Schlagwort: Lars Eidinger

„Schwesterlein“ – nicht ohne ihr Brüderlein

Nina Hoss und Lars Eidinger arbeiten sich im Schweizer Wettbewerbsbeitrag „Schwesterlein“ von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond der 70. Berlinale an existenziellen Themen wie Kreativität als Lebenskraft, dem besonderen Band zwischen Geschwistern und der Angst, Abschied zu nehmen, ab und glänzen im einfühlsamen Spiel miteinander.

Ein Gastbeitrag von Franziska Friemann


Lisa (Nina Hoss) ist Dramaturgin, kann jedoch seit der Leukämiediagnose ihres Zwillingsbruders Sven (Lars Eidinger) nicht mehr schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann Martin (Jens Albinus) und ihren zwei Kindern in der Schweiz. Dort leitet Martin ein Eliteinternat. Lisa lenkt sich mit den Pflichten, die sich daraus für sie ergeben, mehr oder weniger erfolgreich von ihrer Kreativitäts- und Schreibblockade ab. Ihr Bruder Sven ist der Star der Schaubühne, Publikumsliebling und nicht zuletzt in seiner Paraderolle als dänischer Prinz Hamlet ein Garant für ein volles Haus. Der Wille, als Hamlet auf die Bühne zurückzukehren, treibt Sven an, gegen seine Krankheit zu kämpfen. David (Thomas Ostermeier) – seines Zeichens Regisseur der Schaubühne – probt derweil das Stück mit der Zweitbesetzung. Lisa glaubt wie ihr Bruder an seine Rückkehr auf die Theaterbühne und versucht ihn gesund zu pflegen. Nach einem erneuten Zusammenbruch und der Verschlechterung von Svens gesundheitlicher Verfassung, müssen beide jedoch die Realität akzeptieren. Lisa findet dadurch zurück zum Schreiben und Sven die Kraft mit dem Kämpfen aufzuhören.

David (Thomas Ostermeier) und Lisa (Nina Hoss), © Vega Film 

Schwester und Bruder gegen den Rest

„Schwesterlein“ beleuchtet eine ganz besondere Geschwisterbeziehung. Zwillinge, die ohne einander nicht können – die beiden gegen den Rest. Ihre Mutter (Marthe Keller): eine ich-bezogene, verhuschte und wenig bodenständige Frau, die einst selbst Schauspielerin war und nun dem politischen Theater Brechts nachtrauert. Lisa und Sven waren also schon immer auf sich gestellt und mussten sich gegenseitig Halt geben, um nicht unterzugehen. Auch dem Regisseur der Schaubühne treten die beiden entgegen. Dieser zweifelt an der Genesung Svens und lehnt seine Rückkehr auf die Bühne ab. Später streicht er sogar die geplante Wiederaufnahme Hamlets und setzt das Stück ab. Niemand scheint die beiden so zu verstehen, wie sie einander verstehen. So versteht auch niemand, dass Sven nicht gesund werden muss, um auf die Bühne zurückzukehren, sondern eben auf die Bühne zurückkehren muss, um gesund zu werden. Die zwei Minuten jüngere Schwester Lisa kümmert sich aufopferungsvoll um ihren „großen“ Bruder. Tut alles für ihn, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für ihr eigenes Leben.  Schlussendlich kann sie nur tun, was sie seit der Diagnose ihres Bruders nicht mehr tun konnte: Sie schreibt. Für ihn.

Sven (Lars Eidinger) als Prinz Hamlet, © Vega Film

Déjà-vu in einer parallelen Realität

Zu Beginn des Films wirken das Ensemble sowie der Schauplatz, die Schaubühne am Lehniner Platz, befremdlich real. Zu bekannt ist alles. Lars Eidinger spielt Sven, der Hamlet unter der Regie von David, also Thomas Ostermeier, an der Schaubühne spielt. Oder ist Sven doch einfach Lars Eidinger, der im realen Leben Hamlet an der Schaubühne spielt? Man könnte sich hier lange aufhalten und schwadronieren, wie viel Lars Eidinger in Sven, wie viel Thomas Ostermeier in David oder Nina Hoss in Lisa steckt, doch zielt dieses Spiel zwischen den Ebenen auf mehr ab, als Verwirrung beim Publikum zu stiften und Online-Publikationen Futter für Schlagzeilen à la „Selbstdarsteller Eidinger spielt sich selbst“ zu bieten. Es zeigt, wie sehr sich Fiktion und Realität in der Kunst verschränken. Wie sehr Kunst – und in Svens Fall das Schauspiel – kräftezehrend ist, aber gleichzeitig absolute Lebenskraft und -mut bedeutet. Dass die Realität ohne die Fiktion, also der Schauspieler und die Dramaturgin nicht ohne die Kunst sein können und zugrunde gehen. Wäre Sven als Hamlet genesen? Auf der Bühne kann ein٭e Künstler٭in unsterblich werden, doch was ist, wenn ein٭e Künstler٭in auf der Bühne stirbt?

Berührende Vertrautheit der Protagonist٭innen

Bleibt noch die überragende Schauspielleistung der Protagonist٭innen zu betonen. Unheimlich ehrlich und ernsthaft, stark und gleichzeitig verletzlich. In einem Moment erlebt man, wie Sven eine angsteinflößend reale Panikattacke beim Gleitschirmfliegen erleidet, dass sich selbst bei höhenerprobten Menschen kalter Angstschweiß auf der Stirn bildet, und im anderen Moment durchlebt man den kompletten Nervenzusammenbruch Lisas vor einem Krankenhaus-Kaffeeautomaten. Besonders beeindruckend ist, dass die beiden nicht nebeneinander, sondern eben miteinander spielen. Kleine, subtile Gesten und kurze Blicke, die sich die beiden zuwerfen, vermitteln eine Vertrautheit, eine Art Seelenverwandtschaft, die man selten so ernsthaft und frei von Kitsch gesehen hat. Eine der wohl rührendsten Szenen des Films zeigt genau das: Lisa umsorgt ihren Bruder, während dieser sich völlig erschöpft und betrunken übergibt. Sven wiederum sorgt sich um seine kleine Schwester Lisa. Sagt, weinend, kindlich hilflos, doch absolut ehrlich: „Du bist doch mein Schwesterlein, oder? (…) Ich muss auf dich aufpassen.“

Die Premiere fand 24.02.2020 im Rahmen der 70. Berlinale als Teil des offiziellen Wettbewerbs statt. „Schwesterlein“ hat derzeit noch keinen Starttermin für Deutschland.

Aber zumindest schon einen Trailer:

Quelle: YouTube

 


Franziska Friemann hat Skandinavistik und Sozialwissenschaften (B.A.) und Kultur-Sprache-Medien (M.A.) mit Schwerpunkt Literatur, Film und Fernsehen studiert. In diesem Zusammenhang hat sie sich beispielsweise mit der weiblichen Sichtbarkeit in der britischen Nachkriegs-Skinhead-Subkultur und deren Darstellung im Film und der Fernsehserie „This is England“ auseinandergesetzt. Neben Bewegtbild befasst sich Franziska leidenschaftlich gerne mit Literatur und Theater.
Titelbild: © Vega Film

„Was ist ein Bankraub gegen die Gründung einer Bank?“

Aus der Verfilmung der Dreigroschenoper, dem besten Theaterstück bzw. „Musical“ der Welt, vom großen Bertolt Brecht ist nie etwas geworden – zu sehr unterscheiden sich die Grundlagen des epischen Theaters, das zum kritischen Denken und Hinterfragen einladen soll, und die der Filmindustrie, die Gefühle zeigen und von der Realität ablenken will. 90 Jahre nach der Uraufführung des Stücks hat sich nun der Brecht-Kenner und Regisseur Joachim A. Lang daran gemacht, den Dreigroschenfilm endlich zu drehen. „Mackie Messer. Brechts Dreigroschenfilm heißt jetzt das Werk. Daraus wurde der beste Film der vergangenen Jahre, vielleicht sogar der beste Film überhaupt. Eine Liebeserklärung!


Gemeinsam mit dem Komponisten Kurt Weill (dargestellt von Robert Stadlober) will Brecht (gespielt von Lars Eidinger) das Werk für die Leinwand überarbeiten. Das Stück ist im 19. Jahrhundert angesiedelt. Der Räuber Macheath, genannt Mackie Messer (Tobias Moretti), brennt darin mit Polly Peachum (Hannah Herzsprung), der Tochter des Bettlerkönigs Jeremiah Peachum (Joachim Król), durch. Daraufhin veranlasst Letzterer mit der Drohung eines Bettleraufstandes und der Bestechung von Prostituierten, Mackie festzunehmen und zu hängen. Macheath kann nur durch einen Verfremdungseffekt gerettet werden: einer königlichen Begnadigung. Das Werk nach Brechts Vorstellungen zu verfilmen, scheitert aber schnell an den unterschiedlichen Absichten von Autor und Produktionsfirma: Während Brecht den außergewöhnlichsten Film aller Zeiten machen will, verfolgen die Produzenten von Nero-Film rein wirtschaftliche Interessen, wollen daher die Konventionen der filmischen Verblödung pflegen und haben Angst vor politischer Zensur. Die Parteien ziehen sogar vor Gericht.

Foto: © Stephan Pick

Lang ist etwas Großartiges gelungen, etwas, das man dem Film kaum noch zugetraut hätte – ganz besonders einer deutschen Produktion, gilt der deutsche Film heute doch als seichte und redundante Bespaßung einer vergreisten Gesellschaft. Der Regisseur liefert tatsächlich die filmische Adaption eines epischen Theaterstücks, das es an Graden der Verfremdung – seltsamer Elemente, die den Zuschauer darauf hinweisen, dass es sich um ein Stück handelt, der daraufhin auf Distanz zum Gezeigten geht und erkennen soll, dass die Realität änderbar ist – mit dem epischen Theaters aufnimmt. Der experimentelle und gesellschaftskritische Film hat hiermit einen Höhepunkt gefunden.

Denn Lang hat nicht einfach das Drehbuch des Dreigroschenfilms auf die Leinwand gebracht. Vielmehr zeigt er, wie Brecht und seine Freunde sich das Werk erarbeiten und um mit Nero Film kämpfen und prozessieren. Es handelt sich dabei nicht nur um einen Film im Film, sondern um eine ständige Interaktion und Verwischungen der Fiktionsebenen, bis hin zum kompletten Umfallen der vierten Wand und Appellen an das Publikum. Gerne unterbrechen sich etwa die Filmebenen gegenseitig, vor allem während des Singens, damit die Lieder auch ja nicht zum Einfühlen und Schunkeln einladen, wie es leider bei so mancher Aufführung der Dreigroschenoper in den vergangenen Jahren der Fall war.

Dabei wird sogar der Gerichtssaal schließlich zur Theaterbühne und soll den Verfall der Kunst zu einer Ware im kapitalistischen Prozess der Kulturindustrie zeigen. Brecht wollte damit die Wirklichkeit inszenieren, und Lang liefert mit einiger Verspätung die dramaturgische Darstellung dazu. Durch die zahlreichen Verfremdungseffekte und indem Lang die Hintergründe des Dreigroschenfilms darstellt und zeigt, wie die Protagonisten selbst zeigen und inszenieren, hat er das geschafft, was bisher als unmachbar galt: dass der Film im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit an die künstlerische Qualität und Kritikfähigkeit des modernen Theaters heranreicht. Das erfordert vom Zuschauer natürlich mehr als nur zu glotzen. Es erfordert eine Reflektionsfähigkeit, die Fähigkeit zu sehen, kurz: Es erfordert den Spaß an einem Lernprozess statt banaler Unterhaltung. Es erfordert also genau das, was Brecht wollte. Chapeau! Übrigens ist es dazu nicht einmal nötig, die Dreigroschenoper tatsächlich schon gesehen zu haben, da Handlung und Unterschiede zum Film in Mackie Messer herausgearbeitet werden.

Foto: © Stephan Pick

Der Film wäre natürlich nicht so gut, ohne die zum größten Teil grandiose Darstellung der Protagonisten möglich gewesen. Eidinger beispielsweise spielt den Brecht nahezu perfekt. Optisch scheint er ein Spiegelbild des Brechts der 1920er und 1930er zu sein. In gewisser Weise wirkt er also authentisch. Auch sein Text ist nicht ausgedacht: Lang hat aus dem Werk Brechts und überlieferten Zitaten den Text des filmischen Protagonisten Brecht zusammengeschnitten. Alle Aussagen Eidingers sind also Brecht-Originale. Die haut der Schauspieler in einem ruhigen, mal ernsten, mal vor Ironie beißenden Ton heraus und sorgt so für eine Pointe nach der anderen: etwa wenn er die Filmgesellschaft, Journalisten oder das Gericht vor den Kopf stößt, teils auch mit Obszönitäten, die die Wirklichkeit seiner Leser widerspiegeln sollen. Eidinger gelingt es dabei, ein originalgetreues Bild zu zeichnen. Denn Brecht wird bei ihm einerseits zu einem marxistischen Macho, andererseits zu einem sehr empfindsamen Denker, der versucht, sich in einer Ära der Kulturreaktion zu behaupten.

Andererseits wird die Rolle selbst verfremdet, wenn Eidinger versucht, wie Brecht zu singen, mit schwäbischen Akzent und einem rollenden R, was einfach nur gelungen seltsam klingt. Hervorzuheben ist auch Herzsprung als Polly. Sie durchläuft im Film, anders als Polly in der Dreigroschenoper, eine starke Wandlung: vom verliebten und naiven Mädchen voller Sinnlichkeit und zarter Gesangsstimme zur knallharten Bankerin, die anstatt Räuberbraut zu werden, eine Bank kauft und mit dem Kapital Mackie freikauft. Gerade Herzsprung hat damit eine anspruchsvolle Rolle, denn sie muss sich nicht nur als Polly im Dreigroschenfilm wandeln, sondern spielt auch noch in der Rahmenhandlung die Schauspielerin Carola Neher. Ähnliches gilt für Moretti, der aus dem Räuber Mackie Messer schließlich den bourgeoisen Banker Macheath macht.

Foto: © Stephan Pick

Die neue Wende des Films ist, wie alles andere auch, eine beachtliche Leistung Brechts, wenn er den Film umschreibt und die Räuber sich in Banker verwandeln lässt. Der kapitalismuskritische Satz von Mackie am Ende der Dreigroschenoper, was denn ein Bankraub schon gegen die Gründung einer Bank und ein Mord im Vergleich zu einer Aktie sei, wurde für den Film wörtlich genommen. Die Grenzen zwischen Bourgeois und Räuber verwischen. Zum Finale hat Lang diesen Wandel erfolgreich in einer Analogie dargestellt, indem die Räuber über eine Brücke gehen und als Banker im neoliberalen 21. Jahrhundert ankommen. Hier schließen Staat und Räuberbank Frieden und sperren das soziale Elend ins Dunkel.

Der Film wäre natürlich ein Flopp, wenn die Musik nicht gut gespielt wäre. Das SWR-Symphonieorchester ist jedoch in Höchstform, schon beginnend mit einem eindringlichen Zweiten Dreigroschenfinale, aus dem der bekannte Satz „Erst kommt das Fressen, und dann kommt die Moral“ stammt. Dies singt Moretti übrigens überwältigend. Doch auch die meisten anderen Schauspieler (außer Król, der als Peachum nicht akzentuiert genug singt) stehen ihm im Gesang in nichts nach: zum Beispiel Britta Hammelstein als die Prostituierte Seeräuber Jenny. Die Basis für die große musikalische Leistung liefern die Komponisten Walter C. Mair und Kurt Schwertsik. Denn das musikalische Finale, wenn sich die Räuber in Banker verwandeln, liegt von Weill nicht vor. Es gibt nur den Text von Brecht. Also haben die Filmkomponisten im Stile Weills die Noten dafür geschrieben. Doch man merkt kaum den Unterschied zwischen ihrer Komposition und den Schlagern Weills, die durch ihre Leichte, abgewechselt von schroffen Akkorden und tonalen Brüchen, ein bizarres Verhältnis zu den derben Liedtexten eingehen.

Foto: © Stephan Pick

Es wäre also fast eine große Ironie, wenn dieser experimentelle, bunte und vielschichtige Film tatsächlich einen Oscar (also den Preis der Kulturindustrie schlechthin) als bestes fremdsprachiges Werk gewinnen würde. Auf der deutschen Auswahlliste steht er zumindest schon einmal. Lang und sein Team haben in mehrfacher Art das geliefert, was Brecht-Fans nicht zu hoffen wagten: erstens, den deutschen Film in einer großen Produktion künstlerisch zu retten, zweitens, den Film Brechts in epischer Form zu drehen, und drittens, dabei Brecht selbst zu inszenieren. Die Arbeit dieser Nachgeborenen ist gelungen, das Meisterwerk ist vollendet! Denn – und das habe ich bisher noch nie über ein dramatisches Werk von jemandem gesagt, und werde es wohl so schnell nicht wieder tun –: Dieser Film reicht an das Werk Brechts heran.

Mackie Messer. Brechts Dreigroschenfilm kam am 13.9.2018 unter der Regie von Joachim A. Lang in die Kinos, wurde von Zeitsprung Pictures, dem SWR und Velvet Films realisiert und hat eine Spieldauer von 131 Minuten. Eine zweiminütige Kurzfassung ist online verfügbar:

Quelle: YouTube
Beitragsbild: © Stephan Pick

Der gespielte Wahnsinn und sein Publikum

Lars Eidinger, Christian Friedel und Vlad Chiriac haben wenig gemeinsam. Und doch wollen sie alle als Hamlet den Tod des Vaters rächen. Dabei vertreten sie unterschiedliche Ansätze – und nicht nur des Publikums wegen.


Wenn das Publikum lacht

Hamlet liegt in Embryonalstellung auf den Bühnenbrettern. Das Holz ist von Dreck verfärbt, obwohl zuvor ein in Hausmeisterdress gekleideter und mit nordischem Dialekt sprechender Schauspieler diese mit einem Staubsauger gereinigt hat. Denn es wurde die dänische Königsfamilie erwartet – die Königin von Dänemark, ihr Sohn Hamlet und der neue König, Bruder des alten, Claudius. König und Königin sind längst hinter der großen Dänemarkflagge verschwunden. Zurück bleibt Prinz Hamlet. Er trauert um seinen Vater Hamlet, ehemaliger König von Dänemark. Die Hände zu Fäusten geballt. Sein Gesicht nicht zu sehen. Seine Verzweiflung und Wut ist in jedem Wort zu hören, das seine kraftvolle Stimme in die Berliner Abendluft tönt. Das Publikum lacht. Es lacht. Es lacht bei einer Tragödie von William Shakespeare. Wäre dieser Hamlet vom Berliner Schauspieler Lars Eidinger verkörpert worden, würde sich dieser nun mitsamt seines Fatsuits feierlich auf die Beine erheben. Er würde zum Bühnenrand gehen und sich bedächtig an das Publikum wenden: „Ihr lacht? Ihr lacht, obwohl ich hier am Boden liege? Obwohl ich hier Dreck und Erde fresse?“ Aber der Hamlet auf der Bühne ist nicht Lars Eidinger, sondern Vlad Chiriac des Monbijou Theaters. Und warum sollte dieser, nachdem er bereits das Kindergeschrei im Park gleich neben dem Amphitheater und die Musik der Swingbar direkt am Spreeufer überspielt hat, nicht auch das Lachen des Publikums ignorieren? Zwei Orte, zwei Theater, zwei Hamlets. Und dann wäre da noch ein Dritter, der nach seinem Vater ruft.

Wenn Hamlet Hamlet anruft

Der dritte Hamlet schreit ins Mikrofon. Seine Hände spielen auf einem Keyboard. Er steht vor einer pompösen Theaterkulisse – kein Dreck, keine Erde in Sicht. Seine Mutter, sein Onkel und seine Schulfreunde Rosencrantz und Guildenstern sitzen auf Theaterrängen. Mit einem Glas bis zum Rand gefüllt mit Alkoholhaltigem schauen sie herab auf das Schauspiel des Prinzen von Dänemark. Dieser singt schweißüberströmt: „I’ll call thee Hamlet. I’ll call thee, Hamlet, king, father, royal Dane, king, father, royal Dane. O, answer me.“ Sein Vater antwortet nicht – noch nicht. Immer wieder verlässt Hamlet durch eine Flügeltür die Bühne. Kommt kurz darauf zurück, seine Kleidung und Haare immer durchnässter, sein Gesicht immer angespannter, hält Monologe und singt Lieder – begleitet von einer Band. Diese besteht aus keinen Geringeren als den Musikern von Polarkreis 18. Auch das Gesicht des Hamlets hat man schon gesehen, an der Seite von Matthias Schweighöfer in Russendisko, als Dorflehrer in Michael Hanekes Das weiße Band und jüngst als Elser im gleichnamigen Film. Nun also Christian Friedel als Hamlet im Staatsschauspiel Dresden. Die Zuschauer*innen, die eine Musicalisierung der Tragödie oder ein Konzert des Honig-im-Kopf-Soundtracks erwarten, werden enttäuscht. Nachdem Hamlet in blutrotangestahlter Kulisse „Es war Mord“ in sein Mirko brüllt, ist das Konzert beendet. Das Schauspiel beginnt: Hamlet streift sich den Wahnsinn über, um den Tod seines Vaters zu rächen. Hier lacht (noch) keiner.

Wenn der Souffleur das Stück rettet

Der Lars-Eidinger-Hamlet ist mit seinem Publikum nicht zufrieden. Die Betonung liegt hier auf „seinem“. Denn er macht sich das Stück zu eigen. Lässt dabei seine Mitspieler*innen nicht nur sprichwörtlich, sondern auch im Regen eines Gartenschlauchs stehen. Immer wieder wendet er sich an den „Pöbel“ im Publikum. Er lässt ein Ehepaar aufstehen, bezeichnet sie als Verbrecher, weil sie ihren 12-jährigen Sohn in ein so grausames Theaterstück schleifen. Er fragt eine Zuschauerin in der ersten Reihe, ob sie endlich mithilfe ihres Smartphones den Namen von Hamlets Theaterstück eruiert hätte, um ihr dann selbstgefällig mitzuteilen, dass es sich „Die Mausefalle“ nennt. Lars Eidinger ist dafür bekannt, dass er die vierte Wand im Theater ignoriert. Nicht nur dafür wird er gefeiert – sein Hamletspiel wurde in den Himmel gehoben. Seit Jahren ist das Stück in der Schaubühne am Lehniner Platz so gut wie ausverkauft. Doch nun hat Lars Eidinger ein Problem: Er übertreibt. Denn, wenn er an diesem Abend wieder einmal die vierte Wand durchbrochen hat, muss ihn der Souffleur retten. Immer wieder vergisst er seinen Text, fällt aus der Rolle und kann die Textfetzen, die ihm zugeworfen werden, nicht aufnehmen, nicht weiterführen. Ob diese Passagen zur Inszenierung gehören oder nicht – es ist eindeutig zu viel und stört. Nicht sein Hamlet ist ein Trauerspiel, sondern sein verzweifelter Versuch, das Publikum davon zu überzeugen, dass er der wahre Hamlet sei – denn „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage!“ Der Hamlet, der in seinem vorgetäuschten Wahnsinn die Bühne verwüstet, sich in der aufgeschütteten Erde suhlt, sich eine Handvoll davon in den Mund schiebt und isst. Wo ist hier der staubsaugende Hausmeister mit dem nordischen Dialekt, der kurzzeitig alle Beteiligten auf den Boden der Tatsachen holt?

Wenn Hamlet komisch ist

Auch im Staatsschauspiel Dresden sitzt ein etwa 12-Jähriger mit seinem Vater. Doch hier lässt Hamlet beide in Ruhe. Selbst als der Kleine seinen Vater fragt, ob die nackten Brüste der Ophelia echt seien. Hamlet schiebt sich durch die Zuschauerreihen und bittet alle um Entschuldigung. Christian Friedel sieht das Publikum, bleibt aber Hamlet. Er sieht es und lässt es lachen. Denn auch sein Wahnsinn hat ein komisches Moment: So lässt er seine Spucketropfen fliegen und sie im Scheinwerferlicht entfalten, als sein Onkel Claudius ihm mit unabsichtlich feuchter Ansprache begegnet. Oder gibt nur ein betontes „Sein … Schädel“ von sich gibt, als er den Totenschädel seines Vater in den Händen hält und das Publikum die Seinsfrage erwartet. Er wandert auf einem schmalen Grad zwischen Komik und Tragik, rutscht aber nicht ab. Er gesteht sich keine Fehler ein, ist hochkonzentriert. Ein selbst in aller Zerrissenheit kontrollierter Hamlet. Seinen schauspielerischen Höhepunkt findet Christian Friedel, als sich Hamlet längst tot in einer Art Unterwelt wiederfindet. Unter der riesigen Kuppel des Staatsschauspiel richtet der dänische Prinz allein über die Duell- und Sterbeszene. Dabei schlüpft er in die Rolle der Königin Gertrud, des Königs Claudius und Laertes, Sohn des königlichen Beraters Polonius und Bruder Ophelias. Und überzeugt.

Wenn Hamlet mehr ist als nur Hamlet

Zurück zum Anfang: Hamlet liegt auf den dreckigen Bühnenbrettern und trauert um seinen Vater. Das Publikum lacht. Der Vlad-Chiriac-Hamlet hat es nicht leicht. Er verkörpert nicht nur den Hamlet, sondern spielt noch Guildenstern, Laertes und Fortinbras, den Prinz von Norwegen. Das heißt, runter von der Bühne, den Hamlet mitsamt seines gespielten Wahnsinns abstreifen und mit dem neuen Gewand eine andere Rolle anziehen. Und das in rasender Geschwindigkeit. Nur zwei Schauspieler und einer Schauspielerin bespielen die Bühne. Aus diesem Grund ist der Inhalt sehr verdichtet. Das Bühnenbild schlicht: ein paar Bühnenbretter, ein karger Holzthron verziert mit zwei Schwertern, eine übergroße Dänemarkflagge im Hintergrund und auf dem Programmzettel das Shakespeare-Zitat „MEHR INHALT, WENIGER KUNST“. Aber wie der Christian-Friedel-Hamlet ist auch der Vlad-Chiriac-Hamlet auf den Punkt da. Das Timing stimmt. Und was besonders auffällt: Er hat Präsenz. Da bedarf es keiner großen Bewegungen. Oftmals steht er einfach nur da und lässt Wut, Trauer und Wahnsinn durch seine Augen und Stimme sprechen. Aber Vlad Chiriac hat es nicht leicht. Sein Publikum fordert mehr Witz, so wie sie es aus den Shakespears-Stücken des Monbijou Theaters kennen. Regisseur und Regisseurin wussten wohl im Vorfeld von der Problematik. Haben Extraszenen eingebaut, diese überzeichnet – fast schon zu albern –, beziehen das Publikum mit ins Stück ein, um die Forderung nach Witz abzufangen. Nichtsdestotrotz ist die Unruhe zu spüren, wenn dem Publikum eine meist sehr kurze tragische Szene auf den kargen Holzbrettern geboten wird.

Wenn es keinen wahren Hamlet gibt

Christian Friedels Hamlet ist sauber, ein bisschen verschwitzt, aber sauber und kontrolliert. Das gesamte Stück ist auf eine breite Masse angelegt: ein bisschen Musik hier, ein bisschen Pomp da. Aber sein Hamlet ist groß. Er wächst von Minute zu Minute. Das Publikum kann dabei zusehen, wie der Prinz sich und seine Mitmenschen immer weiter in den Abgrund zieht. Das ist leider das, was Lars Eidinger fehlt. Sein Wahnsinn kennt keine Steigerung. Denn dieser ist von Anfang an ungebremst präsent. Wer Lars Eidinger will, bekommt Lars Eidinger. Manchmal in voller Dröhnung. Auch sein Hamlet ist groß, aber der dahinter stehende Schauspieler überheblich. So überheblich, dass man sich wünscht, jemand ginge auf die Bühne und wasche diesem mitsamt des Drecks die Überheblichkeit vom Leibe. Aber warum sollte man das tun, wenn das von ihm vorgeführte Publikum im Takt klatscht? Da wirkt das Schauspiel vom Monbijou Theater fast erholsam. Denn hier kann man den Schauspieler*innen nicht vorwerfen, sie wären arrogant oder das Stück zu pompös. Sie machen schlichtes Volkstheater, sind auf dem Boden geblieben und ihre Zuschauer wollen sie so sehen – mit ihrem Witz und ihrer Albernheit. Ja, Lars Eidinger, Christian Friedel und Vlad Chiriac haben wenig gemeinsam. Und doch wollen sie alle als Hamlet den Tod des Vaters rächen. Dabei vertreten sie unterschiedliche Ansätze. Drei Hamlets: einer, der in seinem Spiel das Publikum ignorieren muss; einer, der das Publikum in seinem Spiel kaum sieht und einer, der sein Publikum erziehen will. Und „[d]er Rest ist Schweigen.“