Schlagwort: Konzert

Von Nordseepunk, besetzten Häusern und Kassetten. Die Band Postford im Interview

Die Musik der Bremer Band bewegt sich zwischen Punk und Emo, sie singen auf deutsch und touren am liebsten durch AZs. Auf einer Kassette stellen sie sich vor, bald folgt das Debütalbum auf Vinyl. Postmondän und Postford trafen stilecht in der Rigaer Straße aufeinander, um sich über Politik, analoge Medien und die Renaissance eines Genres zu unterhalten, das nie weg war.

Da alle Beteiligten Verspätung hatten, fiel das Gespräch halb in den Aufbau ihres gemeinsamen Konzerts mit Static Means im Fischladen, weshalb nicht zu jedem Zeitpunkt alle Bandmitglieder anwesend waren. Immerhin kamen alle zu Wort. Wenn man hinsieht.


Wer seid ihr eigentlich und was macht ihr so?

Roberta: Wir sind Postford und sind zu viert: Jacob spielt Bass, Holger spielt Schlagzeug, Nils und ich spielen Gitarre. Jacob, Nils und ich teilen uns den Gesang.

Was hat es mit dem Bandnamen auf sich?

Jacob: Postford ist hergeleitet von der nicht mehr ganz aktuellen Produktionsweise des Postfordismus. Im Fordismus ging es um Fließbandarbeit, klar abgesteckte Arbeitsabläufe und Vorgaben, was jede einzelne Arbeiterin und jeder einzelne Arbeiter zu tun hat. Der Postfordismus dagegen baut auf Selbstbestimmung und Einbringung des Selbst in Produktionsvorgänge. Und uns geht es eben auch um das Negative daran: die Entgrenzung von Arbeit – keinen Feierabend mehr zu haben, wirklich mit Leib und Seele dabei sein zu müssen, seine gesamte Persönlichkeit einbringen zu müssen, also sich mit der ganzen Arbeit identifizieren zu müssen.

Nils: Im Postfordismus ist ja auch das Ding, dass du dich die ganze Zeit selbst optimieren musst, um irgendwie hineinzupassen. Du wirst ständig auf dich als Individuum zurückgeworfen. Wenn du’s nicht bringst, dann bist du halt am Arsch. Viel zum Sport gehen, um dann auch wieder schick zur Arbeit laufen zu können und wenig Bier trinken.

Und wie kam es zur Bandgründung?

Jacob: Roberta und Nils haben vorher in der Band van Beek gespielt. Ich hab die irgendwann mal live gesehen und als der damalige Bassist ausgestiegen ist, bin ich über eine Anzeige bei Facebook dazugestoßen. Postford ist dann das direkte Nachfolgeprojekt geworden. Wir haben noch ein Konzert als van Beek zusammen gespielt, bevor das auseinanderging, und uns dann entschieden, mit einem neuen Schlagzeuger alles neu zu machen. Komplett neue Songs, neuer Name: eine komplett neue Band mit ein paar personellen Überschneidungen.

Einfach, weil ihr zu der Zeit einfach Lust auf etwas Neues hattet?

Nils: Ja, weil es an dem Punkt, an dem wir damals standen, für uns total logisch und sinnvoll war. Es war, wenn wir jetzt auf die letzten Monate zurückblicken, auch auf jeden Fall die richtige Entscheidung, persönlich wie musikalisch.

Und was würdet ihr sagen, macht ihr für Musik?

Jacob: Ich würde am ehesten sagen “Emo-Punk” passt ganz gut.

Roberta: Ja, schon.

Jacob: Es hat etwas Melancholisches, etwas Kühles dabei.

Holger (besorgt): Habt ihr alle etwas zu trinken?

Jacob: Aber wie der Begriff Anfang der 2000er benutzt wurde, hat mit unserer Musik natürlich nichts zu tun.

postford-bremen-punk

© www.diegoldenehor.de

Eure Texte reichen auch nicht unbedingt in den Emo hinein?

Jacob: Sie sind schon persönlich.

Aber es gibt nicht die klassische Emo-Selbstmord-Romantik, oder?

Roberta: Nein.

Jacob: Es geht eher um Alltäglichkeiten, das, was man so erlebt, was einen so umgibt, ob das nun politische Sachen sind, die teilweise auch sehr direkt bei uns vorkommen, oder auch die Kämpfe, die man so im Privaten führt.

Nils: Unser Demo, das als Tape erschienen ist, spiegelt das vielleicht noch nicht so ganz wider, aber auf unserem anstehenden Album wird das deutlicher. Es gibt viele Texte, die wirklich persönliche Geschichten erzählen, die zwar kryptisch sind, aber vielmehr aus einer persönlichen Erfahrung resultieren, als bspw. Deutschland politisch zu kritisieren.

Roberta: Aber diese persönliche Sichtweise ist auch immer sowieso politisch, weil wir alle politische Menschen sind und dann ist es sowieso bereits politisiert. Alltag ist ja auch politisch.

In Bezug auf gesellschaftliche Zwänge wie den Postfordismus?

Jacob: Auch das. Es geht auch immer darum, die Gesellschaft zu beobachten und festzustellen, dass man gerade nicht reinpasst, aber eben auch nicht immer reinpassen will. Dass viele Zwänge unserer heutigen Welt einfach zum Kotzen sind, ob die nun etwas mit Geschlechtern zu tun haben oder damit, funktionieren zu müssen. Das spielt für uns eine große Rolle.

Und gibt es für euch musikalische Vorbilder?

Roberta: Vorbilder nicht, aber sicherlich Einflüsse. Die hat man ja immer.

Welche sind das?

Nils: Unterschiedliche, würde ich sagen.

Roberta: Aber diese Schule um Dackelblut oder Oma Hans hört man auf jeden Fall heraus.

Jacob: Genau, diese Jens-Rachut-Schule um Angeschissen, Blumen am Arsch der Hölle, Kommando Sonnenmilch oder Alte Sau.

Also die Deutschpunk-Richtung?

Jacob: Ja, aber eben auch wirklich diese, wie wir es nennen, Nordseepunk- oder Hamburg-Punk-Richtung. Oft werden wir auch mit Turbostaat verglichen. Das sagen wir ungern.

Warum?

Jacob: Weil das so ein typischer Reflex ist, wenn Leute Musik mit deutschen Texten machen, gleich zu sagen, das ist jetzt Turbostaat-mäßige Musik.

Weil man damit die sonstige Szene nicht wertschätzt?

Jacob: Nein, einfach auch die Diversität, weil wir schon einfach ganz andere Musik machen. Wir klingen auf jeden Fall ein bisschen härter, würd‘ ich sagen.

Roberta: Ja, ist schon anders auf jeden Fall.

Nils: Ja, wir finden die privat halt ziemlich gut – außer Holger vielleicht – aber ich weiß gar nicht, ob das so stark da mit hineingespielt hat. Vielleicht spielt es eher dort hinein, wie ich jetzt zum Beispiel Texte schreibe, aber weniger, wie das Paket der Musik letztendlich ist.

Stimmt, ihr habt teilweise auch sehr fragmentarische Texte, was Turbostaat stark mitgeprägt haben, oder?

Nils: Ich hab das Gefühl, dass ich gerade am Anfang der Band Texte geschrieben habe, die deutlicher waren, als alles, was ich jemals geschrieben hab.

Ich meine Textstellen wie diese im Song Indikator OK. Da singt ihr: “sei zufrieden // streng dich an // für jeden nur ein Kreuz // bleib ruhig // könnte schlechter sein // und bald ist ja WM”.

Jacob: Ja, Nils hat das geschrieben und ich spreche das in dem Song. Für mich ist das auch eher gegen den Zwang, sich anzupassen. Also wirklich in Richtung: “Du bekommst deinen Anteil und bald hast du wieder schön etwas, um dich und dein Land zu feiern.”

Das klingt ja alles so nach Phrasen aus dem Medienapparat, die auf das Individuum bzw. euch wirken.

Jacob: Das ist ein sehr ironisch gemeinter Aufruf, was man halt so hört, was man lesen kann, wie man wieder klarkommen soll: dass man schön die Füße stillhalten und nicht zu sehr auffallen soll.

Sind solche Texte für euch dann eher literarische Ausdrücke oder politische?

Jacob: Selbst wenn wir einen persönlichen Text schreiben, geht das Politische eh nie weg.

Roberta: Das Politische zieht sich bei uns durch wie ein roter Faden.

Aber würdet ihr dann sagen, dass ihr es zu Kunst macht?

Roberta: Kunst ist eine schwierige Angelegenheit.

Jacob: Nicht gewollt. Wir machen das Ganze nicht, um Kunst zu machen. Wir stellen uns einfach zu viert in den Proberaum, irgendjemand bringt eine Idee mit, es wird ein Instrumental entwickelt und am Ende setzt sich entweder Roberta oder Nils zu Hause hin und schreibt, was ihr oder ihm dazu einfällt. Das ist oftmals eher aus der Situation geboren. Viele Dinge, die einem sowieso schon länger im Kopf schwirren, werden aufgeschnappt und zu Texten verarbeitet.

postford-live-jz

© www.diegoldenehor.de

Eure Texte ergeben sich, finde ich, zu einem ziemlich erdrückenden Ganzen.

Nils: Also wenn wir im Proberaum dieses Songgerüst haben, fallen mir oft Melodielinien mit zwei, drei Versatzstücken an Worten ein. Tatsächlich habe ich nicht den Plan, einen Song darüber zu schreiben, wie blöd das zurzeit in Deutschland läuft. Das ist dann in meinem Hinterkopf gerade so drin, weil ja gerade viele Refugee-Heime angezündet werden und die sogenannte Mitte durchdreht. Aber ich gehe nicht an einen Song heran und sage, ich möchte jetzt genau das schreiben, sondern das ist eher ein organischer Prozess. Ich bin auch weit davon entfernt, zu sagen, dass das was ich jetzt schreibe, irgendwas mit Lyrik oder Kunst zu tun hat, sondern es ist einfach nur Ausdruck dessen, was so gerade in meinem Kopf abgeht.

Auf jeden Fall ist eure Arbeitsweise, gemessen am Ergebnis, sehr produktiv.  Ich wollte mit euch auch noch über den Deutschpunk generell sprechen, weil ich das Gefühl habe, dass ihr da Experten seid. Habt ihr das Gefühl, dass das Genre in den letzten Jahren attraktiver geworden ist?

Roberta: Es kommt drauf an, wie man Deutschpunk definiert.

Jacob: Ich glaube schon, dass es dafür im Moment einen gewissen Markt gibt. Was man aber auch nie vergessen darf, ist, dass durch Social Media, sei es bei Facebook, Twitter oder Instagram, die Sichtbarkeit einfach exorbitant erhöht wurde.

… was ja auch ein Anreiz für junge Bands sein kann, oder?

Jacob: Weiß ich nicht. Das kann ich schwer sagen, denn ich glaube, die meisten Bands machen das nicht, weil sie groß werden wollen, sondern weil es einfach das ist, was sie mögen, und vielleicht auch einfach das, was sie können. Zum Beispiel wir machen die Musik, die wir machen, weil wir Sachen ausprobiert haben und gemerkt haben: Das ist jetzt das, was bei uns Vieren funktioniert. Es war weniger geplant, sondern ist einfach passiert.

Roberta: Es war das, was uns am meisten Spaß macht.

postford-band-konzert

© www.diegoldenehor.de

Nils: Wir sind da nicht mit dem Masterplan herangegangen, dass wir das machen wollen, was zurzeit funktioniert. Ich weiß auch gar nicht, ob es tatsächlich so gut funktioniert, denn in der Szene, in der wir uns bewegen, gibt es eben auch viel krasseres Zeug, Hardcore und Crust zum Beispiel. In Autonomen Zentren wie diesem ist die Musik jetzt gar nicht so das große Ding. Es war wirklich für uns einfach die Musik, auf die wir Bock hatten. Ich persönlich habe in meiner Sozialisation gar nicht so viel mit Punk zu tun gehabt, sondern habe dann irgendwann einfach sowas wie Turbostaat oder Dackelblut gehört und hab da gemerkt, dass man Punk auch mit etwas anderem verbinden kann. Es sind nicht nur die ganze Zeit plakative Schlachtrufe-Parolen wie “Bullenschweine”. Obwohl ich auch die Schlachtrufe-Sampler mittlerweile zu schätzen weiß.

Jacob: Nichtsdestotrotz ist es natürlich so, dass es für diesen deutschsprachigen Punk bereits eine unheimliche Bandbreite an Bands gibt, die das auf eine total geile Art und Weise machen. Und es gibt da verschiedenste Strömungen, die untereinander vielleicht persönlich miteinander zu tun haben, aber musikalisch in einen Topf geworfen werden, obwohl sie eben nicht in einen gehören. Wenn ich jetzt bspw. an Love A auf der einen und Freiburg auf der anderen Seite denke: Das sind völlig verschiedene Dinge.

Findet es dann dadurch zusammen, dass die Texte eine so starke Präsenz haben?

Jacob: Es ist eben immer noch auf eine Art und Weise Punk-Musik mit deutschen Texten, die sich bestimmter Sprachcodes bedienen, die das Ganze zu einer Sauce machen. Aber für mich sind das völlig unterschiedliche Dinge.

Weil du es eher musikalisch betrachtest?

Jacob: Musikalisch gesehen auf jeden Fall. Das find‘ ich halt total geil, weil es dadurch einfach eine große Bandbreite an Dingen gibt, die da gerade so passieren. Das find‘ ich gut.

postford-konzert-berlin

© www.diegoldenehor.de

Und würdest du sagen, dass es in den letzten Jahren einen Zuwachs an diesen Sprachcodes gab, an denen man sich orientieren kann, und die den Zugang erleichtern?

Jacob: Nein, ich glaube, das ist wirklich so ein Facebook-Ding, dass das sichtbarer geworden ist. Denn genau die Texte, die da gerade so existieren und gesungen werden, gab’s ja auch schon so bei den Rachut-Bands, bei den Goldenen Zitronen oder 3000 Yen.

Nils: Auch schon bei Blumfeld.

Jacob: Genau, und Tocotronic, die ja auch schon aus der Szene kommen.

Aber würdet ihr nicht sagen, dass der Deutschpunk sich in den letzten Jahren mehr und mehr als Form etabliert, ernsthafte Anliegen musikalisch zu transportieren? Und dass immer mehr Leute das erkennen und bewusst annehmen? Zum Beispiel, um ein Fundament zu haben, der Pop-Schiene zu entgehen, in die man mit englischen Texten und Songs über Liebe eben schneller gerät, und dort von vornherein eben einen ernsthafteren Ausdruck hineinlegen kann?

Jacob: Das spielt schon eine große Rolle. Auf der anderen Seite ist das auch einfach so, dass Deutsch die Sprache ist, in der wir uns am besten ausdrücken können. Es gibt ja auch genug deutsche Bands, die auf Englisch politische Texte singen. Das heißt ja nicht gleich, dass man nur California-Punkrock –  den unglaublich beschissenen – spielen muss. Ich glaube aber, dass die Entwicklung in den letzten Jahren schon viele dazu ermutigt hat, auf deutsch zu singen.

Nils: Ich weiß nicht, ob Punk jetzt die ernsthafteste Form ist, sich mit Themen auseinanderzusetzen. Denn es gibt auch Bands, die das auf eine sehr ironische Weise machen, was auch schlau sein kann. Affenmesserkampf zum Beispiel sind ja so dazwischen. Das würde ich nicht als Abgrenzung sehen, also es gibt auch ernsthafte Popmusik, die schlaue Texte hat.

Jacob: Midnight Oil zum Beispiel.

Nils: Ich würde Ernsthaftigkeit nicht pauschal der Musik zurechnen, die dann dahinter läuft, sondern eher dem, was die Leute dahinter repräsentieren und machen wollen.

Deutschland als Institution findet ihr ja jetzt nicht so toll, wenn man euren Song Kaltland (“Es ist deutsch in Kaltland”) so hört. Ist ein kritisches Moment gegenüber Deutschland schon im Begriff Deutschpunk ausgedrückt?

Jacob: Diese Textzeile zur WM, über die wir geredet haben, ist ein ironischer Aufruf. Nichtsdestotrotz ist es aber schon so, dass wir Deutschland alle beschissen finden. Überhaupt das Nationalstaatskonstrukt, der für Nationalismus und Rassismus eine konstituierende Rolle spielt, ist für uns abzulehnen. Die Geschichte spielt ja einfach auch eine große Rolle dabei, und das Gefühl, sich dem Nationalstaat Deutschland, der mit seiner Geschichte untrennbar verbunden ist, anhängig zu fühlen, ist für mich etwas Undenkbares.

Nils: Ja, oder Deutschland als Ideologie oder Wirtschaftsstandort, der gegen andere Staaten und Personen konkurriert. Und ich finde es absurd, genauso, dass so viele Leute, die von diesem ganzen Konstrukt überhaupt nicht profitieren, sich dann auf Sätze wie “Wir sind Exportweltmeister” oder “Wir sind Weltmeister” beziehen, obwohl es ihnen persönlich überhaupt gar nichts bringt. Aber sie schustern sich daraus so ein merkwürdiges Kollektiv zusammen oder es wird für sie zusammengeschustert, oder beides, was dann zu ziemlich widerlichen Sachen führt, wie wir ja gerade wieder sehen.

Jacob: Weil man das dann wieder verteidigen muss. Da kommen dann Eindringlinge von außen, verzweifelt, traumatisiert, aber gegen die muss man sich und sein Hab und Gut, das vielleicht auch aus Nichts besteht, dann verteidigen.

Wir führen dieses Interview ja gerade in einem der besetzten Häuser in der Rigaer Straße, die ja auch viel unverhoffte Medien- und vor allem Polizeipräsenz erfahren mussten. Wie wichtig sind denn solche Autonomen Zentren?

Jacob: Unfassbar wichtig. Und es ist immer schön zu sehen, wenn sich das dann am Ende, wie jetzt zum Beispiel mal wieder, durchsetzt. Ich meine, die Räumungen solcher Orte, die es auch dieses Jahr schon und in den ganzen letzten Jahren in dieser Gegend schon gegeben hat, sind einfach jedes Mal ein Stich ins Herz. Was hier möglich ist und auf die Beine gestellt wird, Orte, um zusammenzutreffen, um in Kontakt mit Menschen zu kommen, Konzerte organisieren zu können, offene Küchen organisieren zu können, das ist einfach immer eine Chance, zumindest auf einem kleinen Fleck eine bessere Welt anzubieten, Rückzugsräume für bestimmte Menschen, die die sonst einfach nicht finden.

Nils: Für uns bspw. ist heute besonders cool, als Bremer Band hier eine Soli-Show für das Alte Sportamt Bremen zu spielen, also für ein ähnliches Projekt, das besetzt ist und gerade Stress von Politik und Polizei bekommt. Es ist cool, dass hier in der Rigaer Straße, die selbst bedroht ist, Soli-Konzerte für andere Zentren gespielt werden und das so ein gemeinsames Ding ist, bei dem alle darauf achten, dass diese wichtigen Räume erhalten bleiben. Hier können Sachen geschaffen werden können, die in unserer Gesellschaft sonst leider nicht so oft funktionieren.

Auch live wissen Postford übrigens zu überzeugen:

Quelle: YouTube

Jacob: Gestern haben wir in Hamburg im Störte gespielt, was ja quasi zur Hafenstraße gehört. Die Häuser wurden in den 80ern besetzt, es wurde unfassbar hart dafür gekämpft, die Politik hat Druck gemacht und heute, 30 Jahre später, besteht das immer noch und du kannst dort Konzerte geben und die Leute dort setzen sich jetzt ganz aktuell für Refugees ein, organisieren, tun und machen. Und das ist einfach wahnsinnig wichtig.

Ist das dann eher das Deutschland, das ihr mit euren Texten ansprechen wollt?

Jacob: Das hat mit Deutschland für uns nichts zu tun, sondern es ist die Welt und die Gemeinschaft, der wir uns verbunden fühlen. Es gibt für mich kein ideales Deutschland, sondern immer nur die Utopie einer Gemeinschaft, die keine festen Grenzen hat, wo alles vielmehr fließend ist. Das muss für mich kein Label haben. Ob das jetzt ein religiöses Label wie das Christentum ist, in dessen Rahmen ich mich mit Menschen verbunden fühlen kann, auf der anderen Seite aber auch von anderen Menschen abgrenzen kann, die dem Christentum nicht angehören. Genauso geht es mir mit Deutschland. Ich brauche dieses Label nicht, sondern ich bin einfach ein Lebewesen. Das klingt hippiemäßig, aber da ist für mich das friedvolle Zusammenleben mit anderen Lebewesen das Wichtigste und nicht, dass irgendeine Plakette draufsteht.

Okay! Apropos Label: Ihr seid ja beim Düsseldorfer Label Raccoone Records, das ausschließlich auf analoge Formate setzt, und habt dort eine Kassette herausgebracht. Kommt das Medium wieder?

Nils: Offensichtlich!

Jacob: Ich glaube, für mich ist die Kassette ein wenig verbunden mit der Nostalgie bezüglich des Mixtapes. Das scheint mir gerade eher so ein Spaßding zu sein. Und wir stehen einfach nicht so auf CDs. Unser Album wird zum Beispiel auch nur auf Schallplatte und digital erscheinen. Keine CD, kein gar nichts.

Was habt ihr gegen CDs?

Jacob: Das Medium war quatsch. Eine CD ist nach 15 Jahren einfach gelöscht. Unsere Songs stehen auch frei zum Download im Internet. Man muss sie nicht kaufen. Wenn man kein Geld dafür geben will, herzlich Willkommen, aber man muss das nicht, darum sind wir auch nicht böse. Unsere Musik ist ein freies Gut. Nur weil man das geil findet, heißt das noch nicht, dass man uns Geld geben muss. Das ist alles okay. CDs sind auch einfach hässlich und so eine Kassette ist dann schon wieder ein haptisches Erlebnis. Da baut man auch ein schönes Booklet hinein und kann es ausklappen. Bei der Schallplatte ist das noch schöner.

… weil das Öffnen und Auflegen auch so ein schönes Ritual ist?

Jacob: Genau, und umdrehen muss man eine Kassette, außer im Auto, ja auch. Aber bei der CD geht durch die Möglichkeit des Skippens die Wertigkeit des Albums als Ganzes verloren. Und es gibt ja auch im Punk viele Bands, die ihr Album ganz bewusst für die Schallplatte zusammenstellen, und dafür entscheiden, in welcher Reihenfolge die Lieder kommen. Man hat in der Mitte einen Höhepunkt und einen Ausklang, dann dreht man die Platte um, hat einen kurzen Moment Ruhe, und dann geht’s wieder los. Es steckt einfach ein Spannungsbogen drin. Das hat die CD nicht. Das bietet das Medium einfach nicht.

Zu einer CD hat man auch keine so persönliche Beziehung, oder?

Jacob: Ne. Die letzte CD, die ich gekauft hab, war Crossroads von Bon Jovi, 1994. Ich glaube, das sagt schon alles.

Auf jeden Fall ist es ein guter Schlusssatz. Vielen Dank für das Gespräch!


Postfords Kassette gibt’s übrigens hier und den Walkman dazu hier. Oder auf dem Dachboden. Oder beim Flohmarkt eures Vertrauens.

Mehr zu Deutschpunk und Sprachcodes? Leerstellen in der Musik: Der Turbostaat-Code

Titelbild: © http://www.diegoldenehor.de/. Sämtliche Konzertbilder wurden am 15.8.2016 in der Baracke Münster aufgenommen.

Follow me up: Sóley erfindet sich neu

Sóley geht es gut. Sie hat sich neulich sogar dabei erwischt, fröhliche Songs zu schreiben. Das hat ihr so viel Angst gemacht, dass sie auf Tour gegangen ist.

Sóley in der Passionskirche, Berlin, 22. Juli 2016


Denjenigen, die schon vor der Fußball-EM von der Existenz Islands wussten, ist auch Sóley vielleicht längst keine Unbekannte mehr, auch wenn sie nach wie vor als Geheimtipp gehandelt wird. Als ehemaliges Mitglied der Band Seabear widmet sie sich bereits seit 2010 ihrem Soloprojekt und ist so Sinnbild einer jungen Generation isländischer Musiker٭innen, denen es gemeinsam gelang, aus dem Schatten von Björk und Sigur Rós heraus eine breite Indie-Szene aufzubauen, die international ihre Liebhaber٭innen findet. Gemeinsam, da sie sich jeweils gegenseitig darin unterstützen, etwas völlig eigenes zu machen. So auch Sóley, die schon in Live-Bands anderer Musiker gesichtet wurde, die sich aber von Anfang ihres Projekts an ureigener experimenteller Musik widmete, in denen sie melancholische Geschichten aus Märchen-, und Horrorwelten erzählt. Auf ihrem ersten Album klang das noch so:

Quelle: YouTube

Zwei Alben und drei EPs später nun findet sie in einer Kirche in Kreuzberg am Flügel wieder und singt umgeben von einer größeren Live-Band hoffnungsvolle “Mommy Songs”, wie sie es selbstkritisch nennt. Ist das dieselbe Künstlerin, die mit ihrem letzten Album “Ask The Deep” noch Depressionen oder die Geschichte eines lebendig Begrabenen vertonte? Oder auf deren Debütplatte “We Sink” sich Songtitel wie “I’ll Drown”, “Kill The Clown” und “Smashed Birds” fanden? Aber diese Fragen beschäftigen offensichtlich niemanden stärker als sie selbst. Denn mit dem letzten Album zu touren und ständig den reduzierten, meist elektronischen fahlen Songs ausgesetzt zu sein, hätte sie, wie sie erzählt, selbst so sehr belastet, dass sie sich zurückgezogen hat, um sich mit neuen Kompositionen zu therapieren. Herausgekommen ist etwas völlig Neues, etwas, was ihr Spaß macht, was sie aber auch verunsichert. Deswegen hat sie sich zu einer kleinen Probetour aufgemacht.

Vielleicht stand ihr Supportact bei dem Berlinkonzert, die Sängerin Mr. Silla, wenn man schonmal an einem so metaphorisch aufgeladenen Ort wie einer Kirche ist, auch für die alte, die nunmehr überwundene Sóley, kommt sie auf der Bühne doch komplett ohne Mitmusiker aus und singt einfach über Electro-Samples, die sie nur selten mit live gespielten Gitarren- oder Keyboardspuren begleitet. Ihr Sound ist dem von Sóleys letzter Platte sehr ähnlich, ist aber eben auch ähnlich spannend.

Quelle: YouTube

Sóley selbst, die ihr jüngstes Werk überraschend kritisch sieht, möchte auf ihrem nächsten Album positivere Musik machen, obwohl ihr die Welt der “Happy Pop Music” eigentlich unsympathisch ist. Aber sie möchte es richtig machen, dabei niemanden verlieren oder vor den Kopf stoßen. Deswegen probiert sie es schonmal live aus, bevor auch nur ein einziger Song veröffentlicht ist. Deswegen ist sie nach Berlin geflogen und sitzt in der Kirche. Für ihre neue Musik öffnet sie sich auch anderen Musiker٭innen. Sie möchte ihren Sound und ihre Liveshow mit einem größeren Ensemble neuerfinden, in dem sich neben Gitarrist und Schlagzeuger auch ein Bläsersatz, eine Akkordeonspielerin und eine zweite Sängerin und Pianistin befindet.

Herauskommt eine Show, die ihrer letzten Tour, ihrem 2015er Konzert in der Volksbühne etwa, tatsächlich überlegen ist, die vielseitig und offen ist. Das Publikum mit neuen Arrangements der alten Songs ans Neue heranzuführen, die dadurch folkiger klingen und sich ein wenig an den Sound von Beirut annähern, funktioniert erstaunlich gut. Den logistischen Aufwand, selbst auch innerhalb von Songs zwischen mehreren Bühnenpositionen hin und her zu wechseln, bewältigt sie mit sympathisch-chaotischer Herangehensweise. Dabei ist es ein Glück, dass sie auch ganze Shows komplett ohne Musik bestreiten könnte, da sie ebenfalls ureigene Comedy-Qualitäten aufweist. Denn eine solche Show, in der alles außer der Musik improvisiert ist, kann auch kippen. Nicht so bei Sóley, die unbeirrt minutenlange Monologe darüber hält, dass ihr Kleid zu kurz ist und sie daran denken muss, die Arme nicht zu hoch zu heben. Dass sie glaubt, ihr Soundtechniker würde sie hassen. Dass sie geträumt hat, zum Auftritt in Berlin würden nur fünf Leute kommen und sie würde sich ständig verspielen. Dass man nicht denken darf, die Männer in ihrer Liveband seien ihre Liebhaber.

Sóley Passionskirche live Konzert Morr

Eher nicht so gut aufgegangen ist das Experiment, die Berliner Show in eine Kirche zu legen. Zwar sind die schlichte Eleganz der Passionskirche und ihre herausragende Akustik ein würdevolles Setting. Aber gerade letztere wurde dem Konzert teilweise zum Verhängnis, da eben nicht nur die Musik von der Kuppel endlos hallverstärkt wird. Auch die Geräusche der Theke, die für das Konzert aufgebaut wurde, jede klirrende Flasche, jedes Gespräch durchbrach immer wieder die Performance und ließ keine rechte Konzertatmosphäre aufkommen. Es gibt offensichtlich nicht nur religiöse, sondern auch ziemlich profane Gründe dafür, warum auf Kirchenbänken sonst nicht gesprochen oder Bier getrunken werden darf.

Dass es Sóley ohnehin fremd ist, eine Distanz zum Publikum aufzubauen, entschädigte hierfür in der Show jedoch. Und da es sich bei dem Ganzen um ein Work-in-Progress-Experiment handelte, war ein wenig Proberaumatmosphäre auch verkraftbar. Um die präsentierte Musik war es dennoch schade. Wie Sóleys neues Album wird, bleibt abzuwarten. Es soll 2017 herauskommen. Hoffnungsvolle Musik steht ihr zwar augenscheinlich ziemlich gut, ist aber zunächst ungewohnt. Doch der bleibende Eindruck des Abends ist, dass man Sóley trauen kann, da niemand so souverän mit offenen Karten spielt wie sie.

Bilder: © Katharina van Dülmen

Kosmonaut: Wenn das Unwetter keine Lust auf die Headliner hat

Ein Donnerwetter geht um in Europa, so auch in Karl-Marx-Stadt. Ein Tagebuch zum Kosmonaut Festival.


Am frühen Freitagmorgen der Schock aus sechs Buchstaben: Brexit, die Briten wollen nicht mehr. Dachte sich das Kosmonaut Festival: wir auch nicht. So wurde in Chemnitz am vergangenen Wochenende nahezu gänzlich auf den Import britischer Acts verzichtet und stattdessen der heimischen Musik gefrönt. Erwartete uns deswegen eine Veranstaltung, die sich ohne Umschweife dem aktuellen Trend des wiederentdeckten Nationalismus innerhalb Europas verschreibt? Durchaus naheliegend, schließlich sind in Chemnitz, wie wir ja alle bereits wissen, sonst nur Nazis, Rentner und Hools unterwegs. Glücklicherweise schlägt das Kosmonaut Festival in eine andere Kerbe.

Tag 1

Dementsprechend machen wir unerschrockenen Festivalreporter von postmondän uns hoffnungsvoll auf den Weg Richtung südwestliches Sachsen, dort, wo das Erzgebirge seine ersten Wellen schlägt. Am Chemnitzer Hauptbahnhof angekommen, erwartet uns bereits freudestrahlend der Shuttlebus, der uns gerne zum Gelände fahren möchte. So nehmen wir das Angebot an und bekommen obendrein eine kleine Stadtrundfahrt, die uns immerhin aus der Stadt herausführen soll. Ein städtebaulicher Wahnsinn versetzt uns alsbald in eine andere Welt, was ja durchaus im Sinne eines Festivals ist. Pittoreske Straßenzüge stehen hier in einem mehr oder weniger symbiotischen Verhältnis zu sozialistisch-klassizistischen Bauwerken. Quasi ein Melting Pot aller architektonischen Vorlieben, von Mendelsohn über Stalin bis hin zu Erika Mustermann. Marx‘ sieben Meter großes Konterfei  drückt jedoch alles andere als Begeisterung aus, also schnurstracks zum Stausee Oberrabenstein am Stadtrand, wo sich zum vierten Mal die Kosmonauten versammeln.

Kosmonaut Festival 2016 Zeltplatz

Mit Blick über grüne Wiesen und die Dächer der Stadt steht mittlerweile das Zelt, sodass die Umgebung erkundet werden kann. Schnell fällt auf, dass Helga auch mal wieder mit am Start ist. Wir freuen uns selbstverständlich über ihre vermeintliche Anwesenheit. Schließlich ist es ihr angesichts der Tatsache, dass Festivals in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen, inzwischen unmöglich geworden, sämtliche Veranstaltungen zu besuchen. Folglich wurde bereits das Rufen ihres Namens das ein oder andere Mal schmerzlich vermisst. Da wir uns schon mit dem Thema Rumgegröle beschäftigen: Ein bisschen britisch wird es dann doch. Als Konsequenz der Fußball-EM wird während des gesamten Wochenendes der nordirische Nationalspieler Will Grigg besungen. Eingewechselt wird er hier jedoch ebenso wenig wie in Frankreich.

Zwei lauwarme Cervisiae aus der Blechbüchse später wird nun endlich die erste Bühne erreicht. Den von abstrusen Verschwörungen schwadronierenden Prinz Pi haben wir leider versäumt. Also schauen wir uns den Auftritt der beiden Girls von Boy an. Dabei knistert es so sehr in der Luft, dass die Technik versagt und der Gig unterbrochen werden muss. Derweil spielen auf einer der Nebenbühnen Mule & Man, einem Hybrid aus Kid Simius und Bonaparte. Die Bühnenshow ist zwar nicht ganz so stark von faszinierender Absurdität geprägt, wie man es seit vielen Jahren von der zweitgenannten Band gewohnt ist. Dennoch lassen die elektronischen Arrangements Kid Simius‘ und die alten Schlager von Bonaparte das Publikum mit Enthusiasmus erfüllt zurück.

Kosmonaut Festival 2016 BOY

Anschließend kommt es zur ersten, von vielen Besuchern heiß ersehnten, Aufführung eines Headliners. Der Bielefelder Kasper namens Casper gibt seinen einzigen inländischen Auftritt in diesem Festivalsommer und neben bedeutenden Teilen seines Œuvres gar einen neuen Song zum Besten. Das versetzt nahezu das gesamte Festival in Ekstase, denn gefühlt 93,47 % der Besucher tragen uniform ein weißes T-Shirt des bemützten Rappers. Das darauf stehende mysteriöse Datum sowie der obskure Hashtag „#lldt“ (lang lebe der tod) ließen uns zuvor rätseln, ob es sich dabei um eine Neuberechnung des Maya-Kalenders durch Nostradamus handelt. Es stellte sich jedoch heraus, dass es unwesentlich schlimmer kommen soll. Denn das Datum verweist auf das Release seines neuen Albums, das uns nun droht. Die Shirts hatte der bescheidene Geschäftsmann Casper in einer Stückzahl von 7.000 eigenständig unter das Volk gebracht.

So endet der erlebnisreiche erste Tag auf dem Kosmonaut Festival und sogleich wird feiernd der zweite eingeläutet. Während auf dem Gelände noch an verschiedenen Bühnen aufgelegt wird, kommt auch der Backstage-Bereich bis zum frühen Morgen nicht zur Ruhe. Boy haben sich die Laune nicht vermiesen lassen und zeigen mit ihren adrett-flotten Tanzbewegungen zu Gang of Four, dass es ihnen einerlei ist, am Nachmittag bereits das nächste Festival bespielen zu müssen.

Tag 2

Am nächsten Morgen (bzw. Mittag) dann der nächste Donnerschlag, dieses Mal aber verbaliter. Schwarze Wolken, grummelnder und flackernder Himmel lassen die Veranstalter an die unschönen Ereignisse während des diesjährigen Rock am Ring denken. Da gerade zeitgleich das Geschwisterpaar Hurricane und Southside stattfindet und bereits ähnliche Meldungen verkündet, werden verständlicherweise umgehend die Zeltplätze sowie das Festivalgelände abgesperrt. Möglichst viele Besucher werden in ihre Autos bzw. in die Shuttlebusse gestopft, wo sie dann für drei Stunden ausharren dürfen und mit ihrer unerschütterlich guten Laune dem miesen Wetter die Laune vermiesen.

Mit etwas Verspätung können daraufhin die ersten Bands ihre geplanten Gigs spielen. Den Anfang macht Dota, f.k.a. Die Kleingeldprinzessin. Auch sie hat mit technischen Problemen zu kämpfen, muss den letzten Titel unterbrechen und beschließt das Konzert nach Absprache mit dem Publikum durch das Spielen der letzten 30 Sekunden des Songs, sodass alle zufrieden sind. Zu DIE NERVEN haben sich leider nur wenige Leute eingefunden, dabei bestechen sie mit ihrer eigenen Auffassung von Noise-Rock. Drummer Kevin rächt sich später jedoch gekonnt am Publikum für die ausbaufähige Aufmerksamkeit, indem er lediglich mit einem durchsichtigen Regenponcho bekleidet über das Gelände streift.

Quelle: Facebook

Das Unwetter hat inzwischen endgültig die Lust verloren, sodass sämtliche Acts wie geplant über die Bühne gehen können. Feine Sahne Fischfilet, seines Zeichens vom unfehlbaren Verfassungsschutz als linksextrem eingestuft, vertritt gemeinsam mit Frittenbude das beim Festival beliebte Audiolith-Label und berichtet von der interessanten Erfahrung des Wasted-Seins im vorpommerschen Jarmen. Drangsal holt uns zurück in das Jahrzehnt unserer ersten Lebensjahre und Wanda singen von den Flaschen von gestern. Dabei dürften sie durchaus etwas mehr Selbstwertgefühl besitzen, ihren großen Durchbruch hatten sie schließlich erst im vergangenen Jahr. Abgesehen davon hat man aber das Gefühl, dass sich ihr Werk schnell abgenutzt hat. Dieser Eindruck, der bereits beim Hören ihres zweiten Albums aufkam, wird auf gewisse Weise in der Live-Performance bestätigt.

Die bei postmondän erwiesenermaßen beliebte Band Turbostaat befindet sich in dieser Hinsicht auf einem anderen Pfad. Während die fünf Herrschaften aus dem hohen Norden einige Songs ihres mittlerweile sechsten Albums präsentieren, hat es den positiven Anschein, dass sie in diesem Leben ihre Instrumente wohl nicht mehr an den Nagel hängen. Anschließend geht es weiter mit Alligatoah. Der feine Herr Gatoah singt mir von einem regenbogenfarbenen Heißluftballon, dass ich schön sei, dafür aber nichts könne. Ich nehme es dennoch wohlwollend zur Kenntnis. Um den Altersdurchschnitt zu heben – was uns beim Blick in die große Runde absolut entgegenkommt – hat der mittlerweile auch aus Rundfunk und Fernsehen bekannte Singer-Songwriter Olli Schulz seine Stunde Ruhm am Stausee Oberrabenstein. Passenderweise erzählt er den Heranwachsenden, dass es gar nicht so schlimm sei, älter zu werden. Mit diesen tiefgehenden Worten neigt sich der zweite und letzte Tag des Kosmonaut Festival dem Ende entgegen.

Kosmonaut Festival 2016 Gelände

Ach ja, einen geheimen Headliner gibt es auch noch. Der trägt den Namen Die Fantastischen Vier. Das Lüften des sagenumwobenen Geheimnisses hat ambivalente Reaktionen zur Folge. Zwar bleibt es vor der Hauptbühne recht voll, doch andererseits treibt es Scharen von enttäuscht dreinblickenden Menschen vom Gelände. Sie ahnen bereits, dass anstelle des folgenden lustlosen Auftritts der Hip-Pop-Veteranen eventuell mehr hätte gehen können. Die Veranstalter werden es für das nächste Jahr auf dem Zettel haben. Apropos, was machten eigentlich die Gastgeber von Kraftklub? Sie begnügten sich dieses Jahr damit, am offiziellen Flunkyball-Turnier teilzunehmen.

„Wir sind Explosionen im Himmel!“

Eine eigentümliche Geste, den eigenen Bandnamen bei der Begrüßung des Publikums gleich mit zu übersetzen. Und eine besonders liebenswürdige, sollte es doch das Einzige bleiben, was Explosions in the Sky an diesem Abend auf der Bühne sagen. Der Rest ist Musik.


20.06.2016, Huxleys Neue Welt, Berlin

Den Anfang an diesem Abend im Huxleys machen Immanu El. Die 2004 gegründete schwedische Band um die beiden Zwillingsbrüder Claes und Per Strängberg geben mit ihrer angenehmen Mischung aus Post-Rock und Dream-Pop die perfekte Einstimmung auf die Hauptband. Nicht umsonst wurden die sympathischen Schweden bereits des Öfteren mit bekannten Größen aus der Szene verglichen, darunter die Bands Logh, Ef, Sigur Rós und eben auch Explosions in the Sky. Im Unterschied zur Hauptband jedoch, liegt ein besonderer Fokus von Immanun El auf dem Zusammenspiel der Musik mit dem Gesang. Deswegen kann zwischen den Liedern auch gerne mal mit dem Publikum gesprochen werden. Fast jedem Lied folgt ein freundliches Dankeschön. Doch während die Vorband singt und spricht, bleiben Explosions in the Sky – mit Ausnahme von ihrer Begrüßung – den Abend über stumm.

Explosions in the Sky, das sind Munaf Rayani, Mark Smith, Chris Hrasky und Michael James aus Austin, Texas. Die instrumentale Post-Rock Band gibt es bereits seit 1999. Ihr Debüt-Album How Strange, Innocence (2000) hatte mit nicht mehr als 300 CD-Rs nur eine kleine Auflage und erreichte damals nur wenige Menschen. Mittlerweile gehört die Band längst zu den bekannten der Szene und spätestens nach ihrem Auftritt in der Late Show with Stephen Colbert müsste man sie auch außerhalb der Szene kennen.

Quelle: YouTube

Wenn die Remastered-Version ihres Debüt-Albums, die 2005 veröffentlicht wurde, als eine Versöhnung mit ihren ersten musikalischen Experimenten angesehen werden kann, dann haben sich Explosions in the Sky auf ihrem gerade erschienenen neuen Album The Wilderness wohl ein stückweit neu erfunden. Die wohlbekannten und für die Band typischen Crescendos und Klimaxe wird man auch hier nicht vermissen. Doch da ist auch etwas Neues. Es hört sich an wie ein kontemplatives Horchen. Als würde Stille klingen. Dabei erinnern die elektronischen Parts ein wenig an Mark Smiths Nebenprojekt Eluvium. Die Musik auf diesem Album bewegt sich nicht mehr nur in eine Richtung, sie nimmt den Raum ein, breitet sich aus und verändert ihn.

Raumdeutung durch Musik – das bekommt man heute Abend im Huxleys in Berlin zu spüren. Die Halle ist gefüllt, um die eintausend Menschen stehen verteilt, auf den Tribünen an den Seiten, dem hinteren Balkon. Als die Band anfängt zu spielen, setzt sich die Masse in Bewegung. Erst zaghaft, einige nicken mit dem Kopf, während andere zu „The Wilderness“ den Fuß auf und ab bewegen. Die Band spielt einen Song nach dem anderen, ohne zwischen ihnen eine Pause einzulegen. Ein einziges Lied ensteht, eine Musik, die langsam in den Raum eindringt, die Menschen mitnimmt und sie dazu einlädt, sich selbst im Raum zu bewegen. Auf „The Ecstatics“ folgt „The Birth and Death of the Day“, folgt „With Tired Eyes, Tired Minds, Tired Souls, We Slept“. Je länger die Band spielt, desto mehr scheint das Publikum Teil der Musik zu werden. Selbst die Lichtshow der Scheinwerfer wird nicht auf die Bühne, sondern in den Zuschauerraum geworfen. Wer nicht gedankenversunken die Augen schließt, der bekommt Lichter zu sehen, die wie Aurora Borealis in immer neuen Farben den Raum verschwimmen lassen. Es wirkt ein bisschen so, als hätten Musik und Licht sich verbündet, um Löcher in Zeit und Raum zu reißen. Colors in Space.

Hinter der Welle aus Musik und Licht verschwindet die Band. Da sind keine Rockstarallüren, da ist keine Trennung von Musikern und Publikum. Da ist nur die Musik und da sind wir. Fast erscheint es schon symbolisch, als zu „Disintegration Anxiety“ Regenbogenfarben den gesamten Raum erleuchten. Mittlerweile spielt nicht mehr nur der Geigenbogen auf der Gitarre das Crescendo. Würde man die Szenerie auf stumm schalten, könnte man an den Körpern der Menschen die Musik ablesen. Es wundert nicht, dass Explosions in the Sky von Filmkomponisten so geschätzt werden. Am Ende spielt die Band „The Only Moment We Were Alone“. Der Titel dieses Liedes scheint ambivalent. Einerseits war dieser Abend ein sehr persönlicher, das Publikum in sich selbst versunken. Aber irgendwie war er auch ein Zusammen. Und deswegen gibt es am Ende doch noch etwas von den Menschen hinter den Instrumenten zu hören: ein Dankeschön.

Titelbild: © Julia-Luise Hüske

Der Rest – allein und auch ein Teil von allem

Er kommt aus dem Hamburger Underground, hat bereits in zahlreichen Städten Deutschlands gespielt und arbeitet derzeit an seinem vierten Album. Der Rest singt deutsch, klingt dunkel und steht knöcheltief im Post-Punk. Als aktueller Support von Front Line Assembly wird er nun erstmalig im Ausland auftreten.


06.03.2016, LOGO, Hamburg

Es ist Sonntagabend und bannig kalt in Hamburg. Das sollte aber nicht weiter stören, denn wenn ein Konzert im LOGO ansteht, kann man gewiss sein, dass es dort muggelig warm wird. Ungefähr 150 Menschen gemischten Alters sind hier, um die kanadische Kombo Front Line Assembly zu sehen. In Liebhaberkreisen der Electronic Body Music und des Post-Industrials ist sie bereits ein alter, liebgewonnener Hase. Unniedlich, versteht sich. Dunkel-elektronischer Hardcore, der zum Abfeiern einlädt. Zwar bin ich dem nicht abgeneigt, aber eigentlich der Vorband wegen hier. Postmondän goes Post-Punk.

Sie nennen sich Der Rest und kommen aus Hamburg. Heimspiel also. Vielleicht hat der eine oder die andere schon mal von ihnen gehört oder sie in irgendeiner Großstadt Deutschlands live erlebt – nicht sehr unwahrscheinlich, denn Der Rest tourt seit einigen Jahren immer mal wieder durch die Bundesrepublik. Wer keine Ahnung hat, von wem ich rede, sei herzlich eingeladen, ein wenig mehr über die zwei-drei-köpfige Band zu erfahren, die sich vage den Genres Avantgarde-Rock, Post- und Depro-Punk zuordnet und derzeit an ihrem vierten Studioalbum arbeitet. Zwischen dem ersten und zuletzt releasten Album liegen gerade mal drei Jahre. 2014 erschien 10 Lieder für Freunde, das geradeheraus sagt, was es meint und trotzdem einiges im Dunkeln lässt – oder vielmehr Philipp Taraz, Kopf und Stimme der Band.

Quelle: YouTube

Man könnte die poetisch durchwirkte Ungeschöntheit das Steckenpferd der Gruppe nennen. In einer Rezension zu 10 Lieder für Freunde beschrieb der Sonic Seducer treffend, „dass sich die Songs der Norddeutschen vorwiegend im Schatten der menschlichen Existenz aufhalten und in eine ähnliche Kerbe schlagende Bands wie Messer oder Die Nerven wie rumpelige, verzweifelt um Bedeutung ringende Hipsterkapellen aussehen lassen.“

Woanders wurde Der Rest argwöhnisch als Teilruine der Hamburger Schule beäugt; das Bandkredo „Nicht Pop und nicht Indie, nicht Liedermacher und nicht Rock“ hat sich mit der Zeit jedoch immer stärker behaupten können. Auf Konsole wiegen die besagten thematisierten Schattenseiten des Lebens schwerer als auf der Bühne, während der mal rockig treibende, mal doomige Sound in beiden Formaten überzeugt.

Quelle: YouTube

Ist es Zufall, dass Abwärts damals schon sangen „Und der Rest fährt im Sonderzug zur Endstation“ oder ist es umgekehrt Der Rest gewesen, der sich davon inspirieren ließ?… Jedenfalls wird er im Mai 2016 mit Abwärts unterwegs sein, nachdem er Front Line Assembly noch ein bisschen durch Europa begleitet hat. Man darf gespannt sein, wie die deutschsprachige Band im Ausland ankommt – ein kleiner Schritt ins Ungewisse, ein großer Schritt für Der Rest.

An diesem Sonntagabend standen Philipp Taraz und Bassistin Jeannine Max zum ersten Mal mit einem neuen Schlagzeuger auf der Bühne. Die drei wirkten wie ein eingespieltes Team und rock’n‘rollten fast pausenlos mit 12 Liedern im Gepäck, davon 4 neue, das LOGO. „Was, wenn dies mein Ende ist?“ wirft Taraz zu Anfang immer wieder ungerührt ein, um später in einem ziemlich Hardrock-inspirierten Stück zu skandieren: „Wir wollen den Horror!“ Mit Dein Lächeln verabschieden sich die Hamburger für diesen Abend – „Alles wieder normal“.

Nach einer kurzen Umbaupause betritt der Hauptact die niedrige Bühne und bringt die bunkerartige Location endgültig zum Brodeln: die EBM-Partypeople tauen endlich auf. Abgesehen davon, dass sie unterschiedlicher kaum sein könnten, stehen sich die beiden Bands auf der Bühne in Sachen musikalischer Härte nichts nach. Siedepunkt erreicht!

Unter anderem spielt Der Rest am 25.03.2016 im K 17, Berlin.

Die Mai-Tourtermine mit Abwärts gibt es hier.

Titelbild: © Le Colmer

LNZNDRF – unbekannte alte Bekannte

LNZNDRF, Grüner Salon, 23.2.2016

LNZNDRF sind auf Clubtour durch Berlin und die Magengegenden ihres Publikums. Warum sollte man das nicht verpassen?


Berlin, eine nasskalte Woche Ende Februar 2016. Mal wieder ist eine The-National-Supergroup in der Stadt. Nach Matt Berningers EL VY erweisen nun auch LNZNDRF der Berliner Clubkultur die Ehre. Und im Falle LNZNDRFs ist die Ehre eine besondere, denn sie nehmen sich Zeit und spielen gar drei ihrer insgesamt nur fünf Europa-Termine in Berlin. Zwei der Konzerte (Donnerstag Kantine im Berghain, Freitag Cassiopeia) stehen noch aus, was die Frage interessant macht, wie denn das erste war. Wir haben uns das also mal angeguckt, Dienstag im Grünen Salon.

Wer sind LNZNDRF? Ihr unaussprechlich anmutender Bandname, der an die Love-Symbol-Phase eines Künstlers, der zuvor mal als Prince bekannt war, oder auch an Namen von Bands wie den guten alten !!! erinnert, löst sich mit Blick auf die Bandmitglieder relativ schnell in seine Vokale auf. Zum einen findet sich im Projekt der Multiinstrumtalist Ben Lanz wieder, am besten bekannt als Tubist und Posaunist von Beirut, aber auch in den Livebands von Sufjan Stevens und The National zugegen. Er taucht auch in einem Video auf, das hier bereits diskutiert wurde. Man sieht ihn beim ersten Kameraschwenk nach links an der Posaune:

Quelle: YouTube

Zum anderen sind die Devendorf-Brüder Scott und Bryan an Bord, ebenfalls bekannt durch The National, ebenfalls im Video, jedoch bekannter als Lanz, da Gründungsmitglieder und als Bassist und Schlagzeuger feste kreative Bestandteile der Band. Und aus Lanz und Devendorf wird eben Lanzendorf, um nicht zu sagen LNZNDRF. Also allesamt Menschen, die man als Indie-Festivalkind schonmal live gesehen haben könnte, die es jedoch als eher weniger zentrale Figuren vielleicht nicht unbedingt in die bleibende Erinnerung geschafft haben. So ist die Erwartung an einen Konzertbesuch dieser Supergroup eher die, auf unbekannte alte Bekannte zu treffen, um sie endlich besser kennenzulernen.

Mit ihren gebatikten Rennfahrerbodys machen sie schon von Beginn an der Show den Eindruck, eine Art Mechaniker zu sein – ein Eindruck, der auch während des Sets nicht verfliegt. Vielleicht betont schon die Schreibweise des Bandnamens die Strukturiertheit ihrer Musik. Denn anders als etwa Radiohead-Schlagzeuger Phil Selway, der sich mit seinem Soloprojekt als verkommenes musikalisches Talent aus dem Rücken seiner berühmten Bandkollegen zu befreien suchte, scheint es keineswegs das Anliegen der Mitglieder LNZNDRFs zu sein, mal in der Mitte stehen und Ansagen machen zu dürfen. Vielmehr betont ihre Musik die Wichtigkeit der unzähligen versierten Musiker an Bühnenrändern oder in Recordingsessions, die unbemerkt den Sound von Generationen prägen.

Dass dann trotzdem einer in der Mitte steht, wirkt bei LNZNDRF eher wie ein notwendiges Übel. Denn eine essenzielle Gemeinsamkeit der Mutterbands Beirut und The National ist doch der prägnante Gesang eines charismatischen Frontmanns, der einem vielseitigen Soundbett eine Mitte verleiht. Dies scheint etwas zu sein, gegen das LNZNDRF von vornherein ankämpfen. Auch wenn Ben Lanz mit Gitarre und Mikrophon den Bühnenmittelpunkt ausfüllt, laufen die Songs nicht auf ihn zu. Die Präsenz LNZNDRFs ist viel grundlegender, viel stärker im Zusammenspiel selbst bestehend. Ihre Songs sind dezentral, sie auf eine Gitarren- oder Gesangsspur zu reduzieren, wäre undenkbar und würde ihr Wesen völlig verfehlen.

LNZNDRF live Ben Lanz Grüner Salon Berlin

Ben Lanz im Grünen Salon

Auch sind sie keine Showband. Selbst die Anwesenheit eines Publikums scheint in der Band eher eine Verlegenheit zu erzeugen, anstatt sie zu Rockstarposen zu beflügeln oder gruppendynamisches Animationspotenzial freizusetzen. Die resultierende Atmosphäre ist eine gemütliche, ungezwungene, in der es völlig in Ordnung ist, direkt vor der Bühne auf dem Boden zu sitzen, oder schon eine Reihe weiter hinten zu tanzen. Sie erzeugen das Gefühl, Teil einer Session zu sein, in der niemand außer der Musik selbst ihr Publikum animiert. Und so gelingt es ihnen fast beiläufig und im freundschaftlichen Sinne, ihr Publikum zu überrollen. Aber sie tun dies nicht sportwagenartig wie eine junge Punkband, sondern effektiv wie ein Traktor, der seinem Verkehrsopfer gemächlich über den Bauch rollt und dabei das Profil seiner Reifen und das Gewicht seiner Karosserie preisgibt. Überhaupt spielt sich die Musik von LNZNDRF vornehmlich in der Magengegend ab, was im Publikum das Gefühl bestärkt, selbst Teil der Musik zu sein. Als wären die dröhnenden E-Bass-Spuren nicht genug, legt sich noch ein Synthie-Bass über sie, über hämmernde Distorted Drums noch ein treibendes richtiges Schlagzeug. Beißt sich eine Spur besonders aggressiv fest, wird sie gesampelt, bis die Bissstelle im Magen genau lokalisiert ist.

Aus einem gekonnt mit Übersteuerungen spielenden Sound, das teilweise math-rock-artige Tendenzen hat, aber weniger chaotisch, dafür benommener klingt, befreien sich immer wieder Grooves in unvorhersehbare Richtungen. Darüber liegen teilweise weiche Gitarrenklänge, teilweise zur Unkenntlichkeit effektüberladene, dissonante Läufe und ab und zu ein abwesender Gesang. Die um ein namenloses Live-Mitglied erweiterte Besetzung klingt so simpel: Schlagzeug, Bass, Keyboard, Gitarre. Den Unterschied machen aber letztlich eine Effektflut aus Loopgeräten, Verzerrern und Synthesizern sowie ein paar Leute, die sich von Berufs wegen wirklich damit auskennen und sich nicht zu schade sind, den halben Auftritt im Dienste des perfekten Sounds auf dem Boden zu knien und Geräte einzustellen. Zwar bleibt das rationale Gefühl, dass der Musik doch irgendetwas fehlt, aber es kommt einfach nicht gegen den Eindruck an, dass das, was da ist, ziemlich beeindruckend ist. Denn sie schaffen es, eine Musik zu erzeugen, die gleichzeitig sphärisch und versiert ist.

Quelle: Vimeo

Merke: LNZNDRFs Musik, die sie selbst als Psych-Prog definieren, wäre im Spiegel der gewöhnlichen Indierock-Assoziationen langweilige Musik, wäre sie nicht so brilliant gemacht und eindrucksvoll präsentiert. Selbst direkt nach dem Konzert fällt es schwer, eines der Lieder anzusingen, doch was noch über Tage bleibt, ist so etwas wie ein Ohrwurm. In der Magengrube. Allein das ist eine spannende Erfahrung. Wer die Gelegenheit hat, sollte einen ihrer anstehenden Auftritte mitnehmen. Oder probieren, beim nächsten Auftritt von Beirut oder The National nicht auf den Gesang zu achten. Der erste Vorschlag erscheint einfacher:

25.2. Kantine im Berghain
26.2. Cassiopeia

Bilder: © Katharina van Dülmen

Die große Freiheit des Matt Berninger

EL VY, Astra Kulturhaus Berlin, 6.12.2015

Matt Berninger hat eine Neue. Das ist mit Mitte 40 natürlich eine Stilfrage. Aber sie wirken glücklich zusammen.


Es ist Sonntagabend in Friedrichshain, das Astra ist voll, die Stimmung ausgelassen. Erstaunlich eigentlich, dass so viele gekommen sind, um EL VY zu begutachten. Immerhin hat das Duo erst einen Monat zuvor sein Debütalbum veröffentlicht. Aber klar, die beiden sind ja keine Unbekannten, weder Brent Knopf, Gründungsmitglied von Menomena, seit 2009 Kopf des Kollektivs Ramona Falls, noch Matt Berninger. Letzterer hat mit The National ja im Grunde schon seit Jahren alles erreicht, wofür er angetreten ist. Erst haben sie diesen weichen, warmen amerikanischen Indierocksound ausgeprägt, dann etabliert. Ihre Alben der 2000er sind bereits Kult, Songs wie Bloodbuzz Ohio in gewissen Kreisen ja schon sowas wie Hymnen. Sie müssen, wie ich irgendwo gelesen hab, wohl sogar schon einmal irgendwo als Kunstinstallation ausgestellt worden sein.

Viele waren da, um gemeinsam mit EL VY deren Album Return to the Moon live zu feiern, das ja direkt eingeschlagen ist. Ich dachte mir, ich probiere es mal andersherum und hör mir die Lieder, außer den unausweichlichen beiden Vorabsingles nicht vorher an. Also Sonntag, Astra, 20 Uhr und eine Frage: Was bewegt einen gestandenen Musik wie Matt Berninger dazu, seine Comfort Zone zu verlassen und sich in ein neues Projekt zu stürzen?

Quelle: YouTube

Doch der Abend beginnt mit einer Lektion darüber, wie groß das Erbe von The National eigentlich ist. Dies zeigt sich an der clever ausgewählten Supportband The Penny Serfs, einem vielversprechenden Indieprojekt, deren Musik sich im Grunde nur darin von Folk unterscheidet, dass die Westerngitarre durch eine verzerrte E-Gitarre ersetzt wurde. Distorted Folk also. Wäre vor dem Erfolg von The National eine Band auf solche Musik gekommen? Vielleicht. Aber dieser weiche, warme Gitarrensound kommt mir irgendwie bekannt vor. Fehlt eigentlich nur die Brummstimme Berningers.

Die wird dann nach kurzer Umbaupause nachgereicht. EL VYs Auftritt beginnt unaufgeregt, und wird von einer schnieken, aber schlichten Lichtshow untermalt. Matt Berninger ist die zentrale Figur der Show. Wenn er nicht singt, zieht er unbeteiligt seine Kreise über die Bühne, scheint eine gewisse physische Unruhe produzieren zu müssen, um, wenn er doch singt, die gewohnte stabilisierende Ruhe in die Songs legen zu können. Aber er fühlt sich wohl, spielt mit seinem Publikum, manchmal sieht man ihn sogar lachen. Etwa als er merkt, wie gut Paul is Alive ankommt, der Song, den er, so die Legende, mal als Weihnachtsgeschenk für seinen Vater geschrieben hat.

Quelle: YouTube

Bis auf den Gesang sind EL VYs Songs jedoch stilistisch sehr gemischt. Von Post-Pop über Disco-Elemente bis Groove-Rock-Passagen ist vieles zu hören. Einen späten Höhepunkt der Show bildet ein Punk-Cover des Fine-Young-Cannibals-Klassikers She Drives Me Crazy, in dem die Band ausbricht und Berninger nach einem Ausflug ins Publikum kurzzeitig Brille und Mikrofon vermisst.

Musikalisches Zentrum der Band ist aber ein anderer, Brent Knopf nämlich, der die Songs produziert und für die Tour arrangiert hat. Er leitet die vierköpfige Liveband, die eingespielt wirkt wie ein langjähriges Projekt. Auf ihn laufen die Songs zu, in denen selbst der markante Gesang nur ein Element unter vielen ist. Er hätte die Band locker ohne Berninger gründen können. Aber ohne ihn wäre es vielleicht nur ein wenngleich vielseitiges, so doch unentschlossenes Projekt, das vermutlich nicht das Astra gefüllt hätte. Denn auch wenn Knopf schon seit Jahren ein anerkannter und von Kritikern gefeierter Musiker ist, bleiben seine bisherigen Projekte doch Geheimtipps. Was er in Berninger sieht, scheint klar zu sein: Er schafft seiner Virtuosität einen Ausgleich, einen Ruhepol, und dem Projekt die Plattform, die es verdient.

EL VY Astra Matt Berninger Brent Knopf 3

Fotos: Katharina Grosse

Worin besteht nun andersherum die große Freiheit, die EL VY für Matt Berninger darstellt? Vielleicht ja einfach darin, dass es nach all den Jahren auch mal wieder okay sein kann, mit einem Set komplett neuer Songs auf der Bühne zu stehen und nach einer Dreiviertelstunde in völliger Versöhnung mit seinem Publikum wieder heruntergehen zu können, ohne eine Zugabe und ohne Bloodbuzz Ohio gespielt zu haben. Er wird ihn früher oder später schon noch wieder singen, aber als Musiker, der im Independent-Bereich alles erreicht hat, sagen zu können, „Nach dem nächsten Lied müssen wir aufhören, denn wir haben keine Songs mehr“, muss ein ziemlich cooles Gefühl sein, und das hat man ihm zu jedem Zeitpunkt des Auftritts angemerkt.