Schlagwort: Kinderbuch

Das Ӎҋƈʮăęŀ-Ŝŧāʌɐŕɪč-ĶïʼnĐĕɹƃɄƆƕ-₰ρɇϛίΔḶ (fördert diakritisches Denken)

michael stavaric kinderbuchspecial

Während schlechte Kinderbücher nicht einmal als Mottenfalle taugen, zeichnet sich gute Kinderliteratur dadurch aus, dass sie ganz verschiedene Altersgruppen (auch unter „Jung und Alz“ oder „alles von 0 bis 666“ bekannt) anzusprechen bereit und fähig ist. Die Jüngsten betrachten die bumpen Bilder, die Älteren erweitern ihre Ach- und Sprachkenntnisse, und wir Verwachsene erfreuen uns an bildnerischer Kunstfertigkeit und ironischem Wurstwitz. Die 9 im Folgenden präsentierten Kinderbücher von Romancier, Lyriker, Linguist, Übersetzer, Österreicher und Tscheche Michael Stavarič entstanden in Kooperation mit einer seiner begabt-begnadeten Kunstpartnerinnen und arbeiten oft mehrschichtig, was ihm auch jede Menge einschlägiger Preise und Nominierungen eingebracht hat, nicht zuletzt den Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur in dreifacher Ausführung.


 

Michael Stavarič & Renate Habinger: Gaggalagu (kookbooks, 2006)

Gaggalagu

Vielleicht weiß man, was „Gaggalagu“ auf Isländisch heißt, doch weiß man auch, warum dieses kunstvolle Kuckbuch mit vier halbtransparenten und ziemlich reißbaren Folienblättern ausgestattet ist? Damit die Kinder schon früh lernen, sorgfältig mit dem Gut Buch umzugehen. Doch steht diese bemerkenswerte Metaebene nicht im Vordergrund, das tut schon die lustige und lehrreiche Phonetik. Baskische Hunde machen „zaun“, indonesische Tiger „ngaung“ und chinesische Mauern „ausdemweltallsichtbarklischee“. Der Unterschied zwischen Schwedisch und Schwäbisch ist so gut wie nicht vorhanden, Lüttich ist sowohl eine Stadt in Belgien als auch ein Sittich in Oma Ottilie. Dänische Enten neigen zum Rappen, was sich Wassili (das Pferd) gerne mal über Tidal (Jay-Z hat die Exklusivrechte) reinzieht. Der Frosch aus Lubosz ist genauso Quäker, wie in Stockholm Syndromedar Sören wohnt – oder hätte ich doch lieber „wie sich in Stockholm Syndromedar Sören sonnt“ schreiben sollen, um beim Alliterativen Nobelpreis mitmachen zu dürfen? Jedenfalls können auch Tiere einen Kulturschock erleiden, wenn etwa ein japanischer Egel auf eine pafnutische Anschwebfliege trifft.

 

Michael Stavarič & Renate Habinger: BieBu – Mein Bienen- und Blümchenbuch (Residenz, 2008)

BieBu – Mein Bienen- und Blümchenbuch

Leider werden die bis zu 70 PS starken Bienen nicht nur in diesem Sachlachbuch krank und sind daher gezwungen, sich von anderen Tieren (darunter ein von Kurdo erlegter Bugatti Veyron) aushelfen zu lassen, was naturgemäß nicht allzu gut funktionieren kann. Das spezifische Know-how der unter anderem für ihren informationstechnischen Tanzstil critically acclaimed Schwirrvölker kann halt nicht einfach mal so auf Fledermaus Sayo, Beutelteufel Preeti oder etwa Berg-Schneck-Hybrid Popokakapeter übertragen werden. Natürlich ist permanentes Scheitern stets in der Nähe von Komik angesiedelt, daher haben wir es hier mit einigen Albernheiten sowie Kapitelüberschriften wie „Netzwerkarbeit“ oder „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ zu tun. Die Geschichte über die Suche nach einem halbwegs adäquaten Bienenersatz ist aber nicht nur pädagogisch aufbereitet, sondern auch grafisch imposant. Allein die zahlreichen Schriftkapriolen belegen, dass sich aus InDesign so viel mehr rauskitzeln lässt als beispielsweise aus einem Baum.

 

Michael Stavarič & Dorothee Schwab: Die Kleine Sensenfrau (Luftschacht, 2010)

Die Kleine Sensenfrau

Wie es wohl ist, mit dem Tod eine Familie zu gründen? Wie/ob Freund Hein sich in seinen Vatereigenschaften von Hainfreund Waldemar unterscheidet? Jedenfalls muss Thanatos’ Tochter früher oder später in Senseniors düstere Fuß- und „Gerät zum Mähen, dessen langes, bogenförmig gekrümmtes, am freien Ende allmählich spitz zulaufendes Blatt rechtwinklig am langen Stiel befestigt ist“stapfen treten. Sie wird dabei, nach Abschluss einer lehrreichen und von Schwab vielseitig-filigran inszenierten Walz, sanft und liebevoll vorgehen und etwa ein unheilbar krankes Kind behutsam in den ewigen Schlaf wiegen. Hier wird ein durchaus verstörendes Thema behandelt, an dem allerdings kein Lebensweg vorbeiführt. Und wenn unser aller Leben wirklich eine Volks- bzw. Zivilisationskrankheit ist, wie einige Gemmologen behaupten, dann muss man zumindest einmal, wenn auch nur ganz kurz, so rational sein und den Tod als ein probates und nebenwirkungsfreies Naturheilmittel anerkennen, das sowohl in homöopathischen als auch hippopotamischen Dosen gleichermaßen wirksam ist.

 

Michael Stavarič & Renate Habinger: Hier gibt es Löwen (Residenz, 2011)

Hier gibt es Löwen

In diesem Buch gibt es so viel mehr als Löwen, nämlich Handrücken, Mittelfuß und sogar Schamlippen. Es geht um Körperteile, die erst benannt und danach mit allerlei Unfug (welcher leider viel zu selten als Kompliment Verwendung findet) bemalt werden, und zwar von Antonio, dem zweirädrigen und zigarmigen Malerich. Er produziert Kunstbuntwelten am laufenden Zentimeter: Wespen reiten Schmetterlinge, Kosmonauten lassen sich von Astronauten hinter den Mond entführen, Zehmonitore mit Motoren reimen sich auf Eimer wie sonst nur der Arsch aufs Auge. Mona Lisa entpuppt sich als veritabler Faker, der Rücken wird zur Yakuza-Ausstellung, und unter den Achseln findet sich für je einen Sauggreifbot Platz. Und wenn selbst das Steißbein der Stiefbruder eines Kreuzbandrisses ist, dann darf die Wirbelsäule ruhig nachtaktiver als die Gummibärenparade auf der Wade ausfallen … ein wahnsinnig schönes Buch!

 

Michael Stavarič & Dorothee Schwab: Gloria nach Adam Riese (Luftschacht, 2012)

Gloria nach Adam Riese

Stavarič ist, völlig zu Recht, Fan von Listen und Aufzählungen und erzeugt hier gemeinsam mit seiner bildgewaltigen Mitstreiterin Dorothee Schwab im heimischen Badezimmer ein schaumspielerisches Wortkaskadrom aus lobenswert sinnfreien Reimen, in denen surrealismustergültig zusammenkommt, was normalerweise selten zusammenkommt: Don Quichotte mit Salamibrotpanzer, ein Haufen Affen auf Waldfeenreifen mit einem Schwarm Kaiserschmarrn oder gar (etwas abstrakter) eine Kaste Kontraste mit einer Formation Inspiration. Adam Riese, seines Zeichens Inhaber des Lehrstuhls für das Kleene Einmaleins in Princeton a. d. Rühl, ist jedenfalls froh, dass Rechenkunst den Spieltrieb so wunderbar ankurbelt. Doch auch das gute alte Alphabeet lädt zum Nonsemstreuen im Buchstabierzelt ein, wenn Andenäste Xaver Xerxes dem XXLften zu infiltrierende Irokesen als halbwegs in Ordnung gehendes Lévistraußenburgersurrogat darbringen. Anhand solcher Eskapaden überrascht es kaum, dass mongoloide Winde, einheimischen Schweinen nicht unähnlich, zu „sulsulieren“ pflegen.

 

Michael Stavarič & Christine Ebenthal: Mathilda will zu den Sternen (NordSüd, 2015)

Mathilda will zu den Sternen

Schweinchen Mathilda will das Unmögliche – einen Stern anknabbern. Was sie nicht weiß: Sterne eignen sich am besten als Metaphern. Außerdem ahnt das kleine, antiproportional ambitionierte und astrophysikalisch unverbildete Saugerät mit eigenem Sternbild nicht, dass Sterne weder nach Haselnuss noch Erdbeerkäse, sondern vielmehr nach 100 Millionen Grad Celsius bzw. Kelvin (darauf kommts nun wirklich nicht an) schmecken. Zum Schluss findet Matte~ aber immerhin einen anständigen Sternersatz in Form von Verliebtheit zu Bruno, der, wie der Autor ein natural-born Brnoer, Mathildas inneren Kosmos erstrahlen lässt. Ach ja, schon niedlich, dies endlose Streben von Tier- und Menschelein.

 

Michael Stavarič & Ulrike Möltgen: Milli Hasenfuss (kunstanstifter, 2016)

Milli Hasenfuss

Hier haben wir es, passend zum (wieder einmal kleinzuschreibenden) Verlagsnamen, mit einem echten Kunstbuch zu tun, in dem Ulrike Möltgen McKean’sche Mixed-Media-Meisterschaft walten lässt. Etwas Assemblage da, ein wenig Julian dort, und schon beißt sich Milli als weißes Kaninchen durch rassische Ressentiments, bis sie endlich im Heimathafen Schnee einläuft, wo sie sich gleich zu Hause fühlt. Doch schon kommen Dunkelkarnickel angeschwärzt …

 

 

Michael Stavarič & Linda Wolfsgruber: Als der Elsternkönig sein Weiß verlor (kunstanstifter, 2017)

Als der Elsternkönig sein Weiß verlor

Was für eine dezente Farbgebung, was für ein geschmackvoll bebildertes Buch über einen Vogelking, der aus unerfindlichen Gründen den Reverse-Leland macht und über Nacht drongoschwarz wird. Finster schaut er drein, denn nicht nur seine natürliche Färbung, sondern auch seine Laune ist hin. Ein Fragezeichen erscheint über seinem Kopf und muss von nun an mehr schlecht denn recht als Hütchen herhalten – Chapeau! Danach rastet er kurzerhand aus und greift nach klassischer Psychokratenmanier ordentlich durch, indem er die Totale Schwärzung einfordert: schwarze Einhörner, schwarzer Schnee, schwarzer Rauch, schwarze Quadratur der Kreissäge, schwarze Milch von früh bis spät usw. Lange hält das gepeinigte Volk ihren irren Diktator nicht aus und verbannt ihn schließlich. Nach reichlicher Zeit der Kontemplation und Einkehr, was ein bisschen redundant anmutet, findet er schließlich wieder zu sich, und mit Hilfe seines fortgeschrittenen Alters – denn Alter ist nur was für Fortgeschrittene – auch zum (Grau-)Weiß.

 

Michael Stavarič & Ulrike Möltgen: Der Bär mit dem roten Kopf (aracari, 2017)

Der Bär mit dem roten Kopf

Dass der Bär einen roten Kopf hat, bedeutet nicht, dass er peinlich berührt ist. Oder dass er irgenson schräges Corporate-Design-Maskottchen von irgendsonem semihippen Start-up ist. Weder ist er Blutwarnbär noch zur Großmutter unterwegs noch MarSPDler noch chinesischer Bordellbetreiber mit indianischem Betteppich. Er hat einfach nur einen roten Kopf, so wie andere einen nichtroten Kopf haben. Oder Vermutungen anstellen. Oder unter Zeitdruck stehen. Und doch kriegt er seine Naturfarbe (ein bisschen farbintensiv gehts in diesen Büchern ja schon zur Sache) nicht ignoriert und sucht nach Zugehörigkeit, was mehr als nachvollziehbar ist. Auf seiner Reise durch die harsche, jederzeit zum Fremdeln einladende Welt bekommt er so manches Nixlili spendiert, bis er schließlich eine grünköpfige Bärin heiratet und mit ihr eine Familie gründet, zu der bald drei bärenbraune Originärbärkinder gehören.

 

*

 

Fazit:

 

Gaggalagu, Dobendan,

Hatschi schnief im Ramadan.

Halsschmerz, Husten und Erkältung

sind gut für Völkerverständigung.

 

Blümchen profitieren

nur von Profi-Tieren,

Bienen etwa oder Hummeln,

nicht von Dilettanten dummen.

 

Das Sensenfräulein lernt so viel

von ihrem Herrn Papa.

Die Kunst des Lebennehmens

ohne Sichverhebens (möglichst locker aus der Hüfte).

 

Löwen fönen Römer,

Ösen ölen Höhlen.

Götter löten Öhrchen.

(Vgl. „posttrëmatische Belächelungsstörung“.)

 

Adam zählte zu den Riesen,

wenns um Zahlen ging wie diese:

eins, grei, sorben, achtundzwanzig,

viehundvielzigkommaschwanzig.

 

Mathilda möchte Sterne knuspern,

doch diese sind zu weit.

Drum repariert sie kurzerhand

ihre Zweisamkeit.

 

Milli ist so groß wie Meter,

Weiß ist ihres Glückes Schmied.

Drum isst sie 8 Kilo Feta,

bis sich ihre Lücke schließt.

 

Die Elsterseele inhaliert

exorbitante Schwärzen.

Aus ihr erwachsen böse,

endosäuge Herzen.

 

Ein Bär sieht … Rot (nicht wirklich).

Ein … Rotor ist er auch nicht.

Rotisserien … besucht er selten,

von … Rothko trennen ihn acht Welten?

 

Ein Kinderbuch, sie zu knechten

Nach Zeitreise begeistert Peter Goes erneut mit Finn und die Kobolde, einem wahnwitzigen und wunderschönen Wimmelbuch-Meisterwerk.

von Sarah Kassem


Peter Goes studierte Animation an der Royal Academy of Fine Arts in seiner Heimatstadt Gent. Er arbeitete eine Zeit lang als Lichttechniker in einem Theater, dann wechselte er zum Grafikdesign und verdingt sich nun als freischaffender Illustrator. 2015 begeisterte Peter Goes die gesamte Weltleserschaft mit Tijdlijn (Zeitreise), einem atemberaubenden Bilderbuch über die Anfänge des Kosmos bis hin zu modernen wissenschaftlichen Erfindungen. Die Sunday Times nannte es eines der besten Bücher des Jahres, die Financial Times und das Wall Street Journal überschlugen sich vor Lob und Huldigung, kurz: alle, die in der Branche Rang und Namen hatten, konnten nicht aufhören, das Buch zu empfehlen. Mit Zeitreise sackte Peter Goes Ruhm, Ehre und unzählige Preise ein, und man dachte, dies sei nicht mehr zu toppen. Doch dann kam Feest voor Finn (Finn und die Kobolde).

Sicherlich ist Zeitreise intellektuell gehaltvoller und pädagogisch relevanter, aber Finn und die Kobolde übertrifft Zeitreise dennoch haushoch. Ist es gewagt zu behaupten, dass Finn und die Kobolde eines der schönsten Kinderbücher aller Zeiten ist? Jedenfalls gibt es wenige Kinder-/Wimmelbücher, die so gelungen sind.

Die Handlung von Finn und die Kobolde ist schnell zusammengefasst. Finn und sein Hund Sepp wachen inmitten von Riesenchaos auf. Die Kobolde sind ausgebrochen und bringen die Welt durcheinander. Um sie wieder einzufangen, folgen Finn und Sepp ihnen durch über- und unterirdische Labyrinthe: Luft-, Tiefsee- und Waldirrgärten, seltsame Turmgewirre und tosende Meere. Am Ende ist alles halb so wild, denn der große Kaiser der Kobolde hat lediglich alle seine Zunftgenossen zu Finns Geburtstag eingeladen. Das Einzige, was man – als langweiliger Erwachsener mit Ratio und Logik – dem Buch vorwerfen könnte, ist die Sinnfreiheit bzw. das Fehlen von Handlung. Wer sind die Kobolde? Woher kommen sie? Was soll das ganze Durcheinander? Warum ist die Geburtstagsfeier der große Clou und warum soll das die große Auflösung sein?

Man kommt aber gar nicht dazu, das alles zu hinterfragen. Die Handlung bleibt völlig nebensächlich angesichts der schier unendlichen Optik des Buches. Man kann nur wiederholen: Solch ein Wimmelbuch hat die Kinderwelt noch nicht gesehen. Anders als in anderen Wimmelbüchern wird der kindliche Bildbetrachter nicht für dumm und süß verkauft: Alles ist voll mit Dämonen, Würmern, Geistern, Reptilien, schrecklichsten Wesen und Nachgestalten, es blitzt und donnert und Schiffe gehen unter, unheimliche Tiefseebewohner und Kellermonster lauern an jeder Ecke. Trotzdem ist jede Gruselgestalt niedlich-interessant, jede Seite ist atemberaubend schön und fesselnd, und auch nach dem zwanzigsten Betrachten findet man immer noch neue, faszinierende und hochspannende Details.

Unser Dreijähriger ist völlig hin und weg. Jeden Abend schleppt er das Buch herbei, will auf jeder Seite Finn und Sepp im Gewimmel suchen, und erfindet selber Namen für die abwegigen Figuren (Ampelfrosch, Apfelmann). Und ganz im Gegensatz zu sämtlichen anderen Kinderbüchern, die wir mit ihm bisher geschaut haben, wird es uns nach dem zigsten Mal auch nicht langweilig.

Finn und die Kobolde – „Ein Wimmelbuch zum Suchen und Finden“ von Peter Goes erschien im Februar 2018 in Übersetzung von Verena Kiefer bei Beltz & Gelberg.

 

Beitragsbild: © Beltz & Gelberg

Sarah Kassem hockt im Keller in der Trommel des Betonmischers der Zentrale für Experimentelles (Novelle) und werkelt an Sachen.

Thomas J. Hauck – Leonie oder der Duft von Käse

Thomas J. Haucks „Leonie oder der Duft von Käse“ ist ein schwer zu kategorisierendes Buch. Sören Heim mit Überlegungen zu der Frage, ob Rezensenten junge Leser unterschätzen.

Ein Gastbeitrag von Sören Heim


Kinderliteratur zu besprechen ist eine komplizierte Angelegenheit. Man ist ja als Besprechender ja für gewöhnlich kein Kind mehr. Und so klar man heute sagen zu können glaubt, was gute, was weniger gute Literatur ausmache, als Kind oder Jugendlicher stand man auf Sachen, die das erwachsene Heute dem jungen Damals kaum guten Gewissens aushändigen würde. Darum bin ich vorsichtig mit dem Besprechen von Kinder- und Jugendliteratur, esseidenn es geht darum die normativen Ansprüche zurückzuweisen, die andere Erwachsene gern an solche Texte herantragen.

Eine Ausnahme mache ich gern, nachdem mir das schmale Bändchen Leonie oder der Duft von Käse von Thomas J. Hauck in den Briefkasten geflattert ist. Ich habe Hauck vergangenes Jahr auf einer Lesung kennengelernt und die Art, wie er für Kinder liest, beeindruckt. Damals war es Sing Jacob, Sing, ein Langgedicht in melodischen freien Versen, vorgetragen mit Mut zur Musikalität und sichtlich in der Überzeugung, man müsse Kindern Literatur nicht in vorgekaut all zu verdaulichen Happen darreichen. Ein Gedicht von teils bedrückender Schwermut, das sich zur Hoffnung hin öffnet, ohne dass dabei der Zeigefinger erhoben würde.

Leonie oder der Duft von Käse geht in dieser Hinsicht sogar noch einen Schritt weiter. Die Geschichte um die neunzehnjährige Leonie, die zuerst ungern bei der eigenen Mutter ausziehen möchte und überhaupt ein besonders enges Verhältnis zur Mutter pflegt, die mit ihren Tränen den Pralinen der Mutter eine ganz besondere Note verleiht und später von einem Marktbeschicker, der streng nach Käse riecht – namentlich von dessen besonderem Duft – doch aus dem Haus der allein erziehenden Mutter gelockt wird, lässt sich kaum auf eine bestimmte Zielgruppe festnageln. Die Sprache ist von größter Einfachheit, in kurzen Haupt- mit seltenen Nebensätzen erhalten. Doch auch durch den Wechsel zwischen etwas längeren und immer wieder eingeworfenen ganz kurzen Satzbrocken von mitreisend rhythmischem Fluss. Und zwar, wie viele Werke Haucks, parallel auf Deutsch und Französisch.

Damit kommen sicher schon ganz junge Leser zurecht. Das Alter der Protagonistin und auch die angeschnittenen Themen sind für ein Kinderbuch dagegen eher ungewöhnlich, und hinter den Geschmacks- und Duftbildern, die sich mit dem Erwachen erste Liebe verbinden (besser vielleicht: Neugier, denn Haucks Figuren sind keine psychologisch konstruierten im Sinne des bürgerlichen Romans) scheint fast zwingend metaphorisch eine noch täppische Sexualität durch, was aber wiederum in dieser Erzählweise kaum die gewöhnliche Lektüre von Altersgenossinnen der Protagonistin sein dürfte:

Ein „Buch für alle und keinen?“ oder vielleicht ein Buch, das, ich habe den Verdacht ja bereits mehrfach geäußert, mal wieder darauf hinweist, wie die durchweg marktförmige Gesellschaft dazu tendiert, Kinder und Jugendliche zu unterschätzen? Hauck und Illustratorin Hanneke van der Hoeven haben wohl zu aller erst Texte und Bilder vorgelegt, die in sich stimmig sein sollen und dem eigenen Anspruch genügen. Eine Leser- und Betrachterschaft wird sich dann schon finden. Denn auch die teils in Montagetechnik erstellten, teils handgezeichneten surrealistischen Illustrationen, die den deutschsprachigen Text auf der oberen Hälfte der Buchseite vom französischsprachigen abtrennen sind nicht einfach gefällige Untermalung des Textes, sondern wollen eigentlich eingehend für sich und eingehender noch unter Berücksichtigung des Ganzen betrachtet werden. Schade, dass in dem schmalen Taschenbuch die Bilder dazu ein wenig klein ausfallen.

Illustration „Leonie oder der Duft von Käse“ von Hanneke van der Hoeven

Es ist, für Kinder und Jugendbücher durchaus ungewöhnlich, ein Text, der schwer im Ganzen zu greifen ist. Nicht zwingend einer, von dem sich sagen lässt, er habe keine Botschaft. Doch einer der vor allem Grübeln macht, was am Ende diese Botschaft genau sein soll. Ein Text, dessen Sprache den Leser förmlich durch das Buch rauschen lässt während die Illustrationen geradezu kontrapunktisch einhalten lassen, zum genauen Hinsehen auffordern.

Es bleibt die unbeantwortete Frage nach der Zielgruppe. Und die bleibt vielleicht zum Glück unbeantwortet. Am Ende dürfte Hauck, Autor von unzähligen Kinder und Jugendbüchern, seine Leser kennen.


Sören Heim Autorenfoto

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist u.a. Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku), des Binger Kunstförderpreises und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In seiner Kolumne HeimSpiel beleuchtet er die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten.


Titelbild: © Christoph Busse

14 Facetten – Das Kinderbuch-Special

Kinderbuch Rezensionen

Was es zwischen 100 Märchen und 1001 Büchern zu entdecken und übersehen gibt, kann ein kleiner Rundblick in die Kinderbuchlandschaft beleuchten. Da sind Bücher über Bücher, die Kinder ruhigstellen, übers Blaumachen, akute Lerngefahren, das Wunder Geduld, Frösche, Bären, Katzen, Fische, Füchse, Mäuse, Hunde, Mikroben – und Bücher, die Kinder so abholen, wie sie sind: verrückt. Im Folgenden seien 14 Bücher vorgestellt – 13 Kinderbücher und 1 Meta-Kinderbuch. Fangen wir doch mit Letzterem an:


Auf die Plätze … fertig … Lies!

Julia Eccleshare (Hrsg.) – 1001 Kinder- und Jugendbücher – Lies uns, bevor Du erwachsen bist!

Nach „1001 Filme, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“, „1001 Bücher, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“, „1001 Alben, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“, „1001 Gemälde, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“, „1001 Weine, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“, „1001 Zitate, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“, „1001 Löcher, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“ u. a. wird die Kunstdruckschraube noch fester zugedreht, denn hier sind sie: die „1001 Kinder- und Jugendbücher“, welche verschlungen werden wollen, bevor das echte Leben (Kindheit, Jugend) vorbei ist und das Pseudo-Leben (Studium, Arbeit) beginnt. Für die meisten von uns dürfte der Zug ein bisschen abgefahren sein, für einige jedoch besteht noch Hoffnung. Ja, die Aufforderung ist erneut alles andere als nah am Realismus gebaut, denn außer Kunstrezeption muss der (heranwachsende) Mensch jede Menge Zeit dem Essen, Schlafen, Chatroulette und diversen WC-Besuchen widmen. Aber wahr ist: Nie mehr wird man so viel Zeit haben für Lesen und Bildung wie in der Kindheit und Jugend. Also, ran an das gute Buchfleisch, und los geht’s mit zahlreichen Entdeckungen.

Wie auch die anderen Titel aus der vom Londoner Verlagshaus „Quintessence Editions“ initiierten 1001-Reihe wartet dieses nach Lesealter und Erscheinungsdatum geordnete Empfehlungs- und Nachschlagewerk mit einer erstklassigen Aufmachung und viel Inhalt auf. Man entdeckt zahlreiche Titel, die man dort vermutet hat (Dr. Seuss, J. K. Rowling), natürlich die eine oder andere Überschneidung mit dem Weltliteraturkanon (Defoe, Twain, Kipling, Quinoa, Haddon) – wenn man also alle 1001 Bücher aus „1001 Bücher, die Sie riechen sollten, bevor das Leben vorbei ist“ gelesen hat, dann muss man hier nur noch etwa 930 nachholen –, aber auch (Nahezu-)Geheimtipps, was zu den großen Stärken dieser Reihe gehört. Denn bei „1001 …“ wird zum Glück nicht nur das Offensichtliche abgedeckt, sondern auch ein Profi-Auge auf das mehr oder minder Obskure geworfen. Ich jedenfalls habe mir fest vorgenommen, bei der nächsten Gelegenheit (also wahrscheinlich nie) folgende Autoren abzuchecken: Andy Griffiths, Anne Fine, Barbara Euphan Todd, David McKee, David Wiesner, John Burningham, Judith Kerr, Jutta Richter, Madeleine L’Engle, Mo Willems, Paul Jennings, Petra Mathers, Raymond Briggs, Spike Milligan, Walter Benjamin, Werner Holzwarth.

Was mir persönlich fehlt, sind ein paar mehr Empfehlungen aus östlicheren Ländern wie etwa Russland. Russland hat ja nicht nur bizarre Präsidenten und mit unmöglich starken Akzenten sprechende Filmschurken, sondern auch Kinderbuchklassiker (Marschak, Uspenski, Oster) zu bieten, die das vorliegende Werk sicher aufgewertet hätten. Aber wie dem auch sei – dies hier ist ein sehr lobenswerter Schinken für Eltern, Kinder und Jugendliche mit Qualitätsbewusstsein und Carpe-diem-Ambitionen – aber bitte nicht aufs Schulbrot.

„1001 Kinder- und Jugendbücher“ erschien 2010 bei Edition Olms

Professione: Ascensore

Kätlin Vainola und Ulla Saar: „Lift“

Der Lift ist „sehr glücklich“, heißt es gleich zu Beginn, denn er macht das, was er am besten kann: Hausbewohner befördern. Der als Gastgeber fungierende Aufzug macht den Leser nach und nach mit den unterschiedlichen, recht schrägen Charakteren bekannt.

Zunächst wäre da Frau Oktopus, die in ihrem Swimmingpool lässig „H2O“ schlürft, wenn sie nicht gerade dabei ist, mit ihrer Wäsche auf dem Dach abzuhängen. Im zweiten Stock residieren zwei dauerkichernde Eichhörnchen, denen gemeinsames Nüsseschmeißen am meisten Spaß bereitet. Herr Giraffe aus dem dritten Stock ist sehr schüchtern und verschämt ob seines langen Halses. Für den Lift rollt er den immer höflichst ein, draußen muss er ihn aber wieder aufknoten, weil er als Stadtgärtner beruflich mit Bäumen zu tun hat. Im vierten Stock wohnt Känguru, der im Wald Langstreckenlauf trainiert. Warum er dabei Boxhandschuhe anhat, weiß vielleicht nicht einmal er selbst. Der Igel aus dem fünften Stockwerk trägt nicht nur ein schickes „Igel sind spitze!“-Shirt, sondern ist auch sonst ein völliger Hipster. Sein Beruf ist Reporter, aber seine Leidenschaft gilt eindeutig der Rockmusik, weshalb man ihn nie ohne Kopfhörer und Luftgitarre antreffen wird. Im sechsten Stock schließlich haust ein Turteltäubchenpärchen: Herr Taube ist als Brieftaube tätig, während Frau Taube sich täglich in vertrauter Lästerrunde zu Kaffeekränzchen einfindet.

Nach einem dermaßen erfüllten und nicht unanstrengenden Tag voller Passagiere hat sich der Lift natürlich ein kleines Nickerchen verdient und legt sich schlummern.

Dieses zugleich wunderbar unaufgeregte wie originelle Büchlein zeigt wieder einmal eindrucksvoll, welche Kunst und Kreativität aus Estland und vergleichbaren „Geheimtipp-Ländern“ kommt. Richtung Osten muss unbedingt weitergeforscht werden.

„Lift“ erschien 2015 bei Willegoos.

Alles (bzw. nix) für die Katz

Emily Gravett – Mathildas Katze

Das Besondere an dieser warmherzig gezeichneten und erzählten Geschichte ist, dass sie den kleinen Leser ein bisschen in die Irre führt. Erst heißt es: „Mathildas Katze mag mit Wolle spielen.“ Aber auf der nächsten Seite ist „mit Wolle spielen“ durchgestrichen, und stattdessen steht „Kisten“. Aber auf der nächsten Seite ist „Kisten“ durchgestrichen, und stattdessen steht „Dreirad fahren!“, und so weiter. Bald regt sich ein Verdacht: Was, wenn Mathildas Katze nichts von alledem mag, zumal sie auf den Bildern von ihren angeblichen Lieblingsbeschäftigungen (verrückte Hüte und Kaffeekränzchen könnten ihr ebenfalls, scheint es, egaler kaum sein) geradezu angewidert wegläuft wie der Vampir (Klaus Kinski) von Vin Helsing (Werner Herzog)? Tatsächlich stellt sich am Ende heraus, dass Mathilda, ihrerseits stets in einem Katzenkostüm unterwegs, das Einzige ist, was Mathildas Katze wirklich mag.

„Mathildas Katze“ erschien 2014 bei FISCHER Sauerländer.

Wenn’s um Buch geht … Nachbar

Koen Van Biesen – „Mein Nachbar liest ein Buch“

Das Mädchen nebenan spielt Basketball, singt, trommelt, boxt – und treibt damit den feinen Nachbarn, der es nicht recht schaffen kann, sich seinem Buch zu widmen, in den Wahnsinn. Immer wieder steht der Nachbar auf und klopft an die Wohnungstür des Störenfrieds, um das Hauptmotto der Geschichte durchzusetzen: „Pssssst! Der Nachbar liest. Der Nachbar liest ein Buch.“ Bis die Konzentration irgendwann hin ist. Also ändert er seine Taktik und schenkt dem Mädchen ein Buch. Als sie es auspackt, ist endlich Ruhe eingekehrt und der Nachbar kann sich in seine Lektüre vertiefen. Bis Nachbars illiterater Hund zu bellen anfängt.

Eine vor allem grafisch ausgezeichnete Geschichte, die mit ihrem individuellen Zeichenstil den Kindern eine wichtige Lektion beibringt – nämlich dass Lesen nicht zum Uncoolsten gehört, was man in seiner Freizeit machen kann. Und wenn selbst irgendein blöder Nachbar so auf Bücher abfährt, dann sollte das doch für dich gar kein Problem sein, Kleine(r)!

Eine Besonderheit hat das Buch noch in Form der beiliegenden CD zu bieten, auf der sich eine verspielt-jazzige Hörspiel-Interpretation der Geschichte findet, komponiert und eingespielt von Autor plus Band.

„Mein Nachbar liest ein Buch“ erschien 2014 bei mixtvision.

Sei kein Frosch-, sondern Märchenking

Daniela Drescher (Ill.) – Die 100 schönsten Märchen der Brüder Grimm

Wer kennt sie nicht: „Der Froschkönig“, „Der gestiefelte Kater“, „Dornröschen“, „Fando y Lis“, „Jorinde und Joringel“ … was bitte? Das kennt sogar die Uroma nicht. Und selbst, wenn dem Kind schon einige davon bekannt sind, steht einem Lese- und Guckvergnügen nichts im Wege. Aus den Grimm’schen „Kinder- und Hausmärchen“ wurden viele berühmte und einige obskure Texte ausgewählt und mit den wunderbar farbenfrohen, nicht selten zauberhaften Illustrationen von Daniela Drescher versehen. Ihre im besten Sinne des Wortes altmodisch-seelenvollen Bilder stellen ein wertvolles, vor allem vom Nachwuchs vielleicht nicht bewusst, aber umso dringender gebrauchtes „Gegengewicht zu dem Nüchternen, Hektischen unserer heutigen Zeit“ (Vita der Künstlerin) dar. Einige sind sogar ziemlich düster und ein wenig gruselig (etwa bei „Der Gevatter Tod“), was aber mit der grundsätzlichen Affinität so mancher Märchentexte zu Grausamkeit und Groteske übereinstimmt und bei Kindern einen nachhaltigen, hoffentlich reparablen Eindruck hinterlassen dürfte.

Wichtig wäre noch zu erwähnen, dass es sich hier primär um ein Text- und kein Bilderbuch handelt, sodass es mehr etwas für fortgeschrittene Leser ist.

„Die 100 schönsten Märchen der Brüder Grimm“ erschien 2016 bei Urachhaus.

Rex regi piscis

Imapla – Der König der Meere

Der König der Meere muss, wie sich bald in diesem hübschen, aber doch sehr schnell ausgelesenen Pappbilderbuch der spanischen Kinderbuchautorin Inma Pla (= Imapla) herausstellt, seinen Titel gegen den bereits hinter der nächsten Koralle auflauernden Gegner verteidigen. Erst ist es ein Fischchen, das ein offenbar viel zu harmloses „Blubb Blubb“ von sich gibt. Das war leider etwas unambitioniert bis grob fahrlässig, denn ein Räuber stößt den König mittels Auffressen von der Pole-Position, wobei er peinlich darauf bedacht ist, die Krone nicht mitzuvertilgen. Doch dann tappt er in dieselbe Blubb-Blubb-Hybrisfalle wie sein als ex-königliche FIFU (Fisch-im-Fisch-Untermenge) vorliegender Vorgänger und wird mit einem beherzten „Happs“ von einem noch größeren Fisch absorbiert. Was danach passiert, soll an dieser Stelle nicht verraten werden, nur so viel sei gesagt: Die nette Pointe hat etwas mit fraktalem Crowdfunding zu tun, womit selbst der sich als unbezwingbar gerierende Riesenfisch nicht gerechnet hat.

„Der König der Meere“ erschien 2016 bei FISCHER Sauerländer.

Ausgeganst

Sebastian Loth – Der Fuchs, der keine Gänse beißen wollte

Passend zur WHO-Verkündung von Fleischlechtigkeit will Jakob, der kleinste Fuchs im Wald, nimmer Gansivore sein und Gänsemarmelade mampfen, wie es von seinesgleichen erwartet wird, denn „er hatte im Sommer mit der kleinen Gans aus dem nahegelegenen Gemüsebeet Fangen gespielt und ihr dabei aus Versehen leicht in den Hintern gebissen. Das hatte ganz zäh und trocken und pelzig auf der Zunge geschmeckt.“ Also macht er sich auf die Suche nach vegetarischen/veganen Alternativen: An den Mirabellenkernen beißt er sich dabei allerdings fast die Beißerchen aus, und statt in den Genuss von Him- und Brombeeren zu kommen, kommt ein Bär beinahe in den Genuss von Jakob. Doch schließlich verrät ihm ein Schmetterling den Geheimtipp schlechthin, nämlich Blümchen, genauer: Gänseblümchen.

Sebastian Loths Geschichte überzeugt mit charmantem Witz und skurrilen, kontrastreichen Zeichnungen, die nicht nur (Kleinst-)Kinderaugen zum Leuchten, Gebanntsein und Grinsen bringen. Und zum Schluss gilt es sogar, ein Rezept für einen Gänseblümchen-Brotaufstrich nachzubauen.

„Der Fuchs, der keine Gänse beißen wollte“ erschien 2015 bei Lappan.

So ein Unsens aber auch

Grigorij Oster – Petka, die Mikrobe

Weil Kinder, insbesondere Kleinkinder, von Natur aus verrückt sind, sollten sie auch unbedingt verrücktes Nonsinnszeug zu lesen bekommen – wie beispielsweise Grigorij Osters vorliegendes Werk. Hier berichtet der kultige Kinderautor aus Grusel-Russland von den vielen kleinen Abenteuern, welche Peter (bzw. Pet(ь)ka), eine schlau-freche Mikrobe mit Brille, unternimmt. Da Osters Humor gut angeschrägt und reichlich albern daherkommt, gibt es unter anderem eine Jagd nach einem bissigen Elementarteilchen namens „Babytron“ sowie wissenschaftliche Diskussionen mit Anginchen, die – Halsschmerz lässt grüßen! – bemerkenswerterweise im „dritten Eisbecher“ residiert. Petkas Tante ist beim Militär und trägt eine entsprechende Uniform. Das ist natürlich kompletter Unfug, weil Mikroben keine Militärlaufbahn anstreben können. Und Petkas Onkel ist gar ein überzeugter Mutant, der nicht aufhören kann, seine Form und Frisur zu ändern, von dem Stirnbart ganz zu schweigen. So ein Quatsch.

Nur an einer Stelle wird es ansatzweise sinnvoll, als nämlich die Pendelfähigkeit von Petkas großem Bruder, der in der (Sauer-)Milchfabrik arbeitet – Petka hingegen ist mehr der „Kefir guy“ – und täglich mit dem Bus dorthin fahren muss, angezweifelt wird. Wie zum Kuckuck soll denn so ein kleiner Mann überhaupt so eine riesige Fahrkarte dem Kontrolleur vorzeigen können? Aber dann ist doch alles nicht so wild und man legt gemeinsam fest, dass das Erkennen des Fahrkartenbesitzers mit bloßem Auge zweitrangig ist, solange die Fahrkarte selbst anständig dimensioniert ist. Dennoch: was ein Blödsinn!

Alexander Strohmaiers Illustrationen von Anginchen mit Wintermütze oder fieszahnigen Babytrons sind übrigens nicht nur schön bunt, sondern teilweise auch picassomäßig, was sehr ansprechend ist. Dieses Buch ist ebenfalls wunderbar für bescheuerte Erwachsene geeignet, die nicht zu viel Wert auf den sogenannten „Ernst des Lebens“ legen. Wie ernst kann schon Leben sein, wenn es Mikroben namens Petka gibt?

„Petka, die Mikrobe“ erschien 2011 bei Edition Liaunigg.

Wenn’s um Buch geht … Bären

Peter Carnavas – Oliver, Bär und das Buch

Oliver möchte mit seinem bebrillten Kumpel Bär spielen, aber Kumpel Bär ist vollkommen in ein Buch vertieft. Oliver fängt an, sich zu langweilen, und nervt Bär mit Papierflugzeugen, macht seinen Stuhl kaputt und kippt sogar klebrigen Brei auf seinen Kopf. Aber Bär bleibt tiefenentspannt und liest unbekümmert weiter. Erst als Oliver dem Bären sein Buch aus den Pfoten schnappt, dreht dieser durch. Aber nur kurz, denn die beiden Freunde versöhnen sich schnell – und nun ist Oliver (SPOILER ALERT!) derjenige, der die Augen nicht vom Buch loskriegt.

Eine etwas unspektakuläre, aber pädagogisch wertvolle Geschichte, die den Kindern eine wichtige Lektion beibringt – nämlich dass Bücher „bärenstark“ sein können. Und wenn selbst ein Bär, der normalerweise mehr an Honig- denn Buchstabenlese interessiert ist, so auf Bücher abfährt, dann sollte das doch für dich gar kein Problem sein, Kleine(r)!

„Oliver, Bär und das Buch“ erschien 2015 bei Lappan.

Das Wunder Geduld

Julie Fogliano und Erin E. Stead Und dann ist Frühling!

Hier wird Melancholie großgeschrieben: Ein Junge und sein Hund beobachten das gräuliche Braun des Herbstes und Winters. Samenkörner werden ausgesät, aber noch sieht es nicht unbedingt nach viel aus. Obgleich sich allmählich ein „hoffnungsvolles, vielversprechendes Braun“ herauskristallisiert. Doch Voreile ist hier fehl am Platz, denn glaubt man ein Grün auszumachen, so muss man doch bald enttäuscht feststellen, dass es eher ein „‚Nein, einfach nur Braun’-Braun“ ist. Zur Sicherheit stellt man ein Schild auf: „Bitte nicht herumtrampeln: Hier gibt es Samenkörner, die sich gerade versuchen.“ Es passiert immer noch nichts. Man fängt an, sich Sorgen zu machen. Ob die Natur je wiederkommt? Dann ist wieder Schnee. Und Regen. Und dann, eines unverhofften Tages, ist plötzlich … alles grün!

Eine ehrliche und herzliche Geschichte in warmen Tönen, die auch Erwachsene zu berühren weiß.

„Und dann ist Frühling!“ erschien 2015 bei FISCHER Sauerländer

Une Couleur: Bleu

Ann Cathrin Raab – Lenni mag Blau

Warum sind Tiere eigentlich immer so verdammt putzig und süß? Vielleicht, weil sie weniger können als wir Menschen. Doch das, was sie können, können sie richtig gut – zum Beispiel putzig und süß sein. Sie ziehen halt ihr Ding voll durch.

Wenn Lenni ein Mensch wäre, dann würde man ihn aufgrund seiner Fixation sicher irgendwo auf dem autistischen Spektrum wiederfinden. Doch zum Glück ist Lenni ein kleiner Mäuserich und als solcher in erster Linie niedlich. Es ist nämlich nicht Ferris, der blau macht, sondern Lenni, der Blau mag. Das cyanophile Mäuschen lebt in einer minimalistsichen Farbfleckenwelt, die ein wenig an das feine Design des Indie-Games „Blueberry Garden“ erinnert, und steht mächtig auf die Farbe Lila … Blau. Aber genug der gschupften Filmverweise – worum gehts in Ann Cathrin Raabs wunderschönem Bilderbuch für die ganz Kleinen eigentlich? Wie bereits angedeutet, fühlt sich Lenni durch jene Farbe mit einer Wellenlänge zwischen 400 und 500 Nanometern ästhetisch zutiefst angesprochen. Zugegeben, Blau ist richtig schick. Daher macht Lenni erst seinen Zaun blau, dann den Baum, auch Wolken – eigentlich macht Lenni auf seine Weise doch ganz schön blau. Irgendwann ist alles komplett blau in blau. Ist der kleine Eigenbläudler nun im Paradies angelangt? Leider nö, wie er bald ziemlich blue aus der Wäsche schauen muss. Denn Blau kann nur dann seine Lieblingsfarbe sein, wenn auch andere Farben das Universum bereisen und durch ihre Nichtblauität dem Blau seine ganze B(l)e(u)sonderheit verleihen. Ansonsten findet nämlich Ennui statt. Wieder was gelernt.

„Lenni mag Blau“ erschien 2010 im Thienemann Verlag

Vorsicht: Akute Lerngefahr!

Susanne Riha Tiere entdecken in ihren Verstecken

Dieses lehrreiche Buch über die Lebens- und Arbeitsweise verschiedener Waldtiere ist für etwas ältere Kinder, aber auch jüngere Erwachsene: Zum ersten Mal lernt man als zoologisch ungebildeter Rezensent vom Schwalbenschwanz und der Haselmaus, die besonders gerne Brombeeren und Haselnüsse frisst. Und dass der Maulwurf sich von Engerlingen ernährt. Und und und. Das Besondere sind auch die aufklappbaren Halbseiten, die unter die Erdoberfläche oder hinter eine Baumrinde blicken lassen, um so auch unsichtbare Vorgänge oder Lebensräume (Wildkaninchens Setzhöhle etwa) zu veranschaulichen. Detaillierte und farbenfrohe Zeichnungen begleiten das Kennen- und Schätzenlernen des jeweiligen Tieres und seiner wunderbar putzigen Eigenheiten. Der Schwanz des Bibers heißt „Kelle“.

„Tiere entdecken in ihren Verstecken“ erschien 2015 im Verlag Annette Betz.

Bärissimo

Sophy Henn – Ein Platz für Bär

Ein kleiner Weißbär lebt bei einem Jungen und tut, was getan werden muss, nämlich größer und größer (und größer) werden. Unausweichliche Folge: Eines Tages ist der Bär „einfach zu groß und zu bärig geworden“ – und der Junge will für seinen Freund ein entsprechend bärenmäßiges neues Zuhause finden. Doch weder Spielzeuggeschäft noch Zoo kommt in Frage, weder Zirkus noch Wald, weder Dschungel noch Kühlschrank … doch! Der Kühlschrank, genauer: die Arktis, stellt sich als genau das Richtige für den weißen Riesen heraus. Dort fühlt sich der Bär gleich heimisch, gründet eine Familie und wird glücklich. Doch der Kontakt zwischen den beiden bricht nie ab, denn wozu gibt es telefonbeschichtete Bratpfannen?

Eine humorvoll ge(kenn)zeichnete Geschichte für Jung & Älter.

„Ein Platz für Bär“ erschien 2015 im Verlag Annette Betz

Go Estland

Andrus Kivirähk und Anne Pikhov – „Frösche küssen“

Nach einem anständigen Einkauf kehrt der Weihnachtsmann in seiner Einmotorigen zum Nordpol zurück. Dabei fallen ihm aus dem gewaltigen Geschenkesack ein paar Märchenbücher heraus. Der Brummbär Petz bekommt von dem herunterplumpsenden Buch gar nichts mit, weil er total tief schläft. Der Hase kriegt einen tierischen Schreck, weil ein Buch seine Möhre halbiert. Was aber halb so schlimm ist, denn das Geschoss stellt sich sogleich als spannende Lektüre und die Möhrenhälfte als ideales Lesezeichen heraus. Das dritte Buch landet in der Badewanne des Fuchses, der, statt die Dusche abzustellen, lieber zum Regenschirm greift, um in Ruhe zu schmökern. Das vierte Buch lässt den Wolf mit seinem Fahrrad gegen einen Baum knallen. Die genannten Tiere haben eines gemeinsam: Von einem ganz bestimmten, hier aber nicht weiter gespoilerten Märchen inspiriert, wollen sie einen Frosch durch gezielten Kuss in eine Prinzessin verwandeln und sind bereits unterwegs zum nahegelegenen See. Dort sitzen „drei kleine Froschmädchen, die alle ein sauberes Röckchen“ anhaben. Der minimal irritierende Hinweis auf deren Reinlichkeit ist nicht weiter von Bedeutung, denn einen Froschjungen, welchen sie damit zwecks gemeinsamen Tanzens beeindrucken könnten, scheint es nicht zu geben. Stattdessen werden sie jeweils vom Hasen, Fuchs und Wolf geküsst – was wider Erwarten die Kussgeber in Froschjungen verwandelt. Am Ende darf also doch noch getanzt werden. Und, ach ja, unser Bär („der alte Trottel“) ist inzwischen aufgewacht, nimmt das Buch falsch herum in die Tatz, sieht darin eine auf dem Kopf stehende Prinzessin und stellt ohne Umschweife seinen Modus vivendi dementsprechend auf „Umgekehrt-Bär“ um.

Dieses witzige Buch liefert genau das, was Kinder brauchen: keinesfalls zu brave, sondern frech-skurrile Charaktere in einer ebensolchen Geschichte.

„Frösche küssen“ erschien 2015 bei Willegoos

Nils Holgersson fliegt wieder. Nils wer?

Hurra! Endlich gibt es ein Hörbuch von Selma Lagerlöfs Klassiker Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen, das den Namen verdient.

Ein Gastbeitrag von Sören Heim


Ungekürzt und gut eingelesen ist es bis heute die einzige Alternative zum gedruckten Wort, nachdem die kostenlose dramatische Produktion von Audible seit längerem festzustecken scheint. So können nun auch Generationen von Lesefaulen in die beliebte Debatte Film vs. Buch einsteigen, die ihren Sieger zumindest bei korrekt bildungsbürgerlichem Publikum eigentlich schon immer kennt. Denn in jedem Fall ist das Buch besser, das lernt man schon von klein auf. Auch wenn natürlich eine kluge Filmdramaturgie und die dem Medium fast schon zwangsweise innewohnende Straffung gegen die dem Roman oft inhärente Schwafeligkeit manchmal wahre Wunder wirkt. Gut möglich, dass bei dünkelloser Betrachtung mancher Film manches Buch um Längen schlägt. Aber das hier nur nebenbei. Heute möchte ich einfach einmal Die Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen (Diesmal: Die Serie) loben, die so viele Kindheiten verschönert hat. Das ist nämlich definitiv eine der Literaturverfilmungen, die man dem hervorragenden Roman zum Trotz auf Augenhöhe mit dem Buch ansiedeln darf.

Die Schönheit des Himmels

Das verdankt die Serie nicht zuletzt der liebevollen zeichnerischen Umsetzung, insbesondere der landschaftlichen Hintergründe, die sich mühen, die von Lagerlöff ausgebreitete geographische Vielfalt Schwedens stimmungsvoll einzufangen. Die Landschaft wiederum wäre nichts ohne die opulenten Himmel: Oft genug sind es die wechselnden Wolkenformationen, die dem statischen Anblick einer Landschaft erst ihre spezifische Schönheit verleihen – diese Erfahrung aus dem alltäglichen Leben hat man in Nils Holgersson gerade in der Überzeichnung wunderbar umzusetzen gewusst.

Werktreue. Und sinnvolle Abweichung

Und auch die Werktreue der Serie beeindruckt. Fast alle der 52 Episoden wurden aus dem Buch übernommen, auch schwierigere Kost wie etwa die Sage von Asa Thor im Jämtland erspart man den kindlichen Zuschauern nicht. Wo abgewichen wird, so durchaus positiv. Die zahlreichen didaktischen Passagen von Lagerlöf (immerhin schrieb die mit Nils Holgersson auch ein Schulbuch) wurden eingedampft und in Dialogen zwischen Nils und seinen Mitreisenden belebt. Gerade Hamster Krümel, den Buchpuristen vielleicht verfluchen mögen, ist dahingehend ein genialer Einfall. Auch wo sonst von der Vorlage abgewichen wurde geschah dies durchaus positiv. Akka, Martin und einige der anderen Gänse wurden zu runderen Charakteren mit eigenständiger Entwicklung umgearbeitet – das macht nicht zuletzt Nils selbstlosen Einsatz für den Gänserich und den herzzerreißenden Abschied zum Schluss um ein Vielfaches glaubwürdiger. Zu Tränen rührt der allerdings auch im Buch.

Die leidige Moralfrage

Ein Wort noch zur Moral, die ja doch in Kinderliteratur nur selten zu Gunsten des Literarischen ganz zurückgestellt wird. Nils Holgersson bleibt da als Buch wie als Serie faszinierend ambivalent – obwohl die ganze Reise nicht zuletzt als Besserungsanstalt für den ungezogenen Nils konzipiert ist. Besonders in der Serie bewertet die erste Folge Nils Verfehlungen vor allem streng christlich. Er geht nicht in die Kirche, piesackt andere Kinder, liest die Bibel nicht. Die Strafe exekutiert aber bereits ausgerechnet eine ganz unchristliche Figur: ein Wichtelmännchen!

Zu Beginn der Reise legen dann die Wildgänse den Mitreisenden gegenüber eine fast schon Ayn Randsche Kälte an den Tag. Werde dein Bestes selbst und geh mir nicht auf die Nerven, das gesamte Credo freiheitlicher Härte wird runtergebetet. Und gerade diese freiheitsgestälten Gestalten entpuppen sich in der Folge als nur scheinbar Vereinzelte, die zwar gern diese Fassade hochziehen, aber im harten Leben auf die Solidarität nicht nur des Schwarms, sondern auch anderer Tiere nicht verzichten können. So nervt Nils Holgersson nicht mit einer klaren moralischen Linie, sondern drängt dazu, immer wieder neu zu beurteilen, was richtig, was falsch, was geboten sein könnte.

Die deutlich vom Buch abweichende Bearbeitung des Stoffes bei gleichzeitiger weitgehender Werkgetreue hat zudem den Vorteil, dass man Buch und Serie sich ohne weiteres parallel zu Gemüte führen kann. Das Hörbuch ist wie gesagt gerade erschienen, alle Folgen der Serie sollen, hört man, auf YouTube zu finden sein.


Sören Heim Autorenfoto

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist u.a. Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku), des Binger Kunstförderpreises und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In seiner Kolumne HeimSpiel beleuchtet er die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten.


Titelbild: © Sören Heim

„Im Land der Wolken“ – Wolken und andere Appartigkeiten

„Der Himmel ist voller Ideen, die in verschiedenen Wolken vorbeifliegen“, schreibt Alexandra Helmig in ihrem von Anemone Kloos umwerfend bebilderten Kinderbuch. „Man braucht sie nur anzutippen“, heißt es weiter, „und schon blitzt eine Idee auf.“ Die eher positive Erkenntnis, dass im Land der Wolken Langeweile ein unbekanntes Phänomen ist, schwingt in einen kritischen Tonfall um, da die Wolkener das selige Nichtstun verlernt zu haben scheinen.


 

Eine allegorische Lesart drängt sich auf, wonach mit „Wolken“ eigentlich Smartphone-Icons und mit „Ideen“ die dazugehörigen zahllosen Apps gemeint sind, denn tatsächlich wird jegliche, auch die gute Langeweile etwa in Form von produktiver, seelisch wertvoller Kontemplation nur allzu gerne zwanghaft im Keim erstickt. Allerdings ist der kritische Ansatz etwas seltsam gewählt, denn die hier angeführten Beispiele des wolkeninduzierten Endlostainments – Papierschnipselpolkas, Schneeflockengesänge und Wollmauskitzeleien – sind eher als harmlos bis poetisch denn problematisch einzustufen. Andererseits wird hier womöglich versucht, die Ambivalenz zwischen Kreativität und Nützlichkeit mobiler Software auf der einen und infomanischer Neurosenverherrlichung auf der anderen Seite – kaum ein Fluch/Segen kommt ohne Segen/Fluch daher, schon gar nicht, wenn es um Internet und Verwandtes geht – wahrheitsgetreu einzufangen? Fakt ist: „Es gibt so viele Wolken, dass die Menschen Angst haben, die besten zu verpassen. Außer Henry.“

Der Antiheld Henry (könnte auch Daniel heißen) möchte nämlich nicht „von Wolke zu Wolke“ springen und so die ultimative Rastlosigkeit heraufzubeschwören, sondern Wolken Wolken sein lassen und sie höchstens mal aus sicherer Entfernung betrachten, was ihm leider den Seltsamkeitsbefund einbringt: „Die Kinder haben Angst vor Henry. Sie glauben, dass er eine ansteckende Krankheit hat.“ Als die hübsche Sara in die Nachbarschaft zieht, will vor allem Lukas, der als „König der Wolken“ bekannt ist (und nebenbei Steamboy aus dem gleichnamigen Anime ziemlich ähnlich sieht), mit ihr befreundet sein. Doch mit seinem Cloud-basierten Charme kann Sara wenig anfangen, Sonderling Henry ist ihr da auf Anhieb sympathischer. Der sozial entwöhnte Henry ist überrascht und angetan von dem bezaubernden Mädchen und ihrem Interesse für ihn, und schon bald liegen die beiden gemeinsam im Gras und lassen das Nichtstun ihren Lebensrhythmus bestimmen – aber erst, nachdem Sara verstanden hat, wie das mit dem Nichtstun überhaupt funktioniert. Indes warten Lukas und die anderen Kinder gespannt darauf, dass jede Sekunde etwas Besonderes passiert. Doch das einzig Besondere ist, dass es beim Nichts bleibt. Und dieses Nichts scheint plötzlich eine Attraktivität auszustrahlen, die vorher gut verborgen war, sodass einem klassischen Happy End nichts mehr im Wege steht: „Für einen Moment vergessen alle Kinder die bunten Wolken und sie nehmen Henry in ihre Mitte.“

Und die Moral dieser vielleicht nicht ganz runden, aber doch schönen Geschichte? Soll ich nun in Zeiten ultrafähiger Acht-Kern-Prozessoren endlich mein zwecks Absenden einer großväterlichen SMS hie und da gezücktes, gelegentlich klemmendes Urviech mit Cretina-Auflösung gegen das Samsung Galaxy, welches mir mein viel zu früh verstorbener Onkel hinterlassen hat, eintauschen und mich in die technophrene Never-Om-Gesellschaft eingliedern? Oder doch lieber den wenigstens ab und an wolkenlosen Realhimmel genießen, der zu den weniger penetranten Aspekten des Lebens gehört?


 

Quelle Beitragsbild: mixtvision-verlag

Lust auf mehr Kinderbuchanalysen von Daniel? Die Qual des Kuschelbuchs: Tilda Apfelkern

Die Qual des Kuschelbuchs

Schwierige Bücher gibt es an beiden Enden der Komplexitäts-Skala. Warum gehört neben Infinite Jest auch Tilda Apfelkern dazu?


„Tilda Apfelkern“ von Autor und Illustrator Andreas H. Schmachtl ist, wie man an dem Hinweis „Handwäsche bis 30 Grad“ unter dem Klappentext, der mehr Zeichen als der Buchinhalt aufweist, erkennt, ein Kuschelbuch, und zwar „mein liebstes“ – so will es zumindest der Untertitel. Tatsächlich habe ich kein Kuschelbuch lieber, da ich kein anderes kenne. Was aber eine kritische Auseinandersetzung mit dem Werk nicht verhindern wird, denn immerhin sollen dieses unsere Zukunft (= Kinder) zu lesen bekommen.

Die hauchdünne Geschichte beginnt damit, dass Tilda, eine „holunderblütenweiße“ Maus, auf der Wiese spielt. „Hallo, bunter Schmetterling!“, ruft sie dabei einem dreist dreinschauenden Schmetterling entgegen, während zwei wie Spiegel eiernde Gänseblümchen keinerlei Zivilcourage an den wunderbaren Sommertag legen. In der nächsten Episode der außerordentlich fragmentarischen, offenbar an die bizarren, zugleich von Drogen induzierten wie Drogenwirkung induzierenden Cut-up-Romane von W. S. Burroughs angelehnten Handlung singt ein Vogel, genauer ein Rotkehlchen, „so schön“, während Tilda dazu tanzt. Von dem im Klappentext angekündigten Singen um die Wette ist hier allerdings zu keinem Zeitpunkt die Rede – eine der unzähligen Enttäuschungen im Laufe der intellektuell brüllend unterfordernden und dennoch – oder gerade deswegen? – anstrengenden Lektüre.

Im dritten Akt dieser Tragödie von einer Publikation schließlich erfährt der allerkleinste Rezipient (hoffentlich nicht), dass Tilda, die mittlerweile in einem nicht näher spezifizierten Raum steht, Geschenke mag – ein himmelschreiender Gemeinplatz, denn wer mag sie nicht! Ihr gegenüber steht eine prachtvoll verpackte, mausgroße Geschenkbox. „Was da wohl drin ist?“, fragt sich nicht nur Tilda „Captain Obvious“ Apfelkern (übrigens ein nur mit Vorsicht zu genießender Nachname, da Kleinteile durch versehentliches Einatmen zum Erstickungstod führen können), sondern auch der (Vor-)Leser, und entdeckt sogleich beim Umblättern das einzig Löbliche an diesem „kuschelweiche[n] Babybuch zum Fühlen und Spielen – mit lustiger Knisterseite“ – nämlich die lustvoll knisternde Spezialseite. Nach ausreichendem Beknistern darf nun – ACHTUNG: SPOILER!!! – aufgelöst werden: Die „Überraschung für Tilda“ stellt sich als eine zweite, im Gegensatz zu Tilda hingegen grauhäutige Maus, allerdings ebenso sinnfrei und rotbeohrt, heraus, wahrscheinlich ein Zeichen von (eher körperlicher denn geistiger) Anstrengung. „Schön, dass du da bist“, lautet das Schlusswort, welches der geneigte Rezensent so sicher nicht unterschreiben kann, da auch der wahrscheinlich als krönend konzipierte Schluss jeglicher Logik entbehrt.

Prädikat: Knisterseite in „Infinite Jest“ reinkleben, Rest kann weg.

Titelbild: © Arena Verlag/Andreas H. Schmachtl


 

Daniel Ableev

Daniel Ableev, *1981 in Nowosibirsk; lebt als freier Seltsamkeitsforscher in Bonn. Veröffentlichungen in On- und Offline-Zeitschriften und –Anthologien; ausgezeichnet mit dem „KAAS & KAPPES“-Theaterpreis 2011 für D’Arquette; Mitherausgeber von „DIE NOVELLE – Zeitschrift für Experimentelles“. www.wunderticker.com / www.wunderticker.de