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Sprache und Begehren – Jonathan Franzen über Sexualität

In Franzens neuem Roman Purity geht es um Sexualität. Es geht nicht um Sex als reiner Akt der Bedürfnisbefriedigung. Es geht um Sexualität als treibende Kraft für jegliche Handlungen fast all seiner Figuren.


„Purity“ bedeutet im Englischen so viel wie Reinheit. Wenn wir etwas als „rein“ bezeichnen, schwingt da auch immer eine Art Achtung mit. Reines Wasser, sie hat eine reine Seele, oder das ist der reinste Saustall. Rein kann alles sein. Es ist das Vorherrschen einer Eigenschaft, eines Zustands, der scheinbar nicht durch etwas anderes verunreinigt ist. Doch natürlich ist der Gebrauch dieses Wortes meist idealistisch, nichts ist je wirklich vollkommen rein. Der deutsche Titel Unschuld bringt meines Erachtens noch mehr das zum Ausdruck, worum es in dieser Geschichte geht: die Unmöglichkeit von Unschuld.

Ein weiteres Thema des Buches ist die Frage nach der eigenen Identität. Detailliert lässt Franzen bei seinen Protagonisten immer wieder die Fragen auftauchen: Wer bin ich eigentlich? Wie frei, meine eigene Geschichte zu schreiben, bin ich wirklich? Oder setzt jeder Mensch nur die Story seiner Eltern fort? Sexualität scheint für Franzen das Hauptmotiv zu sein, an welchen sich diese Fragen immer wieder entzünden und Relevanz erzeugen. Denn wer kann schon behaupten, sich seiner sexuellen Neigungen und seines Begehrens voll und ganz im Klaren zu sein. Sind wir an dieser Stelle nicht alle einer Unsicherheit ausgesetzt, die nur wir nur allein bestreiten können?

Wen oder wie wir begehren, ist nicht etwas was, wir uns aussuchen, sondern was sich im Laufe unseres Lebens herauskristallisiert. Sexuelle Identität bildet und verändert sich mit den Menschen, mit denen wir sexuelle Praktiken ausleben. Aber vor allem dadurch, wie wir über Sex und unser Geschlecht (physisch wie auch psychisch) sprechen und denken.

„Du hattest ja anscheinend nichts gegen mich, als dein Schwanz in meinem Mund war“, sagte sie.
„Ich hab ihn nicht da reingesteckt“, sagte er. „Und lange war er auch nicht drin.“
„Nein, weil ich nach unten musste, um ein Kondom zu holen, damit du ihn in mich reinstecken kannst.“
„Wow. Dann bin ich jetzt also schuld?“

Die Hauptfigur des Romans Pip, ihr voller Name ist Purity, nimmt sämtliche sexuellen Handlungen anderer in Bezug auf sich als Anlass dafür, ihr Gefühl, nicht begehrenswert zu sein, zu bestätigen. In dem Gespräch versucht Pip ihren Liebhaber zu provozieren und ihrem Unmut Luft zu machen, da der geplante Sex wohl doch nicht stattfinden wird. Wer hier Schuld hat, ist jedoch nicht die eigentliche Frage. Vielmehr wird deutlich, dass es bei sexuellen Handlungen überhaupt um Schuld geht. Pip will ein Kondom holen, wird aber länger in der Küche aufgehalten und so muss der Freund auf sie warten. Pips Handlung wirkt wie ein vergeblicher, aber ritualisierter Akt dem „Schmutzigen“ den Schleier der Reinheit anzulegen. Und somit das Warten zu entschuldigen. Franzen lässt Pip sogar selbst darüber nachdenken, wenn sie sich während dieses peinlichen Streits darüber bewusst wird, dass sie in diesem Spiel niemals diejenige sein wird, die Macht hat. Männern fällt es leicht, ihr „verdinglichendes Begehren“ Ausdruck zu verleihen. Sie werden anders sozialisiert, sprechen mit Freunden und Kollegen in einer ganz bestimmten Sprache über Sexualität. Während Frauen diese Sprachspiele nicht erlernen. Für sie gibt es scheinbar nur die gefühlvollen, poetischen Worte und somit ein Verbleiben auf der schwachen, angreifbaren Ebene.

Was eigentlich nur privat stattfinden darf, wird immer auch öffentlich diskutiert. Eine Schwierigkeit besteht darin, die Momente auszumachen, in welchen das, was wir als individuelle und private sexuelle Identität bezeichnen, unter dem Druck der gesellschaftlichen Normen, geformt wird. Aber nicht nur die junge Pip, sondern auch die charismatische Annegret (Opfer stiefväterlichen Missbrauchs) und die zweite Hauptfigur im Roman Andreas Wolf (führt eine penible Liste über mehr als 50 junge Mädchen, die er im Rahmen eines sozialen Projekts verführen konnte) müssen sich mit ihrer gestörten Sexualität und der Schuldfrage auseinandersetzen. Franzen übernimmt die klischeehaften Rollen der gängigen Mann/Frau-Dualismen. Dem männlichen Charakter wird mehr Aktivität und weniger Ausgesetztsein zugesprochen. Wenn Andreas Wolf mit ein wenig Pathos sagt: „Stimmt, ich bin ein Mann und verfüge über gewisse Macht.“ Da zeigt er sich wenig emanzipiert und es wirkt sogar höhnisch, wenn er hinzufügt, dass er ja nicht darum gebeten habe, als Mann geboren zu werden. Er ist das Raubtier und sie, Pip und Annegret, sind und bleiben Opfer – die „kleineren Tiere“, mit denen man Mitleid haben kann.

Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901-1981) verstand den Menschen als das begehrende Subjekt, dessen Begehren eine innere, treibende Kraft ist und diesen dazu veranlasst, Beziehungen mit anderen Menschen einzugehen. Dazu zählen in erster Linie sexuelle Beziehungen. Interessant an Lacans Überlegungen ist, dass sie nicht nur psychologische, sondern auch soziologische Aspekte einbeziehen – die Ebene der Sprache. So wird das begehrende Subjekt bei Lacan zu einem, das zwar von inneren Urtrieben angetrieben, aber auch von äußeren Kräften durch die Gesellschaft gelenkt wird:

Es gibt bereits eine aufgebaute Fabrik, und sie funktioniert. Diese Fabrik ist die Sprache […]. Deshalb auch ist das Es, das Sie in den Tiefen zu suchen pflegen, nicht etwas derart Natürliches, es ist noch weniger natürlich als die Imagines.

(Lacan „Die Objektbeziehungen: Das Seminar. Buch 4.“ 2003)

Nach Lacan ist der Prozess, bei welchem das Kind in die Sprachgemeinschaft eintritt und mündig wird, der Entscheidende. Im Geist des Kindes trenne sich nun Bewusstsein von Unbewusstsein. Die Bedeutung anderer Dinge und Personen, welche sich für das Kleinkind bisher nur über die rein körperliche Ebene wirklich wurde, wird nun auf einer abstrakteren Ebene strukturiert und reflektiert. Es entsteht ein Bezugssystem. Man schafft die Welt, indem man sie aktiv benennt und ihr somit Bedeutungen zuschreibt. Aber auch, indem man in Strukturen hineinwächst und bestimmte Bedeutungen übernimmt. Die Unterscheidung von Mann und Frau geschieht laut Lacan aufgrund der Unterschiedlichkeit – der unterschiedlichen Beschreibung – der Körper, der Genitalien. Die eigene Beschreibung der Genitalien in Abgrenzung zum anderen Geschlecht bilde somit die Basis der sexuellen Identität. Es werden aber nicht nur Körper und Dinge identifiziert, sondern auch Normen und Wertvorstellungen kommuniziert, die mit den Körpern in Verbindung stehen und sich im Unbewussten festschreiben. Das Kind macht sich selbst mittels der Sprache zum Objekt, indem es anfängt von sich aus in Bezug auf andere Subjekte zu denken. Für Lacan findet damit die Entfremdung statt, welche dem jungen Menschen bis ins Alter in Form seines Begehrens vor Augen tritt.

Diese Entfremdung scheint sich auch in den Beziehungen Pips zu ihren Männern zu offenbaren. Sie versucht die mangelnde Eindeutigkeit ihrer sexuellen Identität mit der Suche nach der Identität ihres unbekannten Vaters auszugleichen. Denn die Mutter ist kein Anhaltspunkt für eine eventuelle Identifikation. Pip und sie verbindet eine emotionale Abhängigkeit, eine Machtverhältnis das einseitig von der Mutter zur Tochter verläuft:

Das Problem, wie Pip es sah, […] bestand darin, dass sie ihre Mutter liebte. Mit ihr litt, sie bedauerte, den Klang ihrer Stimme mochte, sich auf eine gewisse verstörende nichtsexuelle Weise von ihrem Körper angezogen fühlte […]. Das war der massive Granitblock im Zentrum ihres Lebens, der Ursprung allen zornigen Sarkasmus.

(Franzen „Unschuld“ 2015)

Und so sieht sich Pip damit konfrontiert, dass sich ihre eigene Geschichte nur in vorgegebenen Bahnen fortbewegt. In den Bahnen, die ihre Mutter bereits beschritten und vorgezeichnet hat. Pip ist im Rahmen ihrer Möglichkeiten frei zu entscheiden. Was ihre sexuelle Identität angeht, scheint sie darauf angewiesen zu sein, Menschen zu treffen, die anders über Sexualität sprechen und ihr somit Mut machen können.

Die Fragen vom Anfang bleiben offen. Wer bin ich, ist eine Frage, die eigentlich keine ist. Denn wir sind frei und unfrei zugleich. Pip ist eine Romanfigur und somit von vornherein dazu verdammt, ein vom Autor bestimmtes Ich zu leben. Aber Franzen schafft es, ein zutiefst menschliches bzw. gesellschaftliches Problem wieder zu spiegeln und in der Form der Fiktion in unsere Realität hineinzutragen. Denn es erfordert Mut, sich in den vorherrschenden gesellschaftlichen Sprachspielen über Sexualität zu lösen – falls es überhaupt möglich ist. Sexuelle Identität ist ein wichtiger Teil jeder individuellen menschlichen Identität. Sie ist privat und öffentlich zugleich. Um sich der Frage nach dem eigenen Ich anzunähern, muss man/frau immer auch mit beantworten, was und wie er/sie begehrt.

Lesen als Kunst der Wieder­erken­nung

Lesen als Kunst der Wiedererkennung

Was sind „schwierige Bücher“ und warum werden sie gelesen?


Identitätskrise im Bücherregal

„Der sieht Literatur eben nicht so wie wir. Der steht auf Fantasy und Science Fiction, hört Metal und hat früher sicher Rollenspiele gespielt.“

Solche Sätze regen jemanden wie mich, dessen Bücherregale sich wie Genrefronten gegenüberstehen, zum Nachdenken an. Denn auch wenn ich nicht den Drang verspüre, mich in ein rostiges Kettenhemd zu zwängen und meine Freunde zu den Klängen von DragonForce mit einer originalgetreuen Gimli-Zwergenaxt durch den Wald zu jagen, so findet sich neben meiner Grundausrüstung-Geisteswissenschaftler-Buchwand auch eine recht umfangreiche und immer noch wachsende Fantasyabteilung. Zu allem Überfluss wird die Trias durch eine Schmökerwand der amerikanischen Postmoderne komplettiert.

Tja – da kann man schon mal die Frage nach seiner Leseridentität stellen. Was denn nun? McDowell, Robert Jordan oder DeLillo? Philosophische Untersuchungen, Der Kampf der Orks oder Infinite Jest? Die furchtbar langweilige Antwort auf diese Frage ist natürlich: Alle. Das sind ja ganz verschiedene Lesebereiche, die unterschiedliche Motivationen und Zielsetzungen haben!

Doch ich glaube, dass es hier mehr zu sagen gibt. Die dem Geisteswissenschaftler in Fleisch und Blut übergangene Intuition, „Trivialliteratur“ mit einem Augenrollen zu begegnen fußt auf einer Grundeinstellung gegenüber dem Lesen: „Einfache“ Alltagsliteratur dient als Entspannung – gemütliche Abende auf der Couch mit Tee, Wolldecke und dem neuen Bestseller des Lieblingsautors, während „schwierige“ Bücher intellektuell stimulieren und dabei kognitiv fordern. Diese Werke werden im Arbeitszimmer mit gezücktem Stift, Fremdwörterbuch und Textmarker bearbeitet. Im Vordergrund steht hier prima facie nicht eine Lustbefriedigung, sondern das schiere Bewältigen des Textes. Diese beiden Lesekategorien haben also verschiedene Geltungsorte, denen sie zugeordnet sind. Seltsamerweise fühle ich mich trotzdem von beiden Arten der Literatur angezogen – und zwar auf ähnliche Weise.

Was sind „schwierige Bücher“?

Doch was macht schwierige Bücher schwierig? Wann ist eine literarische Mammutaufgabe als prätentiöse Schikane enttarnt? Zur Beantwortung dieser Frage lohnt es sich einen primären Geltungsort deutlicher zu betrachten. Der amerikanische Autor und Dozent für kreatives Schreiben Jonathan Franzen sieht die Universität als einen Ausbildungsort für das Bearbeiten von schwierigen Büchern:

 „One pretty good definition of college is that it´s a place where people are made to read difficult books.” Jonathan Franzen: Mr. Difficult S. 4

Franzen beschreibt in seinem ArtikelMr. Difficult – Gaddis And The Problem of Hard-To-Read-Books sein eigenes ambivalentes Verhältnis zu schwierigen Büchern am Beispiel von Autoren der amerikanischen Postmoderne, die er in seiner eigenen Studienzeit als wütende Systemkritiker idolisierte. Ein Paradebeispiel für schwierige Literatur stellt er im Werk von William Gaddis vor. Gaddis, dem zu Lebzeiten oft die Gunst der Kritiker verwehrt blieb, trendet seit einigen Jahrzehnten wieder. Neben dem Roman JR (die Inspiration der Figur aus der Fernsehserie Dallas) steht vor allem sein komplexes Erstlingswerk The Recognitions hoch im Kurs. The Recognitions stellt tatsächlich so etwas wie eine Blaupause für ein kompliziertes Buch dar. Der Leser sieht sich mit über 900 Seiten dichtestem Text konfrontiert, in dem nicht nur narrativ, sondern auch stilistisch unorthodoxe Wege gegangen werden. So gibt es etwa Dialogstrukturen mit ständig wechselnden Sprechern, die ohne Kennzeichnung,  allein durch den Kontext und den Sprachstil, dechiffriert werden müssen. Im Text tauchen neun verschiedene Sprachen auf und um einigen Segmenten inhaltlich zu folgen sind zumindest Grundkenntnisse der Alchemie gefordert. Franzen vergleicht seine Erfahrung mit dem „Wortsturm“ in The Recognitions mit dem einsamen Besteigen eines Berges:

“I was alone and unprepared on a steep-sided, frigid, airless, poorly mapped mountain. Did I already mention that The Recognitions has nine hundred and fifty-six pages?” Franzen: Mr. Difficult S. 3

Für mich persönlich wirkten The Recognitions teilweise tatsächlich wie eine Sisyphusaufgabe.
Nun stellt sich die Frage: Warum erlegen sich Menschen diese Arbeit überhaupt auf?

Zwei Lesemodelle

Eine Antwort auf diese Frage findet man in der Literaturtheorie. Jonathan Franzen stellt zwei Modelle des Lesens gegenüber, die in ihren Grundlagen die Existenz von trivialer und überanspruchsvoller Literatur erklären.

Auf der einen Seite wird Lesen als eine Art Vertrag zwischen Autor und Leser gesehen. Die intime Verbindung von Werkschaffendem und Konsumenten entsteht, indem der Autor seinen Text direkt auf ein lustvolles Leseerlebnis ausrichtet.  Schreiben ist somit immer ein Balanceakt zwischen dem Selbstausdruck des Autors und der Aufrechterhaltung einer Art von „Kommunikation“ innerhalb einer Gruppe von Lesern mit der obersten Maxime eines zufriedenen Lesers, der sich ganz nach Couchmanier einfach der Geschichte ausliefern kann. Franzen nennt diese Art zu Lesen und Schreiben das „Contract Model“.

„Every writer is first a member of a community of readers, and the deepest purpose of reading and writing fiction is to sustain a sense of connectedness, to resist existential loneliness; and so a novel deserves a reader´s attention only as long as the author sustains the reader´s trust.” Franzen: Mr. Difficult

Auf der anderen Seite ist ein gutes Buch allein nach seinem Anspruch zu beurteilen. Schwierigkeit ist positiv konnotiert. Es geht tatsächlich um das Bewältigen des Textes – das Erklimmen des literarischen Berges – als Meistern der höchsten Ausdrucksart von Kunst. Dass das nicht besonders mainstreamtauglich daherkommt ist per definitionem einleuchtend: Gerade weil ein Großteil der Leser am Werk scheitern, ist es etwas Besonderes. Hat man sich irgendwann doch noch durchgekämpft, hat man etwas Besonderes geleistet und sich einen neuen Status verdient – Franzen nennt diese Sicht auf Literatur deshalb „Status Model“.

Leider klingt das alles schrecklich elitistisch, prätentiös und einfach unsympathisch. Wer möchte sich nach solch einer Definition schon als „Status“-Leser outen? Doch wohl nur Kultursnobs die pseudointellektuelle Masturbation betreiben. Das „Contract-Model“ scheint zumindest noch die Verbindung von Autor und Leser, sowie den nostalgischen Wohlfühlfaktor von packenden Büchern im Blick zu haben.

Warum: William Gaddis?

Franzens erste und wichtigste Regel des Schreibens (Guardian: Ten rules for writing fiction) identifiziert ihn klar als Vertreter des „Contract-Model“:

„1 The reader is a friend, not an adversary, not a spectator.“ Franzen: 10 Rules for writing fiction

Er beschreibt seine eigene Transformation von einem statushungrigen Literaturstudent hin zu einem Autor, der primär um das Wohl des Lesers besorgt ist als Katharsis vom Verlangen der intellektuellen Selbstbefriedigung.  Gaddis´ Werk bildeten für Franzen einst Bezugs- und Identifikationspunkte (soweit, dass der Titel seines Romans The Corrections als Hommage an Gaddis gedeutet werden kann) und sogar echte Tugenderfahrungen:

“By the time I reached the last page of `The recognitions´, I felt readier to face the divorce, deaths, and dislocations that were waiting for me out in the sunlit world. I felt virtuous, as if I´d run three miles, eaten my kale, been to the dentist, filed my tax return, or gone to church.” Franzen: Mr. Difficult S. 4

Doch mit einem zunehmenden persönlichen Reifeprozess meint Franzen Gaddis als prätentiösen Scharlatan enttarnt zu haben. Als einen Autor der seinen Selbstausdruck vor das Verlangen des Lesers stellt (Franzen: „being an asshole, in other words).  Als einen Autor, der literarische Schwierigkeit als Deckmantel dafür benutzt eigentlich nichts Unterhaltsames oder Kluges zu erzählen zu haben. Die Schwierigkeit von Gaddis Büchern signalisiert nicht mehr Exzellenz, sondern macht seine Bücher nur unlesbar:

„Difficult fiction of the kind epitomized by Gaddis seems to me more closely associated with the lower end of the digestive tract. His detractors refer to his `Loghorrhea´, but it´s more accurate to characterize him as retentive-constipated to the point of being unreadable, sometimes even unintelligible.” Franzen: Mr. Difficult S. 11

Mit dieser vernichtenden Konklusion alleingelassen ist man spontan erstmal versucht die literarische Bergsteigtour aufzugeben und sich mit irgendetwas anderem auf die Couch zu fläzen. Doch warum genieße ich (trotz zahlreichen gescheiterten Versuchen) diese Art von „schwieriger“ Literatur so sehr? Bin ich am Ende doch ein verkappter Statusleser? Und was sagt eigentlich Gaddis zu seiner Art zu schreiben?

Warum, William Gaddis?

Franzen wirft William Gaddis eine verklärte und überholte Vorstellung vom Verhältnis zwischen Autor und Werk vor. Er spricht ihm die Meinung zu, dass Kunstschaffende Retterfiguren seien, die eine einzigartige und heilige Arbeit verrichten. Tatsächlich sieht Gaddis den Autor als überflüssiges Element in der Rezeption eines literarischen Werkes:

„What is it they want from the man that they didn´t get from the work. What do they expect? What is there left when he´s done with his work, what´s any artist but the drags of his work, the human shambles that follows it around.“ William Gaddis

Allein zwischen Werk und Rezipient besteht eine Verbindung, die aber trotzdem sehr intim ist. Gaddis verteidigt seinen Hang zu übermäßig langen Dialogstrukturen, indem er auf ein Element verweist, dass bei orthodoxem erklärenden Schreiben in den Hintergrund gedrängt wird – ein lebendiger Text:

„It´s alive, it´s alive whereas expository writing is the writer writing.“ William Gaddis

So propagiert und fordert er einen aktiven Leser und argumentiert, dass gerade durch diese Partizipation ein Erlebnis entsteht, welches die Essenz des Lesens einfängt:

„I do ask something of the reader and many reviewers say I ask too much [. . .] and as I say, it’s not reader-friendly. Though I think it is, and I think the reader gets satisfaction out of participating in, collaborating, if you will, with the writer, so that it ends up being between the reader and the page [. . . .] Why did we invent the printing press? Why do we, why are we literate? Because of the pleasure of being all alone, with a book, is one of the greatest pleasures.“ William Gaddis, nach: Lingan: Gaddis, The Last Protestant

Diese Theorie des Lesens hat nichts mit dem Streben nach Exzellenz oder der Festigung eines Elitenstatus zu tun. William Gaddis erschafft in seinen Büchern eine Metaebene, die seinen Blick auf Kunst narrativ mimetisiert.

Lesen als Kunst der Wiedererkennung

Ein zentrales Thema in The Recognition ist das Verhältnis zu Kunst. Die Handlung folgt Wyatt Gwyon, einem Pastorensohn der über verschlungene Pfade zum Kunstfälscher wird. Die Frage, was es heißt Kunst aktiv zu gestalten und zu genießen verwebt sich zwischen den auftauchenden Charakteren. Hier bietet Gaddis erneut seine Theorie der aktiven Partizipation an und verbindet sie mit einem kreativen Moment:

„Everybody has that feeling when they look at a work of art and it´s right, that sudden familiarity, a sort of… recognition, as though they were creating it themselves, as though it were being created through them while they look at it or listen to it.“ William Gaddis: The Recognitions

Kunst zu rezipieren – und insbesondere zu lesen – ist nach dieser Intuition ein kreativer Vorgang. Gute Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass sich der Leser auf eine intime Verbindung mit dem Text einlassen kann. Das kann auf narrativer oder emotionaler Ebene passieren, aber auch kreativer. Die „Schwierigkeit“ eines Buches ist ein Werkzeug um das Gefühl der Wiedererkennung zu verstärken. Wichtig dabei ist aber, dass dieses Gefühl nicht vom Autor erschaffen, sondern vom Leser mit eingebracht wird. Die „harte Arbeit“, die von einem schwierigen Buch abverlangt wird ist, wie Gregory Comnes kommentiert, eine bedeutungsschaffende Tätigkeit, die den Leser aktiv am Text teilhaben lässt. Nach Comnes muss man „lesen, was nie geschrieben wurde“, um an dieser Art von Texten teilhaben zu können.

Im Gegensatz zu den von Franzen vorgestellten Modellen des Lesens wird das Potential des Lesers nicht ignoriert. Schwierige Bücher fordern, manchmal überfordern sie – aber das ist bei allen kreativen Vorgängen der Fall. Ein gutes, forderndes Buch, unter der aus Gaddis entwickelten Epistemologie des Lesens, zu rezipieren heißt, selbst aktiv mitzugestalten. Deshalb ist die Leseerfahrung gerade bei diesen Büchern noch individueller und erinnert stark an die Erfahrungen des eigenen Schreibens. So verschränkt etwa David Foster Wallace, der tief von dieser Idee und von Gaddis beeinflusst war, sein Autorsein sehr stark mit seiner Leseridentität:

„The way I am as a writer comes very much out of what I … want as a reader and what got me off when I was reading. A lot of it has to do with … really stretching myself … really having to think and process and feel in ways I don’t normally feel.“ David Foster Wallace

Sich auf die Herausforderungen eines Textes einzulassen ähnelt stark selbst einen Text zu schreiben – sich immer wieder an ihm zu versuchen. Ein Scheitern sagt nichts über einen prätentiös gedachten intellektuellen Status aus, sondern ist vielmehr die natürliche Folge des Betretens unbekannten Territoriums. Eine solche Theorie des Lesens erklärt nicht nur die Existenz von „schwierigen Büchern“, sondern auch, warum sie abseits des akademischen Betriebs genauso einen Platz im Bücherregal haben, wie das Schmökerbuch für die Couch. Natürlich signalisiert Schwierigkeit nicht immer kreatives Potential – entscheidend ist, ob der Leser diese Momente der „Wiedererkennung“ hat.

Ich werde weiter William Gaddis lesen.