Schlagwort: Literatur

Neue Buchtipps für die Quarantäne

Lesen hilft so oder so. Ob zur Ablenkung in der Quarantäne oder zur Einordnung von Isolation, Wahnsinn, Leben und Tod. Moment, das Intro kommt dir bekannt vor? Gut aufgepasst: Vor sechs Wochen sind hier schonmal Buchtipps für die Quarantäne erschienen. Hier kommen neue.


Stefan Weigand empfiehlt …

Die Straße von Cormac McCarthy

Es gibt Bücher, die sind wie Kometen: Man begegnet ihnen, liest sie, stellt sie ins Regal – und Jahre später kommen sie wieder ins Leben zurück. „Die Straße“ ist für mich so ein Buch.

Bestimmt ist es mehr als vier Jahre her, als ich die Erzählung zum ersten Mal gelesen habe. Nun, in Corona-Zeiten, fiel das Buch mir wieder in die Hände. Ein kurzes Blättern, und die vielen Bilder und klaren Szenen waren gleich wieder präsent. Cormac McCarthy zeigt hier seine großartige Erzählkunst in Perfektion. Kein Wunder, dass er hierfür 2007 den Pulitzer-Preis bekam.

Die Story selbst ist schlicht. Das Szenario ist die USA in einer Endzeitsituation. Es gibt kaum noch Menschen, eine moderne Infrastruktur ist so gut wie nicht mehr vorhanden. In dieser Welt macht sich ein Vater mit seinem Sohn auf dem Weg. „Wenn er im Dunkel und in der Kälte der Nacht im Wald erwachte, streckte er den Arm aus, um das Kind zu berühren, das neben ihm schlief.“ Wenn ein Roman so beginnt, dann ist klar: Der Leser bleibt nicht auf Distanz, sondern soll mitkommen auf diesen Weg, der an die Küste führen soll. Man begibt sich nicht unbedingt gerne, aber eben unweigerlich in die Obhut der beiden.

Warum die Reise eigentlich an die Küste gehen soll? Was erwarten die beiden dort? Die Fragen bleiben unbeantwortet. Wie eine Sehnsucht, die gar nicht näher bestimmt ist, entwickelt sich dadurch der Sog, der den Roman so bestimmt.

Die Straße wirkt wie ein Vakuum: Sie zieht einen hinein in die Geschichte. Es gibt Begegnungen mit anderen Menschen; kalte Nächte und die Suche nach Essen dominieren den Alltag. Doch das Eigentümliche und auch wundervoll Rätselhafte an der Erzählung ist, dass das Vakuum tatsächlich leer bleibt. Vielleicht ist es so, dass in einer Welt, in der alles infrage gestellt ist, allein schon die Erkenntnis trägt: Jede Leere ist mehr als das Nichts.

Die Straße erschien in der Übersetzung Nikolaus Stingls mit 256 Seiten bei Rowohlt.

Bild: © Stefan Weigand

Katharina van Dülmen empfiehlt …

Die Zeit, die Zeit von Martin Suter

Die Tage in der Quarantäne sind alle gleich. Oder ist es immer derselbe Tag, den wir erleben? Denn wer sagt denn, dass Zeit vergeht? Martin Suters „Die Zeit, die Zeit“ basiert auf der Theorie, „dass es keine Zeit gibt. Es gibt nur die Veränderungen. Wenn diese ausbleiben, steht das, was wir Zeit nennen, still.“

Eigentlich will Peter Taler nur den Tod seiner Frau Laura rächen: Ihren Mörder finden, umbringen und dann Selbstmord begehen. Anders sein alter Nachbar und Zeitnihilist Knupp, der ebenfalls um seine Frau trauert: Der will nämlich einen Moment wiederherstellen, an dem Martha noch lebt, und  ihren Tod verhindern. Taler soll ihm helfen, sträubt sich aber zunächst. Doch Knupp hat etwas, das er braucht, um Lauras Mörder zu finden. Und was ist, wenn sein seltsamer Nachbar recht hat? Wenn es stimmt, dass die Zeit nicht existiert? Dass ein bestimmter Moment wiederhergestellt werden kann, indem alle Veränderungen aufgehoben werden? Dann bestünde ja die Chance, Laura wiederzusehen.

Das Faszinierende an Suter ist doch, dass er das scheinbar Unmöglichste, ja, Unglaubwürdigste, mit einer Leichtigkeit und einer Portion Sachlichkeit glaubhaft macht. Sei es ein rosaroter leuchtender Elefant oder eben das Zurückdrehen der Zeit – alles ist möglich, ergibt Sinn, ja, ist logisch, verständlich und spannend zugleich. „Die Zeit, die Zeit“ ist einer der besten Romane Suters. Und die Zeit in der Quarantäne sollte genutzt werden, um ihn zu lesen.

Dabei könnte es sein, dass die Leser٭innen der Ausgabe von 2012 einen anderen Schluss lesen als die einer Ausgabe nach 2015. Denn laut Tages-Anzeiger hat Suter das Ende noch einmal umgeschrieben. Das würde ja heißen, beide Fassung existieren trotz Veränderung zur gleichen Zeit. Explodierender-Kopf-Emoji.

Die Zeit, die Zeit erschien bei Diogenes und hat 304 Seiten.

Bild: Katharina van Dülmen

Martin Kulik empfiehlt …

Utopien für Realisten von Rutger Bregman

Nicht verzagen, Bregman fragen.

Der junge niederländische Historiker Rutger Bregman hat in den letzten Jahren Aufsehen erregt. Nicht nur durch seine Wutrede gegen die Reichen auf dem Weltwirtschaftsgipfel 2019 in Davos, sondern auch durch seine kämpferischen und visionären Bücher. Und es gibt wohl kaum einen besseren Zeitpunkt als jetzt, sich Gedanken darüber zu machen, wie unsere Zukunft aussehen sollte. Die COVID19-Pandemie sorgt dafür, dass einige der Utopien, die Bregman in seinem Buch „Utopien für Realisten“ vorstellt, gar nicht mehr so weit von unserem Alltag entfernt scheinen: so stellt er uns beispielsweise die 15-Stunden-Woche als Antwort auf die Digitalisierung der Arbeit und das bedingungslose Grundeinkommen als realistische Option vor.

Bregmans Rede in Davos:

Quelle: YouTube

Doch Bregman ist nicht nur utopischer Realist, sondern auch Optimist. In seinem aktuellen Buch „Im Grunde gut“ stellt er eine These vor, die sich in der aktuellen Lage noch bewähren muss – der Mensch, so Bregman, sei im tiefsten Kern seines Wesens gut. Damit meint er vor allem, dass der Mensch eben nicht nur auf den eigenen Vorteil bedacht, sondern ein soziales, sanftmütiges und solidarisches Geschöpf ist. In Zeiten, in denen im Supermarkt kein Klopapier mehr zu finden ist, sicher eine steile Behauptung, die dem Pessimismus der plötzlichen Krise aber erfrischend widerspricht. „Das wahre Problem unserer Zeit ist nicht, dass es uns nicht gut ginge oder dass es uns in Zukunft schlechter gehen könnte. Das wahre Problem ist, dass wir uns nichts Besseres vorstellen können.“, sagt Bregman. Versuchen kann man es ja mal …

Utopien für Realisten erschien in der Übersetzung Stephan Gebauers bei Rowohlt und hat 304 Seiten.


Gregor van Dülmen empfiehlt …

Miroloi von Karen Köhler

Karen Köhlers Debütroman Miroloi warnt vor sozialen Gefahren dauerhafter Isolation, und ist damit im Moment noch aktueller als bei seinem Erscheinen letzten Sommer.

Das Buch erzählt aus dem glücklosen Leben einer namenlose Protagonistin, die als Findelkind in einem fast völlig von der Außenwelt abgeschnittenen Dorf auf einer abgeschlagenen Insel aufwächst und systematisch gemobbt und misshandelt wird. Eigentlich ließe sich die Geschichte locker in ein historisches Setting übertragen, zumal sie Informations- und Machtmechanismen nachzeichnet, die geschichtlich schon zu manchem gedanklichen und gesellschaftlichen Rückschritt geführt haben. An manchen Stellen würde man sich das sogar wünschen. Doch Köhler wählt einen fiktiven Handlungsraum, um die Kausalketten, passend zum Thema, zu isolieren. Das hat den entscheidenden Vorteil, dass sie mit Konservatismus, religiösem Fanatismus und dem Patriarchat abrechnen kann, ohne konkrete Personen zu diffamieren. Auch wenn Miroloi teilweise karg und rau erzählt ist, ist Köhler damit ein lesenswertes, wichtiges Buch gelungen. Nicht zuletzt zeigt es uns, wie gut wir es haben, dass das Internet noch vor COVID-19 erfunden wurde. Besonderes Highlight: Miroloi wird mit einem Hannah-Arendt-Zitat eingeleitet und diesem voll und ganz gerecht.

Miroloi erschien bei Hanser und 463 Seiten.

Bild: © Katharina van Dülmen

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Daniela Krien: Muldental

In Muldental erzählt Daniela Krien elf Geschichten, die sich im Kern mit der Frage „Schicksal oder Schuld?“ befassen und im weitesten Sinne mit der Vereinigung zwischen Ost- und Westdeutschland zusammenhängen. Der Roman lässt erahnen, dass unter die Oberfläche blicken noch nicht bedeutet, auch in die Tiefe zu schauen.


Die auf dem Cover von Muldental abgebildete junge Frau in Schwarz, die vor einem dämmergrauen Hintergrund in die Ferne schaut, scheint zum Verwechseln ähnlich mit dem bekannten Gemälde Lucas Cranachs des Älteren, das Martin Luther zeigt. Auch wenn Welten zwischen ihnen liegen, stehen beide im Zeichen des Umbruchs. In elf Kapiteln lässt Daniela Krien verschiedene Protagonisten sprechen. Würde man ihr Konzept auf eine simple Gleichung herunterbrechen, würde es „Eine Portion Realität, eine Portion Fiktion“ lauten.

Die Autorin wahrt Distanz zu ihren Protagonisten, indem sie als Außenstehende über sie schreibt. Dennoch zeichnet sie auf lakonische, doch unter die Haut gehende Weise ihre jeweiligen Innenwelten nach. Es bedrückt, da jede in irgendeiner Form isoliert erscheint und sich um eine mehr oder minder starke Verzweiflung dreht. Doch sind viele dieser Welten auch irgendwie miteinander verknüpft – in der Vergangenheit, im Jetzt oder in beidem. Muldental ist der Ort, der die Geschichten in sich versammelt wie eine Senke, die sich bei Regen stets mit Wasser füllt.

Zwar macht Krien es einem leicht, in die Realitäten der jeweiligen Protagonisten einzutauchen. Doch sind die Erzählungen alles andere als einfach einzuordnen. Der Subtext von Muldental vermittelt uns deutlich, wie wir einerseits leicht verleitet werden, uns ein Urteil über das Denken und Handeln anderer zu bilden und wie es uns andererseits herausfordert, einfach zuzuhören und zu versuchen zu verstehen. Oft ist es nämlich diese Auseinandersetzung, worauf es zuerst und vor allem ankommt.

Beitragsbild: © Lennart Colmer

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Die Klassenfrage kehrt zurück in die Literatur

Spätestens seit Anke Stellings Roman Schäfchen im Trockenen ist es in der deutschen Literaturszene wieder legitim, sozioökonomische und -kulturelle Selbstreflexionen zu verfassen, um den eher elitären Schriftstellerhabitus von Menschen, die doch meist in prekären Verhältnissen leben, zu hinterfragen. Doch nun hat der Journalist etwas wesentlich Gewagteres vorgelegt: eine Autobiographie über seine Jugend und Kindheit in Armut, eine Autobiographie, in der er die Klassenfrage stellt. Sein Buch Ein Mann seiner Klasse bringt endlich wieder Leben, ökonomische Fragen und gesellschaftliche Probleme zurück in die Literatur.


Baron schreibt im Grunde sogar mehr als eine Autobiographie, nämlich die Geschichte seiner Familie. Er berichtet, wie sich seine Eltern im Arbeitermilieu von Kaiserslautern kennengelernt und ein Kind nach dem anderen bekommen haben. Der Leser erfährt, dass die Mutter Dichterin werden wollte, aber ihr schulisches und soziales Umfeld es ihr vergätzt haben und sie schließlich depressiv wurde. Wir erfahren, dass der Vater ein Alkoholiker war, der Frau und Kinder verprügelte und nirgendwo hohes Ansehen besaß. In diese Familie wurde der Autor hineingeboren.

Nach dem frühen Tod der Mutter an Krebs kamen die Kinder zur Tante mütterlicherseits – die immer noch zur Unterschicht gehörte, aber resolut und ehrgeizig war und ihren Schwager verabscheute. Während sein Bruder immer wieder Drogenprobleme hatte, schafft Christian Baron es aber schließlich, auch durch die Förderung einer anderen, wohlhabenden und gebildeten Tante, das Abitur zu machen, und interessiert sich bald für Journalismus – jedoch nicht ohne in einer höheren Schule stets als Außenseiter zu gelten, als derjenige, der aus einer Unterschichtenfamilie kommt und vom Bildungssystem systematisch diskriminiert wird.

Das Buch erzählt nicht nur von sozialem Elend und der Armut, am Ende des Monats nicht mehr genug Nahrung zu haben, weil der Schläger-Vater zu viel vom wenigen Geld versoffen hat, und davon, zu Hause keine Förderung zu erhalten, sondern auch davon, in ständiger Angst leben zu müssen. Es geht auch um Barons Selbstreflexion. Denn er entschuldigt nicht nur dauernd die Passivität der Mutter, die selbst das Opfer ihres Ehemannes ist und gleichzeitig aber die Kinder, aufgrund ihrer Depression, schützt; er liebt auch seinen Vater bedingungslos. Nie wollte er ihn loswerden, egal wie bösartig der Patriarch war; nein, Baron will immer, dass sein Vater sich ändert. Diese ständige Ambivalenz durchströmt das ganze Buch. Und er wird sich bewusst, dass – was keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung ist – der Vater ein „Mann seiner Klasse“ war, nie Aufstiegschancen hatte, nur Armut kannte und selbst bereits aus der Familie eines prügelnden Alkoholikers stammte.

Gewalt, Armut und Pathos

Barons Buch bildet also nicht einfach ein Milieu ab. Dabei erklärt er gar nicht einmal sonderlich viel, sondern beschreibt nur sehr genau – doch gerade dies gibt Ein Mann seiner Klasse eine große Kraft und dennoch einen explanatorischen Wert, den man selbst herausziehen kann, so deutlich ist die Schilderung. Denn Barons Stil und Sprache sind, selbst noch bei den Elementen der akademischen Selbstreflexion, einfach, simpel und klar. Baron gibt soziale Zustände exakt wieder, ohne Fremdworte nutzen zu müssen: ein stilistisches Bekenntnis zur Arbeiterklasse. Diese Klarheit wird ein bisschen unterminiert durch einige pathetische Elemente und der einseitigen Festsetzung des Vaters als Täter und der depressiven Mutter als Opfer – aber davon, dass sie ihre Kinder beschützt hat, liest man nichts. Doch es wäre natürlich zu viel erwartet von einer offenen Autobiographie, die so unangenehme, persönliche und doch gesellschaftlich relevante Themen berührt, wenn man hier noch eine nüchterne Analyse, statt dem kindlichem Pathos, das Baron als Junge fühlte, erwarten würde.

Obgleich es eine Autobiographie über die eigene Kindheit und Jugend ist, hat Baron es nicht nur geschafft, die eigene Entwicklung und Selbstfindung zu skizzieren. Seine Vergangenheit ist ein pars pro toto für eine ganze soziale Schicht oder Klasse. Ein Mann seiner Klasse steht dafür, als Junge in Armut, Not und damit auch Angst und Unfreiheit aufzuwachsen. Das Buch steht für Kinder, die früh männliche Gewalt erfahren. Das Buch steht für psychische Aufarbeitung dieses Leids, und für Liebe, Erinnern und die Suche nach Versöhnung mit der Familie und der Vergangenheit in einer widersprüchlichen Welt der Gewalt, sozialen Ungleichheit und Exklusion. Genau das ist der Verdienst: dass Baron die lange vergessene Klassenfrage wieder zurück in das öffentliche Bewusstsein rückt und dabei ohne ganz ohne Resignation oder Hass auskommt. Gegenüber diesem Debüt sehen andere deutsche, bourgeoise Debütromane – die meist davon handeln, wie ein rich kid auf Selbstfindungstrip geht, oder wie jemand mal als Kind gehänselt wurde – alt und abgeschmackt aus. Barons Klassenautobiographie gibt der Literatur ein wichtiges Stück Leben, Seele, Authentizität und die Behandlung manifester sozialer (statt nur individueller) Probleme zurück.

Ein Mann seiner Klasse von Christian Baron erschien am 31. Januar 2020 im Claassen Verlag und hat 288 Seiten.

Coverbild: © Claassen Verlag

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Was nehmen wir mit von 2019? Eine postmondäne Leseliste

Bevor wir uns mit 2020 auseinandersetzen, haben sich sieben postmondänler nochmal gefragt: Welche Bücher haben uns dieses Jahr beschäftigt? Wir müssten, könnte man nach 2016, 2017 und 2018 meinen, schon eine gewisse Routine in diesem Ritual haben. Doch in diesem Jahr ist eine auffallend bedrückende Liste zusammengekommen, die sich um Themen dreht wie Gewalt, Tod, Bedrohung, Verschwörungstheorien, Depression, Heimatliebe, Heimatverluste und Online-Kniffel.

von Moritz Bouws, Stefan Weigand, Katharina van Dülmen, Lennart Colmer, Martin Kulik, Gregor van Dülmen und Dominik Gerwens.

Manifest gegen die Heimat

Moritz über Eure Heimat ist unser Albtraum von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah (Hrsg.)

Ich bin privilegiert. Ich bin weiß. Ich bin jung. Ich bin männlich – ich habe es mir im binären Geschlechterkonstrukt mit einem heteronormativen Lebensstil bequem gemacht. Und ich habe keinen sogenannten Migrationshintergrund – zumindest keinen, der nicht vor mehr als dreihundert Jahren auszumachen ist. Trotzdem – oder gerade deswegen – ist mir der Begriff der „Heimat“, wie vielen von euch Leser٭innen, insbesondere im aktuellen Diskurs, zuwider. Denn er verfolgt ein Ideal einer homogenen, christlichen und weißen Gesellschaft, in der Männer das Zepter in der Hand halten und Frauen für die Volksvermehrung verantwortlich sind. Andere Lebensrealitäten tauchen in dieser Utopie schlichtweg nicht auf, wie Aydemir und Yaghoobifarah im Vorwort von „Eure Heimat ist unser Albtraum“ feststellen, das Anfang des Jahres erschien.

Wie fühlt es sich an, zu den anderen zu gehören? In Zeiten, in denen das vormalige Innenministerium ohne nennenswerte Diskussion zum Heimatministerium getauft wird. Wie fühlt es sich an, im ach so liberalen Deutschland als Jüdin, als Muslim, als transidenter Mensch zu leben? In Zeiten, in denen die Alternative für Deutschland zur dritt- oder bald zweitstärksten Kraft geworden ist. Wie fühlt es sich an, als Teil des anderen als Bedrohung wahrgenommen zu werden?

Der Essayband „Eure Heimat ist unser Albtraum“ bietet diese Perspektive. In vierzehn Beiträgen schildern nicht ganz unbekannte Vertreter٭innen vorwiegend aus dem kulturschaffenden Bereich ihre eigenen Erfahrungen und Sichtweisen, durch die sich auch einige Leser٭innen mit ihrem weltoffenen Selbstverständnis auf die Füße getreten fühlen dürfen. In diesen schnelllebigen Zeiten, in denen die Orientierung schwerfällt und kategorisierte Denkmuster gerade recht kommen, ist die kritische Selbstreflektion wichtiger denn je. Somit ist „Eure Heimat ist unser Albtraum“ ein bedeutendes Manifest, das Wachsamkeit, Sensibilität und Weitblick für das kommende Zusammenleben in unseren Gesellschaften verleiht.

Eure Heimat ist unser Albtraum erschien 2019 im Ullstein Verlag.

Endzeit im Kammerspielmodus

Stefan über Milchzähne von Helene Bukowski

Mit manchen Büchern ist es so, dass man erste ein paar Hürden überspringen muss, bis man zu ihnen findet. Doch dann ist man wirklich am richtigen Platz. Mit „Milchzähne“ von Helene Bukowski ging es mir so. Erst der Titel: Vielleicht ein Jugendroman oder eine Geschichte für Kinder? Komisch! Dann erzählen die ersten Seiten von Gemüseanbau, von Kaninchenzucht, von Nachbarn, die Obst tauschen, und von dem Brennnesselsud, mit dem man die Beete düngt. Bin ich jetzt in ein Landlust-Setting geraten?

Doch das Buch ist bitterernst. Die Geschichte spielt in einer Siedlung, in der die Menschen beschlossen haben, für sich zu bleiben. Das Mädchen Skalde lebt mit ihrer Mutter Edith am Rande dieser Gegend, die am Ende der Welt zu liegen scheint. Immer wieder ist von der sengenden Hitze die Rede, es drohen Felder zu verdorren. Endzeitstimmung. Dazu kommt die unheimliche Bedrohung, die von der Gemeinschaft selbst ausgeht. Die Menschen hier wollen keine Fremden bei sich. Um sicherzugehen, haben sie die letzte Brücke über den Fluss vor Jahren gesprengt. Aber dann schafft es doch jemand: Ein junges Mädchen taucht auf, wie aus dem Nichts, und alles gerät aus den Fugen. Skalde beschließt, das Kind aufzunehmen, und stellt dabei nicht nur das Selbstverständnis der Gemeinschaft auf die Probe, sondern eben auch deren Menschlichkeit.

© Stefan Weigand

Man kann gar nicht glauben, dass es das Romandebüt einer jungen Autorin ist. Helene Bukowski, 1993 in Berlin geboren, schreibt schnörkellos und gefühlvoll zugleich und setzt die Figuren und die Handlung in ein klaustrophobisches Kammerspiel. Das Buch hat mich deshalb gepackt, weil es eine wahnsinnig dichte Atmosphäre aufbaut und zugleich eine geschickte Parabel zu den Themen Herkunft, Identität und der Offenheit einer Gemeinschaft ist. Klar, die Gefahr ist da immer, dass ein Buch moralisch oder gar belehrend auftritt. „Milchzähne“ kommt hier gut durch. Das gelingt, weil die Erzählung geschickt Leerstellen lässt – man erfährt nicht, was die Gefahr ist, wo denn genau die Gegend liegt oder welche Gründe die selbst auferlegte Abschottung der Gemeinschaft hat. Eine ergreifende Erzählung, die nicht zuletzt wegen ihrer poetischen Zwischentexte berührt: „Mit dem Kind im Haus sind die Nächte heller geworden. Die Dunkelheit ist jetzt weich wie ein Mantel aus Pelz. Ich lege sie mir um die Schultern.“

Milchzähne erschien 2019 bei Blumenbar im Aufbau Verlag.

Realitäten

Katharina über Befreit von Tara Westover

Tara Westover erzählt, wie sie als Jüngste von sieben Geschwistern einer Mormonen-Familie am Hang des Buck Peaks im US-Bundesstaat Idaho aufwächst. Wie sie auf dem Schrottplatz ihres Vaters arbeitet und von ihrer Mutter alles über Kräuter lernt, statt in die Schule zu gehen. Sie erzählt von familiärer Gewalt und schrecklichen Unfällen, nach denen nie ein Krankenwagen gerufen, sondern immer nur auf Gott gehofft wird. Und davon, wie sie sich auf die apokalyptischen „Tage des Gräuels“ durch den Y2K-Fehler vorbereitet – Essens- und Spritvorräte bunkert, Fluchtrucksäcke packt und sich mithilfe von Waffen kampfbereit macht. Und das alles in ständiger Angst. Vor den Illuminaten. Vor der Regierung. Und vor dem FBI, die all jene erschießen, die sich nicht ihrem System beugen. So ihr Vater.

Doch wie rekonstruiert man die eigene Geschichte, wenn man unter einem Patriarchen aufgewachsen ist, der seine Wirklichkeit als allgemeingültig deklarierte und keine andere zuließ (Viel später glaubt Tara, ihren Vater in einer Vorlesung zum Thema Bipolore Störung wiederzuerkennen.)? Wenn man nicht mehr unterscheiden kann zwischen jenen Geschichten, die man gehört und jenen, die man erlebt hat? Wenn die Geschwister von demselben Erlebnis ganz anders berichten, als man selber es tun würde? Tara Westover legt all ihre Zweifel und das Misstrauen ihrer eigenen Erinnerung gegenüber offen. Und es gruselt einen besonders, wenn sie schreibt:

„Meine früheste Erinnerung ist keine. Vielmehr etwas, was ich mir eingebildet hatte und mich dann daran erinnerte, als wäre es tatsächlich so geschehen. Das Erinnerte entstand  (…) aus einer Geschichte, die mein Vater derart detailliert erzählte, dass jeder von uns (…) eine eigene Kinoversion davon gebastelt hat, einschließlich Gewehrschüssen und Schreien.“ (S. 19)

und

„Wenn ich meine Tagebücher aus jener Zeit lese, kann ich die Entwicklung nachverfolgen – die einer jungen Frau, die ihre Geschichte umschrieb. In der Wirklichkeit, die sie sich zurechtbastelte, war alles in Ordnung gewesen (…).“ (S. 187)

Doch irgendwann entflieht Tara der Vorbestimmung ihres Vaters, der sagte, eine Frau müsse heiraten und dürfe nicht arbeiten. Ganz abgesehen natürlich von der Arbeit auf dem familieneigenen Schrottplatz und im Haus. Sie sucht sich kleine Nebenjobs, kauft sich vom selbstverdienten Geld Bücher und bringt sich selbst Mathematik bei. Letztendlich schafft sie die Aufnahmeprüfung fürs College. Ihre lesenswerte Autobiografie widmet sie dann ihrem Bruder Tyler, der sie immer ermutigte und ihr zeigte, wie sie sich durch Bildung ihre eigene Realität schafft, ihre eigene Geschichte schreibt und sich befreit.

Befreit erschien 2018 im Kiepenheuer & Witsch.

Depression und Kaputtheit

Lennart über Serotonin von Michel Houellebecq

Vor wenigen Jahren habe ich mit Unterwerfung (2015) Houellebecq für mich entdeckt. Darauf habe ich fast jedes seiner Bücher verschlungen. Auch wenn sich ein roter Faden durch die versch(r)obenen Wesenszüge und Weltansichten seiner Hauptprotagonisten zieht, hat mich das zunächst nicht weiter gejuckt. Wohlfühlliteratur interessiert mich nicht – Houellebecqs Schilderungen der Kaputtheit fesselten mich. Serotonin las ich also mit einer gewissen Vorahnung und mit diesem Buch kippte auch mein Houellebecq-Erlebnis. Mir erzählt er nichts Neues mehr, vielmehr überspannt er mit Serotonin den Bogen; übertreiben kann auch jeder Groschenroman von Bastei-Lübbe.

Serotonin erschien 2019 bei DuMont.

Lennart über Frau im Dunkeln von Elena Ferrante

Auch wenn es fern liegt, Ferrante und Houellebecq zu vergleichen, gelingt es Ferrante meiner Meinung nach besser als Houellebecq, Facetten der Depression zu erzählen. Kein anderer Ort als der sommerliche Strand scheint ferner von einem solchen Narrativ zu sein, doch Ferrante macht genau dieses Idyll zu einem zwielichtigen Schauplatz ihrer Protagonistin. Zudem schafft sie eine Perspektive, die mehr mit Empowerment zu tun hat als mit Verbitterung. Das ist erfrischend.

Frau im Dunkeln erschien 2019 im Suhrkamp Verlag.

https://www.instagram.com/p/B2HVLnTnmzt/

Quelle: Instagram

Schwaches Licht, starkes Teemännchen

Lennart über Das Licht von T. C. Boyle

An das neue Buch eines meiner Lieblingsautoren habe ich hohe Erwartungen gehabt. Die Adaption einer historischen Begebenheit durch Boyles absurden Filter zu lesen, hat mir im Jugendalter schon wahnsinnig gut gefallen – mit Wassermusik (1990) fing alles an, mit vielen, vielen weiteren Romanen von Boyle ging es schließlich weiter. Das Licht hingegen zähle ich zu den schwächeren Geschichten. Verspricht der Prolog, der im Grunde ein Vorspiel darstellt, noch viel, wirkt die Entwicklung der zentralen Protagonisten zuweilen zäh, der Spannungsbogen flach.

Das Licht erschien 2019 bei Hanser.

Lenn über Das Teemännchen von Heinz Strunk

Diese sympathische wie schräge Kurzgeschichtensammlung erschien zwar schon im letzten Jahr, aber sie gehört definitiv zu meinen persönlichen Lese-Highlights des Jahres. Nach dem fesselnden, doch sehr verstörenden Trip in Der Goldene Handschuh (2016) und dem seicht-schrulligen Roman Jürgen (2017) packte mich das schmale, schwarze Buch mit seinem Mikrokosmos der Eigenartigkeiten. Strunk vermengt realitätsnahe wie fantastische Elemente des einfachen Seins zu einem grau-bunten Eintopf.

Das Teemännchen erschien 2018 bei Rowohlt.

Don’t fear the Reaper

Martin über So sterben wir von Roland Schulz

Die Beschäftigung mit unserem Tod ist eines der letzten großen Tabus: Aus dem Unvorstellbaren ist das Unsagbare geworden. Seltsam eigentlich, ist doch kaum etwas so sicher wie die eigene Vergänglichkeit. Doch was genau passiert, wenn wir unseren letzten Atemzug nehmen? Wie fühlt sich Sterben an? Und was passiert eigentlich im Anschluss, wohin wird der Leichnam gebracht, womit müssen sich Angehörige auseinandersetzen?

Die Beschäftigung mit dem Ende des Lebens ist eine sehr intime und private Angelegenheit. Roland Schulz hat mit „So sterben wir“ ein Buch geschrieben, das uns nicht nur drängende Fragen rund um das Sterben beantwortet, sondern auch den richtigen Stil gefunden hat, um uns dieses schwere Thema näherzubringen. Schulz spricht die Leser٭in in der zweiten Person an, schildert einfühlsam, ohne dabei jemals zu belehren oder komplexe emotionale Reaktionen vorzuschreiben.

„Tage vor deinem Tod, wenn noch niemand deine Sterbestunde kennt, hört dein Herz auf, Blut bis in die Spitzen deiner Finger zu pumpen. Wird anderswo gebraucht. In deinem Kopf.“

Schulz bringt uns dazu, über etwas nachzudenken, worüber wir zunächst nicht nachdenken wollen. So wird die Lektüre seines Buches zu einer kraftvollen Selbstermächtigung: Angst haben wir nur vor dem Unbekannten. Allein die Auseinandersetzung mit dem Sterben macht es uns etwas leichter, diesem unvermeidlichen Ereignis würdevoll entgegenzutreten.

So sterben wir erschien 2019 im Piper Verlag.

Poesie im Dunkeln

Gregor über Du bist nicht allein von Aref Hamza

In Du bist nicht allein sucht Aref Hamza nach Worten, um seine Fassungslosigkeit über den Bürgerkrieg in seiner Heimat Syrien, das Leeregefühl eines ausgelöschten Alltags, die qualvolle Flucht und die Einsamkeit des Exils zu verarbeiten. Er findet sie in ca. 80 Gedichten, von denen jedes für sich so erdrückend ist, dass eine zusammenhängende Lektüre fast unmöglich ist. In teils rohen, klaren Beschreibungen, teils erdrückenden Metaphern umkreist er immer wieder seine eigene Fassungslosigkeit darüber, dass sich ein banaler Alltag so stark verdunkeln konnte und sich alles Gekannte in Tod und Zerstörung auflösen. Eine Umfrage durchfließt seine Texte: Wie konnte es soweit kommen?

Du bist nicht allein erschien 2018 im Secession Verlag.

Gregor über Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong

Weit mehr Aufmerksamkeit als Aref Hamzas Band erfuhr 2019 die Veröffentlichung des aus Vietnam stammenden US-Autors Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios. Vuong gelingt das Meisterstück, seine poetische Sprache, für die er bereits mehrere Lyrikpreise erhielt, in Prosa zu überführen. Er präsentiert uns einen offenen Brief an seine Mutter und reißt seine Leser٭innen in die Lebenswelt seines eigenen Außenseitertums als homosexueller Sohn einer ausländischen Analphabetin hinein, in einer Gesellschaft, die immer weniger für Minderheiten übrig hat. Seiner Sprache gewährt er, was das Bruch so fremdartig und gut macht, den radikalen Freiraum, sich schonungslos mitten durch seine Erinnerungen zu wühlen, und fern von räumlichen und zeitlichen Strukturkomponenten Zusammenhänge herzustellen, die für ihn sein Leben ausmachen und eindrucksvoll Verzweiflung, Einsamkeit, Andersartigkeit, Gewalt und Verlorensein verbildlichen. Seine Leser٭innen nehmen kurz Teil am Schicksal einer kleinen Familie, das auch nach Jahrzehnten noch fremdbestimmt von den Spätfolgen eines Bürgerkriegs ist.

Auf Erden sind wir kurz grandios erschien 2019 bei Hanser.

Kleines Denkmal des Egalen

Gregor über Das Leben ist eins der Härtesten von Giulia Becker

Wer sind eigentlich die Leute, die die Bestenlisten beim Online-Kniffel anführen? Oder die, die nachts dem Teleshopping erliegen, bis ihre Wohnungen in unnützen Gegenständen versinken? Deren sozialer Anker Selbsthilfegruppen für aus Eigenverschulden in Not Geratene sind? Oder die, deren größter Lebenstraum ein Besuch im Tropical Island ist? Jedenfalls allesamt Personengruppen, denen viel zu selten Bücher gewidmet werden, da im Grunde alles, was ihnen passiert, den meisten Autor٭innen und ihren Leser٭innen völlig egal sein kann. Giulia Becker macht es trotzdem. Das Beeindruckende: Nicht nur die Charaktere von Das Leben ist eins der Härtesten, auch die Handlung ist fast schon obszön irrelevant. Eine Herausforderung, die die Autorin spielerisch annimmt. Ohne Ende schöpft sie erzählerisches Potenzial aus Detailbeschreibungen der verschrobenen Empfindungen und Lebensstile ihrer Protagonist٭innen. Ihrem Glauben, Wollen und Hoffen werden ungekannt viel Wohlwollen und Aufmerksamkeit geschenkt. Man will aufschreien und wegsehen, liest aber einfach immer weiter. Auch wenn die Handlung so undramatisch verpuffen mag wie von Anfang an vermutet, ist durch Das Leben ist eins der Härtesten viel gewonnen – nicht zuletzt ein besseres Verständnis für Lebensweisen außerhalb der eigenen Filterblase.

Das Leben ist eins der Härtesten erschien 2019 bei Rowohlt.

Ungeheure Erinnerungskultur

Dominik über Monster von Yishai Sarid

Menschen lieben Monster. Sie erzeugen wohliges Schaudern in Geschichten, bevölkern als personifizierte Verdrängungen des Unterbewussten die Romane von Stephen King. Und das Beste ist: Nach dem kathartischen Erlebnis eines Kinobesuchs oder eines Lektüreerlebnisses lässt man sie wieder in die Dunkelheit verschwinden, aus der sie gekommen sind. Das Monster aus Yishai Sarids Roman hingegen ist real, es verschwindet auch nicht – denn wir alle haben es heraufbeschworen.

Auslöser der kurzen Erzählung ist eine Art Verzweiflungstat. Mit einem Faustschlag streckt der Ich-Erzähler, ein erfahrener Tourguide, der regelmäßig Exkursionen in ehemaligen NS-Vernichtungslagern leitet, einen Dokumentarfilmer nieder. Wie konnte es soweit kommen? Rückblickend erklärt sich der Historiker seinem Chef, dem Direktor der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, und erläutert ihm und den Leser٭innen, welche Erfahrungen er mit Menschen gemacht hat, die Gedenkstätten des Holocaust besuchen. Das Bild, welches der Ich-Erzähler von den Menschen im Angesicht des nackten Grauens zeichnet, ihre egozentrischen Rückschlüsse aus dem Erlebnis mit dem radikal Bösen, sie sind der eigentliche Faustschlag und das Erschütternde dieses zutiefst verstörenden Lektüreerlebnisses.

Quelle: Instagram

Sicherlich, die eingefahrenen Muster der Erinnerungskultur, ihr Erstarren im Zeremoniell, all das ist ein auch in Deutschland seit langem bekanntes Problem – man denke nur an Shahak Shapiras Yolocaust-Aktion von 2017. Doch wie drastisch die Entfremdung zwischen den Intentionen offiziellen Gedenkens und der Wirkung auf alle Romanfiguren hat, rückt die Dringlichkeit der Revision des Gedenkens an die Shoa eindringlich vor Augen: Da ist zuerst einmal der Ich-Erzähler, ein relativ junger Historiker, kein akademisches Genie und auch eher ambitionslos, der eher durch Zufall an sein Fachgebiet Holocaust Studies gerät. Mehr und mehr wird er jedoch in den Bann des Monsters gezogen, das der Erzählung ihren Titel gibt und dem er vor allem deshalb nicht entrinnen kann, weil er sich einem janusköpfigen Ungeheuer stellen muss: So gelingt es ihm immer weniger, sich von den Schicksalen der Opfer des Menschheitsverbrechens emotional zu distanzieren – zugleich entfremdet er sich zunehmend von den Menschen, die er durch die Stätten des Verbrechens führt und die bestenfalls mit Indifferenz  reagieren. Und so sind es vor allem die Lebenden, die das Grauen des Monsters erzeugen, von ignoranten Jugendlichen in ihrem vom „Handyflimmern erfüllten Denken“ selbst im Angesicht der Krematorien bis hin zum realitäts- und inhaltsleeren Formeln staatlicher Institutionen – „Hoffnung einflößen statt Verzweiflung“.

Sarids Erinnerungsdystopie ist essayistisch gehalten, provokant, thesenhaft und finster, aber er ist keinesfalls zynisch. Die Zeitzeugen sterben, das gesamtgesellschaftliche Bewusstsein und auch Wissen über den Holocaust schwindet. Der Holocaust als negativer Gründungsmythos der Bundesrepublik und das aus ihm erwachsende Postulat des „Nie Wieder“ verliert seine identitätsstiftende Wirkung zunehmend durch seine Aushöhlung. Eine Antwort hierauf gibt der Roman nicht, denn auch wird deutlich, dass die Erinnerung der Opfer und der Täter niemals dieselbe ist und damit auch das Gedenken niemals ein Gemeinsames sein kann. Der Faustschlag am Ende des Romans zumindest, er trifft nicht nur das Gesicht des deutschen Dokumentarfilmers und verdeutlicht die Aktualität und die Verzweiflung und die Wut, die die offene Wunde der Shoah nach wie vor bewirkt – wer da noch vom „Schuldkult“ und einer „erkinnerungskulturellen Wende um 180 Grad“ redet, macht sich selbst zum Teil des Monsters.

Monster erschien 2019 bei Kein & Aber.

 

Quellen Titelbild: Cover „Milchzähne“ © Blumenbar/Aufbau Verlag, Cover „Serotonin“ © DuMont,Cover „Frau im Dunkeln“ © Suhrkamp Verlag, Cover „Eure Heimat ist unser Albtraum“ © Ullstein Verlag,Cover „Befreit“ © KiWi Verlag, Cover „Das Licht“ © Carl Hanser Verlag, Cover „So sterben wir“ © Piper Verlag, Cover „Monster“ © Kein & Aber, Cover „Das Leben ist eins der Härtesten“ © Rowohlt Verlag, Cover „Auf Erden sind wir kurz grandios“ © Carl Hanser Verlag

Von Be, Breach und Dreamern

Ein Sammelband mit Geschichten über die Zukunft. Die nicht weit entfernte, technisch vielleicht mögliche Zukunft. So beschreiben die Herausgeber selbst ihr im Oktober 2019 bei Suhrkamp erschienenes Buch 2029 – Geschichten von morgen.


Und genau diesen Anspruch verspricht ja auch der Titel. Geschichten, die man sich in zehn Jahren erzählen könnte, mit denen wir uns unmittelbar identifizieren, die etwas über unseren Alltag sagen. Ein Alltag mit viel Technik, mit neuen Technologien und daraus resultierenden veränderten sozialem Gefüge. Dieses Konzept ist verführerisch, denn man erhofft sich, jenseits von Hollywood-Großproduktionen der Science-Fiction mit fliegenden Autos oder perfekten menschengleichen Robotern, die kleinen leisen Veränderungen aufgezeigt zu bekommen.

Die ideellen Herausgeber Christian Granderath, Fernsehproduzent beim NDR, und Manfred Hattendorf, Leiter der Abteilung Film und Planung im SWR, haben sich mit diesem Buch gleich mehrere Träume zumindest in Papierform realisiert. Elf Autor_innen zeigen in elf Kurzgeschichten ihr zukunftsvisionäres Können. Darunter Science-Fiction-Erprobte wie Dietmar Dath, Emma Braslavsky und Leif Randt. Der Sammelband ist vor allem in seiner Komposition gelungen: Man liest Texte mit sehr unterschiedlichen Erzählweisen, Sprachstilen und technischem Hintergrundwissen. Das ist abwechslungsreich und unterstreicht die Einzigartigkeit jeder Geschichte, jedes_r Autors_in.

Was einem jedoch direkt beim Lesen des Eröffnungstextes auffällt: Der zuvor aufgestellte Anspruch „Geschichten von morgen“ zu präsentieren, wird nicht eingelöst. Auch nicht Seiten später, eigentlich bei keiner der Kurzgeschichten. Man liest von Hubots, perfekten menschenähnlichen Robotern, die das menschliche Gefühlschaos nicht verstehen, von einem Haus, das seine Bewohner komplett unter Kontrolle hat und von einem gescheiterten Experiment, das ein sich ausbreitendes schwarzes Loch und Menschen zwischen Sensationslust und Verunsicherung zurücklässt. Alles Motive, die doch eher so 50-100 Jahre in der Zukunft liegen und deren wissenschaftlicher Forschungs- und technischer Realisierungsstand heute noch in den Kinderschuhen stecken.

Die Enttäuschung hält jedoch nur kurz an. Denn wie gesagt ist die Zusammenstellung sehr unterschiedlicher Erzählungen durchaus überzeugend. Alle Autor_innen schaffen es, die Leserin auf wenigen Seiten in ihren Bann zu ziehen. Den Autor_innen gelingt es, die Komplexität und Verwobenheit technologischer Systeme und Werkzeuge mit der sozialen Ebene und dem individuellen Denken und Handeln in den Blick zu nehmen.

Da wäre z. B. Dietmar Daths „Hoffnung ruft Angst“. Wie so oft in Daths fiktiven Geschichten wird man einfach hineingeworfen, ohne viele Erklärungen. Die eigenen Wortkreationen und eigenwilligen Namen der Protagonisten verstärken noch das Gefühl, hier in eine völlig andere Welt einzudringen, in der man nicht alles versteht. Ein Konzern, der unter dem Symbol eines Seepferdchens jederzeit abrufbare Therapeuten verkauft, eine Gesellschaft, in der Interpretation und Bedeutung vorherbestimmt zu sein scheint, eine Bewusstsein verstärkende Droge, eine Informatikerin, die sich aus Überzeugung, das digitale-technische sei nicht genug, radikalisiert und Anschläge verübt, und die zum Schluss nicht durch Technik, sondern durch einen bloßen Faustschlag gestoppt wird.

„Das Haus“ von Dirk Kurbjuweit ist ein anderes bemerkenswertes Beispiel für die Komplexität des Zusammenspiels von Gesellschaft und Individuum, vermittelt durch Technik. Um den politischen und beruflichen Konsequenzen aus Johanns journalistischen Tätigkeiten zu entgehen, fährt das Paar Johann und Lucia in ihr Urlaubshaus auf einer Hallig. Die politischen Verhältnisse in Deutschland haben sich geändert, zum negativen nationalistischen. Johann wurde mit einem Veröffentlichungsverbot bestraft. Das Haus soll den beiden den nötigen Schutz vor weiterer Verfolgung durch staatliche Institutionen und etwas Entspannung bieten. Doch während ihrer Zeit auf der Insel müssen sie erkennen, dass das technisch hochaufgerüstete Haus nicht zu ihrem Schutz agiert. Das überspitzte Szenario lässt die Leserin etwas kritischer über die zeitsparenden und unterhaltenden Möglichkeiten von Smart Home nachdenken.

Fast alle Geschichten in diesem Band sind Dystopien, sie hinterlassen einen bitteren Beigeschmack, der den eigenen Optimismus für die Zukunft dämpft. In seinem Nachwort schreibt der österreichische Zukunftsforscher Reinhold Popp, dass es einen motivationalen roten Faden der Autor_innen zu geben scheint: In den Texten wird „[…] die große Sehnsucht nach einem mitmenschlichen Zusammenleben und nach sozialem Zusammenhalt deutlich erkennbar.“ Nicht zuletzt machen die hier versammelten Geschichten über den wohl spekulativsten Gegenstand der Literatur, die Zukunft, einmal mehr klar, dass neben all der digitalen Technik das physische und subjektive Erleben und Wahrnehmen des Menschen in seinem Facettenreichtum und seiner Komplexität wohl nicht so leicht zu täuschen oder nachzuahmen ist. Denn: „Was kann nur ein Buch?“

Der Sammelband 2029 – Geschichten von morgen wurde von Stefan Brandt, Christian Granderath und Manfred Hattendorf im Suhrkamp Verlag herausgegeben, enthält elf Erzählungen und hat 541 Seiten.

Beitragsbild: © Suhrkamp Verlag

Marijana Dokoza – Von Krieg und Frieden

Krieg – ein abstraktes Bild in modernen Wohlstandsstaaten. Dass vor nicht allzu langer Zeit ein grausamer Krieg ein europäisches Land beherrschte, ist vielen nicht bewusst. Zur bevorstehenden Veröffentlichung ihrer belletristischen Werke in verschiedenen Sprachen, erzählt Schriftstellerin und Journalistin Marijana Dokoza von schönen und schrecklichen Einflüssen auf ihre Arbeit.

Ein Gastinterview von Daniel Hadrović
übersetzt von Sandra Marelja Muić


Kürzlich hast du die deutschsprachige Literaturlandschaft mit deinem Roman „Die Stimme“, welcher beim Dittrich Verlag erschienen ist, betreten. Besteht für hiesige Fans die Hoffnung auf weitere Übersetzungen, da du bereits mehrere Werke erfolgreich in Kroatien veröffentlicht hast?

Selbstverständlich wird es auch Übersetzungen von meinen anderen Romanen, wie beispielsweise „Grijesi“, „Sünden“, geben. Dieser Roman gründet auf der wahren Geschichte einer Frau, die ihre Vergangenheit hinter sich lässt und ein neues Leben beginnen möchte, jedoch begreift, dass sie sich vor den Sünden der Vergangenheit nicht verstecken kann. Sie wird immer wieder in die Vergangenheit zurückversetzt. Um mit ihrem Leben weitermachen zu können, wird sie einiges aus der Vergangenheit in Ordnung bringen müssen. Neben „Sünden“ ist auch die Übersetzung von „Naranyas Weinen“ ins Englische geplant, wie auch die Übersetzung von „Das Spüren“ ins Italienische.

„Die Stimme“ ist ein teils in ein medizinisches Setting gesetzter Mystery-Roman, welcher der Hauptprotagonistin Kiara auch genügend Raum für ihre Herzensangelegenheiten einräumt. Obwohl die Geschichte flüssig zu lesen ist, bedienst du dich nicht der minimalistischen Narration, der sich viele Autor/innen moderner Unterhaltungsliteratur verschrieben haben. Kannst du benennen, worauf grundsätzlich dein Hauptaugenmerk beim Schreiben liegt?

„Die Stimme“ unterscheidet sich etwas von meinen anderen Romanen, in denen das Erzählen der Ereignisse und die Beschreibung der Figuren sehr betont sind. „Die Stimme“ versetzt den Leser aus der Realität in einen Zustand, in dem er nicht mehr sicher ist, ob es um Halluzinationen geht oder ob die Hauptfiguren das alles wirklich durchmachen. Ansonsten versuche ich den Lesern mit meiner Erzählweise und dem Figurendialog das Gefühl ein Teil der Handlung zu sein zu geben und die Möglichkeit, sich in die Rolle der Figuren zu versetzen.

Würdest du mir zustimmen, dass dein Roman, neben sanften Einflüssen aus dem kroatischen Kulturraum, auch einige klassisch slawische Motive aufweist? Der Rolle von alten weisen oder intriganten Frauen beispielsweise, welche Assoziationen zu Hexen erwecken könnten, begegnet man immer seltener, je weiter man sich von Osteuropa entfernt.

Ja, selbstverständlich kann man in manchen Situationen im Roman Eigenschaften der Frauen finden, die „ein bisschen Hexen“ sind und die in der kroatischen Kultur Wurzeln haben. Jedoch sehe ich bis zu einer gewissen Grenze nichts Verkehrtes darin. In jeder Kultur gibt es „Hexen“ die als Vorlage für viele interessante Geschichten dienen.

Es geschieht alles andere als vordergründig, aber durch die unterschiedlichen Bausteine des Plots wirkt es, als wolltest du die Infiltration unserer technisierten Lebenswelt durch folkloristische Elemente inszenieren. Spiegelt dieses Verfahren vielleicht einen Teil deiner eigenen Mentalität wider, die womöglich deinem Umzug nach Deutschland geschuldet ist? Ist darin eine Metapher für etwaiges Heimweh erkennbar?

Mein Umzug nach Deutschland hat sicherlich auf meine Einstellung Einfluss gehabt, was sich später auch auf mein Schreiben auswirkte. Womit der Mensch aufgewachsen ist und welche Erfahrungen er gesammelt hat, bleibt immer in ihm erhalten. Später baut man dieses mit neuen Erkenntnissen auf. Als ich nach Deutschland kam, lernte ich viel über verschiedene Kulturen und ihre Denkweisen, was mir die Möglichkeit gab, die eigene Kultur mit der fremden zu vergleichen oder das eigene Aufwachsen mit dem von jemanden aus einer anderen Kultur. Deutschland half mir auch auf meine Heimat anders zu schauen. Ich würde sogar sagen, meine Heimat mehr wahrzunehmen, vielleicht auch sie stärker zu spüren. Da, wo man zuhause ist, denkt man nicht viel darüber nach. Natürlich spiegelt sich das alles auch in meinem Schreiben wieder.

Lass uns bei deinem Geburtsort bleiben. Du bist in der Stadt Zadar geboren und aufgewachsen, welche im Zuge des Kroatienkrieges unter Beschuss stand. In deinem vorangegangenen Roman „Grijesi“ (Sünden), der nur auf Kroatisch erschienen ist, hast du das Thema Krieg aufgegriffen, aber nicht an deine eigene Biografie geknüpft, sondern an reale Erlebnisse einer Bekannten von dir, welche ebenfalls aus Zadar stammt. Das steht im starken Kontrast zu einem Mystery-Roman. Ist es dir ein Anliegen, „Grijesi“ auch deutschen Lesern irgendwann vorstellen zu können, oder richtet es sich an eine kroatische Zielgruppe, die konkrete Bezüge zu damaligen Ereignissen knüpfen kann?

Im Roman „Die Sünden“ gibt es keine Kriegsbeschreibungen, sondern einzelne Situationen, in denen sich die Frau, über die ich schreibe, befunden hat. Sie hat im Heimatkrieg ihren Verlobten verloren und sie verrät uns alles, was sie in der Kriegszeit durchgemacht hat. Es stimmt, „Sünden“ ist der pure Gegensatz zu „Die Stimme“. Sie ist die Lebensgeschichte einer Frau, mit der ich mich ein Jahr lang in Mainz getroffen hatte, da sie heute in Deutschland lebt. Sie erzählte mir über ihr Leben und ich übertrug die Geschichte aufs Papier. Ihre Geschichte ist sehr dramatisch, viele sagten mir, sie hätten geweint, als sie das gelesen haben. Sie ist nach Deutschland gekommen, um ihrer Vergangenheit zu entkommen, sie holte sie aber auch in Deutschland ein. Der Roman ist nicht bloß an eine kroatische Zielgruppe gerichtet, sondern an alle Lesergruppen. Der Ehemann der weiblichen Hauptfigur im Roman ist beispielsweise Deutscher. Dies ist vorrangig die Geschichte über eine durch ihre Vergangenheit traumatisierte Frau. Die Vergangenheit holte sie in Deutschland ein, obwohl sie jetzt in einer ganz anderen Gesellschaft lebt als vor dreißig Jahren.

Für deine kroatischen Fans dürfte irritierend sein, dass „Die Stimme“ ausschließlich in Deutsch erschienen ist – ist das richtig? Was sind die Gründe dafür, denn du hast das Manuskript in Kroatisch verfasst?

Ja, ich wurde oft gefragt, warum ich das Buch nicht zuerst in Kroatien veröffentlicht habe, obwohl ich „Die Stimme“ auf Kroatisch geschrieben habe. Ich habe das Manuskript einer angesehenen Buchkritikerin zum Lesen gegeben, sie war von der Handlung begeistert und riet mir, das Buch zuerst auf Deutsch erscheinen zu lassen, da der deutsche Markt viel größer ist als der kroatische und somit auch seine Möglichkeiten – und so fing alles an. Jetzt werde ich oft in Netzwerken gefragt, wann der Roman auf Kroatisch erscheinen wird, was sicherlich in absehbarer Zeit passiert. Zuerst werde ich mich aber auf das englische Sprachgebiet konzentrieren, da man mit einem Buch in englischer Auflage verschiedene Teile der Welt erreichen kann.

Du schreibst nicht nur Belletristik, sondern arbeitest als Journalistin für die größte seriöse kroatische Zeitungen „Večernji list“. Außerdem bist du Chefredakteurin des Wochenmagazins „Fenix“. Hatten dich die Kriegsjahre bei deiner Berufswahl beeinflusst?

Den größten Einfluss hatte mein Vater auf mich, der für das Volksblatt gearbeitet hatte. Das Volksblatt, welches in Zadar herausgegeben wird, ist die älteste aktive Zeitung in Europa. Ich bin mit Zeitungen und Büchern, die er immer wieder nach Hause brachte, aufgewachsen. Darunter befand sich sogar deutsche Literatur. Hedwig Corths-Mahler ist beispielsweise eine deutsche Autorin, deren Bücher ich alle gelesen habe, als ich noch ein kleines Mädchen war.

Ich war dreizehn, als der Heimatkrieg begann, und lebte im Dorf, welches nur einige Minuten von Škabrnja entfernt war. Škabrnja ist der Ort, in dem man massenweise die Bewohner geschlachtet hatte. Am Tag, als die serbische Armee in Škabrnja eingedrungen ist, befand ich mich im Hof meines Hauses und wusste nicht, wohin ich flüchten sollte. Es entstand eine große Panik und die Menschen flüchteten, schrien, ich werde den Tag nie vergessen. Später befand ich mich als Flüchtling mit einem Mädchen zusammen, die in einem Schulaufsatz beschrieben hatte, wie sie aus Borovo Selo geflohen war und wie sie sich von ihrem Vater, den sie nie wieder gesehen hatte, verabschiedete. Sie lebt heute auch in Deutschland. Wenn es diesen Krieg nicht gegeben hätte, wäre vielleicht auch mein Werdegang ganz anders. Niemand weiß, was ihm das Schicksal bringen wird. Diese Kriegssituationen, in denen ich mich selber gefunden hatte, erleichterten mir die Gefühlsbeschreibungen der Hauptfigur von „Sünden“, so hatte ich selbst mehr Einfühlungsvermögen. Ich wusste jedoch von klein auf, dass ich keinen „normalen Beruf“ will.

Mir las keiner eine Gute-Nacht-Geschichte vor, das tat ich selber. Wenn ich mich zum Schlafen legte, dachte ich mir verschiedene Szenarien und Geschichten aus und schlief so leichter ein. Journalismus und Literatur sind zwei große Lieben von mir, die sich verflechten. Ich bin stolz, heute Chefredakteurin von „Fenix“ zu sein. Wenn wir über aktuelle Ereignisse berichten, die von Krieg handeln, behandeln wir die Informationen wahrhaftig, objektiv und wahrheitsgetreu. Was passiert ist, muss man auch in Erinnerung behalten, damit es nie wieder geschieht. Das bedeutet aber keinesfalls, dass man Kinder bzw. die folgenden Generationen zum Hass gegen andere erziehen soll. Ganz im Gegenteil, man sollte ihnen beibringen, niemanden aufgrund seiner Nationalität, seiner Religion oder seiner politischen Ansicht zu hassen, damit sich nie wieder ein Krieg wiederholt. Mich hat mein Vater gelehrt, dass man immer das Seinige lieben und das Fremde respektieren sollte. Wenn sich alle daran halten würden, gäbe es viel weniger Probleme.

Über deinen beruflichen Werdegang kann man noch mehr erfahren, wenn man recherchiert, aber zu deinem Privatleben findet man sehr wenig. Andere Autorinnen suggerieren mit detaillierten Informationen zu ihrem Privatleben eine Verbindung zu potentiellen Konsumenten. Wie ist deine Haltung dazu?

Ich bin der Meinung, dass Privates privat bleiben soll, deswegen verwendet man auch den Begriff „Privatperson“. Es gibt Menschen, die es lieben, im Privatleben anderer rumzuschnüffeln. In meinen Romanen gibt es auch Teile von mir als Privatperson, aber das können nur diejenigen erkennen, die mich gut kennen. Ich glaube, dass alle Schriftsteller zu einem gewissen Teil in ihre Romane etwas von sich einfließen lassen, aber eigentlich sind introvertierte Menschen für andere viel interessanter als diejenigen, die zu viel von sich preisgeben.

Du bist als Journalistin rund um die Uhr mit allen möglichen Themen aus dem aktuellen Weltgeschehen versorgt. Zeichnet sich schon ab, welche Einflüsse und Ideen in dein nächstes Buchprojekt einfließen könnten?

Als Journalist lernt man Menschen kennen, die eine solche Lebensgeschichte haben, dass man eigentlich gar keine Phantasie zu haben braucht, man braucht ihnen nur zuzuhören. Genau wie ich dem realen Vorbild für „Sünden“ zugehört habe. Ein anderes Mal lernte ich für ein Zeitungsinterview eine Frau kennen, deren Lebensgeschichte eine neue Romanvorlage ausgezeichnet wäre. Sie ist achtmal dem Tod entgangen. Ihr passierten unglaubliche Dinge im Leben und aus diesem Grund sagt sie heute, dass sie glaubt, jederzeit wieder einer Gefahr begegnen zu können. Mit Ihr werde ich mich Ende Dezember treffen und dann werden wir sehen, in welche Richtung diese Zusammenarbeit uns bringen wird.

Auf welchen Online-Plattformen kann man dir folgen und in Erfahrung bringen, wo man dir live begegnen und Lesungen von dir besuchen kann?

Meine Bücher kann man im Buchhandel und auch über Amazon, www.booklooker.de sowie in anderen Online-Büchereien bestellen. Ich bin auch auf Facebook, Instagram und Twitter zu finden.

Der Winter steht vor der Tür. Erzähle zum Abschluss doch bitte, wie und wo du die Feiertage verbringen wirst.

Ich werde drei Wochen mit meiner Familie in Zadar verbringen und dazwischen einen Leseabend in Bosnien und Herzegowina haben. Die Winterfeiertage werde ich sowohl zur Erholung als auch für die Arbeit nutzen.

Vielen Dank, für die Einblicke in deine Arbeiten! Auf ein baldiges Wiedersehen!

Vielen Dank für das angenehme Gespräch.


Daniel Hadrović ist als Autor und Filmemacher aktiv. Seine kleinen Independent-Produktionen tragen surreale und gesellschaftskritische Züge.

Ein weltpolitischer Großroman

Es ist ein bizarres und doch erschreckend realistisches Gedankenexperiment, das der japanische Schriftsteller Ryū Murakami, mit seinen zweiteiligen Roman In Liebe, Dein Vaterland vorgelegt hat: Darin besetzt eine nordkoreanische Sondereinheit, getarnt als Rebellen und Kritiker des totalitären Regimes, die japanische Hafenstadt Fukuoka und setzten sich als Ziel, das von Wirtschaftskrisen geplagte Japan zu erobern. Dieses Jahr ist der zweite Band Der Untergang erschienen.


Im ersten Band Die Invasion ist das Expeditionskorps Koryo in Japan gelandet. Nordkorea nutzt dabei die japanische Wirtschaftskrise, die dafür sorgt, dass der Staat im Grunde nicht mehr intakt ist und es ganze Heere an Obdachlosen gibt. Nach und nach übernahm die Yakuza, die japanische Mafia, die politische Macht. Nachdem Koryo eingegriffen hat, hat das Korps versucht, mit politischen Säuberungen die Yakuza zu bekämpfen, sich selbst als Rebellen zu inszenieren und seine Basis in Fukuoka auszubauen, bis das nordkoreanische Heer ganz Japan erobern soll. Band zwei spielt sich – nach kleineren Rückfällen für das Expeditionskorps – zwischen Fukuoka, Tokio, Pjöngjang und der Insel Sakito ab. Murakami nutzt dabei eine riesige Menge an Protagonisten, die in diesem Band größtenteils aus politischen Opportunisten, überforderten Bürokraten, ein schwaches Militär, eine passive Polizei und feigen Journalisten, die sich in den Dienst des Expeditionskorps stellen, besteht. All diese Gruppen diskutieren, ob es sich bei der Invasion um einen kriegerischen Akt handelt oder ob die nordkoreanischen Geiselnehmer Verbündete sind, und überlassen somit den Invasoren die politische Kontrolle, die sich nun medial als Befreier inszenieren, ein autoritäres Regime einführen und unliebsame Zivilisten töten. Aber natürlich gibt es in dem Roman noch die aus der Gesellschaft Ausgeschlossenen: nämlich die Obdachlosen und einer Bande brutaler jugendlicher Satanisten, die Ishihara-Gruppe. Allein Letztere beschließen, die Invasoren zu bekämpfen.

Diese Protagonistenkonstellation ist typisch für den düsteren Murakami. Die Würdenträger und Personen mit öffentlicher Anerkennung und Autorität sind vollkommen hilflos gegenüber dem nordkoreanischen Coup, die geopolitischen und intriganten Aktionen der Koryos werden von ihnen nicht durchschaut, oder wenn doch, dann nur für eigene Klüngel genutzt. So sind die eigentlichen Unsympathen entweder unfähige japanische Akteure oder Verräter, wie selbstgerechte Öko-Mütter im öffentlichen Dienst oder die ideologisch-indoktrinierten Nordkoreaner, die versuchen, im eigentlich neofeudal-kapitalistischen Japan zurechtzukommen. Die potenziellen Retter dagegen sind psychopathische Außenseiter, die mit Gift, Sprengstoff und zelebrierten Gewaltexzessen die Nordkoreaner überraschen wollen.

Eine Erzählkunst, die ihresgleichen suchen muss

Keiner der Protagonisten wird dabei aber als (byronscher) Held gefeiert. Sehr realistisch mangelt es bei Murakami an solch nervigen Archetypen. Kalt und berichtend, hin und wieder versetzt mit beißenden Ironien oder Zynismen schildert der Autor diese unerhörte Dystopie. So wird kein Charakter zur Identifikationsfigur. Der Leser wird vielmehr von der ungeheuerlichen Handlung und dem spezifischen Stil gefesselt. Das ist großartig und eröffnet eine kritischere Auseinandersetzung mit der Handlung, anstatt der emotionalen Präferenz eines bestimmten Protagonisten. Denn selbst die Außenseiter werden nicht als rebellische Underdogs gefeiert, denn sie sind zu brutal, zu psychotisch, zu blutrünstig und zu sektiererisch, um irgendeine Sympathie zu wecken. Zusammen mit Murakamis kühler, meist berichtender Erzählweise geht der Leser also natürlicherweise auf Distanz.

Somit fehlt bei Murakami, abgesehen von politischen Reden der Koryos oder Ishiharas, auch jeder Pathos oder Idealismus. Murakamis eigener Erzählstil ist nämlich herrlich trocken und abgeklärt – und steht in seiner geringen Emotionalisierung und bar jeder Moralisierung in einem auffälligen Gegensatz zur Handlung, die sich irgendwo zwischen einer staatstheoretischen Spekulation für eine Alternativwelt, geopolitischen Abhandlung, Thriller und Actiongeschichte – die entweder an Kriegscomputerspiele oder einen nicht-jugendfreien Manga erinnert – lokalisieren lässt. Daraus wird schließlich ein literarisch meisterhafter Politroman. Spannung, Gewalt und kühle Verstandeskraft geben sich hier die Klinke in die Hand. All dies zeigt nicht nur, dass Murakami offensichtlich ein sehr realistisches bis pessimistisches Menschen- und Politikbild hat, das er grandios (komplex, aber gleichzeitig noch übersichtlich) zu schildern in der Lage ist, sondern auch, dass seine umfangreiche Phantasie von einer hohen politischen Urteilskraft sowie Folgerichtigkeit und Detailreichtum zeugt.

Murakami gelingt somit etwas, was in der Weltliteratur erstaunlich selten ist. Er entwickelt einen weltpolitischen Großroman, der detailliert ein alternatives Szenario denkt, indem er Imperialismus, Feindstellungen und die kapitalistisch-psychotische Perversion unserer Zeit auf die Spitze treibt, ohne in seinen bizarren Schilderungen absurd zu werden. Trockener und gleichzeitig fesselnder, abgeklärter sowie brillanter hätte diese Geschichte nicht erzählt werden können. Eine Erzählkunst, die ihresgleichen sucht.

In Liebe, Dein Vaterland, Bd. 2: Der Untergang von Ryū Murakami erschien im Wiener Septime Verlag und hat 504 Seiten.

Japanisches Kammerspiel nahe Berlin: Kühmels Kintsugi

„Wo in leuchtenden Lettern LOVE draufsteht, ist nie LOVE drin.“

Miku Sophie Kühmel – Kintsugi

Kintsugi, das lernt man in Miku Sophie Kühmels Debütroman, ist ein japanisches Kunsthandwerk, in dem zerbrochenes Porzellan durch den Einsatz von Gold repariert wird. So kunstvoll, dass die goldgeaderten Tassen, Vasen, Teller oder Schalen wirken, als hätte erst der Bruch ihnen zu Vollendung verholfen. Die Metapher wäre schon stark genug, um auf ihr allein einen Roman über zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen. Doch Miku Sophie Kühmel geht noch ein paar Schritte weiter in die japanische Ästhetik hinein und unterstellt die Kapitel jeweils verschiedenen traditionellen Idealen, zum Beispiel „iki“, der Verführung roher Feinheit angesichts des Todes, oder „karumi“, der Leichtigkeit im Gewicht der Dinge. Parallel wechselt zwischen den Kapiteln die Perspektive und die Handlung wird, unterbrochen von szenischen Passagen, viermal hintereinander von allen Hauptpersonen einzeln ausgeleuchtet und eingeordnet. Dadurch verschiebt sich nicht nur die Ausgangssituation, sondern jedes Kapitel wirkt sich auf die Wahrnehmung jedes anderen aus und beeinflusst es im Voraus oder Nachhinein.

Doch was erzählt der Roman eigentlich? Ein Paar, Max und Reik, treffen ihren Freund Tonio und dessen Tochter Pega in ihrem Ferienhaus nahe Berlin. Max arbeitet als Archäologe im akademischen Mittelbau, Reik als Künstler, der schon in jungen Jahren seinen Durchbruch hatte, was den beiden unter anderem den Luxus des Ferienhauses verschaffte. Tonio, ein Jugendfreund Reiks, ist Pianist ohne künstlerischen Durchbruch, dessen Lebensfokus auf der Erziehung seiner Tochter liegt, die aus einer Teenager-Romanze hervorging. Letztere, Pega, ist inzwischen Anfang zwanzig, beim Vater ausgezogen und im Studium. Eigentlich suchen die vier bei dem Treffen nur Ruhe vom Leben in Berlin und versuchen, den Garten auf den Frühling vorzubereiten. Statt Ruhe finden sie Konfrontation, sowohl untereinander als auch mit den eigenen Konflikten, die sich immer weniger gut ausblenden lassen.

Auch das Buchcover interpretiert die Kintsugi-Ästhetik:

Quelle: Instagram

Kühmel lässt auch nicht einfach nur ein Paar und eine befreundete Kleinfamilie aufeinandertreffen, dafür ist ihr Roman zum Glück zu komplex erzählt. Alle kennen sich viel zu lange und sind einander jeweils einzeln eng verbunden. In Kintsugi treffen sich vier Personen, von denen einer den anderen um seinen künstlerischen Erfolg beneidet, ein anderer den einen um dessen Tochter. Von denen zwei davon überfordert sind, dass ihre alte Ausrede, homosexuelle Paare dürfen nicht heiraten, plötzlich nicht mehr greift. Von denen drei die Erziehung der vierten übernommen haben, einer diese für sich reklamiert und eine sich inzwischen fertig erzogen fühlt. Und denen allen klar wird, dass sie freie erwachsene Menschen sind und ihre Beziehung zueinander neu definieren können, ja, sogar müssen. Die wesentlichsten Konfrontationen, deren Wirkung auf die Psyche Kühmel fein ausarbeitet, betreffen neue Lebensphasen und den individuellen Mut, sich diesen zu stellen.

Was Miku Sophie Kühmels Roman so gut macht, und ihm bereits Literaturpreise einbrachte, ist seine wortgewaltige Erzählweise, die von der Kapitelstruktur bis zum kleinsten Nebensatz allem eine Bedeutung beimisst. In langen Passagen, die immer wieder von der Gegenwart in die Vergangenheit ausholen, gelingt es ihr, die passenden Horizonte herzustellen und genau die nötigen Worte auszuwählen, um das für die Handlung Wichtige zu herauszufiltern.

Immer wieder staunt man, welche Worte es dann sind, die sie für maßgeschneiderte Beschreibungen findet. Eine Stärke entfaltet auch das Zusammenspiel individueller Perspektiven auf vermeintlich gemeinsam Erlebtes, ohne einer objektiven Erzählinstanz zu bedürfen. Da der Roman in wenigen Ereignissen viel Bedeutung findet, zwingt er zu genauem Lesen, bestraft das Überfliegen von Passagen mit dem Zwang, zurückzublättern, wodurch er gefühlt nochmal ein paar hundert Seiten länger wird. Das wiederum ist aber eher ein Vorteil als eine Strafe, denn so lässt sich das Beenden des Romans noch ein wenig hinauszögern. Vielleicht gewinnt Miku Sophie Kühmel mit ihrem Debütroman morgen sogar den Deutschen Buchpreis, vielleicht nicht. Aber es sind erst Romane wie Kintsugi, die solchen Preisen überhaupt Bedeutung verleihen.

Kintsugi von Miku Sophie Kühmel erschien im Verlag S. Fischer und hat 304 Seiten.

Die Verzweifelten Nationen. Schutzzone von Nora Bossong

Mira Weidner ist ein Mädchen aus Köln/Bonn, das 1994 während der Scheidung ihrer Eltern als 9-jährige eine Zeit lang bei dem UN-Diplomaten Darius und dessen Familie unterkommt. Sie baut eine besondere Beziehung zum ältesten Sohn Milan auf. Später studiert sie Internationale Beziehungen, arbeitet in New York und Burundi für die Vereinten Nationen und landet schließlich 2017 in Genf, wo sie eine Affäre mit eben jenem Milan beginnt, der jetzt verheiratet ist und einen Sohn hat.


Nach ihrem letzten Roman über den italienischen Politiker Antonio Gramsci behandelt Nora Bossong in Schutzzone nun die größte politische Institution der Welt: Die Vereinten Nationen. Schon vor der Veröffentlichung ist ihr vierter Roman ein Erfolg, denn er steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2019.

Der Roman erzählt Miras Geschichte unlinear und springt zwischen den verschiedenen Erzählsträngen. Dabei verzichtet Nora Bossong auf die explizite Markierung der wörtlichen Rede, wodurch der Romantext und besonders die Dialoge oft wie ein innerer Monolog von Mira erscheinen. Die Grenzen zwischen den Figuren sind unklar, ähnlich wie die in der Politik. In der Mitte des Romans sagt Milan: „Wir spielen uns klare Grenzen vor, aber jeder Versuch, ein Land mit exakten Grenzlinien zu zeichnen hat zu nichts als Absurditäten geführt.“ Statt einzelnen Kapitelüberschriften nennt der Roman jeweils Ort- und Zeit der Kapitel. Zudem sind die Kapitel in fünf Abschnitten zusammengefasst: Frieden, Wahrheit, Gerechtigkeit, Versöhnung und Übergang.

Der interessanteste Erzählstrang ist Miras Aufenhalt in Burundi, als Angehörige der Wahrheitskomission. Andere Leute sagen über sie, dass sie Leute gut zum Reden bringen könne. Das Erzählen hat hier einen expliziten Wert, auch wenn sich Mira selber nicht genau weiß welchen. Ihre Freundin Sarah: „Wir erzählen unser Leben, wir erzählen das Geheimste, das Intimiste, als müssten wir beweisen, dass es uns tatsächlich gibt.“ So trifft Mira auch den Milizengeneral Aimé, zu dem sie eine beinahe freundschaftliche Beziehung aufbaut, die von anderen Helfer٭innen kritisch gesehen wird. Denn Aimé ist für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich. Er habe unter anderem eine Kirche voller Kinder anzünden lassen. Doch seine Ehrlichkeit fasziniert Mira – oder ist es doch nur seine Art zu lügen?

Insgesamt bliebt die Hauptfigur des Romans etwas blass. Als ob sie selber um sich eine Schutzzone errichtet habe. Allerdings wird auch diese Schutzzone für kurze Zeit durchbrochen, als sie Milan trifft. Generell sind die Schutzzonen im Roman nicht besonders effektiv. Bei den Vereinten Nationen herrscht zynische Einigkeit darüber herrscht, dass eine Schutzzone ohne dazugehörige Militärtruppen nichts wert sei. So wirkt das größte Staatenbündnis der Welt wie eine verzweifelte Organisation, die viel versucht, wenig bewirkt und ihre Angestellten schließlich zu gut ausgebildeten Nihilist٭innen macht.

Auch, wenn er es nicht auf die Shortliste des Buchpreises schaffen sollte: Schutzzone ist ein Roman mit interessantem Setting und Einblicken in eine ungewöhnliche Welt. Dadurch ist er auf jedenfall lesenswert – trotz gelgentlicher Längen.

Schutzzone von Nora Bossong erscheint am 9.9. im Suhrkamp Verlag und hat 332 Seiten.

Titelbild: © Suhrkamp Verlag

Otremba Funeral Service – Das Erbe der Science-Fiction

Hendrik Otremba singt bei Messer und feierte erst 2017 mit Über uns der Schaum sein Debüt als Autor. Jetzt legt er in diesem Nebenjob nach und präsentiert: Kachelbads Erbe. Damit hat er schon wieder ein Buch geschrieben, das im Grunde niemand erwartet hat. Denn hinter dem sperrigen Titel und merkwürdigen Cover verbirgt sich ein im Grunde nicht weniger sperrig aufgebauter Roman mit merkwürdigem Thema. Allerdings im besten Sinne.


Das Jahrhundert der Kryonik

Das Romanthema muss man sich als Autor auch erstmal zutrauen. Und Hendrik Otremba handelt es nicht bloß oberflächlich ab, sondern taucht tief hinein. Im Zentrum steht die Geschichte der Kryonik, erzählt anhand mehrerer Schicksale, die mit dieser wissenschaftlichen Bewegung eng verbunden sind. Die Schicksale liefern praktischerweise unterschiedliche Erzählperspektiven gleich mit und tragen zu einer Handlung bei, die sich durch einige kulturelle Epizentren des 20. Jahrhunderts windet, vom Wien der 20er über Mexiko, Deutschland, Frankreich, Spanien und Vietnam bis zum New York und Chernobyl der 80er-Jahre. Aber was war noch gleich die Kryonik?

Die Forschungsrichtung, welche ab den 1960er Jahren ein paar Institute und Firmen beschäftigte, ging und geht noch heute der Frage nach ewigem Leben nach: Es ist momentan, wie allgemein bekannt ist, ja leider noch nicht möglich, gestorbene Körper wiederzubeleben – aber könnte man Leichen nicht trotzdem schonmal einfrieren für den Fall, dass es doch eines Tages möglich sein wird? Wissenschaftlich betrachtet hätte man dadurch eine valide Forschungsgrundlage, wenn sich irgendwann realistische Möglichkeiten zur Reanimation von Leichen bieten sollten. Subjektiv betrachtet produziert dieser Gedanke Hoffnung auf Unsterblichkeit. Und tatsächlich lassen sich, ähnlich wie im altägyptischen Totenkult, auch heute noch Menschen in der starken Hoffnung auf Wiederbelebung ihrer toten Körper konservieren. Nur dass der mit der Wiedergeburt verbundene Glaube nicht, wie im Altertum, eschatologisch sondern modernetypisch wissenschaftspositivistisch ist: also nicht jenseitig, sondern diesseitig.

Kachelbads Erbe erschien bei Hoffmann und Campe:

Quelle: Instagram

Die ersten Einfrierungen im Sinne der modernen Kryonik fanden Ende der 1960er Jahre statt, und inzwischen lagern nicht wenige konservierte Leichen in Tanks, deren Seelen zu Lebzeiten von einer Auferstehung in einer besseren Zeit träumten – in der zum Beispiel körperliche Gebrechen heilbar oder vielleicht sogar Altern und Sterblichkeit insgesamt überwunden ist. Das Anliegen der modernen Kryonik liegt, im Gegensatz zur Mumifizierung im Altertum, stärker auf der funktionalen Erhaltung aller Organe als auf einer reinen Konservierung der äußeren Erscheinung. Es ist daher auch keine Pyramide, sondern eine Halle mit Tanks voll kahlrasierter Leichen, in dem die Handlungsstränge von Kachelbads Erbe zusammenlaufen.

Eine Science-Fiction-Geschichte

Eigentlich bedient sich der Roman damit eines klassischen Science-Fiction-Stoffs. Denn die Krynonik tauchte unter einem anderen Namen schon Ende des 19. Jahrhunderts in der Literatur auf: 1888 zum Beispiel ließ Edward Bellamy einen Protagonisten durch einen Magnetismus konservieren und das ferne Jahr 2000 besuchen. Auch späteren Autor*innen dienten kryonische Überlegungen für Zeitsprünge in Zukunftswelten, bis die Wissenschaft sich des Themas tatsächlich annahm. Zum Beispiel Stanisław Lem oder die Serie Futurama greifen es auf. Bei Hendrik Otremba, der sich mutig in die Reihe stellt, liegt der Fokus weniger auf den Science-Fiction- und stärker auf kulturgeschichtlichen Aspekten. Was bedeutet die Kryonik, die ja zumindest, was das Einfrieren betrifft, inzwischen tatsächlich angewendet wurde, als soziale Praxis, und welche Schicksale verband sie?

So begleitet Otremba einige Mitarbeiter des fiktiven Unternehmens Exit US, darunter ein gewisser H.G. Kachelbad, durch ihren Alltag Mitte der 1980er Jahre, als die erste große Öffentlichkeitswelle der Kryonik eigentlich schon wieder abgeebbt ist und die Praxis aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verschwinden beginnt, aber dennoch einige Aufträge offen sind. In der Kryonik wartet man ja meist den natürlichen Tod ab. Teil ihrer Tagesordnung ist es somit, nach dem Ableben von Klient*innen von Exit US die Leichen mit einem Kühlwagen abzuholen (der aus verschiedenen Gründen die Aufschrift „OTREMBA FUNERAL SERVICE” trägt), diese auszubluten, das Blut durch ein Frostschutzmittel zu ersetzen, und in einen Tank mit -196° kaltem flüssigen Stückstoff einzulagern.

„Wenn die Sprache an ihre Grenze kommt, betreten wir eine neue Welt.“

Hendrik Otremba – Kachelbads Erbe

Da das Unternehmen zu dieser Zeit schon einige Jahre auf dem Markt ist, sind bereits zahlreiche Leichentanks zusammengekommen, die in einer Lagerhalle in Los Angeles stehen und regelmäßiger Wartung bedürfen. Nebenbei bieten sie als futuristischer Friedhof auf Zeit einen ausgezeichneten Schauplatz, an dem die Handlungsstränge von Kachelbads Erbe zusammenlaufen. Von dort aus richtet Kachelbads Erbe neben einem literaturwissenschaftlich obligatorischen Blick in die Zukunft auch ausführliche Rückblicke auf Lebensgeschichten der gefrorenen Leichen, ihren Platz in der Zeitgeschichte und die Gründe, die sie zur Kryonik brachten. Der Roman stellt große Fragen, thematisiert zum Beispiel die Grenzen der Sprache, etwa dann, wenn die Nachbereitung eines Lebens plötzlich wieder zu ihrer Vorbereitung wird. Oder fragt, was es eigentlich bedeutet, einen kleinen Gegenwartsmoment in der großen Seinsgeschichte zu durchlaufen. Aber er stellt auch sehr profane Fragen, die ebenfalls ihr Gewicht haben. Zum Beispiel: Was wird eigentlich aus den vielen Leichen, wenn ein Kryonik-Unternehmen sich wirtschaftlich nicht mehr trägt?

Die Kunst der Unsichtbarkeit

Und obwohl der Roman ein Science-Fiction-Thema aufgreift, glänzt er vor allem darin, vermeintlich Übernatürliches einzufangen und unter profanen Aspekten zu betrachten. Es mag zunächst aufstoßen, dass in einem Buch, das wissenschaftliche Sprache verwendet, plötzlich Unsichtbare, Zeitreisende und Seelenwanderer auftreten. Aber Otremba gelingt es, vermeintlich Übernatürliches logisch greifbar zu machen. Unsichtbarkeit zum Beispiel lässt sich von Seite zu Seite immer weiter als eine Eigenschaft nachvollziehen, die manche Menschen oder gesellschaftliche Gruppen zweifelsfrei tatsächlich haben, die man sich grundsätzlich aber auch antrainieren könnte. Auch die meisten anderen Phänomene, die auftreten scheinen zunächst undenkbar, später im Roman aber greifbar und völlig praktikabel. Die wenigen am Ende noch verbleibenden fantastischen Elemente lassen den komplexen Roman an einigen Stellen surreal verschwimmen.

Der fragmentarische Stil von Kachelbads Erbe, der auch an Buchprojekte wie Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen von Philipp Weiss oder Judith Schalanskys Verzeichnis einiger Verluste erinnert, und bei Otremba eine schlanke Form findet, ist in zwei Hinsichten geschickt gewählt. Zum einen kann der Autor damit zahlreiche Epochen abhaken, die er vermutlich selbst spannend genug findet, um ihnen ein Buch zu widmen, zum anderen lassen die Episoden kaum Aspekte unbeleuchtet, um den umkreisten Betrachtungsgegenstand, die Kryonik, auszuerzählen. Er achtet zwar auf den logischen Zusammenhalt zwischen den Fragmenten, traut das letztendliche Zusammenführen der Passagen zu einem Roman aber weitgehend seinen Leser*innen selbst zu. Diese werden mit jedem neuen Kapitel kurz mit dem Gefühl konfrontiert, plötzlich ein anderes Buch zu lesen. Was sich teilweise auch bewahrheitet. Als nachhaltig irritierend fällt höchstens eine aus der Sicht einer Katze erzählte Passage heraus, deren Weltbild trotz starkem Hang zur Verschmustheit und instinktiven Werturteilen doch sehr menschlich erscheint.

Sprünge im Erzählstil, die man während des Lesens ankreiden möchte, werden durch den Einbau von Metaebenen abgefedert. Diese schwanken zwischen wissenschaftlicher Beschreibung, surrealer Betrachtung und persönlichem Erzähler. Bloß manchmal würde man sich wünschen, dass der Roman noch stärker verschachtelt wäre und lieb gewonnene Charaktere noch zumindest ein zweites Mal zurückkehren würden. Aber nicht nur in seinem Thema, auch in seinem Aufbau bleibt der Roman durchgehend unbequem. Damit beweist Hendrik Otremba sein erzählerisches Talent. Zwischen den fragmentarisch zusammengefügten Kapiteln lässt er nicht zuletzt einen gesamten Roman unsichtbar werden.

Kachelbads Erbe von Hendrik Otremba erschien am 5. August 2019 bei Hoffmann und Campe und hat 432 Seiten. Er kostet 24 €, die ersten Seiten sind jedoch auch gratis vorgetragen verfügbar:

Quelle: YouTube
Titelbild: © Kat Kaufmann