ausgereiften Erzählstils ist, dass die Handlung hinter ihm teilweise nur unscharf und benommen durchscheint und der eigentliche Plot, in dem immerhin auch noch eine Figur spurlos verschwindet, eher hintergründig wird. Das nimmt Böhm jedoch in Kauf, um der über allem schwebenden Warum-Frage und inneren Unruhe des Erzählten auf mehreren Ebenen gerecht werden zu können.

Wo es Schellenmann an Spannung fehlt, springt eine durchdringende Anspannung ein. Philipp Böhms Roman, der sich expressionistisch liest, entromantisiert das Idyll, stellt aber gleichzeitig die Sinnsuche junger Menschen überhaupt in Frage: Wieso löst es so einen starken inneren und äußeren Widerstand aus, sein Glück nicht in Selbstverwirklichung zu suchen, sondern einfach nur zu probieren, sich an dem Ort, an dem man lebt, einzurichten und ein kleines bisschen weniger fremd zu fühlen?

Schellenmann von Philipp Böhm erschien 2019 im Verbrecher Verlag und hat 224 Seiten.