Schlagwort: Kurzgeschichten

Von Be, Breach und Dreamern

Ein Sammelband mit Geschichten über die Zukunft. Die nicht weit entfernte, technisch vielleicht mögliche Zukunft. So beschreiben die Herausgeber selbst ihr im Oktober 2019 bei Suhrkamp erschienenes Buch 2029 – Geschichten von morgen.


Und genau diesen Anspruch verspricht ja auch der Titel. Geschichten, die man sich in zehn Jahren erzählen könnte, mit denen wir uns unmittelbar identifizieren, die etwas über unseren Alltag sagen. Ein Alltag mit viel Technik, mit neuen Technologien und daraus resultierenden veränderten sozialem Gefüge. Dieses Konzept ist verführerisch, denn man erhofft sich, jenseits von Hollywood-Großproduktionen der Science-Fiction mit fliegenden Autos oder perfekten menschengleichen Robotern, die kleinen leisen Veränderungen aufgezeigt zu bekommen.

Die ideellen Herausgeber Christian Granderath, Fernsehproduzent beim NDR, und Manfred Hattendorf, Leiter der Abteilung Film und Planung im SWR, haben sich mit diesem Buch gleich mehrere Träume zumindest in Papierform realisiert. Elf Autor_innen zeigen in elf Kurzgeschichten ihr zukunftsvisionäres Können. Darunter Science-Fiction-Erprobte wie Dietmar Dath, Emma Braslavsky und Leif Randt. Der Sammelband ist vor allem in seiner Komposition gelungen: Man liest Texte mit sehr unterschiedlichen Erzählweisen, Sprachstilen und technischem Hintergrundwissen. Das ist abwechslungsreich und unterstreicht die Einzigartigkeit jeder Geschichte, jedes_r Autors_in.

Was einem jedoch direkt beim Lesen des Eröffnungstextes auffällt: Der zuvor aufgestellte Anspruch „Geschichten von morgen“ zu präsentieren, wird nicht eingelöst. Auch nicht Seiten später, eigentlich bei keiner der Kurzgeschichten. Man liest von Hubots, perfekten menschenähnlichen Robotern, die das menschliche Gefühlschaos nicht verstehen, von einem Haus, das seine Bewohner komplett unter Kontrolle hat und von einem gescheiterten Experiment, das ein sich ausbreitendes schwarzes Loch und Menschen zwischen Sensationslust und Verunsicherung zurücklässt. Alles Motive, die doch eher so 50-100 Jahre in der Zukunft liegen und deren wissenschaftlicher Forschungs- und technischer Realisierungsstand heute noch in den Kinderschuhen stecken.

Die Enttäuschung hält jedoch nur kurz an. Denn wie gesagt ist die Zusammenstellung sehr unterschiedlicher Erzählungen durchaus überzeugend. Alle Autor_innen schaffen es, die Leserin auf wenigen Seiten in ihren Bann zu ziehen. Den Autor_innen gelingt es, die Komplexität und Verwobenheit technologischer Systeme und Werkzeuge mit der sozialen Ebene und dem individuellen Denken und Handeln in den Blick zu nehmen.

Da wäre z. B. Dietmar Daths „Hoffnung ruft Angst“. Wie so oft in Daths fiktiven Geschichten wird man einfach hineingeworfen, ohne viele Erklärungen. Die eigenen Wortkreationen und eigenwilligen Namen der Protagonisten verstärken noch das Gefühl, hier in eine völlig andere Welt einzudringen, in der man nicht alles versteht. Ein Konzern, der unter dem Symbol eines Seepferdchens jederzeit abrufbare Therapeuten verkauft, eine Gesellschaft, in der Interpretation und Bedeutung vorherbestimmt zu sein scheint, eine Bewusstsein verstärkende Droge, eine Informatikerin, die sich aus Überzeugung, das digitale-technische sei nicht genug, radikalisiert und Anschläge verübt, und die zum Schluss nicht durch Technik, sondern durch einen bloßen Faustschlag gestoppt wird.

„Das Haus“ von Dirk Kurbjuweit ist ein anderes bemerkenswertes Beispiel für die Komplexität des Zusammenspiels von Gesellschaft und Individuum, vermittelt durch Technik. Um den politischen und beruflichen Konsequenzen aus Johanns journalistischen Tätigkeiten zu entgehen, fährt das Paar Johann und Lucia in ihr Urlaubshaus auf einer Hallig. Die politischen Verhältnisse in Deutschland haben sich geändert, zum negativen nationalistischen. Johann wurde mit einem Veröffentlichungsverbot bestraft. Das Haus soll den beiden den nötigen Schutz vor weiterer Verfolgung durch staatliche Institutionen und etwas Entspannung bieten. Doch während ihrer Zeit auf der Insel müssen sie erkennen, dass das technisch hochaufgerüstete Haus nicht zu ihrem Schutz agiert. Das überspitzte Szenario lässt die Leserin etwas kritischer über die zeitsparenden und unterhaltenden Möglichkeiten von Smart Home nachdenken.

Fast alle Geschichten in diesem Band sind Dystopien, sie hinterlassen einen bitteren Beigeschmack, der den eigenen Optimismus für die Zukunft dämpft. In seinem Nachwort schreibt der österreichische Zukunftsforscher Reinhold Popp, dass es einen motivationalen roten Faden der Autor_innen zu geben scheint: In den Texten wird „[…] die große Sehnsucht nach einem mitmenschlichen Zusammenleben und nach sozialem Zusammenhalt deutlich erkennbar.“ Nicht zuletzt machen die hier versammelten Geschichten über den wohl spekulativsten Gegenstand der Literatur, die Zukunft, einmal mehr klar, dass neben all der digitalen Technik das physische und subjektive Erleben und Wahrnehmen des Menschen in seinem Facettenreichtum und seiner Komplexität wohl nicht so leicht zu täuschen oder nachzuahmen ist. Denn: „Was kann nur ein Buch?“

Der Sammelband 2029 – Geschichten von morgen wurde von Stefan Brandt, Christian Granderath und Manfred Hattendorf im Suhrkamp Verlag herausgegeben, enthält elf Erzählungen und hat 541 Seiten.

Beitragsbild: © Suhrkamp Verlag

Grazer Gastritis

Clemens J. Setz kehrt im Erzählband „Der Trost runder Dinge“ mit schrägen Metaphern und Figuren zu seinen literarischen Wurzeln zurück.


Die Erkenntnis, dass wir letzten Endes wenig voneinander wissen und ungesehen vor uns hinvegetieren, ist ja nicht neu. Allein, die Coping-Strategien der Protagonist٭innen aus Clemens Setz’ jüngstem Buch kann man – euphemistisch gesprochen – zumindest als unorthodox ansehen. Der alleinerziehende Familienvater Zweigl zum Beispiel versucht ausgerechnet über seine psychische Erkrankung ein Verhältnis zu seinen Kindern aufzubauen. Er leidet seit seiner Jugend unter Panikattacken und entfremdet sich zusehends von seinen beiden Söhnen, denen er die Angstschübe nicht begreiflich machen kann. Als sein ältester Sohn ähnliche Symptome wie er selbst entwickelt, diese sich aber zum Ende der Geschichte hin allerdings als nicht psychosomatisch, sondern als Folge einer Gastritis herausstellen, ist Zweigl nahezu enttäuscht, dass die aufblühende Beziehung wieder in sich zusammenfällt und er allein und auf sich zurückgeworfen bleibt.

Fast alle Figuren aus der Welt der runden Dinge leiden an der Einsamkeit und der Unmöglichkeit, sich dem Mitmenschen verständlich zu machen. Ihnen widerfahren zum Teil schreckliche Dinge in einer Welt, die genauso schräg und verzerrt zu sein scheint, wie die Metaphern und Vergleiche, mit denen der Erzähler sie beschreibt. Das erzeugt erst einmal Mitgefühl, beispielsweise mit dem Ich-Erzähler aus „OTTER OTTER OTTER“, der recht zurückgezogen vor sich hinlebt und sich hingebungsvoll um seine alte und sich dem Lebensende nähernde Katze kümmert.

Man freut sich über sein Date mit der blinden Kundin Anja aus dem Café, in dem er arbeitet, und über die behutsam gezeichnete und fragile Beziehung, die sich anbahnt. Doch wie in den meisten anderen Erzählungen bricht auch in dieser Geschichte mehr und mehr das Unbehagen in den Alltag ein und das Monströse hält Einzug: Als der Erzähler Anja zum ersten Mal in ihrer Wohnung besucht, findet er alle Räume mit obszönen Schmierereien verunstaltet vor. Ähnlich wie der Erzähler in Stefan Zweigs berühmter „unsichtbarer Sammlung“, dem sein blinder Kunde voller Stolz nur leere Blätter statt seiner längst durch die Kinder verhökerten wertvollen Kunstsammlung vorlegt, scheut auch hier der Ich-Erzähler vor der Wahrheit zu zurück und verstrickt sich darüber hinaus auch noch immer weiter in seine eigene zwanghafte Gedankenwelt.

In nahezu allen Geschichten schafft es Setz grandios, Intimität und Entfremdung, Trauriges und Schönes, Tragisches und Tröstliches miteinander zu verweben. Oft sind es hierbei die synästhetisch und nonverbal wahrgenommenen Dinge, die den Figuren der Geschichten Trost spenden, „überhaupt runde Sachen“, bekennt Zweigl, machen das Leid erträglicher und lindern die Angst. Und so sind es vor allem Dinge, die den Erzählungen ihren Kitt geben und sie miteinander verbinden. Achselhöhlen tauchen oft auf und auffallend oft Katzen. Überhaupt sind es kleine Geschöpfe, denen Setz in seinen zum Teil miniaturhaft kurzen Geschichten geradezu zärtlich Zuneigung angedeihen lässt.

Diese Nähe, die Setz zu den Gestalten erzeugt, steht im krassen Kontrast zu den bizarren Ausgangspunkten der meisten Erzählungen. Annamaria Perchthaler zum Beispiel, Mutter eines Teenagers im Wachkoma, will unbedingt Sex mit einem Callboy im Kinderzimmer haben. „Er bekommt ohnehin nichts mit“, antwortet sie auf die entgeisterte Frage des Callboys, warum sie das denn wolle, und es ist spürbar, welche Antwort sie sich wünscht. „Was? Klar bekommt der was mit!“

Setz zeigt seine Figuren in kuriosen, teilweise erbärmlichen Situationen, doch niemals werden sie zynisch oder würdelos dem Spott preisgegeben. Ihre Innenwelten offenbaren zumeist eine verzerrte Wahrnehmung des Alltäglichen. Dies vermittelt Setz mit der ihm eigenen Sprachwelt, in der seine Figuren Katzen als „kompakt wie Brot“ sehen oder Äpfel essen, die nach Fahrradgeschäft schmecken. Die Unfähigkeit, dieser subjektiv empfundenen Welt auch nach außen hin Ausdruck zu verleihen, lässt die Kommunikation zwangsläufig scheitern und führt die Protagonist٭innen in tiefe moralische Abgründe. Bei allem Wahnwitz macht sich Setz nie über seine Geschöpfe lustig, sondern zeichnet sie so einfühlsam, dass man dann am Ende doch mit ihnen ob ihrer scheiternden Kommunikation nicht nur Mitleid empfindet, sondern auch selbst gewahr wird, wie die Realität des jeweils anderen von der eigenen Wahrnehmung der Welt abweichen kann. So verstörend diese Erkenntnis ist, scheint dies jedoch ein allzu menschliches Problem zu sein. Und das wiederum ist doch wahrlich tröstend.

Der Trost runter Dinge von Clemens J. Setz erschien am 11. Februar im Suhrkamp Verlag und hat 320 Seiten.

Beitragsbild: © Suhrkamp Verlag

Benedict Wells und die Angst vor dem Unerzählten

Leser٭innen und Kritiker٭innen lieben den Bestsellerautor Benedict Wells. Kein Wunder, schließlich hat er immer wieder Beeindruckendes abgeliefert. Doch sein neues Werk „Die Wahrheit über das Lügen“ offenbart eine Schwäche.


Benedict Wells bezeichnet sie liebevoll als „Mixtape“ – seine Kurzgeschichtensammlung, die im August im Diogenes Verlag erschienen ist. Eine recht passende Bezeichnung, denn die zehn Geschichten zusammengefasst unter dem Titel „Die Wahrheit über das Lügen“ haben wenig gemein: Sie alle stammen aus unterschiedlichen Jahren, ihre Themen könnten verschiedener nicht sein und auch der Erzähl- und Schreibstil variiert von Geschichte zu Geschichte. Da liegt der Verdacht nahe, dass hier Material, das sich über Jahre angesammelt hat und in der Schublade gelandet ist, irgendwie mal den Weg in die Öffentlichkeit schaffen sollte. Eine gute Idee?

Kein Ende der Einsamkeit

Die Antworten auf die Frage würden so unterschiedlich ausfallen wie die zehn Geschichten selbst. Fest steht jedoch: Das, was Wells mit seinem zu Recht gefeierten Werk „Vom Ende der Einsamkeit“ gelungen ist, schafft er mit diesem Buch nicht noch einmal. Nun werden einige denken: „Naja, einen Roman und einen Erzählband kann man ja auch nicht vergleichen!“ Der Vergleich aber enthüllt einen Aspekt, der „Vom Ende der Einsamkeit“ so groß gemacht hat – und zeigt eine große Schwachstelle bei „Die Wahrheit über das Lügen“ .

Eine Anleitung zum Berührtsein

Wells ist dafür bekannt, dass er sich für das Innenleben seiner Figuren interessiert, ihre Emotionen und Gedanken erforscht – und das in Bezugnahme auf ihre Vergangenheit, ihre Erfahrungen. So auch bei „Die Wahrheit über das Lügen“. Leider neigt Wells hier dazu, zu viel zu erzählen. Ganz so, als habe er Angst, die Geschichten würden zu kurz, wenn er nicht alles von vorne bis hinten auserzählte. Dabei wäre „Hunderttausend“ – die Kurzgeschichte über einen jahrelang gereiften und nie ausgesprochenen Vater-Sohn-Konflikt – viel stärker und berührender, wenn nicht jede innere Regung des Protagonisten detailliert beschrieben und analysiert werden würde. Wells lässt hier keine Leerstellen, keinen Interpretationsspielraum für die Leser٭innen. Fast scheint es, als wolle er ihnen vorgeben, wie sie sich während des Lesens fühlen sollen.

Kitschige Outtakes

Dabei haben es die Geschichten gar nicht nötig. Denn die Plots sind so angelegt, dass die Geschichten auch mit Unerzähltem funktionieren würden – und das sogar besser. Nicht nur deswegen ist eine der besten Kurzgeschichten „Ping Pong“. Hier ist die Ausgangssituationen der zwei Figuren so wenig nachvollziehbar (Denn wie fühlt man sich wohl, wenn man von Unbekannten entführt und, ohne zu wissen warum, in eine Zelle mit einer Tischtennisplatte gesperrt wird?), dass hier die Beziehung der beiden und ihr Handeln fast wie in einer Sozialstudie im Fokus stehen. Das tut der Geschichte gut und tröstet die Leser٭innen fast über die ihr vorangegangene Geschichte „Die Muse“ hinweg.

Denn während des Lesens dieser Kurzgeschichte könnte bei den Leser٭innen der Verdacht entstehen, diese stamme gar nicht aus der Feder Wells, sondern aus der von Marc Levy. So liest sie sich fast wie Outtakes aus „Solange du da bist“. Zumal Wells hier mit altbekannten Hollywood-Motiven experimentiert und dabei fast ins Kitschige abrutscht.

Das erzählte Unerzählte

Apropos Outtakes: Zwei Kurzgeschichten – „Die Nacht der Bücher“ und „Die Entstehung der Angst“ – waren einst Teil des gefeierten Romans „Vom Ende der Einsamkeit“, wurden aber noch im Schaffensprozess herausgestrichen. Mit dem Erzählband haben sie es nun doch in die Öffentlichkeit geschafft. Aber warum? Lebt nicht eben jener Roman auch vom Unerzählten, vom Unerklärten? Davon, dass die Leser٭innen nicht die Vergangenheit von Jules‘ Vater kennt? Davon, dass den Leser٭innen nicht jedes Detail bekannt ist? Ist das nicht gerade die Stärke des Romans? Vor beiden Kurzgeschichten erklärt sich Wells und ordnet sie in den Romankontext ein, macht deutlich, dass er sich von diesen Schriftstücken nicht recht trennen konnte. Das alles ist ein bisschen so, als schaue man hinter die Theaterkulissen oder bei einem Filmdreh zu. Es zerstört so manche Illusionen und schmälert ein wenig den Zauber um seinen großartigen Roman.

Keinen Mut zur Lücke

Das alles klingt negativer als es soll. Schließlich lesen sich die Geschichten gut. Und die namengebende Kurzgeschichte „Das Franchise oder Die Wahrheit über das Lügen“ ist ein spannendes Gedankenexperiment, bei dem Wells mit den Namen und Geschichten echter Menschen hantiert, „Mutig, mutig“, mögen da einige Leser٭innen denken.

Aber tatsächlich bleibt am Ende dann doch dieser Beigeschmack, dass der Erzählband veröffentlicht wurde, um etwas zu veröffentlichen. Und offenbart damit den fehlenden Mut zur Lücke. Der Mut, den Leser٭innen Leerstellen zu hinterlassen, die sie mit eigenen Interpretationen füllen dürfen. Und der Mut, Herausgestrichenes als das zu sehen, was es ist: etwas, das nicht erzählt werden wollte oder erzählt werden sollte, um den Zauber des Unerklärten wirken zu lassen.

Die Wahrheit über das Lügen von Benedict Wells erschien am 29. August 2018 im Diogenes Verlag und hat 256 Seiten.

Murakami: Von Männern, die keine Frauen haben

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Haruki Murakami hat die seltene Gabe uns mit seiner schlicht anmutenden Prosa eine intime Verbindung zu seinen Protagonisten aufbauen zu lassen. Auch in der Geschichtensammlung Von Männern, die keine Frauen haben gelingt ihm dieser Geniestreich.


Von autofahrenden Frauen und scheuen Schauspielern

Der mäßig erfolgreiche Schauspieler Kafuku hat ein Problem: Nachdem er leicht alkoholisiert seinen Führerschein verloren hat, braucht er einen Chauffeur. Und da Männer ihm beim Fahren immer den Eindruck von Nervosität vermitteln, hätte er gerne eine Frau, die zu seinen Theaterterminen fährt.

„Kafuku war schon mit vielen Frauen im Auto mitgefahren. Er unterteilte sie grundsätzlich in zwei Typen: Die einen fuhren ihm zu waghalsig, die anderen zu vorsichtig. Zahlenmäßig überwogen – glücklicherweise – die letzteren.“

Kafuku hat Glück, sein Automechaniker kann ihm eine junge Frau namens Misaki vermitteln, die Kafuku nach einer Probefahrt aufgrund ihrer ruhigen und sicheren Fahrweise sofort engagiert. Misaki ist keine Frau der „süßen Sorte“, doch die wortkarge, schroffe und bestimmte Art der Mittzwanzigerin interessiert den scheuen Kafuku. Nach einigen wortlosen Fahrten, die nur durch Misakis gelegentliche Raucheinlagen durchbrochen werden, stellt die Chauffeurin unvermittelt zwei Fragen, die Kafuku zum Nachdenken anregen: „Ist es als Schauspieler beglückend eine andere Person werden zu können?“ und  „Warum haben sie eigentlich keine Freunde?“ Diese zwei Fragen lösen Kafuku die Zunge. Er erzählt von seiner verstorbenen Frau – einer bildhübschen Schauspielerin mit dem Drang zu gelegentlichem außerehelichem Geschlechtsverkehr.  Er erzählt auch, dass er sich mit der letzten Affäre seiner Frau angefreundet hat, um herauszufinden, warum sie ihn gerade mit diesem Mann betrogen hat. Doch auch nachdem Kafuku erkannt hat, dass dieses Unterfangen aussichtslos ist,  trifft er sich weiter mit dem ihm, obwohl ihn die Bilder der Untreue verfolgen. Auf die Frage „Warum?“ antwortet Kafuku:

„Hat man einmal ernsthaft eine bestimmte Rolle angenommen, ist es nicht leicht, sie abzulegen. Auch wenn sie seelisch darunter leiden. Sie können nicht mittendrin abbrechen, solange sie keine sinnvolle Stelle dafür finden. Es ist so ähnlich wie in der Musik, wo man ohne einen bestimmten Schlussakkord nicht zu seinem harmonischen Ende kommen kann…“

Die Kunst der oberflächlichen Unaufgeregtheit

Die Figur Kafukus in der ersten Geschichte des Bandes Von Männern, die keine Frauen haben illustriert einen prosaischen Stil, den Murakami bereits in seinem Bestseller Die pilgerlosen Jahre des farblosen Herrn Tazaki gepflegt hat. Ohne viele Schnörkel und fast aus der Distanz wird uns das Innenleben der Figuren präsentiert – und wir kommen ihnen dabei erstaunlich nah. Gerade weil manche emotionalen Zustände nur mit einer gewissen Distanz betrachtbar werden, affizieren sie uns um so mehr. Murakamis Prosa hat eine schlichte Magie, die es uns ermöglicht, seine Figuren nicht nur zu verstehen, sondern mit ihnen zu fühlen.

Kafuku etwa entscheidet sich nicht dazu, sich an dem Mann, mit dem seine Frau schlief, zu rächen – obwohl er es gekonnt hätte. Die eigentliche Beleidigung hat er nämlich nicht von ihm erfahren, sondern von seiner Frau, die den Grund für ihre Untreue mit ins Grab genommen hat. Die Frage, warum sie gerade diesen bestimmten Mann dazu ausgesucht hat, der nach Kafukus Einschätzung blass und formatlos ist, wird von Misaki mit einer ganz eigene Theorie beantwortet:

„Vielleicht fühlte sich Ihre Frau gar nicht zu ihm hingezogen. Und hat gerade deshalb mit ihm geschlafen. […] Manchmal tun Frauen sowas.“

Diese unverblümte Antwort trifft Kafuku so sehr, dass er nur schweigen kann und froh ist, dass Misaki nach ihrem Gespräch zu ihrer stoischen Art zurückkehrt.

Die verschiedenen Formen der männlichen Frauloskeit

Ingesamt sieben Geschichten präsentiert Murakami in Von Männern, die keine Frauen haben. Der verbindende Faktor ist, wie der Titel schon vermuten lässt, die Abwesenheit des weiblichen Geschlechts.

Doch die Art des Umgangs innerhalb der Geschichten unterscheidet sich erheblich – nicht alle fraulosen Männer sind so beherrscht wie Kafuku aus der Einführungsgeschichte. Spätestens, wenn der menschgewordene Käfer Gregor Samsa – nicht nur thematisch, sondern auch prosaisch eine Hommage an Kafka – mit seiner für ihn als Insekt etwas ungewohnten Erektion eine junge Dame verschreckt, wird klar: Murakami hat eine gute Mischung aus Tiefe und Unterhaltung gefunden. Nicht jede der sieben Geschichten ist so packend wie die des führerscheinlosen Kafuku, doch lesenswert sind sie allemal.


Beitragsbild: btb Verlag

Wildes vom Wuppertaler Seltsamann mit dem Sondermann

Eugen Egner Totlachen im Schlaf Cover

Eugen Egner schafft es, in Totlachen im Schlaf das Groteske des bürgerlichen Lebens abzubilden, und geht dabei rabiate Wege – übrigens auch orthographisch.


Ohne Egner, der von sich sagt, das Groteske sei schon immer Teil seines Lebens und Strebens gewesen, wäre viel wertvolles Seltsamkraut à la „Eines Abends beim Fernsehen erfand mein Vater die Kleinfamilie“ nie gesät und geerntet worden. Klar, für die meisten sind solche Albernheiten eher Unkraut, das gejätet gehört. Aber Egners Bücher – so auch sein Erzählungsband Totlachen im Schlaf – sind zum Glück nicht für die meisten gedacht.

Die Leitmotive in den 13 Kurzgeschichten und der titelgebenden Erzählung am Schluss sind: Mond, Mädchen, Paviane. Wie schon in seinen letzten Veröffentlichungen „Schmutz“ oder „Nach Hause“ gibt es hier eine bürgerlich-realistische Prosa, die von wirrtuosem Wahnwitzismus umweirdet wird. Während die Ausgangssituationen tendenziell wenig Aufsehen erregen und die Protagonisten unphantastische Namen wie „ich“, „Arland“ oder „Schumann“ tragen, lauert hinter der nächsten Buchseite mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit eine knallharte Egnereske. Thematisiert werden unter anderem die obskure Zeitschrift „Der Monddoktor“, eine krasse Krankheit, deren Opfer, durch ein Sekret begünstigt, zum Festkleben in möglichst hohen Baumkronen neigen, ein bizarres Pseudomädchen auf Staub- und Strahlenbasis, das Klarkommen eines erwachsenen Mannes mit seinem „inneren Mädchen“, ein seelengetriebener Anrufbeantworter … und der absurd schlechte/gute (bzw. so schlechte, dass schon wieder gute, also schluchte (und vice versa)) Komiker mit dem derbe reinknackenden Familiennamen Müller-Pavian, der nicht nur seinen guten Draht zum Mond, sondern auch seine Opfer im Schlaf mit unsagbar komischen Killerwitzen ins Jenseits zu amüsieren pflegt. Am Ende mündet jedenfalls alles, Robert Aickmans Strange Stories nicht unähnlich, ins traum-/paralogische Abseits, worin sich herrliche Hinweise auf das Unaussprechliche zu einer Abstrusitätssingularität sublimieren.

Intermeßßo: Was Orthographie angeht, setzt Egner voll auf Old School. Und man kanns ihm nicht verdenken – zwar mag „dass“ oder „müsste“ phonetisch logischer sein, doch ein „daß“ oder „müßte“ strahlt einfach eine besondere Wärme aus, die der neuen Rechtschreibung nicht länger eigen zu sein scheint. Man versinkt plötzlich in den unendlichen Sommern der 90er, als Kurt Cobain noch lebte, DJ Bobo noch bobote und Tablet-PCs nur einigen wenigen Auserwählten (Jean-Luc Picard, Data usw.) vorbehalten waren …

Was in Egners Geschichten ein wenig stört, ist das Stilmittel der rhetorischen Nachfrage, welche die aus ihrem mehr oder weniger bequemen Alltag herausgerissenen Protagonisten allzu gerne an sich selbst oder den Leser stellen: „Wie hatte sie auf den Mond geraten können?“, „Wie kann ich in dieser Zeit so gealtert sein?“, „Wenn die vier keine ‚Mädchen’ waren, was waren sie dann?“ usw. Der vom Autor immer wieder aufgedrängte Abgleich mit der (extradiegetischen) Normalität, in der Paviane keine Schallplatten abspielen (von Aufnehmen ganz zu schweigen), schwächt die Phantastik – imho – tendenziell ab. Aber nicht das Fazit: Egners gar schröckliche Kühnae sind ganz schön besonderbarer Kult made in Germanland.