Schlagwort: Punk

Uthlande, verdammt! Turbostaat im Interview

Das neue Turbostaat-Album Uthlande wirft Fragen auf: nach einem zermürbenden Sample, haufenweise Selbstreferenzen, miteinander verbundenen Songs und immer wieder diesen Songnamen.

Eine Woche vor Release der Platte fanden Jan Windmeier, Sänger der Band, Tobert Knopp, der Bassist, und Marten Ebsen, Gitarrist, zum Glück Zeit, das Nötigste zu klären. Gemeinsam mit Roland Santos, auch Gitarrist, und Schlagzeuger Peter Carstens haben sie die Band vor 21 Jahren in Husum, Schleswig-Holstein, gegründet. Das Album ist bereits ihr siebtes.


Hat sich irgendwann eine Routine eingestellt oder seid ihr nervös, so kurz vorm Release?

Jan: Beides so ein bisschen. Es gibt eine Routine, denn man weiß, wie es ist, eine Platte rauszubringen. Aber wie vor jeder Platte ist man auch nervös, besonders wenn man an die Live-Konzerte denkt, auf denen man das neue Zeug präsentiert.

Tobert: Mir geht das vollkommen am Arsch vorbei. Ich hab einen ganz anderen Umgang damit. Seit Abalonia ist es so, dass die Platte einfach so herauskommt. Also klar, wir müssen natürlich viel regeln. Wenn wir losfahren, wird mir erst wirklich bewusst, dass wir ja neue Lieder haben, und dann bin ich von uns selbst überrascht. Da ich nicht so der Vorfreude-Typ bin, hab ich immer das Gefühl, als sei ich vorher gar nicht dabei gewesen. Es ist dann eine direkte Belohnung, Songs live zu spielen. Das ist eh am wichtigsten.

Die neuen Songs habt ihr bisher noch nicht live gespielt?

Jan: Ne.

Aufregend.

Jan: Siehste.

Wie würdet ihr euer neues Album beschreiben?

Tobert: Elegant wie ein Puma.

Marten: Ein bisschen hat man versucht, Turbostaat auszupressen und in einen kleinen Flakon zu füllen. Beim Album davor haben wir dagegen eher probiert, Türen aufzustoßen und ein paar Sachen anders zu denken. Diesmal wollten wir alles nehmen, um es auf den Punkt zu bringen – würde ich jetzt mal so sagen.

Tobert: Ich finde, in der Selbstreferenz liegt eine große Aufgabe. Mich hat es früher immer wahnsinnig gemacht, wenn wir ein paar Lieder hatten, aber nicht wussten, wo wir mit der Platte stehen. Wenn dann jemand sowas sagte wie „Wir machen das einfach so wie früher, war das für mich ein inhaltliches Problem. Denn es ist eigentlich schwer, wie früher zu klingen, ohne sich zu wiederholen. Aber obwohl es, wie Marten sagte, diese zusammengequetschte Essenz gibt, ist es diesmal total leicht. Deswegen gefällt mir das Album so gut. Für mich persönlich ist es das erste Mal ein Album, bei dem ich von vorne bis hinten vergesse, was passiert. Ich bin immer wieder überrascht. Bei den letzten Alben war es nicht so. Es gab viele Lieder wie Eisenmann, bei denen wir entscheiden mussten, ob wir sie überhaupt live spielen. Bei diesem kann ich mich jetzt gar nicht entscheiden, welches ich als erstes spielen will.

Das Licht am Ende des Tunnels ist eine brennende Fabrik.

Tobert Knopp

Der Titel Uthlande ist ein alter Name für die damalige nordfriesische Inselwelt. Ist das Album auch eine Auseinandersetzung mit eurer Heimat?

Marten: Nein, nicht mit der Heimat, sondern mit unserem Werden oder Sein. Es beschäftigt sich von der Pose her damit, wie wir gewesen sind, als wir Turbostaat gegründet haben. Zum Namen „Uthlande“ kam es, weil wir einen Plattentitel brauchten. Wir waren auf der Suche nach einem Begriff, der alles vereint.

Tobert: Ich fand schön, als jemand zu mir sagte, das ist ja alles nicht mehr da. Und ich ihm geantwortet hab: Ja, das, was mal war, ist ab und zu nicht mehr da oder zu etwas anderem geworden.

Marten: Aber diese poetische inhaltliche Aufladung kommt erst als zweites.

Tobert: Ich wollte auch nur sagen: Was immer du auch darin siehst oder wo du uns siehst, ob wir Skelette mit Äxten im Watt sind oder sonst was, es ist okay. Ich hab schon viele Sachen darüber gehört und fand viele davon schön – und schön, wenn Leute damit etwas anfangen können.

Aber ihr selbst würdet es nicht überinterpretieren?

Marten: Natürlich schwingt immer irgendetwas mit. Irgendwelche Assoziationen, die man in einen Pott wirft. Aber in erster Linie muss man sich einfach irgendwann entscheiden: In diesem Falle ist es wirklich ganz banal, wir brauchten einen Plattentitel.

Tobert: Als du ihn vorgestellt und erklärt hast, konnten wir mit diesem plattdeutschen Wort alle direkt etwas anfangen. Die Köpfe fangen ja danach erst an. Was auch immer man sich dazu denkt, ist okay. Die Gedanken sind frei.

Auch dieses Album wurde, wie all eure Platten seit 2007, von Moses Schneider produziert. Wie würdet ihr ohne ihn klingen?

Marten: Das ist eine sehr schreckliche Frage.

Tobert: Das ist total interessant. Wir werden es nie herausfinden.

Jan: Zum Glück.

Tobert: Da hast du hundertprozentig recht. Ich muss echt sagen, dass wir in den Prozess, eine Platte zu machen, einfach so reingewachsen sind. Durch ihn und mit ihm haben wir eine Form gefunden, zu arbeiten und zu einem Ergebnis zu kommen. Du musst das so sehen: Wir fünf Eierköppe spielen ungefähr seit zehn Jahren mit dem gleichen Equipment, legen vielleicht mal ein Tretergerät drauf oder überlegen ab und zu, wo man Mikros hinstellt. Aber die Band, die da im Studio steht und spielt, macht eigentlich immer genau dasselbe, was sie live auch macht. Das haben wir anscheinend gelernt, gemeinsam gut hinzukriegen. Dass wir damit aber zu einem Ergebnis kommen, verdanken wir Moses. Wie wir ohne ihn klingen würden – keine Ahnung.

Jan: Wir hätten einige Lieder ohne Moses einfach gar nicht gemacht, weil im Vorfeld Sachen zerredet werden, zum Beispiel, dass das eine Lied so gar nicht geht und wir das so nicht machen können. Bis Moses es sich anhört und fragt: Wo ist euer scheiß Problem? – weil er das, was er hört, total geil findet und etwas darin sieht, was wir vorher nicht gesehen haben. Moses ist bei uns eine Instanz geworden, die so viel Vertrauen genießt, dass wir uns auf Dinge einlassen, auf die wir uns vielleicht nicht einlassen würden, wenn es einer aus der Band gesagt hätte.

Es ging mir total super, das Wetter war schön, ich hatte eine tolle Zeit. Und dann hörte ich mir das morgens nach dem Aufstehen an und dachte: Alter, ist das ätzend.

Jan Windmeier

Das Album erscheint auch auf Kassette. Gibt es inzwischen wieder ein breites Interesse an dem Tonträger oder ist das Liebhaberei?

Marten: Wir haben jetzt schon so viele Kassetten verkauft, wie wir nie gedacht hätten. Es ist das erste Mal, dass wir eine Kassette machen. Also nach den Demotapes am Anfang. Aber das war ja mehr der Zeit und Notdürftigkeit geschuldet.

Tobert: Ich finde es witzig, dass die jetzt gekauft wird, und wir uns fragen: „Wer kauft denn eine Kassette?“ Weil ich mich persönlich dafür interessiere, weiß ich, dass es grad so ein Ding ist. Aber gleichzeitig ja auch das, was wir früher gemacht haben: Anfangs haben wir die Demokassetten von Bands, die im Speicher Husum auftreten wollten, mit unseren eigenen Demos überspielt. Das ist so lange her.

Jan: Generell gesehen, ist immer noch das ein Ding, was Nerds gut finden. Das sehen wir deutlich in unserem Shop. Und das spricht ja auch für die Leute, die in unserem Shop kaufen. Aber im Großen und Ganzen ist eine Kassette immer noch etwas, was nicht so richtig stattfindet.

Marten: Es ist kein finanzielles Standbein einer Albumproduktion. Dann doch schon eher Liebhaberei.

Quelle: Instagram

Ihr wohnt in verschiedenen Städten: Flensburg, Berlin, Hamburg. Wo ist Uthlande entstanden?

Jan: In Loit.

Tobert: Wir proben dort bei einem Bekannten, Knut, alter Punk, in dessen Dorfkneipe in Scheggerott wir auch unsere Release-Party machen. Er hat uns das damals angeboten. Wir waren vorher in Schleswig, Auf der Freiheit, hatten da einen ganz tollen Proberaum in einer alten Kaserne. Das haben die alles weggeknallt für teure Butzen. Und auf der Suche haben wir Knut getroffen. Seitdem sind wir bei Knut und haben da auch unser neues Album gemacht. Ist immer traurig, einen Ort zurückzulassen und Schleswig aufzugeben. Auf der Freiheit war es im Nachhinein wirklich toll, aber es ist auch gut, sich zu bewegen und überall kleine Fähnchen hinzusetzen: Hier hab ich auch schonmal ein Album gemacht.

Schreibt ihr Songs also komplett gemeinsam im Proberaum?

Tobert: Diesmal haben wir viel mit Demos gearbeitet. Marten hat Demos angeschleppt, ich hab Demos angeschleppt, und wir sind mit den Sachen in den Proberaum gegangen, haben sie genauso gespielt oder ein bisschen verändert.

Jan: Zu anderen Platten hat man mehr gejammt, jetzt ist es viel Demoarbeit gewesen.

Ein paar Fragen in die Platte rein: Worum geht es in der ersten Single „Rattenlinie Nord“?

Tobert: Das weißt du doch schon.

Stimmt.

Marten: Um die Rattenlinie Nord …

Jan: Ich würde das jetzt nicht so platt sagen.

Marten: … und um Pflichterfüllung.

Jan: Um die Ausrede der Pflichterfüllung. Und um den geschichtlichen Ansatz. Um Leuten zu sagen, dass es eine Rattenlinie Nord gab.

Tobert: Marten hat recherchiert, den Film gefunden, aus dem das Sample Stammt, uns das gezeigt, dieses Lied geschrieben. Und für alle, die wissen wollen, was das ist, die können sich ans Internet setzen und lesen und schauen, und sich hoffentlich eine Meinung dazu bilden, die gut ist.

Das sollte man dann auch tun, oder?

Tobert: Wenn man das so sagen kann, würd ich drum bitten, ja.

Also: Zeit für eine Wikipedia-Pause.

Jan: Mir haben zum Beispiel ganz viele Flensburger geschrieben und sich für den Song bedankt.

Flensburg spielt für die Rattenlinie Nord ja auch eine zentrale Rolle.

Jan: Und wir, die ja nun alle lange in Flensburg gewohnt haben, haben ganz lange nicht gewusst, dass es diese Rattenlinie Nord gab. Genau wie es die Leute, die sich bedankt haben.

Im Song taucht ein Sample von Karl Dönitz auf, dem letzten Reichspräsidenten des Dritten Reichs. Die Aufnahme ist ganz schön zermürbend.

Marten: Ja, das ist tief schockierend.

Ein drastisches Stilmittel. Aber für das Thema notwendig?

Marten: Ich weiß es nicht. Früher war es so üblich, dass man Punk oder Emo-Punk spielt, und dann kommt in einem Original-Ton-Sample irgendein Arschloch und sagt irgendwas Gemeines. Gerne hat man da Nazis genommen. Für uns ist das ein ganz gebräuliches Stilmittel, was sich sehr natürlich anfühlt. Aber als ich das reinmontiert habe, war ich mir auch nicht ganz sicher, ob man das bringen kann.

Jan: Zu dieser Zeit, als Marten mir das geschickt hat, war ich in einem guten Zustand. Es ging mir total super, das Wetter war schön, ich hatte eine tolle Zeit. Und dann hörte ich mir das morgens nach dem Aufstehen an und dachte: Alter, ist das ätzend. Je häufiger ich es mir aber danach anhörte, desto wichtiger fand ich es. Mittlerweile ist es der Kern des Liedes geworden, sodass ich hoffe, dass wir das auch live umsetzen können. Denn die Leute ja sollen sich auch nicht wohlfühlen.

Sample ab 1′ 50“:

Quelle: YouTube

Anderer Song: Worum geht’s bei Hemmingstedt?

Marten: Um die Raffinerie in Hemmingstedt. Wenn wir auf einem Konzert waren oder selbst gespielt haben und zurück nach Husum gefahren sind, sind wir immer, meistens um 4 Uhr morgens, an dieser Raffinerie vorbeigefahren, die da dort mitten in der Nacht gebrannt hat. Meistens war man besoffen, irgendwas lief im Tapedeck, man hat viel geraucht und halb gepennt.

Hat euch die Raffinerie gestört oder wolltet ihr ihr ein Denkmal setzen?

Marten: Beides nicht. Es geht mehr um den Zustand des eigenen Lebens, wenn man war grad in Hamburg auf einem Konzert war und Montag wieder rausmuss. Und um die chemischen Prozesse, die sich in der Raffinerie abspielen. Ich fand interessant, diese im eigenen Alltag zu reflektieren. Das brodelnde Gefühl, kurz vor der Explosion zu stehen. Damit konnte ich sofort etwas anfangen.

Jan: Wenn man daran vorbeifährt und es ist dunkel und überall sind diese Lichter und es brennt – das war für mich immer sehr unwirklich, ganz egal, wie oft wir dran vorbeigefahren sind. Man hat halt immer hingeguckt. Wie bei einem Unfall, bei dem man sich zwingen muss, wegzugucken: Es hat keine schönen Gefühle in mir ausgelöst. Für mich waren es eher Kälte und Stahl.

Tobert: Das Licht am Ende des Tunnels ist eine brennende Fabrik.

Zwei Songs des Albums, Luzi und Stormi, haben denselben Refrain. Konntet ihr euch nicht entscheiden, welcher Song ihn bekommt?

Marten: Nein, das ist beides der gleiche Song. Wir hatten damals das Lied geschrieben und überlegt, dass man ihn entweder schnell oder langsam spielen kann. Und wir haben gesagt, wir können ja beides machen, und in den Text einen Perspektivwechsel einzubauen: eine Perspektive von außen und eine von innen. Das fanden wir irgendwie lustig. Bei Stormi singen übrigens all unsere Kinder mit.

Tobert: Auf diese Frage habe ich gewartet und gedacht: Deswegen bin ich hier, das will ich heute gefragt werden. Es muss nicht jedem auffallen, der nicht Musik macht, aber die Töne sind sogar gleich. Ich finde es so spannend, zu sehen, wie viele Leuten beim Anhören drüber stolpern. Vielleicht nimmt ja jemand beide Texte und guckt sie sich an. Mich interessiert, ob Leute was damit anfangen können: Ob sie denken, denen ist einfach kein besserer Refrain eingefallen oder sie sich tatsächlich damit auseinandersetzen, was aus welcher Perspektive erzählt wird. Dass uns kein besserer Refrain einfällt, kommt oft vor, aber in dem Fall war es nicht so. Es kann also sein, dass wir ihn aus der Not irgendwann noch mal aufgreifen. Revisited als Trilogie.

Es sind nur Schwäne für sie und tote Freunde für dich.

Turbostaat – Ein schönes Blau

Zwei eurer Alben heißen Schwan und Flamingo, ein Song Haubentaucher-Welpen, eurer Videos zu Wolter begleitet einen Vogelkundler im Wattenmeer, im Moment habt ihr Pinguin-T-Shirts im Shop, auf dem neuen Album tauchen erneut Schwäne  auf. Würdet ihr sagen, dass ihr ornithologisch interessiert seid?

Jan: Ja, ein bisschen.

Tobert: Ich auf jeden Fall. Das hat nichts mit der Band zu tun, aber ich will das jetzt trotzdem erzählen: Auf meinem Balkon kommen viele Eichhörnchen und Meisen vorbei. Und seit kurzem auch ein Eichelhäher-Geschwader. Die sind sehr schlau und machen verrückte Sachen. Tatsächlich ist es das, worüber ich mich an so ’nem Tag am meisten freue. Hat nichts mit Turbostaat zu tun. Ich wollte aber die Jungs mal grüßen, das Eichelhäher-Geschwader aus Bergedorf. Ich hab euch richtig lieb. Aber spielen Vögel für uns eine Rolle? Nein. Die sind halt da, schwirren herum, machen Sachen.

Also nur ein interessantes Motiv?

Jan: Genau, ein Motiv und damals dann ja auch Titel für zwei Platten.

Tobert: Ab und zu sind unsere Titel aber halt einfach nur Sachen, die wir lustig finden oder die wir alle gut fanden. Bei Schwan zum Beispiel ist irgendwann dieses Bild mit der Rose aufgetaucht, und irgendwer meinte, dass es doch witzig wäre, die Rose aufs Album zu nehmen und es dann Schwan zu nennen.

Marten: Bei Flamingo damals dachte ich: Was soll dieses scheiß Kitschbild? Wenn man das macht, muss man das Album ganz trocken Flamingo nennen. Sonst geht das nicht. Bei der nächsten Platte hatten wir erst ein anderes Bild, zu dem wir uns den Namen Schwan überlegt hatten. Dann haben Tobert und Roland einfach dieses Bild mit der Rose genommen. Das hatte Roland irgendwie beim Pizzaaustragen gefunden.

Tobert: Roland und ich fanden das Bild unfassbar witzig. Auch die Vorstellung, dass uns nachher alle fragen, was denn jetzt der nächste Vogel wird. Wir waren damals mit unserem Punklabel Schiffen unterwegs, haben in AJZs gespielt. Irgendwann später sind wir dann bei Warner gelandet, und plötzlich sitzt man in Interviews und denkt sich: Oh nein, die fragen wirklich alle danach. Das haben wir uns selbst gebacken. Wie heißt denn jetzt das nächste Album? Drossel? Nein, Eichelhäher!

Alle Punkbands kennen Glufke.

Marten Ebsen

Und wie entscheidet ihr, wie eure Songs heißen?

Jan: Am Anfang heißen sie Lied 1, Lied 2, Lied 3, Lied 4. Irgendwann müssen wir ins Studio und merken, dass das echt doof ist, Lied 1, Lied 2, Lied 3, Lied 4 mit ins Studio zu nehmen, und dass wir unbedingt mal Titel finden müssen. Und der eine oder andere hatte sich im Laufe der Plattenprozesse Sachen aufgeschrieben, die er gut fand. Die werden dann bei den Proben besprochen und es wird mehr oder weniger abgestimmt.

Heißt das, für euch selbst haben die Songtitel keinen hohen Stellenwert?

Marten: Es hat einen hohen Stellenwert. Wenn du ein Lied hast, und nennst es zum Beispiel „Ich fühle nichts”, ärgerst du dich ja nachher, weil du dir die Mühe gemacht hast, ein schönes Lied zu schreiben und es da dann aufhört.

Tobert: Das ist ein Kampf geworden. Wir tragen, wenn wir Songs proben, bandintern immer die grundsätzliche Ansicht mit uns herum, dass wir ihnen irgendwann witzige Titel geben und los geht’s. Das ist aber schon lange nicht mehr so. Wir müssen schon immer etwas graben und zum Glück gibt’s Notizen oder Diskussionen und Momente, in denen man feststellt, dass man den Titel gefunden hat.

Marten: Es ist immer ein bisschen wie jetzt mit Uthlande. Man schaut sich um, hat einen Titel und denkt darüber nach, wozu er passen könnte. Und im nächsten Schritt fallen einem ein paar Dinge dazu ein.

Jan: Es wurde aber zum Beispiel nie darüber diskutiert, dass Rattenlinie Nord „Rattenlinie Nord“ heißen wird.

Marten: Nein, das war einfach immer klar.

Jan: „Nachtschreck“ ist ein Beispiel. Geiles Wort, das aber nicht unbedingt was mit dem Lied zu tun haben musste. Genauso wie auf früheren Alben „Ja, Roducheln“ oder „Nach fest kommt ab“. Die kamen nachträglich, da haben wir irgendwas genommen, viel drüber gelacht.

Marten: Aber Luzi, Stormi und Hemmingstedt zum Beispiel: Bei Hemmingstedt stand der Titel schon vorher fest. Und bei Luzi und Stormi war schon irgendwie klar, in welche Richtung es gehen wird.

Tobert: Für mich ist das dieses Mal auch wesentlich konkreter: „Brockengeist“ taucht im Text auf, „Le Hague“ taucht im Text auf, „Stine“ taucht im Text auf. Deswegen meinte ich grad, die Disziplin, die oft vermutet wird, dass wir unserem Kram irgendwelche verrückten Titel geben, gab es diesmal nicht. Am Ende passen die Titel ganz gut, aber keiner davon ist „Das Island Manöver“, bei dem der Titel von Peter, unserem Schlagzeuger, ausging.

Marten: Oder „Schalenka Hase“.

Tobert: Genau, mit „Schalenka Hase“ hat er sich den Schlagzeug-Beat gemerkt. Und beim Island Manöver musste er etwas spielen, was ihm absolut nicht reinging. Er hat gemeckert, warum er nicht einfach seinen normal Punkbeat spielen kann. Für ihn war es, als würde Turbostaat mit ihrem Kunstscheiß jetzt so ein Sigur-Rós-Lied spielen. Und irgendwann ist der Titel dann einfach mit dem Song verbunden. So rangeln wir uns da durch. Für mich ist es diesmal aber ein bisschen klarer.

Marten: Man möchte ja auch einfach immer vermeiden, einen Schlager zu schreiben, weshalb man das Lied am Ende nicht Polonaise nennt, sondern Ja, Roducheln“.

Anschlussfragen: Wer ist Harm Rochel?

Tobert: Das ist ein Arbeitskollege meines Opas in Husum gewesen, ein Polizist. Er hatte diesen Namen und seit jeher fand ich die viele Konsonanten ganz schön geil.

Wo liegt Fuhferden?

Tobert: Wo immer du willst.

Marten: Irgendwo, wo Dave Grohl wohnt.

Tobert: Genau, in Fooferden.

Und Abalonia?

Jan: Das weiß man nicht so richtig.

Marten: Man weiß nur, wo das Wort herkommt.

Tobert: Das kannst du doch mal erzählen.

Marten: Wir haben uns die Doolittle-Demos der Pixies angehört. Bei Debaser gab es noch keinen Songtext und Frank Black singt die ganze Zeit Ooh, A–ba–lo–ni–a. Ich fand das phonetisch sehr gut.

Wann habt ihr zuletzt bei Glufke gepennt?

Tobert: Bei ihm zu Hause? Das ist richtig lange her.

Marten: Kurz bevor wir den Song gemacht haben.

Tobert: Das letzte Mal mit einem Nightliner. Obwohl der ja vorher weggefahren ist, das gilt nicht. Und außerdem, das kannst du ja mal reinschreiben, falls er das liest, werden wir das auch nie wieder tun.

Jan: Doch, bei Glufke penn ich auf jeden Fall wieder. Der hat nämlich jetzt Whisky-Kirschen.

Tobert: Eben nicht. Er hat uns das letzte Mal nämlich Whisky-Kirschen versprochen, und Apfelstrudel und Vanilleeis, und hat sie dann einfach nicht vorbeigebracht. Er denkt, wir fahren nach Regensburg, weil man da eine geile Show spielen kann und viele Leute kommen – stimmt ja beides nicht. Wir fahren da nur seinetwegen und wegen der Whisky-Kirschen hin. Und er verkackt das.

Jan: Das stimmt wirklich, wir fahren nur hin, um ihn wiederzusehen.

Tobert: Glufke ist also wirklich ein Typ in Regensburg in der alten Mälzerei.

Marten: Alle Punkbands kennen Glufke.

Tobert: Super Kerl.

Was ist Schwinholt?

Marten: Die Straße, in der wir proben.

Was ist der Brockengeist?

Jan: Es ist eigentlich das Brockengespenst, aber „Gespenst“ ist so scheiße zu singen. Das Brockengespenst taucht bei Nebel und Nacht auf.

Marten: Es ist eine optische Täuschung. Wenn du durch den Nebel läufst und der Schatten gebrochen wird, siehst du ihn halt. Du siehst hinter dir einen riesigen Schatten, der dich verfolgt.

Jan: Wenn man „Brockengeist“ nachguckt, ist das auch mal ein Schnaps.

Tobert: Den findest du bei uns ab Plattenrelease im Shop – topmäßig im Angebot. Am besten eisgekühlt genießen mit Gurkensaft.

Vielen Dank für das Gespräch.

 


Uthlande erscheint am 17. Januar auf Kassette, CD und Vinyl bei PIAS und hat zwölf Songs.

Titelbild: © Andreas Hornoff

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Kettcar. Am Ende der Geduld

Das neue Kettcar-Album heißt Ich vs. Wir und ist ein scharf einschlagendes, Musik gewordenes böses Erwachen. Musikalisch besinnt sich die Band auf alte Zeiten, textlich ist sie besonnen wie nie.


Dabei kommen sie nicht ohne Proto-Kettcar-Phrasen wie „Irgendwann ist immer nur ein anderes Wort für nie“ oder die Mitsingparole „Das Beste ist immer der Feind des Guten“ aus. Bloß drumherum hat sich einiges verändert. Die über vier Alben ausgebreiteten Themen wie das Älterwerden ohne den Selbstverrat, Linksbleiben in Phasen des Reichtums, die Adressierung von Ängsten oder die Verarbeitung von Verlusten rücken in den Hintergrund. Im Vordergrund steht das Konkrete: die Selbstbestimmung im Hier und Jetzt.

Denn die scheint für die Band ein ernsthaftes Problem darzustellen. Zum Vergleich: Im Sommer ’89, als die Bandmitglieder um die 20 waren und politisches Engagement noch klare Formen wie Fluchthilfe am Eisernen Vorhang fand, konnte man im Freundeskreis noch mit Leidenschaft und bis weit über die Schmerzgrenze über die Sehnsüchte und Gefahren einer deutschen Wiedervereinigung diskutieren. Heute ist man in dieser Diskussion trotz fast 30 Jahren Erfahrung kaum reicher an Erkenntnissen. Und die politische Debatte selbst ist diffus geworden. Außerdem ist sie deutlich zu weit nach rechts gerückt, wird irrational und populistisch geführt. Als kritisch denkender, sozialer Mensch durchlebt man da schon mal Zyankali-Tage, an denen doch recht deutlich wird, dass Menschen keinen Sinn ergeben. Was tun? Hier gibt es mehrere Möglichkeiten.

Quelle: YouTube

Option 1: Eskapismus.

Zum Flughafen fahren, in die Ankunftshalle setzen, Leute bei Begrüßungsszenen beobachten. Wie sie etwas Aufrichtiges tun. Sie als echte Menschen mit echten Gefühlen betrachten. Sich klarmachen, dass sie nicht alle und nicht immer eine Meute sind. Das funktioniert so lange gut, bis die letzte Nachtmaschine abgefertigt wurde. Und selbst Fußballgucken hat seine Grenzen. Als langjährige St.-Pauli-Fans stehen Kettcar ja exemplarisch für linke Fußballkultur, die den Sport liebt, sich an nationalistischen Fußballkulturen aber soweit hochschaukeln kann, dass die Mannschaftsausstellung zum metaphorischen Politikum wird und einen im Länderspiel aller sportlichen Grundlage entbehrend plötzlich gegen Deutschland sein lässt. Aus Panik.

Option 2: Gedanken sortieren.

Wie kann es eigentlich zu egoistischen Massenbewegungen kommen? Steht da nicht Ich vs. Wir? Wie formen viele Ichs ein Wir der Einzelinteressen und formieren daraus dann auch noch eine Wagenburg? Das wäre ja auch praktisch zu wissen, um eine Gegenbewegung zu bilden. Aber einem widersprüchlichen Gedankengang kann man nunmal nicht mit Rationalität Herr werden, sondern verheddert sich bloß und kommt in derselben Starre aus, die ja Ausgangspunkt des Ganzen war. Es hilft nur eins.

Option 3: Handeln.

„Mama sagte, achte auf deine Gedanken, denn sie werden deine Worte. Und mit ein paar Worten fing das Ganze an.“

Kettcar – Benzin und Kartoffelchips

Aber wie denn nun? Nur weil man Unsinn nicht sortieren kann, bleibt man ja ein rationalen Denkens fähiges Wesen. Da wird man ja wohl nicht die Geduld verlieren und sich zu Gewalt hinreißen lassen. Denn mit einem Jahr im Gefängnis ist ja auch keinem geholfen.

„Mama sagte, achte auf deine Worte, denn sie werden deine Taten. Wir waren nicht betrunken, nicht in der Unterzahl.“

Kettcar – Benzin und Kartoffelchips

Wobei man ja auch nicht gleich zuschlagen muss. Den Revolver entsichern wäre ja auch erstmal eine Maßnahme. Und mit dieser Maßnahme endet das Album dann auch. Weiter kann Kunst, zumal Indie-Pop-Rock, nicht gehen. Was das Album aber besonders macht, sind die vielen Stellen, an denen genau dieser eine Schritt zu weit höchst elegant umtanzt wird. Man spürt sehr deutlich die Wut der Band darüber, hier überhaupt nochmal in den Ring treten zu müssen. Hatte man nicht damals, zum Beispiel mit …But Alive, schon alles gesagt? Aber wenn schon, denn schon. Also produziert man es aus, denkt es zu Ende, nimmt alle sinnvollen und notwendigen Perspektiven ein, lässt dieses eine Mal wirklich nichts aus. Das Scheitern, das Zweifeln, die Wut, die Ursachen, die Konsequenzen oder den steten Versuch, einfach nur klarzukommen, den Mutspruch:

„Keine einfache Lösung haben, ist keine Schwäche. Die komplexe Welt anerkennen, keine Schwäche. Und einfach mal die Fresse halten, ist keine Schwäche, nicht zu allem eine Meinung haben, auch keine Schwäche.“

Kettcar – Den Revolver entsichern

Option 4: Ich vs. Wir veröffentlichen.

Der bemerkenswerteste Song der Platte bleibt trotz reicher Auswahl die Vorab-Single Sommer ’89, auch wenn die meisten im Kettcar-Publikum ihn vermutlich inzwischen schon totgehört haben. Doch seine konsequent prosaischen Strophen, die vom Schlagzeug durch die Handlung getrieben werden, sind nicht das einzig innovative Arrangement des Albums. Es fällt musikalisch vielseitig aus, lebt durch Ideenreichtum, nicht zuletzt spannende Gitarrenparts. Im Sound scheint es zwar ein bisschen, als entwickelten Kettcar sich im Kreis und wären viel näher an ihrem Frühwerk ausgekommen als am teilweise experimentelleren Vorgänger Zwischen den Runden. Aber sie entwickeln vieles weiter und machen einfach viel mehr daraus als früher.

Auf Ich vs. Wir kommt am Ende niemand zu kurz. Bloß wer sich davon angegriffen fühlt, hat Grund zur Sorge. Es gibt Schlimmeres.

Quelle: YouTube

Kettcars Album Ich vs. Wir erscheint heute bei Grand Hotel van Cleef.

Titelbild: © Andreas Hornoff

Next level Punk – Postfords aufwühlendes Debüt

Kennt ihr diese stilisierten, verträumten Softpunk-Alben, die momentan aus dem Boden sprießen? Postfords Debütplatte ist keines davon.


Schon gar nicht soft. Und das ist auch gut so. Denn Postford greifen Punk für sich als uneingeschränkte Möglichkeit auf, ihrer Angefressenheit Luft zu machen. Und da sie kluge, kritische Geister sind, die bekannterweise viel zu sagen haben, teilt sich ihre Wut gut sortiert unter verschiedenen Themenfeldern auf. Einerseits sind da die Banalität von Kapitalismus, Medienapparat und Leistungsgesellschaft, andererseits sinnlose Kriege und Radikalisierungen. Mit kryptisch zersplitterten Texten und vielschichtigen, wuchtigen Arrangements greifen sie diese Komplexe breit an. Denn „zwischen Schampus und Ignoranz passt noch ein Hummerschwanz“. Und aus Kopf-Hoch/Weitermachen wird die Negation, wird „Hinfallen/Liegenbleiben“. Aus den Phrasen entsteht ein Narrativ, das keine abstrakten Parolen produziert, sondern Politik auf die direkte Ebene zurückholt, auf der sie stattfinden sollte.

„in der Glotze Krieg und Audi // auf der Straße Gold und Dreck“

Postford – La Déluge

Mal ernsthaft aufgebracht, mal zynisch erzeugen die Texte auch abseits der Lautstärke stete Unruhe. Damit stellen die Bremer٭innen sich konzeptuell in eine Reihe mit nordischen Diskurspunk-Bands wie Turbostaat, die sicher auch musikalisch als Inspiration durchklingen. Das Aufgreifen präganter Fetzentexte und ineinder herumwühlenden Spuren ist hier ein klares Plus der Platte, erstens weil es ohnehin ziemlich brillante Stilmittel sind, zweitens, weil es Postford gelingt, es zu etwas Eigenem zu formen und mit frischen Inputs zurückzuschießen. Eine weitere Stärke ist ohne Frage der Gesangsvortrag selbst, der ziemlich souverän sowohl zwischen verschiedenen Stimmen als auch Sprachen als auch Techniken der Trias Schreien, Singen, Sprechen kreist. Gerade die Vielseitigkeit ist hier prägnant.

Quelle: YouTube

Postford selbst holen übrigens auch ein altes Schätzchen aus dem großen Genre-Schubladenschrank, wenn sie sich beschreiben, und bemühen neben „Punk“ auch das Wörtchen „Emo“, auf welches man aufgrund von Genre-Verwirrungen und -Fehlzuschreibungen vielleicht gar nicht unbedingt gekommen wäre. Aber zunächst einmal gibt es ja nur Aufschluss über die persönliche Dimension der Texte. Und das ist etwas, worauf schon der Bandname „Postford“ angelegt ist: auf die Durchdringung von Individuum und der Gesellschaft. Von Persönlichkeitsentfaltung und Arbeitswelt. Von Nichtstun und Politik. Von H&M-Shopping und Welthungerbericht. Von der Band Postford und dem Album „Postford“. Die beiden letzten sind (die anderen genauso) nämlich in der Tat nicht zu trennen. Denn herausgekommen ist eben kein stilisiertes Kunstprodukt, sondern ein glaubhafter Versuch, sich selbst musikalisch als engagierte Individuen innerhalb von Zwängen abzubilden.

Nicht zuletzt sind es aber Spielfreude und Neugier, die das Album antreiben. Da geht es um Neuerfindung, Spaß an der Musik, an Riffs, an Pogo – ein paar Tugenden, die Postford sich hoffentlich erhalten. Ein konsequentes, waches Album haben sie nun schon hervorgebracht.

Titelbild: © Christina Kühn


Postford – s/t ist am 28. April 2017 bei Antikörper-Export und Raccoone Records erschienen.

Gurr: „In My Head“

Die Taube lieber auf der Hand als auf dem Dach. Gurr aus Berlin veröffentlichen ihren ersten Longplayer „In My Head“ und bringen First Wave Gurrlcore in die herbstliche Stube.


Andreya Casablanca und Laura Lee – die Namen der zwei Wahlberlinerinnen von Gurr sind zweifellos bühnentauglich und bei Bedarf sicherlich auch öffentlichkeitswirksam verwertbar. Ist aber nicht notwendig, denn man kann getrost davon ausgehen, dass es den beiden vorran-gig um positiv verankerten Hedonismus und den eskapistischen Charakter des Musizierens geht. Darauf lässt sich aus ihrem Debütalbum „In My Head“ schließen, das ab dem 14.10. über die Ladentheken geht.

Zu den personellen Hintergründen von Gurr lässt sich aufgrund der vergleichsweise noch jungen Historie nicht allzu viel berichten. Andreya spielte zuvor in der Nürnberger Kombo „No Fun“ und lernte Laura an der Uni in Berlin kennen. Temporär mit ins Boot geholt wurde Bassistin Jill. Durch ein Auslandssemester in den USA, das sie auch musikalisch prägte, versuchten sie sich bereits an einer kleinen Tour im dortigen Mittleren Westen. Letztes Jahr noch zu dritt, brachten sie eine mit „Furry Dream“ betitelte EP heraus. Die darauf zu hörenden zweiminütigen Tracks machen eindrucksvoll klar, welche Richtung die Band einschlägt: schmissige Gitarrenriffs und losgelöst punkiger Gesang.

Unweigerlich kommen Assoziationen zum Sound von Bikini Kill oder dem Riot-Grrrl-Movement im Allgemeinen auf, auch wenn Andreya deren Einfluss als untergeordnet einstuft. Das nun erscheinende Debütalbum „In My Head“ verdeutlicht dies. In den Vordergrund drängt sich Garage Rock, der eine Brücke von den 1960er bis in die 2010er Jahre schlägt. Lo-Fi und Ungezwungenheit wie bei den Spanierinnen der Hinds runden das Bild ab. Exemplarisch steht hier die Zeile „Wir nehmen teil an der Belanglosigkeit“, die sich in der deutschsprachigen Version der bilingualen Singleauskopplung „Walnuss/Walnuts“ wiederfinden lässt.

Quelle: YouTube

Letztendlich wird es den Gurrls egal sein, welchen Kategorisierungen wir sie unterwerfen. Denn trotz der Tatsache, dass sie zu ihren musikalischen Einflüssen stehen, ziehen sie unbestreitbar ihr eigenes Ding durch und machen dabei eine gute Figur. Dies brachte sie in den vergangenen Wochen immerhin in das Vorprogramm von Jimmy Eat World und Kakkmaddafakka. Deswegen brauchen sie sich nicht vor der im November anstehenden Tour durch die europäische Klublandschaft scheuen. Mögen es die Spatzen von den Dächern pfeifen.

Quelle: YouTube

 

Von Nordseepunk, besetzten Häusern und Kassetten. Die Band Postford im Interview

Die Musik der Bremer Band bewegt sich zwischen Punk und Emo, sie singen auf deutsch und touren am liebsten durch AZs. Auf einer Kassette stellen sie sich vor, bald folgt das Debütalbum auf Vinyl. Postmondän und Postford trafen stilecht in der Rigaer Straße aufeinander, um sich über Politik, analoge Medien und die Renaissance eines Genres zu unterhalten, das nie weg war.

Da alle Beteiligten Verspätung hatten, fiel das Gespräch halb in den Aufbau ihres gemeinsamen Konzerts mit Static Means im Fischladen, weshalb nicht zu jedem Zeitpunkt alle Bandmitglieder anwesend waren. Immerhin kamen alle zu Wort. Wenn man hinsieht.


Wer seid ihr eigentlich und was macht ihr so?

Roberta: Wir sind Postford und sind zu viert: Jacob spielt Bass, Holger spielt Schlagzeug, Nils und ich spielen Gitarre. Jacob, Nils und ich teilen uns den Gesang.

Was hat es mit dem Bandnamen auf sich?

Jacob: Postford ist hergeleitet von der nicht mehr ganz aktuellen Produktionsweise des Postfordismus. Im Fordismus ging es um Fließbandarbeit, klar abgesteckte Arbeitsabläufe und Vorgaben, was jede einzelne Arbeiterin und jeder einzelne Arbeiter zu tun hat. Der Postfordismus dagegen baut auf Selbstbestimmung und Einbringung des Selbst in Produktionsvorgänge. Und uns geht es eben auch um das Negative daran: die Entgrenzung von Arbeit – keinen Feierabend mehr zu haben, wirklich mit Leib und Seele dabei sein zu müssen, seine gesamte Persönlichkeit einbringen zu müssen, also sich mit der ganzen Arbeit identifizieren zu müssen.

Nils: Im Postfordismus ist ja auch das Ding, dass du dich die ganze Zeit selbst optimieren musst, um irgendwie hineinzupassen. Du wirst ständig auf dich als Individuum zurückgeworfen. Wenn du’s nicht bringst, dann bist du halt am Arsch. Viel zum Sport gehen, um dann auch wieder schick zur Arbeit laufen zu können und wenig Bier trinken.

Und wie kam es zur Bandgründung?

Jacob: Roberta und Nils haben vorher in der Band van Beek gespielt. Ich hab die irgendwann mal live gesehen und als der damalige Bassist ausgestiegen ist, bin ich über eine Anzeige bei Facebook dazugestoßen. Postford ist dann das direkte Nachfolgeprojekt geworden. Wir haben noch ein Konzert als van Beek zusammen gespielt, bevor das auseinanderging, und uns dann entschieden, mit einem neuen Schlagzeuger alles neu zu machen. Komplett neue Songs, neuer Name: eine komplett neue Band mit ein paar personellen Überschneidungen.

Einfach, weil ihr zu der Zeit einfach Lust auf etwas Neues hattet?

Nils: Ja, weil es an dem Punkt, an dem wir damals standen, für uns total logisch und sinnvoll war. Es war, wenn wir jetzt auf die letzten Monate zurückblicken, auch auf jeden Fall die richtige Entscheidung, persönlich wie musikalisch.

Und was würdet ihr sagen, macht ihr für Musik?

Jacob: Ich würde am ehesten sagen “Emo-Punk” passt ganz gut.

Roberta: Ja, schon.

Jacob: Es hat etwas Melancholisches, etwas Kühles dabei.

Holger (besorgt): Habt ihr alle etwas zu trinken?

Jacob: Aber wie der Begriff Anfang der 2000er benutzt wurde, hat mit unserer Musik natürlich nichts zu tun.

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Eure Texte reichen auch nicht unbedingt in den Emo hinein?

Jacob: Sie sind schon persönlich.

Aber es gibt nicht die klassische Emo-Selbstmord-Romantik, oder?

Roberta: Nein.

Jacob: Es geht eher um Alltäglichkeiten, das, was man so erlebt, was einen so umgibt, ob das nun politische Sachen sind, die teilweise auch sehr direkt bei uns vorkommen, oder auch die Kämpfe, die man so im Privaten führt.

Nils: Unser Demo, das als Tape erschienen ist, spiegelt das vielleicht noch nicht so ganz wider, aber auf unserem anstehenden Album wird das deutlicher. Es gibt viele Texte, die wirklich persönliche Geschichten erzählen, die zwar kryptisch sind, aber vielmehr aus einer persönlichen Erfahrung resultieren, als bspw. Deutschland politisch zu kritisieren.

Roberta: Aber diese persönliche Sichtweise ist auch immer sowieso politisch, weil wir alle politische Menschen sind und dann ist es sowieso bereits politisiert. Alltag ist ja auch politisch.

In Bezug auf gesellschaftliche Zwänge wie den Postfordismus?

Jacob: Auch das. Es geht auch immer darum, die Gesellschaft zu beobachten und festzustellen, dass man gerade nicht reinpasst, aber eben auch nicht immer reinpassen will. Dass viele Zwänge unserer heutigen Welt einfach zum Kotzen sind, ob die nun etwas mit Geschlechtern zu tun haben oder damit, funktionieren zu müssen. Das spielt für uns eine große Rolle.

Und gibt es für euch musikalische Vorbilder?

Roberta: Vorbilder nicht, aber sicherlich Einflüsse. Die hat man ja immer.

Welche sind das?

Nils: Unterschiedliche, würde ich sagen.

Roberta: Aber diese Schule um Dackelblut oder Oma Hans hört man auf jeden Fall heraus.

Jacob: Genau, diese Jens-Rachut-Schule um Angeschissen, Blumen am Arsch der Hölle, Kommando Sonnenmilch oder Alte Sau.

Also die Deutschpunk-Richtung?

Jacob: Ja, aber eben auch wirklich diese, wie wir es nennen, Nordseepunk- oder Hamburg-Punk-Richtung. Oft werden wir auch mit Turbostaat verglichen. Das sagen wir ungern.

Warum?

Jacob: Weil das so ein typischer Reflex ist, wenn Leute Musik mit deutschen Texten machen, gleich zu sagen, das ist jetzt Turbostaat-mäßige Musik.

Weil man damit die sonstige Szene nicht wertschätzt?

Jacob: Nein, einfach auch die Diversität, weil wir schon einfach ganz andere Musik machen. Wir klingen auf jeden Fall ein bisschen härter, würd‘ ich sagen.

Roberta: Ja, ist schon anders auf jeden Fall.

Nils: Ja, wir finden die privat halt ziemlich gut – außer Holger vielleicht – aber ich weiß gar nicht, ob das so stark da mit hineingespielt hat. Vielleicht spielt es eher dort hinein, wie ich jetzt zum Beispiel Texte schreibe, aber weniger, wie das Paket der Musik letztendlich ist.

Stimmt, ihr habt teilweise auch sehr fragmentarische Texte, was Turbostaat stark mitgeprägt haben, oder?

Nils: Ich hab das Gefühl, dass ich gerade am Anfang der Band Texte geschrieben habe, die deutlicher waren, als alles, was ich jemals geschrieben hab.

Ich meine Textstellen wie diese im Song Indikator OK. Da singt ihr: “sei zufrieden // streng dich an // für jeden nur ein Kreuz // bleib ruhig // könnte schlechter sein // und bald ist ja WM”.

Jacob: Ja, Nils hat das geschrieben und ich spreche das in dem Song. Für mich ist das auch eher gegen den Zwang, sich anzupassen. Also wirklich in Richtung: “Du bekommst deinen Anteil und bald hast du wieder schön etwas, um dich und dein Land zu feiern.”

Das klingt ja alles so nach Phrasen aus dem Medienapparat, die auf das Individuum bzw. euch wirken.

Jacob: Das ist ein sehr ironisch gemeinter Aufruf, was man halt so hört, was man lesen kann, wie man wieder klarkommen soll: dass man schön die Füße stillhalten und nicht zu sehr auffallen soll.

Sind solche Texte für euch dann eher literarische Ausdrücke oder politische?

Jacob: Selbst wenn wir einen persönlichen Text schreiben, geht das Politische eh nie weg.

Roberta: Das Politische zieht sich bei uns durch wie ein roter Faden.

Aber würdet ihr dann sagen, dass ihr es zu Kunst macht?

Roberta: Kunst ist eine schwierige Angelegenheit.

Jacob: Nicht gewollt. Wir machen das Ganze nicht, um Kunst zu machen. Wir stellen uns einfach zu viert in den Proberaum, irgendjemand bringt eine Idee mit, es wird ein Instrumental entwickelt und am Ende setzt sich entweder Roberta oder Nils zu Hause hin und schreibt, was ihr oder ihm dazu einfällt. Das ist oftmals eher aus der Situation geboren. Viele Dinge, die einem sowieso schon länger im Kopf schwirren, werden aufgeschnappt und zu Texten verarbeitet.

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Eure Texte ergeben sich, finde ich, zu einem ziemlich erdrückenden Ganzen.

Nils: Also wenn wir im Proberaum dieses Songgerüst haben, fallen mir oft Melodielinien mit zwei, drei Versatzstücken an Worten ein. Tatsächlich habe ich nicht den Plan, einen Song darüber zu schreiben, wie blöd das zurzeit in Deutschland läuft. Das ist dann in meinem Hinterkopf gerade so drin, weil ja gerade viele Refugee-Heime angezündet werden und die sogenannte Mitte durchdreht. Aber ich gehe nicht an einen Song heran und sage, ich möchte jetzt genau das schreiben, sondern das ist eher ein organischer Prozess. Ich bin auch weit davon entfernt, zu sagen, dass das was ich jetzt schreibe, irgendwas mit Lyrik oder Kunst zu tun hat, sondern es ist einfach nur Ausdruck dessen, was so gerade in meinem Kopf abgeht.

Auf jeden Fall ist eure Arbeitsweise, gemessen am Ergebnis, sehr produktiv.  Ich wollte mit euch auch noch über den Deutschpunk generell sprechen, weil ich das Gefühl habe, dass ihr da Experten seid. Habt ihr das Gefühl, dass das Genre in den letzten Jahren attraktiver geworden ist?

Roberta: Es kommt drauf an, wie man Deutschpunk definiert.

Jacob: Ich glaube schon, dass es dafür im Moment einen gewissen Markt gibt. Was man aber auch nie vergessen darf, ist, dass durch Social Media, sei es bei Facebook, Twitter oder Instagram, die Sichtbarkeit einfach exorbitant erhöht wurde.

… was ja auch ein Anreiz für junge Bands sein kann, oder?

Jacob: Weiß ich nicht. Das kann ich schwer sagen, denn ich glaube, die meisten Bands machen das nicht, weil sie groß werden wollen, sondern weil es einfach das ist, was sie mögen, und vielleicht auch einfach das, was sie können. Zum Beispiel wir machen die Musik, die wir machen, weil wir Sachen ausprobiert haben und gemerkt haben: Das ist jetzt das, was bei uns Vieren funktioniert. Es war weniger geplant, sondern ist einfach passiert.

Roberta: Es war das, was uns am meisten Spaß macht.

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Nils: Wir sind da nicht mit dem Masterplan herangegangen, dass wir das machen wollen, was zurzeit funktioniert. Ich weiß auch gar nicht, ob es tatsächlich so gut funktioniert, denn in der Szene, in der wir uns bewegen, gibt es eben auch viel krasseres Zeug, Hardcore und Crust zum Beispiel. In Autonomen Zentren wie diesem ist die Musik jetzt gar nicht so das große Ding. Es war wirklich für uns einfach die Musik, auf die wir Bock hatten. Ich persönlich habe in meiner Sozialisation gar nicht so viel mit Punk zu tun gehabt, sondern habe dann irgendwann einfach sowas wie Turbostaat oder Dackelblut gehört und hab da gemerkt, dass man Punk auch mit etwas anderem verbinden kann. Es sind nicht nur die ganze Zeit plakative Schlachtrufe-Parolen wie “Bullenschweine”. Obwohl ich auch die Schlachtrufe-Sampler mittlerweile zu schätzen weiß.

Jacob: Nichtsdestotrotz ist es natürlich so, dass es für diesen deutschsprachigen Punk bereits eine unheimliche Bandbreite an Bands gibt, die das auf eine total geile Art und Weise machen. Und es gibt da verschiedenste Strömungen, die untereinander vielleicht persönlich miteinander zu tun haben, aber musikalisch in einen Topf geworfen werden, obwohl sie eben nicht in einen gehören. Wenn ich jetzt bspw. an Love A auf der einen und Freiburg auf der anderen Seite denke: Das sind völlig verschiedene Dinge.

Findet es dann dadurch zusammen, dass die Texte eine so starke Präsenz haben?

Jacob: Es ist eben immer noch auf eine Art und Weise Punk-Musik mit deutschen Texten, die sich bestimmter Sprachcodes bedienen, die das Ganze zu einer Sauce machen. Aber für mich sind das völlig unterschiedliche Dinge.

Weil du es eher musikalisch betrachtest?

Jacob: Musikalisch gesehen auf jeden Fall. Das find‘ ich halt total geil, weil es dadurch einfach eine große Bandbreite an Dingen gibt, die da gerade so passieren. Das find‘ ich gut.

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Und würdest du sagen, dass es in den letzten Jahren einen Zuwachs an diesen Sprachcodes gab, an denen man sich orientieren kann, und die den Zugang erleichtern?

Jacob: Nein, ich glaube, das ist wirklich so ein Facebook-Ding, dass das sichtbarer geworden ist. Denn genau die Texte, die da gerade so existieren und gesungen werden, gab’s ja auch schon so bei den Rachut-Bands, bei den Goldenen Zitronen oder 3000 Yen.

Nils: Auch schon bei Blumfeld.

Jacob: Genau, und Tocotronic, die ja auch schon aus der Szene kommen.

Aber würdet ihr nicht sagen, dass der Deutschpunk sich in den letzten Jahren mehr und mehr als Form etabliert, ernsthafte Anliegen musikalisch zu transportieren? Und dass immer mehr Leute das erkennen und bewusst annehmen? Zum Beispiel, um ein Fundament zu haben, der Pop-Schiene zu entgehen, in die man mit englischen Texten und Songs über Liebe eben schneller gerät, und dort von vornherein eben einen ernsthafteren Ausdruck hineinlegen kann?

Jacob: Das spielt schon eine große Rolle. Auf der anderen Seite ist das auch einfach so, dass Deutsch die Sprache ist, in der wir uns am besten ausdrücken können. Es gibt ja auch genug deutsche Bands, die auf Englisch politische Texte singen. Das heißt ja nicht gleich, dass man nur California-Punkrock –  den unglaublich beschissenen – spielen muss. Ich glaube aber, dass die Entwicklung in den letzten Jahren schon viele dazu ermutigt hat, auf deutsch zu singen.

Nils: Ich weiß nicht, ob Punk jetzt die ernsthafteste Form ist, sich mit Themen auseinanderzusetzen. Denn es gibt auch Bands, die das auf eine sehr ironische Weise machen, was auch schlau sein kann. Affenmesserkampf zum Beispiel sind ja so dazwischen. Das würde ich nicht als Abgrenzung sehen, also es gibt auch ernsthafte Popmusik, die schlaue Texte hat.

Jacob: Midnight Oil zum Beispiel.

Nils: Ich würde Ernsthaftigkeit nicht pauschal der Musik zurechnen, die dann dahinter läuft, sondern eher dem, was die Leute dahinter repräsentieren und machen wollen.

Deutschland als Institution findet ihr ja jetzt nicht so toll, wenn man euren Song Kaltland (“Es ist deutsch in Kaltland”) so hört. Ist ein kritisches Moment gegenüber Deutschland schon im Begriff Deutschpunk ausgedrückt?

Jacob: Diese Textzeile zur WM, über die wir geredet haben, ist ein ironischer Aufruf. Nichtsdestotrotz ist es aber schon so, dass wir Deutschland alle beschissen finden. Überhaupt das Nationalstaatskonstrukt, der für Nationalismus und Rassismus eine konstituierende Rolle spielt, ist für uns abzulehnen. Die Geschichte spielt ja einfach auch eine große Rolle dabei, und das Gefühl, sich dem Nationalstaat Deutschland, der mit seiner Geschichte untrennbar verbunden ist, anhängig zu fühlen, ist für mich etwas Undenkbares.

Nils: Ja, oder Deutschland als Ideologie oder Wirtschaftsstandort, der gegen andere Staaten und Personen konkurriert. Und ich finde es absurd, genauso, dass so viele Leute, die von diesem ganzen Konstrukt überhaupt nicht profitieren, sich dann auf Sätze wie “Wir sind Exportweltmeister” oder “Wir sind Weltmeister” beziehen, obwohl es ihnen persönlich überhaupt gar nichts bringt. Aber sie schustern sich daraus so ein merkwürdiges Kollektiv zusammen oder es wird für sie zusammengeschustert, oder beides, was dann zu ziemlich widerlichen Sachen führt, wie wir ja gerade wieder sehen.

Jacob: Weil man das dann wieder verteidigen muss. Da kommen dann Eindringlinge von außen, verzweifelt, traumatisiert, aber gegen die muss man sich und sein Hab und Gut, das vielleicht auch aus Nichts besteht, dann verteidigen.

Wir führen dieses Interview ja gerade in einem der besetzten Häuser in der Rigaer Straße, die ja auch viel unverhoffte Medien- und vor allem Polizeipräsenz erfahren mussten. Wie wichtig sind denn solche Autonomen Zentren?

Jacob: Unfassbar wichtig. Und es ist immer schön zu sehen, wenn sich das dann am Ende, wie jetzt zum Beispiel mal wieder, durchsetzt. Ich meine, die Räumungen solcher Orte, die es auch dieses Jahr schon und in den ganzen letzten Jahren in dieser Gegend schon gegeben hat, sind einfach jedes Mal ein Stich ins Herz. Was hier möglich ist und auf die Beine gestellt wird, Orte, um zusammenzutreffen, um in Kontakt mit Menschen zu kommen, Konzerte organisieren zu können, offene Küchen organisieren zu können, das ist einfach immer eine Chance, zumindest auf einem kleinen Fleck eine bessere Welt anzubieten, Rückzugsräume für bestimmte Menschen, die die sonst einfach nicht finden.

Nils: Für uns bspw. ist heute besonders cool, als Bremer Band hier eine Soli-Show für das Alte Sportamt Bremen zu spielen, also für ein ähnliches Projekt, das besetzt ist und gerade Stress von Politik und Polizei bekommt. Es ist cool, dass hier in der Rigaer Straße, die selbst bedroht ist, Soli-Konzerte für andere Zentren gespielt werden und das so ein gemeinsames Ding ist, bei dem alle darauf achten, dass diese wichtigen Räume erhalten bleiben. Hier können Sachen geschaffen werden können, die in unserer Gesellschaft sonst leider nicht so oft funktionieren.

Auch live wissen Postford übrigens zu überzeugen:

Quelle: YouTube

Jacob: Gestern haben wir in Hamburg im Störte gespielt, was ja quasi zur Hafenstraße gehört. Die Häuser wurden in den 80ern besetzt, es wurde unfassbar hart dafür gekämpft, die Politik hat Druck gemacht und heute, 30 Jahre später, besteht das immer noch und du kannst dort Konzerte geben und die Leute dort setzen sich jetzt ganz aktuell für Refugees ein, organisieren, tun und machen. Und das ist einfach wahnsinnig wichtig.

Ist das dann eher das Deutschland, das ihr mit euren Texten ansprechen wollt?

Jacob: Das hat mit Deutschland für uns nichts zu tun, sondern es ist die Welt und die Gemeinschaft, der wir uns verbunden fühlen. Es gibt für mich kein ideales Deutschland, sondern immer nur die Utopie einer Gemeinschaft, die keine festen Grenzen hat, wo alles vielmehr fließend ist. Das muss für mich kein Label haben. Ob das jetzt ein religiöses Label wie das Christentum ist, in dessen Rahmen ich mich mit Menschen verbunden fühlen kann, auf der anderen Seite aber auch von anderen Menschen abgrenzen kann, die dem Christentum nicht angehören. Genauso geht es mir mit Deutschland. Ich brauche dieses Label nicht, sondern ich bin einfach ein Lebewesen. Das klingt hippiemäßig, aber da ist für mich das friedvolle Zusammenleben mit anderen Lebewesen das Wichtigste und nicht, dass irgendeine Plakette draufsteht.

Okay! Apropos Label: Ihr seid ja beim Düsseldorfer Label Raccoone Records, das ausschließlich auf analoge Formate setzt, und habt dort eine Kassette herausgebracht. Kommt das Medium wieder?

Nils: Offensichtlich!

Jacob: Ich glaube, für mich ist die Kassette ein wenig verbunden mit der Nostalgie bezüglich des Mixtapes. Das scheint mir gerade eher so ein Spaßding zu sein. Und wir stehen einfach nicht so auf CDs. Unser Album wird zum Beispiel auch nur auf Schallplatte und digital erscheinen. Keine CD, kein gar nichts.

Was habt ihr gegen CDs?

Jacob: Das Medium war quatsch. Eine CD ist nach 15 Jahren einfach gelöscht. Unsere Songs stehen auch frei zum Download im Internet. Man muss sie nicht kaufen. Wenn man kein Geld dafür geben will, herzlich Willkommen, aber man muss das nicht, darum sind wir auch nicht böse. Unsere Musik ist ein freies Gut. Nur weil man das geil findet, heißt das noch nicht, dass man uns Geld geben muss. Das ist alles okay. CDs sind auch einfach hässlich und so eine Kassette ist dann schon wieder ein haptisches Erlebnis. Da baut man auch ein schönes Booklet hinein und kann es ausklappen. Bei der Schallplatte ist das noch schöner.

… weil das Öffnen und Auflegen auch so ein schönes Ritual ist?

Jacob: Genau, und umdrehen muss man eine Kassette, außer im Auto, ja auch. Aber bei der CD geht durch die Möglichkeit des Skippens die Wertigkeit des Albums als Ganzes verloren. Und es gibt ja auch im Punk viele Bands, die ihr Album ganz bewusst für die Schallplatte zusammenstellen, und dafür entscheiden, in welcher Reihenfolge die Lieder kommen. Man hat in der Mitte einen Höhepunkt und einen Ausklang, dann dreht man die Platte um, hat einen kurzen Moment Ruhe, und dann geht’s wieder los. Es steckt einfach ein Spannungsbogen drin. Das hat die CD nicht. Das bietet das Medium einfach nicht.

Zu einer CD hat man auch keine so persönliche Beziehung, oder?

Jacob: Ne. Die letzte CD, die ich gekauft hab, war Crossroads von Bon Jovi, 1994. Ich glaube, das sagt schon alles.

Auf jeden Fall ist es ein guter Schlusssatz. Vielen Dank für das Gespräch!


Postfords Kassette gibt’s übrigens hier und den Walkman dazu hier. Oder auf dem Dachboden. Oder beim Flohmarkt eures Vertrauens.

Mehr zu Deutschpunk und Sprachcodes? Leerstellen in der Musik: Der Turbostaat-Code

Titelbild: © http://www.diegoldenehor.de/. Sämtliche Konzertbilder wurden am 15.8.2016 in der Baracke Münster aufgenommen.

This is Body War!

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Gibt es den Underground noch? Durch Show Me The Bodys Debüt Body War fühlt man sich zumindest daran erinnert. Schrammelig, laut und impulsiv. 10 Tracks, Gesamtspielzeit 30 Minuten, wie das gute alte Punk-Format. Ein konkreterer Vergleich würde Beastie Boys mit ordentlichem Hardcore-Einschlag lauten.



Diverse Sub-Sounds tummeln sich auf der Platte: Von Punk (besonders hörbar in Tight SWAT) bis zum puritanischen Noise (Honesty Hour). Show Me The Body scheinen gut zu wissen, was man nach ihrer vollen Dröhnung Hardcore braucht. Das klangliche Gemetzel, das ab und zu in Verzweiflung untertaucht, sich aber immer wieder kräftig erhebt, endet mit einer Line Aspirin.

Feiern oder Frustration? Nur Anti oder doch Anarchie? Die New Yorker Band bewegt sich konstant zwischen solchen Spannungsfeldern. In Chrome Exposed wird der Lack des „Polizei Mythos‘“ Amerikas, der trotz rassistischer Gewaltvorgehen immer noch unanfechtbar zu sein scheint, angekratzt. Death Sounds 2 lässt Großstadt und Friedhof miteinander verschmelzen; selbst Freunde werden in urbaner Depression zu (Un-)Toten.

Gewalt, Schmerz und Euphorie bündeln sich auf Body War. „It’s more real than how I feel when I have no language / Anguish I’ll tell you with my body then”, heißt es im Song New Language. Wie gut, dass die Jungs in erster Linie ihre Instrumente verkloppen.

So authentisch der Underground Sound der New Yorker Band auch ist – nichts hält davon ab, sich das Album aus Spaß an der Freude anzuhören. Auf dem Weg vom Büro über die Autobahn nach Hause, im Skatepark, beim Putzen oder Kochen. Aus gesundheitlichen Gründen sollte man jedoch das Headbangen vor allem beim Autofahren unterlassen.

Titelbild: © Show Me The Body

Turbostaats Sergeant-Pepper-Phase? Willkommen in Abalonia!

Turbostaat gehen in die Breite. Vielleicht trifft man sie in Abalonia. Ein Review.


Wenn eine geschätzte Band, die man seit Jahren verfolgt, etwas Neues macht, wird man ja manchmal etwas nervös. Hoffentlich biedern sie sich nicht an. Hoffentlich hört sie nicht nachher jeder oder rennt mit deren neuen T-Shirts rum. Hoffentlich haben sie nicht plötzlich Synthesizer für sich entdeckt. Im Falle von Turbostaats sechster Platte Abalonia, das am 29. Januar erscheint, standen die Zeichen hingegen wirklich gut. Obwohl das mit den T-Shirts tatsächlich passieren könnte.

Schon Turbostaats titelgebende Vorabsingle Abalonia streute eine beruhigende Wirkung und klang wohlbekannt, so als hätte sie sich problemlos in jedes ihrer bisherigen Alben einfügen können. Nur dass darin, gerade zum Ende hin, immer wieder dieses komische Wort gesungen wird, aus dem sich nicht schlau werden lässt – „Abalonia“, das gleichzeitig sehr konkret und sehr nichtssagend klingt. Suchmaschinen-Recherchen, man soll es ja nicht tun, liefern auch keine Treffer, die sich nicht auf Turbostaat selbst beziehen. Eine künstliche Intelligenz bietet jedoch als alternative Suche das Wort „Apollonia“ an, das sich laut einem großen Open-Source-Lexikon als der Name 13 antiker Städte herausstellt. Von denen wiederum lagen einige in heutigen Kriegsgebieten. Andere im Mittelmeerraum. Mystisch aufgeladene Zufluchtsorte? Keine Ahnung. Ich denke, auch der Möglichkeit, die Schreibweise Aba- statt Apol-lonia, könnte auf einen Einfluss der schwedischen Popband ABBA auf Turbostaat hinweisen, sollte nicht nachgegangen werden. Nicht zu vergessen auch der Lissaboner Bahnhof Santa Apolónia. Wo solche Analysen hinführen (zu nichts!), ist ja schon an anderer Stelle geklärt worden. Aber feststeht: Die Schnitzeljagd geht weiter und führt mitten hinein in das sechste Album einer Band, die 16 Jahre nach ihrer Gründung verspielter klingen denn je.

Quelle: YouTube

Ein weiteres gutes Vorzeichen war die Ankündigung, dass die Herren für die Endproduktion der Platte wieder einmal das Label gewechselt haben. Album Nummer 6 erfordert also Label Nummer 4. Diesmal hat [PIAS] die Ehre, aber die Vorgehensweise, zunächst mit ihrem verdienten Stammproduzenten Moses Schneider ihr Lieblingsstudio zu buchen, sich ein paar Wochen auszutoben und dann erst auf Partnersuche zu gehen, zeigt: Die Marke heißt nicht „[PIAS]“, auch nicht „Schiffen“, „Warner“, noch nicht mal „Clouds Hill“, sondern „Turbostaat“. Sie hätte höchstens aus jugendlichem Leichtsinn heraus fast „Schweinemotor“ gehießen. Aber das ist, worauf im Link ja bereits hingewiesen wird, nun wirklich eine andere Geschichte.

Was passiert auf Abalonia? Nach der tendenziell eher abgeklärten 2013er Platte Stadt der Angst wagen Turbostaat einige Stilexperimente. Kommen sie etwa in ihre Sergeant-Pepper-Phase? Zwar suchen sie nicht wirklich nach neuen, wesensverändernden Sounds, tragen jedoch ihren bisherigen Stil vehement in die Breite, lassen weitere Einflüsse zu und gehen technisch neue Wege. Heraus kommt sicher nicht die logische, leicht zu vermarktende Konsequenz ihrer bisherigen Diskographie und bestimmt nicht das Album, zu dem Plattenbosse, würden sie denn auf solche hören, ihnen geraten hätten, aber eins für die Fans, das kantig ist und überrascht, und das gerade in einer Zeit, in der viele Punkbands hinsichtlich der politischen Lage ziemlich konkret werden, musikalisch wie textlich eine unbeirrte Zeitlosigkeit an den Tag legt. Turbostaat winden sich im Textmosaik Abalonias zu einer überzeitlichen, aber eben auch nicht völlig referenzlosen, Metaperspektive auf lächerliche (wenn sie nicht so traurig wären) Zeitgeisterscheinungen wie rechtsextreme Montagsdemonstrationen oder Splitterparteien hinauf. Und da oben scheint es ihnen ganz gut zu gefallen, denn dort haben sie Platz zur Entfaltung.

Manche Bands finden nach Soloprojekten nie wirklich zu sich zurück, wogegen Turbostaat die ihren eher aufzusaugen scheinen. Auf Stadt der Angst war eine gewisse Nähe der Band zu dem großartigen Deutsch-Indie-Projekt Ninamarie zu spüren, der Supergroup aus Turbostaats Marten Ebsen und dem Beatsteak Thomas Götz. Auf Abalonia kommen andere Einflüsse zur Geltung. Mountain Witch, die spielwütige Doom-Metal-Zweitband ihres Bassisten Tobert Knopp zum Beispiel. Nicht dass sie plötzlich selbst Doom Metal machen würden, aber statt die Ninamarie-Indie-Richtung weiterzuverfolgen, dringen eine ganze Menge von Elementen wie minutenlange melancholische Basslauf-basierte Instrumentalpassagen, düstere Geräuschsamples oder drückende, harte Parts durch, die Tobert für die Band erschlossen hat, und die sich problemlos in den guten alten Turbostaat-Punk einfügen. Zumal auch noch andere Richtungen zugelassen werden.

Also mal kurz der Reihe nach: In Song eins, Ruperts Gruen, („Komm mit mir // Wir bleiben nicht zum Sterben hier // Was ist schon diese Stadt im Herbst?“) verlassen Turbostaat die Stadt (der Angst?), lassen die Kleingeister dort in ihrer Wut zurück. Der Song bildet den Rahmen des Konzepts und stellt den Ort des Herauswindens aus seinem Ausgangspunkt dar. Auch ein zentrales Thema der Platte wird eingeführt: „Alles ist besser als der Tod“. Der zweite Song Der Zeuge klingt textlich ein bisschen nach dem Island Manöver (2010): „Alter Adel reitet zu Pferd // Aus dem Nebel in die Fabrik // Auf dem Weg bleibt Pferdescheiße // Der Pöbel kann ja heizen damit“. Musikalisch aber passiert etwas Außergewöhnliches: Kann es sein, dass Jan Windmeier hier nicht schreit oder spricht, sondern so richtig singt, mit Melodie und ohne Autotune? Wow.

Der Wels wiederum ist Turbostaat at it’s best und strotzt vor Spielfreude. Die Arschgesichter klingt nach einem Seemannslied, das von einer unruhigen See angetrieben wird. Wolter, die zweite Vorabsingle, ist mit seinen Tempo- und Stimmungsschwankungen und unsanften Übergängen, die in einer Art Piratenchor münden, sicher eine der experimentellsten Nummern, die im Albumkontext die gänzlich verschrobene Nummer Eisenmann vorbereitet. Darin dann wird irgendeine verhasste Autorität namens „Eisenmann“ besungen und beschimpft. Es könnte ein Lied über Wolfgang Schäuble sein, ich will aber niemandem etwas unterstellen.

„Eisenmann // Spürst du dich noch selbst? // Ist das Quietschen schon bedrohlich oder was? // Flugrost an allen Ecken // Und lange nicht geölt // So stampfst du durchs Milieu und drohst und drohst // Seid ihr wirklich so verdorben? // Und jeder soll es sehen // Nur ein Königreich aus Scheiße würde euch gut stehen“

Turbostaat – Eisenmann

Totenmannknopf ist so kompakt wie sein Name, fasst nochmal alles zusammen und macht Lust auf die Tour. Geistschwein kommt wieder experimentell daher und verbreitet eine psychedelisch aufgebäumte Endzeitstimmung. Nach ihm, im vorletzten Song, kommen Die Toten und übernehmen gleichgültig plätschernd die Platte, die sich, wenn man mal wieder mit einem Hammer puzzelt, als Konzeptalbum herausstellt, das eine unheimliche Geschichte erzählt, die wohl eine Parabel ist und darin einem progressiven Theaterstück ähnelt. Abalonia schließt mit seinem Titeltrack, den wir ja schon kannten. Hier am Ende der Platte wirkt es wie eine Verbeugung der Band, wie eine sympathisch-ehrfürchtige Demaskierung ihres Konzepts, die nochmal kurz einhämmert, dass es sich bei allem Experiment und nach all den Jahren immer noch um Jenny from the block, sorry, Turbostaat aus Husum handelt.

Prädikat: natürlich ein Muss.

 

Mehr über Turbostaat? Leerstellen in der Musik: Der Turbostaat-Code

 

© Titelbild: Christoph Spranger/www.turbostaat.de

Leerstellen in der Musik: Der Turbostaat-Code

„Haben Sie Beweise? Oder einen Verdacht? Ich kann mir nicht sicher sein.“


Das Auslassen von Informationen hat sich, wie wir ja bereits wissen, als wertvolles Stilmittel der postmodernen Literatur erwiesen, das seine Leserinnen und Leser auffordert, selbst zu Kunstschaffenden zu werden. So gibt es zum Beispiel Kafkas Buch Der Prozess strenggenommen in drei Versionen. Als Buch über den Gerichtsprozess einer Person, die schuldig ist, als Buch über den Gerichtsprozess einer Person, die nicht schuldig ist, als Buch über den Gerichtsprozess einer Person, die nicht weiß, ob sie schuldig ist. Und alle drei Bücher sind bis auf den letzten Buchstaben identisch. Den Unterschied machen Leerstellen.

Zwar haben auch die geschriebenen Passagen einen starken Eigenwert, aber was es besonders macht: Wir sind es schlicht und einfach nicht gewohnt, einen Gerichtsprozess erzählt zu bekommen, ohne etwas über die verhandelte Tat zu erfahren. Zumal aus Sicht des Angeklagten. Und seien es auch nur Indizien. Uns fehlt Wissen darüber, was wir für das Nötigste halten. Leerstellen können also als Auslassungen konventioneller Erzählelemente erfasst werden. Dazu zählen auch innerhalb von Erzählungen unvermittelt aufeinanderstoßende Textsegmente, wie sie ebenfalls von Kafka eingesetzt werden.

Musik und Leerstellen

Wie steht es in der Musik um dieses Stilmittel? Eine Kunstform, die sich in vielen kurzen Einzelwerken ausdrückt und darin immer wieder zu knappen Erzählungen ausholt, müsste davon ja eigentlich durchfressen sein. Dennoch muss zunächst festgestellt werden, dass Leerstellen nicht in jeder Musikrichtung vorkommen und sie vor der Moderne scheinbar überhaupt keine Rolle gespielt haben: Sinfonien und Opern sind in sich geschlossene Werke und auch im Pop gibt es immer wieder Konzeptalben. Manche Künstler unterstellen ihr gesamtes musikalisches Schaffen einer einzigen Erzählung, wie bspw. die Band Coheed and Cambria, deren Gesamtwerk im Ganzen einen abgeschlossenen Science-Fiction-Epos ergibt.

Aber letztere sind krasse Ausnahmen. Denn nichts scheint für Künstlerinnen und Künstler des aktuellen Musikgeschäfts wichtiger zu sein, als ein einzelner, für sich allein stehender Song. Meistens ist dies ein radiofreundlicherweise zwei- bis siebenminütiges Stück, in dem ein Text über Instrumentalspuren gesungen wird. Wobei es natürlich auch die reduzierteren Varianten gibt. Dennoch liegt die am häufigsten angestrebte künstlerische Leistung aktueller Musik darin, in einem kurzen Lied etwas Konkretes so pointiert und anschaulich wie möglich mit sprachlichen und musikalischen Mitteln zum Ausdruck zu bringen. Denn selbst wenn ein Lied für einen Albumkontext komponiert wird, konsumieren es viele entkontextualisiert. Auf Shuffle, in algorithmischen Playlists, in Diskos oder als Wecker-Klingelton.

Pop als Diskurs der Motive

Und tatsächlich scheinen die meisten Musikerinnen und Musiker spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts fragmentarisch zu arbeiten – wohl wissend, dass eine völlige Entkontextualisierung ihrer Werke nicht möglich ist. Denn die Popmusik als Ganzes mit all ihren Ästen von Minimal Electro bis Thrash Metal scheint einem musikalischen Gesamtkontext, einem Diskurs der Motive zu folgen. Sowohl textlich als auch musikalisch. Alles, was wir an Musik hören, ist schon in unserer musikalischen Erfahrung konnotiert, denn ohne diese Konnotationen könnten wir es wohl bloß als endliche Reihe von Geräuschen wahrnehmen. Und so erschließen wir neue Lieder und Elemente über ihre Beziehung zu den Liedern und Elementen, die wir bereits kennen.

Wenn wir Pop-Musik hören, erkennen wir sprachliche Ausdrücke wieder, aber auch musikalische Formen. Wir erwarten Reime, Refrains, Riffs und Produktionsstandards. Und erwarten von den Künstlerinnen und Künstlern, deren Kunst wir konsumieren, dass sie all das immer wieder neu erfinden und das Gewohnte mit immer neuen Motiven anreichern – weshalb wohl auch so wenige Künstler den Zeitgeist treffen.

Leerstellen als Progress?

Aber komischerweise bleibt, wenn man es so betrachtet, in der Popmusik gar nicht so viel Platz für Leerstellen, wie man meinen könnte. Denn werden wir tatsächlich mit jedem neuen Song kontextlos in eine völlig fremde Handlung geworfen, wenn es doch die immer gleichen Szenen sind, die in Popsongs beschrieben werden? Häufig gibt es Vorstöße in neue Richtungen, aber sind sie erfolgreich, folgt ihnen prompt ein ganzes Subgenre, das daran anknüpft.

Die meisten Lieder des Pop lassen sich zum Beispiel als Versuche betrachten, einen möglichst treffenden Ausdruck dafür zu finden, dass man eine Person liebt oder es nicht mehr tut, oder dafür, wie man andersherum damit umgeht, dass sie es nicht mehr tut. Sie folgen einem 900 Jahre alten Bestreben der Liebeslyrik. Textlich wird dafür nur der allernötigste Kontext hergestellt, denn es geht darum, die Universalität der besonderen Situation auszudrücken. Und in der findet man sich als entsprechend sozialisierter Hörer schnell zurecht, zumal der musikalische Kontext, in den der Text eingefasst wird, zusätzliche Orientierung bietet. Bestimmte Wendungen sind nunmal im kulturellen Gedächtnis bereits mit bestimmten Ausdrücken verbunden. Wo also bleibt in der Musik überhaupt noch Platz für Leerstellen? Für Orientierungslosigkeit?

Facetten der Avantgarde

Etwas wird Pop, wenn die Gesellschaft, für die es produziert wurde, sich darauf eingestellt hat: wenn ihr die Konnotationen verständlich sind und sie sich darin orientieren kann. Nicht-Pop wäre somit Progress. Wenn eine kunstschaffende Person offen lässt, wie ihr gesamtes Werk überhaupt zu verstehen ist, kann sie, wie Le Colmer beschrieben hat, demnach durchaus als Avantgarde verstanden werden. Das gilt für Alexander Marcus genauso wie für Dagobert oder Moneyboy. Es treten Leerstellen in den kulturellen Konnotationen ihrer Musik auf. Alle drei weisen jedoch auch eine mehr oder minder sehr deutliche Tendenz zum Trash auf. Was aber passiert, wenn eine Band, die ihren Sound gefunden hat und ihn kulturell klar verortet, textliche Leerstellen einsetzt? Wenn ihre Texte keine Orientierung bieten, sondern ihre Hörerinnen und Hörer immer wieder in Szenen wirft und aus ihnen herausreißt? Dies wäre ein Gegenentwurf zu Moneyboy, welcher selbst kein Trash ist, aber eben auch kein Pop.

Turbostaat ist eine solche Band. Sie machen, wie sie in Interviews nicht müde werden zu betonen, Deutschpunk, was ja mittlerweile ein konventionelles Genre ist, das in weiten Teilen einer ursprünglich innovativen Idee nicht mehr viel hinzufügt. Zwar gibt es nach wie vor viele gute Deutschpunkbands, die unermüdlich touren. Aber würde man auf ihren Konzerten ein Phrasenschwein aufstellen, könnte man wohl von dem Erwerb leben. So schade es ist: Die meisten Parolen nutzen ab, auch wenn sie leider immer politisch aktuell bleiben.

Der Turbostaat-Code

Was Turbostaat seit Jahren also anders machen, ist, das Genre auf seine Sprengkraft zurückzuführen. Und zwar gerade indem sie Phrasen vermeiden. Indem sie szenisch-fragmentarische Texte über ursprünglich altbekannte Punkdynamiken legen. Dass sie letztlich dann auch musikalisch ihre Texte eingeholt haben, spielt nur in ihren Plan hinein. Denn mit Turbostaat halten Leerstellen ihren Einzug in den Punk. Betrachten wir ihre Diskographie mal chronologisch:

Flamingo (2001) und Schwan (2003) sind musikalisch noch relativ unbestimmt. Von daher tragen sie recht treffliche Namen. Knüpft die Musik auf Flamingo von ihrer Produktion her eng an kochende Kellerkonzerte an, so weist Schwan durchaus abgeklärtere Tendenzen auf. Flamingo holt die Hörerinnen und Hörer ab, Schwan nimmt sie mit. Aber der aufmerksame Punkfan wird schon auf Flamingo gemerkt haben, dass etwas an Turbostaat anders ist. Irgendwie ergeben sich die sozialkritischen Texte zu einer aufwühlenden, unverständlichen, aber auf tragische Weise schönen Geschichte. Beispiel:

„Es war nicht nur der Tag // Und die Freunde verlassen uns // Haben Leben // Und eigentlich keine Wahl // Außer dir waren alle weg // Und sprachen rätselhaft // Hinter dir sind 5 cm Platz // Und was weiß ich schon zu sagen // Außer mir fehlt ein Gesicht // Seit ich an Oberflächen kratze ist es weg // Redet bitte über Wetter // Sonst bleibt nichts übrig // Und alle haben Angst davor // Zu recht“

TurbostaatRache fūr Mautze

Das Besondere: Einerseits lässt sich der Text als ein wirrer „Stream of Consciousness“ verstehen, in dem sich flüchtige mit ausgesprochenen Gedanken vermischen. Andererseits erzeugen die Puzzleteile, wenn man sie mit etwas Gewalt entgegen angebotener Wölbungen zusammensteckt, ein klares Bild einer Person, die sich vom gesellschaftlichen Leben isoliert. Letzteres ist auch das vorherrschende Motiv ihres Gesamtwerks. Es ergibt sich eine melancholische, multiperspektivische Betrachtung der neoliberalen Gesellschaft in all ihrer kritikwürdigen Realität; in der das Individuum selbst (oder vor allem) dann untergeht, wenn es darin aufzugehen glaubt.

Turbostaats Fragmentpunk

Klarer wird all dies auf Vormann Leiss (2007), dem dritten Album. Denn das Alleinstellungsmerkmal der Band frisst sich hier noch viel stärker als zuvor auch in die Musik selbst, was womöglich auch durch den produktionstechnischen Quantensprung unterstützt wird. Die einzelnen Instrumente nehmen sich hier allesamt deutlich stärker zurück. Vieles von dem, was sie auf Schwan noch ausgespielt hätten, deuten sie nur noch an. Was die einzelnen Spuren allerdings auch viel stärker ineinandergreifen und sie als Band reifen lässt. Und wodurch, so eine selbstangestellte Überinterpretation, gesellschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse nun auch ein musikalisches Abbild finden. Turbostaat machen spätestens jetzt auch musikalisch kryptischen Deutschpunk.

Quelle: Youtube

Zu besonderer Berühmtheit haben es zwei Phrasen zum Arbeiten und Scheitern geschafft. Zum einen aus dem Titellied Vormann Leiss der Reim „Er macht die Knöpfe fest und drückt sie rein // Wir können alles und alles können wir sein“. Zum anderen der Refrain von Harm Rochel, einer ihrer wichtigsten Singles: „Leb doch mehr wie deine Mutter // Leb bloß nicht wie ich“. Beide Phrasen bringen starke Gefühle auf recht eindeutige Formeln. Die zugehörigen Strophen bieten jeweils verschiedene Kontexte an, in denen sie verortet werden könnten, aber die Textfetzen atmen vor allem durch ihre Übertragbarkeit, was in Harm Rochel etwa durch die zwei verschiedenen Ich-Erzähler der einzelnen Strophen explizit wird:

Quelle: Youtube

Auf Schnitzeljagd

Bislang trug Das Island Manöver (2010) diese Schnitzeljagd auf die Spitze. Mehr noch als die drei Vorgänger lebt es durch die Vielheit textlicher Motive, die selbst die musikalische Weiterentwicklung in den Schatten stellt. Welche Bilder dringen durch? Eine alte Frau möchte im Maisfeld erwürgt werden. Weiß nicht, wen sie dafür fragen könnte. Kennt ihre Nachbarn nicht mehr. Ein Henker gerät in eine Sinnkrise, nachdem er seine Geliebte exekutiert. Franz-Josef besteigt den Thron. Die Geister von Bolnuevo bedrohen die Ordnung. Die Ufos aus dem Moor auch. Die Enkel der Henker essen auf alten Schlachtfeldern Eis. Ein Junge hat 500 Freunde in sozialen Netzwerken. Wird aber trotzdem nach der Schule verprügelt. Ein König flieht ins Exil.

Neuere deutsche Sozialgeschichte episodisch erzählt in 36 Minuten, die sich gleichzeitig als „aufgelöst in der ganzen Welt und Angst vor allem Fremden“ charakterisieren lässt, doch letztlich in die Einsicht mündet: „Eingesperrt sind wir immer noch“.

Quelle: Youtube

Aber das Album lässt viele Lesarten zu. Denn sprachlich werden so starke wie unterschiedliche Bilder erzeugt, dass sie ihr Publikum selbst zum Ausfüllen des Erzählten oder besser des Nicht-Erzählten auffordern. Immer wieder gelangt man dabei zu bekannten Motiven, wo man sie nicht vermutet hatte. Genau wie bei Kafka sind es, wenn sie auch ein wenig anders geartet sind, konnotative Leerstellen und vor allem unvermittelt aufeinanderstoßende Textsegmente, die das Publikum selbst zum Ausfüllen des Angedeuteten aufrufen. Aber auch die Musik fordert alte Punkfans zum Überdenken fixer Genregrenzen auf:

Quelle: Youtube

Stadt der Angst als Dekodierung?

Vor musikalischer Vielseitigkeit strotzt aber vor allem Stadt der Angst (2013). Trotzdem klingt es weniger nach dem nächsten Schritt einer stringenten Entwicklung, als vielmehr wie ein Best-Of-Album. Obwohl doch alle Songs neu sind. Warum?

Quelle: Vimeo

Zwar klingt ihre Musik erfrischender und akkordreicher, aber ihre Texte wirken angespannter. Fast ein wenig, als hätten sie die Geduld mit ihrem hinterherhinkenden Publikum verloren. Als hätten sie das Gefühl, ihre bisherigen Bilder seien zu unklar gewesen. Zum ersten Mal seit Flamingo könnte man sogar meinen, dass ein Songtitel (denn ihre Songtitel scheinen seit jeher ein Eigenleben zu führen) zum Inhalt des dazugehörigen Liedes passt. Sohnemann Heinz erzählt doch recht deutlich von einem jungen Mann, der mit der Aussicht auf berufliche und finanzielle Sicherheit zum Militär gelockt wird, sich zunächst über das eigene Auto, später dann über die Einzigartigkeit der Orte freut, die er beruflich bereisen darf. Aber der letztlich im Afghanistaneinsatz zitternd auf dem Boden liegt, während andere, die Zuhausegebliebenen ohne eigene Autos, ins Kino gehen. Ebenfalls ungewohnt explizit wird in Pestperle am Beispiel der Echonominierung von Frei.Wild eine Kritik an der Offenheit der Musikindustrie für Bands der nach rechts offenen sogenannten „Grauzone“ geäußert.

Neben allem multiperspektivischen Ansinnen scheint ihnen nunmehr eine klare eigene Positionierung wichtiger geworden zu sein. Stadt der Angst zeigt, dass sie eben auch eine politisch progressive Band sind. Was sie immer waren. Aber die Bilder werden hier deutlicher verbunden, fast ohne Gewalt, fast dekodiert, fast wie ein ganz normales Puzzle, was ehrlich gesagt etwas schade ist, denn durch die wenigen wirklich deutlichen Bilder kommen die übrigen, abstrakteren, fast ein wenig willkürlich daher. Andererseits zeigt Stadt der Angst aber auch eine Fortentwicklung der Band in die Breite, die das Interesse am angekündigten sechsten Album nur verstärkt. Man könnte es ja auch einfach als Belohnung am Ende einer Schnitzeljagd annehmen.

Am Ende einer Reise

Wenn man so will, liefern Turbostaat bereits auf Vormann Leiss, wenngleich etwas unscheinbar, sogar einen wichtigen Beitrag zum oben beschriebenen Liebeslyrikwettkampf des Pop.

„Wenn das Jahr vergeht und nichts passiert // Der Strom ausfällt und das Licht ausgeht // Das ertrage ich, doch eines nicht: // Du sollst mich nicht Roboter nennen! // Du sollst mich nicht Roboter nennen! // Nur zu einem Zweck wurde ich konstruiert // Und was du hier Neugier nennst wurde niemals programmiert“

TurbostaatNach fest kommt ab

Was man allerdings nie so genau weiß, ist, ob das, was man findet, überhaupt jemals versteckt worden ist. Aber im Sinne der Formel „Hasko such den Hafen, bitte such“ (TurbostaatCharles Robotnik seine Frau) scheint beim Turbostaat-Konsum das Suchen ohnehin wichtiger zu sein als das Finden. Denn ihre Musik macht nachdenklich. Aber der Versuch, den Turbostaat-Code zu knacken, bereitet Kopfzerbrechen und läuft, wie nunmehr festgestellt werden muss, ins Leere. Aber vielleicht reicht ja die subjektive Erkenntnis, dass es sich schlicht und einfach um einen schönen Code handelt, der, ähnlich dem Matrix-Code, seine eigene Ästhetik hat. Denn darum geht es doch in der Kunst. Oder?


Quelle: Youtube