Schlagwort: Kriminalroman

Musikalisches Axtschlachten

„Höllenjazz in New Orleans“ ist Ray Celestins Debütroman, der jetzt in der deutschen Übersetzung erschienen ist. Ein kriminalistisches Stück über einen Serienmörder, das ein blutiges und vielschichtiges Bild des von Umwälzungen betroffenen New Orleans zeichnet und uns die Lebenswelt des jungen Louis Armstrong näher bringt.


Wir schreiben das Jahr 1919. Auf dem gesamten Globus erschüttern gravierende Veränderungen die Menschheit. Die Wirrungen des Ersten Weltkriegs, der die vermeintliche, aber instabile, Weltordnung über den Haufen geworfen hat. Die überall grassierende Spanische Grippe, die in unerkanntem Ausmaß Millionen von Leben auslöscht. New Orleans indessen wäre froh, wenn es dabei und bei zerstörungswütigen Hurrikans bliebe. Neben der von Rassismus und sozialer Ungleichheit geprägten Gesellschaft hat die Stadt in Louisiana mit weiteren Verbrechen gegen die Menschheit zu kämpfen wie die Prohibition. Überall werben Anhänger der Abstinenzbewegung auf den Straßen für das bald in Kraft tretende Gesetz und verunsichern die Bürger*innen. Somit erscheint es wenig verwunderlich, dass manch einer die Fassung verliert und unter anderem die Axt schwingend Blutbäder unter Teilen der Bevölkerung anrichtet.

Rassismus und Anarchie

Dieses chaotisch anmutende Szenario reizte den britischen Schriftsteller Ray Celestin dermaßen, dass er es in seinen Debütroman „Höllenjazz in New Orleans“ einbettete. Ganz so amüsant wirken die Morde mit dem möglicherweise aus einem Geräteschuppen entwendeten Werkzeug angesichts der Tatsache, dass es sich um historische Ereignisse handelt, deren Auslöser als „Axeman of New Orleans“ in die Annalen einging, nicht. Tatsächlich muss Big Easy damals eine zu weiten Teilen äußerst gewalttätige und unbarmherzige Umgebung gewesen sein, die einerseits stark von ihrer Einwanderung charakterisiert wurde, von der sie später wie kaum eine andere nordamerikanische Stadt profitieren sollte. Andererseits bedeutete die Rassentrennung, die sowohl im öffentlichen als auch privaten Raum einen Keil in die Gesellschaft trieb, prekäre Lebensverhältnisse für die nicht-weiße Bevölkerung, allen voran der schwarzen, die sich trotz des Abolitionismus kaum als Gruppe freier Menschen identifizieren konnte.

Inmitten dieses menschenverachtenden Milieus führte die Segregation jedoch auch zu einem Aktivismus, der das Selbstbewusstsein und die Identität der unterdrückten Einwohner betonte. Ein Effekt war das Aufkommen eines musikalischen Stils, der sich als richtungsweisend herausstellen sollte und ohne den die folgende Musikgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts gänzlich anders aussähe.

Celestins Geschichte spielt sich vor allem in Storyville ab, das heute neben anderen Vierteln in New Orleans als Geburtsstätte des Jazz gilt. Das ehemals glamouröse Vergnügungsviertel, das 1917 gegen den Widerstand der Stadtverwaltung von den Bundesbehörden geschlossen wurde, entwickelte sich in dem hier betroffenen Zeitraum sukzessiv zu einem verruchten Ort, der von illegaler Prostitution und organisierter Kriminalität geprägt wurde. Vermutlich hätte sich Jack the Ripper hier gut aufgehoben gefühlt. So trieb vor einhundert Jahren ein Serienmörder sein Unwesen, der sich nicht nur von seinem Londoner Pendant inspirieren ließ, sondern auch eine vergleichbare Resonanz in der Presse erfuhr. Dem Täter das in diesem Fall wahrhaftige Handwerk zu legen, wird demnach auch bei Celestin zum Gegenstand des öffentlichen Interesses, woraufhin die Jagd beginnt.

City of Strugglin‘ 

„Höllenjazz in New Orleans“ folgt zunächst dem Muster eines klassischen Kriminalromans. Polizei jagt Mörder. Licht gegen die Dunkelheit. Gut gegen Böse. Da es sich bei den Mordopfern aber vorwiegend um Mitglieder der italienisch-stämmigen Community handelt, die sich im Dunstkreis der Mafia bewegen, hat folglich nicht nur die Polizei ein Interesse daran, die Identität des Täters zu lüften. Somit begleiten die Leserinnen gleich mehrere Protagonistinnen, die sich in parallelen Handlungssträngen der Suche nach dem Axeman widmen, sich charakterlich stark voneinander unterscheiden und doch sehr nahe sind: ein Detective, der aufgrund des Südstaaten-Rassismus ein klandestines Familienleben führen muss. Ein ehemaliger Polizist, der sich nach dem Absitzen einer Haftstrafe nicht den Fängen der Black Hand Gang entziehen kann. Eine junge, selbstbewusste Frau, die versucht, sich in einem zutieft chauvinistischen Umfeld zu behaupten und mit ihrem Jugendfreund „Lil‘ Louey“ Armstrong auf eigene Faust ermittelt.

Während die nicht frei von Tadel handelnden Charaktere gegen das New Orleans ankämpfen, das ein Teil ihrer selbst ist, kündigt der Axeman, der sich einem historischen Schreiben zufolge als nichtmenschliches Wesen bezeichnet, das der Hölle entstiegen ist, seinen nächsten Mord an. Als Reminiszenz an die alttestamentarische zehnte Plage verspricht er diejenigen zu verschonen, die in der besagten Nacht dem Jazz eine Bühne bieten. Nicht nur die Liebe zur Musik lassen die Kaltblütigkeit und Boshaftigkeit des im Dunklen Verborgenen im Verlaufe der Handlung mehr und mehr in Zweifel ziehen.

Ray Celestins Erstlingswerk wurde in der englischsprachigen kriminalbelletristischen Szene bereits kurz nach der Veröffentlichung ausgezeichnet. In der Tat gelingt es dem Autor, aus einzelnen historischen Begebenheiten ein erzählerisches Konstrukt zu schaffen, das aufgrund seiner Stringenz und Vielschichtigkeit ein äußerst unterhaltsames Resultat ergibt. Im gleichen Zuge erschließt sich den Lesenden ein beeindruckendes und authentisches Portrait einer Stadt, in der sich der alles stilprägende Sound den Weg bahnte, aber dessen unüberwindbar scheinende Problematik sich ebenso bis in die Gegenwart erstreckt.

Höllenjazz in New Orleans von Ray Celestin erschien am 1. März 2018 im Piper Verlag.
Titelbild: © Tyler Lastovich / Pexels

Kompromisslos schmutzig – Sven Heuchert: „Dunkels Gesetz“

heuchert_dunkels_gesetz_cover

Sven Heucherts Debütroman Dunkels Gesetz erzählt, getarnt als Kriminalroman, eine Geschichte der Gewissenlosigkeit abgehängter Menschen. Kompromisslos schmutzig, eine Welt in schwarz und grau – literarischer Noir vom Feinsten.


Ein traumatisierter Ex-Söldner, ein ambitionierter Neudrogendealer, eine gestrandete Prostituierte und ihre resignierte Tochter. Sven Heuchert macht mit seinem Romandebüt Dunkels Gesetz da weiter, wo er mit dem schroffen Erzählband Asche aufgehört hat: Er portraitiert Außenseiter, über deren Herzen sich der gleiche graue Schleier gelegt hat, der auch ihre trostlose Umgebung verhüllt. Auch wenn auf dem Buchcover „Kriminalroman“ zu lesen ist, wirft Heucherts Buch doch eigentlich einen Kaleidoskopblick auf zerstörte Charaktere. So ist die Rahmenhandlung auch schnell zusammengefasst: Richard Dunkel, ein von Albträumen geplagter Ex-Söldner, nimmt einen Job als Sicherheitsmann irgendwo im rheinländischen Nirgendwo an, bei dem er in die Machenschaften einer aufstrebenden lokalen Verbrecherbande verstrickt wird. Achim, der schmierige Kopf jener Bande, will sich mit frischem Drogengeld aus seinem eingestaubten Alltag als Betreiber einer abgewrackten Tankstelle befreien, um sich zusammen mit seiner neuen Flamme („tropft wie’n Kieslaster“) und ihrer jugendlichen Tochter („die spitz ich mir noch an“) „endlich mal so richtig die Sonne auf den Arsch scheinen“ zu lassen. Dunkel lässt schließlich einen wichtigen Teil seiner Operation platzen und löst damit eine Kettenreaktion von Gewalt aus.

Doch Heucherts Buch auf diese Geschichte zu reduzieren würde dem Buch nicht gerecht werden. Dunkels Gesetz ist genauso wenig ein Kriminalroman wie Cormac McCarthy’s The Road ein Reisejournal ist. Der Roman wird getragen von der schroffen und schmutzigen Realität, in der sich seine Figuren bewegen. Nicht nur Richard Dunkel hat verstanden, dass in seiner Welt nur „ein paar wenige gewinnen. So sind die Regeln, so ist das Gesetz.“ Um nicht endgültig zu den Verlierern zu gehören, haben die Figuren des Romans Stück für Stück ihre Skrupel begraben und sich einer Wirklichkeit angepasst, in der es keine Helden und schon gar kein Happy-End gibt. Damit reanimiert Heuchert die in Deutschland fast unbekannte Form des Noir-Romans, der eine Stimmung vermittelt, die gut und gerne mit der Trostlosigkeit einer post-apokalyptischen Erzählung mithalten kann. Wenn Richard Dunkel in seinem alten Wagen durch die rheinländische Provinz fährt, vorbei an verfallenen Tankstellen, stillgelegten Steinbrüchen und verschimmelnden Wohnwagen, dann fühlt sich das ein wenig so an wie der Beginn eines Zombiefilms, in dem Menschlickeit durch den Kampf ums pure Überleben verdrängt wird. In einer solchen Welt gibt fast niemanden, der nicht irreperabel beschädigt scheint. Die Träume der Abgehängten klingen selbst in ihren eigenen Ohren wie purer Hohn. Die sukzessive Resignation an eine Lebenswirklichkeit ohne Hoffnung lässt Menschen wie Billardkugeln aneinanderprallen – und manchmal wird da eben auch mal eine eingelocht. Gehört zum Spiel.

All dies erzählt Sven Heuchert in einer klaren Sprache, die in ihrer schroffen Reduktion genau den richtigen Ton trifft. Dunkels Gesetz ist schmutzig, brutal, und lässt nach dem Lesen einen faden Geschmack im Mund zurück. Ein Debüt, das in seiner Kompromisslosigkeit beeindruckt.


heuchert_dunkels_gesetz_coverSven Heuchert

Dunkels Gesetz

192 Seiten

ISBN: 9783550081781

14,99 €

Erschienen bei den Ullstein Buchverlagen