Schlagwort: Metal

„Heavy Bremen“ – Ein Herz für Live-Subkultur

Manche machen in ihrer Freizeit Sport, andere schreiben Artikel über Bücher. Daves Hobby ist Bands auf die Bühne holen.


BRAVO-Poster von Ed Sheeran, Taylor Swift und Capital Bra hängen über dem Fernseher, auf dem stumm Konzertmitschnitte aus der Zollkantine in Bremen laufen. Mit Pop haben die allerdings nichts zu tun. Aus der Musikanlage schallt der apokalyptische Postmetal-Klangteppich von Cranial. Willkommen auf Daves Abschiedsparty.

Dave blättert durch die BRAVO, die er durch Zufall beim Einkauf entdeckt und spontan mitgenommen hat. Das coole Extra, die rote Smartphone-Kette, hat er an sein Handy befestigt und sich umgehängt. Im Kontrast zu den Postern prangt das weiße Logo von Heavy Bremen auf seinem schwarzen T-Shirt: Unter dem markanten Schriftzug befinden sich die Bremer Stadtmusikanten in einem Zustand, der sich am ehesten als tollwütig und halb verwest beschreiben lässt. Bald wird Dave Bremen verlassen. Jedoch nicht ohne eine Spur zu hinterlassen, die aus knapp zehn Konzertveranstaltungen innerhalb eines Jahres besteht.

Ob Death-Metal-Grindcore à la Implore, die Hamburger Sludge Metal Band The Moth oder düsterer Stoner-Folk von Jayle Jayle aus den USA – Daves Auswahl ist bemerkenswert facettenreich und geht nicht nur über Genregrenzen, sondern auch über die von Bremen hinaus. Die Zollkantine, die sich als Veranstaltungsraum für Bremens musikalische Subkultur versteht, hat die Ohren gespitzt. Bisher dominierten vor allem Hip Hop Acts die Zollkantine. In diesem Jahr hat Dave jedoch dort so viele Konzerte veranstaltet, dass er einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Die Metal-Subkultur Bremens hat hier einen festen Hafen gefunden.

Vor wenigen Monaten haben Dave und sein Kollege Tim einen dicken Fisch an Land gezogen. Für Ende Juli engagierten sie die experimentelle Stoner-Rock-Band OM, die unter Liebhabern des Genres mit ihrem Album Advaitic Songs von einem Geheimtipp zu einem Geheimtipp mit Kultstatus geworden sind. Mit dem einzigen Auftritt von OM in Norddeutschland  versprachen sie sich ein ausverkauftes Konzert. Dass sie auf ein paar Karten sitzen geblieben sind, gehört zum Veranstaltungsrisiko. Das hält sie jedoch nicht davon ab, weitere Bands an Land zu ziehen.

Konzerte sind sein Hobby. Vor vier Jahren veranstaltete Dave in seinem damaligen Wohnort Münster sein erstes. Eigentlich wollte er damit seine eigene Band pushen, doch was bis heute bleibt, ist die von ihm ins Leben gerufene Konzertinitiative Tortuga Booking. Während er mit dem Tochterzweig Heavy Bremen die Hansestadt mit Auftritten bereichert, veranstaltet Dave weiterhin in Münster einige Konzerte.

Mit seinem beruflich bedingten Wegzug aus Bremen wird er sich eine weitere Stadt als Standort für Konzertveranstaltungen erschließen. Heavy Bremen lässt Dave aber nicht im Stich: Für Sommer 2020 ist in Blumenthal ein kleines Metal Festival geplant.

Titelbild: Lennart Colmer
Bildquellen: Facebook (Heavy Bremen) / YouTube (EmotionVFX)

Burst of Metal

Auf der einen Seite gibt es da draußen so richtig schlechte Alben wie etwa Backstreet Boys’ Never Gone, Puddle Of Mudds Life On Display, DJ Peinlichs Blush oder Barb Wire OST …

Von Jens Marder


Es gab einmal eine Zeit, als „Guns N’ Roses“ durchaus ein Song von den Sex Pistols gewesen sein könnte. Oder war es Janis Joplin? Als der Autor dieser Zeilen vor rund zwanzig Jahren zum Metal kam, hatte er nicht ganz so viel Ahnung von dieser dunklen Materie, sodass an erster Stelle seiner Einkaufsliste damals (neben einigen essenziellen und bereits herausrecherchierten Alben) die Rock-Hard-Veröffentlichung Best of Rock & Metal – Die 500 stärksten Scheiben aller Zeiten (hrsg. von Michael Rensen) gestanden hätte, hätte es sie damals schon gegeben. Der Kauf des toll aufgemachten Folianten, der halbwegs vergriffen zu sein scheint, kann nicht nur Neueinsteigern, sondern auch fachwissensmäßig gereifteren Fans des Schweren Schalls empfohlen werden: 500 nicht gerade kurze, mit herzblutgetränkter Leidenschaft für das Genre verfasste Rezensionen von Fachleuten, auf deren Meinung (fast) immer Verlass ist, dazu über 20 Zusatzartikel wie zum Beispiel „Die Roots des Heavy Metal“, „Deep Purple“, „Metallica“, „Progressive Rock & Metal“ machen das Buch zu einer spannenden und Speichel-/Geldfluss anregenden Lektüre. Dabei finden natürlich nicht nur absolute Pflicht-Acts wie Black Sabbath, Iron Maiden oder Slayer einen Ehrenplatz, sondern auch kleinere, feinere Bands wie Atheist, Cynic, Realm, Thought Industry, Toxik, Vauxdvihl oder die unvergesslichen Watchtower, was Kennern ein zufriedenes Kopfnicken inkl. Grinse bescheren dürfte.

Dass bei der Auswahl der Referenzwerke der einzelnen Künstler überraschend oft auf (die etwas schwächelnden) Veröffentlichungen jüngeren Datums zurückgegriffen wurde, erscheint etwa im Falle von Threshold oder System Of A Down etwas merkwürdig. Andererseits ist man als unignoranter Hörer überfroh, dass die ach so gekünstelten, overhypten und musikalisch/künstlerisch angeblich unfähigen US-Armenier oder auch Slipknot (hier mit ihrem erfrischenden Vol. 3 vertreten) es tatsächlich auch in die Top 500 geschafft haben. Schließlich darf man nicht vergessen, dass der gnadenlos originelle Geniestreich Toxicity seinerzeit als „fünfundvierzigminütiger Blender“ (!) (O-Ton Wolf-Rüdiger Mühlmann, vgl. Rock Hard-Ausgabe Nr. 172) mit 5 von 10 Punkten (!!) bewertet und Slipknot aufgrund ihrer aufrichtigen Liebe zum Grotesken als amerikanischer Konsum-Schwachsinn abgetan wurden.

Und nun sind wir auch schon bei der passenden Laune angelangt, um vom Loben wegzukommen, hin zur dunkleren Seite der journalistischen Macht: Es lässt sich keine Entschuldigung dafür finden, dass die RHaudegen es tatsächlich geschafft haben, solche Innovations- und Kompositionsgiganten wie Meshuggah, Opeth, Pain Of Salvation, Shadow Gallery (und sicher noch ein paar mehr) auf Kosten diverser „Langweiler“-Bands/-Alben (lieber keine Namen), die allesamt mit mindestens einem Album zu viel vertreten sind, außen vorzulassen. Nein, da kann man auch nicht mit der „Natürlich wird diese Liste niemanden endgültig zufrieden stellen können, denn sie kann und will nicht objektiv sein“-Masche kommen. Dass Bands wie Martyr, Spiral Architect oder gar die Metal-Avantgardisten Behold … The Arctopus keine Erwähnung finden, ist nicht überraschend und verzeihlich. Aber Meisterwerker wie Daniel Gildenlöw und Michael Åckerfeldt zu ignorieren, ist eigentlich Wahnwitz. Wie dem auch sei: Im Großen und Ganzen ist dieses Buch eine sehr gute Investition und Rock Hard nach wie vor die beste deutschsprachige Institution in Sachen „Rock hart!“. Und Opeth zu seinen Favoriten zählen kann man natürlich auch ohne Sekundärliteratur.

THE PROVENANCE: Red Flags

Die Schweden The Provenance sind eine Prog/Gothic/Modern-Metal-Band mit Niveau, daher enthält ihr Album Red Flags fast ausschließlich sehr gute, äußerst gefühlvoll komponierte Songs, die subtile Melancholie und Düsternis propagieren. Das Album eröffnet mit dem erstklassigen „At The Barricades“, dessen origineller Refrain durch Emma Hellströms Stimme zusätzlich an Wert gewinnt. Immer wieder gibt es auch schöne Gesangsduette mit Gitarrist Martinsson. „Thanks To You“ setzt gleich zu Beginn mit einem einprägsamen, etwas opethoiden Riff ein, der sich zu einer überaus feinen Nummer entwickelt. Dann noch die zwei hervorragenden Balladen „Second And Last But Not Always“ & „Deadened“ und das mit superber Melodie aufwartende „One Warning“ obendrauf. Wer bis dahin noch immer nicht von der Überdurchschnittlichkeit dieses Albums überzeugt ist, dem sei der ausgezeichnete, wirklich mitreißende Abschlusssong „Settle Soon“ anempfohlen – dolles Ding!

PHIDEAUX: 313

Die amerikanischen Prog-Rocker bzw. Art-Popper Phideaux haben hier ein verdammt gutes Album vorgelegt, das den Hörer zurück in die Ära von Genesis, Marillion und 80er-Seligkeit mitnimmt. Der erste Song „Railyard“ ist wohl als Geniestreich zu bezeichnen, auch wenn er einem irgendwie (?) bekannt vorkommt. Was vielleicht nur ein weiterer Beweis für dessen Klassikerstatus ist. Wie erwartet können die übrigen Songs auf 313 mit dem Monsteropener nicht ganz mithalten. Aber das ist nicht schlimm ist, denn die anderen Kompositionen sind überaus trotzdem atmosphärisch, spacig, melodisch, meist einfallsreich, immer wieder schimmern SF-Motive durch. „Have You Hugged Your Robot?“ beispielsweise ist zwar einfach gebaut, groovt aber schwer. „Sick Of Me“ ist eine Art eigene Version von Bronski Beats „Smalltown Boy“, zumindest was die Hauptmelodie angeht. „Pyramid“ glänzt mit nostalgischen Mellotron-Tönen. Alles in allem sehr harmonisch, sehr sympathisch, manchmal vielleicht einen Tick zu harmonisch-sympathisch. Manche Stellen hätte man evtl. spannender gestalten sollen, etwa durch Weglassen. In „Body In Space“ erfährt das überragende Hauptthema aus dem ersten Lied eine durch weibliche Engelsstimmen veredelte Reprise. Abschließen tut das Album mit dem wunderschön entrückten „Benediction“, das erneut die erstklassige Songwriting-Kunst unter Beweis stellt: superbes Album einer Band, die man vernommen haben sollte. Und das Cover-Artwork ist so was von farbenfroh und filigran.

PUPPET SHOW: The Tale Of Woe

Wer lässt hier die Neo-Prog-Puppen tanzen? Es ist die kalifornische Band Puppet Show aus Silicon Valley. Lang lebe der Longtrack, haben die Jungs sich überlegt und vier von den Viechern gebastelt. Zusammen mit zwei kürzeren Liedern wird hier cooler, sowohl nach vorne als auch auf Vorbilder wie Marillion, Kansas, Spock’s Beard u. a. blickender Progressive Rock mit einer dezenten Idee Hartwurst geboten. Die Musik ist sehr warmherzig und meistens originell, sodass sie einigen Längen und etwas zu fröhlichen Momenten locker trotzt. Der Opener „Seasons“ beispielsweise ist grandios: pumpende Basslinien, mitreißender Gesang, coole Breaks und Soli.

„The Seven Gentle Spirits“ nimmt sich relativ viel Zeit, um anzulaufen, aber spätestens in der zweiten Hälfte geht es mit fett epischer Progroove-Breitseite gehörig ab. Insgesamt schwächelt diese lange Nummer ein wenig, vor allem im direkten Vergleich zum nachfolgenden „Harold Cain“, das umschweiflos zum Punkt kommt und aufgrund seiner kompositorischen Prägnanz und gewitzter Lyrics Klassiker-Ambitionen aufweist. Auf den Sechzehnminüter „The Past Has Just Begun“ wäre Neil Morse bestimmt stolz, hier kommt nämlich all das zusammen, was Neo-Prog-Meisterklasse auszeichnet: ausladende Instrumental-Passagen, Mystery, Spannungsbögen samt Peripetie und natürlich ergreifende Melodien. Zum Schluss wird dieses Werk nochmals so richtig fesselnd und erreicht mit einigen Härten seinen dramatischen Höhepunkt. Es folgt das progmetallische und überraschend verquere „God’s Angry Man“, ein sehr gutes Instrumental mit prägnantem Hauptriff. Schließlich noch „On Second Thought“, eine delikate Ballade, die unter anderem mit einem echten Hinhörer von Keyboard-Solo punktet. Wer suchet, wird findig.

ABANDONED: Thrash Notes

Dieses Album dürfte ziemlich cool sein, denkt man sich schon nach ein paar Sekunden. Es wird offenbar eine Riffpolitik propagiert, die für unverfälschten Thrash-Metal-Spaß sorgt. An sich hat die Vokabel „Thrash“ mit Gewalt zu tun, aber wenn sich diese ausschließlich in einer unverblümt spielfreudigen Bedienung der Musikinstrumente manifestiert, dann ist Gewalt so ziemlich das Coolste. Zwar sind Abandoned nicht zu jedem Zeitpunkt einzigartig, aber wie auch, wenn man der klassischen Prügel-Schule frönt. Solange die Band-Homepage „www.gebolze.de“ lautet, das Emotionale stimmt und man an Bay Area & Klonsorten denken muss, während man dieser Hesssen-Dresche lauscht, ist alles in ordner Bestung. Die Reaktionen der Fachpresse auf ihre Demo waren schon sehr positiv, und dementsprechend positiv muss die Kritik zu ihrem ersten Album ausfallen, in dessen Titel „Thrash“ nicht ganz zufällig vorkommt: Songs wie das riffige „Pay The Dues“, der fixe Banger „Nightmares“, der einfallsreiche Opener „The Oncoming Storm“ oder das mit einem dramatischen Power-Metal-Refrain aufwartende „Return To One“ bestätigen die eingangs geäußerte Vermutung.

Pandemia: Riven

Spätestens nach dem zweiten Hören ist man sicher, dass es sich bei den Tschechen Pandemia um eine überdurchschnittliche Band handelt, die eine entsprechende Platte eingespielt hat. Alle Stücke sind gut, jeder Song hat irgendetwas zu bieten, was ihn auszeichnet. Die Liedanfänge sind fast ausnahmslos prägnant, was schon mal ein gutes Omen (nicht der Film) ist. Der Titeltrack und Opener knallt beispielsweise ganz schön ordentlich aus den Boxen (nicht die Sportart), „Stream Of Destinies“ ist stellenweise noch bombiger, da könnten sich sogar Morbid Angel das eine oder andere Stück Hack vom Grotesküchlein abknipsen. „Us And Them“ enthält ebenfalls ein Riff-Attentat, auf das der Death-Metal-Fan nicht verzichten sollte. Das ein wenig von Death (nicht der Zustand) inspirierte resp. plagiierte Instrumental „Dispirited“ hingegen erreicht leider nicht das Genie des Riff-Fürsten Schuldiner, der für ProgDeath ungefähr dasselbe ist wie Schindler für die Juden. Insgesamt betrachtet ist Riven zwar nicht ganz so kopfmenschenfreundlich wie seine Vorbilder, aber dennoch ziemlich dicht komponiert und technisch exekutiert, sodass die Spielzeit von etwas über 30 Minuten kein Nachteil ist. Fazit: Uneingeschränkte Antest-Empfehlung für diesen groovyTotmachbrocken!

Hyades: Abuse Your Illusions

Was bloß ist das Geheimnis der uneingeschränkten Sympathie, die sich innerhalb kürzester Zeit einstellt, obwohl dem Hörer die starke Anlehnung an alte Originale und dadurch bedingte Nichtinnovativität von Hyades bewusst ist? Nun, trotz aller Rückwärtsgerichtetheit kommen die Riffs äußerst flott gezockt und frisch gerockt daher, halt so, als ob ein guter alter Wind wehen würde, der keinesfalls nach Gammel riecht. Abuse Your Illusions ist keine Revolution, aber Mann ist das Album Banger-SpaßThrash, sprich: truer als ein Tru(e)thahn! Die Jungs, deren Motto „Four albums and still no ballads!“ lautet, orientieren sich ganz bewusst am Knüppel-Kult der 80er, und die Art, wie sie es tun, ist genau richtig: unprätentiös, ehrlich und mit jeder Menge cooler Gitarren im Panzer. Eines dieser Alben, die im besten Sinne des Wortes total eingängig sind und gleich beim ersten Hören eine negative Rezension absurd erscheinen lassen.

Freak Neil Inc.: Characters

Freak Neil Inc. ist das Progjekt von Rob van der Loo (Sun Caged), der einige prominente Gastmusiker wie Steve DiGiorgio, James Murphy oder Sean Malone (Death, Cynic) zum Mitspielen eingeladen hat. Herausgekommen ist ein zwar nicht 100%-ig freakiges, aber relativ vielseitiges Progressive-Metal-Album, das sich echt hören lassen kann. Nach dem kurzen Intro, in dem wohl das Stimmengewirr der verschiedenen Characters zu hören ist, geht es mit „Talking Chair“ richtig metallig zur Sache: Der Eröffnungsriff zählt nicht unbedingt zu den wahnwitzigsten, hat aber den richtigen Drive, um dem Song Prägnanz zu verpassen.

„I’m The Hero“ hat noch mehr zu bieten: Funk & Drive, verursacht durch den auch später mehr im Vorder- als Hintergrund agierenden Chapman Stick, eine schöne Melodie, anspruchsvolle Soli und ein paar verrückte Stimmverzerrungen. Das gelungene „I Understand“ überrascht durch elektronische Drum-Sequenzen, gefolgt von cynicsch verfremdetem Gesang und träumerischen Entspannungssoli. „Downtown“ weist zum ersten Mal charakteristische Progmetal-Stilistik auf, die immer wieder von virtuosen Fusion-Parts durchbohrt wird. Und der „Bulldozer Blues“ hält, was der Titel verspricht: Meshuggah-Riffing auf dünnem Blues-Gerüst erzeugt eine schwere Groove-Maschinerie, die insgesamt allerdings etwas unspektakulärer als die vorangegangenen Tracks bumst. Das abschließende „Absence“ beginnt mit einem für Misophoniker herausfordernden Flüstern, das aber glücklicherweise schnell Musik Platz macht. Diese ist epischer als die restlichen Tracks und vereint deren verschiedene Stilmerkmale wie Elektrobeats, Metal, Fusion und Balladeskes zu einem soliden, wenn auch streckenweise farblos wirkenden Ganzen, das mit seinen 13 Minuten nicht den quantitativ vorgegebenen Höhepunkt bildet. Unterm Strich eine Platte, die eine Empfehlung wert ist, da echte Schwachstellen fehlen.

MANNGARD: Circling Buzzards

Allein „Safe With Me“ bietet genug progressive Derbheit, um Circling Buzzards, seines Zeichens krasses Prog-Geknüppel auf William-Faulkner-Basis, zu einer echten Extremperle zu erklären. Jede Menge Riffs und Breaks, unvorhergesehene Wendungen und brutal-brillante Instrumente, die ordentlich Irrsinn akkumulieren. Das müssen knallharte Death-Metal-Bussarde sein, die da ihre kniffligen Psycho-Kreise ziehen. Zugegeben, so eindeutig grandios wie das eingangs erwähnte Stück sind die restlichen Songs vielleicht nicht, aber allemal toll genug, um die Hervorhebung irgendeines weiteren Titels fast unmöglich zu machen. Ein in helle Begeisterung versetzendes Album also, das nicht nur musikalisch, sondern auch durch sein düsteres Textkonzept überraschende Gefilde erschließt und somit jedem (ernstzunehmenden) Kritiker Respektbekundungen entlocken möge.

KAYSER: Frame The World … Hang It On The Wall

Dieses Album ist knüppelharte Unterhaltung aus Schweden und kommt dem Zuhörer auf Anhieb überaus solide vor. Bei genauerer Untersuchung festigt sich der positive Ersteindruck: Frame The World … Hang It On The Wall ist ein melodiereicher und klischeearmer Klopper der Modern-Metal-Schule. „The Cake“ eröffnet die Platte mit einem Leckerbissen (toller Refrain), es folgen das dreckige „Lost In The Mud“ und das gut entwickelte „Evolution“, das belebende „Not Dead … Yet“ (deftiger Refrain-Riff mit einem Fusion-Intermezzo) sowie das geistesgegenwärtige „Absence“. Eine klare Produktion und prima Gitarristik machen diese voller großer Momente steckende Empfehlung für Freunde des Empfehlenswerten empfehlenswert.

DECAPITATED: Organic Hallucinosis

Decapitated haben ja mit ihren ersten Alben mächtig Wind (of Creation) aufwirbeln können, weil die Bandmitglieder trotz ihres verdammt jungen Alters (damals 14 oder so) an ihren jeweiligen Instrumenten schon viel asozialer drauf waren als so mancher Hip-Hop-Stirnband-Fubu-Assi auf der hintersten Sitzbank im Bus nach Tannenbusch. Apropos Bank: Das vierte Output der Polen ist durch dieselbige gut. Grotesk-Gitarren braten das Trommelfell, während die Drums das Öffnen so mancher Kiste Chuck Norris überflüssig machen. Der Prog-Level der Platte ist wie gehabt etwa mit Morbid Angel oder Hate Eternal zu vergleichen, also recht technisch. Songs wie der opulent-brachiale erste Track oder das Doublebassin „Day 69“ (inklusive des bandtypischen Schlagzeug-Solos in der Songmitte) sprechen an. In „Post(?)organic“ wissen zwei virtuose Gitarren-Soli in eine für das Death-Metal-Genre unerlässliche Schlimmwelt zu entführen. „Visual Delusion“ ist ein blastbeastig dreschender Song, der, zwar etwas fremdbestimmt, die besten Momente der zwei oben genannten Vergleichsbands einfängt. Die restlichen drei Lieder erscheinen einen Tick unprägnanter, was uns aber nicht daran hindern soll, dieses Album allen Toddlern an den Herzschrittmacher zu legen.

Slipknot: 9.0: Live

Spätestens seit diesem Live-Album ist die Zahl „9“ bzw. deren IT-Bruder „9.0“ mit Groteske zu assoziieren. Denn hier kommen 9.0 ziemlich kranke Typen mit schlimmen Masken und beschallen einen mit krassen Projektilen des modernen (und immer öfter auch progressiven) Nu Metals wie „The Blister Exists“, „(Sic)“, „Pulse Of The Maggots“, „The Nameless“, „Duality“ u. a. In 24 Tracks wird die Geschichte einer immer wieder vollkommen zu Unrecht als unauthentisches, kurzlebiges Produkt der Werbeindustrie angeprangerten, ziemlich extremen Band nacherzählt, die mit ihrem Debüt Slipknot einen echten Meilenstein veröffentlichte. Nach dem schwächelnden Zweitling Iowa wollten sich die Musiker weiterentwickeln, und dementsprechend fiel auch die dritte Studioproduktion aus: Mit feiner als je zuvor gespitzten Drumsticks, virtuosen Gitarrenläufen, asozialen Riffs, originellen Samples und verstärktem Griff auch zu ruhigeren Tönen aufwartend, stellte Vol. 3: The Subliminal Verses 2004 eine würdige Erneuerung des eher rauen Slipknot-Sounds von anno 1999/2001 dar.

Der Nachteil des vorliegenden Live-Dokuments ist aber, dass die irgendwie verwaschen klingende Produktion richtig fiese Riffer neueren Datums nicht perfekt zur Geltung kommen lässt; die Liedversionen auf den regulären Studiowerken sind eigentlich immer vorzuziehen. Überhaupt haben Live-Alben ja ein bisschen an Bedeutung verloren, seit es sowohl sound- als auch bildtechnisch überaus hochwertige Live-Mitschnitte auf DVD bzw. BD (nicht das Klosett-Addon) gibt. Deswegen ist etwa der Slipknot-Mitschnitt Disasterpieces zu empfehlen: Dort bekommt man den kaputten Clown, das Stachel-Schwein, Cyranose de Bergerac, das Drum-Karussell (gutes Solo) und die restlichen Monstermänner auch mal richtig zu Gesichtsgrusel.

Akercocke: Words That Go Unspoken, Deeds That Go Undone

Die Briten Akercocke umschiffen geschickt 08/15-Riffs, wie sie von Black-Metal-Riesen Dimmu Borgir, Nagelfart etc. wirkungsvoll, bombastisch, pathetisch – aber gerade darin ist der Keim von Geschmacklosigkeit zu suchen – inszeniert werden, indem sie das Vehikel Black Metal mit genrefremden Aspekten anreichern. Neben ungebremstem Doublebass-Geblaste und monströsen Growls gibt es auch besinnliche Momente zu bestaunen. Eröffnet wird das Album von „Verdelet“, worin ein aggressiver Riff die Grundlage für einen sehnsuchtsvollen Gesangspart bildet. „Seduced“ ist Black/Death Metal pur, wobei das kompromisslose Riffing hier und da etwas unfrische Züge annimmt; nichtsdestotrotz ein gutes Stück, das vor allem gegen Ende noch einmal seine gesamte Energie im ultimativen Banger bündelt. „Shelter From The Sand“ bezieht seine Schönheit aus den von akustischer Gitarre begleiteten Clear-Voice-Passagen, die immer wieder von verschiedenen Zwischenspielen heftigeren Kalibers durchboxt werden.

„Eyes Of Dawn“ kommt schnell zur Sache, ein einfacher und prägnanter Riff macht den Anfang, wonach der Song einige leicht avantgardistische Wendungen nimmt und so bis zum Ende interessant bleibt. Das Instrumental „Dying In The Sun“ klingt in etwa genauso, wie der Titel es verlangt: exotische Wüstenklänge, gepaart mit dem einen oder anderen Geräusch extraterrestrischer Fauna als Prolog zum darauffolgenden Zweiteiler „Words That Go Unspoken“: In diesem finden sich sanfte, hammerharte und ambientrückte Elemente, die zusammengenommen etwas Unheimlich-Auswegloses heraufbeschwören. Den Abschluss und vielleicht auch emotionalen Höhepunkt dieses Albums bildet das von schwerem Nostalgyll umhauchte „Lex Talionis“, worin des Hörers Seele eine Rührung erfährt. Nimmt man all diese Eindrücke zusammen, entsteht ein Gesamteindruck, der besagt, dass es sich hier um ein richtig gutes Album handelt.

3: Wake Pig

Die vier 3er klingen ein bisschen wie The Mars Volta, Coheed & Cambria und Umphrey’s McGee, also die Alternative-Metal-Kategorie mit perkussivem Guitar Slapping als USP. Aber Schubladendenken ist nicht Sinn der Übung, kommen wir daher zu den einzelnen Songs dieses wunderbaren Albums. „Alien Angel“ führt uns in die atmosphärische und hochtalentierte Melodiewelt der Band ohne Buchstaben ein. „Dregs“ beginnt mit einer Flamenco-Gitarre, die immer wieder vom E-Riffing unterstützt wird – ein melodisch-drummiger Song. Der Titelgeber „Wake Pig“ ist wohl als ein Hit zu verstehen, da großartiger Refrain und coolst aufspielendes Schlagzeug. Ein weiterer Hit oder vielmehr Klassiker ist „Dogs Of War“, eine mit geradezu Beatles’schen Harmonien auf Filigranit beißende Ballade: Sahne Nummer 1! „Queen“ lässt Magie walten, ebenso das authentisch melancholische „Circus Without Clowns“, was für das ganz große Zweiohrkino. „Where’s Max“ ist ein kurzer, verrückter Song, der wie eine Hommage an System Of A Down wirkt. Seinen (nicht zwingend krönenden) Abschluss findet das überaus empfehlenswerte Plättchen mit „Amaze Disgrace“, das zwar epischer als die restlichen Perlen ausgefallen ist, aber möglicherweise nicht ganz so tiefgreifend wirkt.

Bathtub Shitter: Dance Hall Grind

Mir sind ja Bands auf Anhieb sympathisch, die das Wort „Scheiße“ oder Ähnliches im Bandnamen führen auf die Gefahr hin, dass irgendein Rezensierling es völlig schamlos gegen sie verwenden wird. Aller Koprophilie zum Trotz sei dennoch ein genauerer Blick auf dieses typischerweise durchgeknallte Japandämonium geworfen. Der Stil von Bathtub Shitter ist Latrinen-Grind ohne Klospülung, wo viel gekrischen und noch mehr geschissen wird. Bis auf das recht hübsche, aus einem Myamoto-Klassiker zu stammen scheinende Akustik-Scheißtrumental „Shit Drop“ und die dudelig-gewitzte Einscheißung „Introduction“ sind Schlagzeug und E-Gitarren erwartungsgemäß im Kriegseinsatz und man fragt sich, wie viel die Jungs eigentlich fressen müssen, um so viel Scheiß zu produzieren. Wie dem auch scheiß, musikalisch gesehen handelt es sich hier nicht durchgehend um bek(n)ackten Durchfall. Titel wie zum Beispiel „Skate Of Bulgaria“, „Umber“, „Re-Shit“ oder „Rest In Piss“ können sich echt hören lassen, obgleich das häufig eingesetzte Hochfrequenz-Gekreisch von Vokalköter Masato gewöhnungsbedürftig ist. Bilanz: Trash wird ja gerne als Synonym für Kult verwendet, was nicht immer falsch sein muss: ein Jascheißénochmal! für diesen keinesfalls kompletten Bullshit.

Beneath the Massacre: Mechanics Of Dysfunction

Das Warten auf das dritte Album von Necrophagist, das nie kommen wird, weil Suiçmez offenbar bei BMW arbeitet, ist für manche von uns eine recht proglematische Angelegenheit. Zwar haben Bands wie Spawn Of Possession oder Obscura die Lebensbedingungen einer Person, welche sich höchstwahrscheinlich auch im Opa-Stadium Filigrangeknüppel ins Quantenmechatroniker-Death gewohnte Hörgerät hämmern wird, heftigst versüßt, doch so langsam lässt die nicht zu unterschätzende Wirkung jenes extremen Meilensteinchens nach. Also schnell zu Beneath The Massacre aus (dem offenbar abnormen) Kanada gegriffen, einem weiteren Vertreter jener eindrucksvollen Musikrichtung, die man als break- und blastbeatverseuchten, hypertight gespielten Frickeltod bezeichnen darf, wobei der Touch des Robotisch-Übermenschlichen bei den jeweiligen Virtuoso-Gitarristen als ein enorm wirkungsvoller Derbheitsverstärker genutzt wird, von den unmenschlich tiefen Growls und dem rabiaten Schlagzeugspiel mal ganz abgesehen.

Exakt eine halbe Stunde lang werden dem hoffentlich unkaputtbaren Hörer die Mechanics Of Dysfunction in zehn Lektionen nähergebracht. Einen repräsentativen Song auszuwählen ist etwas schwierig und vielleicht nicht nötig, da man dieses Album als eine homogene Portion Hirnklopp internalisieren sollte. Dennoch kann man folgende vollkommen enorme MG-Salven am ehesten empfehlen: „The Surface“, „Modern Age Slavery“ und „Sleepless“. Teilweise hat man das Gefühl, dass hier sogar das absolut gestörte Necrophagist-Niveau überschritten wird, was ja eigentlich nicht möglich sein dürfte. Wie dem auch sei: Für Breaks-Freaks und Freunde des hypertechnoiden Todesbleis ist neben Art Bleeds, Colonizing The Sun, Epitaph, Warp Zone etc. dieses Album ein Total-Muss!

Coroner: Mental Vortex

Nach dem kurzen Intro wird auf unbeschreiblich begnadete Weise die Wortkonstellation „Mental Vortex“ musikalisch eingefangen. Trotz geordnet daherkommender Progriffs wird durchaus so etwas wie ein knorker Wirbelsturm erzeugt. Es geht gleich voll zur Sache, eine Feinheit folgt der anderen. An Talent nicht zu überbieten ist schließlich das qualitativ in umgekehrter Proportion zu seinem Bekanntheitsgrad stehende Solo (was natürlich für das komplette Album gesagt werden kann), das bei 4:11 in „Son Of Lilith“ einsetzt und verglichen werden kann mit einem „Kohärenz gewordenen Kosmos“ (Albensammlers Prognase, Bd. 4, S. 000). Wenn es um Musik geht, so gibt es fast nichts, was ich so gern und so ausführlich und so oft und […] und so unterschiedlich in der Formulierung ansprechen möchte wie dieses Solo, welches einen eigenen Namen verdient: Intergalaxax Ofu? 4:11er? Ich bin nicht ganz sicher, aber extraterrestrisch ist es auf jeden Fall.

Disillusion: Gloria

Bei dem Zweitwerk der Deutschen Disillusion wird sich ganz bestimmt die Frage nach der Toleranz der Fans und Befürworter ihres Debüts Back To Times Of Splendor stellen, welches die meisten noch als eine echte Perle des progressiv-epischen Death Metals à la Opeth im Ohr haben dürften. Der Hörer ist desillusioniert und fühlt sich eingeladen, ggf. kalauernde Anspielungen an den retrospektiv womöglich prophetischen Titel des Erstlings zu machen. Doch wie lange hält diese Enttäuschung an, die sich vor allem aus dem massiven Stilwechsel der Band speist, welche neuerdings eher Industrial/Gothic/Psychedelic/Electronica (Pop-)Rock als Death Metal zuzuordnen ist?

Immerhin sind fast alle der hier gebotenen Songs, so wird man schnell zugeben müssen, eigensinnig, originell und nicht unproggy ausgefallen. Also die Vorurteile schnell und mit ordentlich Scham hinweggefegt und sich ehrlich ans Liedgut rangeschmissen: Die Platte beginnt mit dem dramatischen „The Black Sea“, worin rammsteiniger Sprechgesang, poppige Stimmverzerrungen und ein paar coole Riffs ihr Werk verrichten. Die immer wieder spezielle Gitarrenarbeit, die sich im ersten Track schon andeutet, kommt im Nachfolger „Dread It“ noch mehr zum Tragen. Hier trifft eine gewisse Lockerheit auf einen epischen Refrain, der kurzzeitig auch an die „alten“ DISILLUSION anknüpft. „Don’t Go Any Further“ ist eine klare Singleauskopplung, ein clawfingringer Modern-Metal-Hit mit einem sehr einprägsamen Hauptriff. „Avalanche“ könnte glatt Black Metal sein, obgleich die gedämpften Vocals an Till Lindemann und das elektronisch angehauchte Melodiegeflecht im Hintergrund an James Bond erinnern – schon wieder bemerkenswert.

Der Titeltrack ist nicht unbedingt der beste der Platte, punktet aber mit düsteren Hintergrundsamplings, einem erneut verfremdeten Sprechgesang und seltsamen Bläsern in der Mitte dennoch ganz schön. Nach dem triphoppelnden Intermezzo „Aerophobic“ geht es mit originellem Metal weiter, diesmal ist es eine orientalische Melodie, die, unterstützt von der doppelten Fußmaschine, mitzureißen weiß. Hitverdächtig ist auch der Refrain in „Save The Past“ – unkompliziert und wirkungsvoll. Das nicht unbedingt unentbehrliche Instrumental „Lava“ ist zähflüssig und heavy umgesetzt und leitet zu dem eher langweiligen „Too Many Broken Cease Fires“ über, das durch Schwäche überrascht. Den Abschluss bildet „Untiefen“, ein düsterer und zugleich nichtssagender Song, der das Album (leider) nicht auf einem kreativen Höhepunkt ausklingen lässt. Dennoch: Wer gutes Songwriting mag und bereit ist, den Künstlern ihre legitime Weiterentwicklung zuzugestehen, der möge sich dieses interessante Album zulegen.

Ephel Duath: Pain Necessary To Know

Ephel Duath sind schön schräg von A (wie abstrus) bis Z (wie Zorn-ig, John). Mehr Avantgarde, Free Jazz und scheinbare Rifflosigkeit haben die italienischen „Ultraprog-Extremisten“ (vgl. PR-Beilage) noch nie in ein Album gepackt. So viel steht nach dem ersten Durchlauf schon einmal fest: The Dillinger Escape Plan etwa, die trotz ihrer unanzweifelbaren Abgefahrenheit häufig gleich von Beginn an gut mitverfolgbar sind (man nehme nur mal die in ihrer Krassheit doch irgendwie straighte Mathcore-Perle „43% Burnt“ von Calculating Infinity), steckt Pain Necessary To Know locker in die Tasche, zumindest was die Zugänglichkeit und Verschrobenheit angeht. In Bezug auf das Kompositorische allerdings können konkrete Angaben erst gemacht werden, nachdem man sich das unmäßige Produkt mindestens vier bis fünf Mal eingebaut hat. Alles beginnt mit einem unscheinbaren, etwas autistischen Riff. Schon bald nimmt ein ungebremstes und verrücktes Spiel mit der zunächst leicht überschaubaren Figur seinen Lauf, Tempo und Dichte nehmen zu, Unberechenbares wird hinzuaddiert und wieder subtrahiert, kleine Jazz-Kaskaden kommen und gehen, dazwischen ein bisschen Elekronikgeloope. Dann wieder Besinnung auf Klarheit, eine schöne Melodie wird herausgearbeitet und durchgehalten. Äußerst gewiefte AvantRiffs und andere Unerhörtheiten durchziehen die Platte und sorgen regelmäßig für Erfrischung. Hat man einmal das Album (mehr oder weniger) durchschauen und schätzen gelernt, erkennt man, dass es sich bei diesem artrockenden & progmetallischen Bewusstseinsstrom um ein echtes Kunstwerk handelt. Wenn man einmal von dem ein wenig schlaffen Mittelteil („I Killed Rebecca“) und einem gewissen Epigonentum gegen Ende der Platte („Imploding“) absieht, kann man eigentlich nur loben. Und das geht unter Zuhilfenahme unzähliger Attribute wie zum Beispiel: verspielt, komplex, seelenvoll, dramatisch, tiefsinnig, irre, tragisch, traumhaft, abartig, sentimental, rigoros … Wenn die offenbar gegebene Befähigung, solche Gemüts- und Geisteszustände nahezu simultan zu evozieren, kein Lob verdient, dann verdient dieses Album natürlich auch keine 1-.

Gory Blister: Art Bleeds

Damals bei Zazie Dans Le Métro hätte ich auch nicht geglaubt, dass der Film bloß 80 Minuten geht. Und hier glaubt man das mit den 26 Minuten auch nicht so auf Anhieb. Denn es steckt eine Menge an krassem Sound in dieser auf derbe, fiese, wenn nicht gar geschmacklose Art und Weise vertrackten Death/Watchtower/Atheist-Konglamelange. Die Riffs sind fast durchgehend gelungen, einige sind einsame Spitze, breakmäßig sicher ein Rekordhalter. Es geht von Anfang bis Ende zur Sache. Gleich der Beginn des ersten Liedes zaubert ein respektvolles, die gestört/bedenklich hohe Break- und Informationsdichte absolut nicht vertragen wollendes Lächeln auf die Lippen des Zuhörers. Und dann geht es weiter und lässt im Grunde genommen nicht nach. Hervorstechen tun aber vor allem Track Nr. 1, Nr. 3 und Nr. 5. Meine Güte, bei diesem Album handelt es sich um eine Art CT-gestützten Gehirntritt. „Wir, Gehirnchirurgen auf 450-Euro-Basis, kommen vorbei und machen euer HRN platt!“, scheint uns Gory (falls dies der Name des Bandlieders ist) sagen zu wollen. Herr Blister (falls das nicht bloß ein Pseudonym ist), Ihre Frickelkünste sind ganz klar bewundernswert, liefern Sie uns regelmäßig EPische Wunderwerke mit eklatanter Soundsoße ab.

Martyr: Feeding The Abscess

Wer sie noch nicht kennt, dem seien sie sofortst ins technische Death-Metal-Herz eingeklebt! Die Wunderprogger Martyr aus (dem offenbar enormen) Kanada haben mit Hopeless Hopes und Warp Zone bereits zwei erstaunlich elegante Komplexbrocken ausgetüftelt, die vor genialen Melodien, Breaks und Soli bersten, und dann kam auf den (am Geduldsfaden hängenden) Connaisseur ihr drittes Album Feeding The Abscess zu. Man kann sich vortrefflich über Besser oder Schlechter streiten, eins hat diese Platte mit ihren (nach wie vor als Geheimtipps zu behandelnden) Vorgängern gemeinsam – es ist ein aus dem Staunen nicht mehr herauskommen lassender Umhau! Mag sein, dass das Debüt der Québestien einen Tick abwechslungsreicher und vielfältiger ausgefallen ist, dafür gibt es auf dem neuen Album mehr exquisite Jazzläufe zu hören, und manchmal fiedeln sich gar genrefremde Violinen prima ins hochenergetische Gesamtkonzept ein. Die gitarristischen Aspekte des vorliegenden Werkes sind jedenfalls nach wie vor über jeden denkbaren Zweifel erhaben. Hier herrscht raffinierte Virtuosität, sowohl die rund 500 Riffs als auch Soloeinlagen sind pfeilschnell, originell und faszinierend, nicht zuletzt wegen der stets spannend aufgebauten Übergänge zwischen den einzelnen Passagen. Trotz des durchweg hervorragenden Materials gibt es einige besondere Höhepunkte zu vermelden: „Perpetual Healing (Infinite Pain)“ ist ein sehr technisches und höchst genießbares Metal-Gedicht mit einigen Trademarks der Band wie dem verquer-düsteren Dissonant-Riffing, das ein Gefühl von subtil groteskem Drama vermittelt. Nach einer Zäsur in der Liedmitte leitet eine fulminante Fusion-Einlage zum zweiten Liedteil über. „Lost In Sanity“ ist unerbittlich dargebotenes, präzis abgefeuertes Riffgehacke mit Tief-, Eigen- und (last but not least) Wahnsinn im Blut. „Feast Of Vermin“ eröffnet eindrucksvoll mit einem atmosphärischen Instrumentalpart, der dann einer Reihe von prächtigen, immer wieder durch markante Rhythmik bestechenden Riffs Platz macht. Bei „Interlude – Desolate Ruins“ handelt es sich um ein beeindruckendes Instrumental-Trauma, dessen kryptisch-schwüle Jazzrock-Attitüde den Soundtrack eines David-Lynch-Films ganz bestimmt kongenial veredelt hätte. „Nameless, Faceless, Neverborn“ schließlich ist eine ungeheuerlich daherpeitschende Prog-Metal-Attacke, die sich entwickelt und entwickelt und (wie jeder andere Song von Martyr) nie langweilig wird. Ein fein ausgearbeiteter Lick führt zum nächsten, die kompositorische Dichte kennt auch hier wieder kaum eine Grenze – die Schlussbetrachtung muss daher lauten: Martyr sprechen nach wie vor ein echtes Machtwort im technischen Death Metal. Ihnen können nur ganz wenige das Wasser reichen, denn hier gibt es eine musikalische Seele zu bewundern, die in ein beachtliches Techno-Kostüm eingebettet ist. Es gilt nämlich die perfekte Synthese von technischem Overkill à la Necrophagist und der melancholischen Vielschichtigkeit von Chuck Schuldiner / Death. Eine derart fulminante Kombination braucht die Welt unbedingt.

Opeth: Ghost Reveries

Sollte ich irgendwann einmal den Wunsch äußern, in Scheiben geschnitten zu werden, wie es die einstige, inzwischen seriös-schnöde „Reviews“ heißende Rezensionsabteilung in der Rock Hard nahelegte, dann müssten es schon recht viele sein, und vor allem auch recht progressive. Alle mögliche geile Scheiße müsste darunter zu finden sein, von Atheist bis Zero Tower, und dazwischen – neben vielen anderen klasse Bands – natürlich auch die begnadeten Opeth. Still Life, Blackwater Park und Deliverance müssten darunter auf jeden Fall vertreten sein.

Und wie stehts mit Ghost Reveries? Nun, nach dem recht meinungsspaltenden (aber leider nicht schädelspaltenden, da durchgehend sanft gehaltenen) Damnation ist dieser Output wieder richtiger Prog Metal mit (inzwischen nicht mehr) gewohnten Opeth-Trademarks wie ultramelancholischem Gesang und derbem Gegrunz geworden, wobei der Krachanteil etwas zurückgegangen ist. Obwohl harmonietechnisch auf Bewährtes zurückgegriffen wird, wirken die Songs frisch, was vor allem an der einen oder anderen progressiven Spielerei, einfallsreichen bis genialen Melodie oder den gar völlig entspannten Ambient-Parts liegt, die einen Einfluss des Elektronica-Enthusiasten Steven Wilson auf Mikael Åkerfeldt, der das Album diesmal selbst produziert hat, erkennen lassen. Insgesamt wird also genügend Neuartiges geliefert, um behaupten zu dürfen, dass die Band sich weiterentwickelt. So ist zum Beispiel der Opener „Ghost Of Perdition“ sehr vielfältig und kann seiner im besten Sinne des Wortes heterogenen Gestaltung wegen durchaus als repräsentativ für das gesamte Album gesehen werden. „The Baying Of The Hounds“ bietet ebenfalls viel Abwechslung in Form von edlem Prog-Riffing und einem entrückten Mittelteil, zusätzlich sorgt eine Hammondorgel für gelungene Erweiterung des Gesamtsounds. „Beneath The Mire“ beginnt mit einem recht exotischen Riff und mündet über einige Zwischenspiele hinweg in einen ersten emotionalen Höhepunkt des Albums, wo eine gewohnt exzellente Akustikgitarre den sehr gefühlvollen Gesang begleitet. „Reverie/Harlequin Forest“ ist ein gehaltvoller, cleverer Überzehnminüter geworden, während „Isolation Years“, eine sehr fragile Ballade, vor allem mit ihrem wunderschönen, etwas an James LaBrie / Dream Theater erinnernden Chorus glänzt. Aufgrund einiger Stilerweiterungen mag Ghost Reveries vielleicht einen Tick filigraner als die Vorgänger ausgefallen sein, was diese natürlich nicht im Geringsten herabwürdigen soll: Cineasten aufgepasst – großes Kino!

Sieges Even: Steps 

Ein Problem ist der Sänger, der so klingt, als würde er gewürgt. Eigenwillig möchte man das nennen, gedrückt, so viel seltsamer als etwa die göttlichen Vokalisten von Fastes Warming oder Sukkotic Ploetz (die Tatsache der Veralberung der Bandnamen ist nichts anderes als verkappte Respektsbekundung). Dagegen sind hier viele Melodien und Elemente vertreten, die besondere Achtung verdienen und sehr begnadet rüberkommen. Nach dem einen oder anderen Vertrack kommt ganz unverhofft so ein Hammerteil von Tonfolge, dass es dir die Eingeweide in eine 5*-Amazon-Rezension umkocht. Nur komme ich mit einem der letzten Lieder nicht ganz klar, wo nämlich Versatzstücke aus Watchtowers „Control & Resistance“ auftauchen inkl. Textzeilen wie „Controlled by confusion, confused by control“, obwohl nirgends angegeben ist, dass dies Plagiart sein soll. Für Progfans jedenfalls ist der Besitz (und am besten auch das Eigentum) dieser Scheibe eine Ehrensache!

Aktor: Paranoia

Mindestens neun von zehn Songs dieses ersten abendfüllenden Albums des finnisch-amerikanischen Trios schaffen es auf Anhieb, sich gleichermaßen im Herz wie Hirn festzusetzen, weil sie einerseits eins a eingängig, andererseits subtil skurril sind und damit emotional wie intellektuell überaus ansprechen. Während der lässig-harmlose Opener „Devil And Doctor“ nicht so recht die kompositorische Originalität und Dichte, aber schon durchaus die himmlische Tightness von Aktor einfängt, offenbart sich beim nachfolgenden „Gone Again“ gleich zu Beginn ein eigenwilliger, voivodesker Ansatz, der Paranoia zu einer reichlich unprätentiös, aber dafür umso effektiver proggenden Melodic-Rock/Metal-Platte macht. Auch alle nachfolgenden Stücke glänzen mit mindestens einem eigentümlichen Kerngedanken, auf den etwas grobe „Widerhaken in Lippe“-Metapher nicht so recht passen mag, sondern eher das Bild eines delikaten, den Hörer erfrischenden und erfreuenden Sommerabendlüftchens. „Stop Fooling Around“ ist von Thresholder Jenseitigkeit, „I Was The Son Of God” klingt mit seinen melancholisch-schrulligen Keyboards ein bisschen wie der Soundtrack zu einem Indie-Retrogame, und „Where Is Home“ hat gar einen outlandishen Grusel-Refrain in petto. All diese präzis angebrachten Schrägen und Kanten runden das Werk derart ab, dass die Vokabel „genial“ ganz ohne schlechtes Gewissen gezückt werden darf. So viel Inspiration, Finesse und Musikalität in nur 34 Minuten Spieldauer – da klatscht es Beifall (und zwar ausschließlich).

Redemption: The Fullness Of Time: „Sapphire“

Gewiss ist „‚Sapphire’ ist die genialste Komposition aller Zeiten!“ eine gewagte Behauptung, wenn man bedenkt, dass es da solch umwerfende Musikgiganten wie Bach, Jean-Michel Jarre, Queen oder Dream Theater gibt, um nur mal drei von rund googol äußerst begabten Tonkünstlern zu nennen. Aber „Sapphire“ verdient wenigstens die Top-Platzierung in den Kategorien „Beste Prog-Metal-Ballade“, „Emotionalster Love-Song“, „Vielschichtigster Spannungsbogen“ und „Atemberaubendste Melodik“. Der Song erzählt die vielleicht zu 2,7 Prozent kitschige und weit über 180 Prozent mitreißende, von Larger-than-Life-Tragik getragene Geschichte einer verlorenen Liebe. Der leidenschaftliche Gesang von Ray Alder (nomen est omen), den man ja von diversen Fates-Warning-Masterkloppern kennt, ist Gott.

Weitere Götter, die zum Ultragelingen dieses ultramelancholischen Opus magnum beigetragen haben, sind das sagenhafte Talent van Dyks, echte menschliche Gänsehaut durch die perfekte Mischung aus Herz und Hirn, authentische Lyrics, grandiose Arrangements und nicht zuletzt eine eindrucksvolle Dramaturgie hervorzulocken, die mit erstaunlicher Leichtigkeit und Präzision für Abwechslung, Power, Fragilität, Genialität, Härte, Epik, geradezu jenseitige Nostalgie, und natürlich jede Menge Genialität sorgt. Die Riffs, die Soli, das Storytelling – man möchte fast sagen, dass Redemption mit diesem kolossalen Edelstein von Liedgut die Erschaffung eines eigenen emotionalen Kosmos geglückt ist. „Sapphire“ ist also für den (melodischen) Prog Metal das, was Bill Gates für Geld, Stephen Hawking für ALS, Wikipedia für Nachschlagewerke oder Google für Künstler ist, die sichergehen wollen, dass ein von ihnen soeben ersonnener Spontan-Neologismus wie etwa „Grüchnauß“ tatsächlich einzigartig ist und nicht etwa in irgendeinem Blog oder Nickname bereits seit dem Mauerfall Verwendung findet. Doch zurück zur simplen Formel, welche ich im Laufe der letzten Jahre erarbeitet habe: „Sapphire“ = Gott.


Jens Marder veröffentlichte bereits 2009 einen Artikel im Online-Magazin Amazon, den 28 Personen als hilfreich markiert haben. Bei postmondän fiel er bereits als Autor der korrespondierenden Liste Wurst of Metal über schlechte und unbedeutende Veröffentlichungen des Genres positiv auf. Jetzt weiterlesen!

Wurst of metal

Auf der einen Seite gibt es da draußen so richtig gute Alben wie etwa Obscuras Cosmogenesis, Dendemanns Vom Vintage verweht, Mörglbls Grötesk, Prögressors Groovium ad Infinitum oder VAs Furi OST

Von Jens Marder


Misery Signals: Mirrors

MISERY SIGNALS fahren ein recht breakiges Sperrmüllcore-Brett auf, das allerdings nicht mit Vergleichsbands wie den gnadenlosen The Dillinger Escape Plan mithalten kann, da zu viel sinnfreies Gebrüll im Spiel ist. Prägnanz und Wiedererkennbarkeit müssen sich hier hinter Härte und gewiss nicht abzusprechendem handwerklichem Geschick der Kanadier (nicht die Nation) verstecken. Somit ist das Album selbst aufn dritten und vierten Hör eher quälend und auf eine unfeine Art sperrig. Sogar ein fanatischer Marder ist nicht in der Lage, auch nur eine einzige echte Großartigkeit in den Riffs und Klicks dieser Schwachkracher auszumachen. Daher fällt es auch schwer, Songs zum Testhören herauszufiltern. Vielleicht kann man den brachialen Opener „Face Yourself“ und den verschachtelten Titeltrack am ehesten empfehlen, wenn es denn unbedingt sein muss. Da das aber nicht unbedingt sein muss, empfehle ich eher, die Finger in Richtung Unearth, With Passion oder Co(ol). zu lassen, denn Metalcore darf ja auch Spaß machen.

TYP1: Ich ist ein Anderer

TYP1 kommt aus Deutschland und spielt ziemlich harten Alternative/Nu Metal. Was streckenweise noch weniger befriedigt als die Produktion, ist der heulsusene Gesang von Sue Bähring, die mit dem anderen Vokalisten nicht mithalten kann. Die nicht selten guten musikalischen Einfälle hätten eine mächtigere stimmliche Umsetzung verdient. „Morbid“ ist ein solide wütender Einstieg mit guten Brat-Gitarren. Danach folgt das textlich leicht angeskurrilte, melancholische „Kinder“, das durchaus zu beeindrucken weiß. „Phobie“ ist wieder die volle Doublebass-Härte, ein guter, energischer Song mit coolem Bang. Dasselbe gilt für „Allein zu zweit“ und „Liebe und Zorn“, die mit dem einen oder anderen Einfall aufwarten. Der Rest der Platte geht in Ordnung, eine nicht untalentierte Band.

THEODOR BASTARD: Sueta

THEODOR ist ein russischstämmiger BASTARD aus Electro/Gothic Rock, Weltmusik und einem Schuss Avant. Auf der Promo-Packung steht: „This album is waiting for a label to be released.” Dieser Satz ist nicht nur grammatikalisch schwierig, denn so gut wie jeder der auf diesem bereits siebten Album („Suetá“ = russ. Hektik, Wirrwarr) vertretenen Songs ist dermaßen gähnial, dass ich an dieser Stelle mehr Lust darauf habe, „gähnial“ zu googeln und zu gucken, wie viele Personen vor mir schon darauf gekommen sind (es sind nicht wenige, wie ich feststellen muss, was meinen Gag wohl recht gähnial macht), als mich weiter mit dieser LP (= langweilige Platte) auseinanderzusetzen. Na gut, der Fairness halber sei gesagt, dass der Titelsong halbwegs leer ist. „Under The Rain“ weiß ebenfalls durch eine Lullodie zu gefallen, auch wenn das Sigur-Rósige Lullement insgesamt etwas zu präsent ist. „Aliah“ hat was von der Abstraktheit Omelette Lullmans, ebenfalls ein Plus. Doch insgesamt dominiert das Stilmittel der Eintönigkeit, sodass dieses Album genau dort anzusiedeln ist, wo Melancholie und Monotonie sich Guten Tag sagen. Spezialtipp: Objectionable Apparatus von Kol Belov.

THE ALIEN BLAKK: Modes Of Alienation

Relativ eigenartiger Instrumetal, der uns hier von Joshua Craig (Komponist, Gitarrist und Produzent), David Ellefson (Ex-Megadeth) und Craig Nielsen (Flotsam & Jetsam) geboten wird. Totaler Crossoverkill, vom hart riffenden „Replihate“ (die Nummer ist fast so gut wie das lame Wortspiel) bis hin zu der ultrasüßen Zuckerballade „Sol Amente“ (die Hauptmelodie ist klischeegeladener als so manch ein russischer oder chinesischer Popsong), von dem Country-Strike „Twin Twang Twung“ bis hin zum flamencodierten „For Max“ ist so einiges an Genres dabei. Bei Modes Of Alienation handelt es sich um ein in Ansätzen interessantes Album, das oft mitreißender und nicht so unterproduziert hätte ausfallen können. Außerdem ließ ich mir sagen, dass der Gitarrensound kaum Vibrato hat, was wohl irgendwie scheiße ist.

SPIRITUS MORTIS: Fallen

Seit fast zwanzig Jahren frönen SPIRITUS MORTIS dem Untergang und sind noch immer nicht untergegangen. Gut Doom will Weile haben. Doch so ganz doomig geht es auf „Fallen“ eigentlich gar nicht zu. Es ist oft ein ziemlich rockig rollendes Album, das die Traditionen des langsamen und umso schwereren Metalls mit denen des Classic Rock verbindet. „Leave Me“, „Something Came And Killed“ oder „All This In The Name Of Love“ (dieser Anspieltipp ist trauriger als eine Trauerweide) sind dabei allesamt gelungene Stimmungskanonen: Sie heben die Stimmung des Rezensenten, indem sie sie auf einen ordentlichen Doom-Level senken. Leider gibt es auf dem Album auch so manche aussageschwache Stelle, und das Eröffnungsriff von „Sleeping Beneath The Lawn“ ist nun wirklich alles andere als neuwertig.

SÓLSTAFIR: Masterpiece Of Bitterness

7 Lieder in 70 Minuten ist schon mal ordentlich episch. Die Reise durch dieses finnische „Meisterwerk [?] der Bitterkeit“ beginnt mit „I Myself The Visionary Head“. Man möchte dem Track keinesfalls einen gewissen Tiefgang mit phantastischem Potential absprechen, doch gehen diese Attribute, falls vorhanden, mit fast auf 20 Minuten gezogener Langeweile einher. Trotz Doublebass und Blastbeat schaltet man schon mal ab, denn viel passiert da nicht. Ähnlich unterpointiert-zeitverschwenderisch wirken Track 2 und 3. „Ghosts Of Light“ bringt aber doch noch etwas Abwechslung und Griffigkeit in die Sache, wenn auch nicht in Überdosis. Dann kommt „Ljósfari“, das durch seine umfassende, energische Trauer mitreißt, was wahrscheinlich vor allem am flotten Schlagzeug liegt, das der nicht unbedingt Paradigmenstruation verursachenden Hauptakkordfolge den nötigen Zusammenhalt verleiht. „Ritual Of Fire“ ist wieder ruhiger konzipiert, und mit „ruhiger“ ist eine Musik gemeint, die vor allem für Leichen (und solche, die es werden wollen) interessant sein dürfte. Nichts für ungut, aber diese Partymucke ist trotz einer gewissen nordischen Schönheit und origineller Drums kein Muss. Das Outro „Náttfari“ schließlich überrascht mit einer gewissen Wüstenrockigkeit, kann aber ansonsten nicht das mittlerweile gefestigte Urteil beeinflussen, dass es sich bei diesem Album leider um keine Kaufempfehlung handelt. Wer auf prachtvoll-begnadete Epik steht, der möge sich etwa „Sapphire“ von Redemption ans Herz wachsen lassen, kein unschmerzvoller Vorgang übrigens.

SARALEE: Darkness Between

Die Finnen SARALEE spielen einen leicht angegothten, melodisch-melancholischen Rock/Metal-Hybriden. Der Opener „Everytime“ ist ein hübsches Pop-Lied, das den Stil und die Stärken der Band gut auf den Punkt bringt. „Black & Hollow“ ist ebenfalls prima geglückt, elegante Klavierbegleitung sorgt für ein sympathisches Stimmungstief, welches dem Bandsound eine eigene Wärme verleiht. Der titelgebende Track kommt mit einem echt hitverdächtigen Refrain und einer ehrlichen Sentimentalität daher, sodass man auch hier mit durchausem Respekt nicken darf. „My Sweet Craving“ überrascht trotz aller Depriphilie mit flippischem Hard’n’Heavy-Riffing, das dann aber doch in langweiligere Gefilde abdriftet, was wohl auch das Manko von Darkness Between insgesamt sein dürfte: Solide Songs stechen aus den ansonsten lauen Kompositionen heraus, weswegen alles in allem ein gut gemachtes, aber immer wieder albernes Album das Resultat ist.

PLATITUDE: Silence Speaks

Wie kann sich eine Band PLATITUDE nennen, wenn sie als Ausgleich zum verhängnisvollen Bandnamen nicht mindestens so originell und aufregend klingt wie etwa Ark auf Burn The Sun? Na ja, ganz so schlecht ist deren Musik ja nicht. Die Schweden haben einen guten Sound, einen guten Sänger und gute Instrumente. Aber ein Gemeinplatz-Hasser muss schon genauer hinhören, um festzustellen, dass das alles nicht so ganz platt und abgegriffen ist, wie es zunächst klingen mag. Nach reiferer Überlegung stellen sich Songs wie „Tell The Truth“, „Nobody’s Hero“, „Silence Speaks“, „You“ (Refrain-Qualität beachten!) und das überaus cool und dramatisch riffende „Don’t Be Afraid“ (Anspieltipp!) als grundsolide heraus. Also ein zweitklassiges Album, das zum Glück nicht frei von einigen erstklassigen Momenten ist.

Face Down: The Will To Power

FACE DOWN sind wieder da und richtig derbe drauf, genau so, wie es sich für eine Thrash/Death-Metal-Band gehört. Da drastische Drums und rigorose Riffs auf The Will To Power keine Ausnahme sind, kann das Album schon mal nicht schlecht sein. „Blood Tiles“ ist ein erbarmungsloser Wegfeger, „Insanity“ und „Warhog“ sind viehisch, brutal, direkt. „Will To Power“ ist gnadenlos und bietet abwechslungsreiches Gitarrenspiel, das am Ende überraschend in einen düsteren Pianopart übergeht. Auf der anderen Seite haben wir jedoch auch so Sachen wie z. B. „Drained“, „Heroin“, „Heretic“ und „The Unsung“, die entweder zu wenig oder zu viel Wiedererkennungswert haben, was in beiden Fällen nicht gut ist. Insgesamt ist die Platte echt nicht übel, schließlich kriegt man bei jedem Song eins in die Fresse. Doch manchmal geht die Thrash-Gleichung (Thrash = derb + fies) nicht ganz auf: FACE DOWN sind oft einfach nicht fies genug, was dieses Album unterm Strich schlechter als gut macht.

Circle of Dead Children: Zero Comfort Margin

CIRCLE OF DEAD CHILDREN machen Grind, Death und Crust. Dass die hier praktizierten Riffs besonders simpel sind, kann man nicht behaupten. Wie bei vielen Extrem-Metal-Gruppen trifft man auch hier auf Breaks en masse. Allerdings blubbert die grindige Brühe im Endeffekt ideenlos daher, Tempowechsel & Schmankerl vermögen nicht über die Tatsache hinwegzutätscheln, dass die vorliegende Platte nicht viel mehr zu erzeugen vermag als irgendeine undifferenzierte Art von morbiden Gruselantien. Während andere vergleichbare Bands in 20 Minuten eine dichteste Kugelpackung aus Harmonie und Dissonanz abliefern, hat das vorliegende Album eher was von einer Fehlzündung. Natürlich kann man zu dieser Mucke viel besser bangmoshen als zu einer Fehlzündung, aber es gibt ja auch genug andere Bands, die nicht nur knüppelkotzen, sondern auch formidable Strukturen erschaffen. Wer als Kind genug Brei hatte, darf auf Zero Comfort Margin verzichten.

SWITCHBACK: Angel Of Mine

Thrash, Death, Mathcore. Auf der Erstlingsrille der Schweizer SWITCHBACK kommt einiges an Extrem-Metal zusammen, und es entsteht eine (head)bange machende, immer wieder recht originelle Fleischhausubstanz namens Angel Of Mine. Die Promoter sprechen hier von „Elf-Track-Weltenbrand“, was nicht ungewagt, aber irgendwo verständlich ist. In der Tat werden hier jede Menge Bolzen verschossen. Während der Opener recht unspektakulär weht, blasen Songs wie „Ironic Sensation“, „In The Deep Of My Soul“ oder „Eco“ die pure Ästhetik des gemeingefährlichen Thrash-Riffs auf eine nett dagewesene Art und Weise. Der Titelsong geht los mit einem flink gezockten Gitarrenintro, das auf mehr hoffen lässt, als dann tatsächlich kommt. Nach dem zweckdienlichen Akustik-Instrumezzo gibts mit „The Flames Of The Beyond World“ und „Esperanza“ noch zwei anständige Attacken, bevor sich das Album auch schon dem Ende zuneigt und den Hörer mit ein paar blauen Metalflecken im [empfindliches Körperteil] nicht unzufrieden zurücklässt.

VOODOMA: Reign Of Revolution

Nicht überragend, jedoch gut tut das zweite Album der deutschen Power-Metaller VOODOMA. Mit Oma hat das hier nix zu tun, denn Reign Of Revolution knallt epischwer-melodiös durch die Boxen und würde so manches Altersheim revitalisieren. Geil geht zwar anders, aber „World In Hands“ zum Beispiel ist ein überzeugendes Stück, „White Lies“ ist sehr heavy und „Rude Awakening“ schlägt in dieselbe Derbkerbe – ungesüßter, Judas-Priesterlicher Heavy F****** Metal! „Traces Of Sin“ ist melancholisches Schmeichelmark,  der Rest ist dann aber doch irgendwie nicht das Sahnetüpfelchen auf dem i.

UREAS: The Naked Truth

UREAS sind eine dänische Power-Metal-Band mit dezentem Progfaktor. Das Musikerehepaar Heidi und Per verarbeiten jede Menge eingängiger, guter bis sehr guter Ideen zu einer leichten bis grundsoliden Kost, die sich hören lassen kann. Dank einer leider guten Textverständlichkeit wird der Hörer zwar zuweilen durch ärmliche Texte und Reime vexiert, aber das soll bei der Bewertung nicht ausschlaggebend sein, obgleich Fröhlichkeitsgekloppe, Sprechgesang und Textzeilen wie „I say a prayer to the father in heaven – what shall I do? Give me a sign“ nicht gerade das Gelbe vom Ei, sondern eher vom Himmel sind. Dafür können dann aber Lieder wie „Intoxicated“, „In My Life“, „Survived“ und allem voran „Colour Us Blind“ (Klassiker?) recht sehr überzeugen: (ab- und an-)hörenswert.

UNDERTOW: Milgram

Nach dem etwas zu langen „In“(tro) geht es mit „Stomping Out Ignorance“ ans Fett: Harte Riffs und melodische Parts prägen nicht nur diesen gelungenen Opener, sondern auch das gesamte vierte Album der deutschen Hard-/Metalcoreler UNDERTOW. Weitere brauchbare Lieder sind „Two Fingers“ (emotional ansprechendes Refrain), „Buried In Snow“ (smoothes Riff) oder „This Is The Worst Day … Since Yesterday“ (eindringliche Ballade mit gewissenhaftem Drumming). Allerdings sei gesagt, dass die vorliegende Platte trotz einiger Lichtblicke in Form von Überdurchschnittlichkeit eher tunnelt.

PHAZE I: Phaze I

PHAZE I liefern hier ein intensives Metalerlebnis moderner Prägung ab, das vom Energielevel her durchaus mit Darkane oder dem Biomechanical-Meisterwerk The Empires Of The Worlds vergleichbar ist. Leider ist das Album nicht optimal produziert, sodass man sich die tollen Melodien teilweise dazudenken muss. Aber wahrscheinlich ist es kein Wunder, dass bei so viel mächtigem Gebeule das eine oder andere Detail untergeht. Hier wird ohne Ab gedroschen, es gibt immer wieder proggige Abwechslung, das Schlagzeug ist streckenweise echt monströs, solch fieses Gedrumme muss man erst mal ignorieren lernen. „New Archetypes“ wartet beispielsweise mit einer brillanten Melodie auf, die zwischen Riffstakkato und Riffstakkato untergebracht ist. Danach geht es direkt mit „Evolution Of A Species“ weiter, ein ebenfalls heftiger, wenn auch nicht ganz so großartiger Song, der auf den hohen Derbheitslevel von „Stench Of Their Flesh“ vorbereitet. Track 3 dreht nämlich gleich mit einem total hemmungslosen Riff auf und macht auch im weiteren Verlauf keine Kompromisse, von Gefangenen zu schweigen. Selbiges gilt für das anepisierte „Screams Of Dying Dogs“. „Going To Exist“ setzt dem Ganzen nicht unbedingt die Krone auf, denn es ist das nicht schlechte Ende eines voll nichtschlechten Albums.

PARKWAY DRIVE: Killing With A Smile

PARKWAY DRIVE sind im Prinzip eine weitere tendenziell unfaszinierende Metalcore/Death-Metal-Combo mit einem nichtssagenden Bandnamen, einer einwandfreien, heftigen Instrumentalarbeit und erstklassigen Produktion. Meistens gilt es, mehrder uninspirierte Riffs zu belauschen, die nicht berauschen. Hin und wieder gibt es feine Ausnahmen in Form von einfallsreichen Technikspielereien, die eine Dose Überdurchschnittlichkeit aufmachen. Hervorstechend sind da beispielsweise „Romance Is Dead“ (der Break in der Liedmitte groovt wien Wildschwein), „Guns For Show, Knives For A Pro“ (schweres Riffing) oder „It’s Hard To Speak Without A Tongue“ (cooles Intermezzo). Grundsätzlich aber ist dieses Album eher lau und wirft erneut die Frage auf, wieso die Australier (die Band, nicht das Volk) unbedingt so erfolgreich sein müssen.

MORTAL LOVE: Forever Will Be Gone

Man muss zugeben, dass es sehr schwer ist, an ein Album mehr oder weniger objektiv heranzutreten, das auf zehn Kilometer nach (un)geschminktem Gothkitsch mieft. Der Bandname MORTAL LOVE wäre gerade noch so zu vertragen, wenn da nicht der hyperkitschige Titel Forever Will Be Gone wäre: Zum Schlüssellutschen muss man sich nun gar nicht mehr bücken … Bis auf wenige Ausnahmen wird hier geradezu hirnwidriger Kitschquatsch geboten, dessen angestrebte Schönheit von der Vokalistin respektive „Sägerin“ (s. Presse-Info) Cat überaus kitschwillig erzeugt wird. Aus der Masse der hier dargebotenen Gähniestreiche (es sind nicht wenige, wie ich feststellen muss, was meinen Gag selbst wohl recht gähnial macht) fallen lediglich folgende zwei Tracks ein wenig heraus: „While Everything Dies“ bietet (neben ein paar deutschen Textzeilen) Gruselharmonien im Refrain, was dem Song mehr Tiefgang verleiht. Auch der Titelsong überrascht mit ungothischem Black-Metal-Riffing, das jedoch umso typischer für Black Metal ist und somit im Endeffekt nichts wirklich Neues bietet. Dennoch ein nicht uncooler Abschluss eines ansonsten waghalslosen und spannungsentladenen Albums.

MISERY INC.Random End

MISERY INC. aus Finnland spielen auf ihrem zweiten, gut produzierten Album Random End modernen, relativ skandinavischen Power/Thrash Metal, eine Kombination, die am ehesten an Into Eternity erinnert, wenn man das Virtuose wegdenkt. Sowohl Gesang (clean/death) als auch Instrumentalsektion überzeugen. Lediglich das Kompositorische wirkt oftmals müde, was natürlich der Hauptkritikpunkt sein muss. So manches Riff hört sich ganz gut an („Hymn For Life“, „Apologies Denied“) und so mancher Liedanfang vermag das Bang-Gen zu aktivieren („Yesterdays Grave“, „Source Of Fatal Addiction“, vor allem aber die beiden letzten Thrasher „No Excuse For Weakness“ und „Out Of Here Alive“), aber dann verliert sich der Song in Durchschnittlichkeit, weil die melodiösen Parts irgendwie kein Feuer der Erkenntnis entzünden und dem Hörer keine wirkliche Erleuchtung bringen. Und so muss man zu dem Schluss kommen, dass man von diesem Album kein Ohrenbluten bekommt, weder im positiven noch im negativen Sinne.

MIRZADEH: The Creatures Of Loviatar

Nach dem sowohl düsteren als auch vorhersehbaren Intro mit dem ekligen Titel „Whispers From Filthy Wombs“ gehts mit einem munteren Riff an Mutters Einmachglas Black-Metal-Meat. Noch ist man von MIRZADEHs The Creatures Of Loviatar nicht gerade hin und weg, obgleich die sinistren Monster allmählich aus allen Löchern zu köcheln beginnen. „Viper Of The Frozen Ground“ haut auch nicht aus den Socken, macht aber durchaus auf ein gewisses Talent der Band aufmerksam. Prägnanter ist „Louhi’s Legacy“: Abgehacktes Riffing lässt den Track spannend beginnen, jedoch dominieren schon bald selbstgeknüpfte Keyboardteppiche aus dem Schwarzen Kindergarten, was dem Ganzen doch wieder den anfänglichen Wind aus den Segelohren nimmt. Überhaupt verwässert hier die Tastenbegleitung das Album unglaublich, vielleicht kann man sich da ein Scheibchen von der Dimmu-Borgir-Wurst abschneiden, deren feinste Wässer tiefer sind. Einer der wenigen echten Höhepunkte, oder vielleicht der einzige Höhepunkt, dieses Albums ist auf „Tuonelan Lasten Tanssi“ vorzufinden, als nämlich bei 1:22 das feine Hauptriff einsetzt, dessen Originalität und Energie erdmännchenähnlich aufhorchen lässt … Ausklingen lassen die Finnen ihr Werk mit einem Outro, „Kalmisto“ heißt das dämliche Teil. MIRZADEH verbreiten wenig Licht und noch mehr Schatten, was selbst bei einer Black-Metal-Band nicht als Kompliment gemeint sein muss.

MESRINE: Jack Is Dead (1999 – 2004)

Die vorliegende Platte vereint „das Beste“ aus 12 EPs (inklusive einiger bis dato unveröffentlicht gebliebener Tracks) der kanadischen Grind-o-Matten MESRINE. Vump Jahre Grind bis zum Absterben, alles auf einer Platte. Benannt nach dem französischen Ganoven Jacques Mesrine, treiben MESRINE fast 80 Minuten lang Extrem-Unwesen. Saumäßiges Gebrülle, Gekloppe und Gedärme fliegen aus den Boxen, und das alles gar nicht mal so doof. Es fällt auf, dass die Jungs sich bemüht haben, hin und wieder so etwas wie eine Melodie einzupflegen, damit man die Songs besser auseinanderhalten kann. Dass man sie dennoch nicht auseinanderhalten kann, beweist eindrucksvoll, wie schwer es sein muss, ein Album zu komponieren, das Derb Metal frönt und dabei nicht nur Arsch tritt, sondern auch Köpfchen.

KRISTENDOM: Awakening The Chaos

KRISTENDOM aus Frankreich veröffentlichen mit Awakening The ihr drittes abendfüllendes Album, das ordentliches Death-Metal-Entertainment mit gut Groove und Trommelfellmassaker ermöglicht. Nach den zwar kräftigen, aber kompositorisch eher unspektakulären „Existence“ und „Failure“ kommt mit „Le Souffle Animal“ ein erster überzeugender, atmosphärisch packend umgesetzter Song aus dBoxen. „Short Life“ kracht ebenfalls cool und bearbeitet den Hörer abwechslungsreich. „Welcome“ hat ein catchy Riff als Grundgerüst, was dem Liedchen einen dicken Pluspunkt auf der nach schlimm offenen Monsterskala garantiert. Es folgt noch ein Slayer’scher Break als (obligatorisches) Sahnetüpfelchen als Reisevorbereitung nach Headbangladesch. Ebenfalls sehr einprägsam ist „Impure“, ein recht technisches Ungetüm. Der Rest liebäugelt dann wieder mehr mit Belanglosigkeit. Insgesamt gesehen also ein mit Schmackes produziertes und eingespieltes Album, dem jedoch noch zu viel Durchschnittlauch zwischen den rar gesäten Zähnchen steckt.

KALIBER: Neues Land

Ehrlicher Alternative-Gitarrenrock aus deutschen Landen mit deutschen Texten. „Ehrlicher“ klingt, um ehrlich gesagt, nach Euphemismus: KALIBER können singen und spielen, keine Frage. Heutzutage wird so viel produziert: jeder Dritte schreibt ein Buch, jeder Zweite dreht einen Film, jeder Einzelne spielt in einer Band. Nur ist Vielfalt nicht immer das Gegenteil von Einfalt. Außer vielleicht „Meine Stadt“ scheinen die restlichen Songs recht durchschnittlich kalibriert zu sein. Passend dazu auch die relativ mediokre Titelanspielung im letzten Satz. Bevor ich zu negativ werde und mit diversen unkoscheren Konnotationen des Wortes „Land“ unter die Gürtellinie bzw. ins Loch greife, kommen wir zum Punkt.

GOLGOTHA: New Life

GOLGOTHA aus Spanien sind absoluter Death/Goth-Doom. Langsame, schwere Nüstern einer verboten tiefen Stimme pressen den Hörer in die fötale Aussichtslosigkeit (??? – Anm. d. Red.). Ein bisschen wie Bolt Thrower, nur nicht so militaristisch. Auf jeden Fall übelstes Mittel-Tempo. „Never, Never Again“ ist beispielsweise ein gewaltiger, erhabener Song, dessen Refrain als Kind in ein Bad aus Melancholie und Hoffnungslosigkeit gefallen sein muss – berückend! „I Am Lost“ hat auch Klassiker-Ambitionen. Ein simples, aber dennoch eindrucksvolles Heavy-Riff eröffnet das Lied, in dessen Verlauf die Atmosphäre ausgebuchtet wird. „Lake Of Memories“ ist, wie der Titel schon vermuten lässt, episch, was allerdings nicht unbedingt ein Qualitätsgarant ist. Genau genommen sind es vor allem die zwei anfangs erwähnten Titel, die echten Wert haben, während die übrigen Tracks zwar eine (eindeutige) Stimmung zu transportieren vermögen („Forever Gone“), songwriterisch aber eher uninteressantish sind, zumal vieles ziemlich ähnlich und altbacken klingt. Also der ultimative Bringer ist es nicht, aber für Fans dieser Stilrichtung eine Schwermutprobe wert.

EXTREMA: Set The World On Fire

Ziemlich solide, was die Italiener (die Band, nicht die Nation) da auf ihrem sechsten Album in den Kasten gebumst haben. Es gibt sowohl alternative als auch thrashige Metalcore-Elemente in ihrem Sound, was Set The World On Fire, so unscheinbar der Titel auch klingen mag, zu einem abwechslungsreichen Plättchen macht. „New World Disorder“ ist ein Prügelknabe vom alten Schlage, „Second Coming“ ist etwas zurückhaltender, aber ebenfalls riffrough. Weitere interessante Stellen gibt es auf „Restless Soul“ (Soli), „Six Six Six Is Like Sex Sex Sex“ (is was dran) oder auch „The Will To Live“ (eigensinniger Anfang) zu hören. Enden tut das Album mit einem sog. nichtnotwendigen „Ace Of Spades“-Cover und einem daran anschließenden, sog. nochwenigernotwendigen,abernatürlichauchniemandemwirklichschadenden Bonustrack. Eine stellenweise packende, immer wieder aber auch unspektakuläre Leistung von einem Album, das man sich ruhig mal aufhören kann.

ELECTRIC OUTLET: On!

ELECTRIC OUTLET ist ein Fusion-Projekt, das auf dem vorliegenden Album On! (zu) gut hörbare, immer wieder Easy Listening zugetane Musik entfaltet. „Comprendes“ wird seltsamerweise mit dem charakteristischen Soundeffekt aus dem US-Serienhit 24 eröffnet und entwickelt sich zu einem groovenden, wenn auch schnell durchschauten Longtrack. Während der Jack-Bauer-Verweis für den Opener nicht ganz sinnvoll erscheint, lässt das ziemlich starke „Propellerhead“ durchaus an den Soundtrack einer fiktiven Agentenserie aus den Achtzigern denken, inklusive gelegentlicher Versatzstücke des James-Bond-Themas. „Odd Garage“ ist trotz des eher vielversprechenden Titels ein Liegepinkler geworden, also ein Stück, das ganz nett und ein bisschen funky vor sich hin vegetiert und mit an Sicherheit grenzender Sicherheit ganz wenig Neues bietet. Dasselbe Manko lässt sich auch bei den Nachfolgern „We Need A Plan“ (dieser Satz wird immer wieder von einer Stimme rezitiert und ist, so leid es tut, auch ein wenig selbstreflexiv zu verstehen), „Tekky“ und „Gold III“ nicht verleugnen, obwohl hie und da einige nahezu progmetallische, ziemlich lässige Riffs angespielt kommen. Der Schlusstrack „Miles Away“ schließlich ist, wie fast der ganze Rest der Platte, noch weit von den Gordian Knots oder gar Mahavishnu Orchestras dieser Welt entfernt. Als Alternative zum handwarmen Zeug bietet sich die Knüppel-Action mit Kiefer Sackabland an.

EAGLES OF DEATH METAL: Death By Sexy

Ich finde es regelrecht schlimm, dass die EAGLES OF DEATH METAL keinen Death Metal spielen, sondern so was Alternativ-Rock-’n’-Rolliges, sich aber dennoch mit dem Metall des Todes im Namen schmücken. Klar, der Opener „I Want You So Hard“ ist sicher ein kleiner Hit, und das dazugehörige Video (mit Jack Black in einer kleinen Nebenrolle) echt witzig. In „Cherry Cola“ wird mit gut gebauten Akkordfolgen das Getränk besungen, und „Poor Doggie“ hat einen straighten Rock-Beat und ist recht bluesig und cool ausgefallen. Aber sonst ist das Album ein großer Schmerz im Arsch! Man darf vor dem QotSA-Frontmann Josh Homme (hier am Schlagzeug) so viel Respekt haben, wie man will, aber eins steht fest: Während seine ziemlich großartige Stammband für Fans von guter Musik komponiert, komponieren die EAGLES für Fans von Glam-Rock-Parodien oder so. Was.

DISARMONIA MUNDI: Mind Tricks

Eigentlich unverständlich, wie man derart langweilige und belanglose Alben aufnehmen und den absolut übersättigten Markt noch weiter mit kunstlosem Mist ausstopfen kann. Keine Top-Produktion und kein einwandfreies Handwerk der beteiligten Musiker (darunter auch Biom „Speed“ Strid am Grunz) können mich davon abhalten zu meinen, dass es sich bei DISARMONIA MUNDIs drittem Album Mind Tricks um ein/en unnötigen In-Flames-/Soilwork-Klo/n handelt, zu dem man kataton bangend die Spülung betätigen möchte. Größtenteils uninteressante Kompositionen durchziehen diese selten überragende Platte und machen Lust auf weniger. Der Titelsong klingt zwar ganz anständig (nicht eigenständig!), vielleicht auch „Parting Ways“ und „Liquid Wings“, ansonsten jedoch: GÄHNichtkauf

CRUACHAN: The Morrigan’s Call

Das Eröffnungsriff von CRUACHANs The Morrigan’s Call ist wahrscheinlich so alt wie Metal (nicht die Musikrichtung, das Material). Das muss eigentlich nicht sein, selbst wenn die irische Pagan-/Folk-Metal-Band ihre Musik mit deutlichen Einflüssen aus alten Zeiten versetzt. Hier gibt es Violinen, Mandolinen und kleine Bläser, zwischendurch auch Death- bzw. Black-Metal-nahe Kreischattacken, aber die Vielfalt an Instrumenten hilft nicht immer über die häufige Schlichtheit der Kompositionen hinweg. „The Brown Bull Of Cooley“ besticht durch eine schöne, geheimnisvolle Melodie, „Coffing Ships“ kombiniert kompromisslosen Black Metal mit lustiger Kirmesmusik aus dem Jahre 1234, „Ungoliant“ scheint eine Reprise des wunderschönen, schon erwähnten „The Brown Bull Of Cooley“ zu sein, wobei interessanterweise keine besonderen Unterschiede zum letztgenannten Track feststellbar sind. Der Rest der Platte ist unterm _______________.

ALLHELLUJA: Pain Is The Game

Gleich zu Beginn sei bemerkt, dass die Musik dieses Heavy-Rock-’(n’-Death’-)n’-Rollers nicht mit der Sonderbarkeit des Covers mithalten kann, das ästhetisch irgendwo zwischen David Lynch und Silent Hill anzusiedeln und entsprechend augenfänglich ist. Der Opener „Are You Ready?“ ist sicher ein Song von Format, energiegeladen und prägnant. „Demons Town“ ist ebenfalls ein griffiger Riffer mit einem coolen Refrain. „Big Money, Sweet Money“ hat etwas von Alice in Chains, durchaus ein Aussagekräftiger. Der Rest ist eher Groove-Brei, der mit neophoben Simpelriffs anödet. Also na ja, eine gewisse Qualität kann man dem Vierer um Hatesphere-Sänger Jacob Bredahl nicht absprechen, aber ob ich dieses Album je wieder hören werde, ist so fraglich wie die Ampel in der Kirche.

AGORAPHOBIA: Sick

Auf ihrem selbstproduzierten Sickbum gibt es gut gemachten Thrash/Death mit diversen modernen Einflüssen zu hören. „Gut gemachten“ klingt nicht nach purer Begeisterung: Tatsächlich gibt es zwar hier und da ordentliche Riffs, die aber nicht zwingend dafür sorgen, dass die Songs für längere Zeit einen Platz im Stammhirn finden. Dafür sind die tragenden Ideen in den besten Tracks des Albums wie „With A Smile“, „The Call“ (hat was von Train Of Thought) oder „Harassed Consciosness“ zu bräsig, gut gemeint zwar, aber doch nicht bissig genug. „My Weapon“ mag zwar echt Power haben und rifft fast auf demselben Frechheitslevel wie Destruction in Bestform (etwa „Bestial Invasion“), dennoch werde ich nie kapieren, wieso Leute ein Album Sick nennen, wenn es lediglich vor sich hinsickert.

Xcarnation: Grounded

Laut Promo-Beipackzettel treibt es Cenk Eroglu, Begründer, Sänger, Gitarrist, Keyboarder, Komponist und Produzent seiner Band XCARNATION, progressiv und meisterlich. Diese Aussagen müssen etwas relativiert werden: Hier wird hin und wieder überdurchschnittlicher Industrial/Electronic Rock geboten, der nicht progressiver ist als Nine Inch Nails. Der Packungsbeilage lassen sich ebenfalls angedeutete King-Crimson-Bezüge entnehmen, die angesichts von nicht weniger als vier kompositorischen Platzpatronen auf diesem 10-Schuss-Album sowie der gerade erwähnten Straightness des Materials wirklich mehr als unangebracht sind. Hervorragen tun andererseits das mehr emotionale denn innovative, mit sich dramatisch zuspitzendem Riffing ausgestatte „Everlasting“, die sehr schöne, aber auch überaus Bryan-Adamselige Ballade „Without You“, das mit exotisch-orientalischen Zwischenspielen angereicherte „Reason To Believe“ und schließlich „Lucky Day“, dem der wahrscheinlich unvorbelastetste Refrain des gesamten Albums zugrunde liegt. Der größte Schwachpunkt von Grounded ist und bleibt aber die Tatsache, dass einige der besten Momente immer noch einen unangenehmen Beigeschmack von Epigonentum aufweisen. Insgesamt gesehen also keine Platte für die Ewigkeit, obgleich der eine oder andere Funke jener Zeitlosigkeit, aus der die Komponistenträume gemacht sind, überzuspringen vermag.

Vermis: Liturgy of the Annihilated

VERMIS praktizieren eine ziemlich groteske Variante des Death Metal, wie man womöglich schon am Albumtitel erkennen kann. Leider kann man die Band qualitativ nicht ganz mit den Klassikern etwa eines Morbid Angel vergleichen, obzwar hier ein äußerst solider und häufig eigener Dampfwalzensound regiert. Wie zum Beispiel im ersten Song „God Abhors The Living“, der an das Überwerk Heretic erinnert, weil mit überaus monströsem Riffing ausgestattet. Ab dem Nachfolgetrack „Necrosapiens“ ist allerdings ein leichter Riff-Verfall zu verzeichnen: Die Liedanfänge mögen zwar noch durch eine gewisse Prägnanz und Ausdrucksstärke überzeugen, auch gefällt so mancher Liedtitel, der sich – wie es sich für richtigen Death Metal gehört – mit obskuren Vorstellungen aus dem Reich des Unaussprechlichen befasst. Doch lässt die Gesamtschlüssigkeit der Kompositionen etwas nach. Was allerdings nicht heißt, dass solche Songs wie „Void Of Fallen Grace“, „Worldend Catharsis“ oder „King Of Tombs“ nicht trotzdem schön schlimm sein, im Midtempo kräftig doomen und gute Soli bieten können. Im großen Vergleichsmaßstab betrachtet ist das Album keine uneingeschränkte Kaufempfehlung wert, für Death-Metal-Freaks allerdings ist ein Hörtest Pflicht (und damit ist nicht nur das Probehören dieses Albums gemeint)!

Uhrilehto: Ihmisvihan Eliitti

Nicht zufällig hört sich der Albumtitel verdammt finnisch an: Die Black-Metaller UHRILEHTO halten ihre Finnenfist hoch in den nordischen Himmel und geben uns eine amtliche Ladung Dunkel mit auf den Weg. Während Noirgrim, Essiah und Cyclotron Gitarre, Bass und Schlagzeug bedienen, sorgt Nidhogg mit genretypisch abnormen Vocals für Maximaldisruptus am Mikro. Das Album bietet eine gute Balance aus Tradition und Fortschritt, Black-Metal-Harmonien treffen auf überraschende Intermezzi und Breaks, was der Langeweile schon mal ganz gut vorbeugt. „Marraskuun Kahdeksas“ heißt der atmosphärisch und melodisch gelungene Opener, der das hohe Energie-Level des Albums vorgibt. „Kolmen Minuutin Armopala“ ist ebenso flott und hat einen kleinen funky Zwischenpart, der den Song für kurze Zeit aus dem Black-Metal-Genre völlig entfernt. „Huoranpenikat Ja Huijarikuninkaat“ ist musikalisch fast genauso komplex wie der dazugehörige Songtitel, nämlich die reinste flageolettdurchtränkte Prog-Hölle, wie sie zu gefallen weiß. Weitere Vorteile der Platte sind ein tolles Organ-Solo bei „Vitutuksen Viitoittarna Vuosikymmen“, eine nicht klischeefreie, aber doch catchy Black-Metal-Melodie in „Korpimetsän Perkele“ und das dämonische Cover-Artwork, auf dem ein Skandinavieh deftiges Unwesen mit seinem Beil zu treiben vorhat. Nachteilhaft wirkt sich allerdings der ungewaschene Gesamtsound aus, der dem ansonsten anständigen Oeuvre etwas an Wirkung nimmt.

Silencer: Death of Awe

Da es sich beim SILENCER um ein (leider recht seelenloses) Spin-Off von Darkane handelt, die auf ihren als geradezu klassisch zu bezeichnenden Psychotrips Insanity und Expanding Senses gezeigt haben, wie Wahnsinn auch ohne „Meshuggah“ im Bandnamen funktioniert, könnte die Zukunft von SILENCER sehr gut aussehen – sobald man es geschafft hat, die offensichtlich vorhandenen spielerischen Fertigkeiten nicht nur in den Dienst von Technik, sondern auch Eigenständigkeit und Songwriting zu stellen. Das Konzept der harten Knüppelei wird hier nämlich nur wenig weiterentwickelt, es hat eher den Anschein, als hätte man der Abwechslung und Originalität einen … Dämpfer vorgeschraubt, sodass (bis auf kleinere Ausnahmen wie etwa beim Titeltrack und „The Harvest“) leider weder riff-, lick- noch sonstmäßig Bemerkenswertes geboten wird. Sehr schade, denn „Silencer“ ist an sich ein cooler Name für eine coole Band, die dafür bekannt sein könnte, filigranes Soundkrass zu praktizieren.

Python: Good & Evil

PYTHON kann natürlich nichts anderes als Thrash Metal sein, der Bandname sagt etwa so viel wie 1000 Schläge ins Gemächt. Allerdings scheint die Phonetik von „Python“ aggressiver, stromlinienförmiger und feyner zu sein als die Musik der Amerikaner: Diese ist nicht gänzlich ohne, aber auch nicht wirklich mit. Bereits der Opener „Good & Evil“ ist eine Kombination aus Power und Klischee, wobei die Power glücklicherweise überwiegt. Der Gesang ist aber leider ziemlich egal, was eigentlich nur dann gut kommt bzw. erlaubt sein sollte, wenn die instrumentale Seite voll heftig kleinhaut. Diese ist aber wie gesagt läulich. „Complex Mind“ ist herrlich unkomplex, „Fallen Angel“ fällt nicht weiter auf, anstatt zu gefallen, „Crucifixion“ verschwindet genauso schnell, wie es aufgekreuzt ist, und „Cursed“ ist verflucht ambitioniert, aber im Endeffekt leider seelenlos. Einzig „The Un-Holy“ kann überzeugen, vor allem wegen eines Riffs in der Lied-Mitte, das ein Thrash-Herz nicht nur höher schlagen lässt, sondern ganz einfach erschlägt. Also: ein gut hörbares Album von einer Band, welche die Enthüllung ihres Potentials auf jeden Fall noch vor sich hat.

Nicodemus: Vanity Is A Virtue

Vanity Is A Virtue der US-Band NICODEMUS ist in der Schnittmenge zwischen (klassischem) Progressive und Black/Death Metal einzureihen. Der damit einhergehende Wechsel zwischen cleanem, etwas an Tool erinnerndem Gesang, der vom Zauber des Begriffes „Charisma“ nicht gänzlich ungestreift bleibt, und relativ fiesem Gegrunze respektive Gekreische kann Assoziationen zu Into Eternity oder Opeth wecken, muss aber nicht, zumal die Qualität des Materials es auch nicht ganz tut. Bis auf den Song „Next To Nocturne“, der durch seine präzis auf den Punkt gebrachte Gruselatmosphäre superbes Black-Metal-Feeling (vgl. Keyboardintro & Chorus!) erzeugt und damit zum Höhepunkt des Albums zählt, ist der Rest der Platte als mehr oder weniger zu bezeichnen. So fängt beispielsweise „Benighted“ spannend und vielversprechend an, um gleich darauf abzuflachen. Gutes Prog-Riffing und originelle Melodiestrukturen wie etwa in „A Metaphysical Theory Of Dynamics“ oder „Reason & Relapse“ müssen nicht selten uninspiriert vor sich hin ödenen Parts Platz machen. Insgesamt liegt hier ein die Kritikdreschmaschine mit der Note „3+“ verlassendes Album vor, wobei man von der Band, wie es so schnöd heißt, noch einiges erwarten darf.

Mythological Cold Tower: The Vanished Pantheon

Dass der sehr nordische, dem Bereich des Gothic/Doom Metal zuzuordnende Sound von MYTHOLOGICAL COLD TOWER aus Brasilien stammt, wird für den einen oder anderen eine Überraschung sein. Es ist das dritte Album einer Band, deren Musik so brasilianisch daherkommt wie Norwegen: Fünf epische Songs sind hier zu hören, die meist im mittleren Tempo okkulte Seelenschwärze verbreiten. Ob es ihnen letztendlich gelingt, hängt davon ab, inwiefern sich der Hörer (als eingefleischter Genre-Fan etwa) von der hier vorherrschenden Atmosphäre im Allgemeinen einnehmen lässt, ohne auf diverse Details zu achten. Für Freunde des etwas analytischeren Heranhörens könnte sich The Vanished Pantheon schnell als schal entpuppen, da selbst die eine oder andere gelungene Stelle auf diesem Album (vgl. „When The Solstice Reaches The Apogee“ oder den Titelsong) nicht wirklich mitreißen kann. Auch lässt produktionstechnisch immer noch der Underground grüßen.

Listeria: Full Of Fire

Wie es scheint, haben die Italiener LISTERIA den Rockgedanken erythrozytisch verinnerlicht. Der Rockgedanke an sich ist natürlich noch kein Garant für geile Riffarchitektur, aber zum Glück werden hier sehr schwere und spielfreudige Metall-Geschütze aufgefahren, die insbesondere im rhythmischen Bereich für Abwechslung sorgen. In erster Linie wird bei Full Of Fire aber so einiges an Energie und guter Laune freigesetzt, was ja abseits jedweder musiktheoretischen Betrachtung ein belangreicher Faktor ist. Die einzelnen Songs sind alle so konzipiert, dass sie schnell zum Punkt kommen, falls es einen solchen gibt. Falls nicht, ist es nicht weiter schlimm, denn mitgebangt werden darf trotzdem, weil es halt grundsolider, sympathischer Rock ist. Am mitbangenswertesten sind aber wohl solche Songs wie der Power-Track „Like Alì“, die deftig ballernde „Emily“, der Flageolette „Little Star“ und der Action-Kracher „Action“, dessen melodiöser Part zum Originellsten auf diesem Album gehört. Als Fazit bleibt: Wer von sich behaupten kann, dass Rock sein DJ ist, der möge doch LISTERIAs aktuellem, nicht mehr und nicht weniger als grundsolidem Longplayer Full of Fire ne Tschantsch geben.

Irate Architect: Born Blood Portrait

Die EP Born Blood Portrait der umherwütenden Grind-Baumeister IRATE ARCHITECT aus good oll Germany bietet dem geneigten Hörer in etwas mehr als 10 Minuten ein produziertes Extrem-Metalbrett inklusive Klaus-Schulze-artigem Intr-, Outr- und Intermezzo, wobei vor allem letzteres an Referenzwerke wie etwa Irrlicht erinnert. Die sieben Tracks gehen fließend ineinander über und ergeben ein zusammenhängendes Ganzes, in dem Brachiales mit Fremdartigem eine atmosphärisch sinnvolle Symbiose eingeht. Die vier Songs „Pathfinder“, „Born Blood Portrait“, „Chicks On Speed“ und „Taschenspieler“ sind technisch einwandfrei, wobei insbesondere das erstgenannte Stück am originellsten und abwechslungsreichsten ist. Insgesamt gesehen ein zufriedenstellender, wenn auch sehr kurz geratener Trip in die Welt des Highspeed-Cores.

Hellsaw: Spiritual Twilight

Das österreichische Black-Metal-Duo HELLSAW hat zu ihrem Zweitling Spiritual Twilight das mittlerweile ausverkaufte Debüt einfach braufgepackt, was die vorliegende Platte auf für Extrem-Metal untypische 63 Minuten anwachsen lässt. Eventuell ist dies aber auch schon der einzige Vorteil (?) des Albums. Zwar mag die Musik hier nicht ganz so mies ausgefallen sein wie das äußerst miese und aus der rauen Menge nahezu unbekannter Underground-Gruppierungen in keinster Weise herausstechende schwarz-weiße Plattencover, dennoch sei gesagt, dass hier absolut rohes Old-School-Schwarzfleisch gefressen wird, was nicht jedermanns Sache ist. Ungeachtet aller Kommerzvorwürfe an Bestseller wie Dimmu Borgir steht fest: Mehr Persönlichkeit als HELLSAW haben die Genre-Riesen auf jeden Fall; zu einem an sich coolen Bandnamen wie HELLSAW gehört doch auch einiges an cooler Substanz dazu. Diesbezüglich allerdings ist da vorerst wohl x zu machen.


Jens Marder veröffentlichte bereits 2009 einen Artikel im Online-Magazin Amazon, den 28 Personen als hilfreich markiert haben.

Gods of Violence. Kreator melden sich hochpolitisch zurück

Kreator ist nicht nur eine der bekanntesten deutschen Thrash Metal-Bands, sie widmet sich mit ihrem neuen Album „Gods Of Violence“ auch aktuellen weltpolitischen Themen.


Inspiriert sei das Album durch die aktuelle Nachrichtenlage, die den Kopf der Band Mille Petrozza dazu veranlasst habe, über die „Kontinuität menschlicher Bösartigkeit“ nachzudenken, und seine Gedanken hierzu in Songs zu gießen. „Religion hat aktuell wieder eine Bedeutung gewonnen, die ich vor 20 Jahren nicht für möglich gehalten hätte“, sagt Mille. „Da findet eine wahnsinnig gefährliche Polarisierung statt, die dazu führt, dass wir alle einander immer mehr hassen. Darüber wollte ich schreiben.“

Bereits 2013 begann die Essener Band mit der Arbeit an dem elf Stücke umfassenden Album. Nun ist das in Schweden produzierte Werk endlich es fertig und erscheint am 27. Januar im Handel. Hungrige Fans konnten sich allerdings schon mit den Liedern „Gods of Violence“ und „Satan is Real“ auf YouTube einen kleinen Eindruck verschaffen, wohin die musikalische Reise geht.

Quelle: YouTube

Geboten wird eine Mischung aus Midtempo-Songs zum Abfeiern und schnellen Liedern mit denen Kreator ihrer Thrash-Metal-Vergangenheit treu bleiben. Dennoch fällt auf, wie viel Zeit sich die Band diesmal für die Intros zu den Songs genommen hat und damit einen melodischen Faden in das Album einwebt, in dem sich manche klassische Thrash-Metal-Hörerwartung verheddern könnte. Damit scheinen Kreator die Entwicklung fortzuführen, die sich seit dem „Hordes Of Chaos“-Album abzeichnet: Sie würzen den alten Thrash-Metal-Sound mit einer Prise Modernität.

Nichtsdestotrotz bietet das Album eine Menge Hits und prescht mit voller Energie voran. Der satte Sound wird durch die makellose Produktion Jens Bogrens (Amon AMarth, Soilwork, Dark Tranquillity, u.v.m.) hervorragend in Szene gesetzt. Vor allem Lieder wie „Satan is Real“ und „Side by Side“ gehen gut ins Ohr und bleiben dort auch hängen. Ob es der deutschen Thrash-Legende hiermit gelungen ist, sich selbst neu zu erfinden und sich dabei gleichzeitig treu zu bleiben, muss jede und jeder am Ende selbst entscheiden. Fest steht, Kreator haben sich getraut etwas Neues zu unternehmen, ohne die „Thrash-Metal-Trinität“ (Sodom, Destruction, Kreator) zu verlassen und trotz seines erdrückend ernsten Themas liefert „Gods Of Violence“ auch zum Feiern eine solide Soundgrundlage. Damit ist es ein absolutes Muss für jeden Thrash-Metal-Fan.

Live zu erleben ist es ab dem Frühjahr 2017 in folgenden Städten:

03.02.2017 München, Tonhalle
04.02.2017 Hamburg, Mehr! Theater
16.02.2017 A-Wien, Gasometer
17.02.2017 Wiesbaden, Schlachthof
18.02.2017 Berlin, Columbiahalle
19.02.2017 CH-Pratteln, Konzertfabrik Z7
04.03.2017 Essen, Grugahalle

Titelbild: © Robert Eikelpoth