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Teufelszeug mit Echolot

Ping. Ping. Ping. Wo gerade noch die ausgedehnte Anfangsstille war – ein Markenzeichen für die Alben des ECM-Labels –, tastet nun ein Echolot den Raum ab. Ping. Ping. Ping. Das Tasten, das Suchen und Erkunden könnte so etwas wie ein Leitmotiv sein, aus dem heraus Avishai Cohen mit seiner Band Big Vicious sein neues Album geschaffen hat.


»Wir kommen alle vom Jazz, aber einige von uns haben ihn früher verlassen. Jeder bringt seinen Hintergrund mit ein und macht ihn zum Teil des Klangs der Band«, beschreibt Avishai Cohen die Grundkonstruktion seiner Formation. Es ist das vierte Album, das der bärtige Trompeter (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Bassisten) beim Münchner Label ECM veröffentlicht. Diesmal allerdings ist es kein Projekt mit kleiner Besetzung, sondern das Ergebnis einer vielseitigen Bandstruktur, die lakonisch »Big Vicious« heißt – das große Böse. Ok, das klingt bedrohlich, fast nach einem düsteren Metal-Act; doch das Album ist ganz anders angesiedelt. Electronica, Ambient-Musik und Psychedelia sind Teil der Mischung, ebenso wie Grooves aus Rock, Pop, Trip-Hop und mehr. Jazz eben.

Monolith

»In dieser Band geht es nicht wirklich um die Soli. Das ist hier nicht das Ziel oder die Ästhetik. Es geht vielmehr darum, wie man einen Song erschafft, auch wenn niemand singt.« Tatsächlich wirken die Songs wie aus einem Guss – fast schon so, ob hier nicht vier oder fünf Musikern zuhört, sondern nur einem einzigen.

Das liegt vielleicht daran, dass sich Big Vicious auf langjährige Freundschaften stützt: Avishai Cohen und der Gitarrist Uzi Ramirez besuchten die gleiche High School in Tel Aviv. Gitarrist bzw. Bassist Jonathan Albalak und der Schlagzeuger Aviv Cohen, beide aus Jerusalem, spielen sein zwanzig Jahren in verschiedenen Ensembles zusammen. Die Besetzung ergänzt der zweite Drummer Ziv Ravitz, der noch zusätzliche Energie ins Musikgeschehen pumpt.

Was bündelt eigentlich das Album?

Gibt es einen Signature Track, also eine Art Filetstück, in dem sich alle Qualitäten und Charaktereigenschaften des Albums verdichten? Ich schaue auf meine Notizen. Wo sonst ein-zwei Stücke unterstrichen sind, gibt es hier eine ganze Liste von Songs. Und die könnten kaum unterschiedlicher sein.

Da ist das Eröffnungsstück »Honey Fountain« mit seinem mitreißenden Thema und dem besagten Echolot. Smart kommt es daher und gibt dem Album alles andere als eine akademische Grundstimmung, sondern eher eine zugänglich-poppige. Cool ist hier, wie sich die beiden Drummer ergänzen und ein Koordinatensystem von Beats in den Raum hauen. Man dreht den Lautstärkeregler gleich etwas lauter …

Dann begeistert mich das Energiepaket »King Kutner«. Wie ein Turbolader gibt auch hier das Schlagzeug Schub und baut in Komplizenschaft der rotzigen E-Gitarre aus dem Stück eine punkige Nummer. Von akademisch und esoterisch-ätherisch – Vorurteile, die man dem ECM-Label und seinem vermeintlich nordischen Sound oft nachsagt – ist hier nichts zu spüren.

»This Time It’s Different« zeigt die Offenheit der Band für Synthesizer-Effekte und wie sie gelungen in eine doch ganz klassische Jazz-Nummer Einzug finden. Fiepsen, Pfeifen, dazu die Trompete – Big Vicious schaffen daraus einen ganz lässigen Sound mit Ohrwurmcharakter.

Also nochmal die Frage nach dem Grundcharakter. Die Antwort: Das Album legt sich nicht fest, fährt sich nicht auf einen Songtypus ein, sondern führt viele Stile zusammen. In diesem Patchwork aus Feinsinnigem und Kantigem findet sogar eine Version von Beethovens Mondscheinsonate ihren Platz – und natürlich eine betörende Coverversion …

Und dann kommt ein Übersong aus den 90ern

 »Wir spielten zu Beginn einige Coverversionen. Vor allem Musik aus den 1990er Jahren, weil das bei unserer Generation nachklingt, die Dinge, die wir in der Schule gehört haben. ›Teardrop‹  von Massive Attack ist eine Musik, von der wir nie müde werden. Es ist ein Stück, in dem man für immer bleiben kann – jedes Element darin ist so vollständig und gleichzeitig so einfach.« Zweifellos gehört »Teardrop« zum Größten, was die Neunziger Jahre musikalisch geschaffen haben.

Wie das so ist mit Coverversionen von solchen Megasongs: So manche Band verhebt sich und zerschellt im schlimmsten Fall im Duplikat-Kitsch. Doch die Big-Vicious-Version umschifft diese Gefahren souverän; sie schafft die Gratwanderung, dem Songs-Charakter zu erhalten und ihn doch in eine eigene Form zu gießen. Die Trompete übernimmt die Rolle der Leadsängerin, das Schlagzeug liefert den düster-schleppenden Puls und die wahnsinnig schön verzerrte Gitarre mengt entrückte Klangspuren im Bitches-Brew-Style bei.

Dass der Song schon mehr als 22 Jahre auf den Buckel hat, ist egal. Das, was Big Vicious daraus machen, offenbart: Er war, ist und bleibt cool.

Big Vicious – das große Böse. Wenn Avishai Cohen mit seiner Formation diese Begrifflichkeit so schön auslegt, dann kann man nur sagen: Bitte mehr davon von diesem Teufelszeug, das so großartig klingt!


Beitragsfoto: © Stefan Weigand, Bandfoto: © Ben Palhov/ECM, Galerie: © Stefan Weigand

Daniela Krien: Muldental

In Muldental erzählt Daniela Krien elf Geschichten, die sich im Kern mit der Frage „Schicksal oder Schuld?“ befassen und im weitesten Sinne mit der Vereinigung zwischen Ost- und Westdeutschland zusammenhängen. Der Roman lässt erahnen, dass unter die Oberfläche blicken noch nicht bedeutet, auch in die Tiefe zu schauen.


Die auf dem Cover von Muldental abgebildete junge Frau in Schwarz, die vor einem dämmergrauen Hintergrund in die Ferne schaut, scheint zum Verwechseln ähnlich mit dem bekannten Gemälde Lucas Cranachs des Älteren, das Martin Luther zeigt. Auch wenn Welten zwischen ihnen liegen, stehen beide im Zeichen des Umbruchs. In elf Kapiteln lässt Daniela Krien verschiedene Protagonisten sprechen. Würde man ihr Konzept auf eine simple Gleichung herunterbrechen, würde es „Eine Portion Realität, eine Portion Fiktion“ lauten.

Die Autorin wahrt Distanz zu ihren Protagonisten, indem sie als Außenstehende über sie schreibt. Dennoch zeichnet sie auf lakonische, doch unter die Haut gehende Weise ihre jeweiligen Innenwelten nach. Es bedrückt, da jede in irgendeiner Form isoliert erscheint und sich um eine mehr oder minder starke Verzweiflung dreht. Doch sind viele dieser Welten auch irgendwie miteinander verknüpft – in der Vergangenheit, im Jetzt oder in beidem. Muldental ist der Ort, der die Geschichten in sich versammelt wie eine Senke, die sich bei Regen stets mit Wasser füllt.

Zwar macht Krien es einem leicht, in die Realitäten der jeweiligen Protagonisten einzutauchen. Doch sind die Erzählungen alles andere als einfach einzuordnen. Der Subtext von Muldental vermittelt uns deutlich, wie wir einerseits leicht verleitet werden, uns ein Urteil über das Denken und Handeln anderer zu bilden und wie es uns andererseits herausfordert, einfach zuzuhören und zu versuchen zu verstehen. Oft ist es nämlich diese Auseinandersetzung, worauf es zuerst und vor allem ankommt.

Beitragsbild: © Lennart Colmer

Die Klassenfrage kehrt zurück in die Literatur

Spätestens seit Anke Stellings Roman Schäfchen im Trockenen ist es in der deutschen Literaturszene wieder legitim, sozioökonomische und -kulturelle Selbstreflexionen zu verfassen, um den eher elitären Schriftstellerhabitus von Menschen, die doch meist in prekären Verhältnissen leben, zu hinterfragen. Doch nun hat der Journalist etwas wesentlich Gewagteres vorgelegt: eine Autobiographie über seine Jugend und Kindheit in Armut, eine Autobiographie, in der er die Klassenfrage stellt. Sein Buch Ein Mann seiner Klasse bringt endlich wieder Leben, ökonomische Fragen und gesellschaftliche Probleme zurück in die Literatur.


Baron schreibt im Grunde sogar mehr als eine Autobiographie, nämlich die Geschichte seiner Familie. Er berichtet, wie sich seine Eltern im Arbeitermilieu von Kaiserslautern kennengelernt und ein Kind nach dem anderen bekommen haben. Der Leser erfährt, dass die Mutter Dichterin werden wollte, aber ihr schulisches und soziales Umfeld es ihr vergätzt haben und sie schließlich depressiv wurde. Wir erfahren, dass der Vater ein Alkoholiker war, der Frau und Kinder verprügelte und nirgendwo hohes Ansehen besaß. In diese Familie wurde der Autor hineingeboren.

Nach dem frühen Tod der Mutter an Krebs kamen die Kinder zur Tante mütterlicherseits – die immer noch zur Unterschicht gehörte, aber resolut und ehrgeizig war und ihren Schwager verabscheute. Während sein Bruder immer wieder Drogenprobleme hatte, schafft Christian Baron es aber schließlich, auch durch die Förderung einer anderen, wohlhabenden und gebildeten Tante, das Abitur zu machen, und interessiert sich bald für Journalismus – jedoch nicht ohne in einer höheren Schule stets als Außenseiter zu gelten, als derjenige, der aus einer Unterschichtenfamilie kommt und vom Bildungssystem systematisch diskriminiert wird.

Das Buch erzählt nicht nur von sozialem Elend und der Armut, am Ende des Monats nicht mehr genug Nahrung zu haben, weil der Schläger-Vater zu viel vom wenigen Geld versoffen hat, und davon, zu Hause keine Förderung zu erhalten, sondern auch davon, in ständiger Angst leben zu müssen. Es geht auch um Barons Selbstreflexion. Denn er entschuldigt nicht nur dauernd die Passivität der Mutter, die selbst das Opfer ihres Ehemannes ist und gleichzeitig aber die Kinder, aufgrund ihrer Depression, schützt; er liebt auch seinen Vater bedingungslos. Nie wollte er ihn loswerden, egal wie bösartig der Patriarch war; nein, Baron will immer, dass sein Vater sich ändert. Diese ständige Ambivalenz durchströmt das ganze Buch. Und er wird sich bewusst, dass – was keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung ist – der Vater ein „Mann seiner Klasse“ war, nie Aufstiegschancen hatte, nur Armut kannte und selbst bereits aus der Familie eines prügelnden Alkoholikers stammte.

Gewalt, Armut und Pathos

Barons Buch bildet also nicht einfach ein Milieu ab. Dabei erklärt er gar nicht einmal sonderlich viel, sondern beschreibt nur sehr genau – doch gerade dies gibt Ein Mann seiner Klasse eine große Kraft und dennoch einen explanatorischen Wert, den man selbst herausziehen kann, so deutlich ist die Schilderung. Denn Barons Stil und Sprache sind, selbst noch bei den Elementen der akademischen Selbstreflexion, einfach, simpel und klar. Baron gibt soziale Zustände exakt wieder, ohne Fremdworte nutzen zu müssen: ein stilistisches Bekenntnis zur Arbeiterklasse. Diese Klarheit wird ein bisschen unterminiert durch einige pathetische Elemente und der einseitigen Festsetzung des Vaters als Täter und der depressiven Mutter als Opfer – aber davon, dass sie ihre Kinder beschützt hat, liest man nichts. Doch es wäre natürlich zu viel erwartet von einer offenen Autobiographie, die so unangenehme, persönliche und doch gesellschaftlich relevante Themen berührt, wenn man hier noch eine nüchterne Analyse, statt dem kindlichem Pathos, das Baron als Junge fühlte, erwarten würde.

Obgleich es eine Autobiographie über die eigene Kindheit und Jugend ist, hat Baron es nicht nur geschafft, die eigene Entwicklung und Selbstfindung zu skizzieren. Seine Vergangenheit ist ein pars pro toto für eine ganze soziale Schicht oder Klasse. Ein Mann seiner Klasse steht dafür, als Junge in Armut, Not und damit auch Angst und Unfreiheit aufzuwachsen. Das Buch steht für Kinder, die früh männliche Gewalt erfahren. Das Buch steht für psychische Aufarbeitung dieses Leids, und für Liebe, Erinnern und die Suche nach Versöhnung mit der Familie und der Vergangenheit in einer widersprüchlichen Welt der Gewalt, sozialen Ungleichheit und Exklusion. Genau das ist der Verdienst: dass Baron die lange vergessene Klassenfrage wieder zurück in das öffentliche Bewusstsein rückt und dabei ohne ganz ohne Resignation oder Hass auskommt. Gegenüber diesem Debüt sehen andere deutsche, bourgeoise Debütromane – die meist davon handeln, wie ein rich kid auf Selbstfindungstrip geht, oder wie jemand mal als Kind gehänselt wurde – alt und abgeschmackt aus. Barons Klassenautobiographie gibt der Literatur ein wichtiges Stück Leben, Seele, Authentizität und die Behandlung manifester sozialer (statt nur individueller) Probleme zurück.

Ein Mann seiner Klasse von Christian Baron erschien am 31. Januar 2020 im Claassen Verlag und hat 288 Seiten.

Coverbild: © Claassen Verlag

Peers Penis oder Eidingers Finger?

Peer Gynt an der Schaubühne in Berlin ist eine Inszenierung Lars Eidingers – in mehrfachem Sinn. Mit diesem Satz ist schon vieles gesagt, ja, vielleicht alles.


Oder man geht hin und beschreibt das Bühnenbild des Aktionskünstlers John Bock, thematisiert das große Stoffgebilde mitten auf der Bühne – verziert mit unzähligen Stoffwürsten, vielleicht Zitzen, vielleicht Penisse, schwer zu sagen. Das Gebilde, das von einigen Rezensent٭innen als ruhender Elefant erkannt wurde, von anderen als undefinierbares Plüschtier, sich am Schluss aber doch eindeutig als übergroßer Kuheuter herausgestellt.

Penis & Porno

Oder man entscheidet sich für eine Rezension, in der man alle Wortwitze einflicht: Peer-fect, Peer-peroni, peer pedes, Peer-rücke. Ja, Perücken gab es einige, und Kostüme auch, aber selten mit richtiger Hose. Immer nur mit Unterhose. Überall Unterhosen. Oder halt nur Penis. Nicht Peers Penis, sondern eher Lars‘ Penis. Kennt man. Und dann wären da noch die ganzen Intertextualität: Songfetzen von a-ha, Zitate von Kanye West oder Brecht.

Das zuvor bei der Buchung angekündigte pornografische Material ist dabei kaum provozierend im Gegensatz zum ekelhaften Rumgeschmier: Bier, Tiefkühlpizza, saure Gurken, Cola, Eier in einen Standmixer püriert und dann getrunken, bis einem beim Zugucken die Galle hochkommt. Aber auch nichts Neues an der Schaubühne: Hat sich nicht in Thomas Bernhards „Das Kalkwerk“ Schauspieler Felix Römer in kiloweise Eiern und Mehl selbst paniert?

Profilneurose & Publikum

Und was bleibt? Henrik Ibsens „Peer Gynt“? Ja, wahrscheinlich. Ist die Inszenierung doch ebenso weit weg wie nah dran am dramatischen Gedicht über den lügenden Bauernsohn und seine realitätsfernen Fantasiewelten. Aber ganz zum Schluss steht immer nur eines im Scheinwerferlicht: die Suche nach der eigenen Bedeutung, nach Geltung. Und eben Lars Eidinger, Lars Eidinger, Lars Eidinger und Lars Eidinger.

Lars Eidinger, © Benjakon

Hier soll aber kurz der Blick weg von ihm – sorry! – und das Licht auf jene Menschen geworfen werden, die ihm eine Bühne bauen: sein Publikum. Denn kaum erscheint er (Mist, da ist er ja wieder!) am Anfang auf der übergroßen Leinwand, sorgen einzelne Zuschauer٭innen für Irritationen. Sie zücken die Handys. Bei Konzerten bekannt, aber im Theater? Als er seine ersten Takte zum Besten gibt, filmen einige. Auch nach der Vorstellung machen ein paar Zuschauer٭innen weiter Bilder – ein Foto mit Lars Eidinger an der Bar. Eidinger, der Popstar der Theaterwelt. Und ja, es ist unmöglich, einen Absatz in einem Review eines Lars-Eidinger-Stücks zu schreiben, ohne ihn zu erwähnen. Aber ein Versuch war es wert.

Peer & Presse

In der Presse gibt es keinen Konsens. Einige loben, andere zerreißen. Viele können sich nicht entscheiden: Ist das „Taten-Drang-Drama“ nun gut oder schlecht? Oder mehr so mittel? Oder hat man selbst sie nur einfach nicht verstanden, die Inszenierung, Nebenverweise und Andeutungen übersehen? Oder war es nicht doch eher eine Performance, eine Peer-formance? Und kann man dem Ganzen mit bloßer Beschreibung des Bühnenbilds oder einzelnen Aktionen gerecht werden?

Vielleicht ist es der Reizüberflutung geschuldet, dass es gar nicht einfach ist, hier zu urteilen. Gut gespielt war es, keine Frage. Fast zurückhaltend für Eidinger-Verhältnisse. Und teilweise wirklich gute Ideen. Aber auch diese Rezension kann sich nicht entscheiden. Und so bleibt am Schluss dieser eine Satz: „Peer Gynt an der Schaubühne in Berlin ist eine Inszenierung Lars Eidingers – in mehrfachem Sinn.“

PS: Eidinger – oder war es Gynt? – hat sich übrigens den Finger abgeschnitten. Aber kein Grund zur Sorge, es ist alles wieder dran. Weiteres ist einschlägigen Medien zu entnehmen.

Titelbild: Peer Gynt, ein Taten-Drang-Drama von John Bock und Lars Eidinger, © Benjakon

„soif sauvage“ – Durst auf das Leben

Das Nachdenkliche und Wehmütige schließen Leichtigkeit und die pure Freude nicht aus. Wie verträumt und rastlos Berlin klingen kann, haben soif sauvage für sich entdeckt und nun mit uns geteilt.


Verträumt wie ein herbstlicher Nachmittag an einem stillen See und tanzbar wie eine durchwachte Nacht in Berlin – so hören sich soif sauvage auf ihrem gleichnamigen Debut an. Zwei Jahre ist es her, dass Florence Wilken und Pierre Burdy ihr Musikprojekt ins Leben gerufen haben, das sich irgendwo zwischen House und Indie-Pop bewegt. Seither haben sie einen sinnlichen Sound heranreifen lassen, der sich am besten mit einem simplen, aber anerkennenden „It feels good!“ beschreiben lässt.

Quelle: YouTube

Auf Bandcamp bezeichnen sie sich als „berlin based french duo“, deren melancholischer Electro-Pop von souligem Gesang untermalt wird. Im Sommer 2019, ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung ihres Albums, traten sie bereits als Nachwuchs auf dem Pop-Kultur-Festival Berlin auf.

Soif sauvage siedeln sich musikalisch in der Nachbarschaft einer jungen, diskursfähigen Generation von Pop an, die poetisch-sinnlich und selbstbewusst klingt. Die gefühlsbetonten Lyrics gehen Hand in Hand mit spielerischen Arrangements. Trotz verführerischer Verspieltheit wirkt das Album jedoch wie eine harmonischen Einheit, die wenig experimentierfreudig erscheint. Dass soif sauvage aber das Potenzial dazu haben, lassen sie durchschimmern.

Man kann sich in ihren Songs selbst wiedererkennen und zugleich zwischen den Klängen und Beats verlieren, die, mal subtil, mal ausdrücklich, aber stets zum Tanz auffordern. Auch wenn das Debut von soif sauvage von Melancholie getragen wird, lädt es zum Wohlfühlen ein und lässt die schwer wiegenden Gefühle zehn Tracks lang schweben.

Titelbild: © soif sauvage, bandcamp.com

Brittany Howard – Permission to fuck it up

Die Frontfrau der Alabama Shakes hat ein Soloalbum vorgelegt, das überzeugt. Brittany Howard hat elf starke Songs produziert, die sehr unterschiedlich, aber immer authentisch sind und Spaß machen.


Bis heute ist es in der Evolutionsforschung ungeklärt, was zuerst da war: die menschliche Sprache oder der Gesang. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte, in einer Symbiose aus gesprochenem Wort und gesungenen Tönen. Der menschlichen Stimme wird in den letzten Jahren in ganz unterschiedlichen Disziplinen vermehrt Gehör geschenkt. Von der einzigartigen Individualität einer jeden einzelnen Stimme, dem Potenzial, mit nur einer Stimme auch vielen anderen Menschen eine „Stimme“ zu geben und der Möglichkeit verdrängte Erinnerungen über die eigene Stimme wieder zugänglich zu machen, ist die Rede (Alice Lagaay 2011, p. 57–69.). Die US-amerikanische Künstlerin Brittany Howard legt mit ihrem Solodebüt nun ein eindrückliches Werk vor, aus dem sich diese drei Dimensionen ablesen lassen.

Nach dem zweiten, 2015 erschienenen, sehr erfolgreichen Studioalbum mit ihrer Band Alabama Shakes präsentiert Howard nun mit elf Songs ein Album, das in Gedenken an ihre verstorbene Schwester den Titel „Jaime“ trägt. Fast könnte man von einem Konzeptalbum sprechen, denn was alle Songs vereint, sind sehr intime Einblicke in Howards Leben: unerwiderte Liebe, jemanden zu vermissen oder unabhängig von den Vorstellungen einer Gemeinde an Gott zu glauben. Ihr Leben war, wie sie selbst sagt, auch bestimmt von dem Gefühl anders zu sein:

“In a small town like where I come from, different is bad—I never wanted to be different. My greatest wish was to be like everybody else. I didn’t want to be almost six feet tall, didn’t want this big, bushy hair“.

Brittany Howard

Davon gibt besonders der Song „Goat Head“ ein Zeugnis. Über einen trip-hop-artigen Beat mit dezenten Piano-Tönen singt Howard: „My mama was brave to take me outside/cause mama is white and daddy is black/when I first got made, guess I made these folks mad“. Howard erzählt hier von dem traumatischen Erlebnis, als Unbekannte einen Ziegenkopf auf dem Hintersitz des väterlichen Autos platzierten, um die Familie einzuschüchtern. Diese privaten Erlebnisse stehen stellvertretend für viele farbige Menschen in den U.       S.A. und weltweit, die mit Rassismus alltäglich umgehen müssen.

Howards Stimme zeigt sich als perfektes Vehikel, um diese Lebenswirklichkeit vieler Menschen auf einmal zu transportieren. Ihr Timbre bewegt sich zwischen dem, was wir als typisch weiblich/männlich beschreiben würden. Mal kraftvoll und kratzig, mal sanft und melodisch wie in „Short & Sweet“. Howards Timbre und Wortbetonung lassen einen da unweigerlich an Nina Simone denken. Aber auch gewisse Einflüsse von Prince kommen vor allem in „Stay High“ und „Baby“ durch. Howard klingt ganz und gar nicht „wie ein Frosch mit einer sehr, sehr guten Soulstimme“, so Jens-Christian Rabe in der Süddeutschen.

Und auch dem Vorwurf einer nicht vorhandenen Genialität, was die einzelnen Songs angeht, muss widersprochen werden. Als ausgewiesener Pop-Kritiker sollte Rabe eigentlich die Kriterien kennen, die einen authentischen und dabei massentauglichen Song ausmachen. Auf „Jaime“ lassen sich mit „Stay High“ der ersten Single mit Videoveröffentlichung und „Goat Head“ mindestens zwei hitverdächtige Titel ausmachen, die den gegenwärtigen Pop-Geist einfangen und trotzdem so intelligent gemacht sind, dass sie nicht schon nach dem dritten Anhören langweilen. Immer wieder überrascht Howards Stimme. Über mehrere Oktaven schlängelt sie sich perfekt zwischen die Instrumente, wird gelegentlich von Backing Vocals pointiert und lässt sich vom Beat tragen. Insgesamt ist das Album vom Rhythmus bestimmt. Es fällt schwer, sich nicht mitzubewegen. Vom ersten Song an ist man drin. Das macht dieses Album so stark.

Quelle: YouTube

Man kann sich nicht entziehen, obwohl die Stücke sehr unterschiedlich in ihrer Struktur und der instrumentalen Besetzung sind. Die Songs sind auf unterschiedliche Weise entstanden. Viele Ideen hatte Howard bereits Jahre auf ihrem Computer, sie wurden dann im Studio ausgearbeitet. Andere Ideen wie z. B. „13th Century Metal“ flossen beim Jammen aus den Fingern des Jazz-Keyboarders Robert Glasper und des Drummers Nate Smith. Zusammen mit dem Shakes-Bassisten Jack Cockrell wurde das Album, wie auch das zweite Shakes-Album „Sound & Color“, im Studio von Shawn Everett in Los Angeles produziert. Everett ist fünfmaliger Grammy-Gewinner. Er machte u. a. das Mixing und Sound-Engineering für Warpaint oder War On Drugs. Durch die Alben von Radiohead und Björk beeinflusst, ist es Everetts Anspruch, einen möglichst originellen und puren Sound zu finden. Auch wenn das mal bedeutet, aus dem Mastertrack die Bass- und Drumspuren herauszufiltern, auf Vinyl zu pressen und dann mit diesen Spuren weiter zu mischen. Die Umwege lohnen sich. Auch auf „Jaime“ fühlt man bei jedem Song einen räumlichen Klang, der nicht allein durch digitale Tools hergestellt werden kann.

„I gave myself permission to just fuck it up“, sagt Howard. Diese Freiheit hat sie in eine überzeugende Leistung umgewandelt. Sie hat die richtigen Musiker mit ins Boot geholt und sich von dem bisherigen Soulbluesrock ihrer Band Alabama Shakes in neue Wasser vorgewagt. Nicht allzu weit weg, man begegnet Howards rockigem Gitarrenspiel wieder. Aber was die Arrangements und ihre facettenreiche Stimme angeht, hat sie neue Ufer erkundet. „Jaime“ ist ein spannendes Album, authentisch und detailliert. Egal, was am Anfang war, am Ende ist Musik.

Jamie von Brittany Howard erschien am 20. September bei Columbia/Sony Music.

Titelbild: © Danny Clinch

Ann Cotten – Lyophilia

Lyophilia ist ein zähes, schwer lesbares und stellenweise ganz wunderbares Buch. Der Suhrkamp-Verlag, der die Bücher der österreicherischen Autorin verlegt, nennt es Science-Fiction auf Hegelbasis. Das meint wahrscheinlich, dass das Buch dialektisch angelegt sei. Tatsächlich besteht Lyophilia hauptsächlich aus zwei längeren Erzählungen, die sich antithetisch gegenüberstehen. In der Erzählung „Proteus“ geht es um eine Dreiecksbeziehung des Musikers Zladko zur slowenischen Politikerin Ganja und ihrem Sohn Igor. Die Geschichte ist in einer nahen Zukunft angesiedelt in der es Sex-Roboter gibt, aber die Menschen noch auf der Erde leben.


Diese Zukunft hat die bekannten Fragen und Probleme der Gegenwart zugespitzt: „Die Unruhigen übertünchen ihre krankhafte Unruhe, indem sie die Ziele ihres Strebens mit den Vorschlägen der Werbung streamlinen. Der Werbung oder ihrer Eheleute. Die können genauso wenig wie ich Ordnung schaffen und in der Sonne liegen, aber ihr Chaos und ihre Unruhe wird in Anzüge, Villen, automatische Autos oder gedankenabwesende Kinderbetreuung gespeist.“

Zladko, der Ich-Erzähler in „Proteus“ spielt Saxofon in einer Band, deren größter Hit „Lyophilia“ heißt. Das Wort bezeichnet die Gefriertrocknung und ist eine Möglichkeit Körper für die Ewigkeit zu konservieren. In der Erzählung „Proteus“ spielt dieses Prinzip kaum eine Rolle, dafür in der zweiten längeren Geschichte „Mitteilungen vom Planeten Amore [KAFUN]“. Die Protagonist٭innen leben auf einer weit entfernten Kolonie, die sie durch eine Zeitreise erreicht haben. Für diese Zeitreise wurde ihr Geist gefriergetrocknet – lyophilisiert.

Diese Erzählung ist deutlich hermetischer. Verschiedene Protagonist٭innen einer Gruppe von Siedler٭innen des Planeten Amore [KAFUN] berichten von ihrem Leben auf diesem Planeten und ihren Beziehungen untereinander. Jetzt fährt Ann Cotten das komplette Science Fiction-Arsenal auf: ferne Planeten, Zeitreisen, Klonen. Die Haupterzählerin nimmt ihren Lebenspartner „Emile“ nur im Plural wahr. Dadurch entstehen Sätze wie: „Emile rollen, bleiben auf den Rücken liegen, die Knie verlangsamt wie bei einer nachdenklichen Spinne. Er scheinen zu überlegen, ob er weiterrollen sollen oder wollen, picken sich einen Grashalm vom Pullover. Rollen plötzlich wieder los, aber fast zitternd vor Unentschiedenheit.“

Solche Einfälle machen Lyophilia zu einem interessanten Prosawerk. Frustrierend sind dagegen die zahlreichen anderen Einfällen, die sich zwischen den Zeilen andeuten. Teilweise sind sie in den begleitenden kürzeren Texten versteckt. Eine dieser Theorien ist, dass die Außerirdischen den Menschen das Sprechen beigebracht haben. Doch wahrscheinlich haben die meisten Leser٭innen frustriert von zu viel Verrätselung aufgegeben, bis sie sich diese Konstrukte erschlossen haben. Zudem konnte Ann Cotten der postmodernen Versuchung nicht widerstehen, aus Lyophilia ein Buch über das Erzählen selbst zu machen. Die Figuren in „Mitteilungen vom Planeten Amore [KAFUN]“ gründen zum Beispiel einen Literaturclub. Ob sie dort Lyophilia lesen würden, ist unwahrscheinlich. Damit entgehen ihnen einige interessante Einfälle, aber sie ersparen sich eine Menge Frust.

Coverbild: © Suhrkamp Verlag

Der Fremdkörper im Deutschrap

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins JAW

Nachdem der Rapper jahrelang immer wieder Hinweise in Form von einzelnen Tracks oder Ausschnitten streute, aber sonst wenig von sich hören lies, stellte sich langsam die Frage, ob es überhaupt ein Come-Back geben würde. Die treuen Fans blieben allerdings geduldig und wurden mit einer weiteren Reise durch Jottas Seelenleben belohnt: Die unerträgliche Dreistigkeit des Seins.

Ein Gastbeitrag von Annabell Lamberth


Während TOA von JAWs Kampf gegen seine eigenen Dämonen in Form von Selbstzerstörung, Mordfantasien, dem Widerspruch zwischen Täter und Opfer, Schuld und Sühne handelte, so betrachtet sein neues Album nach sieben Jahren Pause das Geschehen um ihn herum auf eine gereifte, auf eine bodenständige Art. Den besonderen Blick auf die Abgründe des menschlichen Seins hat er aber nicht verloren. Im Gegenteil, in den Tracks Fremdkörper und Lost in Space gibt er nach wie vor auf eine Weise wie kein anderer es vermag wieder, wie es sich anfühlt, gesellschaftlich außen vor zu sein und sich nicht in einen Kreis, wie den der deutschen Rapszene integrieren zu können. Wie ein Außerirdischer der die menschlichen Konventionen zwar imitieren kann, aber keinen Mehrwert darin sieht ein Teil von ihnen zu werden. „Menschenwesen fragen oft ‚Wie geht’s?‘/ – doch eine Antwort würde Erdenjahre dauern, darum sag‘ ich: Okay.“

Der Rapper Maeckes, dem es ähnlich geht, ist auch auf dem Album mit einem Gasttrack vertreten und liefert einen gelungenen Beitrag zu JAWs Beschreibungen sozialer Ordnung. JAW ist bekannt für seine intimen Einblicke in den menschlichen Wahnsinn und auch deren medikamentiöser Behandlung, welche er schon in seinen vorherigen Alben auf sarkastische Weise kritisierte. Sein Track Entzugsoptimismus lässt seine Versuche der Heilung ohne pharmazeutische Mittel Revue passieren und den Wunsch nach einem normalen Leben deutlich werden „Ich bin so nah an den Dingen wie schon lange nicht mehr“. Doch neben seinem Optimismus kommt auch die Erkenntnis: „Mir wird letztendlich klar, ich kann nicht ohne sie sein,/ kipp die 150mg wie gewohnt in mich rein./ Es bleibt wohl immer noch ein langer Weg, bis ich am Ende meine Seelenverwandlung steh“.

Experimenteller Sound

Darüber hinaus bietet das Album, wie von Jotta gewohnt, bissige, eloquente Stücke wie Nichts, aber auch ganz untypisch eine Ballade, in der er die Höhen und Tiefen der eigenen Beziehungen auf emotionale und gar nicht mal kitschige Weise beschreibt. Der emotionale Höhepunkt findet sich in Bye Mama. Hier verabschiedet er seine verstorbene Mutter auf ergreifende Art. Besonders passend ist hierbei der reduzierte Piano Beat, welcher den Worten noch mehr Raum gibt.

Quelle: Youtube / JAW Official

Auch musikalisch schlägt JAW mit dem neuen Album einen neuen Weg ein. Gemeinsam mit seinem jahrelangen Begleiter Peter Maffya wagt er eine experimentelle, ungewöhnliche Produktion. Bisher war man von JAW eher düstere Synthie- und Samplebeats gewohnt, welche durch ihre unsystematisch, sympathisch schrille Art den Wahnsinn wiedergeben. Die unerträgliche Dreistigkeit des Seins dagegen liefert einen sich stringent durch das Album ziehenden Duktus aus experimentellen Arrangements, welche aus echten, teils verzerrten Instrumenten bestehen. Ebenfalls ungewohnt sind JAWs Gesangseinlagen, unterstützt durch Autotune. Diese fanden eher weniger Anklang bei den Fans, deren Ansprüche nach der langen Wartezeit natürlich enorm hoch waren.

Sich mit den Vorgängern, voller unvergesslicher Höhepunkte zu messen, ist außerdem auch eine nahezu unmögliche Aufgabe. Vielleicht ist JAW auch mit seiner aufwendigen Produktion über das Ziel hinaus geschossen. Denn oft sind es doch die einfacheren, textlastigen Tracks, die mitten ins Mark treffen. Trotzdem sticht Jotta nach wie vor in der Rapszene durch seine wortgewaltigen, emotionalen Tracks hervor. Insgesamt hat JAW mit seinem neuem Album weitgehend positiv überrascht, man merkt aber, dass auch er sich in den sieben Jahren weiterentwickelt hat und die Dinge in einem nicht weniger düsteren, aber doch anderen Blinkwinkel betrachtet. Damit geht sicher nicht jeder d’accord, aber das macht gesellschaftskritische Musik ja auch aus.


Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins JAW

Titel: Die unerträgliche Dreistigkeit des Seins
Interpret: JAW
Label: JAW (Groove Attack)
Datum der Veröffentlichung: 25. Mai 2018
Erschienen als: Audio CD, Vinyl, Mp3 download

 

 


Annabell Lamberth, geboren 1995, stammt aus Frankfurt am Main und ist Studentin der Soziologie und Psychologie an der TU Darmstadt. Sie schreibt zu Musik und Film. In ihrer Freizeit macht sie gerne Musik, geht auf Konzerte und Ausstellungen oder genießt einen guten drink. Sie bleibt aber auch gerne mal zuhause um ihre Film- und Seriensucht auszuleben.

Wurst of metal

Auf der einen Seite gibt es da draußen so richtig gute Alben wie etwa Obscuras Cosmogenesis, Dendemanns Vom Vintage verweht, Mörglbls Grötesk, Prögressors Groovium ad Infinitum oder VAs Furi OST

Von Jens Marder


Misery Signals: Mirrors

MISERY SIGNALS fahren ein recht breakiges Sperrmüllcore-Brett auf, das allerdings nicht mit Vergleichsbands wie den gnadenlosen The Dillinger Escape Plan mithalten kann, da zu viel sinnfreies Gebrüll im Spiel ist. Prägnanz und Wiedererkennbarkeit müssen sich hier hinter Härte und gewiss nicht abzusprechendem handwerklichem Geschick der Kanadier (nicht die Nation) verstecken. Somit ist das Album selbst aufn dritten und vierten Hör eher quälend und auf eine unfeine Art sperrig. Sogar ein fanatischer Marder ist nicht in der Lage, auch nur eine einzige echte Großartigkeit in den Riffs und Klicks dieser Schwachkracher auszumachen. Daher fällt es auch schwer, Songs zum Testhören herauszufiltern. Vielleicht kann man den brachialen Opener „Face Yourself“ und den verschachtelten Titeltrack am ehesten empfehlen, wenn es denn unbedingt sein muss. Da das aber nicht unbedingt sein muss, empfehle ich eher, die Finger in Richtung Unearth, With Passion oder Co(ol). zu lassen, denn Metalcore darf ja auch Spaß machen.

TYP1: Ich ist ein Anderer

TYP1 kommt aus Deutschland und spielt ziemlich harten Alternative/Nu Metal. Was streckenweise noch weniger befriedigt als die Produktion, ist der heulsusene Gesang von Sue Bähring, die mit dem anderen Vokalisten nicht mithalten kann. Die nicht selten guten musikalischen Einfälle hätten eine mächtigere stimmliche Umsetzung verdient. „Morbid“ ist ein solide wütender Einstieg mit guten Brat-Gitarren. Danach folgt das textlich leicht angeskurrilte, melancholische „Kinder“, das durchaus zu beeindrucken weiß. „Phobie“ ist wieder die volle Doublebass-Härte, ein guter, energischer Song mit coolem Bang. Dasselbe gilt für „Allein zu zweit“ und „Liebe und Zorn“, die mit dem einen oder anderen Einfall aufwarten. Der Rest der Platte geht in Ordnung, eine nicht untalentierte Band.

THEODOR BASTARD: Sueta

THEODOR ist ein russischstämmiger BASTARD aus Electro/Gothic Rock, Weltmusik und einem Schuss Avant. Auf der Promo-Packung steht: „This album is waiting for a label to be released.” Dieser Satz ist nicht nur grammatikalisch schwierig, denn so gut wie jeder der auf diesem bereits siebten Album („Suetá“ = russ. Hektik, Wirrwarr) vertretenen Songs ist dermaßen gähnial, dass ich an dieser Stelle mehr Lust darauf habe, „gähnial“ zu googeln und zu gucken, wie viele Personen vor mir schon darauf gekommen sind (es sind nicht wenige, wie ich feststellen muss, was meinen Gag wohl recht gähnial macht), als mich weiter mit dieser LP (= langweilige Platte) auseinanderzusetzen. Na gut, der Fairness halber sei gesagt, dass der Titelsong halbwegs leer ist. „Under The Rain“ weiß ebenfalls durch eine Lullodie zu gefallen, auch wenn das Sigur-Rósige Lullement insgesamt etwas zu präsent ist. „Aliah“ hat was von der Abstraktheit Omelette Lullmans, ebenfalls ein Plus. Doch insgesamt dominiert das Stilmittel der Eintönigkeit, sodass dieses Album genau dort anzusiedeln ist, wo Melancholie und Monotonie sich Guten Tag sagen. Spezialtipp: Objectionable Apparatus von Kol Belov.

THE ALIEN BLAKK: Modes Of Alienation

Relativ eigenartiger Instrumetal, der uns hier von Joshua Craig (Komponist, Gitarrist und Produzent), David Ellefson (Ex-Megadeth) und Craig Nielsen (Flotsam & Jetsam) geboten wird. Totaler Crossoverkill, vom hart riffenden „Replihate“ (die Nummer ist fast so gut wie das lame Wortspiel) bis hin zu der ultrasüßen Zuckerballade „Sol Amente“ (die Hauptmelodie ist klischeegeladener als so manch ein russischer oder chinesischer Popsong), von dem Country-Strike „Twin Twang Twung“ bis hin zum flamencodierten „For Max“ ist so einiges an Genres dabei. Bei Modes Of Alienation handelt es sich um ein in Ansätzen interessantes Album, das oft mitreißender und nicht so unterproduziert hätte ausfallen können. Außerdem ließ ich mir sagen, dass der Gitarrensound kaum Vibrato hat, was wohl irgendwie scheiße ist.

SPIRITUS MORTIS: Fallen

Seit fast zwanzig Jahren frönen SPIRITUS MORTIS dem Untergang und sind noch immer nicht untergegangen. Gut Doom will Weile haben. Doch so ganz doomig geht es auf „Fallen“ eigentlich gar nicht zu. Es ist oft ein ziemlich rockig rollendes Album, das die Traditionen des langsamen und umso schwereren Metalls mit denen des Classic Rock verbindet. „Leave Me“, „Something Came And Killed“ oder „All This In The Name Of Love“ (dieser Anspieltipp ist trauriger als eine Trauerweide) sind dabei allesamt gelungene Stimmungskanonen: Sie heben die Stimmung des Rezensenten, indem sie sie auf einen ordentlichen Doom-Level senken. Leider gibt es auf dem Album auch so manche aussageschwache Stelle, und das Eröffnungsriff von „Sleeping Beneath The Lawn“ ist nun wirklich alles andere als neuwertig.

SÓLSTAFIR: Masterpiece Of Bitterness

7 Lieder in 70 Minuten ist schon mal ordentlich episch. Die Reise durch dieses finnische „Meisterwerk [?] der Bitterkeit“ beginnt mit „I Myself The Visionary Head“. Man möchte dem Track keinesfalls einen gewissen Tiefgang mit phantastischem Potential absprechen, doch gehen diese Attribute, falls vorhanden, mit fast auf 20 Minuten gezogener Langeweile einher. Trotz Doublebass und Blastbeat schaltet man schon mal ab, denn viel passiert da nicht. Ähnlich unterpointiert-zeitverschwenderisch wirken Track 2 und 3. „Ghosts Of Light“ bringt aber doch noch etwas Abwechslung und Griffigkeit in die Sache, wenn auch nicht in Überdosis. Dann kommt „Ljósfari“, das durch seine umfassende, energische Trauer mitreißt, was wahrscheinlich vor allem am flotten Schlagzeug liegt, das der nicht unbedingt Paradigmenstruation verursachenden Hauptakkordfolge den nötigen Zusammenhalt verleiht. „Ritual Of Fire“ ist wieder ruhiger konzipiert, und mit „ruhiger“ ist eine Musik gemeint, die vor allem für Leichen (und solche, die es werden wollen) interessant sein dürfte. Nichts für ungut, aber diese Partymucke ist trotz einer gewissen nordischen Schönheit und origineller Drums kein Muss. Das Outro „Náttfari“ schließlich überrascht mit einer gewissen Wüstenrockigkeit, kann aber ansonsten nicht das mittlerweile gefestigte Urteil beeinflussen, dass es sich bei diesem Album leider um keine Kaufempfehlung handelt. Wer auf prachtvoll-begnadete Epik steht, der möge sich etwa „Sapphire“ von Redemption ans Herz wachsen lassen, kein unschmerzvoller Vorgang übrigens.

SARALEE: Darkness Between

Die Finnen SARALEE spielen einen leicht angegothten, melodisch-melancholischen Rock/Metal-Hybriden. Der Opener „Everytime“ ist ein hübsches Pop-Lied, das den Stil und die Stärken der Band gut auf den Punkt bringt. „Black & Hollow“ ist ebenfalls prima geglückt, elegante Klavierbegleitung sorgt für ein sympathisches Stimmungstief, welches dem Bandsound eine eigene Wärme verleiht. Der titelgebende Track kommt mit einem echt hitverdächtigen Refrain und einer ehrlichen Sentimentalität daher, sodass man auch hier mit durchausem Respekt nicken darf. „My Sweet Craving“ überrascht trotz aller Depriphilie mit flippischem Hard’n’Heavy-Riffing, das dann aber doch in langweiligere Gefilde abdriftet, was wohl auch das Manko von Darkness Between insgesamt sein dürfte: Solide Songs stechen aus den ansonsten lauen Kompositionen heraus, weswegen alles in allem ein gut gemachtes, aber immer wieder albernes Album das Resultat ist.

PLATITUDE: Silence Speaks

Wie kann sich eine Band PLATITUDE nennen, wenn sie als Ausgleich zum verhängnisvollen Bandnamen nicht mindestens so originell und aufregend klingt wie etwa Ark auf Burn The Sun? Na ja, ganz so schlecht ist deren Musik ja nicht. Die Schweden haben einen guten Sound, einen guten Sänger und gute Instrumente. Aber ein Gemeinplatz-Hasser muss schon genauer hinhören, um festzustellen, dass das alles nicht so ganz platt und abgegriffen ist, wie es zunächst klingen mag. Nach reiferer Überlegung stellen sich Songs wie „Tell The Truth“, „Nobody’s Hero“, „Silence Speaks“, „You“ (Refrain-Qualität beachten!) und das überaus cool und dramatisch riffende „Don’t Be Afraid“ (Anspieltipp!) als grundsolide heraus. Also ein zweitklassiges Album, das zum Glück nicht frei von einigen erstklassigen Momenten ist.

Face Down: The Will To Power

FACE DOWN sind wieder da und richtig derbe drauf, genau so, wie es sich für eine Thrash/Death-Metal-Band gehört. Da drastische Drums und rigorose Riffs auf The Will To Power keine Ausnahme sind, kann das Album schon mal nicht schlecht sein. „Blood Tiles“ ist ein erbarmungsloser Wegfeger, „Insanity“ und „Warhog“ sind viehisch, brutal, direkt. „Will To Power“ ist gnadenlos und bietet abwechslungsreiches Gitarrenspiel, das am Ende überraschend in einen düsteren Pianopart übergeht. Auf der anderen Seite haben wir jedoch auch so Sachen wie z. B. „Drained“, „Heroin“, „Heretic“ und „The Unsung“, die entweder zu wenig oder zu viel Wiedererkennungswert haben, was in beiden Fällen nicht gut ist. Insgesamt ist die Platte echt nicht übel, schließlich kriegt man bei jedem Song eins in die Fresse. Doch manchmal geht die Thrash-Gleichung (Thrash = derb + fies) nicht ganz auf: FACE DOWN sind oft einfach nicht fies genug, was dieses Album unterm Strich schlechter als gut macht.

Circle of Dead Children: Zero Comfort Margin

CIRCLE OF DEAD CHILDREN machen Grind, Death und Crust. Dass die hier praktizierten Riffs besonders simpel sind, kann man nicht behaupten. Wie bei vielen Extrem-Metal-Gruppen trifft man auch hier auf Breaks en masse. Allerdings blubbert die grindige Brühe im Endeffekt ideenlos daher, Tempowechsel & Schmankerl vermögen nicht über die Tatsache hinwegzutätscheln, dass die vorliegende Platte nicht viel mehr zu erzeugen vermag als irgendeine undifferenzierte Art von morbiden Gruselantien. Während andere vergleichbare Bands in 20 Minuten eine dichteste Kugelpackung aus Harmonie und Dissonanz abliefern, hat das vorliegende Album eher was von einer Fehlzündung. Natürlich kann man zu dieser Mucke viel besser bangmoshen als zu einer Fehlzündung, aber es gibt ja auch genug andere Bands, die nicht nur knüppelkotzen, sondern auch formidable Strukturen erschaffen. Wer als Kind genug Brei hatte, darf auf Zero Comfort Margin verzichten.

SWITCHBACK: Angel Of Mine

Thrash, Death, Mathcore. Auf der Erstlingsrille der Schweizer SWITCHBACK kommt einiges an Extrem-Metal zusammen, und es entsteht eine (head)bange machende, immer wieder recht originelle Fleischhausubstanz namens Angel Of Mine. Die Promoter sprechen hier von „Elf-Track-Weltenbrand“, was nicht ungewagt, aber irgendwo verständlich ist. In der Tat werden hier jede Menge Bolzen verschossen. Während der Opener recht unspektakulär weht, blasen Songs wie „Ironic Sensation“, „In The Deep Of My Soul“ oder „Eco“ die pure Ästhetik des gemeingefährlichen Thrash-Riffs auf eine nett dagewesene Art und Weise. Der Titelsong geht los mit einem flink gezockten Gitarrenintro, das auf mehr hoffen lässt, als dann tatsächlich kommt. Nach dem zweckdienlichen Akustik-Instrumezzo gibts mit „The Flames Of The Beyond World“ und „Esperanza“ noch zwei anständige Attacken, bevor sich das Album auch schon dem Ende zuneigt und den Hörer mit ein paar blauen Metalflecken im [empfindliches Körperteil] nicht unzufrieden zurücklässt.

VOODOMA: Reign Of Revolution

Nicht überragend, jedoch gut tut das zweite Album der deutschen Power-Metaller VOODOMA. Mit Oma hat das hier nix zu tun, denn Reign Of Revolution knallt epischwer-melodiös durch die Boxen und würde so manches Altersheim revitalisieren. Geil geht zwar anders, aber „World In Hands“ zum Beispiel ist ein überzeugendes Stück, „White Lies“ ist sehr heavy und „Rude Awakening“ schlägt in dieselbe Derbkerbe – ungesüßter, Judas-Priesterlicher Heavy F****** Metal! „Traces Of Sin“ ist melancholisches Schmeichelmark,  der Rest ist dann aber doch irgendwie nicht das Sahnetüpfelchen auf dem i.

UREAS: The Naked Truth

UREAS sind eine dänische Power-Metal-Band mit dezentem Progfaktor. Das Musikerehepaar Heidi und Per verarbeiten jede Menge eingängiger, guter bis sehr guter Ideen zu einer leichten bis grundsoliden Kost, die sich hören lassen kann. Dank einer leider guten Textverständlichkeit wird der Hörer zwar zuweilen durch ärmliche Texte und Reime vexiert, aber das soll bei der Bewertung nicht ausschlaggebend sein, obgleich Fröhlichkeitsgekloppe, Sprechgesang und Textzeilen wie „I say a prayer to the father in heaven – what shall I do? Give me a sign“ nicht gerade das Gelbe vom Ei, sondern eher vom Himmel sind. Dafür können dann aber Lieder wie „Intoxicated“, „In My Life“, „Survived“ und allem voran „Colour Us Blind“ (Klassiker?) recht sehr überzeugen: (ab- und an-)hörenswert.

UNDERTOW: Milgram

Nach dem etwas zu langen „In“(tro) geht es mit „Stomping Out Ignorance“ ans Fett: Harte Riffs und melodische Parts prägen nicht nur diesen gelungenen Opener, sondern auch das gesamte vierte Album der deutschen Hard-/Metalcoreler UNDERTOW. Weitere brauchbare Lieder sind „Two Fingers“ (emotional ansprechendes Refrain), „Buried In Snow“ (smoothes Riff) oder „This Is The Worst Day … Since Yesterday“ (eindringliche Ballade mit gewissenhaftem Drumming). Allerdings sei gesagt, dass die vorliegende Platte trotz einiger Lichtblicke in Form von Überdurchschnittlichkeit eher tunnelt.

PHAZE I: Phaze I

PHAZE I liefern hier ein intensives Metalerlebnis moderner Prägung ab, das vom Energielevel her durchaus mit Darkane oder dem Biomechanical-Meisterwerk The Empires Of The Worlds vergleichbar ist. Leider ist das Album nicht optimal produziert, sodass man sich die tollen Melodien teilweise dazudenken muss. Aber wahrscheinlich ist es kein Wunder, dass bei so viel mächtigem Gebeule das eine oder andere Detail untergeht. Hier wird ohne Ab gedroschen, es gibt immer wieder proggige Abwechslung, das Schlagzeug ist streckenweise echt monströs, solch fieses Gedrumme muss man erst mal ignorieren lernen. „New Archetypes“ wartet beispielsweise mit einer brillanten Melodie auf, die zwischen Riffstakkato und Riffstakkato untergebracht ist. Danach geht es direkt mit „Evolution Of A Species“ weiter, ein ebenfalls heftiger, wenn auch nicht ganz so großartiger Song, der auf den hohen Derbheitslevel von „Stench Of Their Flesh“ vorbereitet. Track 3 dreht nämlich gleich mit einem total hemmungslosen Riff auf und macht auch im weiteren Verlauf keine Kompromisse, von Gefangenen zu schweigen. Selbiges gilt für das anepisierte „Screams Of Dying Dogs“. „Going To Exist“ setzt dem Ganzen nicht unbedingt die Krone auf, denn es ist das nicht schlechte Ende eines voll nichtschlechten Albums.

PARKWAY DRIVE: Killing With A Smile

PARKWAY DRIVE sind im Prinzip eine weitere tendenziell unfaszinierende Metalcore/Death-Metal-Combo mit einem nichtssagenden Bandnamen, einer einwandfreien, heftigen Instrumentalarbeit und erstklassigen Produktion. Meistens gilt es, mehrder uninspirierte Riffs zu belauschen, die nicht berauschen. Hin und wieder gibt es feine Ausnahmen in Form von einfallsreichen Technikspielereien, die eine Dose Überdurchschnittlichkeit aufmachen. Hervorstechend sind da beispielsweise „Romance Is Dead“ (der Break in der Liedmitte groovt wien Wildschwein), „Guns For Show, Knives For A Pro“ (schweres Riffing) oder „It’s Hard To Speak Without A Tongue“ (cooles Intermezzo). Grundsätzlich aber ist dieses Album eher lau und wirft erneut die Frage auf, wieso die Australier (die Band, nicht das Volk) unbedingt so erfolgreich sein müssen.

MORTAL LOVE: Forever Will Be Gone

Man muss zugeben, dass es sehr schwer ist, an ein Album mehr oder weniger objektiv heranzutreten, das auf zehn Kilometer nach (un)geschminktem Gothkitsch mieft. Der Bandname MORTAL LOVE wäre gerade noch so zu vertragen, wenn da nicht der hyperkitschige Titel Forever Will Be Gone wäre: Zum Schlüssellutschen muss man sich nun gar nicht mehr bücken … Bis auf wenige Ausnahmen wird hier geradezu hirnwidriger Kitschquatsch geboten, dessen angestrebte Schönheit von der Vokalistin respektive „Sägerin“ (s. Presse-Info) Cat überaus kitschwillig erzeugt wird. Aus der Masse der hier dargebotenen Gähniestreiche (es sind nicht wenige, wie ich feststellen muss, was meinen Gag selbst wohl recht gähnial macht) fallen lediglich folgende zwei Tracks ein wenig heraus: „While Everything Dies“ bietet (neben ein paar deutschen Textzeilen) Gruselharmonien im Refrain, was dem Song mehr Tiefgang verleiht. Auch der Titelsong überrascht mit ungothischem Black-Metal-Riffing, das jedoch umso typischer für Black Metal ist und somit im Endeffekt nichts wirklich Neues bietet. Dennoch ein nicht uncooler Abschluss eines ansonsten waghalslosen und spannungsentladenen Albums.

MISERY INC.Random End

MISERY INC. aus Finnland spielen auf ihrem zweiten, gut produzierten Album Random End modernen, relativ skandinavischen Power/Thrash Metal, eine Kombination, die am ehesten an Into Eternity erinnert, wenn man das Virtuose wegdenkt. Sowohl Gesang (clean/death) als auch Instrumentalsektion überzeugen. Lediglich das Kompositorische wirkt oftmals müde, was natürlich der Hauptkritikpunkt sein muss. So manches Riff hört sich ganz gut an („Hymn For Life“, „Apologies Denied“) und so mancher Liedanfang vermag das Bang-Gen zu aktivieren („Yesterdays Grave“, „Source Of Fatal Addiction“, vor allem aber die beiden letzten Thrasher „No Excuse For Weakness“ und „Out Of Here Alive“), aber dann verliert sich der Song in Durchschnittlichkeit, weil die melodiösen Parts irgendwie kein Feuer der Erkenntnis entzünden und dem Hörer keine wirkliche Erleuchtung bringen. Und so muss man zu dem Schluss kommen, dass man von diesem Album kein Ohrenbluten bekommt, weder im positiven noch im negativen Sinne.

MIRZADEH: The Creatures Of Loviatar

Nach dem sowohl düsteren als auch vorhersehbaren Intro mit dem ekligen Titel „Whispers From Filthy Wombs“ gehts mit einem munteren Riff an Mutters Einmachglas Black-Metal-Meat. Noch ist man von MIRZADEHs The Creatures Of Loviatar nicht gerade hin und weg, obgleich die sinistren Monster allmählich aus allen Löchern zu köcheln beginnen. „Viper Of The Frozen Ground“ haut auch nicht aus den Socken, macht aber durchaus auf ein gewisses Talent der Band aufmerksam. Prägnanter ist „Louhi’s Legacy“: Abgehacktes Riffing lässt den Track spannend beginnen, jedoch dominieren schon bald selbstgeknüpfte Keyboardteppiche aus dem Schwarzen Kindergarten, was dem Ganzen doch wieder den anfänglichen Wind aus den Segelohren nimmt. Überhaupt verwässert hier die Tastenbegleitung das Album unglaublich, vielleicht kann man sich da ein Scheibchen von der Dimmu-Borgir-Wurst abschneiden, deren feinste Wässer tiefer sind. Einer der wenigen echten Höhepunkte, oder vielleicht der einzige Höhepunkt, dieses Albums ist auf „Tuonelan Lasten Tanssi“ vorzufinden, als nämlich bei 1:22 das feine Hauptriff einsetzt, dessen Originalität und Energie erdmännchenähnlich aufhorchen lässt … Ausklingen lassen die Finnen ihr Werk mit einem Outro, „Kalmisto“ heißt das dämliche Teil. MIRZADEH verbreiten wenig Licht und noch mehr Schatten, was selbst bei einer Black-Metal-Band nicht als Kompliment gemeint sein muss.

MESRINE: Jack Is Dead (1999 – 2004)

Die vorliegende Platte vereint „das Beste“ aus 12 EPs (inklusive einiger bis dato unveröffentlicht gebliebener Tracks) der kanadischen Grind-o-Matten MESRINE. Vump Jahre Grind bis zum Absterben, alles auf einer Platte. Benannt nach dem französischen Ganoven Jacques Mesrine, treiben MESRINE fast 80 Minuten lang Extrem-Unwesen. Saumäßiges Gebrülle, Gekloppe und Gedärme fliegen aus den Boxen, und das alles gar nicht mal so doof. Es fällt auf, dass die Jungs sich bemüht haben, hin und wieder so etwas wie eine Melodie einzupflegen, damit man die Songs besser auseinanderhalten kann. Dass man sie dennoch nicht auseinanderhalten kann, beweist eindrucksvoll, wie schwer es sein muss, ein Album zu komponieren, das Derb Metal frönt und dabei nicht nur Arsch tritt, sondern auch Köpfchen.

KRISTENDOM: Awakening The Chaos

KRISTENDOM aus Frankreich veröffentlichen mit Awakening The ihr drittes abendfüllendes Album, das ordentliches Death-Metal-Entertainment mit gut Groove und Trommelfellmassaker ermöglicht. Nach den zwar kräftigen, aber kompositorisch eher unspektakulären „Existence“ und „Failure“ kommt mit „Le Souffle Animal“ ein erster überzeugender, atmosphärisch packend umgesetzter Song aus dBoxen. „Short Life“ kracht ebenfalls cool und bearbeitet den Hörer abwechslungsreich. „Welcome“ hat ein catchy Riff als Grundgerüst, was dem Liedchen einen dicken Pluspunkt auf der nach schlimm offenen Monsterskala garantiert. Es folgt noch ein Slayer’scher Break als (obligatorisches) Sahnetüpfelchen als Reisevorbereitung nach Headbangladesch. Ebenfalls sehr einprägsam ist „Impure“, ein recht technisches Ungetüm. Der Rest liebäugelt dann wieder mehr mit Belanglosigkeit. Insgesamt gesehen also ein mit Schmackes produziertes und eingespieltes Album, dem jedoch noch zu viel Durchschnittlauch zwischen den rar gesäten Zähnchen steckt.

KALIBER: Neues Land

Ehrlicher Alternative-Gitarrenrock aus deutschen Landen mit deutschen Texten. „Ehrlicher“ klingt, um ehrlich gesagt, nach Euphemismus: KALIBER können singen und spielen, keine Frage. Heutzutage wird so viel produziert: jeder Dritte schreibt ein Buch, jeder Zweite dreht einen Film, jeder Einzelne spielt in einer Band. Nur ist Vielfalt nicht immer das Gegenteil von Einfalt. Außer vielleicht „Meine Stadt“ scheinen die restlichen Songs recht durchschnittlich kalibriert zu sein. Passend dazu auch die relativ mediokre Titelanspielung im letzten Satz. Bevor ich zu negativ werde und mit diversen unkoscheren Konnotationen des Wortes „Land“ unter die Gürtellinie bzw. ins Loch greife, kommen wir zum Punkt.

GOLGOTHA: New Life

GOLGOTHA aus Spanien sind absoluter Death/Goth-Doom. Langsame, schwere Nüstern einer verboten tiefen Stimme pressen den Hörer in die fötale Aussichtslosigkeit (??? – Anm. d. Red.). Ein bisschen wie Bolt Thrower, nur nicht so militaristisch. Auf jeden Fall übelstes Mittel-Tempo. „Never, Never Again“ ist beispielsweise ein gewaltiger, erhabener Song, dessen Refrain als Kind in ein Bad aus Melancholie und Hoffnungslosigkeit gefallen sein muss – berückend! „I Am Lost“ hat auch Klassiker-Ambitionen. Ein simples, aber dennoch eindrucksvolles Heavy-Riff eröffnet das Lied, in dessen Verlauf die Atmosphäre ausgebuchtet wird. „Lake Of Memories“ ist, wie der Titel schon vermuten lässt, episch, was allerdings nicht unbedingt ein Qualitätsgarant ist. Genau genommen sind es vor allem die zwei anfangs erwähnten Titel, die echten Wert haben, während die übrigen Tracks zwar eine (eindeutige) Stimmung zu transportieren vermögen („Forever Gone“), songwriterisch aber eher uninteressantish sind, zumal vieles ziemlich ähnlich und altbacken klingt. Also der ultimative Bringer ist es nicht, aber für Fans dieser Stilrichtung eine Schwermutprobe wert.

EXTREMA: Set The World On Fire

Ziemlich solide, was die Italiener (die Band, nicht die Nation) da auf ihrem sechsten Album in den Kasten gebumst haben. Es gibt sowohl alternative als auch thrashige Metalcore-Elemente in ihrem Sound, was Set The World On Fire, so unscheinbar der Titel auch klingen mag, zu einem abwechslungsreichen Plättchen macht. „New World Disorder“ ist ein Prügelknabe vom alten Schlage, „Second Coming“ ist etwas zurückhaltender, aber ebenfalls riffrough. Weitere interessante Stellen gibt es auf „Restless Soul“ (Soli), „Six Six Six Is Like Sex Sex Sex“ (is was dran) oder auch „The Will To Live“ (eigensinniger Anfang) zu hören. Enden tut das Album mit einem sog. nichtnotwendigen „Ace Of Spades“-Cover und einem daran anschließenden, sog. nochwenigernotwendigen,abernatürlichauchniemandemwirklichschadenden Bonustrack. Eine stellenweise packende, immer wieder aber auch unspektakuläre Leistung von einem Album, das man sich ruhig mal aufhören kann.

ELECTRIC OUTLET: On!

ELECTRIC OUTLET ist ein Fusion-Projekt, das auf dem vorliegenden Album On! (zu) gut hörbare, immer wieder Easy Listening zugetane Musik entfaltet. „Comprendes“ wird seltsamerweise mit dem charakteristischen Soundeffekt aus dem US-Serienhit 24 eröffnet und entwickelt sich zu einem groovenden, wenn auch schnell durchschauten Longtrack. Während der Jack-Bauer-Verweis für den Opener nicht ganz sinnvoll erscheint, lässt das ziemlich starke „Propellerhead“ durchaus an den Soundtrack einer fiktiven Agentenserie aus den Achtzigern denken, inklusive gelegentlicher Versatzstücke des James-Bond-Themas. „Odd Garage“ ist trotz des eher vielversprechenden Titels ein Liegepinkler geworden, also ein Stück, das ganz nett und ein bisschen funky vor sich hin vegetiert und mit an Sicherheit grenzender Sicherheit ganz wenig Neues bietet. Dasselbe Manko lässt sich auch bei den Nachfolgern „We Need A Plan“ (dieser Satz wird immer wieder von einer Stimme rezitiert und ist, so leid es tut, auch ein wenig selbstreflexiv zu verstehen), „Tekky“ und „Gold III“ nicht verleugnen, obwohl hie und da einige nahezu progmetallische, ziemlich lässige Riffs angespielt kommen. Der Schlusstrack „Miles Away“ schließlich ist, wie fast der ganze Rest der Platte, noch weit von den Gordian Knots oder gar Mahavishnu Orchestras dieser Welt entfernt. Als Alternative zum handwarmen Zeug bietet sich die Knüppel-Action mit Kiefer Sackabland an.

EAGLES OF DEATH METAL: Death By Sexy

Ich finde es regelrecht schlimm, dass die EAGLES OF DEATH METAL keinen Death Metal spielen, sondern so was Alternativ-Rock-’n’-Rolliges, sich aber dennoch mit dem Metall des Todes im Namen schmücken. Klar, der Opener „I Want You So Hard“ ist sicher ein kleiner Hit, und das dazugehörige Video (mit Jack Black in einer kleinen Nebenrolle) echt witzig. In „Cherry Cola“ wird mit gut gebauten Akkordfolgen das Getränk besungen, und „Poor Doggie“ hat einen straighten Rock-Beat und ist recht bluesig und cool ausgefallen. Aber sonst ist das Album ein großer Schmerz im Arsch! Man darf vor dem QotSA-Frontmann Josh Homme (hier am Schlagzeug) so viel Respekt haben, wie man will, aber eins steht fest: Während seine ziemlich großartige Stammband für Fans von guter Musik komponiert, komponieren die EAGLES für Fans von Glam-Rock-Parodien oder so. Was.

DISARMONIA MUNDI: Mind Tricks

Eigentlich unverständlich, wie man derart langweilige und belanglose Alben aufnehmen und den absolut übersättigten Markt noch weiter mit kunstlosem Mist ausstopfen kann. Keine Top-Produktion und kein einwandfreies Handwerk der beteiligten Musiker (darunter auch Biom „Speed“ Strid am Grunz) können mich davon abhalten zu meinen, dass es sich bei DISARMONIA MUNDIs drittem Album Mind Tricks um ein/en unnötigen In-Flames-/Soilwork-Klo/n handelt, zu dem man kataton bangend die Spülung betätigen möchte. Größtenteils uninteressante Kompositionen durchziehen diese selten überragende Platte und machen Lust auf weniger. Der Titelsong klingt zwar ganz anständig (nicht eigenständig!), vielleicht auch „Parting Ways“ und „Liquid Wings“, ansonsten jedoch: GÄHNichtkauf

CRUACHAN: The Morrigan’s Call

Das Eröffnungsriff von CRUACHANs The Morrigan’s Call ist wahrscheinlich so alt wie Metal (nicht die Musikrichtung, das Material). Das muss eigentlich nicht sein, selbst wenn die irische Pagan-/Folk-Metal-Band ihre Musik mit deutlichen Einflüssen aus alten Zeiten versetzt. Hier gibt es Violinen, Mandolinen und kleine Bläser, zwischendurch auch Death- bzw. Black-Metal-nahe Kreischattacken, aber die Vielfalt an Instrumenten hilft nicht immer über die häufige Schlichtheit der Kompositionen hinweg. „The Brown Bull Of Cooley“ besticht durch eine schöne, geheimnisvolle Melodie, „Coffing Ships“ kombiniert kompromisslosen Black Metal mit lustiger Kirmesmusik aus dem Jahre 1234, „Ungoliant“ scheint eine Reprise des wunderschönen, schon erwähnten „The Brown Bull Of Cooley“ zu sein, wobei interessanterweise keine besonderen Unterschiede zum letztgenannten Track feststellbar sind. Der Rest der Platte ist unterm _______________.

ALLHELLUJA: Pain Is The Game

Gleich zu Beginn sei bemerkt, dass die Musik dieses Heavy-Rock-’(n’-Death’-)n’-Rollers nicht mit der Sonderbarkeit des Covers mithalten kann, das ästhetisch irgendwo zwischen David Lynch und Silent Hill anzusiedeln und entsprechend augenfänglich ist. Der Opener „Are You Ready?“ ist sicher ein Song von Format, energiegeladen und prägnant. „Demons Town“ ist ebenfalls ein griffiger Riffer mit einem coolen Refrain. „Big Money, Sweet Money“ hat etwas von Alice in Chains, durchaus ein Aussagekräftiger. Der Rest ist eher Groove-Brei, der mit neophoben Simpelriffs anödet. Also na ja, eine gewisse Qualität kann man dem Vierer um Hatesphere-Sänger Jacob Bredahl nicht absprechen, aber ob ich dieses Album je wieder hören werde, ist so fraglich wie die Ampel in der Kirche.

AGORAPHOBIA: Sick

Auf ihrem selbstproduzierten Sickbum gibt es gut gemachten Thrash/Death mit diversen modernen Einflüssen zu hören. „Gut gemachten“ klingt nicht nach purer Begeisterung: Tatsächlich gibt es zwar hier und da ordentliche Riffs, die aber nicht zwingend dafür sorgen, dass die Songs für längere Zeit einen Platz im Stammhirn finden. Dafür sind die tragenden Ideen in den besten Tracks des Albums wie „With A Smile“, „The Call“ (hat was von Train Of Thought) oder „Harassed Consciosness“ zu bräsig, gut gemeint zwar, aber doch nicht bissig genug. „My Weapon“ mag zwar echt Power haben und rifft fast auf demselben Frechheitslevel wie Destruction in Bestform (etwa „Bestial Invasion“), dennoch werde ich nie kapieren, wieso Leute ein Album Sick nennen, wenn es lediglich vor sich hinsickert.

Xcarnation: Grounded

Laut Promo-Beipackzettel treibt es Cenk Eroglu, Begründer, Sänger, Gitarrist, Keyboarder, Komponist und Produzent seiner Band XCARNATION, progressiv und meisterlich. Diese Aussagen müssen etwas relativiert werden: Hier wird hin und wieder überdurchschnittlicher Industrial/Electronic Rock geboten, der nicht progressiver ist als Nine Inch Nails. Der Packungsbeilage lassen sich ebenfalls angedeutete King-Crimson-Bezüge entnehmen, die angesichts von nicht weniger als vier kompositorischen Platzpatronen auf diesem 10-Schuss-Album sowie der gerade erwähnten Straightness des Materials wirklich mehr als unangebracht sind. Hervorragen tun andererseits das mehr emotionale denn innovative, mit sich dramatisch zuspitzendem Riffing ausgestatte „Everlasting“, die sehr schöne, aber auch überaus Bryan-Adamselige Ballade „Without You“, das mit exotisch-orientalischen Zwischenspielen angereicherte „Reason To Believe“ und schließlich „Lucky Day“, dem der wahrscheinlich unvorbelastetste Refrain des gesamten Albums zugrunde liegt. Der größte Schwachpunkt von Grounded ist und bleibt aber die Tatsache, dass einige der besten Momente immer noch einen unangenehmen Beigeschmack von Epigonentum aufweisen. Insgesamt gesehen also keine Platte für die Ewigkeit, obgleich der eine oder andere Funke jener Zeitlosigkeit, aus der die Komponistenträume gemacht sind, überzuspringen vermag.

Vermis: Liturgy of the Annihilated

VERMIS praktizieren eine ziemlich groteske Variante des Death Metal, wie man womöglich schon am Albumtitel erkennen kann. Leider kann man die Band qualitativ nicht ganz mit den Klassikern etwa eines Morbid Angel vergleichen, obzwar hier ein äußerst solider und häufig eigener Dampfwalzensound regiert. Wie zum Beispiel im ersten Song „God Abhors The Living“, der an das Überwerk Heretic erinnert, weil mit überaus monströsem Riffing ausgestattet. Ab dem Nachfolgetrack „Necrosapiens“ ist allerdings ein leichter Riff-Verfall zu verzeichnen: Die Liedanfänge mögen zwar noch durch eine gewisse Prägnanz und Ausdrucksstärke überzeugen, auch gefällt so mancher Liedtitel, der sich – wie es sich für richtigen Death Metal gehört – mit obskuren Vorstellungen aus dem Reich des Unaussprechlichen befasst. Doch lässt die Gesamtschlüssigkeit der Kompositionen etwas nach. Was allerdings nicht heißt, dass solche Songs wie „Void Of Fallen Grace“, „Worldend Catharsis“ oder „King Of Tombs“ nicht trotzdem schön schlimm sein, im Midtempo kräftig doomen und gute Soli bieten können. Im großen Vergleichsmaßstab betrachtet ist das Album keine uneingeschränkte Kaufempfehlung wert, für Death-Metal-Freaks allerdings ist ein Hörtest Pflicht (und damit ist nicht nur das Probehören dieses Albums gemeint)!

Uhrilehto: Ihmisvihan Eliitti

Nicht zufällig hört sich der Albumtitel verdammt finnisch an: Die Black-Metaller UHRILEHTO halten ihre Finnenfist hoch in den nordischen Himmel und geben uns eine amtliche Ladung Dunkel mit auf den Weg. Während Noirgrim, Essiah und Cyclotron Gitarre, Bass und Schlagzeug bedienen, sorgt Nidhogg mit genretypisch abnormen Vocals für Maximaldisruptus am Mikro. Das Album bietet eine gute Balance aus Tradition und Fortschritt, Black-Metal-Harmonien treffen auf überraschende Intermezzi und Breaks, was der Langeweile schon mal ganz gut vorbeugt. „Marraskuun Kahdeksas“ heißt der atmosphärisch und melodisch gelungene Opener, der das hohe Energie-Level des Albums vorgibt. „Kolmen Minuutin Armopala“ ist ebenso flott und hat einen kleinen funky Zwischenpart, der den Song für kurze Zeit aus dem Black-Metal-Genre völlig entfernt. „Huoranpenikat Ja Huijarikuninkaat“ ist musikalisch fast genauso komplex wie der dazugehörige Songtitel, nämlich die reinste flageolettdurchtränkte Prog-Hölle, wie sie zu gefallen weiß. Weitere Vorteile der Platte sind ein tolles Organ-Solo bei „Vitutuksen Viitoittarna Vuosikymmen“, eine nicht klischeefreie, aber doch catchy Black-Metal-Melodie in „Korpimetsän Perkele“ und das dämonische Cover-Artwork, auf dem ein Skandinavieh deftiges Unwesen mit seinem Beil zu treiben vorhat. Nachteilhaft wirkt sich allerdings der ungewaschene Gesamtsound aus, der dem ansonsten anständigen Oeuvre etwas an Wirkung nimmt.

Silencer: Death of Awe

Da es sich beim SILENCER um ein (leider recht seelenloses) Spin-Off von Darkane handelt, die auf ihren als geradezu klassisch zu bezeichnenden Psychotrips Insanity und Expanding Senses gezeigt haben, wie Wahnsinn auch ohne „Meshuggah“ im Bandnamen funktioniert, könnte die Zukunft von SILENCER sehr gut aussehen – sobald man es geschafft hat, die offensichtlich vorhandenen spielerischen Fertigkeiten nicht nur in den Dienst von Technik, sondern auch Eigenständigkeit und Songwriting zu stellen. Das Konzept der harten Knüppelei wird hier nämlich nur wenig weiterentwickelt, es hat eher den Anschein, als hätte man der Abwechslung und Originalität einen … Dämpfer vorgeschraubt, sodass (bis auf kleinere Ausnahmen wie etwa beim Titeltrack und „The Harvest“) leider weder riff-, lick- noch sonstmäßig Bemerkenswertes geboten wird. Sehr schade, denn „Silencer“ ist an sich ein cooler Name für eine coole Band, die dafür bekannt sein könnte, filigranes Soundkrass zu praktizieren.

Python: Good & Evil

PYTHON kann natürlich nichts anderes als Thrash Metal sein, der Bandname sagt etwa so viel wie 1000 Schläge ins Gemächt. Allerdings scheint die Phonetik von „Python“ aggressiver, stromlinienförmiger und feyner zu sein als die Musik der Amerikaner: Diese ist nicht gänzlich ohne, aber auch nicht wirklich mit. Bereits der Opener „Good & Evil“ ist eine Kombination aus Power und Klischee, wobei die Power glücklicherweise überwiegt. Der Gesang ist aber leider ziemlich egal, was eigentlich nur dann gut kommt bzw. erlaubt sein sollte, wenn die instrumentale Seite voll heftig kleinhaut. Diese ist aber wie gesagt läulich. „Complex Mind“ ist herrlich unkomplex, „Fallen Angel“ fällt nicht weiter auf, anstatt zu gefallen, „Crucifixion“ verschwindet genauso schnell, wie es aufgekreuzt ist, und „Cursed“ ist verflucht ambitioniert, aber im Endeffekt leider seelenlos. Einzig „The Un-Holy“ kann überzeugen, vor allem wegen eines Riffs in der Lied-Mitte, das ein Thrash-Herz nicht nur höher schlagen lässt, sondern ganz einfach erschlägt. Also: ein gut hörbares Album von einer Band, welche die Enthüllung ihres Potentials auf jeden Fall noch vor sich hat.

Nicodemus: Vanity Is A Virtue

Vanity Is A Virtue der US-Band NICODEMUS ist in der Schnittmenge zwischen (klassischem) Progressive und Black/Death Metal einzureihen. Der damit einhergehende Wechsel zwischen cleanem, etwas an Tool erinnerndem Gesang, der vom Zauber des Begriffes „Charisma“ nicht gänzlich ungestreift bleibt, und relativ fiesem Gegrunze respektive Gekreische kann Assoziationen zu Into Eternity oder Opeth wecken, muss aber nicht, zumal die Qualität des Materials es auch nicht ganz tut. Bis auf den Song „Next To Nocturne“, der durch seine präzis auf den Punkt gebrachte Gruselatmosphäre superbes Black-Metal-Feeling (vgl. Keyboardintro & Chorus!) erzeugt und damit zum Höhepunkt des Albums zählt, ist der Rest der Platte als mehr oder weniger zu bezeichnen. So fängt beispielsweise „Benighted“ spannend und vielversprechend an, um gleich darauf abzuflachen. Gutes Prog-Riffing und originelle Melodiestrukturen wie etwa in „A Metaphysical Theory Of Dynamics“ oder „Reason & Relapse“ müssen nicht selten uninspiriert vor sich hin ödenen Parts Platz machen. Insgesamt liegt hier ein die Kritikdreschmaschine mit der Note „3+“ verlassendes Album vor, wobei man von der Band, wie es so schnöd heißt, noch einiges erwarten darf.

Mythological Cold Tower: The Vanished Pantheon

Dass der sehr nordische, dem Bereich des Gothic/Doom Metal zuzuordnende Sound von MYTHOLOGICAL COLD TOWER aus Brasilien stammt, wird für den einen oder anderen eine Überraschung sein. Es ist das dritte Album einer Band, deren Musik so brasilianisch daherkommt wie Norwegen: Fünf epische Songs sind hier zu hören, die meist im mittleren Tempo okkulte Seelenschwärze verbreiten. Ob es ihnen letztendlich gelingt, hängt davon ab, inwiefern sich der Hörer (als eingefleischter Genre-Fan etwa) von der hier vorherrschenden Atmosphäre im Allgemeinen einnehmen lässt, ohne auf diverse Details zu achten. Für Freunde des etwas analytischeren Heranhörens könnte sich The Vanished Pantheon schnell als schal entpuppen, da selbst die eine oder andere gelungene Stelle auf diesem Album (vgl. „When The Solstice Reaches The Apogee“ oder den Titelsong) nicht wirklich mitreißen kann. Auch lässt produktionstechnisch immer noch der Underground grüßen.

Listeria: Full Of Fire

Wie es scheint, haben die Italiener LISTERIA den Rockgedanken erythrozytisch verinnerlicht. Der Rockgedanke an sich ist natürlich noch kein Garant für geile Riffarchitektur, aber zum Glück werden hier sehr schwere und spielfreudige Metall-Geschütze aufgefahren, die insbesondere im rhythmischen Bereich für Abwechslung sorgen. In erster Linie wird bei Full Of Fire aber so einiges an Energie und guter Laune freigesetzt, was ja abseits jedweder musiktheoretischen Betrachtung ein belangreicher Faktor ist. Die einzelnen Songs sind alle so konzipiert, dass sie schnell zum Punkt kommen, falls es einen solchen gibt. Falls nicht, ist es nicht weiter schlimm, denn mitgebangt werden darf trotzdem, weil es halt grundsolider, sympathischer Rock ist. Am mitbangenswertesten sind aber wohl solche Songs wie der Power-Track „Like Alì“, die deftig ballernde „Emily“, der Flageolette „Little Star“ und der Action-Kracher „Action“, dessen melodiöser Part zum Originellsten auf diesem Album gehört. Als Fazit bleibt: Wer von sich behaupten kann, dass Rock sein DJ ist, der möge doch LISTERIAs aktuellem, nicht mehr und nicht weniger als grundsolidem Longplayer Full of Fire ne Tschantsch geben.

Irate Architect: Born Blood Portrait

Die EP Born Blood Portrait der umherwütenden Grind-Baumeister IRATE ARCHITECT aus good oll Germany bietet dem geneigten Hörer in etwas mehr als 10 Minuten ein produziertes Extrem-Metalbrett inklusive Klaus-Schulze-artigem Intr-, Outr- und Intermezzo, wobei vor allem letzteres an Referenzwerke wie etwa Irrlicht erinnert. Die sieben Tracks gehen fließend ineinander über und ergeben ein zusammenhängendes Ganzes, in dem Brachiales mit Fremdartigem eine atmosphärisch sinnvolle Symbiose eingeht. Die vier Songs „Pathfinder“, „Born Blood Portrait“, „Chicks On Speed“ und „Taschenspieler“ sind technisch einwandfrei, wobei insbesondere das erstgenannte Stück am originellsten und abwechslungsreichsten ist. Insgesamt gesehen ein zufriedenstellender, wenn auch sehr kurz geratener Trip in die Welt des Highspeed-Cores.

Hellsaw: Spiritual Twilight

Das österreichische Black-Metal-Duo HELLSAW hat zu ihrem Zweitling Spiritual Twilight das mittlerweile ausverkaufte Debüt einfach braufgepackt, was die vorliegende Platte auf für Extrem-Metal untypische 63 Minuten anwachsen lässt. Eventuell ist dies aber auch schon der einzige Vorteil (?) des Albums. Zwar mag die Musik hier nicht ganz so mies ausgefallen sein wie das äußerst miese und aus der rauen Menge nahezu unbekannter Underground-Gruppierungen in keinster Weise herausstechende schwarz-weiße Plattencover, dennoch sei gesagt, dass hier absolut rohes Old-School-Schwarzfleisch gefressen wird, was nicht jedermanns Sache ist. Ungeachtet aller Kommerzvorwürfe an Bestseller wie Dimmu Borgir steht fest: Mehr Persönlichkeit als HELLSAW haben die Genre-Riesen auf jeden Fall; zu einem an sich coolen Bandnamen wie HELLSAW gehört doch auch einiges an cooler Substanz dazu. Diesbezüglich allerdings ist da vorerst wohl x zu machen.


Jens Marder veröffentlichte bereits 2009 einen Artikel im Online-Magazin Amazon, den 28 Personen als hilfreich markiert haben.

Fenster. Gute Überraschungen

Schon passend, dass Fenster sich zum Ende des Supersommers geschlossen wie nie zurückmelden. Ein Zufall? Vermutlich.


Aber ein guter Zufall. Denn was Fenster inzwischen schon seit ein paar Alben auszeichnet, ist diese ureigene Verbindung aus Stilsicherheit und Genre-Offenheit. Wie wenig anderen Indie-Bands gelingt es, enorm vielseitige Songideen zuzulassen und diese gleichzeitig schon ihrem Sound unterzuordnen. In jedem Part ist jedes Bandmitglied so vollkommen fixiert auf Ausdruck und Rhythmus, dass ihre Musik niemals ins Treiben gerät, was sie inzwischen perfektionieren konnten. Im Zentrum aller Subgenres, in die sie verfallen, steht die Stilisierung selbst. In diesem Sinne sind sie eine sehr kunstvolle Band, die sich mit The Room nun ein weiteres Denkmal gesetzt hat, aber mit dem Album auch ein gewisses Lebensgefühl trifft.

Auf der Platte perfektionieren Fenster letztlich vieles, was sie sich über ihre zwei früheren Studioalben und dem gemeinsam realisierten Sciene-Fiction-Kunstfilm und -Soundtrack Emocean erspielt haben. Auf Bones hatte 2011 noch Folk durchgeklungen, was ja schon der Ausgangspunkt vieler wichtiger Bands war. Genauso wichtig war jedoch für all diese Bands auch, sich später vom Folk zu emanzipieren. Nicht zuletzt, weil eine Band, die sich komplett auf ein Genre festgelegt hat, schon tot ist. Aber die Emanzipation haben Fenster im Grunde noch während des ersten Albums selbst vollzogen und war 2013 auf Album zwei, Pink Caves, schon komplett abgeschlossen. Hier widmete man sich schon vollkommen dem perfekten Sound, graste eher im Experimentellen und suchte und fand den gemeinsamen künstlerischen Ausdruck als Gruppe. Den transportierten sie mit dem Film Emocean 2015 aus der Musik heraus in eine visuelle Kunstwelt, um ihn weiter zu vergrößern. Der Soundtrack dazu pendelt sich für sich betrachtet zwischen Psychedelic und Launchmusik ein. Um es als eigenständiges Album werten zu können, fehlen ihm aber Antrieb und Richtung. Aber das geht ja den meisten entkoppelten Soundtracks so.

© Simon Menges

Umso besser, dass The Room, dem es an Antrieb nun wirklich nicht fehlt, sich weniger an Emocean und stärker an Pink Caves anlehnt und vom Film-Experiment nur freigestzte Sounds in ihr Songwriting einbringen. Sie fließen einfach mit hinein und zu einem Album zusammen, das gleichzeitig bunt, fließend und glatt wie keines der bisherigen klingt. Fast könnte man bei alledem vergessen, dass Fenster musikalisch eigentlich noch immer gar nicht allzu sehr festgelegt sind. Zwischen Dreampop, Shoegaze, Nintendo-Pop, Disco und Psychedelic scheint gerade ihre Entschlossenheit, ihr schlichter Groove das verbindende Element in fassettentreicher Umgebung. Zusammenfassend könnte man es wohl Surprise Pop nennen.

Aber Fenster sind auch eine Band, die in gewisser Weise einen Berliner Zeitgeist verkörpert und musikalisch konserviert. Immerhin fanden die internationalen Bandmitglieder hier zueinander. Und ihr Album spiegelt in seinem Aufbau ein Lebensgefühl wider, das schon viele Künstler*innen in die Stadt trieb und aktuell wieder eine brodelnde Szene formt: die kunstvolle Wahrnehmung einer vielseitigen Umwelt, ein Fokus auf das, was erfüllt, was Spaß macht und was dadurch teilbar wird. Und lebt als eine Adaption dieser Vielfalt. Ein solcher Berliner Zeitgeist lässt sich nicht auf eine Band, einen Sound oder ein Album herunterbrechen. Aber wollte man in ein paar Jahrzehnten einen Film über die 2010er Jahre in Berlin machen, täte man gut daran, Fenster in den Soundtrack aufzunehmen. Vielleicht drehen sie diesen Film ja sogar selbst.

Quelle: YouTube

The Room von Fenster enthält Two Doors sowie neun weitere Songs und erschien beim Label Altin Village & Mine.

Beitragsbild: © Fenster