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Wie ein Witzebuch, nur witzig: Seinfelds gesammelte Werke

Das Witzebuch aus den Kinderzimmern der 90er hat abgesehen von dem Buchformat nichts mit Jerry Seinfelds „Is this anything“ zu tun. Der größte Unterschied: Seinfelds Werk, das seine gesamten Witze beinhaltet, ist zum Lautlachen. Auch darüber hinaus gewährt das Buch einen einmaligen Einblick.

Ein Gastbeitrag von Markus Hanfler


„Weißt du, was ich mag?“, fragt J.B. Smooth. „Wenn die Leute über die Prämisse lachen, bevor du überhaupt zur Pointe gekommen bist“.

Und Jerry Seinfeld erwidert in der berühmten Netflix-Serie Comedians in Cars getting Coffee: „Das ist das Beste.“, und erzählt von einem Witz mit folgender Prämisse: „Die Stäbchen zeigen, die Chinesen haben Durchhaltevermögen.“ In Seinfelds Buch steht die Pointe dazu: „Natürlich kennen die Chinesen die Gabel … Aber sie sagen: ‚Ja, sehr schön. Aber wir bleiben bei den Stäbchen.‘“

Das Wundervolle an diesem Witzebuch ist die verdichtete Chronologie. Jerry Seinfeld ist bekannt für seinen „Act“, für seine Bühnenperformance, für seine Mimik und Gestik. Aber die 480 gefüllten Seiten an einem Ort, ohne ablenkende Bewegtbilder, geben den Leser٭innen die Möglichkeit sich mit der Essenz und der Struktur eines Witzes zu beschäftigen. Nach 413 Witzen wird deutlich, wie die Prämisse aufgebaut ist, wann sie endet und dass sie oft etwas Absurdes, Gegensätzliches zur Pointe verarbeitet. Auch Seinfelds Entwicklung wird mit dem Buch erfahrbar. Am Anfang, in den 80ern, sind es mehr Wortwitze, am Ende in den 2010ern sind es vermehrt Geschichten. Die Chronologie ist das Einmalige an dem Buch. Das kann ein zweistündiges Stand-up-Programm nicht leisten.

Aber die Wissenschaft des Witzes muss nicht trocken und beschwerlich sein. Das Buch kann auch am Stück durchgelesen werden, so kurzweilig ist es dann auch. Bisher wurde „Is This Anything“ nicht übersetzt und ist nur auf Englisch erhältlich. Am besten sollte es auch dabei bleiben. Was bei dem Witz mit den Stäbchen am Anfang gerade so ging, ist bei vielen anderen Wortwitzen nicht möglich. Das Buch lässt sich auch ohne Englisch-Studium sehr gut lesen.

Es ist aber auch nicht viel mehr als das beste Witzebuch aller Zeiten. Seinfeld gibt eine knappe Einordnung in die Jahrzehnte seines Schaffens, mehr leider nicht. Es ist keine Biografie. Es sind Witze, auch wenn immer wieder biografische Züge durchscheinen. Diesen einmaligen Einblick gewährt Seinfeld. Am Anfang seines Schaffens stehen Reisen, Autos und die eigene Kindheit im Vordergrund. In der Gegenwart geht es um das Verheiratetsein und die eigenen Kinder. Was bleibt, sind Seinfelds Beobachtungsgabe und sein Faible für das Absurde im Alltag. Sein Genie spielt er in pointierten Prämissen aus, die sein Publikum direkt zum Lachen bringen. Es müssen nicht immer Stäbchen sein. Schlüssel gehen auch:

„Neulich saß ich im Flugzeug und dachte: ‚Ich frage mich, ob es Schlüssel für das Flugzeug gibt. Benötigt man Schlüssel, um das Flugzeug zu starten?‘ …“ Die Pointe gibt es dann im Buch.

Ein Trailer zum Buch:

Quelle: YouTube

„Is This Anything“ von Jerry Seinfeld erschien bei Simon & Schuster und hat 470 Seiten.


Markus Hanfler schreibt über Kultur, Sport und Sportkultur und alles was dazwischen liegt. Als der Traumberuf Dinosaurier nicht funktionierte, studierte er Geschichte und Politik in Aachen und Berlin. Nach Stationen im Journalismus, zog ihn die dunkle Seite der Macht in den Bann und er arbeitet jetzt im Marketing. Schreiben will er aber trotzdem, deswegen ist er hier.

Titelbild: Jerry Seinfeld 1992, © Alan Light (FlickR/Wikimedia Commons)

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New York, meine Hassliebe

In der sehr sehenswerten Netflix-Produktion „Pretend It’s a city“ von Martin Scorsese erzählt die in Deutschland bisher kaum bekannte amerikanische Intellektuelle Fran Lebowitz in sardonischer Weise von ihren Alltagsbeobachtungen im New York der Vor-Corona-Zeit und ihrer zwiespältigen Hassliebe zu der Großstadt, in der sie seit 1969 lebt.


„Pretend it’s a city“ („Tu so, als wäre das hier eine Stadt“), diesen titelgebenden Satz sagt die überaus schlagfertige Lebowitz zu störenden Touristen, die einfach auf dem Fußweg stehen bleiben, oder zu Menschen, die aufs Smartphone starren und nicht auf andere Fußgängerinnen und Fußgänger achten. Bereits als Schülerin erhielt sie eine Auszeichnung als schlagfertigste Person ihrer Jahrgangsstufe.

Und diese Eigenschaft, rasch, witzig, treffsicher und mit bissigem Sarkasmus die Zustände um sich herum kommentieren zu können, blieb ihr klar erhalten. Dies ist das tragende Element der unterhaltsamen und zugleich lehrreichen und bewundernswerten Dokumentation. Lebowitz erleben die Zuschauerinnen und Zuschauer in Gesprächen mit dem mit ihr befreundeten Regisseur Martin Scorsese in einem New Yorker Players Club, der von Edwin Booth, dem Bruder des Lincoln-Attentäters John Wilkes Booth, gegründet wurde, oder in der Interaktion mit Menschen aus dem Publikum bei einem ihrer Auftritte. Darin geht sie darauf ein, wie sich das heutige New York im Vergleich zu „ihrem“ New York der 70er Jahre verändert hat und welche Auswüchse des modernen Lebens sie weder versteht noch mitmachen möchte. Es ist eine unzerstörbare Hassliebe, die die Intellektuelle mit der Stadt verbindet und die zu sehen Freude bereitet.

Dabei muss man wissen, dass die Mini-Serie von dem New York der Massen, der Touristinnen und Touristen handelt, da sie vor dem Beginn der Corona-Pandemie abgedreht wurde und die Straßen damals noch nicht leergefegt waren. Aus diesem Grund ist allein das Zusehen eine willkommene Form des Eskapismus vor dem Corona-Alltag, der mit leeren Innenstädten, Mund-Nasen-Bedeckung und Social Distancing einhergeht.

Die Schriftstellerin Fran Lebowitz, geboren 1950 in New Jersey, hatte als Schülerin schlechte Noten und flog von der High School. Nach dem Erhalt eines Alternativabschlusses zog sie mit 18 Jahren zu ihrer Tante nach Poughkeepsie im Bundesstaat New York, 1969 dann direkt nach New York City. Sie lebte in den Wohnungen befreundeter Künstler und von kleinen Jobs, unter anderem schrieb sie zunächst für ein kleines Magazin. Daraufhin wurde sie als Kolumnistin für Andy Warhols Zeitschrift „Interview“ angenommen, für welche sie Filme rezensierte und die Kolumne „I Cover the Waterfront“ verfasste. Es folgte ein Engagement bei der Frauenzeitschrift „Mademoiselle“. In diesen Jahren schloss sie Freundschaft mit vielen Künstlern.

© Netflix

Die Autorin Lebowitz hat bis heute lediglich zwei Essaysammlungen sowie ein Kinderbuch veröffentlicht: „Metropolitan Life“ (1978), eine Sammlung komischer Essays aus „Interview“ und „Mademoiselle“ in sardonischem Ton, sowie „Social Studies“ (1981), eine weitere Essay-Sammlung. Beide von ihr herausgegebenen Bücher wurden später in dem Werk „The Fran Lebowitz Reader“ (1994) zusammengefasst. 1994 erschien außerdem ihr letztes Buch, ein Kinderbuch mit dem Titel „Mr. Chas and Lisa Sue Meet the Pandas“. Seit Mitte der 90er Jahre wird Fran Lebowitz von einer Schreibblockade vom Schreiben abgehalten, die sie „writer’s blockade“ nennt, anstatt den eigentlichen englischen Begriff „writer’s block“ zu benutzen.

Aufgrund ihrer langanhaltenden Schreibblockade verdient Lebowitz ihr Geld mit TV-Auftritten sowie Vorträgen als Sprecherin vor Publikum, bei denen sie ihre zahlreich vorhandenen Urteile im gewohnt sardonischen und komischen Stil kundtut. Auch als Schauspielerin hatte sie einige Engagements, insbesondere in der von ihr bevorzugten Rolle der Richterin in der Serie „Law & Order“, aber auch in „The Wolf of Wall Street“.

Fran Lebowitz – das zeigt auch „Pretend It’s A City – ist ein wahrhaftes New Yorker Original, eng verbunden mit der Kunst und Kultur der Stadt und befreundet mit zahlreichen anderen Intellektuellen und Künstlerinnen und Künstlern. Sie ist außerdem eine Stilikone mit dem von ihr getragenen Jackett und Herrenhemd sowie der dazugehörigen Levis-Jeans, den Cowboystiefeln und der Schildpattbrille. 2007 wurde sie von der „Vanity Fair“ als eine der bestgekleideten Frauen auf die „Annual International Best-Dressed“-Liste gesetzt.

Bereits in dem Film „Public Speaking“ hat Martin Scorsese seiner Freundin Lebowitz im Jahr 2010 eine Dokumentation gewidmet. Die siebenteilige Mini-Serie „Pretend It’s A City“ zu je ca. 30 Minuten bietet nun deutlich mehr Raum für Dialog. Jeder Episode ist ein vages Gesprächsthema wie zum Beispiel „Kultur“, „Verkehr“ oder „Sport und Gesundheit“ zugewiesen. Man erlebt Lebowitz im New Yorker Players Club, vor Publikum, aber auch, wie sie in den Straßen der Stadt und auf dem Times Square flaniert und zudem wie sie sich ihren Weg durch ein Miniaturmodell von New York im Queens Museum bahnt.

Die Serie ist für New-York-Fans und solche, die es werden wollen, sowie für alle Anhängerinnen und Anhänger gepflegter Unterhaltung und gewitzt-intellektueller Gespräche sehr empfehlenswert.

Einen Trailer gibt’s hier:

Quelle: YouTube

„Pretend It’s A City“ von Martin Scorsese mit Fran Lebowitz hat sieben Folgen und ist seit dem 8. Januar 2021 auf Netflix verfügbar.

Titelbild: © Netflix

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COVID-Filmreisen: Keepers – Die Leuchtturmwärter

Drei Leuchtturmwärter auf den abgelegenen Flannan-Inseln finden einen versteckten Koffer mit Gold, was zu ihrem mysteriösen Verschwinden führt.

Von Kathir Sid Vel


COVID-Filmreisen: 2020 ist für fast alle ein seltsames und hartes Jahr. Mir haben Netflix und Amazon Prime durch die Zeit geholfen und mich aufgemuntert. Gleich zu Beginn des Lockdowns stieß ich auf eine App namens JustWatch, die großartig darin ist, auf Grundlage meiner Abos, meines Geschmacks und des bereits Gesehen passende Filme zu empfehlen. Ich habe eine große Anzahl Juwelen ausgegraben, die in Netflix und Amazon Prime versteckt waren. Einige der besten Filme, auf die ich im vergangenen Jahr stieß, werde ich in dieser Reihe dokumentieren und diskutieren. Teil 1: Keepers – Die Leuchtturmwärter von 2018.

Auf diesen Film bin ich ich in einer Facebook-Gruppe schottischer Filmemacher gestoßen und er hat mich direkt fasziniert. „Leuchtturmwärter auf einer abgelegenen schottischen Insel, die gegen Gier und Paranoia kämpfen“ – ein perfekter Regentagsfilm.

Es ist schade, dass der Film nie in Kinos in meiner Nähe ankam – scheinbar war die Nachfrage zu gering. Außerdem erlangte zu der Zeit ein anderer Film, nämlich Der Leuchtturm (2019) von Robert Eggers mit Willem Dafoe und Robert Pattinson in den Hauptrollen, Popularität und Medienaufmerksamkeit. Beide Filme haben gemeinsame Themen – Leuchtturm auf einer Insel, historisches Stück, Psychothriller, Paranoia, Wahnsinn, tote Vögel, Sturm und sowas – die Liste ist lang!

Endlich bekam ich die Gelegenheit und sah mir Keepers – Die Leuchtturmwärter (OT: The Vanishing) bei Now TV (Sky Cinema) an. Mir gefielen die atmosphärische Ästhetik des Films und die transportierte Stimmung. Da ich in Schottland lebte und einige abgelegene Inseln und Leuchttürme besucht hatte, wusste ich die realistische Darstellung des Films zu schätzen.

Die Geschichte ist eine Analyse der menschlichen Natur. James (Gerard Butler), Thomas (Peter Mullan) und Donald (Connor Swindells) kommen aus rauen Verhältnissen. Das Leben im entlegenen Schottland des Jahres 1900 muss hart gewesen. Die drei hatten mit Geldproblemen und Trauer zu kämpfen und waren gesellschaftlich isoliert. Die Leuchtturminsel war wahrscheinlich der einzige Ort, an dem sie Ausflucht finden konnten. Dies demonstrieren sonnige und fröhliche Szenen zu Beginn der Geschichte.

Kann ein Hauch von Glück in den Weiten des Elends verweilen? In dieser Geschichte zumindest löst es schlechte Entscheidungen aus, die in Todesfällen und Traumata gipfeln. Es war erfrischend, Gerard Butler in einer, sagen wir, geerdeten Rolle zu sehen. Betrachtet man sein Profil von Rotten Tomatoes, erreichen nur zehn seiner Filme etwa 60 %, und Keepers steht davon auf Platz sieben. Peter Mullan hingegen ist zweifellos einer der besten Schauspieler unserer Zeit und sein Talent sollte mehr Anerkennung finden. Er überzeugt mit Leichtigkeit. Wahrscheinlich die einzige Figur, die in der Geschichte nichts zu verlieren hat, ist seine Rolle, Achtung, Spoiler, auch die einzige, die überlebt und lernt, die Last der Traurigkeit zu tragen.

Ich habe über das mysteriöse Verschwinden der Leuchtturmwärter auf den Flannan-Inseln gelesen, bevor ich diesen Film sah. Die wirkliche Lebensgeschichte, das Mysterium, gab dem Film einen Kontext. Ich konnte nachvollziehen, warum im Film bestimmte Dinge geschahen und welche Überlegungen möglicherweise dahinterstanden. Ich bin mir nicht sicher, ob das auch bei jemandem der Fall wäre, der den Film ohne Hintergrundinformationen anschauen würde. In den Anfangsszenen gab es wahrscheinlich eine Text-Einblendung dazu, aber Regisseur Kristoffer Nyholm und die Drehbuchautor*innen Celyn Jones und Joe Bone hätten eine weitere am Ende des Films hinzufügen können, statt ihn plötzlich und abrupt enden zu lassen.

Doch Keepers – Die Leuchtturmwärter hat das Herz an der richtigen Stelle. Es gibt in der Geschichte einige emotionale Einschläge, die vielleicht nicht stark genug sein mögen, um das Publikum gänzlich zu überwältigen, mich jedoch mit dem Wunsch nach mehr zurückließen.

Tipp: Sie ihn dir den Film einem tristen, regnerischen Tag an.

Ein Trailer:

Quelle Trailer: YouTube, Titelbild: © Saban Films

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Das Leid der Anderen – Schaulust heute befriedigen

Dem Sterben und dem Tod zuzusehen, war im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit ein Volksspektakel. Doch ist es heute anders? Oder befriedigen Krimis die moderne Schaulust? Und was passiert eigentlich, wenn das bloße Zusehen nicht mehr reicht?


Tag für Tag den Ermordeten

Der Sonntagabend gehört seit Jahrzehnten den Ermordeten. Doch seit geraumer Zeit breiten sich die Leichen aus. Ein Blick ins Fernsehprogramm und in die Netflix-Bibliothek zeigt: Auch der Montag gehört den Erschlagenen, den Erdrosselten. Am Dienstag können Wasserleichen betrachtet werden. Und Vergiftete am Mittwoch, Erhängte am Donnerstag, Zerstückelte am Freitag und Verbrannte am Samstag. Neben den Todesarten unterscheiden sich die Ermordeten durch ihren Auffindungsort: Mal werden sie in Dresden aus dem Elbe gefischt, mal im dunklen Göteborg von einem Baum geschnitten. Auch das Mordmotiv und ihre Mörderinnen unterscheiden sich meist, ja, müssen sich unterscheiden, schließlich wäre sonst die Spannung dahin. Doch diese Toten haben eines gemeinsam: Ihre Körper werden von Millionen von Augen inspiziert. Ihre Leichen aus Kellerlöchern gezogen, während sich Familien eifrig die Kartoffelchips zum Mund führen. Ihre einzelnen Teile zusammengesucht, während Tausende auf Facebook und Twitter ausdiskutieren, ob ihr Tod realistisch sei oder nicht. Zwar sind das keine echten Toten und die Morde nur die Hirngespinste der Drehbuchautorinnen. Aber kann es sein, dass die Beliebtheit von Krimis aus der Lust am Betrachten von Sterben und Tod resultiert?

Hinrichtung als Volksattraktion

Dass Menschen anderen Menschen beim Sterben und im Tod zusehen, ist ein uraltes Phänomen. Schaulust lässt sich „zu allen Zeiten und in allen Kulturen finde[n]“ (Lexikon der Psychologie/spektrum.de). Man nehme als Beispiel die Hexenprozesse mit anschließenden Hinrichtungen durch den Feuertod, die noch bis ins späte 18. Jahrhundert stattfanden. Sie galten als Volksattraktion, ja, als Volksspektakel. Dafür kamen die Menschen aller Schichten, jeden Alters und Geschlechts auf den Marktplatz gelaufen. Sie schauten zu, wie Menschen unter schrecklichen Schmerzen verreckten; offenbar musste ein Bedürfnis befriedigt werden. Zu jeder Zeit spielte die Schaulust auch der Politik in die Hände. Denn öffentliche Hinrichtungen waren politisch motiviert. Sie sollten abschreckend wirken, aber auch als „symbolische Wiederherstellung der Ordnung“ und zur „Veranschaulichung des Rechtsstaats“ (Richard van Dülmen in: Theater des Schreckens) dienen.

Lustbefriedigung bei Mord und Totschlag

Zwar fanden die beiden letzten öffentlichen Tötungen dieser Art im deutschen Staat 1864 statt, der menschliche Zwang hin- und nicht wegzuschauen ist damit aber keineswegs verschwunden. Wie auch? Er gehört laut Wissenschaft zur Natur des Menschen. Soziologische Untersuchungen haben ergeben, dass 90 Prozent aller Menschen von einer „natürlichen Schaulust“ betroffen seien. Denn wie heißt es bei Milan Kundera? „Ich aber weiß […], dass es Blicke gibt, die kein Mensch sich versagen kann; zum Beispiel auf einen Verkehrsunfall oder einen fremden Liebesbrief“ (in: Das Buch vom Lachen und Vergessen). Und auch die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag hat sich in ihren Büchern über Fotografie mit diesem Phänomen beschäftigt und festgestellt, dass das Bild verstümmelter und verletzter Körper, das Bild des Abstoßenden auch etwas Faszinierendes habe (in: Das Leiden der Anderen betrachten). Dies erklärt auch die Behinderungen von Einsatzkräften bei Verkehrsunfällen durch sogenannte „Gaffer*innen“. Und kann es sein, dass in den Sozialen Medien unter Berichten zu Mord- und Totschlag mehr Interaktionen zu verzeichnen sind als unter Berichten z. B. zu politischen Themen (ausgenommen es hat irgendwas mit Geflüchteten zu tun)?

Wonnegefühle beim Zuschauen

Geht man davon aus, dass die meisten Menschen von einer natürlichen Schaulust betroffen sind, bleibt noch eine Frage: mit welchem Motiv? Was wird mit dem Schauen bezweckt? Zwischen 1920 und 1930 ging man davon aus, dass die Schaulust einem angeborenen Neugiermotiv folge. Heute gibt es andere Ansätze: So meinen einige Forscher*innen, dass mit dem Hinschauen, z. B. bei Verkehrsunfällen, nicht etwa der Nervenkitzel gesucht würde. Vielmehr würden die Schaulustigen unbewusst Informationen sammeln, um die Gefahr zu verringern, beispielsweise ebenfalls in einen solchen Unfall involviert zu werden. Andere hingegen sehen in dem Schautrieb den „unbewussten Wunsch nach Bestätigung der eigenen Unversehrtheit beim Miterleben des Leides anderer“ (Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik). Der Erziehungswissenschaftler Felix von Cube spricht hier von dem „Sicherheitstrieb“. Ähnliches wurde bereits in der Antike vermutet. So schreibt der Dichter Lukrez im zweiten Buch seines Werkes De rerum natura: „Nicht als ob es uns freute, wenn jemand Leiden erduldet, sondern aus Wonnegefühl, dass man selber vom Leiden befreit ist.“ Und auch bei Albert Camus findet sich diese Theorie wieder, wenn sein Protagonist Meursault in Der Fremde über seine bevorstehende Hinrichtung nachdenkt und den Wunsch offenbart, bei dieser doch nur ein Zuschauer zu sein: „Denn bei der Vorstellung, eines frühen Morgens als freier Mann hinter einer Polizeikette zu stehen, gewissermaßen auf der anderen Seite, bei der Vorstellung, der Zuschauer zu sein, der zusieht und sich hinterher übergeben kann, stieg mir eine Woge giftiger Freude ins Herz.“ Trotz der negativen Konnotation, die die Schaulust mit sich führt, ist der Soziologe Wolf R. Dombrowsky der Meinung, dass die Schaulust, ja, das Hinsehen immer auch etwas Positives in sich birgt: das Erlernen des Umgangs mit dem Unerträglichen.

Ersatzbefriedigung bei Krimis

Egal aus welchem Grund Menschen oft nicht widerstehen können, hinzuschauen, fest steht: Die „Lust am Schauen von Greuel, Kampf und Tod“ ist ein im Menschen tief verwurzeltes Bedürfnis (Walter Serner in: Kino und Schaulust). Und ein Bedürfnis, eine Lust, will befriedigt werden. Dabei muss jedoch Folgendes beachtet werden:

„Zu allen Zeiten gab es eine Unterscheidung zwischen ‚guter‘ und ‚schlechter‘ Schaulust, die daraus folgenden Normen variieren jedoch im Laufe der Geschichte und zwischen den Gesellschaften. […] Das Betrachten grauenvoller Bilder in seriösen Nachrichtensendungen […] gilt in unserem heutigen Normgefüge als durchaus akzeptabel; eher als unmoralisch das Verweilen auf einer Brücke bei einem Massenunfall.“

Lexikon der Psychologie/spektrum.de

 

Krimis sind gesellschaftlich akzeptiert – keine Frage. Damit auch ihre Bilder von Gewalttaten, Mord, Totschlag, vom Sterben und von Folter. Das Hinsehen ist unbedingt erwünscht. Für die Zuschauerinnen ergibt sich durch ein solches Fernseherlebnis ein Gruseln auf Zeit. Ein kontrolliertes Ekeln, dem durch das Wiederherstellen der Ordnung, also das Fassen desder Mörders*Mörderin, ein Ende bereitet wird. Kann der Krimi also als Ersatzbefriedigung der natürlichen Schaulust betrachtet werden? „Schiebt sich ein Medium zwischen Wahrnehmenden und Wahrgenommen, sei es Bild oder Film, erhält die Lust am Schauen neue Begründungen (wie Lustersatz, Schadenfreude, ästhetischer Genuss)“, beantwortet das Filmlexikon der Uni Kiel die Frage. Susan Sontag geht bei der Analyse von Science-Fiction-Filmen sogar noch einen Schritt weiter:

„Eine andere Art der Befriedigung, die diese Filme bieten, beruht auf der extremen, moralischen Vereinfachung, die ihr Charakteristikum ist, das heißt, sie bieten eine moralisch akzeptable Phantasie, die als Ventil für grausame oder zumindest amoralische Gefühle dienen kann.“

Susan Sontag – Die Katastrophenphantasie

Teilhabe an Katastrophen

Dank der zahlreichen Krimifilme und -serien ist es also einfach geworden, die natürliche Schaulust zu befriedigen und unbewusst grausamen Gedanken und Phantasien ein Ventil zu geben. Eine Befriedigung kann tatsächlich jedoch nur eintreten, wenn sich die Zuschauerinnen dem Gesehenen hingeben, also wirklich hinsehen. Nur dann, wenn nebenbei keine Kartoffelchips zum Mund geführt und keine Decken gehäkelt werden. Doch das scheint oftmals gar nicht der Fall zu sein. Denn die Diskussionen auf Facebook oder Twitter, z. B. zum Tatort, verdeutlichen etwas ganz anderes: Der Krimi wird nur mit einem Auge geschaut. Fast könnte man meinen, die zerstückelten Körper, die aus irgendwelchen Kellerlöchern gezogen werden, und die kindliche Wasserleiche, die Taucherinnen in der Elbe finden, sind keine Bilder, die irgendwie verstören, schocken. Keine Bilder, die die Zuschauer*innen an den First Screen fesseln.

Hat etwa der übermäßige Konsum von Gewaltszenen und Leichenbildern zu einer Abstumpfung geführt? Muss bald etwas Härteres her? Empathielose, hetzerische und vorurteilsbehaftete Kommentare unter solchen Nachrichtenmeldungen und Fotos in den Sozialen Netzwerken prophezeien die Gefahr, dass weder die Häkeldecke noch der Second Screen weggelegt werden, wenn die Nachrichtenkanäle echte Tote zeigen. Oder hat etwa das Kommentieren solcher Meldungen die Schaulust abgelöst? Reicht das alleinige Sehen nicht mehr aus, muss es die Teilhabe an einer Katastrophe sein, damit sie spürbar wird? Zumindest würde dies bei realen Katastrophen die Muster von Twitter-Debatten oder den Drang einiger Menschen erklären, zu filmen oder zu fotografieren. Sie selbst werden damit zu Schausteller*innen des Leids.

Titelbild: © Katharina van Dülmen

Annihilation – die Auslöschung der W-Fragen

Die bei Netflix nicht zufällig mit „mind-bending“ verschlagwortete, recht eigenständige Verfilmung des ersten Teils jener nebulösen, sprich: mit dem Nebula Award ausgezeichneten, Southern-Reach-Trilogie von Jeff VanderMeer ist ein vagemutiges Speculative-Fiction-Abenteuer von Alex „Machina“ Garland (Sunshine).

Click here for an English version of this review published on novelle.wtf.

Beim Anschauen seines empfehlenswerten neuen Kinofilms für daheim muss man nicht nur an ästhetisch-ätherisch nahestehende Meisterwerke wie Stalker oder Under the Skin denken, sondern auch an die Honest-Trailers-Kakaoten, da der Streifen so manche Vorlage für satirische Dreistigkeiten bietet: die in rund 16,8 Millionen Farben schillernden Seifenblasen etwa, welche zu raffen sich die fünf ghostbustenden Ladys, darunter Jennifer Joker Leigh, Natalie Mossad und Vergina Rodriguez, vorgenommen haben; oder die neuste Nvidia-Demo als Vorspiel zum Spiegeltango mit Fremdart & Gefunkel. Glücklicherweise wird hier Unbegreiflichkeit großgeschrieben, was eine ordentliche Lanze für Weird Fiction bricht und das dramaturgische Optimum rauskitzelt.

Darüber hinaus wurde die hier propagierte Beyondischkeit – eine der größten Verstörungen seit langem ist die Intestinalszene, wobei es auch reichlich ungemütlich anmutet, von Mr. Unheimlich erst sequenziert und dann an die Wand getänzelt zu werden – sauschön in Szene gesetzt. Jenes Andere, banaler: Außerirdische ist nicht zum Verstandenwerden hier, sondern um Usurpationsspielchen (oder whatever the fuck da los ist) zu treiben und dabei mit menschelnden Chimärchen und anderen herrlich üppigen Abartigkeiten in Tateinheit mit transzendentalem Lensflare (vgl. Turok) möglichst nonchalant gegen die Mutagenfer Konvention zu verstoßen.

Der häufigste Satz im Film lautet „Ich weiß es nicht“ und lädt herzlich dazu ein, die Gleichung „Wissen = Macht“ zu überdenken.

„Annihilation“ bzw. „Auslöschung“ feierte seine deutsche Erstausstrahlung am 12. März 2018 bei Netflix.
Titelbild: © Netflix

The Duffer Brothers: Stranger Things (Netflix)

Eine Kritik der Kritik zur Netflix-Serie Stranger Things: Ihr habt da was übersehen. Und es ist ziemlich laut.


Es ist von Gevatter Internet in sehr kurzer Zeit sehr viel gesagt worden zu Netflixens ultrastimmiger und gigagemütlicher Samstagabend-kocht-Mama-Pizza-und-Papa-trinkt-ausnahmsweise-nur-ein-Bier-Hommage an das geniale Kino und utopische Feeling der 80er (inkl. „Twin Peaks“ & „Under the Skin“). In ihrer überwiegend positiven analytischen Zerroppung des nicht zuletzt auch mit feinem Synth-Score (der perfekt designte, ominöse Vorspann ist vielleicht einer der besten aller Zeiten!) punktenden Phänomens haben die Kritiker bisher allerdings wenig Worte über Folgendes verloren:

Ein Großteil der Serie besteht aus Geschrei. So hat Joyce (Weinona Ryder), die Mutter des verschwundenen Jungen Will, ihre Hysterie überhaupt nicht unter Kontrolle. Sie schreit ihren Sohn an, der Sohn schreit zurück, sie möge sich beruhigen. Und Wills drei NerD&D-Freunde schreien entweder sich gegenseitig oder E11even (möglicherweise den einzigen Ruhepol der Serie) zusammen. Vor lauter Vorlautheit darf niemand einen Satz zu Ende sprechen, es wird übers Maul gefahren wie über die B9. Vor allem der mit Vorurteilen nur so um sich sch(m)eißende Lucas lässt gar niemanden ausreden und weiß eh alles besser, was eine ganz schöne Leistung ist, da Mike und Dustin, seine alles andere als konfliktscheuen Krawallkumpels, jeweils auch alles besser wissen.

Die insgesamt siebenundzwanzigmalklugen Kinder stellen aufgrund ihrer enthemmten Kommunikationsform somit ein dramaturgisches Unding dar, was der Erträglichkeit Abbruch tut. Bei so viel Gemenge wird einem das Hirn rasch gasförmig und entweicht ins Upside Down, wo es dann anstelle von Arsch auf Grundeis geht. Oder haben die Duffers lediglich versucht, das Trauma einer pathologisch dBilen Kindheit (Schnuller aus Megaphonbauteilen) aufzuarbeiten?

Quelle: YouTube

Und dass der an sich ganz nette, mit seiner Pädagogikbegeisterung relativ knallhart an der schulischen Realität vorbeiidealisierte Physiklehrer – nach „Event Horizon“ und „Interstellar“ – schon wieder ein metaphorisch gefaltetes, vierdimensionales Blatt Papier mit einem Stift durchstößt, ist irgendwie undufte. Ist wahrscheinlich als Reverenz vor erschreckend prätentiösen Wissenschaftlertypen gedacht, die ihr repressives Physikwissen mit jovialem Pathos für den albernen Arschlochamateur herunterbrechen.

Aber mal abgesehen von diesen umsetzungstechnischen Mängeln, die zumindest meine Nerven abzutöten vermögen, ist die Operation „Stranger Things“ gelungen – der Achtteiler ist immerhin ein schmuckes, herzlich collagiertes Zitatfeuerwerk mit schwerem Retroästhetik-Nostalgiefaktor und viel Liebe zum Detail. Und das Monsterdesign („Silent Hill“ und „Resident Evil“ lassen grüßen) ist auch schön grotesk geworden.

Titelbild: © Netflix

Folgen der Seriensucht

Gefühlt täglich wird eine neue Serie auf den Markt bzw. ins Netz geworfen. Das Resultat: stundenlanges Streamen. Das bleibt nicht ohne Folgen.


Gleiche Zeit, gleicher Ort, Tag für Tag oder Woche für Woche – galten Fernsehserien einst als ein strukturierendes Moment im Alltagsgefüge eines (jeden) Menschen, so bekommen sie heute einen neuen Charakter, ein neues Gesicht. Der Begriff „binge-viewing“ in Anlehnung an „binge-eating“ hat Einzug in die Gesellschaft erhalten. Das Warten auf eine neue Folge der Lieblingsserie wurde durch stundenlanges Streamen abgelöst. Auch wenn sich die „modernen“ Serien oberflächlich nicht von den herkömmlichen Serien unterscheiden (strukturieren sie sich doch weiterhin in Folgen und Staffeln), so weisen sie im Erzählen, in der seriellen Narration, durch das neue Konsumverhalten der Serienzuschauer٭innen Veränderungen auf.

Das Phänomen, das Jason Mittell 2011 in seinem Essay Serial Boxes: The Cultural Values of Long-Form American Television beschreibt, feiert mit Game of Thrones, Orange is the new black und dem Einführen von Online-Streamingdiensten wie Netflix einen neuen Höhepunkt. Der Professor für Amerikastudien und Film- und Medienkultur ist der Meinung, dass sich durch das Einführen von DVD-Boxen eine komplexere narrative Konstruktion in Serien etablierte. Die Zuschauer٭innen hätten ja das „Seriengedächtnis“ im Regal und könnten dieses bei Bedarf auffrischen. Aber wie haben die Zuschauer٭innen vor den DVD-Boxen und Netflix ihr „Seriengedächtnis“ aufgefrischt? Und wie äußert sich eigentlich die Komplexität der Serieninhalte im Gegensatz zu den herkömmlichen Fernsehserien?

Tod der clotûre

Die Frage nach der inhaltlichen Komplexität der Serie ist schnell beantwortet: Wer schon einmal den Versuch gestartet hat, eine der neuesten Serien mitten in einer Staffel anzufangen, wird gnadenlos gescheitert sein. Setzten Serien wie How I met your mother oder The Big Bang Theory auf größtenteils geschlossene Handlungsstränge am Ende eine Folge (auch series genannt), so geht der Trend zur Fortsetzungsserien (serials). Serials gab es natürlich auch schon vor den DVD-Boxen oder Netflix (Soaps dürfen hier nicht unerwähnt bleiben), doch haben diese eine neue Qualität und besonders eine neue Quantität erreicht.

Schon der Vorspann von der Netflix-Eigenproduktion Orange is the new black lässt erahnen, wie viele verschiedene Charaktere der Serienwelt ein Gesicht geben.

Quelle: Youtube

Jeder Charakter bringt seine eigene Geschichte mit. Diese muss sich in das Netz von Handlungssträngen knüpfen. Selten hat der٭die Zuschauer٭in das Gefühl, dass ein Handlungsstrang vollends geschlossen, zur clotûre gebracht wird. Vielmehr verstricken sich die Figuren immer tiefer in das Netz der verschiedenen Handlungsstränge. Oder ein geschlossen geglaubter Handlungsstrang wird plötzlich wieder aufgenommen. Die Charaktere und das Leben im Gefängnis bieten immer wieder neuen Inhalt und die Serie könnte unendlich weitergehen – auch ohne die Protagonistin Piper. Und was tun die Zuschauer٭innen, um ihr „Seriengedächtnis“ immer wieder aufzufrischen? Sie geben sich regelmäßig der Serienwelt hin. Aber haben das nicht auch die Serienkonsument٭innen vor den DVD-Boxen und Netflix getan?

Eine Serie ist eine Serie ist eine Serie ist eine Serie

Ja, aber sie waren abhängig vom Fernsehprogramm. Und sie mussten darauf vertrauen, dass die einzelne Folge sie wieder da abholt, wo sie zurückgelassen wurden. Neben dem „Was bisher geschah“ waren es die Konstanten, die sie zurück in die Serienwelt zogen. Denn glaubt man der Seriendefinition von Medienwissenschaftler Hartmut Winkler, so operieren „Filmserien, Fernsehserien oder periodische Sendeformen […] mit einem Kalkül aus Konstanz und Variation“. Die immer gleichen Charaktere, der immer gleiche Ort, die immer gleiche Zeit, die immer gleichen Probleme, die immer gleiche Erzählstuktur, die immer gleichen Symbole, die immer gleichen Macken der Figuren usw. bilden in einer Serie die Konstanten. Vor der Folie des Konstanten, der Wiederholung passieren die Veränderungen, die Variationen. Sobald sich in einer Serienwelt etwas verändert, wird der Plot, die Geschichte vorangetrieben.

Kann es also sein, dass die Komplexität der „modernen“ Serie auch mit sinkenden Konstanten und wie schon erwähnt zunehmenden Variationen zusammenhängt? Betrachtet man die Serie Game of Thrones, so lässt sich die Frage eindeutig mit „ja“ beantworten. Schließlich schreckt die Serie (wie zuvor auch das Buch) nicht davor zurück, seine Protagonist٭innen wiederholt sterben zu lassen. Ein klarer Beweis dafür, dass die Charaktere in dieser Serie nicht zu den konstanten Elementen gehören, sondern zu Variablen werden. Und auch ein Beweis dafür, dass die Zuschauer٭innen der Serienwelt ständig verbunden sein müssen, um bei der Handlung nicht auszusteigen.

Fall der Cliffhanger?

Das ewige Dranbleiben der Zuschauer٭innen an einer Serie haben sich Netflix und Co. zu Nutze gemacht. Warum Filme produzieren, wenn man mit Serien die Abonnent٭innen auf ewig bindet? Die Serienmacher von Netflix haben dabei den Vorteil nicht von Werbeeinnahmen und auch nicht von Einschaltquoten abhängig zu sein. Ein sogenanntes Jumping-the-Shark (sinkendes Interesse) bei einer Serie kann Netflix nicht gefährlich werden, schließlich haben sie ja noch andere Produktionen und die Gelder fließen regelmäßig. Diese Unabhängigkeit macht es ihnen auch möglich, sämtliche Folgen ihrer Serien zeitgleich auf den Markt zu werfen. Es gibt also für die Zuschauer٭innen keine Pausen zwischen den Folgen – höchstens zwischen den Staffeln. Ein Klick und die nächste Folge beginnt. Hier stellt sich die Fragen, ob sich dadurch nicht auch ein wichtiges Element in Fortsetzungsserien verändert hat: der Cliffhanger. Sind Cliffhanger überhaupt noch nötig? Ist es in Zeiten von Netflix und Co. nicht viel wichtiger geworden, die Spannung gleichermaßen aufrecht zu halten? Die Serie House of Cards zeigt, dass Web-Serien auch gut ohne Cliffhanger am Ende einer jeden Folge auskommen können. In Zeiten von Netflix werden die großen Cliffhanger nur noch dezent an wichtigen Punkten gesetzt, z. B. dann, wenn für die Zuschauer٭innen doch eine Wartezeit anbricht wie am Ende einer Staffel.

„Genießen Sie Filme und Serien jederzeit und überall.“

Und hier schließt sich der Kreis: Die Unabhängigkeit von Einschaltquoten und Werbeeinnahmen gibt die Freiheit, Neues auszuprobieren und mit seriellen Konventionen zu brechen. Das ist der Grund, warum nun viele Kreative nicht mehr bei Spielfilmen, sondern bei den Serien mitwirken. Mit den neuen Möglichkeiten verändern sich die Sehgewohnheiten der Serienkonsument٭innen. Und mit den Sehgewohnheiten wiederum das serielle Erzählen. Durch die ständige Verfügbarkeit und das Lesen und Kommunizieren über eine Serie im Internet ist es also möglich geworden, komplexere Serienwelten aufzubauen: Viele Charaktere, mehr Handlungsstränge, weniger Konstanten, mehr Variablen. Das Seriengedächtnis kann jederzeit und überall aktiviert werden. Galten Fernsehserien einst als ein strukturierendes Moment im Alltagsgefüge eines (jeden) Menschen, so bestimmen die Konsument٭innen heute selber, wann und wie lange sie in eine Serienwelt tauchen wollen – und ein Werbespruch wird zum gelebten Motto: „Genießen Sie Filme und Serien jederzeit und überall“.

 

Quellen:

Jason Mittell: Serial Boxes: DVD-Editionen und der kulturelle Wert amerikanischer Fernsehserien. In: Robert Blanchet et al. (Hrsg.): Serielle Formen. Von den frühen Film-Serials zu den aktuellen Quality-TV- und Online-Serien. Marburg: Schüren 2011, S. 133-152.

Hartmut Winkler: Technische Reproduktion und Serialität. In: Endlose Geschichten. Serialität in den Medien. Hrsg. von Günter Giesenfeld. Hildesheim: Georg Olms AG 1994. S. 38-45.

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