Schlagwort: Musik

Im leeren Raum

Josins Albumdebüt In the Blank Space war ein schlecht bewahrtes Geheimnis, klingt fast schon nerdig stilisiert und ist ein krasser Downer. Wie großartig.


Auf diesen Moment hatte Josin sich gut vorbereitet. Dass sie Klavier, Produktion, Synthesizer und Singen ganz gut beherrscht, kam ja inzwischen schon einige Jahre lang bei ihren Konzerten, auf EP- und Single-Veröffentlichungen durch. Nun erschien das überfällige Debütalbum der Perfektionistin, bei dem glücklicherweise eine goldene Regel greift: Wenn Perfektionist٭innen sich Zeit nehmen, lohnt sich das Warten. In the Blank Space heißt die Platte, die diesen Freitag beim Stockholmer Indie-Label Dumont Dumont sowie beim Londoner MVKA veröffentlicht wurde. Allein schon der Umstand, dass sie Josins Vielseitigkeit als Sängerin und Multiinstrumentalistin aufgreift und in einen künstlerisch geschlossenen Kontext setzt, macht es zu einem Album der Stunde.

Klassik und Ambient, Intuition und Diskurs

Josins sphärisch-stilisierte Musik klingt völlig eigen und intuitiv, was ja bekanntlich das Gegenteil von diskursiv ist. Dabei greift sie einen experimentellen Ansatz auf, nämlich Ambient Sounds und klassisches Klavierspiel zu verbinden, der in den letzten Jahren schon von mehreren zeitgenössischen Pianist٭innen, zum Beispiel Federico Albanese und Midori Hirano, aufgegriffen wurde. Diese Melange aus klarem Klavier und tragenden Electro Sounds entwickelt sich in Josins Musik weiter, zum einen offensichtlich, weil er von eindringlichem opernhaften Gesang getragen wird. Zum anderen, weil sich von Song zu Song der Fokus zwischen den drei Elementen verschiebt und keinen so klaren Ausgangspunkt hat wie die Kunst der anderen Musiker٭innen. In den Fokusverschiebungen, die auch Genregrenzen schlicht ignoriert, deutet sich die Komplexität ihrer anspruchsvollen Kompositionen an, die in Wahrheit noch viel weitergetrieben wird.

Quelle: YouTube

Josins depressiver Mikrokosmos

In der insgesamt 40-minütigen Laufzeit von In the Blank Space wird der gesamte Mikrokosmos deutlich, den Josins Musik einnimmt. Mal introvertiert zusammengezogen, mal dramatisch entfaltet, erkundet das Album musikalisch viele Wege, um Unruhe zu erzeugen. Teils treiben, wie bei Healing, subtile Beats die Songs voran, teils bringt Josin mit dem Klavier allein eine innere Unruhe in ihre Musik, wie bei Once Apart (der übrigens ein bisschen an Rufus Wainwrights The Art Teacher erinnert). Bedrückende Texte tun ihr übriges. Auch wenn Josin bei Instagram und Facebook zeigt, dass sie Humor hat und noch nicht ganz an der Welt verzweifelt sein kann, ist ihr Album ein krasser Downer. Und die albumtitelgebende Leere fällt angespannt aus, weil sie stilisiert, weil sie künstlich ist, wie eine eingeredete Freiheit oder eine unter hohem Aufwand hergestellte Ruhe.

Ein insgesamt nicht mehr als melancholisch, sondern schon depressiv anmutender Gesamteindruck, zeigt facettenreich auf, was eigentlich alles geht, wenn man ein bisschen mehr kann als die anderen. Das Album begibt sich in die beste Gesellschaft mit anderen depressiven Künstler٭innen, die nicht viel auf Genres, dafür durch enormen Aufwand auf eine maximale Entfaltung intimer Kompositionen geben. Zum Beispiel Sóley und Hundreds, die Josin ja sogar schon bei Konzerten supportet hat. Andere Beispiele wären vielleicht Sufjan Stevens oder Thom Yorke, die sie allerdings bisher nicht supportet hat.

Einziger Wermutstropfen des Albums: Wer sich schon vor dem Release mit Josins Veröffentlichungen beschäftigt hat, erlebt wenig Neues. Zwar bietet der Albumkontext einen kunstvollen Rahmen, der viele Kreise schließt, doch bisher unveröffentlicht waren eigentlich nur zwei der Songs. Dass Josin die anderen sieben Kompositionen bereits social-media-freundlich entweder in EP-Form, als Singles oder Remixes zur Verfügung gestellt hatte, ist ja eigentlich dankbar, macht In the Blank Space aber im Nachhinein zu einem schlecht bewahrten Geheimnis. Anhören sollte man es sich dennoch.

Josins In The Blank Space erschien am 25. Januar 2019 bei Dumont Dumont und MVKA.

Titelbild: © Dumont Dumont

How many Galileos do you want?

Ein weiterer Schub für den Mythos. Mit Zahn und Sound verkörpert Rami Malek in Bohemian Rhapsody den zur Legende gewordenen Queen-Frontmann Freddy Mercury. Mit maximal aufgedrehter Lautstärke und raketenartiger Geschwindigkeit geht es vom Beginn der Schöpfung bis zum allgemein anerkannten Höhepunkt der vielseitigen Band: dem Live-Aid-Auftritt von 1985.

Von Maria Engler


Musik-Biopics sind das kleine Schwarze der Kinolandschaft – passen zu jedem Anlass, sind nie aus der Mode und für jeden gibt es das passende Lieblingsteil. Filme wie Amadeus, Walk the Line, Control, Love & Mercy oder der aktuelle deutsche Hit Gundermann zeigen: kein Kinojahr ohne passendes Musik-Biopic. Erfolg verspricht nicht nur die gewinnbringende Verschmelzung zwischen Musik und Film inklusive dazugehörigen Publika, sondern auch die oftmals nach Verfilmung schreienden Lebenswege der musikalischen Genies.

Bohemian Rhapsody wagt sich selbstbewusst an das mystische Leben und Schaffen des bereits zur Legende stilisierten Queen-Sängers Freddy Mercury. Auf dem Weg zum phänomenalen Höhepunkt der Band passiert der Film wichtige Stationen des Lebens des bisexuellen Frontmanns und gibt Einblick in die technischen und sozialen Prozesse innerhalb und außerhalb der Band, die letztendlich zur Schöpfung der ebenso großartigen wie weltbekannten Songs der britischen Gruppe führte.

Wie der dazugehörige Musiktitel und gleichzeitig wohl größte Hit von Queen, arbeitet Bohemian Rhapsody mit verschiedensten Rhythmen, Modi und Geschwindigkeiten innerhalb der unterschiedlichen Phasen. Nachdem das Live-Aid-Konzert als narrative und ästhetische Klammer mit geradezu zeitlupenartigem Tempo in den Film einführt, überraschen die ersten 20 Minuten mit ungeahnt hoher Erzählgeschwindigkeit. Die in anderen Musik-Biopics oftmals ausgedehnten, erfolglosen Anfänge werden hier erfrischend kurz gehalten. Eben noch im elterlichen Heim, im nächsten Moment schon bei Top of the Pops und ein Zwinkern später entwickelt die Band bereits in ländlicher Abgeschiedenheit ihre größten Hits – der Mut zur Lücke geht zugunsten der Spannung.

Sehr viel mehr Zeit investiert der Film in seine Hauptfigur auf dem Zenit des Erfolges. Schwankend zwischen Genius und Größenwahn rücken der Charakter Freddys und die Beziehungen zur Wahl-Familie Queen in den Fokus und zeichnen ein vielschichtiges Portrait des Sängers. Abgelenkt lediglich durch die leider niemals ihren Charakter als Fremdkörper verlierende, scheinbar jeden Moment heraushüpfende Zahnprothese, kann Rami Maleks intensive, körperliche Performance nur als großartig bezeichnet werden. An ihn reicht sowohl in Sachen Ähnlichkeit als auch in facettenreichem Spiel lediglich Gwilym Lee als Brian May als gute Seele der Band heran.

Abseits persönlicher Eskapaden Freddys und seiner schwierigen Suche nach der eigenen Identität sind es vor allem die Momente innerhalb der Band, die Bohemian Rhapsody sehenswert machen. Seien es die genialen Ideen und sagenumwobenen Entstehungsgeschichten der Songs, die intensiven und oftmals schmerzhaften Auseinandersetzungen innerhalb der Band oder die schrillen Auftritte – der Film ist immer dann am besten, wenn es um die Musik geht.

Einen glorreichen und in Länge und Ausführlichkeit in der Geschichte der Musik-Biopics bisher nicht dagewesenen Höhepunkt bildet schließlich das Ende des Films. In einer nahezu deckungsgleichen Inszenierung des Live-Aid-Auftritts, fokussiert sich Bohemian Rhapsody auf das Wesentliche und stellt die unvergleichliche Energie der Performance und die Musik von Queen in den Mittelpunkt. In einem Moment cineastischer Perfektion überträgt sich die ton- und bildgewaltige Wucht durch die Leinwand hindurch in den Kinosaal und führt zu einem selten dagewesenen Hochgefühl. Wer sich von den sichtbaren (Schall-)Wellen der Begeisterung und der großartigen Musik nicht anstecken lässt, wurde vermutlich ohne ein Quäntchen Herz und Leidenschaft geboren.

Quelle: YouTube
Beitragsbild: © 2018 Twentieth Century Fox


Maria Engler ist eine der wenigen gebürtigen Berlinerinnen in Berlin und studiert Filmwissenschaft im Master. Wenn sie nicht gerade im Kino ist, schreibt sie Texte über Filme und Serien für ihren Blog diefilmguckerin.de oder andere schnieke Medien.

Wurst of metal

Auf der einen Seite gibt es da draußen so richtig gute Alben wie etwa Obscuras Cosmogenesis, Dendemanns Vom Vintage verweht, Mörglbls Grötesk, Prögressors Groovium ad Infinitum oder VAs Furi OST

Von Jens Marder


Misery Signals: Mirrors

MISERY SIGNALS fahren ein recht breakiges Sperrmüllcore-Brett auf, das allerdings nicht mit Vergleichsbands wie den gnadenlosen The Dillinger Escape Plan mithalten kann, da zu viel sinnfreies Gebrüll im Spiel ist. Prägnanz und Wiedererkennbarkeit müssen sich hier hinter Härte und gewiss nicht abzusprechendem handwerklichem Geschick der Kanadier (nicht die Nation) verstecken. Somit ist das Album selbst aufn dritten und vierten Hör eher quälend und auf eine unfeine Art sperrig. Sogar ein fanatischer Marder ist nicht in der Lage, auch nur eine einzige echte Großartigkeit in den Riffs und Klicks dieser Schwachkracher auszumachen. Daher fällt es auch schwer, Songs zum Testhören herauszufiltern. Vielleicht kann man den brachialen Opener „Face Yourself“ und den verschachtelten Titeltrack am ehesten empfehlen, wenn es denn unbedingt sein muss. Da das aber nicht unbedingt sein muss, empfehle ich eher, die Finger in Richtung Unearth, With Passion oder Co(ol). zu lassen, denn Metalcore darf ja auch Spaß machen.

TYP1: Ich ist ein Anderer

TYP1 kommt aus Deutschland und spielt ziemlich harten Alternative/Nu Metal. Was streckenweise noch weniger befriedigt als die Produktion, ist der heulsusene Gesang von Sue Bähring, die mit dem anderen Vokalisten nicht mithalten kann. Die nicht selten guten musikalischen Einfälle hätten eine mächtigere stimmliche Umsetzung verdient. „Morbid“ ist ein solide wütender Einstieg mit guten Brat-Gitarren. Danach folgt das textlich leicht angeskurrilte, melancholische „Kinder“, das durchaus zu beeindrucken weiß. „Phobie“ ist wieder die volle Doublebass-Härte, ein guter, energischer Song mit coolem Bang. Dasselbe gilt für „Allein zu zweit“ und „Liebe und Zorn“, die mit dem einen oder anderen Einfall aufwarten. Der Rest der Platte geht in Ordnung, eine nicht untalentierte Band.

THEODOR BASTARD: Sueta

THEODOR ist ein russischstämmiger BASTARD aus Electro/Gothic Rock, Weltmusik und einem Schuss Avant. Auf der Promo-Packung steht: „This album is waiting for a label to be released.” Dieser Satz ist nicht nur grammatikalisch schwierig, denn so gut wie jeder der auf diesem bereits siebten Album („Suetá“ = russ. Hektik, Wirrwarr) vertretenen Songs ist dermaßen gähnial, dass ich an dieser Stelle mehr Lust darauf habe, „gähnial“ zu googeln und zu gucken, wie viele Personen vor mir schon darauf gekommen sind (es sind nicht wenige, wie ich feststellen muss, was meinen Gag wohl recht gähnial macht), als mich weiter mit dieser LP (= langweilige Platte) auseinanderzusetzen. Na gut, der Fairness halber sei gesagt, dass der Titelsong halbwegs leer ist. „Under The Rain“ weiß ebenfalls durch eine Lullodie zu gefallen, auch wenn das Sigur-Rósige Lullement insgesamt etwas zu präsent ist. „Aliah“ hat was von der Abstraktheit Omelette Lullmans, ebenfalls ein Plus. Doch insgesamt dominiert das Stilmittel der Eintönigkeit, sodass dieses Album genau dort anzusiedeln ist, wo Melancholie und Monotonie sich Guten Tag sagen. Spezialtipp: Objectionable Apparatus von Kol Belov.

THE ALIEN BLAKK: Modes Of Alienation

Relativ eigenartiger Instrumetal, der uns hier von Joshua Craig (Komponist, Gitarrist und Produzent), David Ellefson (Ex-Megadeth) und Craig Nielsen (Flotsam & Jetsam) geboten wird. Totaler Crossoverkill, vom hart riffenden „Replihate“ (die Nummer ist fast so gut wie das lame Wortspiel) bis hin zu der ultrasüßen Zuckerballade „Sol Amente“ (die Hauptmelodie ist klischeegeladener als so manch ein russischer oder chinesischer Popsong), von dem Country-Strike „Twin Twang Twung“ bis hin zum flamencodierten „For Max“ ist so einiges an Genres dabei. Bei Modes Of Alienation handelt es sich um ein in Ansätzen interessantes Album, das oft mitreißender und nicht so unterproduziert hätte ausfallen können. Außerdem ließ ich mir sagen, dass der Gitarrensound kaum Vibrato hat, was wohl irgendwie scheiße ist.

SPIRITUS MORTIS: Fallen

Seit fast zwanzig Jahren frönen SPIRITUS MORTIS dem Untergang und sind noch immer nicht untergegangen. Gut Doom will Weile haben. Doch so ganz doomig geht es auf „Fallen“ eigentlich gar nicht zu. Es ist oft ein ziemlich rockig rollendes Album, das die Traditionen des langsamen und umso schwereren Metalls mit denen des Classic Rock verbindet. „Leave Me“, „Something Came And Killed“ oder „All This In The Name Of Love“ (dieser Anspieltipp ist trauriger als eine Trauerweide) sind dabei allesamt gelungene Stimmungskanonen: Sie heben die Stimmung des Rezensenten, indem sie sie auf einen ordentlichen Doom-Level senken. Leider gibt es auf dem Album auch so manche aussageschwache Stelle, und das Eröffnungsriff von „Sleeping Beneath The Lawn“ ist nun wirklich alles andere als neuwertig.

SÓLSTAFIR: Masterpiece Of Bitterness

7 Lieder in 70 Minuten ist schon mal ordentlich episch. Die Reise durch dieses finnische „Meisterwerk [?] der Bitterkeit“ beginnt mit „I Myself The Visionary Head“. Man möchte dem Track keinesfalls einen gewissen Tiefgang mit phantastischem Potential absprechen, doch gehen diese Attribute, falls vorhanden, mit fast auf 20 Minuten gezogener Langeweile einher. Trotz Doublebass und Blastbeat schaltet man schon mal ab, denn viel passiert da nicht. Ähnlich unterpointiert-zeitverschwenderisch wirken Track 2 und 3. „Ghosts Of Light“ bringt aber doch noch etwas Abwechslung und Griffigkeit in die Sache, wenn auch nicht in Überdosis. Dann kommt „Ljósfari“, das durch seine umfassende, energische Trauer mitreißt, was wahrscheinlich vor allem am flotten Schlagzeug liegt, das der nicht unbedingt Paradigmenstruation verursachenden Hauptakkordfolge den nötigen Zusammenhalt verleiht. „Ritual Of Fire“ ist wieder ruhiger konzipiert, und mit „ruhiger“ ist eine Musik gemeint, die vor allem für Leichen (und solche, die es werden wollen) interessant sein dürfte. Nichts für ungut, aber diese Partymucke ist trotz einer gewissen nordischen Schönheit und origineller Drums kein Muss. Das Outro „Náttfari“ schließlich überrascht mit einer gewissen Wüstenrockigkeit, kann aber ansonsten nicht das mittlerweile gefestigte Urteil beeinflussen, dass es sich bei diesem Album leider um keine Kaufempfehlung handelt. Wer auf prachtvoll-begnadete Epik steht, der möge sich etwa „Sapphire“ von Redemption ans Herz wachsen lassen, kein unschmerzvoller Vorgang übrigens.

SARALEE: Darkness Between

Die Finnen SARALEE spielen einen leicht angegothten, melodisch-melancholischen Rock/Metal-Hybriden. Der Opener „Everytime“ ist ein hübsches Pop-Lied, das den Stil und die Stärken der Band gut auf den Punkt bringt. „Black & Hollow“ ist ebenfalls prima geglückt, elegante Klavierbegleitung sorgt für ein sympathisches Stimmungstief, welches dem Bandsound eine eigene Wärme verleiht. Der titelgebende Track kommt mit einem echt hitverdächtigen Refrain und einer ehrlichen Sentimentalität daher, sodass man auch hier mit durchausem Respekt nicken darf. „My Sweet Craving“ überrascht trotz aller Depriphilie mit flippischem Hard’n’Heavy-Riffing, das dann aber doch in langweiligere Gefilde abdriftet, was wohl auch das Manko von Darkness Between insgesamt sein dürfte: Solide Songs stechen aus den ansonsten lauen Kompositionen heraus, weswegen alles in allem ein gut gemachtes, aber immer wieder albernes Album das Resultat ist.

PLATITUDE: Silence Speaks

Wie kann sich eine Band PLATITUDE nennen, wenn sie als Ausgleich zum verhängnisvollen Bandnamen nicht mindestens so originell und aufregend klingt wie etwa Ark auf Burn The Sun? Na ja, ganz so schlecht ist deren Musik ja nicht. Die Schweden haben einen guten Sound, einen guten Sänger und gute Instrumente. Aber ein Gemeinplatz-Hasser muss schon genauer hinhören, um festzustellen, dass das alles nicht so ganz platt und abgegriffen ist, wie es zunächst klingen mag. Nach reiferer Überlegung stellen sich Songs wie „Tell The Truth“, „Nobody’s Hero“, „Silence Speaks“, „You“ (Refrain-Qualität beachten!) und das überaus cool und dramatisch riffende „Don’t Be Afraid“ (Anspieltipp!) als grundsolide heraus. Also ein zweitklassiges Album, das zum Glück nicht frei von einigen erstklassigen Momenten ist.

Face Down: The Will To Power

FACE DOWN sind wieder da und richtig derbe drauf, genau so, wie es sich für eine Thrash/Death-Metal-Band gehört. Da drastische Drums und rigorose Riffs auf The Will To Power keine Ausnahme sind, kann das Album schon mal nicht schlecht sein. „Blood Tiles“ ist ein erbarmungsloser Wegfeger, „Insanity“ und „Warhog“ sind viehisch, brutal, direkt. „Will To Power“ ist gnadenlos und bietet abwechslungsreiches Gitarrenspiel, das am Ende überraschend in einen düsteren Pianopart übergeht. Auf der anderen Seite haben wir jedoch auch so Sachen wie z. B. „Drained“, „Heroin“, „Heretic“ und „The Unsung“, die entweder zu wenig oder zu viel Wiedererkennungswert haben, was in beiden Fällen nicht gut ist. Insgesamt ist die Platte echt nicht übel, schließlich kriegt man bei jedem Song eins in die Fresse. Doch manchmal geht die Thrash-Gleichung (Thrash = derb + fies) nicht ganz auf: FACE DOWN sind oft einfach nicht fies genug, was dieses Album unterm Strich schlechter als gut macht.

Circle of Dead Children: Zero Comfort Margin

CIRCLE OF DEAD CHILDREN machen Grind, Death und Crust. Dass die hier praktizierten Riffs besonders simpel sind, kann man nicht behaupten. Wie bei vielen Extrem-Metal-Gruppen trifft man auch hier auf Breaks en masse. Allerdings blubbert die grindige Brühe im Endeffekt ideenlos daher, Tempowechsel & Schmankerl vermögen nicht über die Tatsache hinwegzutätscheln, dass die vorliegende Platte nicht viel mehr zu erzeugen vermag als irgendeine undifferenzierte Art von morbiden Gruselantien. Während andere vergleichbare Bands in 20 Minuten eine dichteste Kugelpackung aus Harmonie und Dissonanz abliefern, hat das vorliegende Album eher was von einer Fehlzündung. Natürlich kann man zu dieser Mucke viel besser bangmoshen als zu einer Fehlzündung, aber es gibt ja auch genug andere Bands, die nicht nur knüppelkotzen, sondern auch formidable Strukturen erschaffen. Wer als Kind genug Brei hatte, darf auf Zero Comfort Margin verzichten.

SWITCHBACK: Angel Of Mine

Thrash, Death, Mathcore. Auf der Erstlingsrille der Schweizer SWITCHBACK kommt einiges an Extrem-Metal zusammen, und es entsteht eine (head)bange machende, immer wieder recht originelle Fleischhausubstanz namens Angel Of Mine. Die Promoter sprechen hier von „Elf-Track-Weltenbrand“, was nicht ungewagt, aber irgendwo verständlich ist. In der Tat werden hier jede Menge Bolzen verschossen. Während der Opener recht unspektakulär weht, blasen Songs wie „Ironic Sensation“, „In The Deep Of My Soul“ oder „Eco“ die pure Ästhetik des gemeingefährlichen Thrash-Riffs auf eine nett dagewesene Art und Weise. Der Titelsong geht los mit einem flink gezockten Gitarrenintro, das auf mehr hoffen lässt, als dann tatsächlich kommt. Nach dem zweckdienlichen Akustik-Instrumezzo gibts mit „The Flames Of The Beyond World“ und „Esperanza“ noch zwei anständige Attacken, bevor sich das Album auch schon dem Ende zuneigt und den Hörer mit ein paar blauen Metalflecken im [empfindliches Körperteil] nicht unzufrieden zurücklässt.

VOODOMA: Reign Of Revolution

Nicht überragend, jedoch gut tut das zweite Album der deutschen Power-Metaller VOODOMA. Mit Oma hat das hier nix zu tun, denn Reign Of Revolution knallt epischwer-melodiös durch die Boxen und würde so manches Altersheim revitalisieren. Geil geht zwar anders, aber „World In Hands“ zum Beispiel ist ein überzeugendes Stück, „White Lies“ ist sehr heavy und „Rude Awakening“ schlägt in dieselbe Derbkerbe – ungesüßter, Judas-Priesterlicher Heavy F****** Metal! „Traces Of Sin“ ist melancholisches Schmeichelmark,  der Rest ist dann aber doch irgendwie nicht das Sahnetüpfelchen auf dem i.

UREAS: The Naked Truth

UREAS sind eine dänische Power-Metal-Band mit dezentem Progfaktor. Das Musikerehepaar Heidi und Per verarbeiten jede Menge eingängiger, guter bis sehr guter Ideen zu einer leichten bis grundsoliden Kost, die sich hören lassen kann. Dank einer leider guten Textverständlichkeit wird der Hörer zwar zuweilen durch ärmliche Texte und Reime vexiert, aber das soll bei der Bewertung nicht ausschlaggebend sein, obgleich Fröhlichkeitsgekloppe, Sprechgesang und Textzeilen wie „I say a prayer to the father in heaven – what shall I do? Give me a sign“ nicht gerade das Gelbe vom Ei, sondern eher vom Himmel sind. Dafür können dann aber Lieder wie „Intoxicated“, „In My Life“, „Survived“ und allem voran „Colour Us Blind“ (Klassiker?) recht sehr überzeugen: (ab- und an-)hörenswert.

UNDERTOW: Milgram

Nach dem etwas zu langen „In“(tro) geht es mit „Stomping Out Ignorance“ ans Fett: Harte Riffs und melodische Parts prägen nicht nur diesen gelungenen Opener, sondern auch das gesamte vierte Album der deutschen Hard-/Metalcoreler UNDERTOW. Weitere brauchbare Lieder sind „Two Fingers“ (emotional ansprechendes Refrain), „Buried In Snow“ (smoothes Riff) oder „This Is The Worst Day … Since Yesterday“ (eindringliche Ballade mit gewissenhaftem Drumming). Allerdings sei gesagt, dass die vorliegende Platte trotz einiger Lichtblicke in Form von Überdurchschnittlichkeit eher tunnelt.

PHAZE I: Phaze I

PHAZE I liefern hier ein intensives Metalerlebnis moderner Prägung ab, das vom Energielevel her durchaus mit Darkane oder dem Biomechanical-Meisterwerk The Empires Of The Worlds vergleichbar ist. Leider ist das Album nicht optimal produziert, sodass man sich die tollen Melodien teilweise dazudenken muss. Aber wahrscheinlich ist es kein Wunder, dass bei so viel mächtigem Gebeule das eine oder andere Detail untergeht. Hier wird ohne Ab gedroschen, es gibt immer wieder proggige Abwechslung, das Schlagzeug ist streckenweise echt monströs, solch fieses Gedrumme muss man erst mal ignorieren lernen. „New Archetypes“ wartet beispielsweise mit einer brillanten Melodie auf, die zwischen Riffstakkato und Riffstakkato untergebracht ist. Danach geht es direkt mit „Evolution Of A Species“ weiter, ein ebenfalls heftiger, wenn auch nicht ganz so großartiger Song, der auf den hohen Derbheitslevel von „Stench Of Their Flesh“ vorbereitet. Track 3 dreht nämlich gleich mit einem total hemmungslosen Riff auf und macht auch im weiteren Verlauf keine Kompromisse, von Gefangenen zu schweigen. Selbiges gilt für das anepisierte „Screams Of Dying Dogs“. „Going To Exist“ setzt dem Ganzen nicht unbedingt die Krone auf, denn es ist das nicht schlechte Ende eines voll nichtschlechten Albums.

PARKWAY DRIVE: Killing With A Smile

PARKWAY DRIVE sind im Prinzip eine weitere tendenziell unfaszinierende Metalcore/Death-Metal-Combo mit einem nichtssagenden Bandnamen, einer einwandfreien, heftigen Instrumentalarbeit und erstklassigen Produktion. Meistens gilt es, mehrder uninspirierte Riffs zu belauschen, die nicht berauschen. Hin und wieder gibt es feine Ausnahmen in Form von einfallsreichen Technikspielereien, die eine Dose Überdurchschnittlichkeit aufmachen. Hervorstechend sind da beispielsweise „Romance Is Dead“ (der Break in der Liedmitte groovt wien Wildschwein), „Guns For Show, Knives For A Pro“ (schweres Riffing) oder „It’s Hard To Speak Without A Tongue“ (cooles Intermezzo). Grundsätzlich aber ist dieses Album eher lau und wirft erneut die Frage auf, wieso die Australier (die Band, nicht das Volk) unbedingt so erfolgreich sein müssen.

MORTAL LOVE: Forever Will Be Gone

Man muss zugeben, dass es sehr schwer ist, an ein Album mehr oder weniger objektiv heranzutreten, das auf zehn Kilometer nach (un)geschminktem Gothkitsch mieft. Der Bandname MORTAL LOVE wäre gerade noch so zu vertragen, wenn da nicht der hyperkitschige Titel Forever Will Be Gone wäre: Zum Schlüssellutschen muss man sich nun gar nicht mehr bücken … Bis auf wenige Ausnahmen wird hier geradezu hirnwidriger Kitschquatsch geboten, dessen angestrebte Schönheit von der Vokalistin respektive „Sägerin“ (s. Presse-Info) Cat überaus kitschwillig erzeugt wird. Aus der Masse der hier dargebotenen Gähniestreiche (es sind nicht wenige, wie ich feststellen muss, was meinen Gag selbst wohl recht gähnial macht) fallen lediglich folgende zwei Tracks ein wenig heraus: „While Everything Dies“ bietet (neben ein paar deutschen Textzeilen) Gruselharmonien im Refrain, was dem Song mehr Tiefgang verleiht. Auch der Titelsong überrascht mit ungothischem Black-Metal-Riffing, das jedoch umso typischer für Black Metal ist und somit im Endeffekt nichts wirklich Neues bietet. Dennoch ein nicht uncooler Abschluss eines ansonsten waghalslosen und spannungsentladenen Albums.

MISERY INC.Random End

MISERY INC. aus Finnland spielen auf ihrem zweiten, gut produzierten Album Random End modernen, relativ skandinavischen Power/Thrash Metal, eine Kombination, die am ehesten an Into Eternity erinnert, wenn man das Virtuose wegdenkt. Sowohl Gesang (clean/death) als auch Instrumentalsektion überzeugen. Lediglich das Kompositorische wirkt oftmals müde, was natürlich der Hauptkritikpunkt sein muss. So manches Riff hört sich ganz gut an („Hymn For Life“, „Apologies Denied“) und so mancher Liedanfang vermag das Bang-Gen zu aktivieren („Yesterdays Grave“, „Source Of Fatal Addiction“, vor allem aber die beiden letzten Thrasher „No Excuse For Weakness“ und „Out Of Here Alive“), aber dann verliert sich der Song in Durchschnittlichkeit, weil die melodiösen Parts irgendwie kein Feuer der Erkenntnis entzünden und dem Hörer keine wirkliche Erleuchtung bringen. Und so muss man zu dem Schluss kommen, dass man von diesem Album kein Ohrenbluten bekommt, weder im positiven noch im negativen Sinne.

MIRZADEH: The Creatures Of Loviatar

Nach dem sowohl düsteren als auch vorhersehbaren Intro mit dem ekligen Titel „Whispers From Filthy Wombs“ gehts mit einem munteren Riff an Mutters Einmachglas Black-Metal-Meat. Noch ist man von MIRZADEHs The Creatures Of Loviatar nicht gerade hin und weg, obgleich die sinistren Monster allmählich aus allen Löchern zu köcheln beginnen. „Viper Of The Frozen Ground“ haut auch nicht aus den Socken, macht aber durchaus auf ein gewisses Talent der Band aufmerksam. Prägnanter ist „Louhi’s Legacy“: Abgehacktes Riffing lässt den Track spannend beginnen, jedoch dominieren schon bald selbstgeknüpfte Keyboardteppiche aus dem Schwarzen Kindergarten, was dem Ganzen doch wieder den anfänglichen Wind aus den Segelohren nimmt. Überhaupt verwässert hier die Tastenbegleitung das Album unglaublich, vielleicht kann man sich da ein Scheibchen von der Dimmu-Borgir-Wurst abschneiden, deren feinste Wässer tiefer sind. Einer der wenigen echten Höhepunkte, oder vielleicht der einzige Höhepunkt, dieses Albums ist auf „Tuonelan Lasten Tanssi“ vorzufinden, als nämlich bei 1:22 das feine Hauptriff einsetzt, dessen Originalität und Energie erdmännchenähnlich aufhorchen lässt … Ausklingen lassen die Finnen ihr Werk mit einem Outro, „Kalmisto“ heißt das dämliche Teil. MIRZADEH verbreiten wenig Licht und noch mehr Schatten, was selbst bei einer Black-Metal-Band nicht als Kompliment gemeint sein muss.

MESRINE: Jack Is Dead (1999 – 2004)

Die vorliegende Platte vereint „das Beste“ aus 12 EPs (inklusive einiger bis dato unveröffentlicht gebliebener Tracks) der kanadischen Grind-o-Matten MESRINE. Vump Jahre Grind bis zum Absterben, alles auf einer Platte. Benannt nach dem französischen Ganoven Jacques Mesrine, treiben MESRINE fast 80 Minuten lang Extrem-Unwesen. Saumäßiges Gebrülle, Gekloppe und Gedärme fliegen aus den Boxen, und das alles gar nicht mal so doof. Es fällt auf, dass die Jungs sich bemüht haben, hin und wieder so etwas wie eine Melodie einzupflegen, damit man die Songs besser auseinanderhalten kann. Dass man sie dennoch nicht auseinanderhalten kann, beweist eindrucksvoll, wie schwer es sein muss, ein Album zu komponieren, das Derb Metal frönt und dabei nicht nur Arsch tritt, sondern auch Köpfchen.

KRISTENDOM: Awakening The Chaos

KRISTENDOM aus Frankreich veröffentlichen mit Awakening The ihr drittes abendfüllendes Album, das ordentliches Death-Metal-Entertainment mit gut Groove und Trommelfellmassaker ermöglicht. Nach den zwar kräftigen, aber kompositorisch eher unspektakulären „Existence“ und „Failure“ kommt mit „Le Souffle Animal“ ein erster überzeugender, atmosphärisch packend umgesetzter Song aus dBoxen. „Short Life“ kracht ebenfalls cool und bearbeitet den Hörer abwechslungsreich. „Welcome“ hat ein catchy Riff als Grundgerüst, was dem Liedchen einen dicken Pluspunkt auf der nach schlimm offenen Monsterskala garantiert. Es folgt noch ein Slayer’scher Break als (obligatorisches) Sahnetüpfelchen als Reisevorbereitung nach Headbangladesch. Ebenfalls sehr einprägsam ist „Impure“, ein recht technisches Ungetüm. Der Rest liebäugelt dann wieder mehr mit Belanglosigkeit. Insgesamt gesehen also ein mit Schmackes produziertes und eingespieltes Album, dem jedoch noch zu viel Durchschnittlauch zwischen den rar gesäten Zähnchen steckt.

KALIBER: Neues Land

Ehrlicher Alternative-Gitarrenrock aus deutschen Landen mit deutschen Texten. „Ehrlicher“ klingt, um ehrlich gesagt, nach Euphemismus: KALIBER können singen und spielen, keine Frage. Heutzutage wird so viel produziert: jeder Dritte schreibt ein Buch, jeder Zweite dreht einen Film, jeder Einzelne spielt in einer Band. Nur ist Vielfalt nicht immer das Gegenteil von Einfalt. Außer vielleicht „Meine Stadt“ scheinen die restlichen Songs recht durchschnittlich kalibriert zu sein. Passend dazu auch die relativ mediokre Titelanspielung im letzten Satz. Bevor ich zu negativ werde und mit diversen unkoscheren Konnotationen des Wortes „Land“ unter die Gürtellinie bzw. ins Loch greife, kommen wir zum Punkt.

GOLGOTHA: New Life

GOLGOTHA aus Spanien sind absoluter Death/Goth-Doom. Langsame, schwere Nüstern einer verboten tiefen Stimme pressen den Hörer in die fötale Aussichtslosigkeit (??? – Anm. d. Red.). Ein bisschen wie Bolt Thrower, nur nicht so militaristisch. Auf jeden Fall übelstes Mittel-Tempo. „Never, Never Again“ ist beispielsweise ein gewaltiger, erhabener Song, dessen Refrain als Kind in ein Bad aus Melancholie und Hoffnungslosigkeit gefallen sein muss – berückend! „I Am Lost“ hat auch Klassiker-Ambitionen. Ein simples, aber dennoch eindrucksvolles Heavy-Riff eröffnet das Lied, in dessen Verlauf die Atmosphäre ausgebuchtet wird. „Lake Of Memories“ ist, wie der Titel schon vermuten lässt, episch, was allerdings nicht unbedingt ein Qualitätsgarant ist. Genau genommen sind es vor allem die zwei anfangs erwähnten Titel, die echten Wert haben, während die übrigen Tracks zwar eine (eindeutige) Stimmung zu transportieren vermögen („Forever Gone“), songwriterisch aber eher uninteressantish sind, zumal vieles ziemlich ähnlich und altbacken klingt. Also der ultimative Bringer ist es nicht, aber für Fans dieser Stilrichtung eine Schwermutprobe wert.

EXTREMA: Set The World On Fire

Ziemlich solide, was die Italiener (die Band, nicht die Nation) da auf ihrem sechsten Album in den Kasten gebumst haben. Es gibt sowohl alternative als auch thrashige Metalcore-Elemente in ihrem Sound, was Set The World On Fire, so unscheinbar der Titel auch klingen mag, zu einem abwechslungsreichen Plättchen macht. „New World Disorder“ ist ein Prügelknabe vom alten Schlage, „Second Coming“ ist etwas zurückhaltender, aber ebenfalls riffrough. Weitere interessante Stellen gibt es auf „Restless Soul“ (Soli), „Six Six Six Is Like Sex Sex Sex“ (is was dran) oder auch „The Will To Live“ (eigensinniger Anfang) zu hören. Enden tut das Album mit einem sog. nichtnotwendigen „Ace Of Spades“-Cover und einem daran anschließenden, sog. nochwenigernotwendigen,abernatürlichauchniemandemwirklichschadenden Bonustrack. Eine stellenweise packende, immer wieder aber auch unspektakuläre Leistung von einem Album, das man sich ruhig mal aufhören kann.

ELECTRIC OUTLET: On!

ELECTRIC OUTLET ist ein Fusion-Projekt, das auf dem vorliegenden Album On! (zu) gut hörbare, immer wieder Easy Listening zugetane Musik entfaltet. „Comprendes“ wird seltsamerweise mit dem charakteristischen Soundeffekt aus dem US-Serienhit 24 eröffnet und entwickelt sich zu einem groovenden, wenn auch schnell durchschauten Longtrack. Während der Jack-Bauer-Verweis für den Opener nicht ganz sinnvoll erscheint, lässt das ziemlich starke „Propellerhead“ durchaus an den Soundtrack einer fiktiven Agentenserie aus den Achtzigern denken, inklusive gelegentlicher Versatzstücke des James-Bond-Themas. „Odd Garage“ ist trotz des eher vielversprechenden Titels ein Liegepinkler geworden, also ein Stück, das ganz nett und ein bisschen funky vor sich hin vegetiert und mit an Sicherheit grenzender Sicherheit ganz wenig Neues bietet. Dasselbe Manko lässt sich auch bei den Nachfolgern „We Need A Plan“ (dieser Satz wird immer wieder von einer Stimme rezitiert und ist, so leid es tut, auch ein wenig selbstreflexiv zu verstehen), „Tekky“ und „Gold III“ nicht verleugnen, obwohl hie und da einige nahezu progmetallische, ziemlich lässige Riffs angespielt kommen. Der Schlusstrack „Miles Away“ schließlich ist, wie fast der ganze Rest der Platte, noch weit von den Gordian Knots oder gar Mahavishnu Orchestras dieser Welt entfernt. Als Alternative zum handwarmen Zeug bietet sich die Knüppel-Action mit Kiefer Sackabland an.

EAGLES OF DEATH METAL: Death By Sexy

Ich finde es regelrecht schlimm, dass die EAGLES OF DEATH METAL keinen Death Metal spielen, sondern so was Alternativ-Rock-’n’-Rolliges, sich aber dennoch mit dem Metall des Todes im Namen schmücken. Klar, der Opener „I Want You So Hard“ ist sicher ein kleiner Hit, und das dazugehörige Video (mit Jack Black in einer kleinen Nebenrolle) echt witzig. In „Cherry Cola“ wird mit gut gebauten Akkordfolgen das Getränk besungen, und „Poor Doggie“ hat einen straighten Rock-Beat und ist recht bluesig und cool ausgefallen. Aber sonst ist das Album ein großer Schmerz im Arsch! Man darf vor dem QotSA-Frontmann Josh Homme (hier am Schlagzeug) so viel Respekt haben, wie man will, aber eins steht fest: Während seine ziemlich großartige Stammband für Fans von guter Musik komponiert, komponieren die EAGLES für Fans von Glam-Rock-Parodien oder so. Was.

DISARMONIA MUNDI: Mind Tricks

Eigentlich unverständlich, wie man derart langweilige und belanglose Alben aufnehmen und den absolut übersättigten Markt noch weiter mit kunstlosem Mist ausstopfen kann. Keine Top-Produktion und kein einwandfreies Handwerk der beteiligten Musiker (darunter auch Biom „Speed“ Strid am Grunz) können mich davon abhalten zu meinen, dass es sich bei DISARMONIA MUNDIs drittem Album Mind Tricks um ein/en unnötigen In-Flames-/Soilwork-Klo/n handelt, zu dem man kataton bangend die Spülung betätigen möchte. Größtenteils uninteressante Kompositionen durchziehen diese selten überragende Platte und machen Lust auf weniger. Der Titelsong klingt zwar ganz anständig (nicht eigenständig!), vielleicht auch „Parting Ways“ und „Liquid Wings“, ansonsten jedoch: GÄHNichtkauf

CRUACHAN: The Morrigan’s Call

Das Eröffnungsriff von CRUACHANs The Morrigan’s Call ist wahrscheinlich so alt wie Metal (nicht die Musikrichtung, das Material). Das muss eigentlich nicht sein, selbst wenn die irische Pagan-/Folk-Metal-Band ihre Musik mit deutlichen Einflüssen aus alten Zeiten versetzt. Hier gibt es Violinen, Mandolinen und kleine Bläser, zwischendurch auch Death- bzw. Black-Metal-nahe Kreischattacken, aber die Vielfalt an Instrumenten hilft nicht immer über die häufige Schlichtheit der Kompositionen hinweg. „The Brown Bull Of Cooley“ besticht durch eine schöne, geheimnisvolle Melodie, „Coffing Ships“ kombiniert kompromisslosen Black Metal mit lustiger Kirmesmusik aus dem Jahre 1234, „Ungoliant“ scheint eine Reprise des wunderschönen, schon erwähnten „The Brown Bull Of Cooley“ zu sein, wobei interessanterweise keine besonderen Unterschiede zum letztgenannten Track feststellbar sind. Der Rest der Platte ist unterm _______________.

ALLHELLUJA: Pain Is The Game

Gleich zu Beginn sei bemerkt, dass die Musik dieses Heavy-Rock-’(n’-Death’-)n’-Rollers nicht mit der Sonderbarkeit des Covers mithalten kann, das ästhetisch irgendwo zwischen David Lynch und Silent Hill anzusiedeln und entsprechend augenfänglich ist. Der Opener „Are You Ready?“ ist sicher ein Song von Format, energiegeladen und prägnant. „Demons Town“ ist ebenfalls ein griffiger Riffer mit einem coolen Refrain. „Big Money, Sweet Money“ hat etwas von Alice in Chains, durchaus ein Aussagekräftiger. Der Rest ist eher Groove-Brei, der mit neophoben Simpelriffs anödet. Also na ja, eine gewisse Qualität kann man dem Vierer um Hatesphere-Sänger Jacob Bredahl nicht absprechen, aber ob ich dieses Album je wieder hören werde, ist so fraglich wie die Ampel in der Kirche.

AGORAPHOBIA: Sick

Auf ihrem selbstproduzierten Sickbum gibt es gut gemachten Thrash/Death mit diversen modernen Einflüssen zu hören. „Gut gemachten“ klingt nicht nach purer Begeisterung: Tatsächlich gibt es zwar hier und da ordentliche Riffs, die aber nicht zwingend dafür sorgen, dass die Songs für längere Zeit einen Platz im Stammhirn finden. Dafür sind die tragenden Ideen in den besten Tracks des Albums wie „With A Smile“, „The Call“ (hat was von Train Of Thought) oder „Harassed Consciosness“ zu bräsig, gut gemeint zwar, aber doch nicht bissig genug. „My Weapon“ mag zwar echt Power haben und rifft fast auf demselben Frechheitslevel wie Destruction in Bestform (etwa „Bestial Invasion“), dennoch werde ich nie kapieren, wieso Leute ein Album Sick nennen, wenn es lediglich vor sich hinsickert.

Xcarnation: Grounded

Laut Promo-Beipackzettel treibt es Cenk Eroglu, Begründer, Sänger, Gitarrist, Keyboarder, Komponist und Produzent seiner Band XCARNATION, progressiv und meisterlich. Diese Aussagen müssen etwas relativiert werden: Hier wird hin und wieder überdurchschnittlicher Industrial/Electronic Rock geboten, der nicht progressiver ist als Nine Inch Nails. Der Packungsbeilage lassen sich ebenfalls angedeutete King-Crimson-Bezüge entnehmen, die angesichts von nicht weniger als vier kompositorischen Platzpatronen auf diesem 10-Schuss-Album sowie der gerade erwähnten Straightness des Materials wirklich mehr als unangebracht sind. Hervorragen tun andererseits das mehr emotionale denn innovative, mit sich dramatisch zuspitzendem Riffing ausgestatte „Everlasting“, die sehr schöne, aber auch überaus Bryan-Adamselige Ballade „Without You“, das mit exotisch-orientalischen Zwischenspielen angereicherte „Reason To Believe“ und schließlich „Lucky Day“, dem der wahrscheinlich unvorbelastetste Refrain des gesamten Albums zugrunde liegt. Der größte Schwachpunkt von Grounded ist und bleibt aber die Tatsache, dass einige der besten Momente immer noch einen unangenehmen Beigeschmack von Epigonentum aufweisen. Insgesamt gesehen also keine Platte für die Ewigkeit, obgleich der eine oder andere Funke jener Zeitlosigkeit, aus der die Komponistenträume gemacht sind, überzuspringen vermag.

Vermis: Liturgy of the Annihilated

VERMIS praktizieren eine ziemlich groteske Variante des Death Metal, wie man womöglich schon am Albumtitel erkennen kann. Leider kann man die Band qualitativ nicht ganz mit den Klassikern etwa eines Morbid Angel vergleichen, obzwar hier ein äußerst solider und häufig eigener Dampfwalzensound regiert. Wie zum Beispiel im ersten Song „God Abhors The Living“, der an das Überwerk Heretic erinnert, weil mit überaus monströsem Riffing ausgestattet. Ab dem Nachfolgetrack „Necrosapiens“ ist allerdings ein leichter Riff-Verfall zu verzeichnen: Die Liedanfänge mögen zwar noch durch eine gewisse Prägnanz und Ausdrucksstärke überzeugen, auch gefällt so mancher Liedtitel, der sich – wie es sich für richtigen Death Metal gehört – mit obskuren Vorstellungen aus dem Reich des Unaussprechlichen befasst. Doch lässt die Gesamtschlüssigkeit der Kompositionen etwas nach. Was allerdings nicht heißt, dass solche Songs wie „Void Of Fallen Grace“, „Worldend Catharsis“ oder „King Of Tombs“ nicht trotzdem schön schlimm sein, im Midtempo kräftig doomen und gute Soli bieten können. Im großen Vergleichsmaßstab betrachtet ist das Album keine uneingeschränkte Kaufempfehlung wert, für Death-Metal-Freaks allerdings ist ein Hörtest Pflicht (und damit ist nicht nur das Probehören dieses Albums gemeint)!

Uhrilehto: Ihmisvihan Eliitti

Nicht zufällig hört sich der Albumtitel verdammt finnisch an: Die Black-Metaller UHRILEHTO halten ihre Finnenfist hoch in den nordischen Himmel und geben uns eine amtliche Ladung Dunkel mit auf den Weg. Während Noirgrim, Essiah und Cyclotron Gitarre, Bass und Schlagzeug bedienen, sorgt Nidhogg mit genretypisch abnormen Vocals für Maximaldisruptus am Mikro. Das Album bietet eine gute Balance aus Tradition und Fortschritt, Black-Metal-Harmonien treffen auf überraschende Intermezzi und Breaks, was der Langeweile schon mal ganz gut vorbeugt. „Marraskuun Kahdeksas“ heißt der atmosphärisch und melodisch gelungene Opener, der das hohe Energie-Level des Albums vorgibt. „Kolmen Minuutin Armopala“ ist ebenso flott und hat einen kleinen funky Zwischenpart, der den Song für kurze Zeit aus dem Black-Metal-Genre völlig entfernt. „Huoranpenikat Ja Huijarikuninkaat“ ist musikalisch fast genauso komplex wie der dazugehörige Songtitel, nämlich die reinste flageolettdurchtränkte Prog-Hölle, wie sie zu gefallen weiß. Weitere Vorteile der Platte sind ein tolles Organ-Solo bei „Vitutuksen Viitoittarna Vuosikymmen“, eine nicht klischeefreie, aber doch catchy Black-Metal-Melodie in „Korpimetsän Perkele“ und das dämonische Cover-Artwork, auf dem ein Skandinavieh deftiges Unwesen mit seinem Beil zu treiben vorhat. Nachteilhaft wirkt sich allerdings der ungewaschene Gesamtsound aus, der dem ansonsten anständigen Oeuvre etwas an Wirkung nimmt.

Silencer: Death of Awe

Da es sich beim SILENCER um ein (leider recht seelenloses) Spin-Off von Darkane handelt, die auf ihren als geradezu klassisch zu bezeichnenden Psychotrips Insanity und Expanding Senses gezeigt haben, wie Wahnsinn auch ohne „Meshuggah“ im Bandnamen funktioniert, könnte die Zukunft von SILENCER sehr gut aussehen – sobald man es geschafft hat, die offensichtlich vorhandenen spielerischen Fertigkeiten nicht nur in den Dienst von Technik, sondern auch Eigenständigkeit und Songwriting zu stellen. Das Konzept der harten Knüppelei wird hier nämlich nur wenig weiterentwickelt, es hat eher den Anschein, als hätte man der Abwechslung und Originalität einen … Dämpfer vorgeschraubt, sodass (bis auf kleinere Ausnahmen wie etwa beim Titeltrack und „The Harvest“) leider weder riff-, lick- noch sonstmäßig Bemerkenswertes geboten wird. Sehr schade, denn „Silencer“ ist an sich ein cooler Name für eine coole Band, die dafür bekannt sein könnte, filigranes Soundkrass zu praktizieren.

Python: Good & Evil

PYTHON kann natürlich nichts anderes als Thrash Metal sein, der Bandname sagt etwa so viel wie 1000 Schläge ins Gemächt. Allerdings scheint die Phonetik von „Python“ aggressiver, stromlinienförmiger und feyner zu sein als die Musik der Amerikaner: Diese ist nicht gänzlich ohne, aber auch nicht wirklich mit. Bereits der Opener „Good & Evil“ ist eine Kombination aus Power und Klischee, wobei die Power glücklicherweise überwiegt. Der Gesang ist aber leider ziemlich egal, was eigentlich nur dann gut kommt bzw. erlaubt sein sollte, wenn die instrumentale Seite voll heftig kleinhaut. Diese ist aber wie gesagt läulich. „Complex Mind“ ist herrlich unkomplex, „Fallen Angel“ fällt nicht weiter auf, anstatt zu gefallen, „Crucifixion“ verschwindet genauso schnell, wie es aufgekreuzt ist, und „Cursed“ ist verflucht ambitioniert, aber im Endeffekt leider seelenlos. Einzig „The Un-Holy“ kann überzeugen, vor allem wegen eines Riffs in der Lied-Mitte, das ein Thrash-Herz nicht nur höher schlagen lässt, sondern ganz einfach erschlägt. Also: ein gut hörbares Album von einer Band, welche die Enthüllung ihres Potentials auf jeden Fall noch vor sich hat.

Nicodemus: Vanity Is A Virtue

Vanity Is A Virtue der US-Band NICODEMUS ist in der Schnittmenge zwischen (klassischem) Progressive und Black/Death Metal einzureihen. Der damit einhergehende Wechsel zwischen cleanem, etwas an Tool erinnerndem Gesang, der vom Zauber des Begriffes „Charisma“ nicht gänzlich ungestreift bleibt, und relativ fiesem Gegrunze respektive Gekreische kann Assoziationen zu Into Eternity oder Opeth wecken, muss aber nicht, zumal die Qualität des Materials es auch nicht ganz tut. Bis auf den Song „Next To Nocturne“, der durch seine präzis auf den Punkt gebrachte Gruselatmosphäre superbes Black-Metal-Feeling (vgl. Keyboardintro & Chorus!) erzeugt und damit zum Höhepunkt des Albums zählt, ist der Rest der Platte als mehr oder weniger zu bezeichnen. So fängt beispielsweise „Benighted“ spannend und vielversprechend an, um gleich darauf abzuflachen. Gutes Prog-Riffing und originelle Melodiestrukturen wie etwa in „A Metaphysical Theory Of Dynamics“ oder „Reason & Relapse“ müssen nicht selten uninspiriert vor sich hin ödenen Parts Platz machen. Insgesamt liegt hier ein die Kritikdreschmaschine mit der Note „3+“ verlassendes Album vor, wobei man von der Band, wie es so schnöd heißt, noch einiges erwarten darf.

Mythological Cold Tower: The Vanished Pantheon

Dass der sehr nordische, dem Bereich des Gothic/Doom Metal zuzuordnende Sound von MYTHOLOGICAL COLD TOWER aus Brasilien stammt, wird für den einen oder anderen eine Überraschung sein. Es ist das dritte Album einer Band, deren Musik so brasilianisch daherkommt wie Norwegen: Fünf epische Songs sind hier zu hören, die meist im mittleren Tempo okkulte Seelenschwärze verbreiten. Ob es ihnen letztendlich gelingt, hängt davon ab, inwiefern sich der Hörer (als eingefleischter Genre-Fan etwa) von der hier vorherrschenden Atmosphäre im Allgemeinen einnehmen lässt, ohne auf diverse Details zu achten. Für Freunde des etwas analytischeren Heranhörens könnte sich The Vanished Pantheon schnell als schal entpuppen, da selbst die eine oder andere gelungene Stelle auf diesem Album (vgl. „When The Solstice Reaches The Apogee“ oder den Titelsong) nicht wirklich mitreißen kann. Auch lässt produktionstechnisch immer noch der Underground grüßen.

Listeria: Full Of Fire

Wie es scheint, haben die Italiener LISTERIA den Rockgedanken erythrozytisch verinnerlicht. Der Rockgedanke an sich ist natürlich noch kein Garant für geile Riffarchitektur, aber zum Glück werden hier sehr schwere und spielfreudige Metall-Geschütze aufgefahren, die insbesondere im rhythmischen Bereich für Abwechslung sorgen. In erster Linie wird bei Full Of Fire aber so einiges an Energie und guter Laune freigesetzt, was ja abseits jedweder musiktheoretischen Betrachtung ein belangreicher Faktor ist. Die einzelnen Songs sind alle so konzipiert, dass sie schnell zum Punkt kommen, falls es einen solchen gibt. Falls nicht, ist es nicht weiter schlimm, denn mitgebangt werden darf trotzdem, weil es halt grundsolider, sympathischer Rock ist. Am mitbangenswertesten sind aber wohl solche Songs wie der Power-Track „Like Alì“, die deftig ballernde „Emily“, der Flageolette „Little Star“ und der Action-Kracher „Action“, dessen melodiöser Part zum Originellsten auf diesem Album gehört. Als Fazit bleibt: Wer von sich behaupten kann, dass Rock sein DJ ist, der möge doch LISTERIAs aktuellem, nicht mehr und nicht weniger als grundsolidem Longplayer Full of Fire ne Tschantsch geben.

Irate Architect: Born Blood Portrait

Die EP Born Blood Portrait der umherwütenden Grind-Baumeister IRATE ARCHITECT aus good oll Germany bietet dem geneigten Hörer in etwas mehr als 10 Minuten ein produziertes Extrem-Metalbrett inklusive Klaus-Schulze-artigem Intr-, Outr- und Intermezzo, wobei vor allem letzteres an Referenzwerke wie etwa Irrlicht erinnert. Die sieben Tracks gehen fließend ineinander über und ergeben ein zusammenhängendes Ganzes, in dem Brachiales mit Fremdartigem eine atmosphärisch sinnvolle Symbiose eingeht. Die vier Songs „Pathfinder“, „Born Blood Portrait“, „Chicks On Speed“ und „Taschenspieler“ sind technisch einwandfrei, wobei insbesondere das erstgenannte Stück am originellsten und abwechslungsreichsten ist. Insgesamt gesehen ein zufriedenstellender, wenn auch sehr kurz geratener Trip in die Welt des Highspeed-Cores.

Hellsaw: Spiritual Twilight

Das österreichische Black-Metal-Duo HELLSAW hat zu ihrem Zweitling Spiritual Twilight das mittlerweile ausverkaufte Debüt einfach braufgepackt, was die vorliegende Platte auf für Extrem-Metal untypische 63 Minuten anwachsen lässt. Eventuell ist dies aber auch schon der einzige Vorteil (?) des Albums. Zwar mag die Musik hier nicht ganz so mies ausgefallen sein wie das äußerst miese und aus der rauen Menge nahezu unbekannter Underground-Gruppierungen in keinster Weise herausstechende schwarz-weiße Plattencover, dennoch sei gesagt, dass hier absolut rohes Old-School-Schwarzfleisch gefressen wird, was nicht jedermanns Sache ist. Ungeachtet aller Kommerzvorwürfe an Bestseller wie Dimmu Borgir steht fest: Mehr Persönlichkeit als HELLSAW haben die Genre-Riesen auf jeden Fall; zu einem an sich coolen Bandnamen wie HELLSAW gehört doch auch einiges an cooler Substanz dazu. Diesbezüglich allerdings ist da vorerst wohl x zu machen.


Jens Marder veröffentlichte bereits 2009 einen Artikel im Online-Magazin Amazon, den 28 Personen als hilfreich markiert haben.

Fenster. Gute Überraschungen

Schon passend, dass Fenster sich zum Ende des Supersommers geschlossen wie nie zurückmelden. Ein Zufall? Vermutlich.


Aber ein guter Zufall. Denn was Fenster inzwischen schon seit ein paar Alben auszeichnet, ist diese ureigene Verbindung aus Stilsicherheit und Genre-Offenheit. Wie wenig anderen Indie-Bands gelingt es, enorm vielseitige Songideen zuzulassen und diese gleichzeitig schon ihrem Sound unterzuordnen. In jedem Part ist jedes Bandmitglied so vollkommen fixiert auf Ausdruck und Rhythmus, dass ihre Musik niemals ins Treiben gerät, was sie inzwischen perfektionieren konnten. Im Zentrum aller Subgenres, in die sie verfallen, steht die Stilisierung selbst. In diesem Sinne sind sie eine sehr kunstvolle Band, die sich mit The Room nun ein weiteres Denkmal gesetzt hat, aber mit dem Album auch ein gewisses Lebensgefühl trifft.

Auf der Platte perfektionieren Fenster letztlich vieles, was sie sich über ihre zwei früheren Studioalben und dem gemeinsam realisierten Sciene-Fiction-Kunstfilm und -Soundtrack Emocean erspielt haben. Auf Bones hatte 2011 noch Folk durchgeklungen, was ja schon der Ausgangspunkt vieler wichtiger Bands war. Genauso wichtig war jedoch für all diese Bands auch, sich später vom Folk zu emanzipieren. Nicht zuletzt, weil eine Band, die sich komplett auf ein Genre festgelegt hat, schon tot ist. Aber die Emanzipation haben Fenster im Grunde noch während des ersten Albums selbst vollzogen und war 2013 auf Album zwei, Pink Caves, schon komplett abgeschlossen. Hier widmete man sich schon vollkommen dem perfekten Sound, graste eher im Experimentellen und suchte und fand den gemeinsamen künstlerischen Ausdruck als Gruppe. Den transportierten sie mit dem Film Emocean 2015 aus der Musik heraus in eine visuelle Kunstwelt, um ihn weiter zu vergrößern. Der Soundtrack dazu pendelt sich für sich betrachtet zwischen Psychedelic und Launchmusik ein. Um es als eigenständiges Album werten zu können, fehlen ihm aber Antrieb und Richtung. Aber das geht ja den meisten entkoppelten Soundtracks so.

© Simon Menges

Umso besser, dass The Room, dem es an Antrieb nun wirklich nicht fehlt, sich weniger an Emocean und stärker an Pink Caves anlehnt und vom Film-Experiment nur freigestzte Sounds in ihr Songwriting einbringen. Sie fließen einfach mit hinein und zu einem Album zusammen, das gleichzeitig bunt, fließend und glatt wie keines der bisherigen klingt. Fast könnte man bei alledem vergessen, dass Fenster musikalisch eigentlich noch immer gar nicht allzu sehr festgelegt sind. Zwischen Dreampop, Shoegaze, Nintendo-Pop, Disco und Psychedelic scheint gerade ihre Entschlossenheit, ihr schlichter Groove das verbindende Element in fassettentreicher Umgebung. Zusammenfassend könnte man es wohl Surprise Pop nennen.

Aber Fenster sind auch eine Band, die in gewisser Weise einen Berliner Zeitgeist verkörpert und musikalisch konserviert. Immerhin fanden die internationalen Bandmitglieder hier zueinander. Und ihr Album spiegelt in seinem Aufbau ein Lebensgefühl wider, das schon viele Künstler*innen in die Stadt trieb und aktuell wieder eine brodelnde Szene formt: die kunstvolle Wahrnehmung einer vielseitigen Umwelt, ein Fokus auf das, was erfüllt, was Spaß macht und was dadurch teilbar wird. Und lebt als eine Adaption dieser Vielfalt. Ein solcher Berliner Zeitgeist lässt sich nicht auf eine Band, einen Sound oder ein Album herunterbrechen. Aber wollte man in ein paar Jahrzehnten einen Film über die 2010er Jahre in Berlin machen, täte man gut daran, Fenster in den Soundtrack aufzunehmen. Vielleicht drehen sie diesen Film ja sogar selbst.

Quelle: YouTube

The Room von Fenster enthält Two Doors sowie neun weitere Songs und erschien beim Label Altin Village & Mine.

Beitragsbild: © Fenster

US Emo, Level drei. Foxings Rundumschlag

2018. Die USA sind tief zerrissen in verfeindete Lager. Zumindest, was ihren Indie-Rock angeht. Gut, dass eine Band es schafft, die Subgenres zu einen. Auf Nearer My God trumpfen Foxing groß auf.


Vorweg eine These: Das neue Album einer Band ist immer dann automatisch ihr bestes, wenn in ihm alle früheren Alben aufgehen. Denn wo die alten mitgedacht sind, brauchen diese gar nicht mehr weiter angehört zu werden. Wenn dem so ist, ist Foxing nach zwei erfolgreichen Alben nun tatsächlich ein Genie-Streich gelungen. Sollte jemand wirklich seinen Musikgeschmack auf solche diskursiven Thesen reduzieren wollen, so bräuchte er sich nun weder jemals wieder die ersten beiden Foxing-Alben anzuhören noch irgendein anderes Album jüngerer US-Indierock-Geschichte. Denn auf Nearer My God ist schon alles mitgedacht, wodurch sich das Album sehr geschickt selbst in die Plattensammlung einräumt und dort sogar zum Bindeglied wird.

Nachdem Foxing auf Albatross noch teilweise hardcorige Songs ins Zentrum rückten, schien sich der Band-Fokus auf Dealer eher in Richtung ruhigerer, impulsiver Balladen zu bewegen, was ihnen immerhin Platz drei der US-Charts einbrachte, aber auch ein böses Omen fürs nachfolgende Album war. Denn wenn sie nun schon in diese Richtung gestartet sind – wohin soll der nächste Schritt führen? Auch Song eins von Album drei beruhigt nicht unmittelbar, beginnt tendenziell sogar eher unheilvoll, zumindest vor dem Hintergrund der Bandgeschichte, denn das Intro klingt definitiv nach weißem, wenn nicht sogar europäischem R’n’B, wie ihn zum Beispiel inzwischen die Arctic Monkeys oder die skandinavische Szene betreiben: gekonnt arrangiert, aber unterm Strich etwas dünn und künstlich. Zum Glück wechseln sie noch während des Songs das Genre, was sie auf dem Album zur Gewohnheit machen.

Immer wieder finden sich ungewohnte Elemente, mal gesampelter Gesang, dann Streicher, dann wieder der rifflastige Bombast-Rock, mit dem sie angetreten sind. Davon abgesehen gehen in Nearer My God auch verschiedenste Einflüsse der jüngeren US-amerikanischen Indie-Rock-Subkultur-Flügel auf: vom Indietronic, den Bands wie Owl City geprägt haben (zum Beispiel in der Vorabsingle Slapstick), bis zum guten alten Crossover á la Hot Action Cops oder Alien Ant Farm (zum Beispiel in der jüngsten Single Gameshark). Auch der Dance Rock kommt nicht zu kurz. Selten waren Songs eines dieser Genres so gut ausproduziert wie bei wie bei Foxing. Ein Glück, dass auch der vielseitig einsetzbare Frontmann Conor Murphy alle Flügelwechsel problemlos mitmacht, was das Album ebenfalls weiter glättet.

Quelle: YouTube

Am häufigsten lässt sich dann aber doch wieder diese neue Emo-Welle heraushören, zu denen neben Foxing vor allem andere Südstaaten-Bands wie Blis. oder Microwave, aber auch Künstler wie The Hotelier oder The Antlers gehören. Gegenüber ihren schwarzgefärbten, kajalbelegten Vorbildern der 2000er-Jahre pflegen sie optisch zwar ein authentischeres Auftreten, akustisch lassen sie aber keine Punkte in Sachen Verzweiflung oder großen Gesten liegen. Obwohl die Betitelung als Emo vielen Bands seit jeher verhasst ist, zeichnet sich hier eben doch ab, dass Drama und Pathos feste Größen im US-Independent-Bereich sind. Foxing jedenfalls gelingt nicht nur die Selbstverortung im eigenen Schaffen, das seit ihrer Gründung auf das neue Album zugelaufen zu sein scheint, sondern auch die Bündelung des Genres, das keines sein will.

Bloß ein Manko hat das Ganze am Ende doch: Die in der Theorie sympathische Aktion, den Titelsong Nearer My God in fünf Sprachen als Singles herauszubringen, führt, vorsichtig ausgedrückt, zu irritierenden Ergebnissen, und fand zum Glück außerhalb des Albums statt. Klingt die japanische Variante aus der Ferne noch recht muttersprachlich, hat die deutsche, so zumindest ein subjektiver Eindruck, etwas Befremdliches. Aber auch hierzulande scheitern ja nach wie vor viele Projekte daran, deutschsprachigen Indie gut klingen zu lassen. Und auch Foxing können am Ende nicht alles können. Wie beruhigend.

Quelle: YouTube

Nearer My God von Foxing erschien am 10. August 2018 bei Triple Crown Records.

Titelbild: © Hayden Molinarolo

Driftmachine – Shunter. Ein Lehrstück in Post-Music

Mit ihrem neuem Album präsentieren Driftmachine einen avantgardistischen Grenzgänger, der Sphären freisetzt zwischen Ambient- und Industrial-Sounds. Mit dramatischen Folgen.


Shunter ist das vierte Album des Berliner Duos Driftmachine – allesamt innerhalb der letzten vier Jahre beim mexikanischen Label Umor Rex veröffentlicht – und macht gegenüber der letzten Platte Radiations einen großen Sprung in Richtung Eigenständigkeit. Wobei Eigensinn und Eigenart es hier auch treffen würden. Nicht nur verabschieden Driftmachine sich weitgehend von Beats und typischen Synthesizer-Sounds. Teilweise verlassen ihre Sounds gar komplett die Klangsphären, die man klassischerweise als Musik bezeichnen würde, hin in eine, nomen est omen, maschinenhaften Geräuschkulisse – was auch durch den Einsatz von Field Recordings gestärkt wird.

Teilweise löst diese sich melodisch auf und schließt Kreise zu frühem Electro. Teilweise sind die Songs nur durch Wissen darüber, dass sie von Musikern aufgenommen wurden, überhaupt als Musik erkennbar. Eine Parallele zu Andy Warhols Brillo Boxes – die Arthur C. Danto als Schlüsselmoment einer Wende der Kunst bezeichnet hatte. Vielleicht ist die Zeit ja reif, eine solche Wende nun endlich auch in der Musik zu vollziehen. Der erste Bote eines solchen Prozesses wäre Shunter nicht. Psychedelische Elemente gibt es seit langem und Driftmachines Album ist auch nicht das erste, das in diese, wenn man es so nennen kann, Post-Music-Kerbe schlägt, Moonsynch von Mimicof wäre ein anderes Beispiel, aber Shunter führt den Ansatz ungewohnt konsequent aus. Zwar entstehen immer wieder Takte und regelmäßige Rhythmen. Aber die haben Maschinen ja nunmal auch.

Ein Eindruck:

Ein anderer Ausgangspunkt sind, wie schon bei Rayon, Film-Soundtracks, die ja auch gerne zwischen Musik und Geräusch springen und sich schon viel mehr Freiheiten erarbeitet haben, als Musik außerhalb von Filmen sie hat. Tatsächlich klingt Shunter wie der Soundtrack eines düsteren, dramatischen Films. Der Film dazu entsteht jedoch erst im Kopf. Und der namensgebende Rangierbahnhof wird kunstvoll eingehüllt in ein abstraktes, nicht-sprachliches Narrativ.

In bester Ambient-Manier bietet Driftmachine seinen Hörer*innen ein Entkommen in einen neuen Sinnkontext ihrer Umwelt an, der stilisiert ist. Nur, dass die Welt, in die hier entkommen wird, eher dystopisch und unbehaglich ist. Womit Driftmachine vielleicht andererseits auch genau einen Zeitgeist treffen. Es ist ja nicht das einzige düstere Konzeptalbum, das in diesen Tagen veröffentlicht wird, Get Well Soon etwa haben in dieser Woche ein Album über Albträume draußen:„The Horror“. Bei letzteren, die musikalisch natürlich aus völlig anderer Richtung kommen, werden Zusammenhänge und Bilder teilweise konkret: „I don’t think I can relax here anyway with nazi bitches speaking at my hood“. Bei Driftmachine verbleiben sie abstrakt, als verschwommene Halluzinationen. Doch „Shunter“ untermalt einen unbehaglichen Eindruck: Der Horror ist real, aber wir können ihn kunstvoll gestalten, um ihn auszuhalten.

Shunter von Driftmachine erscheint am 15. Juni 2018 bei Umor Rex.

Titelbild: © Misha Shkurat

Diskursrock als Kinderlied – Locas in Love mit Saurus X

Jede Band hat mal ein Album gemacht, mit dem sie ihren Sound definierten. Bei Locas in Love heißt es Saurus und hat zum zehnjährigen Jubiläum ein Reissue bekommen.


Zu ihrem zweiten Album Saurus ließen Locas in Love einen Rezensions-Generator programmieren. Wie könnte ich der Platte also besser gerecht werden, als davon Gebrauch zu machen und anschließend einen entspannten Feierabend zu genießen? Das klänge dann so:

„Locas In Love sind ja besonders unter ihren Kollegen hoch angesehen, aber nun melden sie sich mit ihrem zweiten Silberling zurück. Durchwachsen, weil orientierungslos präsentiert uns die Truppe um Björn Sonneberg Saurus (Sitzer/Virgin/EMI). Dabei gehen sie mit ehrlichen, unverkrampften Aussagen, die mitnichten honigsüß daherkommen zu Werke (…)“

Der Rest des Rezensionsgenerators ist ebenfalls Teil der Jubiläumsedition zum zehnjährigen Erscheinen von Saurus, genauso wie ein Haufen an weiteren Extras wie z. B. ein Songbook mit Akkorden zum Nachspielen der Lieder und einer genauen Entstehungsgeschichte des Albums voller Bilder, Texten und Zeitdokumenten, die erzählen wie das damals so war in den 2000ern Musik zu machen.

Und die Songs? Wenn ein typischer Locas-in-Love-Sound existiert, dann gibt es wohl kaum ein Lied, das ihn besser vorführt als der Saurus-Opener „Sachen“.

Quelle: Bandcamp

Aus dem Intro klingt die Strokes-Ära heraus, die sich gerade auf dem Zenit befand. Dieser Sound kommt nicht von ungefähr, denn das Album wurde von Peter Katis abgemischt, der schon den Indie-Rock Sound von The National, Interpol und The War on Drugs am Mischpult geformt hat. Zu den warm klingenden Gitarrenbendings singt Björn Sonnenberg über ein Treffen mit einem alten Bekannten. Es entspinnt sich ein Text zwischen WG-Küchengespräch und kritischer Selbstbeobachtung. So geht es auch in den ersten Refrain:

„Aber du kennst das ja selber/ und weißt ja wie du bist / wie es sich anfühlt, wenn man immer / so beschäftigt ist, mit Verpflichtungen, Erledigungen / und Freiwilligkeiten und Dingen / und den Fokus verliert / wir können ein Lied davon singen.“

Mit kurzen energetischen Ausbrüchen in der Bridge und einer lauter werdenden Soundwand gegen Ende, vereint der Song alle Elemente, die Indie-Rock gut gemacht haben. Doch die große Popkunst entfaltet die Band mit „Mabuse“. Über die eingängige – verdächtig an Sweet Jane von Velvet Underground erinnernde – Akkordfolge singt Bassistin Stefanie Schrank mit betont naiver Stimme einen Refrain, der die sanft plätschernden Akkorde konterkariert:

„Den Bankier bedroht, den Politiker entführt / Polizist k.o. geschlagen er hat kaum was gespürt / Mit meiner Handschrift, die Forderung geschrieben / dieses verdammte Deutschland hat mich dazu getrieben.“

Beim zweiten Durchlauf wird sie dabei noch von einem Kinderchor unterstützt und gemeinsam treiben sie den Kontrast auf die Spitze. Abgesehen von diesen beiden besten, versammelt Saurus eine Mischung an albernen, ernsten, traurigen und optimistischen Songs, die auch an ihrem zehnten Geburtstag noch eine emotionale und musikalische Wucht entfalten, die in der hiesigen Popmusik oft ihresgleichen sucht.

Quelle: Bandcamp

Tourdaten:

19.11.2017 Köln – BRITNEY powered by Schauspiel Köln
14.02.2018 Nürnberg – MUZ
15.02.2018 Frankfurt – Das Bett
16.02.2018 Karlsruhe – Jubez
17.02.2018 Freiburg – White Rabbit
21.02.2018 Fulda – Kreuz
22.02.2018 München – Milla
23.02.2018 AT-Wien – Flex
24.02.2018 Augsburg – Brechtnacht
Titelbild: Christian Faustus

Frühstück nach einer langen Nacht

Ganz still und dunkel war es um ihn – eine lange Zeit. Nun erzählt Gisbert zu Knyphausen auf seinem neuen Album Das Licht dieser Welt, das am 27.10. erscheint, von dieser langen Nacht und dem Morgen danach.


Er ist einer der sympathischsten Freiherrn Deutschlands. Und das nicht nur, weil er jährlich zum „Heimspiel Knyphausen“-Festival auf dem Weingut seiner Familie einlädt, sondern weil er es ohne großes Geklotze und aus ehrlicher Freude tut. Da man bei einem Freiherrn nicht so viele Vergleichsmöglichkeiten hat, kann man ruhig noch weitergehen: Der Freiherr zu Knyphausen ist einer der besten, aber auch einer der sympathischsten deutschen Liedermacher. Das kann jede*r bestätigen, die*der ihn einmal live erleben durfte. Denn wenn jemand ein großartiges Konzert im vollen Clubraum des Union-Berlin-Stadions abliefert, obwohl er kurz zuvor noch an Durchfall erkrankt war und sich dann zurückhaltend grinsend um Kopf und Kragen redet, weil er feststellt, dass das vielleicht doch eine etwas zu intime Information für die vielen unbekannten Gesichter im Publikum ist, dann ist das sympathisch.

„Wie es wird, kann nur der bucklige Winter entscheiden“

Sowieso war das besagte Konzert an einem unglaublich dunklen, kalten und verschneiten Januarabend 2017 in Berlin etwas Besonderes: Zu der Aufrichtigkeit mischte sich Dankbarkeit. Auf beiden Seiten. Das Publikum war dankbar, nach so langer Zeit wieder etwas von Gisbert zu Knyphausen hören zu dürfen. Überall wurde freudig getuschelt: „Oh, das ist mein Lieblingslied… ach, nee … das ist ein anderes. Aber das ist auch so schön!“ Und während er spielte und sang, so andächtig, traute sich kaum jemand zu atmen. Und Gisbert zu Knyphausen war sichtlich erleichtert und dankbar, einige seiner neuen Songs präsentieren und sein neues Album ankündigen zu können. Das sagte er dann auch so.

Vor sieben Jahren war sein zweites Album Hurra! Hurra! So nicht. erschienen. Dann hatte er mit Nils Koppruch die Band Kid Kopphausen gegründet und 2012 das erste und leider letzte Album herausgebracht.

„Nils‘ Tod kam vollkommen unerwartet, ein totaler Schock. Unser Album war gerade erst erschienen, wir hatten die ersten Konzerte gegeben, hatten einen Riesenspaß und Pläne für das ganze Jahr – und dann das … Sein Tod war ein großer persönlicher Verlust, auch beruflich stand ich danach erstmal vor dem Nichts. Ich beschloss, eine längere Auszeit zu nehmen, um Luft zu holen“, reflektiert er.

Er reiste viel – nach Russland, in den Iran, nach Albanien und Südfrankreich. Er las das Märchen Der Froschkönig für eine CD ein, spielte Bass in der Band von Olli Schulz und nahm mit Moses Schneider und Der dünne Mann als Band Husten eine EP auf. Und nun ist es endlich da, sein drittes Album Das Licht dieser Welt, das bereits Anfang des Jahres von der gleichnamigen Single angekündigt wurde.

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Hat sich die Melancholie jetzt ins Knie gefickt?

„So viel Lachen, Freude, Wunder? Und so eine fröhliche Gitarrenmelodie, eine lustige Trompetenpassage, zu der Gisbert zu Knyphausen heiter pfeift? Steht ihm zwar auch. Aber wo ist denn die ganze Melancholie hin?“, fragten sich sicher einige Fans, als sie den Song Das Licht dieser Welt das erste Mal hörten, der als Titellied für den Kinderfilm Timm Thaler diente und im Radio hoch- und runtergespielt wurde. Keine Angst, wenn man genau hinhört, ist er noch da, der Weltschmerz. Und auch all die anderen Themen, mit denen sich Gisbert zu Knyphausen in seinen ersten Alben beschäftigte, sind auf seinem neuen Album zu finden:

Sonnige Grüße aus Khao Lak, Thailand […] handelt von der Einsamkeit eines älteren Mannes in einer Großstadt […]. Das Licht dieser Welt ist […] eine Liebeserklärung an jede neue Existenz. Kommen und Gehen handelt vom Sterben, Stadt Land Flucht vom Suchen, Dich zu lieben von der Liebe […] und in Cigarettes & Citylights geht’s um die rasende Sehnsucht danach, endlich irgendwo anzukommen.“

Tino Hanemann

Weltschmerz, Einsamkeit, Liebe, Sehnsucht, die Suche nach einer Heimat, das Fernweh – alles Motive der Romantik. Ja, zu recht kann behaupten werden, Gisbert zu Knyphausen ist ein Romantiker der alten Schule durch und durch, schließlich ist er „Freund von Klischees und funkelnden Sternen“ (aus Freund von Klischees). Klingt negativ? Klingt nach Kitsch? Könnte man meinen. Besonders weil er in seinen neuen Liedern mit sanfter Stimme vom „Mondlicht“, einem „weitgesäumten Himmelszelt“, vielen „funkelnden Sternen“, „leise rauschendem Wind“, „Lächeln“, einem „Fenster mit Aussicht aufs Meer“, einem „hellblauen Himmel“, küssenden Pärchen und von ganz viel „Licht“ singt. Nein, das ist nicht kitschig – ganz im Gegenteil.

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„Die Welt ist grässlich und wunderschön“

Denn was ist Kitsch? Kitsch ist trivial, unaufrichtig. Kitsch blendet die Schattenseiten und das Wirkliche aus, wie man es zum Beispiel aus dem Schlager kennt. Und Gisbert zu Knyphausen ist nicht nur auf der Bühne und in seinen Texten ehrlich. Er kann auch etwas, das nur sehr wenigen Singer-Songwritern gelingt. Er bricht diese romantischen Motive, er spielt mit den Bildern: Ja, da liegen sich Unter dem hellblauen Himmel ein Junge und ein Mädchen im Arm, aber es werden auch die Stecker der Geräte eines Kranken gezogen. Und wenn jemand über den Strand schwebt, dann ist er „umnebelt von Whiskey“ und sieht dabei aus wie „eine eiernde Frisbee“ (aus Stadt, Land, Flucht). Und dann fängt nunmal ein hellblauer Tag ohne das süße Mädchen an, denn es „lag tot in Mutters Arm“ (aus Kommen und Gehen). Schließlich war „[d]iese Welt […] nie gerecht und das Glück hält nie lange an“ (aus Kommen und Gehen).

Mit seinen Texten erschafft er Bilder, die ganz plötzlich dunkel werden, wie in Kommen und Gehen. Aber auch Bilder, die mal dunkel waren und wieder hell werden, wie in Dich zu lieben, Sonnige Grüße aus Khao Lak, Thailand und Teheran Smile. Und unvollkommene Bilder, die jede*r für sich selber weiterdenken muss, wie in Niemand, Stadt Land Flucht und Keine Zeit zu verlieren. „Die Lieder handeln von der ewigen Sinnsuche, dem Nicht-einfach-nur-sein-Können, vom Tod und dem Umgang damit, und wie man es schafft, mehr Licht und Optimismus in sein Leben zu lassen“, beschreibt er selbst das Album.

„Und jetzt schau nicht so gequält – das sieht scheiße aus!“

Aber waren seine Songs nicht immer schon angesiedelt zwischen „Die Welt ist nicht fair“ und „Jetzt jammer doch nicht immer so rum!“? Man erinnere sich an sein Lied Spieglein Spieglein seines ersten Albums, in dem er bissig fragt: „Glaubst du du bist so interessant, wie du dich suhlst in deinem Schmerz? Blablabla!“ Wieder ein Spielen – ein Spielen mit der Grenzen zwischen Melancholie und Selbstmitleid. Der Grenze zwischen verzweifeltem Pessimismus und ja, was eigentlich? Optimismus? Klar, ist jedenfalls mit seinen lyrischen Ichs und lyrischen Dus, die immer noch etwas Zuversicht in sich tragen, geht er nicht so hart ins Gericht wie mit jenen, die in Selbstmitleid zerfließen. Auch auf dem neuen Album ist ab und zu mal ganz leicht dieser bissiger Ton zu hören. Etwa wenn er singt: „Du willst eine verlorene Seele sein, obwohl du ahnst, damit bist du nicht allein.“ (aus Keine Zeit zu verlieren). Oder wenn er seinen Protagonisten als „elend wankende[n], am Wohlstand erkrankender[n] Mann“ (aus Stadt Land Flucht) beschreibt. Doch mit genau diesem ganz leichten Zynismus schafft es Gisbert zu Knyphausen, die Situationen seiner Figuren noch ein Stück bitterer darzustellen.

„You’re digging a new hole, that you can crawl in and then call it your home“

Und das ist neu. Gisbert zu Knyphausen zeichnet in fast allen neuen Songs Figuren und bedient sich ihrer Gefühle: „Überwiegend über mich zu singen, schien mir ermüdend, außerdem hatte ich auf den ersten beiden Alben schon so vieles gesagt, das ich nicht noch einmal durchkauen wollte. Darum der Wechsel der Perspektive, die Hinwendung zu den Geschichten anderer Leute, die Erweiterung des Themenspektrums“, begründet er diese Entscheidung. Die beiden englischen Songs seien ebenfalls aus künstlerischer Neugierde entstanden. Und musikalisch? Auch hier hat er sich neuer Ausdrucksmöglichkeiten bedient. Neben der gisbertesken Gitarre haben sich neue Instrumente und damit auch ein neuer, an einigen Stellen für Gisbert zu Knyphausen außergewöhnlich wuchtiger Sound untergemischt: Bläser sind zu hören, eine Ukulele, eine E-Gitarre und ein -Bass, ein Vibraphone, Synthesizer und Klavier. Das letzte Stück des Albums Carla Bruno ist sogar ausschließlich instrumental, ein Klavierstück.

„Aber wir sehen uns wieder – ganz bestimmt – irgendwann“

Bevor Gisbert zu Knyphausen seine Zuhörer*innen jedoch in das Klavierstück, ins letzte Lied, entlässt, macht er noch einmal mit einem Zitat aus dem Märchen Die Bremer Stadtmusikanten deutlich, worum es wirklich geht: „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“, zum Beispiel im U-Bahn-Schacht, auf der Linksabbieger-Spur und in der Hosentasche. Und dabei plätschert der Song so leicht, humorvoll und unschuldig dahin. Ein Song, den Nils Koppruch begonnen und Gisbert zu Knyphausen nun beendet hat. Aber die letzte Stimme des Albums ist nicht seine eigene, sondern die seines verstorbenen Freundes.

Das Licht dieser Welt ist ein aufrichtiges und damit wahnsinnig berührendes Album. Denn auch wenn Gisbert zu Knyphausen die Geschichten anderer erzählt, so ganz glaubt man ihm nicht, dass er nicht weiß, wovon er da spricht. Er breitet textlich wie musikalisch die gesamte Gefühlspalette aus, um sie dann leise wieder zusammenzurollen – und beweist damit einmal mehr sein großartiges Können.

Und nun sollte man ein Glas Weißwein vom Weingut Baron Knyphausen heben. Darauf, dass „wir alle hier sind, obwohl uns niemand braucht“ (aus Keine Zeit zu verlieren) und jede*r für sich lernen muss, ein Niemand zu sein. Darauf, dass es ganz plötzlich ganz dunkel werden kann. Dass aber – auch wenn es schwer zu glaube ist – immer ein neuer Morgen anbricht – mit viel Licht. Und dass dann vielleicht jemand da ist, der Frühstück macht. Auf das Leben, auf die Liebe, auf das Licht, auf den Pathos, der keiner ist, aber mal einer sein darf – zumindest, wenn er von einem der sympathischsten Freiherrn Deutschlands kommt.

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Alle Zitate in den Überschriften stammen aus Liedern von Gisbert zu Knyphausen.

Titelbild by Franz Deelmann – Own work, CC BY-SA 3.0 de

Zeitgeist + Mittelfinger

alle-gegen-alle_zugezogen-maskulin

Undercut und Tumblrblog wurden von Mönchsfrisur und Instagram abgelöst, doch darunter stecken immer noch dieselben Lifestyle-Hacks. Finden Zugezogen Maskulin, die weder Dada noch Spaß verstehen.


Nachdem „Alles brennt“ (2015) sind „Alle gegen Alle“ – nicht zu verwechseln mit „Alles oder Nix Records“, denn mit deutschem Gangster Rap haben ZM so wenig zu tun wie Schwester Ewa mit einem Blatt vor dem Mund. Das haben Grim104 und Testo übrigens auch nicht.

Ob im Titeltrack Alle gegen Alle, im Releasetrack Was für eine Zeit oder im Detox-Diss Stirb! – ZM kritisieren gnadenlos die belanglosen und fragwürdigen Interessen ihrer Generation.

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Hipster Bashing ist ihr Steckenpferd. Als Vertreter ihrer Art scheuen sich Zugezogen Maskulin aber nicht, einen (selbst-)ironischen Track unter die Austeilungen zu mischen: Im lyrischen Vor Adams Zeiten dreht es sich rund um den Planet Mann, auf und um den es vor Klischees nur so wimmelt.

Von skurrilen Kinderzimmerimpressionen und frustrierenden Provinzwüsten erzählen – mal bedrückend, mal humorvoll – Teenage Werewolf und Nachtbus, während Uwe & Heiko mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf ihre guten Zeiten zurückblicken, die aber inzwischen gar nicht mehr so toll aussehen.

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Das aufreibende Album – was heute übrigens rauskommt – schließt mit seinem wohl stärksten (und ruhigsten) Track Steine & Draht, der mit wortgewaltigem Feingefühl die letzten hundert Jahre Deutschlands Revue passieren lässt. Wer zeitgeistigen deutschen Hip Hop mit hartem Biss mag, darf sich „Alle gegen alle“ auf keinen Fall entgehen lassen!

Kettcar. Am Ende der Geduld

Das neue Kettcar-Album heißt Ich vs. Wir und ist ein scharf einschlagendes, Musik gewordenes böses Erwachen. Musikalisch besinnt sich die Band auf alte Zeiten, textlich ist sie besonnen wie nie.


Dabei kommen sie nicht ohne Proto-Kettcar-Phrasen wie „Irgendwann ist immer nur ein anderes Wort für nie“ oder die Mitsingparole „Das Beste ist immer der Feind des Guten“ aus. Bloß drumherum hat sich einiges verändert. Die über vier Alben ausgebreiteten Themen wie das Älterwerden ohne den Selbstverrat, Linksbleiben in Phasen des Reichtums, die Adressierung von Ängsten oder die Verarbeitung von Verlusten rücken in den Hintergrund. Im Vordergrund steht das Konkrete: die Selbstbestimmung im Hier und Jetzt.

Denn die scheint für die Band ein ernsthaftes Problem darzustellen. Zum Vergleich: Im Sommer ’89, als die Bandmitglieder um die 20 waren und politisches Engagement noch klare Formen wie Fluchthilfe am Eisernen Vorhang fand, konnte man im Freundeskreis noch mit Leidenschaft und bis weit über die Schmerzgrenze über die Sehnsüchte und Gefahren einer deutschen Wiedervereinigung diskutieren. Heute ist man in dieser Diskussion trotz fast 30 Jahren Erfahrung kaum reicher an Erkenntnissen. Und die politische Debatte selbst ist diffus geworden. Außerdem ist sie deutlich zu weit nach rechts gerückt, wird irrational und populistisch geführt. Als kritisch denkender, sozialer Mensch durchlebt man da schon mal Zyankali-Tage, an denen doch recht deutlich wird, dass Menschen keinen Sinn ergeben. Was tun? Hier gibt es mehrere Möglichkeiten.

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Option 1: Eskapismus.

Zum Flughafen fahren, in die Ankunftshalle setzen, Leute bei Begrüßungsszenen beobachten. Wie sie etwas Aufrichtiges tun. Sie als echte Menschen mit echten Gefühlen betrachten. Sich klarmachen, dass sie nicht alle und nicht immer eine Meute sind. Das funktioniert so lange gut, bis die letzte Nachtmaschine abgefertigt wurde. Und selbst Fußballgucken hat seine Grenzen. Als langjährige St.-Pauli-Fans stehen Kettcar ja exemplarisch für linke Fußballkultur, die den Sport liebt, sich an nationalistischen Fußballkulturen aber soweit hochschaukeln kann, dass die Mannschaftsausstellung zum metaphorischen Politikum wird und einen im Länderspiel aller sportlichen Grundlage entbehrend plötzlich gegen Deutschland sein lässt. Aus Panik.

Option 2: Gedanken sortieren.

Wie kann es eigentlich zu egoistischen Massenbewegungen kommen? Steht da nicht Ich vs. Wir? Wie formen viele Ichs ein Wir der Einzelinteressen und formieren daraus dann auch noch eine Wagenburg? Das wäre ja auch praktisch zu wissen, um eine Gegenbewegung zu bilden. Aber einem widersprüchlichen Gedankengang kann man nunmal nicht mit Rationalität Herr werden, sondern verheddert sich bloß und kommt in derselben Starre aus, die ja Ausgangspunkt des Ganzen war. Es hilft nur eins.

Option 3: Handeln.

„Mama sagte, achte auf deine Gedanken, denn sie werden deine Worte. Und mit ein paar Worten fing das Ganze an.“

Kettcar – Benzin und Kartoffelchips

Aber wie denn nun? Nur weil man Unsinn nicht sortieren kann, bleibt man ja ein rationalen Denkens fähiges Wesen. Da wird man ja wohl nicht die Geduld verlieren und sich zu Gewalt hinreißen lassen. Denn mit einem Jahr im Gefängnis ist ja auch keinem geholfen.

„Mama sagte, achte auf deine Worte, denn sie werden deine Taten. Wir waren nicht betrunken, nicht in der Unterzahl.“

Kettcar – Benzin und Kartoffelchips

Wobei man ja auch nicht gleich zuschlagen muss. Den Revolver entsichern wäre ja auch erstmal eine Maßnahme. Und mit dieser Maßnahme endet das Album dann auch. Weiter kann Kunst, zumal Indie-Pop-Rock, nicht gehen. Was das Album aber besonders macht, sind die vielen Stellen, an denen genau dieser eine Schritt zu weit höchst elegant umtanzt wird. Man spürt sehr deutlich die Wut der Band darüber, hier überhaupt nochmal in den Ring treten zu müssen. Hatte man nicht damals, zum Beispiel mit …But Alive, schon alles gesagt? Aber wenn schon, denn schon. Also produziert man es aus, denkt es zu Ende, nimmt alle sinnvollen und notwendigen Perspektiven ein, lässt dieses eine Mal wirklich nichts aus. Das Scheitern, das Zweifeln, die Wut, die Ursachen, die Konsequenzen oder den steten Versuch, einfach nur klarzukommen, den Mutspruch:

„Keine einfache Lösung haben, ist keine Schwäche. Die komplexe Welt anerkennen, keine Schwäche. Und einfach mal die Fresse halten, ist keine Schwäche, nicht zu allem eine Meinung haben, auch keine Schwäche.“

Kettcar – Den Revolver entsichern

Option 4: Ich vs. Wir veröffentlichen.

Der bemerkenswerteste Song der Platte bleibt trotz reicher Auswahl die Vorab-Single Sommer ’89, auch wenn die meisten im Kettcar-Publikum ihn vermutlich inzwischen schon totgehört haben. Doch seine konsequent prosaischen Strophen, die vom Schlagzeug durch die Handlung getrieben werden, sind nicht das einzig innovative Arrangement des Albums. Es fällt musikalisch vielseitig aus, lebt durch Ideenreichtum, nicht zuletzt spannende Gitarrenparts. Im Sound scheint es zwar ein bisschen, als entwickelten Kettcar sich im Kreis und wären viel näher an ihrem Frühwerk ausgekommen als am teilweise experimentelleren Vorgänger Zwischen den Runden. Aber sie entwickeln vieles weiter und machen einfach viel mehr daraus als früher.

Auf Ich vs. Wir kommt am Ende niemand zu kurz. Bloß wer sich davon angegriffen fühlt, hat Grund zur Sorge. Es gibt Schlimmeres.

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Kettcars Album Ich vs. Wir erscheint heute bei Grand Hotel van Cleef.

Titelbild: © Andreas Hornoff