Schlagwort: Oscars 2017

Der Kitsch der Exzentrik

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Manchmal scheint es schon auszureichen, um für einen Film eine Auszeichnung in Cannes zu bekommen, wenn man einen künstlichen (dafür weniger künstlerischen) Roadmovie produziert, um sich selbst zu feiern, anstatt zu informieren und zu unterhalten. Denn genau mit dieser Strategie haben der junge französische Streetart-Künstler und Fotograf JR und die 90 Jahre alte Regisseurin Agnés Varda zusammen einen Film gedreht, der auch noch für einen Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert war. Augenblicke: Gesichter einer Reise heißt der einschläfernde Film, der jetzt in die deutschen Kinos kommt und der die beiden Figuren und ihre Werke durch ganz Frankreich begleitet.


In Augenblicke macht sich das ungleiche Duo auf die Reise, um filmisch zu begleiten, wie JR die Gesichter von verschiedenen Franzosen fotografiert und dann im überlebensgroßen Format an Fassaden klebt. Dazu geben die beiden Künstler den Abgebildeten die Möglichkeit, etwas über sich, ihre Arbeit und ihr regionales Umfeld zu erzählen. Abgerundet werden die einzelnen Etappen entweder von unzähligen Selfies irgendwelcher Touristen, arrangierten Partys oder dem angeblichen Reflektieren der beiden Künstler. Insgesamt tut es einem Land wie Frankreich, das kulturell sehr stark von Paris dominiert wird, natürlich gut, wenn einmal auch kleine Dörfer und selten betrachtete Perspektiven und Menschen zum Zuge kommen. Denn von der letzten Bewohnerin einer früheren Minenstadt, über ausgestorbene Dörfer, einsame Bauernhöfe, verarmte Hippierentner, Frauen in Männerberufen, bis zu Fabrikarbeitern, bildet der Roadmovie alles ab. Über dem Film schwebt dabei stets das traurige Schicksal Vardas, die langsam erblindet und mit dem jungen, exzentrischen JR konfrontiert wird.

Die Fotografierten werden zu Objekten

Was zunächst wie ein recht abwechslungsreiches Portrait der Franzosen wirkt, ist doch nur eine einzige Banalität, sowohl in inhaltlicher als auch künstlerisch-stilistischer Hinsicht. Es macht zwar durchaus Sinn, will man in so großem Stil Leute portraitieren, wie JR es tut, auch deren Geschichten einmal filmisch aufzuzeichnen, aber um dies auf einer tieferen Ebene zu tun, fehlt die Zeit in dem nicht ganz anderthalb Stunden langen Stück. Jeder Protagonist bekommt lediglich die Möglichkeit, einige Sätze zu seinem Leben und seiner Arbeit zu sagen, ohne dass dabei etwas besonders Erwähnenswertes, Lernenswertes, Interessantes, Neues oder Unerwartetes offenbart wird. Primär werden hier Stereotype reproduziert, von Figuren, die in irgendeiner Weise, freiwillig oder unfreiwillig am Rand der Gesellschaft stehen. Wie genau diese Menschen sich damit auseinandersetzen, wird bestenfalls gestreift, was durch die gelegentliche Absurdität des Schnittes und den unkommentierten Widersprüchen in den Reden der Akteure nicht einer gewissen Komik entbehrt. Es scheint, als ob für die Filmemacher die Portraitierten bis zum Schluss nur Objekte ihrer Kunst bleiben, Objekte, denen sie keine Plastizität, kein Leben einhauchen wollen oder können. Denn viel wichtiger scheint den Filmemachern zu sein, wie sehr die Fotografien gefeiert werden, denn dies wird stets ausführlich dargestellt. Und wem diese Tour der Oberflächlichkeit und Selbstgerechtigkeit noch nicht reicht, der bekommt noch tautologische Kommentare bei pseudotiefsinnigen, aber allzu affektiert und arrangiert wirkenden Dialogen der beiden Künstler serviert, wobei sie dann immer sitzend dezent von hinten gefilmt werden, um ihren nachdenklichen Blick in die Ferne zu unterstreichen. Der Höhepunkt dieser Lächerlichkeit ist, dass die Regielegende Jean-Luc Goddard, früherer Freund von Varda, sich nicht mit ihr im Film treffen will, worüber sie sich echauffiert und stark verletzt zeigt. Wow, inhaltsloser und überheblicher geht es kaum – dabei wollen die beiden doch unbedingt in ihrer Kunst aufgehen.

Doch auch die künstlerischen Elemente von Augenblicke vermögen die Plattheit des Filmes nicht auszugleichen. JRs Fotographien in schwarz-weiß sind nicht gerade die hochkulturelle Kunst, bestenfalls eine riesige Fassadendekoration. Die Lebensbejahung der Bilder, besonders wenn dabei Menschen gezeigt werden, die sich sogar ihre Hoffnung noch einreden müssen, ist dabei doch nur Kitsch – also ein Kitt, der alles Kritische, der all die Risse, die durch die gezeigte Gesellschaft gehen, überdeckt. Raum für Kritik und Sorgen würde der Film nämlich genug geben, aber die Form des Werkes zerstört auch diese Chance. Denn viel wichtiger ist dabei, dass JR seine exzentrischen Spleens kultiviert, etwa immer seine Sonnenbrille aufbehält (man fragt sich, wen genau das eigentlich interessieren muss), oder die Pseudotragik der Erblindung von Varda, die doch durch Bildkunst lebte. Auch der Stil des affektierten Formats zeigt, dass es bei der Tour fast nur um die beiden Künstler geht und nicht um die festgehaltenen Augenblicke und die abgebildeten Personen.

Eine vermeintliche Avantgarde beschäftigt sich in der französischen Filmkunst wieder einmal mit sich selbst, unter dem Vorwand, etwas Fein- und Tiefsinniges zu produzieren, wenn sie Film und Fotografie mischt – so als ob dies noch eine innovative Idee wäre. Und dann glauben die Selbstgerechten auch noch, das Publikum müsste sie feiern, wie es die Jury in Cannes 2017 tat.


Beitragsbild: Street-Art-Künstler JR und Regisseurin Agnès Varda vor einem Fotokunstobjekt im Dokumentarfilm Augenblicke: Gesichter einer Reise

Moonlight – Die hohe Kunst der Subtilität

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Bei der Oscar-Verleihung war die Ansage des falschen Gewinners in der Kategorie „Bester Film“ das große Thema, im Mittelpunkt hätte aber der grandiose Siegerfilm Moonlight stehen müssen, der es durch kluge und subtile Filmsprache schafft, eine Außenseitergeschichte kitschfrei auf die Leinwand zu bringen.


In den Slums von Miami

Liberty City, Miami ist kein angenehmer Ort – das macht uns die Introszene von Moonlight unmissverständlich klar. Juan, ein örtlicher Drogenboss, fährt lässig mit seiner Pimp-Karre vor und beobachtet einen typischen Austausch an einer der Häuserecken in der Nachbarschaft. Ein älterer schwarzer Mann versucht eine jüngere Ausgabe von ihm davon zu überzeugen, ihm doch noch irgendwie für ein paar Dollar Drogen zu verkaufen. Juan, ein kräftig gebauter Gangster mit Durag und Kippe hinterm Ohr zeigt sich amüsiert. Alltag in den Slums von Amerika. Eingeführt werden wir in diese Welt mit einer Kameraführung, die uns in die Mitte des Geschehens nimmt. Eine unaufgeregte Folgekamera wechselt mit kreisenden Kameraschwenks um die Figuren.

Doch dann wechselt das Tempo abrupt. Juan beobachtet, wie eine Gruppe Jungs im Alter von etwa acht Jahren eine Treibjagd auf einen ihrer schmächtigeren Mitschüler anregt. Die Kamera begleitet den Verfolgten, der sich später als Hauptprotagonist des Films herausstellen soll,  in seinem verzweifelten Versuch zu entkommen. Auch hier brilliert Moonlight mit einer immersiven Kameraführung, die mit ungewöhnlichen Perspektiven und Unschärfe spielt und uns erlaubt den Figuren früh schon sehr nah zu kommen. Wir springen mit dem Verfolgten über Hindernisse, quetschen uns durch Zaunlücken und retten uns zusammen mit ihm in ein verlassenes Haus, das nach näherer Inspektion wohl auch einigen Junkies als Unterkunft diente.

Drogenboss Juan nimmt sich des verlorenen Jungen an und will ihn zu seiner Mutter zurückbringen, doch schnell stellt sich heraus, dass die Hauptfigur dieses Filmes weder besonderes Interesse an verbaler Kommunikation hat, noch daran nach Hause gebracht zu werden.

Trailer Moonlight Quelle: Youtube, A24 all rights reserved.

Who is you, Chiron?

Juan erwirbt schließlich doch noch das Vertrauen des Jungen namens Chiron und wird zu einer Art Ziehvater für ihn. Den kann Chiron auch gebrauchen, denn er kommt aus zerrütteten Familienverhältnissen und hat einige Probleme mit seinen Mitschülern und seiner drogenabhängigen Mutter.

Moonlight erzählt die Geschichte eines Jungen, der in äußerst widrigen Verhältnissen seine Identität sucht. Dabei ist nicht nur die Frage „Wer bin ich?“ zu beantworten, sondern auch die Frage „Wer will ich sein?“, wie Juan Chiron in einem Gespräch offenbart.

„At some point you’ve got to decide who wanna be.

Can’t let nobody make that decision for you.“

Chirons Entwicklung wird in Moonlight in drei Teilen dargestellt, in denen wir ihn als Kind, als Jugendlichen und als jungen Mann begleiten. Schon früh wird klar, dass Chirons Leben nicht nur schwer ist, weil er als junger schwarzer Mann in einem der ärmsten Viertel in den USA aufwächst, sondern weil er auch innerhalb dieser abgeschlossenen Welt ein Außenseiter ist. Chirons Leben ist voller Unsicherheit und emotionaler wie physischer Brutalität. Moonlight ist in vielerlei Hinsicht ein Coming-of-Age-Film auf Crack – alle Fragen, die dazugehören (Wer bin ich? Wen liebe ich? Wer will ich sein?) werden gestellt, aber in einem extremen Kontext.

Moonlight – Die hohe Kunst der Subtilität

Man hätte mit dieser Grundkonstellation nun einen schrecklich kitschigen und pathetischen Film machen können – eigentlich sind alle Grundzutaten da: Der arme schwarze Junge erlebt Schicksalsschlag nach Schicksalsschlag und wird von fast allen Seiten misshandelt, bis er schließlich unter dem Druck zerbricht und mit viel Lärm ausflippt. Aber Moonlight ist ein zu kluger Film, um in diese offensichtliche Falle zu tappen. Er bewahrt sich seine Subtilität, indem er eine empathische Bildsprache mit sehr bedachter Narration verbindet. Die stärksten emotionalen Reaktionen werden nicht mehr großem Pathos vermittelt, sondern durch starke schauspielerische Leistungen und die besondere Art des Erzählflusses.

Was Moonlight hoch angerechnet werden sollte, ist, die emotionale Intelligenz des Zuschauers nicht zu unterschätzen. Die Szenen wirken, weil sie die Kunst der Auslassung (Schweigen des Protagonisten, unscharfe Kamera, sehr emotionale Ereignisse der Handlung werden nur indirekt thematisiert etc.) perfektionieren und nicht der Versuchung erliegen, Tiefe mit dem Holzhammer erzwingen zu wollen. Auf diese Weise schafft es der Film, wirklich jeden Zuschauer – egal ob er sich die Situation eines Chiron vorstellen kann oder nicht – auf der Basis seines Mensch-Seins zu erreichen und die Identitätsfrage zu stellen, ohne ihn zu verschrecken.

Und so ist die Antwort, die Chiron auf diese Frage gegen Ende des Filmes findet, sehr bezeichnend für diesen wunderbaren Film:

„Who is you, Chiron?

I’m me man. I ain’t trying to be nothing else.“


Beitragsbild: Standbild aus dem Trailer von Moonlight; A24 all rights reserved.