Schlagwort: Punk

„Ich persönlich schreibe für niemand“ – Ein Gespräch mit dem Dichter Fabian Lenthe

Fabian Lenthe ist Lyriker und lebt in Nürnberg. Innerhalb kürzester Zeit hat er mehrere Lyrikbände veröffentlicht und arbeitet derzeit auch an einem Roman. Seine Gedichte handeln oft von Einsamkeit und Isolation – passen also erstaunlich gut zu den derzeitigen Verhältnissen. Philip hat mit ihm über alte und neue Projekte, über Lyrik generell und die Motivation des Schreibens gesprochen.


Fabian, seit 2018 veröffentlichst du jährlich einen Gedichtband. Dein neuestes Buch Apnoe ist 2020 erschienen, und auch für dieses Jahr wurde schon ein weiterer Titel von dir angekündigt. Andere Lyriker hingegen arbeiten jahrelang an einem Band und verfeinern diesen. Ist deine Arbeit schon eine lyrische Massenproduktion? Und wie arbeitest du, wenn du Gedichte schreibst?

Ich schreibe täglich. Eine gewisse Masse zu produzieren, lässt sich dabei kaum vermeiden. Andere Lyriker schreiben, wie sie schreiben, das geht mich nichts an. Ein Urteil lässt sich sowieso nur über das Ergebnis fällen.

Gedichte zu schreiben ist eine seltsame Angelegenheit. Ich setze mich nicht hin und sage: „Jetzt schreibe ich ein Gedicht!“ Es ist vielmehr so, dass ich womöglich etwas aufmerksamer wahrnehme, was um mich herum und in mir geschieht. Oft ist es nur ein Wort oder ein Gefühl, um welches sich thematisch alles aufbaut, aber das ist immer intuitiv. Einen bestimmten Weg gibt es nicht.

Die Lyrik kommt also von selbst zu dir? Im Grunde täglich?

Ja, das Schreiben ist immer da. Wenn man so will, ein ständiger Begleiter im Hintergrund.

Von Buch zu Buch werden deine Gedichte kürzer und dichter. Begonnen hast du mit längerer Poesie, die zwischen Trauer, Dunkelheit und kleinen alltäglichen Lichtschimmern im prekären Leben oszillieren. Das Ganze wurde schon einseitiger, knapper, melancholischer, aber auch verstörender (in einem poetischen Sinn) in deinem Band Da Draußen. In Apnoe nun sind die Gedichte noch verdichteter und behandeln weniger absurde Schilderungen als vielmehr abstrakte, metaphorisch verarbeitete Gefühle von Trauer, Isolation, Leere und auch Stillstand. Wie kommt es zu dieser Entwicklung? Was würdest du als deine Stimme in der deutschen Lyrikwelt bezeichnen?

Fabian Lenthes Gedichtsammlung Apnoe

Es lässt sich ganz gut mit dem Meißeln einer Skulptur vergleichen: Erst wenn alles Überflüssige entfernt worden ist, ist man fertig. Wie alle Künstler durchlaufe ich eine Entwicklung. Wenn ich es mit vier Zeilen schaffe, das auszudrücken, was ich möchte, wozu dann mehr schreiben? Man muss auf den Punkt kommen! Alles andere ist Zeitverschwendung!

Ich weiß nicht, ob man von einer Stimme sprechen kann, oder sollte. Alles, was ich zu sagen habe, kann man lesen, der Rest ist uninteressant. Wen interessiert es schon, was man zum Frühstück hatte oder wie oft man aus dem Fenster springen wollte.

Je kürzer dein Gedicht, desto besser ist es also für dich?

Nein, es geht darum, alles Unnötige wegzulassen. Dasselbe gilt auch für die Prosa. Wie dick oder dünn ein Buch ist, wie viele Zeilen ein Gedicht hat, sagt nichts über die Qualität aus. Wenn du vier Zeilen brauchst, brauchst du vier, wenn du hundert brauchst, brauchst du hundert.

Viele deiner Gedichte, laufen immer wieder auf ähnliche, traurige oder düstere Alltagsbetrachtungen hinaus. Gibt es ein bestimmtes Grundthema, von dem dein Werk handelt?

Das Leben, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Nicht mehr, nicht weniger.

Das ist so allgemein, dass die Aussage inhaltsleer wird. Was für ein Leben oder Lebensformen meinst du?

Ich behaupte mal, dass die meisten Menschen auf dieser Erde mehr Zeit damit verbringen zu überleben, anstatt zu leben. Dem Gefühl des täglichen Verzweifelns versuche ich Ausdruck zu verleihen. Am besten so, dass sich jeder darin ein Stück weit wiederfinden kann.

Du veröffentlichst bisher alle deine Bücher bei Rodneys Underground Press, einem kleinen Punk-Verlag für sogenannte Underground-Lyrik. Sind aber deine Gedichte, je herkömmlicher und feinfühliger sie in ihrer Metaphorik und Bildsprache werden, nicht eigentlich schon im Mainstream angekommen? Und wenn ja, was bedeutet das für dein Schaffen?

Ob man in der Lyrikszene von Mainstream sprechen kann, wage ich zu bezweifeln, dazu wird zu wenig gekauft.

Wenn den Leuten gefällt, was ich schreibe, freue ich mich. Wenn sie daraufhin meine Bücher kaufen, freue ich mich noch mehr. Das ist alles.

Ja, Lyrik ist sicherlich kein literarischer Mainstream mehr. Ich meinte auch den „Mainstream“ innerhalb der Lyrik. Aber wo wir beim Thema sind: Warum glaubst du, wird Lyrik so wenig gekauft, aber in den Feuilletons relativ breit rezipiert? Schreiben Lyriker nur noch für ihre Kollegen und die Kritik? Wie ist das bei dir? Für wen schreibst du?

Hier und da fällt es natürlich auf, dass immer wieder dieselben Namen neben Goethe und Rilke in den Buchläden zu finden sind und vom Feuilleton besprochen werden. Auch ist es schade, dass dadurch dem Leser das wahre Spektrum der Gegenwartslyrik völlig verborgen bleibt. Wer nicht wirklich Teil der „Szene“ ist oder sie zumindest regelmäßig verfolgt, dem werden einige großartige Dichter und Dichterinnen entgehen. Ich persönlich schreibe für niemanden. Schreiben ist mit das Schrecklichste, was man sich antun kann. Ich rate jedem davon ab. Wenn du es trotzdem nicht lassen kannst: „Willkommen im Club!“

Würdest du sagen, dass deine Texte noch Hoffnung vermitteln?

Das dürfen die Leser selbst entscheiden.

Wie heißt dein neues Projekt, und worum soll es im neuen Lyrikband gehen?

Fabian Lenthes bald erscheinendes acedia

Der neue Band trägt den Namen acedia, die im christlichen Glauben als eine der sieben Todsünden angesehen wird. Übersetzt bedeutet acedia „Sorglosigkeit“, „Nachlässigkeit“ oder „Nichtsmachenwollen“. Eine Haltung, die sich gegen Sorge, Mühe oder Anstrengung wendet und darauf mit Abneigung, Überdruss oder Ekel reagiert. Man könnte durchaus sagen, ich habe einen ganzen Gedichtband dem Nichtstun gewidmet.

Kann das Nichtstun oder Nichtsmachenwollen nicht auch eine Tugend sein, so wie es Vertreter des Rechts auf Faulheit (im Sinne der Muße) oft vertreten?

Ja, durchaus. Paradoxerweise entstehen alle meine Gedichte während ich, zumindest, wenn man mich beobachten würde, nichts tue. Wie schon erwähnt, das Schreiben hört nie auf, es ist immer da.

Das finde ich nicht sehr paradox. Vielen Dank für das Gespräch.


Apnoe von Fabian Lenthe erschien 2020 mit vier Zeichnungen von Michael Blümel bei Rodneys Underground Press und hat 79 Seiten.

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„Innenansichten eines Außerirdischen“ – Teil 8-11

zwischen den dingern …


guten tag. mein name ist tobert knopp und ich spiele bassgitarre in der gruppe turbostaat. seit 21 jahren. ich war 19, als das alles anfing. in husum. unsere neue platte „uthlande“ wird ab jetzt bespielt, hier da und dann dort und ich bin aufgeregt wie sau. das ist mir tatsächlich neu …

berlin ist ein seltsamer ort – ich werde immer dazwischen bleiben. sollte mal hierherziehen, war ne dunkle zeit. suchte schuldige, erst in hamburg, dann berlin. dann fand ich mich. schuldig. generelles thema zwischen all den gleichen teilen, den großen städten. kim gordon erzählt in ihrem buch „girl in a band“ viel vom new york der 80er – da wollte ich immer mal hin, habs aber nur bis berlin geschafft, bis pfaffenbötel und raus aus nordfriesland. auch ganz geil.

berlin war bestimmt auch mal richtig prima; seit ich hier rumrenne, ist es für mich irgendwie gleich. groß. bedrohlich. aber voll mit freunden und seelen; geliebte freunde. jan wohnt hier auch und er singt jetzt vor vielen leuten und nicht mehr auf meinem sofa. wie toll das leuchtet. zum arbeiten macht das stets sinn und spaß in berlin, platten aufnehmen, pizza essen, sich alt fühlen bissn – dann wieder wegfahren. die konzerte sind ausschließlich immer wahnsinn. die erste show im ausverkauften festsaal kreuzberg haut mich doll um, weg vom SO36 macht mich nervös und es kommt ganz viel zurück. als wäre die neue platte schon jahre raus … und mich überkommt das seltene gefühl, dass das ganz ok ist, was wir da so machen …

suse und ich pennen auf eigene faust im hotel – wir sind eine seltene art wesen, die in gemieteten räumen zu etwas besonderem werden. außerdem ist karneval. ich gehe heute mit frida kahlo ins bett.

morgens gemeinsam ohne jan zu bis aufs messer, ein guter plattenladen. ich bin schon früher vor ort und fühle mich verstanden. mein krass ist dein krass und ich finde eine single der band neanderthal. ulf weiß, warum. außerdem kaufe ich ungehört eine platte namens „field recordings of madagascar“ und beschließe wieder anzufangen, experimentelle musik zu veröffentlichen.

© Tobert Knopp

das zweite konzert im festsaal lässt sich für mich nicht ausreichend beschreiben, es war sehr sehr gut zu uns – drei minuten vor anfang beschliessen frida kahlo und die schwangere gute dinge – wir spielen frieda und die bomben. ich glaube, dass arnim sehr glücklich war, ein bisschen rumzuhüpfen und zu brüllen mit uns – seine augen werden dann ganz klein. das ist so ein rockreptilblick. der piekst dich an. ich beschließe, mehr rockmusik zu veröffentlichen. du bist ein hypergeiler dinosaurier, ich weiß, wo dein herz knallt.

tags drauf, tante ju … der bürgermeister von dresden bestimmt seit jahren das geschehen um diese band hier und außerhalb der grenzen der vorstellung. in wirklichkeit ist er ein konzertveranstalter oder so, aber er regiert in unserem herzen das land auf beste weise. eine herzgestalt, so schroff wie der osten am rand und so liebenswert, wie der hund von böhler. dort fühl ich mich gänzlich unbeobachtet und gehe in die neustadt zur groovestation, wo ich schon so oft gewesen bin. ein teil von mir wohnt hier, heimlich im keller. ich bringe ihm eine heiße suppe und etwas geld.

© Tobert Knopp

busaussteigen nervt. der wecker, dann die tasche, und es regnet auf st. pauli. bassman rein und taschen, ab aus der stadt, da steht das schloss mit seinen spitzen. ich muss erdnüsse rausstellen, die hörnchen und häher warten. wenn ich durchatme, zittern meine augenlider, ich kann aus irgendeinem grund nicht mehr so richtig greifen. außerhalb meiner selbst betrachte ich dieses leben und seine possen. ricochet. wer mich erwischen will, muss gestern losfahren. bis bald …

tobert knopp


„Innenansichten eines Außerirdischen“ – ein Gast-Blog aus Turbostaats Tourbus. Morgen geht das weiter. Hier geht’s zurück zu Teil 7.

Festsaal vorm Fest:

Beitragsbild: © Tobert Knopp

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„Innenansichten eines Außerirdischen“ – Teil 7

ich habe einen kater. er heißt klaus und wohnt in meinem kopf. klapperklapperklapperklaus.


guten tag. mein name ist tobert knopp und ich spiele bassgitarre in der gruppe turbostaat. seit 21 jahren. ich war 19, als das alles anfing. in husum. unsere neue platte „uthlande“ wird ab jetzt bespielt, hier da und dann dort und ich bin aufgeregt wie sau. das ist mir tatsächlich neu …

kinder, werdet keine punkmusikanten, das tut nur weh. es wird laut gesungen und leute liegen sich in den armen, die alten freunde kommen vorbei, einige werden 50/51 heute. hans schwäger ist da, wegen ihm hab ich einen schulabschluss. ich wollte 99 auf tour fahren, die schule mich nicht gehen lassen. hielt ich für mumpitz und fuhr. sah die welt, kam zurück und sollte gehen. als wär ich überhaupt noch anwesend. hans hat damals grade lehrer gelernt und sein erstes jahr an der fachhochschule in husum absolviert, außerdem hat er mit roli und peter zusammen gewohnt, ist dann schnell mein tutor geworden und hat das ruder nochmal gerissen. 3,6, zeugnis beim umzug danach verloren, nie wieder gefunden.

kinder, werdet keine punkmusiker und alt damit, es ist da nix zu holen außer liebe und leidenschaft, außer gemeinsamkeit, und die zeit vergeht. die ganze markthalle hat gesungen, bestimmt so laut wie bei kreator – ich war so glücklich gestern, dass wir das machen können, so lange schon und so viele gesichter schon so lang. dass man uns zuhört und eine bühne gibt, fürstlich bekocht und allerorts freundlich behandelt. dass die plattenfirma dann zu wenig schallplatten gepresst hat und wir nix zum verkaufen haben, is zwar kacke, aber irgendwie latte.

Tobert Knopp


„Innenansichten eines Außerirdischen“ – ein Gast-Blog aus Turbostaats Tourbus. Morgen geht das weiter. Hier geht’s zurück zu Teil 6.

Beitragsbild: © Tobert Knopp

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„Innenansichten eines Außerirdischen“ – Teil 6

drinnen draußen dies und das …


guten tag. mein name ist tobert knopp und ich spiele bassgitarre in der gruppe turbostaat. seit 21 jahren. ich war 19, als das alles anfing. in husum. unsere neue platte „uthlande“ wird ab jetzt bespielt, hier da und dann dort und ich bin aufgeregt wie sau. das ist mir tatsächlich neu …

es ist seltsam, zwei offdays zu hause zu haben, da kommt man ja richtig an. so mit abwaschen und so – englisch lernen mit sohn. voll geglotzt. hart real. aber die nacht war gut: ich wache auf, weil mich ein schlecht gekleidetes eichhörnchen weckt. ich weiß, dass das natürlich blödsinn ist und lege meine gliedmaßen ab. ich gleite zwischen den dielen aus dem haus, hinunter an der regenrinne, unterm zaun des nachbarn richtung autobahn und überquere diese. kein verkehr. auf der anderen seite schlängel ich mich in eine unterspülung der fahrbahn, sie wird immer enger, am ende liegt so ein grüner stein aus dem playstation-1-spiel vandal hearts. ich wach auf. das eichhörnchen sagt, ich muss frühstück machen. es ist 12 und mein sohn. er braucht eine frisur.

früher haben ausschließlich kreator in der markthalle gespielt, die kommen aus essen und sind eine der besten metal bands der welt. so hab ich das damals wahrgenommen … ich durfte deren shirts nicht haben oder anziehen – geschweige denn nach hamburg auf konzerte fahren. mein erstes metal-shirt war ein benediction-„transcend the rubicon“-shirt, welches als gratisbeilage der großbestellung meiner metalbauernfreunde übrig blieb und mir überlassen wurde. dann „use your illusion 1+2“, beides auf einem shirt, musste sparsam sein und vor mutter verstecken. ist fast so unglaublich wie die tatsache, dass jetzt wir in der markthalle spielen dürfen und dass da hammerviele leute kommen – irgendwie fühlt sich das komischer an, als seine gliedmaßen abzulegen.

tobert knopp


„Innenansichten eines Außerirdischen“ – ein Gast-Blog aus Turbostaats Tourbus. Morgen geht das weiter. Hier geht’s zurück zu Teil 5.

Neu: weiter zu Teil 7.

Eindrücke aus der Markthalle:

Quelle: Instagram
Titelbild: © Tobert Knopp

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„Innenansichten eines Außerirdischen“ – Teil 5

space bleibt the place – und wir heute weltlich.


guten tag. mein name ist tobert knopp und ich spiele bassgitarre in der gruppe turbostaat. seit 21 jahren. ich war 19, als das alles anfing. in husum. unsere neue platte „uthlande“ wird ab jetzt bespielt, hier da und dann dort und ich bin aufgeregt wie sau. das ist mir tatsächlich neu …

kurz gefasst, es wird heute nicht viel passieren. der friese ist krank, sein ladegerät im bus, der bus in der hafencity oder so und wir sind in bergedorf. marten und tobert gehen spazieren zur sternwarte. wir bestaunen diesen ort, er ist mir heilig. dass hamburg so wenig übrig hat für den ausblick in die sterne, mag mir nicht einleuchten. weltkulturerbe auf aussicht, engstirniges kleines pfeffersackloch. finsterer ausblick, blöde elbdings – ich bin in die vorstadt gezogen. hier sagen die eichhörnchen noch moin und marten gefallen die teleskopnamen und der verfall. ideen zu einem space album, nach all dem konkreten auf uthlande – ich seh die augen der anderen. seine glänzen.

ich koche dem kranken friesen eine hühnersuppe und wir freuen uns darüber, dass kapern jetzt lecker, milka aber bäh ist. ich bin lazy, du bist müde. morgen geht der wahnsinn weiter.

tobert knopp


„Innenansichten eines Außerirdischen“ – ein Gast-Blog aus Turbostaats Tourbus. Morgen geht das weiter. Hier geht’s zurück zu Teil 4.

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Titelbild: © Tobert Knopp

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„Innenansichten eines Außerirdischen“ – Teil 4

rentnerschwemme und rastenhass, dann nudeln. 8 reisebusse voller rentner verstopfen die raste, 97 km vor hamburg. es ist 7 uhr früh, heute ist off day zu hause.


guten tag. mein name ist tobert knopp und ich spiele bassgitarre in der gruppe turbostaat. seit 21 jahren. ich war 19, als das alles anfing. in husum. unsere neue platte „uthlande“ wird ab jetzt bespielt, hier da und dann dort und ich bin aufgeregt wie sau. das ist mir tatsächlich neu …

nightliner drop, das geht so: bus hält. alle raus. sachenpack. regennass. weg der bus. ran der smart. alle rein, abfahrt.

marten, der friese und ich pennen heute bei mir. an offdays gehen wir eigentlich im egalwo ins kino und essen wirsingpizza – heute spielen wir mit suse und meinem sohn „nemesis“ am küchentisch. das ist son brettspiel, so wie alien, aber bissn anders, hat der friese gecrowdfundet. unzählbar viele steinchen und karten, das große monster sieht super aus. wir müssen raus aus der tiefkühle und das schiff reparieren. rumo will waffen sammeln, ich mach nix und bin als erster fertig damit. wir überleben alle und dann koch ich bolognese. lorbeer vom dach schmeckt anders als aus der tüte. der wichtigste bestandteil ist zitrone – und nur tomatenmark nehmen.

als wir noch in schleswig geprobt haben, auf der freiheit, von stadt der angst bis abalonia, da haben marten und ich dort zu zweit gepennt, jedes mal. er aufm boden, ich im feldbett, zwischen den kisten im lager. meist haben wir äthiopischen jazz und kate bush gehört und waren ganz lange wach, waren ganz fuselig und duselig von der freiheit auf der freiheit, nachts ist da ja nix und es war ein schloss für uns. kann ich im nachhinein schon verstehen, dass der rest der band am nächsten tag meistens nichts mit den erkenntnissen unseres vorabends anfangen konnte – muss man dabei gewesen sein. da hab ich auch immer spaghetti bratwurst oder carbonara gemacht oder marten hatte selbstmachpesto dabei, an den fenstern unzählige hornissen und ich durfte mal mit helges mofa fahren. kontaktmann rolf hat uns besucht und richtig geholfen, damit wir immer neue saiten für die gitarren haben … letztes waren wir mal kurz da, ist alles umgebaggert und die hornissen sind bestimmt tot. hatte ich aber auch ne heidenangst vor …

draußen stürmt es, freiheit war gestern, aber hier wohnt die liebe – ist schön, dass ihr zu besuch seid. eichhorn statt hornisse.

tobert knopp


„Innenansichten eines Außerirdischen“ – ein Gast-Blog aus Turbostaats Tourbus. Morgen geht das weiter. Hier geht’s zurück zu Teil 3.

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Beitragsbild: © Tobert Knopp

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„Innenansichten eines Außerirdischen“ – Teil 3

auge+beule.


guten tag. mein name ist tobert knopp und ich spiele bassgitarre in der gruppe turbostaat. seit 21 jahren. ich war 19, als das alles anfing. in husum. unsere neue platte „uthlande“ wird ab jetzt bespielt, hier da und dann dort und ich bin aufgeregt wie sau. das ist mir tatsächlich neu …

mainz. waren wir schon mal in mainz? meins erinnert sich nicht … ich möchte einen hut kaufen und gerate in karnevalsmusikanten in der einkaufszone, ich verstecke mich in einem plattenladen und kaufe verlegenheitsjazz. die hüte sind alle scheiße und später verschneide ich meinen bart schief und dann zu kurz. ich will mir heute nicht gelingen. ich treffe 2 freunde und wir spielen mit unseren fantasykarten. das macht mich sehr glücklich, denn ich halte mich heimlich für einen wizard aus kotz und das begieße ich mit zu viel whiskey.

dann muss ich rennen, meine schuhe holen, weil es auf die bühne geht, in 2 minuten. raus aus den botten, rein in die slipper, dann hammer laut und doll und an der eins vorbei. es macht heute richtig spaß! ich möchte jan etwas von dem rauchigen getränk auf das shirt spucken (er mag den geruch nicht) und der gag geht in die hose, bzw. ins auge. müssen wir später spülen. er is böse, ich n bissn zu besoffen.

später sind ganz viele leute im backstage und ich muss irgendeiner eule sagen, dass sie mal nicht am catering rumsauen soll …

ich bin übrigens erstaunt, dass uthlande live so gut läuft, es wirkt so, als hätte das publikum schon viele lieder ganz oft gehört und sich freut, dass wir die spielen. ich erlaube mir keine einschätzungen vorab und erwarte nichts, ich wäre vollkommen ok damit, wenn es niemand interessiert, was wir tun – dann ist die überraschung riesig! auf der bühne merkt man, dass es schön ist, wieder unterwegs und laut zusammen zu sein. so viel scheiße fällt aus dem kopf. peter schaue ich heute die ganze zeit an und ich hab ihn so lieb – das ist übrigens erstaunlich: nach 21 jahren mögen sich alle noch und ich glaub, langsam sogar noch mehr. mag am alter liegen …


„Innenansichten eines Außerirdischen“ – ein Gast-Blog aus Turbostaats Tourbus. Morgen geht das weiter. Hier geht’s zurück zu Teil 2.

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When in Mainz:

 

Beitragsbild: Tobert Knopp

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„Innenansichten eines Außerirdischen“ – Teil 2

kebapträume …

es ist kein verlass auf die zukunft von morgen. es ist kein verlass auf mich.


guten tag. mein name ist tobert knopp und ich spiele bassgitarre in der gruppe turbostaat. seit 21 jahren. ich war 19, als das alles anfing. in husum. unsere neue platte „uthlande“ wird ab jetzt bespielt, hier da und dann dort und ich bin aufgeregt wie sau. das ist mir tatsächlich neu …

heute sind wir in köln, nachdem gestern das soundsystem in jena flöten ging, will sagen: alles üben wurde auf die probe gestellt, die teuren ohren einfach aus, oh weh. blindflug …

hauke ist übrigens unser soundmann, seit weit über 10 jahren. wie lange genau, das weiß ich nicht mehr. ich kenne hauke schon mein halbes leben. er hat früher bei akephal gitarre gespielt, im speicher husum konzerte gemischt und in seinem spärlichen wg-zimmer hab ich das erste mal kyuss gehört, danach war einiges anders. wir kachelten immer über alle landstraßen zu schnell, schwammen im lundener schwimmbad nachts und nackt und sven treubmann hatte da reingeköppert mit offenen augen, aber konnte dann doch recht schnell wieder sehen. auf dem weg in die umliegenden diskotheken beklauten wir über nacht angelieferte supermärkte und die reste vergammelten danach in unseren küchen, wochenlang. explodierende milchflasche macht quark an decke, bass zu laut macht sound scheiße, ego macht stimmung kaputt. irgendwann waren deine haare mal ganz weiß und weg und dann ging alles wieder von vorne los.

noch mehr schätzen gelernt hab ich ihn aber über die jahre auf ganz andere weisen: auf hauke ist verlass und gestern war ich ein arsch. für den ausfall des bühnensounds kann er gar nix und das müsste ich eigentlich wissen – unser busfahrer franklin hat gesagt, da muss man als profi drüberstehen. mein ego ist mir wichtiger als deutschland … heute tut mir das leid.

was noch viel wichtiger ist: jetzt ist das wieder egal. wir nehmen uns zeit und basteln alles wieder zurecht, aus dem grundvertrauen heraus, dass uns ja eigentlich nix passieren kann dabei, ist ja punkband und fehler is king …

wir versöhnen uns, indem wir in köln tun, was wir immer gemeinsam tun. auf das wir uns seit tagen freuen: wir fahren zum kebapland. wir heizen dahin und bestellen immer dasselbe, lammspießteller. das brot eingeschmiert mit schmeckiger marinade, gegrillt über der holzkohle, ganz heiß, und es dampft und riecht so gut. es ist ganz voll drinnen und alle wollen sitzen und auch und wir schmausen und loben verliebt. auf das kebapland ist genauso verlass wie auf den ausfall der technik, die zuversicht auf besserung meinerseits und auf hauke albrecht.

tobert knopp


„Innenansichten eines Außerirdischen“ – ein Gast-Blog aus Turbostaats Tourbus. Morgen geht das weiter. Hier geht’s zurück zu Teil 1.

Neu: weiter zu Teil 3.

Inside Kebapland:

Bilder: © Tobert Knopp

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„Innenansichten eines Außerirdischen“ – Teil 1

der weltraum – unendliche weiten.


guten tag. mein name ist tobert knopp und ich spiele bassgitarre in der gruppe turbostaat. seit 21 jahren. ich war 19, als das alles anfing. in husum. unsere neue platte „uthlande“ wird ab jetzt bespielt, hier da und dann dort und ich bin aufgeregt wie sau. das ist mir tatsächlich neu …

heute sind wir im kassablanca in jena. kaum ein ort, den ich mehr verehre, als das café im turm, mit seinen balken und der steinernen bank und dem airbrushgemälde vom vollständigen universum (teilhaft) an der decke. ein freundlicher ort, martin empfängt uns immer mit offenen armen und ich fühle mich auf eine art zu hause und bin sehr dankbar. hinten rein und dann hoch und vorbei an der küche, hallo nach oben, in die unendlichkeit. das eigens zubereitete essen is stets fantastisch und man spürt, dass sich hier immer mühe gegeben wird für die reisenden bands. das ist nicht immer selbstverständlich, unterwegs. 

der erste tag ist immer etwas stressig. obwohl jeder eigentlich weiß, was er zu tun hat, kommt meist einiges durcheinander. überall liegen die deckel von kisten und der inhalt davor. ich suche klett. ich muss ein echogerät befestigen, ich habe mir fest vorgenommen, an unvereinbarten stellen auf das ding zu treten und mächtig krach zu machen. ich mag die gesichter, die werden mit den tagen nämlich länger. je mehr routine in den ablauf kommt, desto erstaunter schauen sie. ein sample an komischer stelle oder der viel zu lange hall: es hat etwas ulkiges, dass musik so berechenbar zu wiederholen ist. 

Eindruck eins von zwei aus Jena:

 

ich frage mich stets, ob mich auch jemand beobachtet, wenn ich dort oben stehe, allerdings halte ich mich meist für unsichtbar. das ist übrigens ein geheimnis: ich war früher sehr aufgeregt vor konzerten. da mein gehirn nur mässig in der lage ist, sich anzupassen, habe ich mit den jahren meine multitasking-fähigkeit in vielerlei punkten kürzen müssen, um klarzukommen. als ich jahrelang nur traurig war, konnte ich den menschen nicht mehr in die augen sehen – ich habe mir dann meine sehstärke abtrainiert und keine brille getragen. lange konnte ich nur ahnen, was vor der bühnenkante passiert. ich bin ein sturer nordfriese und was ich nicht sehe, das existiert auch nicht. keine beweise, keine angst.

aufgeregt bin ich jetzt tatsächlich wieder, obwohl anders und erneut zum ersten mal. alles klappt momentan mit turbostaat. ich muss gar nicht hingucken beim spielen und ich habe mir abgewöhnt, alles analysieren und hören zu wollen, was ich da genau tue: auf meinem monitor mix sind jetzt wieder alle aus der band gleichmäßig laut vertreten, ich höre uns zusammen zu, das mag ich wieder gerne, denn die neue platte ist irgendwie ganz anders, als ich hätte ahnen können. ich empfinde sie als einfach und damit übernehmen wir uns irgendwie nicht. es ist etwas uneitel und das eigentlich gar nicht meine art. 

wenn da nicht der stete kopfschmerz wäre, der mich am ersten tag immer langsam macht und klapprig, und ich mich so alt fühle, wie ich wirklich bin, die ticks mich treppen zweimal und schmerzmittel viermal nehmen lassen, ich jeden tack zerzähle und dinge durch 5 teile, dann hätte ich nichts zu klagen. ach jena …

tobert knopp


„Innenansichten eines Außerirdischen“ – ein Gast-Blog aus Turbostaats Tourbus. Morgen geht das weiter. Hier geht’s zurück zu Teil 0.

Neu: weiter zu Teil 2.

Eindruck zwei von zwei aus Jena (mit Buchtipp):

 

Quelle: Instagram
Bilder: © Tobert Knopp

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„Innenansichten eines Außerirdischen“ – Teil 0

erst die hose, dann die schuhe. ein erster schuh, dann die hose: und dann die schuhe. was einst nonno hätte helfen können, soll heute mein hirte sein, ich weiss ja gar nicht mehr von vorn und hinten und wo das eigentlich ist. morgen bin ich in jena. (nonno hat mit peter und kwixi bei zack ahoi, gespielt. geile band … der konnte schreien wie son viech, im sitzen …)


guten tag. mein name ist tobert knopp und ich spiele bassgitarre in der gruppe turbostaat. seit 21 jahren. ich war 19, als das alles anfing. in husum. unsere neue platte „uthlande“ wird ab jetzt bespielt, hier da und dann dort und ich bin aufgeregt wie sau. das ist mir tatsächlich neu …

bevor ich um 23:05. zuerst einen bus, dann eine bahn, dann eine andere nehme und dann in einen richtig großen bus steige, muss ich etwas sortiertes vorstellen: den versuch, jeden tag ein kleines bisschen einblick in den ablauf dieser schönheit zu geben, den ich rollbettfahren nenne. dazu braucht es eine band inkl anhang, einen schlafbus, etwas gerät, frische bettwäsche (olfaktorisch unbedenklich), etwas tigerbalm, silikonohrstöpsel. ingwer. statt star trek diesmal ein buch von david byrne: „how music works“.

deswegen auch dies hier. wie das genau funktioniert, mit soner band, versteh ich seit jeher nämlich eher wenig und ich betrachte den ablauf stets mit staunen. es wird laut und kracht und blinkt und knackt und da kommen ja leute hin irgendwie und freuen und gehen und dann fährt das ding weiter und ich riech nach kampfer und hör ja gar nichts mehr – da muss man mit den füßen nach vorne schlafen, ich vorneuntenlinks und es wackelt dann … 

in einigen städten die lichter, woanders ein imbiss, hinterm-eck-versteck, ganz lang muss man anstehen. oder der weinmann immer mit seinen geschichten oder gluffke mal wiedersehen und vielleicht kommt ja olli, wenn er noch lebt. aber das kann carsten auch erzählen bestimmt. ein piratenhauptmann – noch ein piratenhauptmann.

in jena dann die sterne, oben im holz. die hat er gesprüht und ich hab seine namen verloren und ich will ihn da wieder treffen und diesmal mein ich es ernst, aber dazu morgen mehr … 

tobert knopp


„Innenansichten eines Außerirdischen“ – ein Gast-Blog aus Turbostaats Tourbus. Morgen geht das weiter.

Neu: weiter zu Teil 1.

Ein erster Einblick:

Quelle: Instagram
Beitragsbild: © Andreas Hornoff

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