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„Postfaktisch? Am Arsch! Warum uns das neue Modewort nur noch tiefer in die Scheiße bringt“

Postfaktisch – das Wort des Jahres. Überall ist es gerade zu lesen und stellt so etwas wie das Gütesiegel aller Aufrechten gegen den grassierenden Rechtpopulismus dar. Hier Wahrheit – da Lüge. Doch war vor Höcke, Trump und Co. wirklich alles so richtig wahr? Und hilft uns diese Wortneuschöpfung irgendwie weiter? Nö.

Ein politischer Kommentar von Gastautor Nils Hesse


„Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster“

Antonio Gramsci

Oh, da ist ja was passiert, da hinten, über dem großen Teich. Da haben die Amis doch tatsächlich diesen Typen mit einer großen Portion Menschenverachtung unter dem blonden Scheitel zum Präsidenten gewählt. Die Aufregung der letzten Wochen könnte kaum größer sein. Am Tag nach der Wahl waren die Sozialen Netzwerke so etwas wie die Trauerfeier für die Welt, wie wir sie kannten. Alle schienen unglaublich überrascht, dass das „Irrationale“ (Trump) über das „Rationale“ (Clinton) gewonnen hat. In den Analysen tauchte immer wieder das Wort „postfaktisch“ auf, mit dem sich auch der Beitrag von Dirk Sorge auf postmondän beschäftigt. Es ist ja auch was dran: Viele Menschen scheinen gerade nicht zugänglich für eine demokratische Auseinandersetzung. Sicherlich spielen auch die Sozialen Medien dabei eine Rolle: Den Menschen fällt es deutlich leichter sich in den anonymen Blasen des Internets ihre eigenen Wahrheiten zu basteln und diese auch ständig von anderen bestätigt zu bekommen. Doch woher kommen diese Emotionen? Haben die Menschen auf einmal einen Schlag auf den Kopf bekommen oder waren sie schon immer da? Waren wir vor Trump, vor AfD und Pegida tatsächlich in einem seligen Zeitalter des Faktischen, in der sich immer das bessere, faktischere und letztlich wahrere Argument durchgesetzt hat? Waren wir wirklich auf so einer Habermas‘schen Party, auf der der alte Jürgen mit Partyhütchen und einem schönen Glas Rotwein glückselig grinsend in der Ecke hängt? Funktioniert Demokratie und Gesellschaft überhaupt so? Nicht wirklich.

Das Politische ist immer auch Emotion

Zunächst einmal: Ja, es stimmt, Donald Trump ist ein widerlicher Rassist, Sexist und Sozialchauvinist. Er verkörpert so ziemlich all das, was manche dazu bringt sich auf eine einsame Insel zurückzuziehen und der gesamten Menschheit den Mittelfinger zeigen zu wollen. Aber ist das Problem tatsächlich, dass Trump sich mit der Bedienung von Twitter, Facebook und Co besser auskennt als Hillary Clinton? Ist das Problem mit der AfD tatsächlich, dass sie zu Propagandazwecken auch gerne mal Fakten verdrehen oder sie ihnen schlicht egal sind und letztlich offensichtlich die Emotionen vieler Wähler*innen ansprechen? Nein. Das Problem ist, dass Trump und die Wir-sind-das-Volk-Schreihälse halt eben rassistische, sexistische und sozialchauvinistische Arschlöcher sind. Das Problem sind nicht die (Nicht-)Wahrheit und die Emotion, sondern die dahinterliegende und propagierte Ideologie.

Politik und Emotion haben schon immer und werden auch immer zusammengehören wie Punk und Sterni. Kann mensch sich wirklich vorstellen sich aus rein rationalen Gründen für Politik zu interessieren? Keine*r beginnt sich für Politik zu interessieren, weil das Rentenkonzept jener Partei die Rentenformel viel rationaler anpassen will als eine andere (Obwohl, vielleicht funktioniert das bei Menschen, die in der Jungen Union aktiv werden tatsächlich so. Wer da Erfahrungen hat, möge sich melden!). Politisierung funktioniert über Empörung, Abgrenzung und eben Emotion. Zum Beispiel gibt da immer diese Zeit im Leben – vielleicht zwischen 14 und 18 oder so –, in der die Welt so wunderschön beschissen ist. Der Kopf ist voll von Fragen, Wut und Abgrenzung: Warum verhungern Menschen, wenn auf der Welt doppelt so viel Nahrung produziert wird, wie alle Menschen bräuchten? Das ist doch ungerecht! Warum produzieren wir Strom mit einer Technologie, die in der Lage ist die Welt vollkommen zu verwüsten? Das ist doch bescheuert! Warum zünden Leute Unterkünfte von Geflüchteten an? Scheiß Nazis! Und so geht es weiter. Im besten Fall entsteht daraus eine nachhaltige Politisierung, die Dinge hinterfragt und aus den politischen Angeboten ein Weltbild zusammenbastelt. Dazu braucht es allerdings klare politische Alternativen, die auch fernab von langweiligen Sitzungen und Besprechungen Emotionen und Wut kanalisieren und positiv in politische Forderungen umsetzt.

Postfaktisch war der ganze Laden schon lange / Entpolitisierung

Der (institutionalisierten) Politik sind allerdings weitgehend die Emotion und die Alternativen abhandengekommen. Das liegt zum großen Teil daran, dass etwa seit Mitte der 80er das Dogma „There is no alternative“ (Thatcher) über allem Politischem schwebt. Findige Thinktanks hatten ganz „faktisch“ herausgefunden, dass es keine Alternative zu Deregulierung, Privatisierung, Sozialabbau und ausgeglichenen Staatshaushalten gebe. Diese Idee wurde durch die Standortkonkurrenz im globalen Kapitalismus in die meisten Köpfe gepresst. Letztlich war der Neoliberalismus so hegemonial, dass letztlich nahezu alle Parteien in den westlichen parlamentarischen Demokratien, egal ob konservativ, sozialdemokratisch oder liberal in den westlichen Industrienationen die Alternativlosigkeit verinnerlicht hatten. Plötzlich führten sozialdemokratische Parteien Kürzungen im sozialen Bereich durch, die sonst nur von staatsskeptischen liberalen zu erwarten waren. Grüne führten Kriege, die sonst eher den Konservativen zugerechnet werden worden wären. Kurz: Die Parteien wurden sich immer ähnlicher und kämpften um die sogenannte „Mitte“.

Das Ganze passierte aber nicht nur in den Sphären der parlamentarischen Politik. In den Unis und Hochschulen wurden mittlerweile mehrere Generationen von Wirtschaftswissenschaftler*innen ausgebildet, die genau eine Theorie kennen: Der rationale Nutzenmaximierer – Homo Oeconomicus. Wie wissenschaftlich es ist eine Wissenschaft genau auf einer Annahme zu basieren, lassen wir mal dahingestellt. Die Alternativlosigkeit wurde also vor allem durch Expert*innen legitimiert, die „faktenbasiert“ darlegen konnten, wie die Welt aus ihrer Sicht denn so läuft. Abgesehen davon, dass viele ihrer Annahmen faktisch nicht eingetreten sind – Stichwort Trickle-Down-Effekt – , ist die proklamierte Alternativlosigkeit natürlich Quatsch. Es gibt immer Alternativen, es ist nur die Frage, ob sie gedacht, artikuliert und um sie gekämpft werden, oder nicht. Die paradoxe Situation einer faktenbasierten Alternativlosigkeit, die es faktisch nicht geben kann, könnte vielleicht am ehesten als faktischer Postfaktizismus beschrieben werden.

Die zwei Folgen dieses gesellschaftlichen Klimas:

Einerseits zogen sich die Menschen immer mehr auf sich als Individuum und vielleicht noch ihren nächsten Verwandtschafts- und Freundeskreis zurück. Große politische Organisationen wie Kirchen, Gewerkschaften oder auch Parteien verloren und verlieren an Bindekraft. Ganz im Sinne der hegemonialen neoliberalen Ideologie wurde jede*r „seines Glückes Schmied“. Überall muss Leistung gebracht werden, auf der Arbeit, beim Poweryoga oder in der Beziehung. Zunehmend sind die Menschen auf sich als Individuum zurückgeworfen. Wer es in dieser Welt nicht bringt, ist eben ein*e Versager*in und soll sich auch ruhig wie einer fühlen. Das ist die Kehrseite der Story mit dem ‚Tellerwäscher‘ und dem ‚Millionär‘, die als American Dream so populär ist. Wenn alle Gewinner*innen sein wollen sind letztlich doch die meisten Verlier*innen. Ohne Verlieren kann es kein Gewinnen geben. Und gerade im neoliberalen Kapitalismus stehen wohl die meisten eher auf der Tellerwäscher-Seite.

Andererseits erlebt gerade die Nation als kollektiver gesellschaftlicher Kit eine große Renaissance. Hierbei bedingen sich zwei Dinge gegenseitig. Zum einen waren Rassismus und Nationalismus nie komplett aus den Köpfen verschwunden, es war nur nicht besonders angesehen ihn auch öffentlich vor sich herzutragen oder gar in diesem Sinne zu handeln. Zum anderen kommt auch ein globalisierter neoliberaler Kapitalismus nicht ohne die Heimstatt Nationalstaat aus. Er braucht ihn als rechtlichen Bezugsrahmen, der die Eigentumsverhältnisse absichert, wichtiger in diesem Zusammenhang ist aber, dass die Nation auch eine wichtige ideologische Bindewirkung in einer ökonomisch entgrenzten Welt darstellt. Wenn mal wieder der Exportweltmeister Deutschland gefeiert wird, kann sich jede*r Deutsche ein bisschen auf die Schulter klopfen und sich selbst beglückwünschen etwas zum Sieg Deutschlands im großen Kampf der nationalen Wirtschaftsstandorte beigetragen zu haben. Von der Beute dieses Kampfes gibt’s natürlich nichts, aber ein gutes Gefühl irgendwie was für Deutschland getan zu haben, hilft ja vielleicht auch ein bisschen die Unübersichtlichkeiten der Welt hinter einem Vorhang aus schwarz-rot-gold zu vergessen.

Krise der parlamentarischen Demokratie – was tun?

In beinahe allen bürgerlich-parlamentarischen Demokratien erlebten wir in den letzten Jahren eine zunehmende Zentrierung der politischen Auseinandersetzung um die sogenannte gesellschaftliche Mitte, gepaart mit einer Politik, die weitgehend als alternativlos legitimiert wurde. Demokratie aber lebt vom Streit, vom Diskurs und davon, dass unterschiedliche Interessen um gesellschaftliche Hegemonie ringen. Passiert dies nicht mehr oder immer weniger, eröffnen sich Räume gerade für rassistische und menschenfeindliche Ideologien, wie etwa den Rechtpopulismus. Diesen Zusammenhang haben politische Theoretiker*innen wie etwa Chantal Mouffe (Lesetipp: Über das Politische: Wider der kosmopolitischen Illusion) deutlich herausgearbeitet.

Jedoch sind weder der Siegeszug des Rassismus und Nationalismus, noch die Vereinzelung und der Leistungsdruck im neoliberalen Kapitalismus alternativlos. Was allerdings ganz klar nicht gelingen wird, ist eine emotionale Auseinandersetzung, wie sie gerade etwa um und durch Trump oder auch die AfD geführt wird, einfach zu rationalisieren und sie als postfaktisch und damit nicht einer Auseinandersetzung würdig abzuqualifizieren. Klar müssen Lügen – gerade wenn sie rassistisch, sexistisch oder sonst wie menschenfeindlich sind – als solche entlarvt werden. Wir dürfen uns aber nicht der Illusion hingeben, dass Fakten die braunen Widerlichkeiten beenden würden. Es braucht keine neuen Kategorien um die Entwicklung, die wir gerade erleben zu beschreiben. Postfaktisch war der Laden schon lange. Neu ist, dass es aus einer anderen oder vielleicht auch nur radikaleren Richtung kommt.

Die Kritik muss an der Ideologie, die in den Köpfen derer herumspuckt, die an Stammtischen hetzen, in rechten Think-Tanks Strategien entwickeln, auf der Straße für Deutschland „spazieren gehen“ oder Brandsätze auf Unterkünfte für Geflüchtete werfen ansetzen. Sie sind nationalistisch, rassistisch, sexistisch und homophob – schlicht menschenfeindlich. Dagegen gilt es sich zu organisieren. Gleichzeitig muss der trostlosen Alternativlosigkeit etwas entgegengesetzt werden. Es braucht progressive, emanzipatorische, linke Kollektivität(en), die der Vereinzelung und dem Nationalismus etwas entgegensetzen. Gegenwärtig scheint sich alles eher auf einen Abwehrkampf zu fokussieren – es soll bloß nicht noch schlechter werden. Tatsächlich müssen daraus aber wenigstens mittelfristig Forderungen und Aktionen entstehen, die über Trump, AfD und die Verhältnisse vor dem Erstarken der Rechten hinausweisen.

Vielleicht können etwa die Bewegungen, die sich gerade in den USA gegen Trump bilden das schaffen. Sie sind sehr divers, das ist ihre Stärke und vielleicht auch ihre Schwäche. Wenn es aber gelingt, gemeinsam über die Verteidigung bürgerlicher Freiheiten gegen Trump hinaus, gemeinsame Forderungen zu artikulieren und auch zu erkämpfen, dann hätte die Wahl Trumps vielleicht doch einen positiven Aspekt. Die Offensive muss her, um Kollektivität jenseits von „Wir sind das Volk“, Nation und Dumpfbackigkeit herzustellen. Ja, das bedeutet Streit, Auseinandersetzungen, Emotion und eben keinen Konsens. Aber genau das ist es, was es schon viel früher gebraucht hätte, sowohl im Zweiparteiensystem der USA, als auch in der ziemlich mittigen politischen Landschaft in Deutschland. Nur mit echten Alternativen kann es gelingen diese Auseinandersetzung zu gewinnen.

Trump, Höcke, Petry und Konsorten sind Symptome einer gesellschaftlichen Entwicklung, die viel tiefer und früher angesetzt hat als bei ihren Wahlerfolgen. Sie sind nicht einfach aus dem Nichts gekommen und es hilft auch nichts den verbreiteten Hass aus einer intellektuellen Warte nonchalant als schlicht falsch zu klassifizieren und sich damit bei einem gemütlichen Rotwein auf das Vintage-Sofa einer hippen Szenekneipe fallen zu lassen. Das, was gerade passiert, ist vielleicht der letzte Weckruf. Auch Trump und das, wofür er steht, wird vor Deiner Haustür bekämpft.


Nils Hesse

Nils Hesse hat auch mal was mit Gesellschaft studiert. Schreit und spielt Gitarre bei Postford. Mag Bier aus 0,33er Flaschen, Gummibärchen und manchmal Menschen.

 

 

 

 

 

 


Titelbild: © Lenn Colmer

Postfaktisch – Die Politik des Bauchgefühls

Das US-amerikanische Wahlvolk hat gesprochen. Es rief „TRUMP!“ Was es damit ausdrücken will, ist aber unklar, denn es spricht mit einem kaum verständlichen Dialekt, den Sprachforscher „Postfaktisch“ nennen.


Postfaktische Zeiten

Das kleine Wörtchen „post“ hat es ganz schön in sich: Es zeigt nicht nur einen zeitlichen Verlauf an (etwas ist nach etwas anderem), sondern es markiert auch einen qualitativen Unterschied. Die Postmoderne ist reflektierter als die Moderne. Die postcolonial studies sind besser als koloniale Forschungsreisen. Postmondän ist cooler als Die Welt. Doch was ist der Unterschied zwischen dem Postfaktischen und dem Faktischen?

Das Oxford Dictionary hat das englische Pendant „post-truth“ zum Wort des Jahres 2016 gewählt und begründet die Entscheidung mit dem Gebrauch des Worts im Zusammenhang mit dem Brexit und Donald Trumps Kandidatur im US-Wahlkampf. Das Wort bezeichne „circumstances in which objective facts are less influential in shaping public opinion than appeals to emotion and personal belief“. Objektive Tatsachen sind also für die öffentliche Meinungsbildung weniger einflussreich als Gefühle und die persönliche Überzeugung. Bezogen auf das Titelbild dieses Artikels würde der postfaktisch denkende Mensch sagen: „Ich könnte die Größe der Figuren auf dem Bild zwar nachmessen, aber ich verlasse mich lieber auf mein Bauchgefühl. Und das sagt mir, dass die Figuren nach hinten größer werden.“ Postfaktisch denkende sind anfällig für Täuschungen.

Angela Merkel sprach von „postfaktischen Zeiten“, als sie im September die schlechten Wahlergebnisse der CDU bei den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern kommentierte.

„Postfaktisch“ scheint sogar eine treffendere Benennung der gemeinten Phänomene zu sein als „post-truth“. Schließlich wird das Konzept der Wahrheit (truth) nicht insgesamt aufgegeben. Nur die Rolle, die Fakten bei der Wahrheitsfindung und bei der Begründung der Meinung spielen, ändert sich. Fakten sind nur noch dann Fakten, wenn sie mit meinen persönlichen Gefühlen übereinstimmen. Wenn nicht, dann sind die Fakten Lügen.

Tatsächlich kann aber niemand, der seine Meinung lautstark äußert, das Konzept der Wahrheit ganz über Bord werfen. Er fühlt sich ja zu seiner Meinung berechtigt und muss sie äußern, weil sie bis jetzt noch nicht von ‚denen da oben‘, vom Establishment oder von den Massenmedien genügend berücksichtigt wurde. Der Ausruf „Lügenpresse!“ setzt gerade voraus, dass es eine Wahrheit gibt, über die die Medien eigentlich berichten sollten.

Post-Kompetenz

Das Spannende ist nun, dass diese postfaktische Haltung nicht nur den wütenden Mob auf der Straße betrifft, sondern ins Innerste des politischen Systems vorgedrungen ist. Das Neue ist dabei nicht, dass Politiker heutzutage lügen – das haben sie vermutlich immer schon getan. Die neue Qualität entsteht, wenn sie nicht einmal mehr versuchen, ihre Meinung durch Fakten zu belegen. Und wenn sie einer Lüge überführt werden, hat das oftmals keine gravierenden Konsequenzen mehr. Die Lüge ist eben keine Lüge, wenn sie sich richtig anfühlt oder dem Belogenen in seiner Überzeugung bestätigt. Und ein digitaler Shitstorm wird so schnell vom nächsten abgelöst, dass die aufgedeckte Lüge in Vergessenheit gerät.

Nun haben wir den Salat: Donald Trump wird bald der mächtigste Politiker der Welt sein. Dass Prominente aus dem Showbusiness politische Ämter bekleiden, ist in den USA nicht neu. Arnold Schwarzenegger und Ronald Reagan sind die wohl bekanntesten Beispiele. Reagan hatte vor der Wahl zum US-Präsidenten 1980 allerdings immerhin schon viele Jahre lang politische Erfahrungen gesammelt (er war Gouverneur von Kalifornien 1966-1974). Trump hingegen ist politisch genau so erfahren wie ein Autoreifen. Man muss sich einmal klar machen, was die Wahl Trumps wirklich bedeutet: Das ist so, als wäre Dieter Bohlen der deutsche Bundeskanzler!

Aber nicht nur nimmt es Trump mit den Fakten nicht so genau. Auch das schwächere Kriterium der Kohärenz ignoriert er, die Forderung also, dass Aussagen einer Person wenigstens widerspruchsfrei zueinander passen. Seine Reden während des Wahlkampfs enthielten nicht nur zahlreiche Selbstwidersprüche, auch seine erklärten Ziele vor und nach der Wahl widersprechen sich bereits. Beispielsweise nannte er im Wahlkampf das Ziel, Obamacare abzuschaffen. Nach der Wahl ruderte er zurück und möchte Teile der Gesundheitsreform nun doch beibehalten. Das grundsätzliche Problem ist also, dass gar nicht klar ist, was die Wahl von Trump für Folgen haben wird – er scheint es ja selbst nicht zu wissen. Seine Ziele ändern sich mit seinen Gefühlen je nach Tagesform. Konrad Adenauer wird gerne mit der flapsigen Bemerkung zitiert: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Nichts hindert mich, weiser zu werden.“ Trumps Motto ist sinngemäß: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Nichts hindert mich, heute andere Gefühle zu haben.“

Donald Trump funktioniert wie eine Fernsehserie, bei der in jeder Episode eine unerwartete, schockierende Wendung in der Story das Publikum bei der Stange hält. Ob die Geschichte dabei logisch schlüssig ist, ist zweitrangig.

Posten, liken, sharen

Das ‚alte‘ Massenmedium Fernsehen macht es einer kontroversen Figur wie Trump leicht, gehört und gesehen zu werden. Trump ist auf skurrile und verstörende Art unterhaltsam und unberechenbar – ein Garant für Einschaltquoten. Der Fernsehsender CNN hat selbst eingeräumt, Trumps Reden zu oft und zu ausführlich ausgestrahlt zu haben, als sich dieser 2015 neben anderen Bewerbern im Vorwahlkampf der republikanischen Partei befand.

Der hauptberufliche Miesepeter Neil Postman hat den Zusammenhang zwischen medialer Aufmerksamkeit und politischer Meinungsbildung schon in den 1980er Jahren anschaulich dargestellt. Ihn sorgte die Tendenz des Fernsehens, alles im Format der Unterhaltung zu präsentieren und den ernsthaften Diskurs zu verdrängen. Durch die sozialen Medien, die Postman nicht mehr miterlebt hat, hat sich diese Tendenz sicherlich noch verstärkt. Man muss gar nicht kulturpessimistisch eingestellt sein, um zu verstehen, dass mit 140 Zeichen keine komplexen politischen Zusammenhänge dargestellt werden können. Emojis drücken standardisierte Gefühle aus, aber zum Argumentieren sind sie eher ungeeignet. Während die FDP einst forderte, dass die Steuererklärung so einfach sein müsse, dass sie auf einen Bierdeckel passt, scheint sich heute der gesamte politische Diskurs an solchen begrenzenden Formatvorgaben zu orientieren. Bierdeckel passen ja auch gut zu Stammtischparolen, bei denen die Faust auf den Tisch donnert.

Auf der Jagd nach Clicks, Likes und Einschaltquoten berichten die Medien lieber über verbale Entgleisungen und andere Fehltritte von Politiker*innen als über politische Inhalte. Günther Oettinger beispielsweise war aus personenbezogenen Gründen in den letzten Wochen gleich mehrfach in den Schlagzeilen. Was seine politischen Ziele und seine Aufgaben als EU-Kommissar eigentlich sind, bleibt dabei aber völlig im Dunkeln und scheint niemanden zu interessieren. Mit der Überschrift „Politiker*in XY will die Einkommenssteuer um 0,5 Prozent erhöhen!“ lässt sich eben keine Aufmerksamkeit generieren. Und für die Wähler*innen ist es natürlich auch bequemer und leichter, sich über eine öffentliche Person eine Meinung zu bilden als über ein Parteiprogramm, eine politische Debatte oder einen konkreten aber langweiligen Gesetzentwurf. So werden schließlich Politiker*innen gewählt, weil sie ’sympathisch rüberkommen‘. Aber selbst ein unsympathischer Kandidat hat im Zweifelsfall bessere Chancen als ein Name, dem man zum ersten Mal in der Wahlkabine begegnet.

Schön wäre es, wenn der Wahlsieg Trumps als Weckruf für Redaktionen und andere Entscheidungsträger*innen in der Medienbranche ernst genommen würde und eine selbstkritische Analyse stattfände.

Postproduktion der Stimme

Donald Trump hat verstanden, wie die Medien funktionieren und hat es geschafft, mediale Aufmerksamkeit in Wählerstimmen umzuwandeln. Neue Medientechnologien zu verstehen und zu nutzen, wird sich für Politiker*innen zukünftig wohl noch mehr lohnen, denn die Wahrheit wird durch diese zunehmend flexibel gestaltbar.

Jeder Hobbyfotograf kann heute mit Photoshop Bilder retouchieren und so bearbeiten, wie es zu Zeiten der Analogfotografie nur für Profis möglich war. Kinobesucher*innen haben sich längst daran gewöhnt, dass in Filmen virtuelle Welten gezeigt werden, die vollständig am Computer entstanden sind. Die Stimmen von animierten Figuren wurden bislang jedoch von Schauspieler*innen im Tonstudio gesprochen. Das könnte sich bald ändern, denn Adobe, die Entwicklungsfirma von Photoshop, hat den Prototypen der Software VoCo präsentiert, mit der beliebige Texte von beliebigen Stimmen gesprochen werden können. Und zwar nicht so, wie es synthetische Stimmen schon seit Jahren können, sondern mit Stimmen von ‚echten‘ Personen. Man kann jeder beliebigen Person, von der genügend lange digitale Tonaufnahmen existieren, jedes Wort in den Mund legen – im Idealfall klingt die Sprachausgabe so echt, dass durch bloßes Hören nicht entschieden werden kann, ob die Person den Text tatsächlich gesprochen hat oder ob es die Software ist, die nur die Stimme der Person nutzt.

Jede sprachliche Äußerung von Trump, die zukünftige Journalist*innen finden, könnte also prinzipiell ein Fake sein. Und Trump könnte jede seiner früheren Äußerungen bestreiten, indem er behauptet, dass seine politischen Gegner sie mit der Software generiert hätten. Der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge hätte dann nur noch eine theoretische Relevanz. Für eine politische Diskussion hätte er gar keine Auswirkungen mehr. Das wäre dann tatsächlich post-truth.

Vielleicht sollten wir aber erst mal klein anfangen und eine Crowdfunding-Kampagne starten, um Hillary Clinton einen EDV-Kurs an der Volkshochschule zu spendieren. Es ist nie zu spät, den richtigen Umgang mit Email-Programmen zu lernen.