Schlagwort: Musik

Berliner Subkultur

Ein Jazzmusiker, der zugleich Professor für Philosophie ist und sich mit Nachtigallen beschäftigt: Das klingt zunächst eher nach Zutaten für eine schräge Kurzgeschichte mit ungewöhnlichen Figuren. Aber erfunden ist da nichts. Denn alles gibt es in echt. Noch dazu ist David Rothenbergs Buch „Stadt der Nachtigallen“ kein Roman, sondern ein Sachbuch, das sich der Suche nach dem perfekten Klang widmet.

Der Klarinettist hat Musik mit Walen, Insekten, mit Wasser und Wind gemacht: Den perfekten Sound haben ihm dann aber die Berliner Nachtigallen geliefert, die dort im Wettkampf mit dem Stadtlärm über sich hinauswachsen. „Nachtigallen genießen Geräusche. Der Lärm von uns Menschen macht ihnen offenbar nichts aus, möglicherweise ist er für sie sogar ein willkommener Ansporn.“

David Rothenberg, Korhan Erel und eine Berliner Nachtigall im Live-Konzert.

Leider zu spät für verbotene Liebe

Romantiker haben den kleinen Vogel als Wappentier der Liebe und der Sehnsucht außerkoren; die ganze Nacht singt er, bis die anderen Vögel ihn im Morgengrauen ablösen. Romeo sagt seiner geliebten Julia, dass es nicht mehr die Nachtigall ist, die sie hört – und es damit leider zu spät ist für verbotene Liebe. Aber was zieht uns eigentlich in den Bann, wenn wir den Gesang der kleinen Vögel hören?

Um das herauszufinden, setzt sich Rothenberg frühmorgens in die Berliner Hasenheide oder trifft Neuro- und Verhaltensbiologin und Leiterin des Nachtigall-Forschungsstelle an der Freien Universität, lässt sich vom Himmel über Berlin durch die Stadt leiten, trifft Berliner Musiker und Sänger und liest, was Kant zur Nachtigall geschrieben hat. „Stadt der Nachtigallen“ ist ein ungewöhnliches Buch über Töne, Klänge und dem, was wir als „schön“ erleben.

„Irgendetwas daran muss richtig sein“

Rothenberg schreibt über Nachtigallen – und offenbart ganz nebenbei, wie sehr wir im Lärm zuhause sind. Irgendwie haben wir uns mit Flugzeugdonner, Automotorenfauchen und Handyklingeltönen arrangiert. Vielleicht sind die Zeiten, in denen alles etwas heruntergefahren ist, eine gute Gelegenheit, auf die stilleren Töne unserer Geräuschwelt zu achten – und wenn es nur eine Vogelstimme ist. „Denken Sie daran, es ist die älteste Musik, die wir kennen. Sie ist Millionen von Jahren älter als unsere Spezies. Irgendetwas daran muss richtig sein, wenn sie schon so lange existiert.“

Stadt der Nachtigallen – Berlins perfekter Sound ist im Mai im Rowohlt Verlag erschienen.

We all love Ennio Morricone

Seine Filmmusik war so prägnant, dass sie berühmter wurde als die Filme, für die sie bestimmt war. Und auch darüber hinaus ist der Einfluss Morricones kaum zu unterschätzen. Am 6. Juli 2020 ist der zweifache Oscar-Preisträger im Alter von 91 Jahren verstorben.


1966 sollte ein bedeutendes Jahr für den italienischen Western werden. Glaubt man den im Internet kursierenden Gerüchten, dann enthält das Screenplay zu Sergio Leones Filmklassiker „Zwei glorreiche Halunken“ zur berühmtesten Szene des Filmes nur einen Eintrag: „Tuco enters the graveyard.“ Was der Regisseur und der Komponist Morricone dann daraus machten, ist Filmgeschichte: Der Gangster Tuco erreicht in besagter Szene als erster der konkurrierenden Halunken einen Friedhof, auf dem 200.000 US-Dollar in Gold vergraben sein sollen. Er betritt zögernd das riesige Areal, die Vogelperspektive wird eingenommen und zart entfaltet sich das musikalische Thema von „The Ecstasy of Gold“. Immer hektischer und manischer beginnt Tuco zu suchen, die Musik nimmt Fahrt auf, die Kameraführung wird hektischer, die Musik steigert sich in ein nahezu kakaphonisches Finale – und stoppt: Tuco hat das Grab gefunden.

Stimmt die Geschichte nun? Oder entspricht sie dem Bedürfnis einiger YouTuber, den Mythos des genialen Duos Leone/Morricone weiter zu befeuern? Eigentlich ist das nebensächlich, denn sie illustriert nur allzu gut, wie Morricone Filmmusik verstanden hat und was ihn so besonders ausgezeichnet hat: „Der Film muss der Musik Zeit geben“ hat Morricone 2003 in einem Interview gesagt. Und so bildete sie auch im Fall von „Drei glorreiche Halunken“ den Ausgangspunkt für die Entfaltung der Handlung. Der Regisseur ließ sogar große Lautsprecher am Set aufbauen, um die Musik während der Dreharbeiten gewissermaßen live abzuspielen. Auch schrieb Morricone vorab Leitmotive für die drei Hauptfiguren des Filmes und wir finden im Film alle der ihm so eigenen Trademarks: Die kojotenhaften Menschenstimmen, die „sägende Gitarre“ und selbstverständlich die schräge Mundharmonika.

So charakteristisch die Eigenheiten der Musik Morricones sind, sind sie doch nie zum Klischee geronnen, weit ragen sie über den Kontext des Films hinaus. Vom Klassikbereich bis in die Independentszene hinein hat Morricone künstlerische Arbeit inspiriert. 2004 interpretierte der Cellist Yo-Yo Ma Kompositionen Morricones, Mark Knopfler und Radiohead berufen sich explizit auf ihn und auch ohne das berühmte Mundharmonikaintro bei jedem Muse-Konzert wäre der Einfluss auf das immer im Set folgende „Knights of Cydonia“ unverkennbar. Spätestens durch die Zusammenarbeit mit Quentin Tarantino findet Morricones Musik wieder den Weg auf Hollywoods Filmbühne, 2016 erhält er den längst überfälligen regulären Oscar für „The hateful Eight“. „Wenn’s nach mir ginge, müsste ich alle zwei Jahre den Oscar kriegen“, hatte er einmal gesagt.

Quelle: YouTube

Am Dienstag ist der gebürtige Römer, der wortwörtlich an hunderten von Filmen mit Größen wie Petersen, Polanski und De Palma gearbeitet hat im Alter von 91 Jahren gestorben.
Gespielt wird er inzwischen nicht nur vor Konzerten von Metallica, sondern längst auch in den großen Konzertsälen. Vielleicht bringt es ein Tributalbum aus dem Jahr 2007 am besten auf den Punkt: We all love Ennio Morricone.

Titelbild: Ennio Morricone im Jahr 2013, © Gabriel Molina

Uthlande, verdammt! Turbostaat im Interview

Das neue Turbostaat-Album Uthlande wirft Fragen auf: nach einem zermürbenden Sample, haufenweise Selbstreferenzen, miteinander verbundenen Songs und immer wieder diesen Songnamen.

Eine Woche vor Release der Platte fanden Jan Windmeier, Sänger der Band, Tobert Knopp, der Bassist, und Marten Ebsen, Gitarrist, zum Glück Zeit, das Nötigste zu klären. Gemeinsam mit Roland Santos, auch Gitarrist, und Schlagzeuger Peter Carstens haben sie die Band vor 21 Jahren in Husum, Schleswig-Holstein, gegründet. Das Album ist bereits ihr siebtes.


Hat sich irgendwann eine Routine eingestellt oder seid ihr nervös, so kurz vorm Release?

Jan: Beides so ein bisschen. Es gibt eine Routine, denn man weiß, wie es ist, eine Platte rauszubringen. Aber wie vor jeder Platte ist man auch nervös, besonders wenn man an die Live-Konzerte denkt, auf denen man das neue Zeug präsentiert.

Tobert: Mir geht das vollkommen am Arsch vorbei. Ich hab einen ganz anderen Umgang damit. Seit Abalonia ist es so, dass die Platte einfach so herauskommt. Also klar, wir müssen natürlich viel regeln. Wenn wir losfahren, wird mir erst wirklich bewusst, dass wir ja neue Lieder haben, und dann bin ich von uns selbst überrascht. Da ich nicht so der Vorfreude-Typ bin, hab ich immer das Gefühl, als sei ich vorher gar nicht dabei gewesen. Es ist dann eine direkte Belohnung, Songs live zu spielen. Das ist eh am wichtigsten.

Die neuen Songs habt ihr bisher noch nicht live gespielt?

Jan: Ne.

Aufregend.

Jan: Siehste.

Wie würdet ihr euer neues Album beschreiben?

Tobert: Elegant wie ein Puma.

Marten: Ein bisschen hat man versucht, Turbostaat auszupressen und in einen kleinen Flakon zu füllen. Beim Album davor haben wir dagegen eher probiert, Türen aufzustoßen und ein paar Sachen anders zu denken. Diesmal wollten wir alles nehmen, um es auf den Punkt zu bringen – würde ich jetzt mal so sagen.

Tobert: Ich finde, in der Selbstreferenz liegt eine große Aufgabe. Mich hat es früher immer wahnsinnig gemacht, wenn wir ein paar Lieder hatten, aber nicht wussten, wo wir mit der Platte stehen. Wenn dann jemand sowas sagte wie „Wir machen das einfach so wie früher, war das für mich ein inhaltliches Problem. Denn es ist eigentlich schwer, wie früher zu klingen, ohne sich zu wiederholen. Aber obwohl es, wie Marten sagte, diese zusammengequetschte Essenz gibt, ist es diesmal total leicht. Deswegen gefällt mir das Album so gut. Für mich persönlich ist es das erste Mal ein Album, bei dem ich von vorne bis hinten vergesse, was passiert. Ich bin immer wieder überrascht. Bei den letzten Alben war es nicht so. Es gab viele Lieder wie Eisenmann, bei denen wir entscheiden mussten, ob wir sie überhaupt live spielen. Bei diesem kann ich mich jetzt gar nicht entscheiden, welches ich als erstes spielen will.

Das Licht am Ende des Tunnels ist eine brennende Fabrik.

Tobert Knopp

Der Titel Uthlande ist ein alter Name für die damalige nordfriesische Inselwelt. Ist das Album auch eine Auseinandersetzung mit eurer Heimat?

Marten: Nein, nicht mit der Heimat, sondern mit unserem Werden oder Sein. Es beschäftigt sich von der Pose her damit, wie wir gewesen sind, als wir Turbostaat gegründet haben. Zum Namen „Uthlande“ kam es, weil wir einen Plattentitel brauchten. Wir waren auf der Suche nach einem Begriff, der alles vereint.

Tobert: Ich fand schön, als jemand zu mir sagte, das ist ja alles nicht mehr da. Und ich ihm geantwortet hab: Ja, das, was mal war, ist ab und zu nicht mehr da oder zu etwas anderem geworden.

Marten: Aber diese poetische inhaltliche Aufladung kommt erst als zweites.

Tobert: Ich wollte auch nur sagen: Was immer du auch darin siehst oder wo du uns siehst, ob wir Skelette mit Äxten im Watt sind oder sonst was, es ist okay. Ich hab schon viele Sachen darüber gehört und fand viele davon schön – und schön, wenn Leute damit etwas anfangen können.

Aber ihr selbst würdet es nicht überinterpretieren?

Marten: Natürlich schwingt immer irgendetwas mit. Irgendwelche Assoziationen, die man in einen Pott wirft. Aber in erster Linie muss man sich einfach irgendwann entscheiden: In diesem Falle ist es wirklich ganz banal, wir brauchten einen Plattentitel.

Tobert: Als du ihn vorgestellt und erklärt hast, konnten wir mit diesem plattdeutschen Wort alle direkt etwas anfangen. Die Köpfe fangen ja danach erst an. Was auch immer man sich dazu denkt, ist okay. Die Gedanken sind frei.

Auch dieses Album wurde, wie all eure Platten seit 2007, von Moses Schneider produziert. Wie würdet ihr ohne ihn klingen?

Marten: Das ist eine sehr schreckliche Frage.

Tobert: Das ist total interessant. Wir werden es nie herausfinden.

Jan: Zum Glück.

Tobert: Da hast du hundertprozentig recht. Ich muss echt sagen, dass wir in den Prozess, eine Platte zu machen, einfach so reingewachsen sind. Durch ihn und mit ihm haben wir eine Form gefunden, zu arbeiten und zu einem Ergebnis zu kommen. Du musst das so sehen: Wir fünf Eierköppe spielen ungefähr seit zehn Jahren mit dem gleichen Equipment, legen vielleicht mal ein Tretergerät drauf oder überlegen ab und zu, wo man Mikros hinstellt. Aber die Band, die da im Studio steht und spielt, macht eigentlich immer genau dasselbe, was sie live auch macht. Das haben wir anscheinend gelernt, gemeinsam gut hinzukriegen. Dass wir damit aber zu einem Ergebnis kommen, verdanken wir Moses. Wie wir ohne ihn klingen würden – keine Ahnung.

Jan: Wir hätten einige Lieder ohne Moses einfach gar nicht gemacht, weil im Vorfeld Sachen zerredet werden, zum Beispiel, dass das eine Lied so gar nicht geht und wir das so nicht machen können. Bis Moses es sich anhört und fragt: Wo ist euer scheiß Problem? – weil er das, was er hört, total geil findet und etwas darin sieht, was wir vorher nicht gesehen haben. Moses ist bei uns eine Instanz geworden, die so viel Vertrauen genießt, dass wir uns auf Dinge einlassen, auf die wir uns vielleicht nicht einlassen würden, wenn es einer aus der Band gesagt hätte.

Es ging mir total super, das Wetter war schön, ich hatte eine tolle Zeit. Und dann hörte ich mir das morgens nach dem Aufstehen an und dachte: Alter, ist das ätzend.

Jan Windmeier

Das Album erscheint auch auf Kassette. Gibt es inzwischen wieder ein breites Interesse an dem Tonträger oder ist das Liebhaberei?

Marten: Wir haben jetzt schon so viele Kassetten verkauft, wie wir nie gedacht hätten. Es ist das erste Mal, dass wir eine Kassette machen. Also nach den Demotapes am Anfang. Aber das war ja mehr der Zeit und Notdürftigkeit geschuldet.

Tobert: Ich finde es witzig, dass die jetzt gekauft wird, und wir uns fragen: „Wer kauft denn eine Kassette?“ Weil ich mich persönlich dafür interessiere, weiß ich, dass es grad so ein Ding ist. Aber gleichzeitig ja auch das, was wir früher gemacht haben: Anfangs haben wir die Demokassetten von Bands, die im Speicher Husum auftreten wollten, mit unseren eigenen Demos überspielt. Das ist so lange her.

Jan: Generell gesehen, ist immer noch das ein Ding, was Nerds gut finden. Das sehen wir deutlich in unserem Shop. Und das spricht ja auch für die Leute, die in unserem Shop kaufen. Aber im Großen und Ganzen ist eine Kassette immer noch etwas, was nicht so richtig stattfindet.

Marten: Es ist kein finanzielles Standbein einer Albumproduktion. Dann doch schon eher Liebhaberei.

Quelle: Instagram

Ihr wohnt in verschiedenen Städten: Flensburg, Berlin, Hamburg. Wo ist Uthlande entstanden?

Jan: In Loit.

Tobert: Wir proben dort bei einem Bekannten, Knut, alter Punk, in dessen Dorfkneipe in Scheggerott wir auch unsere Release-Party machen. Er hat uns das damals angeboten. Wir waren vorher in Schleswig, Auf der Freiheit, hatten da einen ganz tollen Proberaum in einer alten Kaserne. Das haben die alles weggeknallt für teure Butzen. Und auf der Suche haben wir Knut getroffen. Seitdem sind wir bei Knut und haben da auch unser neues Album gemacht. Ist immer traurig, einen Ort zurückzulassen und Schleswig aufzugeben. Auf der Freiheit war es im Nachhinein wirklich toll, aber es ist auch gut, sich zu bewegen und überall kleine Fähnchen hinzusetzen: Hier hab ich auch schonmal ein Album gemacht.

Schreibt ihr Songs also komplett gemeinsam im Proberaum?

Tobert: Diesmal haben wir viel mit Demos gearbeitet. Marten hat Demos angeschleppt, ich hab Demos angeschleppt, und wir sind mit den Sachen in den Proberaum gegangen, haben sie genauso gespielt oder ein bisschen verändert.

Jan: Zu anderen Platten hat man mehr gejammt, jetzt ist es viel Demoarbeit gewesen.

Ein paar Fragen in die Platte rein: Worum geht es in der ersten Single „Rattenlinie Nord“?

Tobert: Das weißt du doch schon.

Stimmt.

Marten: Um die Rattenlinie Nord …

Jan: Ich würde das jetzt nicht so platt sagen.

Marten: … und um Pflichterfüllung.

Jan: Um die Ausrede der Pflichterfüllung. Und um den geschichtlichen Ansatz. Um Leuten zu sagen, dass es eine Rattenlinie Nord gab.

Tobert: Marten hat recherchiert, den Film gefunden, aus dem das Sample Stammt, uns das gezeigt, dieses Lied geschrieben. Und für alle, die wissen wollen, was das ist, die können sich ans Internet setzen und lesen und schauen, und sich hoffentlich eine Meinung dazu bilden, die gut ist.

Das sollte man dann auch tun, oder?

Tobert: Wenn man das so sagen kann, würd ich drum bitten, ja.

Also: Zeit für eine Wikipedia-Pause.

Jan: Mir haben zum Beispiel ganz viele Flensburger geschrieben und sich für den Song bedankt.

Flensburg spielt für die Rattenlinie Nord ja auch eine zentrale Rolle.

Jan: Und wir, die ja nun alle lange in Flensburg gewohnt haben, haben ganz lange nicht gewusst, dass es diese Rattenlinie Nord gab. Genau wie es die Leute, die sich bedankt haben.

Im Song taucht ein Sample von Karl Dönitz auf, dem letzten Reichspräsidenten des Dritten Reichs. Die Aufnahme ist ganz schön zermürbend.

Marten: Ja, das ist tief schockierend.

Ein drastisches Stilmittel. Aber für das Thema notwendig?

Marten: Ich weiß es nicht. Früher war es so üblich, dass man Punk oder Emo-Punk spielt, und dann kommt in einem Original-Ton-Sample irgendein Arschloch und sagt irgendwas Gemeines. Gerne hat man da Nazis genommen. Für uns ist das ein ganz gebräuliches Stilmittel, was sich sehr natürlich anfühlt. Aber als ich das reinmontiert habe, war ich mir auch nicht ganz sicher, ob man das bringen kann.

Jan: Zu dieser Zeit, als Marten mir das geschickt hat, war ich in einem guten Zustand. Es ging mir total super, das Wetter war schön, ich hatte eine tolle Zeit. Und dann hörte ich mir das morgens nach dem Aufstehen an und dachte: Alter, ist das ätzend. Je häufiger ich es mir aber danach anhörte, desto wichtiger fand ich es. Mittlerweile ist es der Kern des Liedes geworden, sodass ich hoffe, dass wir das auch live umsetzen können. Denn die Leute ja sollen sich auch nicht wohlfühlen.

Sample ab 1′ 50“:

Quelle: YouTube

Anderer Song: Worum geht’s bei Hemmingstedt?

Marten: Um die Raffinerie in Hemmingstedt. Wenn wir auf einem Konzert waren oder selbst gespielt haben und zurück nach Husum gefahren sind, sind wir immer, meistens um 4 Uhr morgens, an dieser Raffinerie vorbeigefahren, die da dort mitten in der Nacht gebrannt hat. Meistens war man besoffen, irgendwas lief im Tapedeck, man hat viel geraucht und halb gepennt.

Hat euch die Raffinerie gestört oder wolltet ihr ihr ein Denkmal setzen?

Marten: Beides nicht. Es geht mehr um den Zustand des eigenen Lebens, wenn man war grad in Hamburg auf einem Konzert war und Montag wieder rausmuss. Und um die chemischen Prozesse, die sich in der Raffinerie abspielen. Ich fand interessant, diese im eigenen Alltag zu reflektieren. Das brodelnde Gefühl, kurz vor der Explosion zu stehen. Damit konnte ich sofort etwas anfangen.

Jan: Wenn man daran vorbeifährt und es ist dunkel und überall sind diese Lichter und es brennt – das war für mich immer sehr unwirklich, ganz egal, wie oft wir dran vorbeigefahren sind. Man hat halt immer hingeguckt. Wie bei einem Unfall, bei dem man sich zwingen muss, wegzugucken: Es hat keine schönen Gefühle in mir ausgelöst. Für mich waren es eher Kälte und Stahl.

Tobert: Das Licht am Ende des Tunnels ist eine brennende Fabrik.

Zwei Songs des Albums, Luzi und Stormi, haben denselben Refrain. Konntet ihr euch nicht entscheiden, welcher Song ihn bekommt?

Marten: Nein, das ist beides der gleiche Song. Wir hatten damals das Lied geschrieben und überlegt, dass man ihn entweder schnell oder langsam spielen kann. Und wir haben gesagt, wir können ja beides machen, und in den Text einen Perspektivwechsel einzubauen: eine Perspektive von außen und eine von innen. Das fanden wir irgendwie lustig. Bei Stormi singen übrigens all unsere Kinder mit.

Tobert: Auf diese Frage habe ich gewartet und gedacht: Deswegen bin ich hier, das will ich heute gefragt werden. Es muss nicht jedem auffallen, der nicht Musik macht, aber die Töne sind sogar gleich. Ich finde es so spannend, zu sehen, wie viele Leuten beim Anhören drüber stolpern. Vielleicht nimmt ja jemand beide Texte und guckt sie sich an. Mich interessiert, ob Leute was damit anfangen können: Ob sie denken, denen ist einfach kein besserer Refrain eingefallen oder sie sich tatsächlich damit auseinandersetzen, was aus welcher Perspektive erzählt wird. Dass uns kein besserer Refrain einfällt, kommt oft vor, aber in dem Fall war es nicht so. Es kann also sein, dass wir ihn aus der Not irgendwann noch mal aufgreifen. Revisited als Trilogie.

Es sind nur Schwäne für sie und tote Freunde für dich.

Turbostaat – Ein schönes Blau

Zwei eurer Alben heißen Schwan und Flamingo, ein Song Haubentaucher-Welpen, eurer Videos zu Wolter begleitet einen Vogelkundler im Wattenmeer, im Moment habt ihr Pinguin-T-Shirts im Shop, auf dem neuen Album tauchen erneut Schwäne  auf. Würdet ihr sagen, dass ihr ornithologisch interessiert seid?

Jan: Ja, ein bisschen.

Tobert: Ich auf jeden Fall. Das hat nichts mit der Band zu tun, aber ich will das jetzt trotzdem erzählen: Auf meinem Balkon kommen viele Eichhörnchen und Meisen vorbei. Und seit kurzem auch ein Eichelhäher-Geschwader. Die sind sehr schlau und machen verrückte Sachen. Tatsächlich ist es das, worüber ich mich an so ’nem Tag am meisten freue. Hat nichts mit Turbostaat zu tun. Ich wollte aber die Jungs mal grüßen, das Eichelhäher-Geschwader aus Bergedorf. Ich hab euch richtig lieb. Aber spielen Vögel für uns eine Rolle? Nein. Die sind halt da, schwirren herum, machen Sachen.

Also nur ein interessantes Motiv?

Jan: Genau, ein Motiv und damals dann ja auch Titel für zwei Platten.

Tobert: Ab und zu sind unsere Titel aber halt einfach nur Sachen, die wir lustig finden oder die wir alle gut fanden. Bei Schwan zum Beispiel ist irgendwann dieses Bild mit der Rose aufgetaucht, und irgendwer meinte, dass es doch witzig wäre, die Rose aufs Album zu nehmen und es dann Schwan zu nennen.

Marten: Bei Flamingo damals dachte ich: Was soll dieses scheiß Kitschbild? Wenn man das macht, muss man das Album ganz trocken Flamingo nennen. Sonst geht das nicht. Bei der nächsten Platte hatten wir erst ein anderes Bild, zu dem wir uns den Namen Schwan überlegt hatten. Dann haben Tobert und Roland einfach dieses Bild mit der Rose genommen. Das hatte Roland irgendwie beim Pizzaaustragen gefunden.

Tobert: Roland und ich fanden das Bild unfassbar witzig. Auch die Vorstellung, dass uns nachher alle fragen, was denn jetzt der nächste Vogel wird. Wir waren damals mit unserem Punklabel Schiffen unterwegs, haben in AJZs gespielt. Irgendwann später sind wir dann bei Warner gelandet, und plötzlich sitzt man in Interviews und denkt sich: Oh nein, die fragen wirklich alle danach. Das haben wir uns selbst gebacken. Wie heißt denn jetzt das nächste Album? Drossel? Nein, Eichelhäher!

Alle Punkbands kennen Glufke.

Marten Ebsen

Und wie entscheidet ihr, wie eure Songs heißen?

Jan: Am Anfang heißen sie Lied 1, Lied 2, Lied 3, Lied 4. Irgendwann müssen wir ins Studio und merken, dass das echt doof ist, Lied 1, Lied 2, Lied 3, Lied 4 mit ins Studio zu nehmen, und dass wir unbedingt mal Titel finden müssen. Und der eine oder andere hatte sich im Laufe der Plattenprozesse Sachen aufgeschrieben, die er gut fand. Die werden dann bei den Proben besprochen und es wird mehr oder weniger abgestimmt.

Heißt das, für euch selbst haben die Songtitel keinen hohen Stellenwert?

Marten: Es hat einen hohen Stellenwert. Wenn du ein Lied hast, und nennst es zum Beispiel „Ich fühle nichts”, ärgerst du dich ja nachher, weil du dir die Mühe gemacht hast, ein schönes Lied zu schreiben und es da dann aufhört.

Tobert: Das ist ein Kampf geworden. Wir tragen, wenn wir Songs proben, bandintern immer die grundsätzliche Ansicht mit uns herum, dass wir ihnen irgendwann witzige Titel geben und los geht’s. Das ist aber schon lange nicht mehr so. Wir müssen schon immer etwas graben und zum Glück gibt’s Notizen oder Diskussionen und Momente, in denen man feststellt, dass man den Titel gefunden hat.

Marten: Es ist immer ein bisschen wie jetzt mit Uthlande. Man schaut sich um, hat einen Titel und denkt darüber nach, wozu er passen könnte. Und im nächsten Schritt fallen einem ein paar Dinge dazu ein.

Jan: Es wurde aber zum Beispiel nie darüber diskutiert, dass Rattenlinie Nord „Rattenlinie Nord“ heißen wird.

Marten: Nein, das war einfach immer klar.

Jan: „Nachtschreck“ ist ein Beispiel. Geiles Wort, das aber nicht unbedingt was mit dem Lied zu tun haben musste. Genauso wie auf früheren Alben „Ja, Roducheln“ oder „Nach fest kommt ab“. Die kamen nachträglich, da haben wir irgendwas genommen, viel drüber gelacht.

Marten: Aber Luzi, Stormi und Hemmingstedt zum Beispiel: Bei Hemmingstedt stand der Titel schon vorher fest. Und bei Luzi und Stormi war schon irgendwie klar, in welche Richtung es gehen wird.

Tobert: Für mich ist das dieses Mal auch wesentlich konkreter: „Brockengeist“ taucht im Text auf, „Le Hague“ taucht im Text auf, „Stine“ taucht im Text auf. Deswegen meinte ich grad, die Disziplin, die oft vermutet wird, dass wir unserem Kram irgendwelche verrückten Titel geben, gab es diesmal nicht. Am Ende passen die Titel ganz gut, aber keiner davon ist „Das Island Manöver“, bei dem der Titel von Peter, unserem Schlagzeuger, ausging.

Marten: Oder „Schalenka Hase“.

Tobert: Genau, mit „Schalenka Hase“ hat er sich den Schlagzeug-Beat gemerkt. Und beim Island Manöver musste er etwas spielen, was ihm absolut nicht reinging. Er hat gemeckert, warum er nicht einfach seinen normal Punkbeat spielen kann. Für ihn war es, als würde Turbostaat mit ihrem Kunstscheiß jetzt so ein Sigur-Rós-Lied spielen. Und irgendwann ist der Titel dann einfach mit dem Song verbunden. So rangeln wir uns da durch. Für mich ist es diesmal aber ein bisschen klarer.

Marten: Man möchte ja auch einfach immer vermeiden, einen Schlager zu schreiben, weshalb man das Lied am Ende nicht Polonaise nennt, sondern Ja, Roducheln“.

Anschlussfragen: Wer ist Harm Rochel?

Tobert: Das ist ein Arbeitskollege meines Opas in Husum gewesen, ein Polizist. Er hatte diesen Namen und seit jeher fand ich die viele Konsonanten ganz schön geil.

Wo liegt Fuhferden?

Tobert: Wo immer du willst.

Marten: Irgendwo, wo Dave Grohl wohnt.

Tobert: Genau, in Fooferden.

Und Abalonia?

Jan: Das weiß man nicht so richtig.

Marten: Man weiß nur, wo das Wort herkommt.

Tobert: Das kannst du doch mal erzählen.

Marten: Wir haben uns die Doolittle-Demos der Pixies angehört. Bei Debaser gab es noch keinen Songtext und Frank Black singt die ganze Zeit Ooh, A–ba–lo–ni–a. Ich fand das phonetisch sehr gut.

Wann habt ihr zuletzt bei Glufke gepennt?

Tobert: Bei ihm zu Hause? Das ist richtig lange her.

Marten: Kurz bevor wir den Song gemacht haben.

Tobert: Das letzte Mal mit einem Nightliner. Obwohl der ja vorher weggefahren ist, das gilt nicht. Und außerdem, das kannst du ja mal reinschreiben, falls er das liest, werden wir das auch nie wieder tun.

Jan: Doch, bei Glufke penn ich auf jeden Fall wieder. Der hat nämlich jetzt Whisky-Kirschen.

Tobert: Eben nicht. Er hat uns das letzte Mal nämlich Whisky-Kirschen versprochen, und Apfelstrudel und Vanilleeis, und hat sie dann einfach nicht vorbeigebracht. Er denkt, wir fahren nach Regensburg, weil man da eine geile Show spielen kann und viele Leute kommen – stimmt ja beides nicht. Wir fahren da nur seinetwegen und wegen der Whisky-Kirschen hin. Und er verkackt das.

Jan: Das stimmt wirklich, wir fahren nur hin, um ihn wiederzusehen.

Tobert: Glufke ist also wirklich ein Typ in Regensburg in der alten Mälzerei.

Marten: Alle Punkbands kennen Glufke.

Tobert: Super Kerl.

Was ist Schwinholt?

Marten: Die Straße, in der wir proben.

Was ist der Brockengeist?

Jan: Es ist eigentlich das Brockengespenst, aber „Gespenst“ ist so scheiße zu singen. Das Brockengespenst taucht bei Nebel und Nacht auf.

Marten: Es ist eine optische Täuschung. Wenn du durch den Nebel läufst und der Schatten gebrochen wird, siehst du ihn halt. Du siehst hinter dir einen riesigen Schatten, der dich verfolgt.

Jan: Wenn man „Brockengeist“ nachguckt, ist das auch mal ein Schnaps.

Tobert: Den findest du bei uns ab Plattenrelease im Shop – topmäßig im Angebot. Am besten eisgekühlt genießen mit Gurkensaft.

Vielen Dank für das Gespräch.

 


Uthlande erscheint am 17. Januar auf Kassette, CD und Vinyl bei PIAS und hat zwölf Songs.

Titelbild: © Andreas Hornoff

„soif sauvage“ – Durst auf das Leben

Das Nachdenkliche und Wehmütige schließen Leichtigkeit und die pure Freude nicht aus. Wie verträumt und rastlos Berlin klingen kann, haben soif sauvage für sich entdeckt und nun mit uns geteilt.


Verträumt wie ein herbstlicher Nachmittag an einem stillen See und tanzbar wie eine durchwachte Nacht in Berlin – so hören sich soif sauvage auf ihrem gleichnamigen Debut an. Zwei Jahre ist es her, dass Florence Wilken und Pierre Burdy ihr Musikprojekt ins Leben gerufen haben, das sich irgendwo zwischen House und Indie-Pop bewegt. Seither haben sie einen sinnlichen Sound heranreifen lassen, der sich am besten mit einem simplen, aber anerkennenden „It feels good!“ beschreiben lässt.

Quelle: YouTube

Auf Bandcamp bezeichnen sie sich als „berlin based french duo“, deren melancholischer Electro-Pop von souligem Gesang untermalt wird. Im Sommer 2019, ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung ihres Albums, traten sie bereits als Nachwuchs auf dem Pop-Kultur-Festival Berlin auf.

Soif sauvage siedeln sich musikalisch in der Nachbarschaft einer jungen, diskursfähigen Generation von Pop an, die poetisch-sinnlich und selbstbewusst klingt. Die gefühlsbetonten Lyrics gehen Hand in Hand mit spielerischen Arrangements. Trotz verführerischer Verspieltheit wirkt das Album jedoch wie eine harmonischen Einheit, die wenig experimentierfreudig erscheint. Dass soif sauvage aber das Potenzial dazu haben, lassen sie durchschimmern.

Man kann sich in ihren Songs selbst wiedererkennen und zugleich zwischen den Klängen und Beats verlieren, die, mal subtil, mal ausdrücklich, aber stets zum Tanz auffordern. Auch wenn das Debut von soif sauvage von Melancholie getragen wird, lädt es zum Wohlfühlen ein und lässt die schwer wiegenden Gefühle zehn Tracks lang schweben.

Titelbild: © soif sauvage, bandcamp.com

Brittany Howard – Permission to fuck it up

Die Frontfrau der Alabama Shakes hat ein Soloalbum vorgelegt, das überzeugt. Brittany Howard hat elf starke Songs produziert, die sehr unterschiedlich, aber immer authentisch sind und Spaß machen.


Bis heute ist es in der Evolutionsforschung ungeklärt, was zuerst da war: die menschliche Sprache oder der Gesang. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte, in einer Symbiose aus gesprochenem Wort und gesungenen Tönen. Der menschlichen Stimme wird in den letzten Jahren in ganz unterschiedlichen Disziplinen vermehrt Gehör geschenkt. Von der einzigartigen Individualität einer jeden einzelnen Stimme, dem Potenzial, mit nur einer Stimme auch vielen anderen Menschen eine „Stimme“ zu geben und der Möglichkeit verdrängte Erinnerungen über die eigene Stimme wieder zugänglich zu machen, ist die Rede (Alice Lagaay 2011, p. 57–69.). Die US-amerikanische Künstlerin Brittany Howard legt mit ihrem Solodebüt nun ein eindrückliches Werk vor, aus dem sich diese drei Dimensionen ablesen lassen.

Nach dem zweiten, 2015 erschienenen, sehr erfolgreichen Studioalbum mit ihrer Band Alabama Shakes präsentiert Howard nun mit elf Songs ein Album, das in Gedenken an ihre verstorbene Schwester den Titel „Jaime“ trägt. Fast könnte man von einem Konzeptalbum sprechen, denn was alle Songs vereint, sind sehr intime Einblicke in Howards Leben: unerwiderte Liebe, jemanden zu vermissen oder unabhängig von den Vorstellungen einer Gemeinde an Gott zu glauben. Ihr Leben war, wie sie selbst sagt, auch bestimmt von dem Gefühl anders zu sein:

“In a small town like where I come from, different is bad—I never wanted to be different. My greatest wish was to be like everybody else. I didn’t want to be almost six feet tall, didn’t want this big, bushy hair“.

Brittany Howard

Davon gibt besonders der Song „Goat Head“ ein Zeugnis. Über einen trip-hop-artigen Beat mit dezenten Piano-Tönen singt Howard: „My mama was brave to take me outside/cause mama is white and daddy is black/when I first got made, guess I made these folks mad“. Howard erzählt hier von dem traumatischen Erlebnis, als Unbekannte einen Ziegenkopf auf dem Hintersitz des väterlichen Autos platzierten, um die Familie einzuschüchtern. Diese privaten Erlebnisse stehen stellvertretend für viele farbige Menschen in den U.       S.A. und weltweit, die mit Rassismus alltäglich umgehen müssen.

Howards Stimme zeigt sich als perfektes Vehikel, um diese Lebenswirklichkeit vieler Menschen auf einmal zu transportieren. Ihr Timbre bewegt sich zwischen dem, was wir als typisch weiblich/männlich beschreiben würden. Mal kraftvoll und kratzig, mal sanft und melodisch wie in „Short & Sweet“. Howards Timbre und Wortbetonung lassen einen da unweigerlich an Nina Simone denken. Aber auch gewisse Einflüsse von Prince kommen vor allem in „Stay High“ und „Baby“ durch. Howard klingt ganz und gar nicht „wie ein Frosch mit einer sehr, sehr guten Soulstimme“, so Jens-Christian Rabe in der Süddeutschen.

Und auch dem Vorwurf einer nicht vorhandenen Genialität, was die einzelnen Songs angeht, muss widersprochen werden. Als ausgewiesener Pop-Kritiker sollte Rabe eigentlich die Kriterien kennen, die einen authentischen und dabei massentauglichen Song ausmachen. Auf „Jaime“ lassen sich mit „Stay High“ der ersten Single mit Videoveröffentlichung und „Goat Head“ mindestens zwei hitverdächtige Titel ausmachen, die den gegenwärtigen Pop-Geist einfangen und trotzdem so intelligent gemacht sind, dass sie nicht schon nach dem dritten Anhören langweilen. Immer wieder überrascht Howards Stimme. Über mehrere Oktaven schlängelt sie sich perfekt zwischen die Instrumente, wird gelegentlich von Backing Vocals pointiert und lässt sich vom Beat tragen. Insgesamt ist das Album vom Rhythmus bestimmt. Es fällt schwer, sich nicht mitzubewegen. Vom ersten Song an ist man drin. Das macht dieses Album so stark.

Quelle: YouTube

Man kann sich nicht entziehen, obwohl die Stücke sehr unterschiedlich in ihrer Struktur und der instrumentalen Besetzung sind. Die Songs sind auf unterschiedliche Weise entstanden. Viele Ideen hatte Howard bereits Jahre auf ihrem Computer, sie wurden dann im Studio ausgearbeitet. Andere Ideen wie z. B. „13th Century Metal“ flossen beim Jammen aus den Fingern des Jazz-Keyboarders Robert Glasper und des Drummers Nate Smith. Zusammen mit dem Shakes-Bassisten Jack Cockrell wurde das Album, wie auch das zweite Shakes-Album „Sound & Color“, im Studio von Shawn Everett in Los Angeles produziert. Everett ist fünfmaliger Grammy-Gewinner. Er machte u. a. das Mixing und Sound-Engineering für Warpaint oder War On Drugs. Durch die Alben von Radiohead und Björk beeinflusst, ist es Everetts Anspruch, einen möglichst originellen und puren Sound zu finden. Auch wenn das mal bedeutet, aus dem Mastertrack die Bass- und Drumspuren herauszufiltern, auf Vinyl zu pressen und dann mit diesen Spuren weiter zu mischen. Die Umwege lohnen sich. Auch auf „Jaime“ fühlt man bei jedem Song einen räumlichen Klang, der nicht allein durch digitale Tools hergestellt werden kann.

„I gave myself permission to just fuck it up“, sagt Howard. Diese Freiheit hat sie in eine überzeugende Leistung umgewandelt. Sie hat die richtigen Musiker mit ins Boot geholt und sich von dem bisherigen Soulbluesrock ihrer Band Alabama Shakes in neue Wasser vorgewagt. Nicht allzu weit weg, man begegnet Howards rockigem Gitarrenspiel wieder. Aber was die Arrangements und ihre facettenreiche Stimme angeht, hat sie neue Ufer erkundet. „Jaime“ ist ein spannendes Album, authentisch und detailliert. Egal, was am Anfang war, am Ende ist Musik.

Jamie von Brittany Howard erschien am 20. September bei Columbia/Sony Music.

Titelbild: © Danny Clinch

„Heavy Bremen“ – Ein Herz für Live-Subkultur

Manche machen in ihrer Freizeit Sport, andere schreiben Artikel über Bücher. Daves Hobby ist Bands auf die Bühne holen.


BRAVO-Poster von Ed Sheeran, Taylor Swift und Capital Bra hängen über dem Fernseher, auf dem stumm Konzertmitschnitte aus der Zollkantine in Bremen laufen. Mit Pop haben die allerdings nichts zu tun. Aus der Musikanlage schallt der apokalyptische Postmetal-Klangteppich von Cranial. Willkommen auf Daves Abschiedsparty.

Dave blättert durch die BRAVO, die er durch Zufall beim Einkauf entdeckt und spontan mitgenommen hat. Das coole Extra, die rote Smartphone-Kette, hat er an sein Handy befestigt und sich umgehängt. Im Kontrast zu den Postern prangt das weiße Logo von Heavy Bremen auf seinem schwarzen T-Shirt: Unter dem markanten Schriftzug befinden sich die Bremer Stadtmusikanten in einem Zustand, der sich am ehesten als tollwütig und halb verwest beschreiben lässt. Bald wird Dave Bremen verlassen. Jedoch nicht ohne eine Spur zu hinterlassen, die aus knapp zehn Konzertveranstaltungen innerhalb eines Jahres besteht.

Ob Death-Metal-Grindcore à la Implore, die Hamburger Sludge Metal Band The Moth oder düsterer Stoner-Folk von Jayle Jayle aus den USA – Daves Auswahl ist bemerkenswert facettenreich und geht nicht nur über Genregrenzen, sondern auch über die von Bremen hinaus. Die Zollkantine, die sich als Veranstaltungsraum für Bremens musikalische Subkultur versteht, hat die Ohren gespitzt. Bisher dominierten vor allem Hip Hop Acts die Zollkantine. In diesem Jahr hat Dave jedoch dort so viele Konzerte veranstaltet, dass er einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Die Metal-Subkultur Bremens hat hier einen festen Hafen gefunden.

Vor wenigen Monaten haben Dave und sein Kollege Tim einen dicken Fisch an Land gezogen. Für Ende Juli engagierten sie die experimentelle Stoner-Rock-Band OM, die unter Liebhabern des Genres mit ihrem Album Advaitic Songs von einem Geheimtipp zu einem Geheimtipp mit Kultstatus geworden sind. Mit dem einzigen Auftritt von OM in Norddeutschland  versprachen sie sich ein ausverkauftes Konzert. Dass sie auf ein paar Karten sitzen geblieben sind, gehört zum Veranstaltungsrisiko. Das hält sie jedoch nicht davon ab, weitere Bands an Land zu ziehen.

Konzerte sind sein Hobby. Vor vier Jahren veranstaltete Dave in seinem damaligen Wohnort Münster sein erstes. Eigentlich wollte er damit seine eigene Band pushen, doch was bis heute bleibt, ist die von ihm ins Leben gerufene Konzertinitiative Tortuga Booking. Während er mit dem Tochterzweig Heavy Bremen die Hansestadt mit Auftritten bereichert, veranstaltet Dave weiterhin in Münster einige Konzerte.

Mit seinem beruflich bedingten Wegzug aus Bremen wird er sich eine weitere Stadt als Standort für Konzertveranstaltungen erschließen. Heavy Bremen lässt Dave aber nicht im Stich: Für Sommer 2020 ist in Blumenthal ein kleines Metal Festival geplant.

Titelbild: Lennart Colmer
Bildquellen: Facebook (Heavy Bremen) / YouTube (EmotionVFX)

Altes, neu vermischt

Es ist nun wirklich nichts Neues: Ein Musiker macht ein Album, nachdem er als selbstinszenierter und furchtbar sensibler Weltenbummler irgendwie inspiriert wurde und dann allzu bekannte, leicht verdauliche Häppchen einer vermeintlichen Authentizität kredenzt. Bonapartes neues und inzwischen siebtes Album Was mir passiert präsentiert solch eine Musik.


Tobias Jundt, dessen Künstlername Bonaparte ist, hat sich für dieses Werk auf die Reise in die Metropole Abidjan in der Elfenbeinküste gemacht, um dort polyvalente Energien und anarchische Beats zu finden. Natürlich wurde er bei der dortigen Musikszene fündig und produzierte allerlei musikalische Hybriden: Seine westliche Popmusik mischt er in 15 neuen Tracks mit der einheimischen Musik. Auch mit Musikern der Elfenbeinküste, wie Jean-Claude „IC Guitare“ Emanuel Bidy oder Tanoh Adjobi „Oanda“ Saint Pierre machte er Aufnahmen. Dabei entstand auch der titelgebende Song.

Ein Schlüsselmotiv des neuen Albums ist dabei der Reisende, der Wanderer, der auf Reisen seine eigene Identität und seine eigene Herkunft entdeckt. Allein dies klingt natürlich hochtrabend, aber ist nichts als abgeschmackte und bourgeoise Banalität eines selbstdarstellerischen Selbstfindungstrips. So besteht ein Großteil von Bonapartes Album aus Phrasen, die manchmal in zweitklassigen Wortspielen verarbeitet werden, und einer angeblichen künstlerischen Authentizität. Dabei flieht Bonaparte in einen ziemlich lahmen Jargon der Eigentlichkeit. Er textet über das Warten auf ein besseres Leben, plädiert dafür, manche Dinge im eigenen Leben passieren zu lassen und zu genießen. Er singt über seine Liebe zum Kochen (in Ich koche), beschreibt, wie eine sexuelle Affäre plötzlich zu Liebe wird (in Ins Herz geschlafen), oder über marode gewordene, aber ganz abstrakt geschilderte Lebensentwürfe (in Chateau Lafite). All das ist ja ganz nett, aber wo genau hier jetzt das innovative Moment oder die spezifische Authentizität des Künstlers sein soll, bleibt mehr als offen. Was ist daran das Besondere, Hörenswerte? Denn anstatt tiefgründige Gedanken zum Leben zu produzieren, bleiben nur Floskeln, die immerhin zuweilen mit einer gewissen Ironie vorgetragen werden oder flachen Wortwitzen (Newsflash: Nur schlechte Autoren schreiben Wortwitze!).

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Komplett verwerfen muss man die 15 Stücke inhaltlich aber nicht. Denn zumindest in zwei Songs sprengt er das langweilige Muster der Eigentlichkeit und wendet sich eher sozialen Problemen (politischer und kultureller Art) zu. Im Lied Big Data, das Bonaparte zusammen mit Farin Urlaub und Bela B singt, wird die digitale Sammelwut und der Verlust negativer Freiheitsrechte mit frechen, wenn auch oberflächlichen Versen kritisiert, mal ironisch, mal sarkastisch. Dieses Stück ist nicht schlecht, aber auch beinhaltet es keine Kritik, derer die Hörer sich nicht ohnehin schon bewusst wären. Da haben Die Ärzte schon Besseres geliefert. Für die eher geringe Qualität der Songs, ist es erstaunlich, welche Größen der zweitklassig singende Bonaparte sonst so für das Album hat gewinnen können: Sophie Hunger, Ruby Hazel und Fatoumata Diawara machen mit, machen die Texte aber auch nicht besser.

Spannender dagegen ist Bonapartes Das Lied vom Tod, der einzige gelungene Song, den der Künstler alleine zustande gebracht hat. Hier bemerkt er, dass alle Musikgenres tot seien, außer Techno, das aber komisch rieche. Ganz offen beschwert er sich hier, dass es keine Musik, keine Lieder mehr gebe, sondern zeitgenössisch nur noch der Beat entscheidend sei. Dabei wünsche er sich gerade ein Lied, zu dem er streiten, lachen und leben könne, also, stilistisch gar nicht so dumm, das Lied vom Tod – man könnte also sagen, das Lied, dass erstens das Sterben der Musik und den unaufhaltsamen Weg des Menschen in den Tod zu begleiten. Diese musikalisch vorgetragene Musikkritik hat durchaus etwas und zeigt, dass die Kunst, das Emotionale oder Aufrüttelnde der Musik – überspitzt formuliert – durch die reine Technik des Techno-Beats ersetzt werde.

Quelle: YouTube

Bis auf einen Song also nichts Besonderes und keine feinfühlige Authentizität. Auch der Sound selbst ändert daran reichlich wenig. Er erschafft zwar Hybriden aus Popmusik, Berliner Beats und der Musik der Elfenbeinküste, aber dies bestenfalls eine mal annehmbare Neumischung, mal schon fast ein reines Hipster-Klischee. Eine Neumischung von Stil und Klängen machen noch keine neue Musik. Zugestehen muss man, dass dadurch manche Tracks abgefahren klingen, selbst wenn sie kitschig werden.

Bonaparte versteckt sich also hinter seiner neuen Selbstinszenierung – diesmal fast ausschließlich auf Deutsch. Inhaltlich ist das Album Was mir passiert eine Banalität, die als feinfühlig und tiefsinnig daherkommt, aber, eben bis auf ein bis zwei Songs, trivial ist. Dafür lohnt sich ein Albumkauf sicherlich nicht. Die Musik ist zwar auch nicht innovativ, aber der Sound ist wenigstens abwechslungsreich, selbstironisch-emotional und der Mischung zumindest kein purer Mainstream und manchmal auch ungewöhnlich – aber selten wirklich gut.

Was mir passiert von Bonaparte erschien am 14. Juni bei Columbia/Sony Music und hat 15 Tracks.

Titelbild: © Dadi Thierry Kouame

Farbenfrohe Melancholie – Black Sea Dahu live in Berlin

Mit ihrem Album White Creatures haben sich Black Sea Dahu vom etwas zu geheimen Geheimtipp zur Indie-Band der Stunde gemausert. Live entführen sie uns auf ihre Insel. Wie zum Beispiel am 10. Februar in der Kantine am Berghain.


Schon erstaunlich, was eine Namensänderung bewirken kann. Nicht, dass die Schweizer Band Black Sea Dahu, als sie noch JOSH hießen, keine gute Musik gemacht hätten. Aber von der haben nicht viele etwas mitbekommen. Und ihr neues Album White Creatures, das gleichzeitig Debüt von Black Sea Dahu und Album Nummer drei der daran beteiligten Musiker٭innen um Sängerin und Songwriterin Janine Cathrein ist, ist eindeutig das Beste. Was nicht daran liegt, dass sie plötzlich aus dem Nichts Gesang und Instrumente beherrschen oder der Marktstrategie eines großen Labels folgen. Sondern, dass die Band sich etwas zugetraut hat, sich Zeit genommen und Raum geschaffen hat, um ihre künstlerische Sphäre gemeinsam auszuloten und ein für allemal festzuhalten.

Black Sea Dahu im Nordmeer

Noch als JOSH starteten sie ein Crowfunding, um sich für die Aufnahmen auf eine einsame norwegische Insel zurückziehen zu können. Dort angekommen verbrachten sie intensive Tage voller Aufnahmesession, in denen sie hinsichtlich Arrangement und Produktion gemeinsam, das kann man sagen, wirklich alles aus den mitgenommenen Songs herausholten, was sich herausholen ließ. Und zurück kamen sie farbenfroh: als Black Sea Dahu mit White Creatures im Gepäck, das nun beim Berner Independent Label Mouthwatering Records erschien.

Und plötzlich brauchen sie sich keine Wohnmobil-DIY-Touren mehr selbst zu organisieren, sondern nehmen einfach die Konzerte der für sie gebuchten Europa-Tour wahr. Das Beste aber: Ihre Live-Performance schöpft unmittelbar aus den intensiven Sessions. Und das Publikum wird einfach unverhohlen mit auf die abgeschiedene, norwegische Insel mitgenommen, die ihnen zum perfekten Zusammenspiel verholfen hat. Der Plan ist also ganz gut aufgegangen.

Zwischen Singer-Songwriter, Country, Folk und Jazz

Ihre erfrischende genre-technische Unentschlossenheit und eine gewisse Grundspannung, die sich durchs gesamte Set zieht, unterstützen die Kurzweiligkeit ihrer Live-Performance. Sodass ihre Show in der Kantine am Berghain trotz holpriger (aber sympathischer (aber holpriger)) Ansagen, zur runden Sache wurde. Im weichen, zeitlos jazzigen Sound, der Welten vom Mainstream entfernt zu sein scheint, liegt ein breites Spannungsfeld, das gemeinsam erforscht wird. Bei Songs, die eher in eine Country-Richtung ausschlagen, wie zum Beispiel In Case I Fall For You, erinnert ihre Musik manchmal ein wenig an Bands wie Lola March, wenn auch melancholischer. Und dann wieder an überhaupt niemanden.

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Denn unterm Strich werden die sehr vielseitigen Kompositionen und Dynamiken des Albums durch einen der Band ureigenen Sound verbunden. Die tiefe, durchdringende Stimme von Janine Cathrein wirft einen Anker in die Musik, der auch stürmischer See standhält. Immer wieder ziehen sich die Songs auf ihren ungewöhnlichen, unaufgeregten Gesang und ihr Gitarrenspiel zurück und denen sich auf die sechsköpfige Band und mehrstimmigen Gesang aus.

Viel Aussagekraft für ihre Musik hat etwa der Song Pure, dem man noch anmerkt, dass er um ein Gefühl herum entstanden ist, das sich zunächst im persönlichen Songtext niederschlug. Der Song, der auch in schlichter Singer-Songwriter-Bearbeitung funktionieren würde, wird mit aller gebotenen Vorsicht andächtig mehrstimmig getragen. Instrumental hebt die Band dabei die rhythmisch extrem feine Dynamik aus der Gitarrenspur heraus und entfaltet sie so weit, bis aus der verträumten Komposition ein voluminöser Folksong wird. Der Wirkung des Songs scheinen Black Sea Dahu sich durchaus bewusst zu sein. Nicht umsonst fand er in der Kantine am Berghain Einsatz als Eröffnungssong. Er ist die Fähre zur Insel.

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Weiterlesen-Tipp:

Wikipedia: Das Schweizer Fabelwesen „Dahu“.


Black Sea Dahu sind noch eine Weile live unterwegs. Ihr Album White Creatures erschien am 12. Oktober 2018 bei Mouthwatering Records.

Titelbild: © Black Sea Dahu

Papa Roach – Who Do You Trust?

Die Frage, ob wir einer der größten Rockbands der 2000er noch immer vertrauen.

Ein Gastbeitrag von Mercy Ferrars


Papa Roach – eine Band, deren Song Last Resort weder auf guten 2000er Pop-Punk-Playlists noch auf standardisierten Rockpartys fehlen darf. Und wenn er es tut, geht eine gute Hälfte aller Besucher geknickt nach Hause. Ja, die Party war gut – aber es wäre schon schöner gewesen, wenn sie Last Resort gespielt hätten. Ein Phänomen, welches man plakativ als das 2000er-Phänomen bezeichnen kann: Eine Sammlung großer Rockbands der 2000er Jahre, welche heutzutage stets mit demselben Song auf derselben Party vertreten sind.

Mit ihrem Album Infest aus dem Jahre 2000 haben Papa Roach ihren Sound definiert – und auch Last Resort ist dort zu finden. Ein Sound, welcher sich durch für seine Zeit durchaus typische Merkmale des Nu Metal/Nu Rock auszeichnet, und diesen gemeinsam mit Bands wie Emil Bulls, Rage Against The Machine, Limp Bizkit und, natürlich, Linkin Park definierte. Der Sound einer Ära um die späten 90er und frühen 2000er Jahre, der sich stark am Heavy Metal orientiert und sich gleichzeitig anderen Genres gegenüber öffnet – viele Bands übernahmen Elemente des Hip-Hops; sowohl Sprechgesang als auch eine generelle Rhythmisierung und Dynamisierung der Songstruktur; mit überwiegend cleanem Gesang, doch auch akzentuiert eingesetzten Screams. Thematisch orientierten sich die Songs an den Problemen der Jugend und Tabuthemen wie Depression, Suizid und mentaler Krankheit. Auch auf Infest finden sich diese Merkmale.

Über die Jahre und unter Einfluss verschiedenster, sich neu entwickelnder Musikstile veränderten sich die meisten der in den frühen 2000ern bekannten Bands hin zu weicheren Sounds, an Popelemente angelehnte Songelemente und einschlägigeren Klängen. Am 18. Januar 2019 veröffentlichten Papa Roach ihr zehntes Studioalbum, Who Do You Trust?  unter Eleven Seven Music. In Anbetracht der modernen Bandentwicklung fieberten Fans dem Album mit gemischten Gefühlen entgegen. Auf der einen Seite steigt die Aufregung auf ein neues Album der Lieblingsband exponentiell, je näher dessen Veröffentlichungsdatum rückt – andererseits hat man auch oft das Gefühl, man kann nicht darauf vertrauen, dass einem dieselbe Musik, dasselbe Gefühl, dieselbe Atmosphäre vermittelt werden wird. Bei Bands wie Linkin Park oder Bring Me The Horizon änderten sich Musikstile derartig drastisch, dass die musikalische Konstante, die Fans an Bands band, oftmals schwand – obgleich diese Bands auf andere Art und Weise eine Bindung zu ihren Fans aufrecht erhalten konnten.

Können wir Who Do You Trust? nun also vertrauen? Während sich das 2017 erschienene Album Crooked Teeth noch zweifellos nach Papa Roach anhörte, wagt sich Who Do You Trust? durchaus weiter fort vom traditionellen Sound der Amerikaner. Tatsächlich zeigt sich auf dem Album ein Phänomen, welches bereits von neueren Alben anderer Bands bekannt ist: eine Tendenz hin zu einem weicheren, radiotauglichen Stil; Songs, die allgemein recht unterschiedlichen Genres zugeordnet werden könnten und einigen härteren Stücken, die alteingesessene Papa Roach Fans voll und ganz abholen. Who Do You Trust? traut sich und zeigt Mut zu weicheren Stücken wie dem fast schon akustischen Come Around. Auch Problems behandelt ein inhaltlich schweres, emotionales Thema auf eine melodisch fast leichtfüßige Art und Weise. Besonders verblüffend: ein emolastiges Stück wie Feel Like Home, nicht nur wegen des Inhalts, sondern vor allem durch seine musikalische Gestaltung und klaren Elementen der Emo-Welle der frühen 2000er. Mühelos zeitgleich zeigen Papa Roach Extreme der anderen Sorte: harter Punk in Form von I Suffer Well oder solider Rock im Titeltrack Who Do You Trust.

Fast schon leise und unbemerkt schleichen sich elektronische Einflüsse ein, beispielsweise in Maniac, welches an M83 erinnert und dennoch so deutlich nach Papa Roach klingt – mein persönlicher Favorit auf dem Album, gemeinsam mit dem Titelsong –, sich unvergleichlich persönlich, offen, verletzlich präsentiert; ein nicht zuletzt einzigartiger Song, der vorantreibt und einen gleichzeitig im Gefühl eines Augenblicks verharren lässt. Ein Stück, das uns ganz nah zu Frontsänger Jacoby Shaddix bringt und uns dennoch weit weg transportiert.

Quelle: YouTube

Das neue Papa Roach Album ist ein Album der Extreme. Es setzt sich aus verschiedenen musikalischen Einflüssen zusammen, wie ein Spielplatz, auf dem die Band sich der Welt öffnen kann. Die Frage, ob man dem neuen Album also vertrauen kann, ist durchaus subjektiv zu beantworten. Wer ein Album voll durchgehender „Papa Roach Sounds“ erwartet, mag hier nicht ganz bedient werden. Nichtsdestotrotz erschüttert das neue Album das Vertrauen in die Band kaum bis gar nicht. Im Gegenteil, eher ermöglicht die Band einem viel größeren und vielfältigeren Publikum, Zuflucht und Zugang in und zu ihrer Musik zu finden – und, natürlich, Vertrauen.

Who Do You Trust von Papa Roach erschien im Januar 2019 bei Eleven Seven Music. Mercys Favoritentracks sind: Maniac, Who Do You Trust, Come Around und Feel Like Home.

 


 

Mercy Ferrars, geboren 1992 in Süddeutschland, schreibt schon von klein an Geschichten und Texten sowie im journalistischen Bereich. 2018 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, gefolgt von verschiedenen weiteren Publikationen. Sie ist Studentin der Anglistik und Philosophie und arbeitet in einer Redaktion im Bildungsbereich. In ihrer Freizeit widmet sie sich gerne allerlei Projekten rund ums Schreiben und Fotografieren, fremden Städten, und dem Träumen, welches sie manchmal an ferne Orte, und manchmal ganz tief in sie hinein zieht.

Coverbild: © Eleven Seven Music

Im leeren Raum

Josins Albumdebüt In the Blank Space war ein schlecht bewahrtes Geheimnis, klingt fast schon nerdig stilisiert und ist ein krasser Downer. Wie großartig.


Auf diesen Moment hatte Josin sich gut vorbereitet. Dass sie Klavier, Produktion, Synthesizer und Singen ganz gut beherrscht, kam ja inzwischen schon einige Jahre lang bei ihren Konzerten, auf EP- und Single-Veröffentlichungen durch. Nun erschien das überfällige Debütalbum der Perfektionistin, bei dem glücklicherweise eine goldene Regel greift: Wenn Perfektionist٭innen sich Zeit nehmen, lohnt sich das Warten. In the Blank Space heißt die Platte, die diesen Freitag beim Stockholmer Indie-Label Dumont Dumont sowie beim Londoner MVKA veröffentlicht wurde. Allein schon der Umstand, dass sie Josins Vielseitigkeit als Sängerin und Multiinstrumentalistin aufgreift und in einen künstlerisch geschlossenen Kontext setzt, macht es zu einem Album der Stunde.

Klassik und Ambient, Intuition und Diskurs

Josins sphärisch-stilisierte Musik klingt völlig eigen und intuitiv, was ja bekanntlich das Gegenteil von diskursiv ist. Dabei greift sie einen experimentellen Ansatz auf, nämlich Ambient Sounds und klassisches Klavierspiel zu verbinden, der in den letzten Jahren schon von mehreren zeitgenössischen Pianist٭innen, zum Beispiel Federico Albanese und Midori Hirano, aufgegriffen wurde. Diese Melange aus klarem Klavier und tragenden Electro Sounds entwickelt sich in Josins Musik weiter, zum einen offensichtlich, weil er von eindringlichem opernhaften Gesang getragen wird. Zum anderen, weil sich von Song zu Song der Fokus zwischen den drei Elementen verschiebt und keinen so klaren Ausgangspunkt hat wie die Kunst der anderen Musiker٭innen. In den Fokusverschiebungen, die auch Genregrenzen schlicht ignoriert, deutet sich die Komplexität ihrer anspruchsvollen Kompositionen an, die in Wahrheit noch viel weitergetrieben wird.

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Josins depressiver Mikrokosmos

In der insgesamt 40-minütigen Laufzeit von In the Blank Space wird der gesamte Mikrokosmos deutlich, den Josins Musik einnimmt. Mal introvertiert zusammengezogen, mal dramatisch entfaltet, erkundet das Album musikalisch viele Wege, um Unruhe zu erzeugen. Teils treiben, wie bei Healing, subtile Beats die Songs voran, teils bringt Josin mit dem Klavier allein eine innere Unruhe in ihre Musik, wie bei Once Apart (der übrigens ein bisschen an Rufus Wainwrights The Art Teacher erinnert). Bedrückende Texte tun ihr übriges. Auch wenn Josin bei Instagram und Facebook zeigt, dass sie Humor hat und noch nicht ganz an der Welt verzweifelt sein kann, ist ihr Album ein krasser Downer. Und die albumtitelgebende Leere fällt angespannt aus, weil sie stilisiert, weil sie künstlich ist, wie eine eingeredete Freiheit oder eine unter hohem Aufwand hergestellte Ruhe.

Ein insgesamt nicht mehr als melancholisch, sondern schon depressiv anmutender Gesamteindruck, zeigt facettenreich auf, was eigentlich alles geht, wenn man ein bisschen mehr kann als die anderen. Das Album begibt sich in die beste Gesellschaft mit anderen depressiven Künstler٭innen, die nicht viel auf Genres, dafür durch enormen Aufwand auf eine maximale Entfaltung intimer Kompositionen geben. Zum Beispiel Sóley und Hundreds, die Josin ja sogar schon bei Konzerten supportet hat. Andere Beispiele wären vielleicht Sufjan Stevens oder Thom Yorke, die sie allerdings bisher nicht supportet hat.

Einziger Wermutstropfen des Albums: Wer sich schon vor dem Release mit Josins Veröffentlichungen beschäftigt hat, erlebt wenig Neues. Zwar bietet der Albumkontext einen kunstvollen Rahmen, der viele Kreise schließt, doch bisher unveröffentlicht waren eigentlich nur zwei der Songs. Dass Josin die anderen sieben Kompositionen bereits social-media-freundlich entweder in EP-Form, als Singles oder Remixes zur Verfügung gestellt hatte, ist ja eigentlich dankbar, macht In the Blank Space aber im Nachhinein zu einem schlecht bewahrten Geheimnis. Anhören sollte man es sich dennoch.

Josins In The Blank Space erschien am 25. Januar 2019 bei Dumont Dumont und MVKA.

Titelbild: © Dumont Dumont