Schlagwort: Krimi

Das Leid der Anderen – Schaulust heute befriedigen

Dem Sterben und dem Tod zuzusehen, war im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit ein Volksspektakel. Doch ist es heute anders? Oder befriedigen Krimis die moderne Schaulust? Und was passiert eigentlich, wenn das bloße Zusehen nicht mehr reicht?


Tag für Tag den Ermordeten

Der Sonntagabend gehört seit Jahrzehnten den Ermordeten. Doch seit geraumer Zeit breiten sich die Leichen aus. Ein Blick ins Fernsehprogramm und in die Netflix-Bibliothek zeigt: Auch der Montag gehört den Erschlagenen, den Erdrosselten. Am Dienstag können Wasserleichen betrachtet werden. Und Vergiftete am Mittwoch, Erhängte am Donnerstag, Zerstückelte am Freitag und Verbrannte am Samstag. Neben den Todesarten unterscheiden sich die Ermordeten durch ihren Auffindungsort: Mal werden sie in Dresden aus dem Elbe gefischt, mal im dunklen Göteborg von einem Baum geschnitten. Auch das Mordmotiv und ihre Mörderinnen unterscheiden sich meist, ja, müssen sich unterscheiden, schließlich wäre sonst die Spannung dahin. Doch diese Toten haben eines gemeinsam: Ihre Körper werden von Millionen von Augen inspiziert. Ihre Leichen aus Kellerlöchern gezogen, während sich Familien eifrig die Kartoffelchips zum Mund führen. Ihre einzelnen Teile zusammengesucht, während Tausende auf Facebook und Twitter ausdiskutieren, ob ihr Tod realistisch sei oder nicht. Zwar sind das keine echten Toten und die Morde nur die Hirngespinste der Drehbuchautorinnen. Aber kann es sein, dass die Beliebtheit von Krimis aus der Lust am Betrachten von Sterben und Tod resultiert?

Hinrichtung als Volksattraktion

Dass Menschen anderen Menschen beim Sterben und im Tod zusehen, ist ein uraltes Phänomen. Schaulust lässt sich „zu allen Zeiten und in allen Kulturen finde[n]“ (Lexikon der Psychologie/spektrum.de). Man nehme als Beispiel die Hexenprozesse mit anschließenden Hinrichtungen durch den Feuertod, die noch bis ins späte 18. Jahrhundert stattfanden. Sie galten als Volksattraktion, ja, als Volksspektakel. Dafür kamen die Menschen aller Schichten, jeden Alters und Geschlechts auf den Marktplatz gelaufen. Sie schauten zu, wie Menschen unter schrecklichen Schmerzen verreckten; offenbar musste ein Bedürfnis befriedigt werden. Zu jeder Zeit spielte die Schaulust auch der Politik in die Hände. Denn öffentliche Hinrichtungen waren politisch motiviert. Sie sollten abschreckend wirken, aber auch als „symbolische Wiederherstellung der Ordnung“ und zur „Veranschaulichung des Rechtsstaats“ (Richard van Dülmen in: Theater des Schreckens) dienen.

Lustbefriedigung bei Mord und Totschlag

Zwar fanden die beiden letzten öffentlichen Tötungen dieser Art im deutschen Staat 1864 statt, der menschliche Zwang hin- und nicht wegzuschauen ist damit aber keineswegs verschwunden. Wie auch? Er gehört laut Wissenschaft zur Natur des Menschen. Soziologische Untersuchungen haben ergeben, dass 90 Prozent aller Menschen von einer „natürlichen Schaulust“ betroffen seien. Denn wie heißt es bei Milan Kundera? „Ich aber weiß […], dass es Blicke gibt, die kein Mensch sich versagen kann; zum Beispiel auf einen Verkehrsunfall oder einen fremden Liebesbrief“ (in: Das Buch vom Lachen und Vergessen). Und auch die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag hat sich in ihren Büchern über Fotografie mit diesem Phänomen beschäftigt und festgestellt, dass das Bild verstümmelter und verletzter Körper, das Bild des Abstoßenden auch etwas Faszinierendes habe (in: Das Leiden der Anderen betrachten). Dies erklärt auch die Behinderungen von Einsatzkräften bei Verkehrsunfällen durch sogenannte „Gaffer*innen“. Und kann es sein, dass in den Sozialen Medien unter Berichten zu Mord- und Totschlag mehr Interaktionen zu verzeichnen sind als unter Berichten z. B. zu politischen Themen (ausgenommen es hat irgendwas mit Geflüchteten zu tun)?

Wonnegefühle beim Zuschauen

Geht man davon aus, dass die meisten Menschen von einer natürlichen Schaulust betroffen sind, bleibt noch eine Frage: mit welchem Motiv? Was wird mit dem Schauen bezweckt? Zwischen 1920 und 1930 ging man davon aus, dass die Schaulust einem angeborenen Neugiermotiv folge. Heute gibt es andere Ansätze: So meinen einige Forscher*innen, dass mit dem Hinschauen, z. B. bei Verkehrsunfällen, nicht etwa der Nervenkitzel gesucht würde. Vielmehr würden die Schaulustigen unbewusst Informationen sammeln, um die Gefahr zu verringern, beispielsweise ebenfalls in einen solchen Unfall involviert zu werden. Andere hingegen sehen in dem Schautrieb den „unbewussten Wunsch nach Bestätigung der eigenen Unversehrtheit beim Miterleben des Leides anderer“ (Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik). Der Erziehungswissenschaftler Felix von Cube spricht hier von dem „Sicherheitstrieb“. Ähnliches wurde bereits in der Antike vermutet. So schreibt der Dichter Lukrez im zweiten Buch seines Werkes De rerum natura: „Nicht als ob es uns freute, wenn jemand Leiden erduldet, sondern aus Wonnegefühl, dass man selber vom Leiden befreit ist.“ Und auch bei Albert Camus findet sich diese Theorie wieder, wenn sein Protagonist Meursault in Der Fremde über seine bevorstehende Hinrichtung nachdenkt und den Wunsch offenbart, bei dieser doch nur ein Zuschauer zu sein: „Denn bei der Vorstellung, eines frühen Morgens als freier Mann hinter einer Polizeikette zu stehen, gewissermaßen auf der anderen Seite, bei der Vorstellung, der Zuschauer zu sein, der zusieht und sich hinterher übergeben kann, stieg mir eine Woge giftiger Freude ins Herz.“ Trotz der negativen Konnotation, die die Schaulust mit sich führt, ist der Soziologe Wolf R. Dombrowsky der Meinung, dass die Schaulust, ja, das Hinsehen immer auch etwas Positives in sich birgt: das Erlernen des Umgangs mit dem Unerträglichen.

Ersatzbefriedigung bei Krimis

Egal aus welchem Grund Menschen oft nicht widerstehen können, hinzuschauen, fest steht: Die „Lust am Schauen von Greuel, Kampf und Tod“ ist ein im Menschen tief verwurzeltes Bedürfnis (Walter Serner in: Kino und Schaulust). Und ein Bedürfnis, eine Lust, will befriedigt werden. Dabei muss jedoch Folgendes beachtet werden:

„Zu allen Zeiten gab es eine Unterscheidung zwischen ‚guter‘ und ‚schlechter‘ Schaulust, die daraus folgenden Normen variieren jedoch im Laufe der Geschichte und zwischen den Gesellschaften. […] Das Betrachten grauenvoller Bilder in seriösen Nachrichtensendungen […] gilt in unserem heutigen Normgefüge als durchaus akzeptabel; eher als unmoralisch das Verweilen auf einer Brücke bei einem Massenunfall.“

Lexikon der Psychologie/spektrum.de

 

Krimis sind gesellschaftlich akzeptiert – keine Frage. Damit auch ihre Bilder von Gewalttaten, Mord, Totschlag, vom Sterben und von Folter. Das Hinsehen ist unbedingt erwünscht. Für die Zuschauerinnen ergibt sich durch ein solches Fernseherlebnis ein Gruseln auf Zeit. Ein kontrolliertes Ekeln, dem durch das Wiederherstellen der Ordnung, also das Fassen desder Mörders*Mörderin, ein Ende bereitet wird. Kann der Krimi also als Ersatzbefriedigung der natürlichen Schaulust betrachtet werden? „Schiebt sich ein Medium zwischen Wahrnehmenden und Wahrgenommen, sei es Bild oder Film, erhält die Lust am Schauen neue Begründungen (wie Lustersatz, Schadenfreude, ästhetischer Genuss)“, beantwortet das Filmlexikon der Uni Kiel die Frage. Susan Sontag geht bei der Analyse von Science-Fiction-Filmen sogar noch einen Schritt weiter:

„Eine andere Art der Befriedigung, die diese Filme bieten, beruht auf der extremen, moralischen Vereinfachung, die ihr Charakteristikum ist, das heißt, sie bieten eine moralisch akzeptable Phantasie, die als Ventil für grausame oder zumindest amoralische Gefühle dienen kann.“

Susan Sontag – Die Katastrophenphantasie

Teilhabe an Katastrophen

Dank der zahlreichen Krimifilme und -serien ist es also einfach geworden, die natürliche Schaulust zu befriedigen und unbewusst grausamen Gedanken und Phantasien ein Ventil zu geben. Eine Befriedigung kann tatsächlich jedoch nur eintreten, wenn sich die Zuschauerinnen dem Gesehenen hingeben, also wirklich hinsehen. Nur dann, wenn nebenbei keine Kartoffelchips zum Mund geführt und keine Decken gehäkelt werden. Doch das scheint oftmals gar nicht der Fall zu sein. Denn die Diskussionen auf Facebook oder Twitter, z. B. zum Tatort, verdeutlichen etwas ganz anderes: Der Krimi wird nur mit einem Auge geschaut. Fast könnte man meinen, die zerstückelten Körper, die aus irgendwelchen Kellerlöchern gezogen werden, und die kindliche Wasserleiche, die Taucherinnen in der Elbe finden, sind keine Bilder, die irgendwie verstören, schocken. Keine Bilder, die die Zuschauer*innen an den First Screen fesseln.

Hat etwa der übermäßige Konsum von Gewaltszenen und Leichenbildern zu einer Abstumpfung geführt? Muss bald etwas Härteres her? Empathielose, hetzerische und vorurteilsbehaftete Kommentare unter solchen Nachrichtenmeldungen und Fotos in den Sozialen Netzwerken prophezeien die Gefahr, dass weder die Häkeldecke noch der Second Screen weggelegt werden, wenn die Nachrichtenkanäle echte Tote zeigen. Oder hat etwa das Kommentieren solcher Meldungen die Schaulust abgelöst? Reicht das alleinige Sehen nicht mehr aus, muss es die Teilhabe an einer Katastrophe sein, damit sie spürbar wird? Zumindest würde dies bei realen Katastrophen die Muster von Twitter-Debatten oder den Drang einiger Menschen erklären, zu filmen oder zu fotografieren. Sie selbst werden damit zu Schausteller*innen des Leids.

Titelbild: © Katharina van Dülmen

Roadtrip durch sauren Regen – Otrembas „Über uns der Schaum“

Hendrik Otremba, bekannt als Sänger der Band Messer, ist unter die Schriftsteller gegangen und debütiert mit einem Detektivroman, der keiner sein will.


„Das ist die Arbeit, das ist der Preis. So geht’s bei Detektiven“

Eigentlich ist alles da – alles, was eine Detektivgeschichte braucht: eine Vorgeschichte mit vielen Toten, ein Detektivbüro, ein Auftrag, ein reicher, narzisstischer Auftraggeber mit unstillbaren Gier nach Anerkennung und Macht, der weiß, dass er die Frau seiner Begierde nicht kaufen kann, und es doch will. Einer, der kein Mitleid hat – außer das für sich selbst. Der perfekte Antagonist. Und ein Detektiv wie aus dem Buche. Einer, der zu viel raucht, zu viel trinkt, kaum Freunde, keine Familie hat und sich nicht nur wegen seiner Drogensucht und Depression, sondern schon von Berufswegen als Außenseiter am Rande der Gesellschaft bewegt und bewegen muss. Um die Femme fatale zu retten, wird er selbst zum Täter. Ja, das klingt nach einer Detektivgeschichte im Noir-Stil. Aber „Über uns der Schaum“ ist mehr als das.

„Etwas in diesem Haus saugt meinen Körper ein“

In seinem Debütroman zeichnet Hendrik Otremba ein düsteres, brutales Szenario, in dem der Detektiv seinen Auftrag nicht beenden kann, ohne sich selbst zu verraten. Die Tatsachen, dass die Prostituierte Maude, die Joseph Weynberg für seinen Auftraggeber Lang ausspionieren soll, seiner verstorbenen Liebe Hedy nicht nur äußerlich gleicht, lässt ihn selbst zum Mörder werden. Und auch die Auswirkungen der welteigenen Droge Portobin machen dem Protagonisten zu schaffen. Selbst in völliger Nüchternheit findet er kaum einen Zugang zu sich selbst, seinem Innenleben, zu seinen Ängsten und Bedürfnissen fernab seiner Sucht. In aller Härte werden die Leser*innen in eine Erzählung geworfen, in der nicht nur Tote zu Wort kommen, sondern bald schon der selbstentfremdete Ich-Erzähler nicht mehr zwischen Außen- und Innensicht, zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung unterscheiden kann. Denn immer häufiger zwingen seine Träume und Trips Weynberg in die dunklen Abgründe seiner selbst. Hier verschmelzen Fragmente seiner Vergangenheit mit denen seiner Gegenwart und seiner erdachten Zukunft. Immer undeutlicher werden die Grenzen zwischen Realität und Traum.

„Wer kann die Welt heut‘ nicht mehr sehen“

Doch was ist die Realität in „Über uns der Schaum“? Auf 280 Seiten erschafft Otremba eine bedrückende futuristische Welt, die den Leserinnen fremd ist und gleichzeitig erschreckend bekannt vorkommt. Er lässt eine Dystopie entstehen, in der Vergessenheit die Erinnerungskultur abgelöst hat, in der sauberes Wasser eine Sehnsucht bleibt und den Protagonisten in Träumen heimsucht. In der der Regen lebensgefährlich sauer ist. Und sich Weynberg und Maude statt mit nicht existierenden Smartphones mit einem Strahlenmessgerät auf die Flucht machen müssen. Ihr Ziel: Die Stadt Neu-Qingdao, die vielleicht ein besseres Leben verspricht. Doch als die Flüchtenden, getrieben von der Angst vor Lang und seinen Leuten, ihre namenlose Stadt irgendwo irgendwann verlassen, entfaltet sich die Unberechenbarkeit und Hoffnungslosigkeit der Welt in ihrer Gänze: Überall dort, wo einst Menschen gelebt haben, ist kein menschliches Leben mehr möglich. Verlassene Vororte, verseuchtes Wasser und eine verstrahlte Umwelt machen den Protagonistinnen ihren Roadtrip der anderen Art fast unmöglich. Als ihnen Langs Leute auf die Spur kommen, mischen sich Blut, Schweiß, Dreck und Nebel in die postapokalyptische Atmosphäre.

„Wenn man arm ist und die Worte sich aufeinander reimen“

Dass Otremba nicht nur Autor, sondern auch bildender Künstler und Musiker ist, ist nicht zu überlesen, zu übersehen und zu überhören. Die bildlichen Beschreibungen der Figuren erinnern nicht selten an seine Porträts, in denen er mit „Stift und Pinsel […] die Rippen hervorgeholt, ihnen mit Tusche und Wasserfarbe eine Textur gegeben“ hat und die Haut der Abgebildeten „ganz dreckig“ hinterlässt. Nicht nur Motive wie Angst, Dreck, Schmerz, Tod und Insekten und die prägnant rhythmische, kraftvolle und poetische Sprache lassen Parallelen zu Songs der Post-Punk-Band Messer entstehen. Auch die vom dichtenden Detektiv verfasste und fast jedem Kapitel vorangestellten Verszeilen finden sich in den Texten des Messer-Albums „Jalousie“ wieder, die aus der Feder Otrembas stammen. So liest sich die stets wiederkehrende Beschreibung der scheinbar ausweglosen Situation Weynbergs und Maudes wie der Refrain des klangvollen Werkes. Er holt die Leser*innen aus surrealen Sphären und tiefschwarzen Träumen zurück in die Realität des tragischen Helden – wohin auch immer diese führen mag.

„Über uns der Schaum“ von Hendrik Otremba ist im Verbrecher Verlag erschienen.

Alle Zitate stammen aus dem Roman.

Titelbild: © Buchcover „Über uns der Schaum“ / Verbrecher Verlag

„Du wirst ihr nichts tun!“ – Der Eid

Wie weit würden Sie gehen? Wenn Sie erpresst werden? Wenn ihre Familie bedroht wird? Wenn Sie sehen, wie ihre Tochter in einen Sumpf aus wilden Partys und Drogen rutscht? Wenn dem Rechtsstaat die Beweise fehlen, um die Gefahr abzuwenden, die Sie kommen sehen?


Eigentlich hat Finnur (Baltasar Kormákur) ein angenehmes und reibungsloses Leben. Mit seiner Frau Margarét Bjarnadóttir und ihrer gemeinsamen Tochter Hrefna lebt er in einem schicken Haus am Rande von Reykjavik, und sein Beruf als Chirurg ermöglicht der Familie einen komfortablen Alltag. Nur seine Tochter aus erster Ehe macht ihm Sorgen. Anna (Hera Hilmar) ist bereits volljährig, von zuhause ausgezogen, und obwohl er zu ihr ein liebevolles Verhältnis hat, scheint sie sich von ihm zu entfernen. Als sie dann zur Beerdigung seines Vaters verspätet und verkatert erscheint und sich noch vor der Trauerfeier von ihrem neuen Freund Óttar (Gísli Örn Garðarsson) abholen lässt, bekommt Finnur ein ungutes Gefühl.

Wenige Tage später wird sich dieses Gefühl bestätigen. Nachts erhält er einen panischen Anruf seiner Tochter. Von Drogen völlig verwirrt und halb betäubt sei sie auf einer Party überfallen worden. Doch die Polizei findet keine Anzeichen auf Gewalt an ihr und sie selbst kann oder will sich an nichts erinnern. Als Finnur der Sache nachgeht, offenbart sich ihm, dass Óttar mit Drogen handelt. Als er diesen zur Rede stellt und fordert, Anna in Ruhe zu lassen, bedroht dieser erst ihn, dann Anna und schließlich auch Solveig und Hrefna. Zum Handeln gezwungen, sieht sich Finnur vor eine schwierige Frage gestellt. Wie weit ist er bereit zu gehen, um seine Familie zu schützen? Mit der gleichen Präzision, die ihn in seinem Beruf befähigt Leben zu retten, geht er nun Schritt für Schritt gegen Óttar vor. Doch hierbei bricht er nicht nur mit dem hippokratischen Eid, den er als Arzt geschworen hat.

Quelle: YouTube

In 102 Minuten führt uns Kormákur, der nicht nur ein beeindruckender Schauspieler ist, sondern in seinem vierten Film auch die Regie übernimmt, durch eine schonungslos realistische Erzählung. Keiner der Charaktere – selbst Óttar nicht – ist nur gut oder nur böse gezeichnet. Jede٭r spielt seine oder ihre Rolle realistisch, unaufgeregt und lebensnah. Unterstützt wird dieses detailreiche Schauspiel durch eine filmästhetische Mischung aus düsteren nordischen Schneelandschaften und glänzenden Personenaufnahmen, die ein wenig an Hollywood erinnern. Auf die Frage, warum der Film unbedingt auf Island spielen musste, antwortet der geborene Isländer Kormákur: „(…) nur in Island kann sie so wunderbar klaustrophobisch sein.“ Damit sich einem diese spezielle Stimmung wirklich erschließt, sollte man den Film allerdings unbedingt im Original (mit Untertiteln) ansehen. Schon der deutsche Trailer vermittelt einen Eindruck davon, wie viel sonst von der Stimmung des Films verloren geht. Am Ende dieses Thrillers verlässt man das Kino mit einer Frage an sich selbst: Wie dicht ist eigentlich die zivilisatorische Decke, die wir uns umgelegt haben und wie handeln wir, wenn jemand diese Decke mit Gewalt zerschneidet?

Würden Sie für ihre Familie, für ihr Kind töten?

© Alamode Film

Das Gemetzel im, am und um den Tatort herum

Mord und Totschlag vor dem verhassten Montagmorgen, wüste Beschimpfungen und standardisierte Streitgespräche in den sozialen Netzwerke am Sonntagabend. Das ist der Tatort. Der Versuch eines Porträts.


Wenn die Medien heute über den Tatort berichten, sind die Begriffe „Social TV“ und „Live-Event“ nicht weit entfernt. Ein Phänomen, das heute nicht mehr häufig zu sehen ist, hat doch das asynchrone Seriengucken Einzug in die Wohnzimmer gehalten. Trotzdem gehören Rudelgucken in Kneipen und hitzige Diskussionen bei laufendem Fernseher auf Facebook und Twitter zum sonntäglichen Krimi-Alltag.

Totschlagargumente, Streitereien und sonntägliches Gemecker

Das lässt sich die ARD einiges kosten: Plakate für die Tatort-Kneipen und Twitter-Chats mit Tatort-Regisseur٭innen. Damit für jede٭n Zuschauer٭in etwas dabei ist und die Fangemeinde wächst, gibt es regelmäßige neue Tatort-Teams. Oder es werden Schauspieler٭innen unter Vertrag genommen, die ihre Fangemeinde gleich mitbringen, wie etwa Til Schweiger. Aber da, wo für alle etwas dabei ist, gibt es auch viel, das nicht jeder٭jedem gefällt: Während die einen in den sozialen Netzwerken eine Lobeshymne auf das Dortmunder Ermittler٭innenteam singen, schreien die anderen, die Ermittler٭innen seien doch alle Psychos. Und was macht Til Schweiger? Til Schweiger spaltet nuschelnd die gesamte Tatort-Gemeinde in Til-Hasser٭innen und Til-Verehrer٭innen. Was wäre also der Tatort ohne das Gemetzel in ihm und um ihn herum?

Gemetzel zerfetzen

Ob die Diskussionen in den sozialen Medien selbst von den Tatort-Macher٭innen beabsichtigt, ja gar inszeniert, ist, sei dahingestellt. Für die Zeitungen und Magazine ist jeder Tweet der 165 000 Tatort-Follower٭innen und jeder Facebook-Kommentar der 868 438 Tatort-Gefaller٭innen zu einer neuen Folge ein gefundenes Fressen. Wer schreibt analytische Rezensionen in der wenigen verfügbaren Zeit, wenn es in den sozialen Netzwerken kostenlose Kritikfetzen regnet? Und der Einbettungslink für die Artikelseiten wird gleich mitgeliefert. So stellt es sich als praktisch heraus, die schnell heruntergeschriebenen Meinungsbilder im Internet einfach umzuschreiben, mit einer Überschrift wie „Zittern statt Twittern“ zu versehen und schon ist sie fertig, die Twitter-Kritik oder auch „Die Twittritik“. Sie kommt daher, wie eine „normale“ Rezension, liefert aber den Tenor der twitternden Zuschauer٭innen und anschließenden Kritikenleser٭innen gleich mit, ohne dass eine tiefere Analyse und Interpretation des Gesehenen nötig wäre.

Eine Hand wäscht die andere

Das kann positiv wie auch negativ gewertet werden: Jede٭r Twitter٭in kann die Online-Rezension einer Wochen- und Tageszeitung aktiv mitgestalten. Und nicht zuletzt scheint das auch die Motivation auszumachen, fröhlich mitzudiskutieren. So schreibt ein Twitterer am 24. November 2014: „Ich bin in der #twittritik von @zeitonline zum Stuttgarter #Tatort gelandet. Oha.“ Einige eher tatortferne Seiten machen sich diese Streitkultur zu Nutze, indem sie kommentarlos ein Zitat aus der Folge posten, um die Kommentator٭innen auf ihre Seite zu locken. Eine sogenannte Win-win-Situation für alle Beteiligten. Das macht die Betrachtung der Online-Kommunikation während einer Tatort-Folge nicht weniger spannend. Denn anhand der Diskussionen zu einer laufenden Tatort-Folge lässt sich einiges zu der Streitkultur im Netz ableiten.

Täterprofile und altbekannte Muster

Die Schnelllebigkeit und vermeintliche Anonymität des Internets macht es möglich, sich nicht länger mit einer Materie zu befassen, sondern dem ersten Impuls zu folgen und schnell die eigene Meinung herunterzuschreiben. Und was ist das Besondere an der Tatort-Diskussion? Ohne spezielles Hintergrundwissen kann hier jede٭r die schnell konsumierbaren Inhalte und das gerade Gesehene für sich interpretieren und die Meinung zeitgleich äußern. Da in 90 Minuten viel passieren kann, gibt es immer wieder neuen Gesprächsbedarf. Bei genauerer Betrachtung dieser Auseinandersetzungen zu einer Tatort-Folge (aber auch zu anderen Inhalten) im Netz lassen sich immer gleichen Verhaltensmuster erkennen.

Seher٭innen, Brandstifter٭innen und Aussteiger٭innen

Um die Verhaltensmuster aufzuzeigen, kommt man nicht umhin einen typischen Dialog bestehend aus Originalzitaten (absichtlich ohne Namensangabe) des Kommentarbereichs auf der Tatort-Facebookseite wiederzugeben, wie es eben auch die großen Magazine und Zeitungen in ihren Rezensionen tun:

  1. Eine typische Auseinandersetzung mit einem Facebook-Kommentar des٭der Seher٭in:

    „Ich bin gespannt was jetzt wieder kommt – der Schauspieler zu gut aussehend, die Schauspielerin mit zu grellem Lippenstift… ٭seufz٭.“

  2. Und schon wird die Munition für eine endlose Diskussion von der٭dem Brandstifter٭in geliefert:

    „Schnoddrige, prollende, rotznäsige Ermittlerinnen, die vor Jugendarroganz triefen. West-Ost-Klischees vom Feinsten. Endloses Rumgeschreie in VorabendRTLqualität. Schlimmer geht’s nimmer. Das ist eine Zumutung, mit zwangseingetriebenen Gebühren finanziert.“

  3. Es folgen „Gegenargumente“ der Friedliebenden:

    „Ich finds erfrischend. Aber bei den ganzen Nörglern hier ist es doch eh wurscht, was gedreht wird. Euch passt doch immer irgendwas nicht: ,zu brutal, zu ernst, zu lustig, der Ton geht gar nicht, blablabla …‘ Dann schaltet doch einfach um und hört auf zu motzen, es nervt!“

  4. Dann melden sich die Aussteiger٭innen zu Wort, die, obwohl so schon umgeschaltet haben, dem digitalen Tatort-Gemetzel weiter beiwohnen:

    „Nach vier Minuten umgeschaltet. Sorry, geht gar nicht. Denke nicht, das die Story nach dem gejaulten Anfang noch zu retten ist“

    oder

    „Ich will den Leipziger Tatort zurück, die zwei arroganten obercoolen Puten kannste in die Tonne treten, das reißt auch der sonst geniale Martin Brambach nicht mehr raus. Auf Fußball umgeschaltet.“

  5. Dann gibt es noch diejenigen, die sich jeden Sonntag einen Tatort à la Boerne und Thiel wünschen:

    „Der erste war der reinste Schrott, das sollten die mal lassen. Kriegt man ja Zustände. Am Sonntag das war auch Schrott, hab nach der halben Stunde umgeschaltet. Werde wohl bald nur noch die bekannten Tatorte anschauen, da wo man weiß, dass es auch spannend ist, z. B. Köln oder Münster.“

  6. Und die, die dem Spruch „Schlafende Hunde soll man nicht wecken“ alle Ehre machen:

    „Bla bla bla. Viel schlimmer. Ich hab die letzte halbe Stunde verpasst. Eingeschlafen. Wer war der MÖRDER?“

Wer sich durch den Kommentarbereich scrollt, kann feststellen, dass diese Aufzählung endlos weitergehen könnte. Für manch eine٭n wahrscheinlich unterhaltsamer als der Tatort selber.

Der letzte Zeuge

Der Gesprächsverlauf ist so voraussehbar wie so manche Handlung eines Tatorts. Das Gemetzel im, am und um den Tatort ist standardisiert: Jeden Sonntag um 20.15 Uhr schauen sich die Tatort-Zuschauer٭innen Mord und Totschlag an und geben vor dem Montagmorgen ihren Aggressionen in den sozialen Netzwerken ein Ventil. Die Wortgefechte auf Facebook und Twitter sind zu einem festen Bestandteil der Medienlandschaft geworden. Alle wollen von der großen Fangemeinde des Tatorts profitieren. Aber auch das Rudelgucken in Szene-Kneipen spiegelt eine Fernsehkultur wider, die heute kaum noch zu finden ist. Ist der sonntägliche Tatort also der letzte Straßenfeger, neben der Tagesschau die letzte Konstante in der Fernsehlandschaft?