Schlagwort: Lyrik

Widersprüchliche Spielsprachen

Dass menschliche Sprachen engere Grenzen haben als wir meist glauben, macht uns so mancher Lyriker klar. Der Dichter und Essayist José F. A. Oliver hat dies jedoch in seinen Gedichten enorm kultiviert und bricht so manche sprachliche Wand ein. Er erschafft teils aus Spaltungen und Neukombinationen von Wörtern, Sätzen und Satzzeichen radikal Neues. So lässt auch sein neuer Band wundgewähr in einem unkonventionellen, anderen und manchmal auch schwer zugänglichen Stil Sprache und ihre Widersprüche erbeben.


In dem Band vereint der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Poetikdozent auf über 200 Seiten Gedichte der vergangenen zehn Jahre. Seine wilden Spiele mit der Sprache in den unterschiedlich langen Gedichten und Zyklen haben dabei keine feste Thematik, nicht das eine alles durchdringende inhaltliche Motiv. Das Ziel scheint vielmehr eine oft konfuse Kartographie einer chaotischen Sprache mit allerlei Widersprüchen und Doppeldeutigen zu sein. Es geht um nichts Geringeres als das Wort in der Welt. So generiert Oliver in seiner lyrischen Spurensuche Spielsprachen, die manchmal intuitiv entstehen, aber gleichzeitig auf die konventionelle Sprache gebrochen und paradox wirken.

Das macht natürlich den Zugang zu den einzelnen Texten nicht immer leicht – verständlich ist das Gesamtkonzept eher auf einer emotionalen und intuitiven Ebene, basierend auf dem jeweiligen Sprachgefühl. Ergo geht es in wundgewähr weitgehend um Methode und Stil, statt um die oft sehr unterschiedlichen Inhalte des gesamten Bandes, der insgesamt einen nomadischen Alltag beschreibt – jedoch stets auf unterschiedliche Weise und meist eher assoziativ, denn logisch oder chronologisch. Zwar kehren einzelne Motive, wie ein Mund voller Scherben, häufig wieder, aber die Zusammenhänge über einzelne Texte hinaus bleiben recht vage.

Olivers durchgängige Methode ist die Sprachzertrümmerung. Viele Begriffe werden durch Doppelpunkte getrennt, jedoch nicht willkürlich. Etwa entstehen dadurch Doppeldeutigkeiten oder einfach alternative Interpretationsmöglichkeiten der Verse. Etwa setzt der Dichter häufig Termini wie „w:erden“ (den man also als „werden“ oder „erden“ lesen kann), „m:acht“ (was der Leser als „macht“/ „Macht“ oder „acht“/ „achten“ verstehen kann) oder natürlich „k:ein“. Oft geschieht diese Separierung auch bei Komposita und Fremdwörtern, deren Wortteile, werden sie nun quasi als zwei oder mehr Begriffe interpretiert, sogar eine ganz neue, andere, meist sehr befremdliche Bedeutung erhalten.

Sprachzertrümmerung und Neuschöpfung

Doch Oliver zerlegt nicht nur stringent, ja, fast schon besessen, einzelne Wörter so, sondern auch ganze Sätze und Gedichte. Indem etwa Zahlen nicht ausgeschrieben werden und häufig mit dem &-Zeichen verbunden werden, werden sprachlich und optisch eigentümliche Effekte und Stolperstellen erzeugt. Beispielsweise heißt es im Gedicht zellen 2 & 4 / auferstehung, wo?: „die kreuzwegstationen : 1 kreuzturm & ECCE“. Doch der optische Effekt der Trennung von Versen wird noch anders vollzogen. So baut der Autor deutliche Brüche ein, etwa indem er klaffende Lücken zwischen Wörter setzt oder gar einen Vers mit einem Schrägstrich teilt.

Doch die Sprachzertrümmerung alleine macht noch keine Spielsprache aus. Denn es werden auch neue Verbindungen geknüpft, Neologismen entstehen. Oft brechen Verse oder ganze Strophen mitten im Wort ab und gehen per Bindestrich im nächsten Vers weiter. Die Vielzahl der Bedeutungsebenen nimmt so teils unüberschaubare, obgleich häufig grandiose Ausmaße an. Wo Sprache zersplittert wird, da wird Neues zusammengesetzt. Auch verbindet Oliver hin und wieder Betonungen, etwa in den tonalen Unterschieden zwischen dem Deutschen und dem Spanischen (die die Zweisprachigkeit des Autors zeigen). Was diese neuen Sprachformen zwar innovativ, vielseitig und spannend macht, wird aber in der Verständlichkeit erschwert: durch das Aufbrechen grammatikalischer Strukturen. So manches Gedicht hat nicht nur keinen logischen, sondern eher assoziativ umrissenen Inhalt, sondern verzichtet auch auf konventionell korrekte Satzbildung. Einzelne Satzfetzen werden dem Leser elegant hingeworfen und irgendwie, aber nicht immer verständlich neukombiniert.

Mal humorvoll und ironisch, mal tiefsinnig und melancholisch, mal auch zornig und bitter schafft Oliver so für uns neue Sprachen und Bedeutungen, die oft ganz normale lyrische Momentaufnahmen zum Topos wählen. Manch einem mag das durchgängige stilistische Instrumentarium Olivers suspekt oder übertrieben erscheinen, und nicht jeder wird mit diesen Gedichten etwas anfangen können. Wer sich dennoch auf dieses radikale Projekt einlässt und breit ist, sich viel Zeit für die einzelnen Gedichte zu nehmen, wird nicht nur von ihnen gepackt und nachdenklich, sondern auch sensibilisiert werden, wie Sprache funktioniert oder funktionieren könnte.

José F. A. Olivers Buch wundgewähr erschien 2018 bei Matthes & Seitz und hat 224 Seiten.

Titelbild: © Matthes & Seitz

Der widersprüchliche Humorist

Meistens bringen Jubiläen zu Geburtstagen von öffentlichen Personen oder historischen Großereignissen für den Buchmarkt nur die massenweise Aufwärmung biographisch und wissenschaftlich bereits gut aufgearbeiteter Themen. Doch hin und wieder werden dadurch auch großartige neue Standartwerke geschaffen. Zu letzterem gehört Stephan Parkers Biographie Bertolt Brecht anlässlich des 120. Geburtstags des Schriftstellers. Dies ist ein umfangreich recherchierter großer Wurf.


Als britischer Germanist war Parker bislang als Spezialist für die Literaturzeitschrift Sinn und Form bekannt. Mit seinem neuen, über 1.000 Seiten dicken Buch legt er eine vollständige Biographie des großen Bertolt Brecht vor, ohne sich in ideologischen Spielereien zu verlieren. In fünf Teilen geht Parker von Brechts Jugend in Augsburg und ersten Gedichten, über frühe dramatische Versuche im Stile des experimentellen oder epischen Theaters, das auf Vernunft und Kritik statt auf Emotion und Katharsis setzt, über sein marxistisches Engagement, seine Flucht vor den Nazis, über Finnland und die USA und seine späteren Probleme mit einer die Kunst zensierenden DDR. Doch Parker bleibt nicht nur bei Brechts literarischen, theoretischen und politischen Arbeiten stehen: Dazwischen geht es auch immer wieder um gesundheitliche Probleme, Frauengeschichten, Anekdoten und Streitereien mit zahlreichen anderen Intellektuellen.

Parkers Ziel ist es nämlich nicht, den literaturwissenschaftlichen Fokus auf Brecht als (unorthodoxen) Marxisten beizubehalten, sondern diese Einseitigkeit aufzubrechen, und damit die Darstellung einer so vielschichtigen Figur plastisch und kontextualisiert darzustellen – zugegeben, ich habe selbst Brecht vornehmlich als politischen Autor behandelt. Damit gelingt es ihm, dass er weder politische noch literarische Ambitionen und Arbeiten herunterstilisiert, noch Brechts Persönlichkeit als manischer Dichter zwischen Appetit, Lust, Askese und schwacher Gesundheit, zwischen Machotum, Sarkasmus, Aggressivität und Sensibilität zu kurz kommen.

Zwischen Revolution und Humanismus

Dabei zeigt der Biograph, dass er fähig ist, ein ausgewogenes Bild zu zeichnen, das meist affirmativ, aber hin und wieder auch kritisch ist – etwa bezüglich Brechts krassen Reaktionen auf Konkurrenten oder ihn ablehnende Frauen. Dabei stellt Parker Brecht als einen widersprüchlichen Humoristen und Gesellschaftskritiker dar. Und all das passiert in einem flüssigen, verständlichen Stil, der gleichzeitig breite Kenntnisse und wissenschaftliche Integrität beinhaltet.

Bertolt Brecht, widersprüchlicher Humorist.

Als einziges Manko des Buches, abseits weniger Kleinigkeiten, gilt eigentlich nur, wie Parker Brechts literarische Schaffensphasen einteilt. Er geht davon aus, dass mit Brechts Theaterstück Mutter Courage und ihre Kinder eine Wende in seinem Werk stattfinden würde; nämlich weg von einem revolutionären Marxismus, der Gewalt als Notwendigkeit begreift (wie in früheren Werken wie Die Maßnahme) hin zum pazifistischen Humanismus. Zwar stimmt es, dass Brecht stets gegen den Krieg war, aber nicht gegen die Revolution (die zwangsweise Gewalt inkludiert). Denn das nach der Mutter Courage erschienene Stück Der gute Mensch von Sezuan, auf das Parker erstaunlicher Weise kaum eingeht, ist dann doch wieder in einem kritisch-revolutionären Duktus geschrieben.

Bis auf solche Vereinfachungen, hinter der durchaus Parkers Wunsch stehen kann, den von ihm verehrten Brecht zum Humanisten zu machen, ist das Buch doch eine der besten Biographien, die je über den großartigen Schriftsteller geschrieben wurde. Das ist etwas, das viele deutsche Germanisten und Experten stören könnte, kommt dieses Buch doch von einem Briten. Ein großartiges Werk über einen großartigen Dichter.

Bertolt Brecht. Eine Biographie von Stephen Parker erschien in Übersetzung von Ulrich Fries und Irmgard Müller im Suhrkamp Verlag und hat 1.030 Seiten.

Beitragsbild: Berliner Ensemble, © Moritz Haase.

Lyrik des Prekariats

Die deutsche Lyrik wird inzwischen dominiert von lieblichen Heile-Welt-Schilderungen oder banalen konsumistischen Poetry-Slams. Schluss damit! Fabian Lenthes Gedichte über das urbanisierte Prekariat liefern einen gelungenen Gegenentwurf, was Lyrik sein kann und soll.


Auch abseits des Poesie-Mainstreams um die wenigen prominenten Lyriker herum, erscheinen ab und an Dichter, die einem kaum beachteten Genre neue Perspektiven verleihen können, oder verlorengegangene Blickwinkel wieder eröffnen. Die sehr düstere Perspektive eines meist abgehalfterten lyrischen Ichs bietet uns beispielsweise Fabian Lenthes Debüt In den Pfützen der Stadt wächst ein Stück Himmel. Ganz anders als die populäre pseudotiefsinnige Wohlfühllyrik geht es in diesem Band um wahre gesellschaftliche Abgründe. Und genau das ist erfrischend für die sonst so brave deutsche Gedichtelandschaft.

Einhundert unterschiedliche lange und nichtbetitelte Gedichte liefert Lenthe in seiner neuen Sammlung. Ansonsten kommt deutsche Lyrik entweder gerne daher mit vermeintlich feinsinnigen Beobachtungen, überschätzten Naturbeschreibungen oder den mehr oder weniger banalen Darstellungsformen bei Poetry Slams, in der selbst die abstrakteste Literaturform noch in den Häppchen der Kulturindustrie konsumierbar gemacht wird (en passant sei bemerkt, dass all dies nach Auschwitz in der Lyrik, zumal der deutschen, eigentlich nichts verloren hat). Doch in selten beachteten Gedichtbänden wie In den Pfützen der Stadt wächst ein Stück Himmel geht es ums Ganze, um die harten Probleme des urbanisierten Prekariats: sei es die Einsamkeit in einer überfüllten Stadt, seien es materielle und finanzielle Nöte, sei es das schwierige Zusammenleben in heruntergekommenen Gegenden, seien es Alkoholismus, Beziehungsprobleme, Motivationslosigkeit und Depressionen oder das Gefühl, schlicht abgehängt zu sein.

Schonungslos reflektiert jeweils das lyrische Ich über die Abgründe des eigenen Lebens. Gewiss, die Vulgarität und Härte der Gedichte von Charles Bukowski, in dessen Tradition der Band inhaltlich und stilistisch in großen Teilen zu stehen scheint, erreicht Lenthe nicht. Doch das ist auch nicht nötig, um den braven Lyrikkonsumenten mit der sozialen Rohheit aus dem Schönheitsschlaf zu wecken.

Ein schöner Tag in der Hölle

Ausgangspunkt ist meistens eine alltägliche Beobachtung, die räumlich und zeitlich recht beschränkt ist: Es kann sich dabei um eine Warteschlange im Supermarkt des Problembezirks handeln, um die Einsamkeit in einer spärlich eingerichteten Wohnung, einen Mangel an Bier, oder eben eine verdreckte Pfütze, die in dieser Welt immer noch als Hoffnungsschimmer geilt. Solche kleinen Schimmer, die Lenthe immer wieder einmal aufblitzen lässt, markieren die Dialektik einiger guter Momente von kurzer Dauer zwischen langen Phasen der Verzweiflung – Momente, an die sich nostalgisch geklammert wird, aber die freilich nicht nachhaltig helfen. Es gibt eben kein Richtiges im Falschen!

Auch Lenthes Stil wirkt auf den ersten Blick nicht aufsehenerregend, abgeklärt, manchmal auch hilflos. Doch genau so sind auch die lyrischen Ichs. Anders könnte es nicht sein. Die gewählten Metaphern sind auch meist offensichtlich. Spannend ist dabei aber, wie er einem finsteren, stinkenden Alltag mit einem Dreh erforscht. Meist hängt Lenthe nämlich ein Gedicht plastisch an einer dominanten Metapher auf und denkt das mal mit einem tragikomischen Witz, mal mit einer banalen, aber auch rohen Beobachtung zusammen. Das einfache und harte Leben braucht eine einfache und harte Sprache. Dem Autor gelingt somit zweierlei: Erstens, seine Verse sind verständlicher und weniger chiffriert als die vieler anderer Gedichte; und zweitens, konstruiert er aus dem Ideal der sprachlichen Einfachheit meist eine tiefere doppelbödige Momentaufnahme eines „schöne[n] Tag[es] in der Hölle“, wie es in einem der Gedichte heißt.

Zu lange wurden materielle Fragen und die Probleme der Unterschicht im Kultursektor marginalisiert; nehmen sie schon in der Prosa keine sonderlich prominente Rolle ein, so werden sie in der Lyrik als erhabene Literaturgattung noch weniger beachtet – und wenn doch, dann eher anhand des jammervollen, selbstmitleidigen Blickes auf einen Schicksalsschlag. Dennoch gibt und braucht es eine materielle und damit auch fassbare Lyrik. Eine solche findet man ab und an bei Kleinverlagen. Und ein solches Projekt ist Lenthes Buch.

„In den Pfützen der Stadt wächst ein Stück Himmel“ von Fabian Lenthe erschien 2018 bei Rodneys Underground Press und hat 116 Seiten.

Beitragsbild: © Rodneys Underground Press

Doppelt begraben – Rainer Maria Gerhardt im 90. Jahr

In wohl hoffnungslosem Starrsinn versuchte Rainer Maria Gerhardt direkt nach Ende des zweiten Weltkrieges als Dichter und Übersetzer in deutscher Sprache an die internationale Moderne anzuschließen. Er litt an Zeitgeist, Geldsorgen und Gottfried Benn.

Ein Gastbeitrag von Sören Heim


Rainer Maria Gerhardt – ein fast vergessener Lyriker

Der Dichter Rainer Maria Gerhardt hätte der Anknüpfungspunkt der deutschsprachigen Lyrik an die internationale Moderne nach 1945 sein können, wären ihm nicht zwei Dinge in den Weg getreten: der NS und Gottfried Benn – zweiterer durchaus stärker in der Tradition des ersteren, als er glauben machen wollte. Gerhardt, heißt es im Klappentext seiner gesammelten Werke, versuchte, „der deutschen Literatur neue Impulse aus der amerikanischen und französischen Moderne zu geben. Mit 27 Jahren nahm er sich das Leben“. Kein Wunder, unternahm er doch Hoffnungsloses. Wie kein anderer rezipierte er direkt nach dem Krieg die internationale Lyrik, korrespondierte unermüdlich, u.a. mit Robert Creeley, Charles Olson, Ezra Pound. Wurde von diesen Kollegen geschätzt. Und ist hierzulande praktisch unbekannt. Benn bremste Gerhardts Pound-Übersetzungen, nach anfänglich scheinbarer Offenheit, aus und machte den jungen Dichter lächerlich. Verständlich, bedenkt man, dass Gerhardts Projekt geradezu zwangsläufig in Konflikt zu Benns reaktionärem Moderne-Imitat treten musste, was Gerhardt noch sehr diplomatisch formulierte:

„die neue welt ist identisch mit der von benn demonstrierten ausdruckswelt, die einzige realität des dichters ist die realität des gedichtes, der einzige wille da zu sein der wille zum gedicht, und die einzige ordnung die ordnung des gedichtes, [aber] benn benutzt eine überkommene zeilen- und versform, stark ausgeschlachtet in der deutschen klassik und romantik (…) moderne dichtung ist nur möglich, wenn jeder der modernen dichter bereit ist, jederzeit bis zum äußersten zu gehen. benn lehnt rückgriff und sentiment ab. wir müssen ihm aber bescheinigen, dass seine gedichte rückgriffe und sentiment sind. sie sind ein sichgehenlassen in gefühlen, in stimmungen, aufgebauscht mit dem technischen können eines mannes, dem es möglich wäre, bei mehr härte und bei mehr disziplin gegenüber der sprache und gegenüber dem gedicht, wesentliches hervorzubringen (…)“.

Doch war der persönliche Dissens auch ein politisch-poetologischer. Benn lässt auch nach ’45 kaum gelten, was nicht dem von ihm erweiterten georgeschen Korsett entspricht, das Benn männliche Zucht und Ordnung repräsentiert und das er in seiner berühmten Rede 1934 mit dem Stiefeltritt der braunen Bataillone verglich.

„In der allerletzten Zeit stößt man bei uns auf verlegerische und redaktionelle Versuche, eine Art Neutönerei in der Lyrik durchzusetzen, eine Art rezidivierenden Dadaismus, bei dem in einem Gedicht etwa sechzehnmal das Wort „wirksam“ am Anfang der Zeile steht, dem aber auch nichts Eindruckvolles folgt, kombiniert mit den letzten Lauten der Pygmöen und Andamanesen – das soll wohl sehr global sein, aber für den, der vierzig Jahre Lyrik übersieht, wirkt es wie die Wiederaufnahme der Methode von August Stramm und dem Sturmkreis, oder wie eine Repetition der Merz-Gedichte von Schwitters („Anna, du bist von vorne wie von hinten“). In Frankreich macht sich eine ähnliche Strömung geltend, die sich Lettrismus nennt.“

Dass Benn sich mit den einzigen beiden Ausgaben der Fragmenten, die vor Gerhardts Tod erschienen, und die dem 2007 zum 80. Geburtstag bei Ullstein herausgegebenem Umkreisung. Das Gesamtwerk beiliegen, kaum beschäftigte, zeigt schon ein flüchtiger Blick in diese Heftchen. Nix mit Dada, auch die von Benn im Ton rassistischer Diffamierung herangezogenen „letzten Lauten der Pygmöen und Andamanesen“ finden sich natürlich nicht, stattdessen das spätere Who is who der internationalen Moderne von Pound über Cesaire und Olson, William Carlos Williams, Creeley, biz zu Artaud und anderen. Eine geradezu überraschend zukunftssichere Auswahl dessen, was bis heute den späteren Kanon der Lyrik jener Auf- und Umbruchszeiten ausmachen dürfte. Hätte Benn nur die letzten zehn Jahre Lyrik außerhalb Deutschlands zu überblicken vermocht, er hätte schweigen müssen.

Doch wie hätte Benn auch aus dem alten Gleise sollen können, er, der in seiner Klugscheißerei nicht nur Schwitters falsch zitiert, er, der dem Nationalsozialismus weiterhin bescheinigt, der sei „ein echter und tief angelegter Versuch [gewesen], das wankende Abendland zu retten. Dass dann ungeeignete und kriminelle Elemente das Übergewicht bekamen ist nicht meine Schuld und war nicht ohne weiteres vorauszusehen“ (zit. nach Dyck 392f.). Was hätte so einer zu moderner Lyrik beizutragen?

Künstlerkult statt Werkschau

Auf Literatur.de findet sich eine Rezension des unverzichtbaren Gerhardt-Bandes Umkreisung. Das Gesamtwerk, die als Hinführung dienen mag. Insbesondere das dort ausgesprochene vernichtende Verdikt über die deutsche Nachkriegsliteratur, betrachtet durch und mit der Kenntnis des Gerhardtschen Werkes muss man unterschreiben:

Wie nachhaltig verändert sich von der Umkreisung‘ aus der Blick auf die Nachkriegsliteratur mit der Spinne 47 als Wächterin über das literarische Netz. Wie restringiert wirkt von Gerhardts Entdeckerverve und Übersetzungsgespür her die Beschwörung von Trümmerliteratur und Kahlschlag; wie hausbacken tönt die Maxime, man wolle bei Null und Nichtig beginnen und à la Hemmingway neben den fragmente-Exempeln Pound, T.S. Eliot, Henry Miller, William Carlos Williams, Rafael Alberti, Antonin Artaud… Und wie unangenehm die Kulturverwalter-Attitüde von Benn und Niedermayer, die an einem Studenten ihren kleinen Mut kühlten, statt dessen erfrischend pubertäre Geste zu würdigen, die es da zu bestaunen gab.

Schwierigkeiten dagegen macht das, wiewohl als Vorgriff auf die Postmoderne gewürdigte Verdikt, Gerhardt imitiere, besser vielleicht noch: kreuze Stile. „Zunächst Rilke und Stefan George, dann Rilke, Georg Trakl und Pound und schließlich Rilke, Trakl, Pound, Olson und Creeley“. Dadurch habe er sich selbst im Weg gestanden, den von Artaud definierten Grenzbereich einer „Poetik der Entstellung“, einer „fundamentale[n] gesellschaftliche[n], familiäre[n], körperliche[n] und sprachlich-logische[n] Subjekt-Entwendung, die das gelungene Wort, den gelungenen Vers, das gelungene Gedicht vorab blockiert“ all zu früh (also ohne dichterische Souveränität) be- und übertreten. Hier grenzt der Versuch einer Einordnung, die besonders die modernen Einflüsse zu Gunsten einer postmodernen Perspektive abdrängt, bedrohlich an Forderungen nach einem unverwechselbaren Stil, der gerade angesichts unübersichtlicher Zeiten besonders penetrant an den Künstler herangetragen wird.

Mal wieder: Form und Inhalt

Gerhardt aber imitierte nicht einfach, auch nicht „das Zukünftige“, so die halb lobende Wendung Härtlings. Gerhardts Werke, in all ihrer Eklektik, lassen sich ohne solche Hilfskonstrukte durchaus zuvorderst als ein Ringen um Form, in allem aber, wie weiter unten gezeigt werden soll, als ein Ringen um Form am Gegenstand begreifen. Die Kunst leiste, so möchte ich paraphrasieren, was die Moderne in ihren besten Momenten ausmacht, Arbeit an Welt und Begriff, sie fasse die Totalität in ihrer Widersprüchlichkeit, ohne diese in einer Weise zu erschließen, die sie entschärfte.

Diese Art zu arbeiten wird niemals die stilistische Einheitlichkeit einer Werkreihe erreichen, die wir von klassischer Dichtung gewohnt sind und auch nicht die der konsequenter erscheinenden Avantgardisten, die sich ein Programm geben und es dann in möglichst spektakulärer Weise abspulen, wie u.a. der hier kritisch gegen Gerhardt gewandte Artaud.

Die Grenzen des persönlichen Stils seien hier kurz erläutert anhand eines besonders dankbaren Beispiels, Gerhardts Namensvetter Rainer Maria Rilke. Zuerst: „Die Fensterrose“:

Da drin: das träge Treten ihrer Tatzen
macht eine Stille, die dich fast verwirrt;
und wie dann plötzlich eine von den Katzen
den Blick an ihr, der hin und wieder irrt,

gewaltsam in ihr großes Auge nimmt, –
den Blick, der, wie von eines Wirbels Kreis
ergriffen, eine kleine Weile schwimmt
und dann versinkt und nichts mehr von sich weiß,

wenn dieses Auge, welches scheinbar ruht,
sich auftut und zusammenschlägt mit Tosen
und ihn hineinreißt bis ins rote Blut -:

So griffen einstmals aus dem Dunkelsein
der Kathedralen große Fensterrosen
ein Herz und rissen es in Gott hinein.

In diesem Sonett stimmt jedes Wort. Die um sich kreisende, ausgreifenden Bewegung der Katzen findet sich in den langen, von Sprüngen durchzogenen Zeilen wieder. Die Verwobenheit dieser Bewegung mit dem Korpus der Kathedrale ebenso in den dicht ineinander verwobenen Wortfeldern, in Interlinear- und Endreimen, sowie zahlreichen Assonanzen. Die oft spröde Wortwahl dagegen korrespondiert mit dem Unbeschreiblichen im Blick der Katzen, welches die Erfahrung einer vergangenen Zeit spiegelt, als die Fensterrose der Kathedrale, wie nun die lodernde Natur der Katzen dem lyrischen Ich, dem außenstehenden „Herz“ einen Blick auf das Allgemeine im Einzelnen gewähren: es „in Gott hinein“ rissen.

Zieht man nun dagegen exemplarisch ein weniger gelungenes Gedicht Rilkes heran, etwa den „Ball“, man möchte fast zu dem Schluss gelangen die so überzeugende geschlossene Struktur der Fensterrose sei Zufall:

Du Runder, der das Warme aus zwei Händen
im Fliegen, oben, fortgiebt, sorglos wie
sein Eigenes; was in den Gegenständen
nicht bleiben kann, zu unbeschwert für sie,

zu wenig Ding und doch noch Ding genug,
um nicht aus allem draußen Aufgereihten
unsichtbar plötzlich in uns einzugleiten:
das glitt in dich, du zwischen Fall und Flug

noch Unentschlossener: der, wenn er steigt,
als hätte er ihn mit hinaufgehoben,
den Wurf entführt und freiläßt -, und sich neigt
und einhält und den Spielenden von oben
auf einmal eine neue Stelle zeigt,
sie ordnend wie zu einer Tanzfigur,

um dann, erwartet und erwünscht von allen,
rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur,
dem Becher hoher Hände zuzufallen.

Nichts ist rund am Ball, das Thema ist überhaupt zu trivial als dass es die doch eifrig durchexerzierte äußerliche Vollendungen der Form, wiederum rechtfertigen würde, kurz: alles wirkt aufgesetzt. Grund ist gerade der Rilkesche Stil, der in der Zeit der Neuen Gedichte, aus denen beide Beispiele entnommen sind, sich zu einer so intendierten Selbstständigkeit entwickelt hatte, dass er sich vielfach gewaltsam schematisch über den jeweiligen Stoff stülpt. Dass hier ein Dichter nach der obigen Forderung seinen Stil gefunden hat wie kein zweiter wird kaum jemand bestreiten wollen. Ein Gedicht Rilkes aus dieser Zeit kann auch der Laie leicht identifizieren. Wo Stil und Gegenstand dann zueinander finden wird Rilke mit recht genial genannt, wo nicht, wäre vielleicht zu erkennen, wie viel Reiner Maria Gerhardts stilistische Eklektik, die gerade gezwungen ist sich mit dem Gegenstand stets neu auseinanderzusetzen, der deutschsprachigen Lyrik zu geben fähig gewesen wäre. Und auch Rilke fand seine höchsten Formen des Ausdrucks erst als er sich des Schematischen entledigte, die Form befreite, und gleichzeitig so zu größerer Strenge gelangte: in den Duineser Elegien.

Der Stil oder Nichtstil Gerhardts

Gerhardt eignet sich in seinen besseren Werken je nach Stoff souverän überlieferte Formen an, ebenso wie das gerade erst entfaltete Repertoir der Moderne, und unterwirft beides mit manchmal rustikal wirkender Gewalt seiner Schöpfung. So tönt er beinah antik in entsprechenden thematischen Passagen des Tod des Hamlet:

laß in der blauen lufi die reiher fliegen
und in den dolden den zorn
laß im vergehen musik die vergangenen rühren
die wehen von der geburt des regens
niederrauschend an den stämmen von Babylon.
Seder deine geschichte ist ähnlich.
es zählt nicht die mutter des Nil noch gelten
die schatten der ebenen des kahlen bergs wand
noch verlorene paradiese am gelben strand.
es schläft die nacht ihren schlaf. die zyklopen
sprengen die grüfit. die götter
steigen herauf. die schatten furien hört mich
die großen schatten der nacht der zeit
o sibylle die großen schatten von hier
und jetzt und immerzu vom augenblick
schreiend und selbstbewußt in
steinerner ruhe in verlassenem gefild.

Und in anderen seltsam gebrochen biblisch:

die stürme Jesaijas ziehen dahin
auf gewaltigen schwingen
und die silbernen meere stöhnen auf
unter des fisches gewalt
atem halt ein! sieh diese städte
in die braune luft in finstere schatten gestellt
schreiend erbarmungslos
und in den irrenden winden
hochsteigend in klagendem laut noch von den
Göttern verbannt:
evoë evoë
rasend erinnyen schwarzes schlangengeflecht
über die trübe heide hunde und eber
voraus, und der btutstumpf zwischen den
eiben, o du Adonis
sind wir? sterben die schwellen zum Delphi?
Bacchus ahnungslos taumelt dein haus
und die balken stürzen zur tiefe
die sümpfe kreischen – der ich die welt
umfassend – gemeinsam – in kreisen – die
das vollkommene – o atmet mich ein ihr
aeolischen gefilde, werft mich aus
wellen am kymrischen strand.

Er raunt im Bennschen Duktus:

aber totenbleích
ein schatten
stirbt der teich

das geflecht der schilfe
und das nest der ratten
und der tote schreí der silfe

dieser schritt
und sie tappen
nimmt mich mít

laß das schreien
und der griff im nacken
schwarz und bleien

Oder, in „Keinem ist Hauch gegeben“, georgesk:

Es schwingen, fallen tauben ins gebreite.
Vergilbter nebel kräuselt welke weite,
Und schwarze stümpfe stossen ins gewölk.
Der wunde wald stürzt dunkel hin zum bache,
Und schreiend wälzen sich zur falben flache
Purpurne himmel über rot gebälk.
Die feste stadt streckt kalte schattenarme
zur erzesader und zum vogelschwarme.
Die Fischer aus den faulen flächen fliehn.
Und häuser neben häusern auferstehen
Und fallen nieder und die winde wehen.
Es treibt der blauen tauben flug dahin.

Und luftig, leicht, frei, segeln die Seegedichte auf den unvermeidlichen Sturm zu:

gerhardtSicher hat Gerhardt manchmal zu viel auf einmal versucht, die strenge Klarheit Eliots erreichte er auch in einzelnen Werken selten, nicht immer fügen die längeren Werke sich letztlich ganz. Doch gerade die Gewalt des Schöpferischen, die Gerhardts Texte sperrig macht, und ihn das ein oder andere Mal stolpern lässt, macht auch deren eigentümliche Größe aus. Es mischen sich gewiss georgische Wortstellungen, der rilkesche hohen Ton, eliotsche fernöstliche Bildwelten und eine charakteristische Verknappung des Ausdrucks, zusammengeschweißt von einer von Blut durchtränkte, Geburt, Kampf, Tod evozierenden Sprache. Doch nicht im Sinne des Imitates oder Zitates, auch nicht in dem einer bewusst montierenden Briccolage. Sondern eine Sprache formend, die in der deutschsprachigen Dichtung befremdlich alleine steht.

Und ist das nicht viel eher die Sprache, die ein Recht hätte die vom deutschen Morden verheerte Welt zu durchstreifen und „these fragments have I shored against my ruins“, darin Poesie zusammenzustückeln, als das weiter-bramarbasieren Benns? Oder jenes Amtsstubendeutsch, die „einfache klare Sprache“ der „Stunde Null“, die stattdessen zum neuen Literaturideal erhoben wurde – zumindest bis zeitweise Paul Celan den antipoetischen deutschen Konsens durchstieß, aber doch auch Ausnahmeerscheinung blieb? Oder die Sprache(n) der spektakulären post-68er Beat-Importe bis hin zu zeitgenössischer Slam-Dichtung, die ebenso die Fiktion des Groß-Reine-Machens bedienen, die die Tradition, die Gerhardt seinen Werken zwischen allen Zeilen herausquellen macht, leichtfertig abschneiden?


SSören Heim Autorenfotoören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist u.a. Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku), des Binger Kunstförderpreises und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In seiner Kolumne HeimSpiel beleuchtet er die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten.

Dylan Thomas – der Unbegriffene

Das Werk Dylan Thomas‘ entzieht sich bisher der sogenannten Literaturwissenschaft wie großen Teilen der Kritik. Dass etwas so Modernes so zeitlos und alt klingen kann. Dass etwas, dem die Gemachtheit bei genauerem Hinsehen aus jeder Silbe trieft, wirkt als sängen Dörfer, Berge, Felder, Wälder. Und nicht zuckersüß eingehegt, sondern wie urtümlich mit dem Menschen ringend in seltsam wilden, doch alles andere als chaotischen Melodien. Dass selbst die Zoten, Nickligkeiten und Tiefschläge des modernen Alltags (cf. Under Milk Wood), Wortwechsel und Sprüche, die teils zeitgenössischen Sitcoms entnommen sein könnten, im hohen Ton Thomas‘ nicht missklingen, sondern das Ganze erst rund werden lassen. All das scheint unbegreiflich in der ansonsten seit Eliot und ein paar einäugigen Beatlern unter Blinden nur noch von schlechten Nachlassverwaltern gefledderten literarischen Moderne.

Ein Gastbeitrag von Sören Heim


Und doch steht da bis heute noch Thomas, auf den sich Post-Hippies wie Kulturkonservative einigen können, der Bob Dylan seinen Namen verliehen haben soll und der heute, welch seltene Ausnahme, unter den Dichtern tatsächlich noch gelesen wird! Steht fest, schwankt höchstens, wenn er einmal wieder zu viel getrunken hat. Idealisch: eine glückliche Fügung. Pragmatisch: ein seltener Zufall. Mystifizierend: die letzte Offenbarung eines Gottes an den Menschen. Und kein Wunder, dass es in Gestalt eines Gauklers und Spielers, eines Trinkers und Tricksters geschah. So trat das Große zuerst bereits Faust gegenüber.

Die seltene Konstellation

Um, was heute von Thomas bleibt, möglich zu machen, bedurfte es wohl einer spezifischen historischen Konstellation ebenso wie dem kaum wiederholbaren Zusammentreffen mit einer besonderen Persönlichkeit aus ebenfalls sehr spezifischem Umfeld:

Einer, der mit dem Dasein und der Zeit hadert, ohne sich verbittert abzuwenden. Der die Umwälzungen der Moderne, in die er hineingeworfen wird, jederzeit auch anzunehmen bereit ist und sie auf Möglichkeiten abzuklopfen, wenn schon nicht dauerhaft Glück, so zumindest Gehör zu finden. Ein noch frühbürgerlich-bäuerliches Aufwachsen in einer zwar im Weltmaßstab zentral gelegenen, im zerbrechenden Empire aber schon peripheren Region, an einem Ort wo noch Sonnenlauf Jahreszeiten, Rückstände von Zunft- und Ständewesen das Leben bestimmen, doch London und Radio, Lichtspielhäuser, U-Bahn und Flughafen nicht fern sind. Ein junger Mann, der diese Gegensätze ergreift, der auch keine Angst vor den neuen Medien hat. Kein Lyriker vor und interessanterweise auch keiner mehr nach ihm begriff so wie Thomas die Möglichkeiten diverser Tonträger und war bereit die schwierige Balance zwischen leicht verkopfender Schreibtischdichtung und klangvoller – damit aber auch kitschgefährdeter – Vorleselyrik zu suchen, ohne eines dem anderen aufzuopfern.

Nur so einer kann einen Text wie Fern Hill verfassen, der gehört werden muss um verstanden, mehrfach gelesen, am besten einmal selbst übersetzt, um zumindest annähernd erschlossen zu werden.

Deutsche Übersetzung:

Quelle: YouTube

Original:

Quelle: YouTube

Kein Romantiker

Ein alles andere als romantischer Text übrigens (diese Fehleinordnung Thomas wird durchaus gerne mal vorgenommen), was genauer zu belegen vielleicht einmal ein späterer Essay antreten wird. Für diesen Moment muss der Hinweis genügen, dass die Regentschaft des Kindes in der dörflichen Scheinidylle viel mit der hier beschriebenen Selbstbeherrschung des „Man Muss“ bei Peter Kurzeck gemein haben dürfte:

„(…) Der Sprecher zeigt die dem Anschein nach freie Kindheit (…) als eine von Regeln bestimmte und durchformte, von fremden wie von selbst geschaffenen. Das gelingt ihm, besser als wenn er sich urteilend über die kindliche Erlebniswelt aufschwingen würde, mit dieser einen Floskel, die so unglaublich typisch kindlich ist, und so erwachsen klingt (…) „man muss…“.

Kurzeck erzählt damit auch, quasi nebenbei, wie der Autor sich die Freiheit zum Erzählen gewinnt. Gegen das gängelnde „du musst“ der Dorfgesellschaft, der Erwachsenenwelt stellt das Kind „man muss“ seine eigene strikte Regelwelt auf (…)“

So einer lebt vielleicht auch das Leben groß, auch in der Schwäche, wohl, weil er nicht anders kann, weil, obwohl längst nicht alle, sich doch bestimmte Formen von Genie und Wahnsinn in einer über weite Strecken für den Geistreichen kaum ertragbaren Welt berühren müssen.

Zur Illustration über Thomas‘ Tod aus der sonst dramaturgischer Glanzleistungen unverdächtigen Wikipedia:

„A turning point came on 2 November. Air pollution in New York had risen significantly and exacerbated chest illnesses such as Thomas had. (…) On 3 November, Thomas spent most of the day in bed drinking. He went out in the evening to keep two drink appointments. After returning to the hotel he went out again for a drink at 2 am. After drinking at the White Horse, a pub he had found through Scottish poet Ruthven Todd, Thomas returned to the Hotel Chelsea, declaring, „I’ve had 18 straight whiskies. I think that’s the record!“ (…) When phoned at the Chelsea that morning, he said he was feeling ill and postponed the engagement. Later he went drinking with Reitell at the White Horse and, feeling sick again, returned to the hotel. (…) At midnight on 5 November Thomas’s breathing became more difficult and his face turned blue. An ambulance was summoned (…)“

Gewiss, medizinisch ist Dylan Thomas‘ wohl vor allem die Lebensgeschichte eines womöglich manisch depressiven Alkoholikers, weshalb der Autor gern zur Illustration von Artikeln zum Thema Depressionen herangezogen wird (Allerdings: Vorsicht mit diesen Ferndiagnosen durch Zeit UND Raum!). Zeitgenossen, die dem Kult der Angepasstheit frönen und sich dabei noch mutig Individualisten nennen, mögen urteilen: Wäre Thomas doch lieber ein braver Bankbeamter geworden, hätte er doch die Finger von hochfliegenden Träumen gelassen, dann hätte ihn vielleicht auch der Suff nicht erwischt. Was wir aber wissen: Thomas wurde genau das, was er sich früh zum Ziel erkoren hatte. Und solange, bis wir das Leid an der Welt, das Thomas mit gleichzeitig großem Enthusiasmus und voller Hingabe in Worte umsetzte, als persönliches Problem nehmen und nicht als gesellschaftliches, hat niemand das Recht hier aufzuzeigen.


Sören Heim Autorenfoto

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist u.a. Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku), des Binger Kunstförderpreises und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In seiner Kolumne HeimSpiel beleuchtet er die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten.


Auf dem Titelbild: Dylan Thomas‘ Arbeitsplatz in Laugharne (Wales), © Commons Wikimedia

Regentonnen­variationen-Walk­through mit Tatjana Kruse

Tatjana Kruse, Jahrgangsgewächs aus süddeutscher Hanglage, schreibt Krimödien. Mit ihren Serien um den stickenden Ex-Kommissar Siggi Seifferheld (Knaur Verlag), die ermittelnde Opernsängerin Pauline Miller und ihren narkoleptischen Terrier (Haymon Verlag) und den greisen Schnüffelschwestern Konny und Kriemhild (Suhrkamp Verlag) hat sie deutsche Crime-Comedy-Geschichte geschrieben. Außerdem findet sie Grießbrei voll okay und ist auch Fast-Namensvetterin von Jan Wagner, um dessen Lyrik-Bestseller „Regentonnenvariationen“ es im folgenden Gespräch geht.

www.tatjanakruse.de


Daniel Ableev
Was bedeutet „Die Kirche im Torf lassen“?

Tatjana Kruse
Moorleichen. Ich sage nur Moorleichen!

DA
Wie sind die Blindheitsgrade verschiedener Gemüsesorten?

TK
Ich bin nur ein kleiner, lockiger Lurch und kenne mich mit höherer Mathematik nicht aus.

DA
Darf man die Lingua franca der Pferde als Hübrr bezeichnen?

TK
Grundsätzlich darf man alles, aber – und da will ich jetzt nicht oberlehrerhaft rüberkommen, das mache ich jetzt nur im Interesse der gesicherten Faktenlage – Hübrr ist die Lingua franca der Jockeys. Bei Pferden spricht man ganz klassisch von Wieherschnaub.

DA
Was kostet eine lichtgepanzerte Forelle, wenn man als Lichtquelle die eigenen Augen nutzt?

TK
Bin Fischallergiker. Geht das auch mit Leberwurst?

DA
Wenn der Mütter Motoren losbrüllen wie Pralinen, hüpfen Rohlinge (wenig überraschend) von der Reling?

TK
Nein, wann immer Motoren müttern, verrohen Vielhüpfer. Aber das ist ein ganz gängiger Irrglaube, das muss Ihnen jetzt gar nicht peinlich sein.

DA
Espresso : Kaffee = Esel : ?

TK
Wenn ich morgens nicht mindestens einen Liter Espresso und/oder Kaffee trinke, schreibe ich nur Eseleien. Wie? Das war gar nicht die Frage? Wer hat mir Entkoffeinierten untergejubelt?!

DA
Weiß man mittlerweile mehr über Annas Scharte?

TK
Ja, das wurde von zwei investigativen Bloggern alles enthüllt: Anna konnte ihre Scharte auswetzen, hat die im Sack gekaufte Katze an eine liebevolle Für-immer-Familie vermittelt und kalligraphiert seitdem Redensarten in einer links-rheinisch gelegenen Jurte.

DA
Und was ist eigentlich aus Ninas Brüsten geworden?

TK
Die wurden vergoldet.

DA
Wäre es erstrebenswert, aus Zeitungen mittels hochmoderner Extraktionsverfahren nicht zuletzt auch Zeit herauszulösen?

TK
Theoretisch ja. Aber wenn man das tut, kann man hinterher aus den Zeitungen keine Origami-Kraniche mehr falten. Und wollen wir unseren Kindern wirklich eine Welt ohne Origami-Kraniche hinterlassen?

DA
Wie lange muss ein durchschnittlich begabter Maulwurf graben, um Urgroßvater über Tage zu befördern? Wie ändert sich die Grabdauer bei Hinzufügen weiterer „Ur“-Präfixe?

TK
Der Urgroßvater ist der Dünger, der dem Maulwurf und seiner Familie das Erdreich zum fruchtbaren Lebensumfeld werden lässt. Und ihr wollt ihm das wegnehmen, indem ihr ihn zwingt, den Uropa auszugraben? Schande, sage ich dazu, Schande!

In diesem Zusammenhang möchte ich natürlich gern auf meinen großen Jahrhundertroman „Grabt Opa aus!“ (Haymon Verlag) hinweisen, bei dem – das kann man gar nicht genug betonen – keine Maulwürfe zu Schaden kamen!!!

DA
Was ist von „zerschweben“ zu halten?

TK
Dasselbe wie von „überlanden“.

DA
Was ist der Unterschied zwischen Assel und Stein – wenn man mal ganz ehrlich ist?

TK
Ohne meinen Anwalt möchte ich diese Frage nicht beantworten. Gemäß Paragraph 55 StPO steht mir das Aussageverweigerungsrecht zu.

DA
Wie lange muss etwas (Hühnerstall, Regenmantel, Seefahrer) am Nagel hängen, um als geschmissenes Handtuch durchzugehen?

TK
Grießbrei esse ich am liebsten mit frischem Obst. Himbeeren, Erdbeeren, Kirschen – da bin ich völlig vorurteilsfrei. Es soll ja Puristen geben, die nur Zimt auf ihren Grießbrei streuen. Zimt! Echt jetzt, Leute – macht euch mal locker!

DA
Greisenschmatzen.

TK
Ich möchte Sie mal erleben, wie Sie ohne Ihre Dritten geräuschlos ein Steak essen … Dass das Thema Altersdiskriminierung im 21. Jahrhundert immer noch so kontrovers diskutiert wird, stimmt mich bitter. No age shaming!

DA
Wenn man „begegne“ wie „Champagner“ ausspricht, dann, tja, was dann?

TK
Champagner spricht man nicht aus, Champagner trinkt man! hickst Wie war gleich nochmal die Frage?

DA
Es tickt die Zeit, das Insekt, der Staub … wer von ihnen tickt nicht ganz richtig?

TK
Tick, tack, tick, tack, tick, tack. hypnoseschlummert

DA
Yak the Ripper, Yake wie Hose, zu allem Yak und Amen sagen  …

TK
Nach jahrelangen Recherchen ist es gelungen, den fälschlicherweise als „Jack the Ripper“ bezeichneten Fall zu lösen. Täter war in Wirklichkeit ein Yak aus Tibet, was eben nicht Yake wie Hose ist, sondern ein echter Knüller! Nach dem Ende der Mordserie überkamen den Yak schwerste Gewissensbisse, er wurde religiös und widmet sich seit nunmehr über einhundert Jahren (Yaks sind langlebig) der veganen Armenspeisung. Ente gut, alles gut.

DA
Friseure, die sich selbst die Haare schneiden. Ärzte, die sich selber verarzten. Kinder, die Kinder kriegen – ja ist denn die Welt komplett _______________________ geworden?

TK
Hier bitte authentisch einsetzen. Was einem bei einer Krimiautorin echt zu denken geben sollte …

Titelbild:  © Michele Corleone