Schlagwort: Rassismus

EXIL – Der ewige Fremde? Ein Filmreview

Der intensive Kinofilm EXIL, der ein offenes Drama erzählt, beeindruckt durch seine erschreckende Aktualität.


Für Xhafer (Mišel Maticevic, kennt man aus Babylon Berlin) ist alles klar. Der im Kosovo geborene Chemieingenieur lebt seit Jahren in Deutschland, wo er für alle Zeiten als unfähiger Ausländer, als niemals vollwertiges Gesellschaftsmitglied und Schmarotzer angesehen wird. Seine eigene Schwiegermutter hält ihn, wie er selbst sagt, für einen Kanacken, der ihrer Tochter nicht würdig ist, seine Kolleg*innen (u. a. gespielt durch Rainer Bock und Thomas Mraz) schikanieren ihn mit Streichen und systematischer Ausgrenzung. Bloß seine Frau Nora (Sandra Hüller, kennt man aus Toni Erdmann) denkt anders. Nicht, dass sie ihn unkritisch vergöttern würde oder dass die beiden überhaupt ein gutes Verhältnis zueinander hätten. Aber sie hält es durchaus für möglich, dass er nicht schikaniert wird, weil er Ausländer ist:

„Es kann ja auch sein, dass sie dich als Menschen nicht mögen.“

 

Die Grundfrage des Films von Regisseur Visar Morina (kennt man durch Babai) ist nun, ob ihre Position auf Scharfsinn oder Verblendung zurückgeht. Für beides sprechen Indizien.

© Alamode Film

Filmisch wird das Leiden des seelisch vereinsamten Protagonisten durch schroffe, farblose Bilder, abweisende Kulissen, schwitzende Akteur*innen und eine reaktive, intensive Kameraführung unterstützt, die immer viel zu nah an die unbeholfenen Charaktere heranzoomt. Auch erzählerisch findet Verengung statt, denn man folgt Xhafers benommener Wahrnehmung der Welt, wodurch dramatische Wendungen des Films ungefiltert und unvorhersehbar einschlagen. Ein wenig ratlos lässt EXIL einen durch seine subtile Erzählweise zurück. Einfache Antworten auf die aufgeworfenen Fragen zu Rassismus, Mobbing und Grundfragen des Zusammenlebens bietet der Film nicht an. Aber er liefert ein Komplexitätsbewusstsein. Und auch wenn er nicht leicht zu schauen ist, ist er dennoch für die wichtigen Themen, die er diskutiert, ein großer Gewinn.

Die pandemiebedingte Verschiebung des Starttermins platziert ihn darüber hinaus in ungeahnt aktuellen Stimmungen. Nicht nur liefert er in aktuellen Diskussionen um Alltagsrassismus und -schikanen sowie Racial Profiling einen Beitrag, die er in keiner Weise verharmlost, auch wenn er in seinen Grundfragen mit Tabus spielt. Auch erfuhren Orte wie Xhafers Arbeitsplatz, während der Film im Schrank lag, durch hohe Erwartungen an die Impfstoff-Entwicklung ein unvorhersehbares Comeback kollektiver Zustimmung, wie es dieses Jahr ansonsten nur Coffee-to-go-Becher und eingeschweißtes Gemüse erlebten: Xhafer arbeitet in einem Forschungslabor für Tierversuche.

Quelle: YouTube

Nach seiner Premiere beim Sundance Film Festival im Januar und Vorführungen im Panorama der 70. Berlinale ist EXIL seit dem 20. August 2020 im Kino.

Titelbild: © Alamode Film

Musikalisches Axtschlachten

„Höllenjazz in New Orleans“ ist Ray Celestins Debütroman, der jetzt in der deutschen Übersetzung erschienen ist. Ein kriminalistisches Stück über einen Serienmörder, das ein blutiges und vielschichtiges Bild des von Umwälzungen betroffenen New Orleans zeichnet und uns die Lebenswelt des jungen Louis Armstrong näher bringt.


Wir schreiben das Jahr 1919. Auf dem gesamten Globus erschüttern gravierende Veränderungen die Menschheit. Die Wirrungen des Ersten Weltkriegs, der die vermeintliche, aber instabile, Weltordnung über den Haufen geworfen hat. Die überall grassierende Spanische Grippe, die in unerkanntem Ausmaß Millionen von Leben auslöscht. New Orleans indessen wäre froh, wenn es dabei und bei zerstörungswütigen Hurrikans bliebe. Neben der von Rassismus und sozialer Ungleichheit geprägten Gesellschaft hat die Stadt in Louisiana mit weiteren Verbrechen gegen die Menschheit zu kämpfen wie die Prohibition. Überall werben Anhänger der Abstinenzbewegung auf den Straßen für das bald in Kraft tretende Gesetz und verunsichern die Bürger*innen. Somit erscheint es wenig verwunderlich, dass manch einer die Fassung verliert und unter anderem die Axt schwingend Blutbäder unter Teilen der Bevölkerung anrichtet.

Rassismus und Anarchie

Dieses chaotisch anmutende Szenario reizte den britischen Schriftsteller Ray Celestin dermaßen, dass er es in seinen Debütroman „Höllenjazz in New Orleans“ einbettete. Ganz so amüsant wirken die Morde mit dem möglicherweise aus einem Geräteschuppen entwendeten Werkzeug angesichts der Tatsache, dass es sich um historische Ereignisse handelt, deren Auslöser als „Axeman of New Orleans“ in die Annalen einging, nicht. Tatsächlich muss Big Easy damals eine zu weiten Teilen äußerst gewalttätige und unbarmherzige Umgebung gewesen sein, die einerseits stark von ihrer Einwanderung charakterisiert wurde, von der sie später wie kaum eine andere nordamerikanische Stadt profitieren sollte. Andererseits bedeutete die Rassentrennung, die sowohl im öffentlichen als auch privaten Raum einen Keil in die Gesellschaft trieb, prekäre Lebensverhältnisse für die nicht-weiße Bevölkerung, allen voran der schwarzen, die sich trotz des Abolitionismus kaum als Gruppe freier Menschen identifizieren konnte.

Inmitten dieses menschenverachtenden Milieus führte die Segregation jedoch auch zu einem Aktivismus, der das Selbstbewusstsein und die Identität der unterdrückten Einwohner betonte. Ein Effekt war das Aufkommen eines musikalischen Stils, der sich als richtungsweisend herausstellen sollte und ohne den die folgende Musikgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts gänzlich anders aussähe.

Celestins Geschichte spielt sich vor allem in Storyville ab, das heute neben anderen Vierteln in New Orleans als Geburtsstätte des Jazz gilt. Das ehemals glamouröse Vergnügungsviertel, das 1917 gegen den Widerstand der Stadtverwaltung von den Bundesbehörden geschlossen wurde, entwickelte sich in dem hier betroffenen Zeitraum sukzessiv zu einem verruchten Ort, der von illegaler Prostitution und organisierter Kriminalität geprägt wurde. Vermutlich hätte sich Jack the Ripper hier gut aufgehoben gefühlt. So trieb vor einhundert Jahren ein Serienmörder sein Unwesen, der sich nicht nur von seinem Londoner Pendant inspirieren ließ, sondern auch eine vergleichbare Resonanz in der Presse erfuhr. Dem Täter das in diesem Fall wahrhaftige Handwerk zu legen, wird demnach auch bei Celestin zum Gegenstand des öffentlichen Interesses, woraufhin die Jagd beginnt.

City of Strugglin‘ 

„Höllenjazz in New Orleans“ folgt zunächst dem Muster eines klassischen Kriminalromans. Polizei jagt Mörder. Licht gegen die Dunkelheit. Gut gegen Böse. Da es sich bei den Mordopfern aber vorwiegend um Mitglieder der italienisch-stämmigen Community handelt, die sich im Dunstkreis der Mafia bewegen, hat folglich nicht nur die Polizei ein Interesse daran, die Identität des Täters zu lüften. Somit begleiten die Leserinnen gleich mehrere Protagonistinnen, die sich in parallelen Handlungssträngen der Suche nach dem Axeman widmen, sich charakterlich stark voneinander unterscheiden und doch sehr nahe sind: ein Detective, der aufgrund des Südstaaten-Rassismus ein klandestines Familienleben führen muss. Ein ehemaliger Polizist, der sich nach dem Absitzen einer Haftstrafe nicht den Fängen der Black Hand Gang entziehen kann. Eine junge, selbstbewusste Frau, die versucht, sich in einem zutieft chauvinistischen Umfeld zu behaupten und mit ihrem Jugendfreund „Lil‘ Louey“ Armstrong auf eigene Faust ermittelt.

Während die nicht frei von Tadel handelnden Charaktere gegen das New Orleans ankämpfen, das ein Teil ihrer selbst ist, kündigt der Axeman, der sich einem historischen Schreiben zufolge als nichtmenschliches Wesen bezeichnet, das der Hölle entstiegen ist, seinen nächsten Mord an. Als Reminiszenz an die alttestamentarische zehnte Plage verspricht er diejenigen zu verschonen, die in der besagten Nacht dem Jazz eine Bühne bieten. Nicht nur die Liebe zur Musik lassen die Kaltblütigkeit und Boshaftigkeit des im Dunklen Verborgenen im Verlaufe der Handlung mehr und mehr in Zweifel ziehen.

Ray Celestins Erstlingswerk wurde in der englischsprachigen kriminalbelletristischen Szene bereits kurz nach der Veröffentlichung ausgezeichnet. In der Tat gelingt es dem Autor, aus einzelnen historischen Begebenheiten ein erzählerisches Konstrukt zu schaffen, das aufgrund seiner Stringenz und Vielschichtigkeit ein äußerst unterhaltsames Resultat ergibt. Im gleichen Zuge erschließt sich den Lesenden ein beeindruckendes und authentisches Portrait einer Stadt, in der sich der alles stilprägende Sound den Weg bahnte, aber dessen unüberwindbar scheinende Problematik sich ebenso bis in die Gegenwart erstreckt.

Höllenjazz in New Orleans von Ray Celestin erschien am 1. März 2018 im Piper Verlag.
Titelbild: © Tyler Lastovich / Pexels