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„Uncategorisable Outsiders in Pop“ – Markus Acher im Interview

Bevor vielleicht noch dieses Jahr ein neues Notwist-Album erscheint, steckt Markus Acher tief in der Label-Arbeit: In Kooperation mit Morr Music veröffentlicht sein Label Alien Transistor am 1. Mai das Sampler-Album Minna Miteru, ein Szeneportrait japanischen DIY-Pops. Darauf tummeln sich, so sagt er selbst, einige „unkategorisierbare Außenseiter des Pop“ aus dem Umfeld der Band Tenniscoats, die teilweise so tief im Underground zuhause sind, dass tatsächlich viele Stücke trotz Zeiten von Streaming-Diensten und scheinbar unbegrenzter Verfügbarkeit von Musik erstmals wirklich international verfügbar werden.

Dass dabei ein stilistisch entgrenztes, intensives Hörerlebnis entstanden ist, ist ein zweiter positiver Effekt und Anlass, Markus Acher ein paar Fragen zu stellen. Zum Beispiel darüber, was diese vielseitige Compilation eigentlich zusammenhält, warum sie ausgerechnet in Deutschland erscheinen musste, weshalb die Musik so wichtig ist, wie einflussreich sie für seine eigene Kunst ist – und wie hart der aktuelle Pandemie-Shutdown die Künstler٭innen, Kulturstätten und internationale Beziehungen der Independent-Musik trifft.

von Moritz Bouws und Gregor van Dülmen


Gemeinsam mit Morr Music veröffentlicht dein Label Alien Transistor die japanische Compilation Minna Miteru. Eingangs stellen wir uns die Frage, wie deine inzwischen ja doch sehr intensive Verbindung nach Japan überhaupt entstanden ist.

Einerseits haben es mir das Land, die Kultur und die Menschen natürlich gleich beim ersten Besuch sehr angetan. Aber die bleibende Verbindung kam über die Musik. Da habe ich einfach immer wieder so viel faszinierende und innovative Musik gehört, dass das Interesse nie abriss. Und über die Tenniscoats habe ich jetzt nochmal viele Musiker und Künstler kennengelernt, die ich sonst nie gefunden hätte.

In unserem letzten Gespräch hast du den Japan-Indie-Sampler Songs for Nao (Chapter Music 2004) erwähnt. Er brachte dich unter anderem auf Tenniscoats, mit denen du später die Band Spirit Fest gegründet und nun Minna Miteru kuratiert hast. Inwiefern würdest du sagen, dass der Sampler dein musikalisches Verständnis geändert hat?

Auf dem Sampler habe ich das erste Mal Musik der experimentellen Indie-Folk-Szene rund um die Tenniscoats gehört, und die hat mich sehr berührt. Sie haben keine Angst vor Melodien, aber auch keine Angst vor dem Ausprobieren und Scheitern. Die Beatles, Syd Barrett, Charles Mingus, TV Personalities, Bach, die Residents – da kann man so vieles heraushören, ohne dass es konstruiert klingt. Es gibt keine Berührungsängste, und doch ist es auch kein wildes, stilistisches Durcheinander. Erfahrene Musiker spielen ganz selbstverständlich mit Bekannten, die erst seit zwei Wochen ein Blasinstrument besitzen. Freunde machen zusammen Musik, um sich zu treffen, und die Bands covern sich gegenseitig. Trotzdem wissen sie alle genau, was sie wollen und vor allem auch nicht wollen. D.I.Y. ist sehr wichtig: Sie sind unabhängig und haben ein eigenes Netzwerk aus Freunden geschaffen. Das ist alles extrem inspirierend. Und wie gesagt, die Stücke – so viele unglaubliche Kompositionen und Melodien.

Spirit Fest (v. l. n. r.): Takashi und Saya Ueno, Cico Beck, Mat Fowler und Markus Acher, Foto: © Morr Music.

Beide Sampler umkreisen eine Tokioter DIY-Pop-Szene um das Majikick Label herum. Dennoch gibt es zwischen den Künstler٭innen auf Songs for Nao und Minna Miteru nur wenige Überschneidungen und deutliche Unterschiede in der Songauswahl. Siehst du die neue Auswahl eher als Fortsetzung oder Erweiterung?

Minna Miteru ist eigentlich beides. Songs for Nao hat sich ja zu großen Teilen auf Saya und Uenos Label Majikick und damit verbundene Bands konzentriert. Inzwischen ist viel passiert, und die Szene hat sich auch mehr aufgefächert. Musikalisch hat sich natürlich auch viel getan. Saya wollte bei ihrer Auswahl nicht nur ihre Freunde und eigenen Projekte vorstellen, sondern auch Musik, die sie gerne mag, interessant findet oder sie inspiriert hat. Während Songs for Nao eher der Blick eines Außenstehendem auf diese Szene war, ist Minna Miteru ganz Sayas musikalische Welt. Die Zusammenstellung erzählt genauso viel über sie und ihre Idee wie über die japanische Indie-Szene. Der rote Faden durch die Compilation ist ihre Offenheit und Neugier, die Suche nach Musik, die nicht einzuordnen ist, keine Grenzen kennt und keine Klischees bedient.

Viele der Songs klingen gleichzeitig experimentell und verspielt. Wie würdest du insgesamt das Hörerlebnis von Minna Miteru beschreiben?

Ich finde, Saya hat den Sampler wie ein langes zusammenhängendes Stück zusammengestellt, bei dem man nie weiß, was als nächstes kommt, aber trotzdem alles ganz logisch ineinanderfließt. Ich finde immer noch faszinierend, wie Elektronik, Blasinstrumente, akustische Gitarren und Stimmen zusammenspielen, und am Ende ein großes Ganzes ergeben. Da ist eine Freiheit in der Musik, die ich auch immer suche. Die Musik ist das Wichtigste, gleichzeitig nimmt sich niemand zu ernst. Alles ist Popmusik.

Welche٭r der Künstler٭in hat zuletzt ein Album herausgebracht, das man sich anhören sollte?

Oh…alle natürlich! 🙂 Also, von den Tenniscoats selbst gibt es natürlich viele wunderbare CDs, z. B. ihre Reihe Music Exists mit fünf Alben. Zuletzt haben sie ein Album nur mit ihrer Version von Jazz-Standards aufgenommen, als nächstes kommt ein Album mit elektronischen Beats. Die Band Yumbo ist eine ähnlich tolle Band mit vielen Mitgliedern, die sehr vielseitige experimentelle, unkategorisierbare Popmusik macht. Eddie Marcon ist auch eine wichtige Band, mit allen möglichen Seitenprojekten, die sehr aktiv ist. Da gäbe es noch viel mehr zu nennen.

Es ist nur leider schwierig, die CDs hier in Europa zu bekommen, das ist auch ein Grund, diesen Sampler zu machen. Er soll der Start für eine Reihe von Wiederveröffentlichungen und Compilations der Bands und Projekte sein.

Für einige beteiligte Künstler٭innen muss es eine Besonderheit sein, über zwei in Deutschland ansässige Labels vertrieben zu werden. Wie ist die Resonanz der Künstler٭innen auf eine Veröffentlichung in Europa?

Nach dem, was ich so mitbekomme, sind alle sehr glücklich darüber und freuen sich sehr. Einen vergleichbaren Sampler gab es ja auch in Japan lange nicht mehr. Er führt viele Leute zusammen, in Japan und außerhalb, und das ist eine schöne Sache.

Warum erschien Minna Miteru nicht bei einem japanischen Label?

Das war auch kurzzeitig angedacht, aber da die Idee ja war, diese japanische Szene nach außen zu tragen und außerhalb Japans vorzustellen, ist es so besser.

Minna Miteru erscheint am 1. Mai 2020, Kuratorin: Saya Ueno, Artwork: Takashi Ueno, Coverbild: © Morr Music/Alien Transistor.

Die Auswahl auf Minna Miteru basiert auf einem Songbook mit Stücken befreundeter Musiker٭innen der Tenniscoats. Könntest du uns mehr dazu erzählen: Fand das Songbook in Japan bereits den Weg an die Öffentlichkeit oder handelt es um ein privates Stück?

Das Songbook hat sich Ueno ausgedacht. Da er oft mit befreundeten Musikern zusammensaß und sie angefangen haben, mit der Gitarre Lieder zu singen, hatte er die Idee, ein Indie-Songbook mit den Liedern befreundeter Bands zu machen. Er hat die Liedtexte mit Gitarrenakkorden und eigenen Zeichnungen gesammelt und als Risoprint-Heft in kleiner Auflage veröffentlicht und verkauft. Ich fand das super und da ich einige Lieder nicht kannte, habe ich gefragt, ob ich eine CD davon haben kann. So kam die Idee zu dem Sampler zustande.

Korrespondiert das Artwork der Platte mit dem illustrierten Druck?

Das Risoprint-Heft und der Sampler jetzt haben nur noch ein paar wenige Bands gemeinsam, und dass Ueno die Illustrationen gemacht hat. Sonst sind die Lieder und Bands andere, auch das Artwork ist komplett anders.

Wie würdest du die Rolle der Tenniscoats in der japanischen Indie-Landschaft beschreiben? Kann dort von einer stark vernetzten Subkultur gesprochen werden?

Saya und Ueno sind Teil eines großen Freundeskreises, der sehr aktiv ist. Es gibt viele kleine Plattenläden, Cafés, Galerien und Clubs, in denen winzige Konzerte stattfinden, Ausstellungen, Performances und so weiter. Die Grenzen sind dabei nicht so streng gesteckt wie bei uns. Da können ein Folksänger, elektronischer Noise und ein Tanzperformance an einem Abend stattfinden, einfach weil die Musiker٭innen untereinander befreundet sind. Meistens wird dann auch noch sehr gut gekocht, selbstgenähte Kleidung, CD-Rs in Mini-Auflagen oder Siebdruckhefte verkauft. Tolle und inspirierende Orte. Leider werden auch in Japan viele die Auswirkungen der Corona-Krise wirtschaftlich nicht überleben, da die Regierung bislang keine Unterstützung für Künstler٭innen und Veranstaltungsorte bereitstellt.

Etwas später im Mai erscheint ja auch dein neues Album mit Spirit Fest, Mirage Mirage – alles Gute für den Release! Mit dem Album tauchst du natürlich auch selbst tief in die japanische Indie-Szene ein. Wann und wo ist das Album entstanden?

Wir haben die Platte letzten Sommer in München aufgenommen, ein paar Stücke auch schon im November davor, an ein paar freien Tagen während der Spirit-Fest-Tour in Tokio in Sayas Studio.

Mirage Mirage erscheint am 15. Mai 2020, Coverbild: © Morr Music/Alien Transistor/AFTERHOURS.

Auf Mirage Mirage sind diesmal auch einige Gastmusiker zu hören. Ihr arbeitet darauf außerdem verstärkt mit Field Recordings und Samples. Ist diese Offenheit voreinander und allem anderen typisch für eure Arbeitsweise?

Alle bei Spirit Fest sind sehr offen für alle seltsamen Ideen. Deswegen passt das auch immer sehr gut zusammen. Am Ende aber kommen dann doch oft Pop-Songs dabei heraus, das überrascht uns dann selbst. Mat Fowler (von Jam Money und Spillane Fete) macht ständig Field Recordings, auch um die Umgebung und den Aufnahmeprozess mit in die fertigen Stücke einbringen zu können. So kann man auf der Platte jetzt den Klavierstimmer, ein Kind im Treppenhaus und eine Unterhaltung mit einem alten Mann auf dem Hofflohmarkt vor dem Studio hören.

Es ist bereits das dritte Album in vier Jahren. Was denkst du, wie viele Spirit-Fest-Platten ihr noch veröffentlicht, bevor das neue Notwist-Album erscheint?

Spirit Fest hat ja eine ganz andere und viel spontanere Arbeitsweise, deswegen kann das, wenn wir mal zusammen sind, sehr schnell gehen. Leider wird das durch die Corona-Krise jetzt über einen längeren Zeitraum schwierig werden.
Aber eine neue Notwist-Platte ist auch so gut wie fertig. Sie müsste eigentlich, wenn alles klappt, dieses Jahr irgendwann noch rauskommen.

Glaubst du, wenn man genau hinhört, wird man auch bei den aktuell entstehenden Notwist-Songs Elemente von Minna Miteru heraushören können wird?

Ich denke, man hört das nicht eins zu eins. Aber das Verspielte und der Mut dieser Stücke haben mich schon sehr beeindruckt. Und das fließt bestimmt mit ein.

Vielen Dank für das Interview.


Titelbild: © Morr Music/Alien Transistor

Ein Gedankenexperiment zum Weltuntergang

Es ist bekannt, dass der japanische Schriftsteller und Regisseur Ryū Murakami (nicht zu verwechseln mit Haruki Murakami!) gerne schonungslos über rohe Randgestalten dystopischer Gesellschaften schreibt. Zu Recht gilt daher auch sein Roman Coin Locker Babies als düsteres und misanthropisches Meisterwerk. Doch nun liegt ein weiterer grandioser Roman von ihm auf Deutsch vor: nämlich der erste Band des Werkes In Liebe, Dein Vaterland. Darin entwirft er erstmals ein gar nicht so abwegiges düsteres Gesamtbild einer zukünftigen Politik und Gesellschaft auf raffinierte und abgeklärte Weise.


Das Buch, bereits 2005 in Japan veröffentlicht, biegt Anfang des 21. Jahrhunderts ab und entwirft eine alternative Weltgeschichte. Die USA haben sich unter George W. Bush mit ihren Kriegen überhoben, sind pleite und  entwickeln sich zu einem gescheiterten Staat. Da der Yen an den US-Dollar gekoppelt ist, geht auch Japan bankrott. Das Sozialsystem kollabiert, marodierende Banden ziehen durch die Lande, die Yakuza (die japanische Mafia) übernimmt die Kontrolle über die Gesellschaft, und Massen an Obdachlosen bevölkern die Stadtränder. Auch sind die USA gezwungen, ihre Beziehungen zu Nordkorea aufzuweichen und sich aus der asiatisch-pazifischen Region zurückzuziehen.

Nordkorea sieht nun seine Chance gekommen und schleust heimlich eine Einheit an Elite-Soldaten unter Leitung des fanatischen Choi Rak-gi nach Japan. Die Soldaten besetzen ein Baseball-Stadion in Fukuoka, nehmen Tausende Zuschauer als Geiseln und geben sich als militärische Widerstandskämpfer gegen das totalitäre Nordkorea aus, die sich auf der Insel organisieren wollen. Während die Politik verwirrt und gelähmt ist, planen die Invasoren die Geheimoperation „In Liebe, Dein Vaterland“. Diese soll 120 000 nordkoreanische Soldaten nach Japan bringen, um es vollständig zu erobern.

Murakami übertrifft sich mit dem ersten Band Die Invasion dieser auf zwei Teile angelegten Reihe selbst. Mit einer überlangen – vom Umfang an russische Romane des 19. Jahrhunderts erinnernde – Liste an Protagonisten schreibt Murakami über verschiedenster Figuren auf verschiedensten Ebenen: von japanischen und koreanischen Politikern und Geheimdienstlern, die stets intrigant und bösartig auftreten, über japanische Mafiosis, die im Namen der Gerechtigkeit von den Invasoren hingerichtet werden, bis hin zu einer Gruppe an jugendlichen Soziopathen (die Ishihara-Gruppe), die das Geschehen amüsiert verfolgen und es für ihre eigenen Gewaltphantasien ausnutzen.

Gesellschaftskritik ohne moralischen Zeigefinger

Erstaunlich ist dabei, dass es keinen Helden und keine wirkliche Identifikationsfigur in dieser Liste gibt. Realistisch werden die Protagonisten als Egoisten, Bürokraten oder von der Gesellschaft zu Geisteskranken geformte Persönlichkeiten dargestellt. Es gibt keine guten Übermenschen, die das Land retten; es gibt nur Opfer, Täter und Kriegsgewinnler. Falls im zweiten Band überhaupt jemand Japan von der Besatzung befreien kann, dann eher die im ersten Teil der Handlung noch abseits der Handlung stehende Ishihara-Gruppe. Das birgt eine gewisse Ironie, denn in der Gruppe tummeln sich Satanisten, Nordkorea-Sympathisanten und mehrfache Mörder – und die haben eher Zerstörung und Chaos denn Rettung im Sinn. Durch die erzeugte Distanz zu den Akteuren – und damit auch dem Geschehen – entfaltet sich die Möglichkeit des Lesers, den Roman als radikale Gesellschaftskritik aufzufassen, zu denken, statt zu fühlen, trotz der sich abspielenden Monstrosität.

Doch Murakami hebt nicht den moralischen Zeigefinger. Das Buch ist im Grunde sogar gänzlich amoralisch und nichtnormativ. Denn auch der Erzähler geht demonstrativ auf Distanz zu den geschilderten Ereignissen und Gedanken der Protagonisten. Murakami erzählt seine Geschichte wie einen Bericht. Dabei gelingt ihm der erstaunliche stilistische Drahtseilakt trocken, sachlich und dokumentarisch, aber auch (schon bedingt durch die Krassheit der Handlung) spannend und bedrückend zu erzählen. Jenseits jeglicher Identifikation oder des Kitsches (den beispielsweise sein Namensvetter ab und an anheimfällt) erfasst der Autor so ein Bild von der Totalität einer perversen Gesellschaft. Und indem sein Stil nur als unparteiisch und zynisch zu klassifizieren ist, gespickt mit zahlreichen Ironien, satirischen Elementen, die den morbiden Leser zum Schmunzeln einladen, oder brutalen, manchmal auch überspitzten Gewaltszenen, ist das Buch auch herrlich unaufgeregt und unempört im Angesicht einer umwälzenden Handlung. In Liebe, Dein Vaterland, Band 1 ist damit nicht weniger als eine Meisterleistung einer vielseitigen und komplexen soziofiktiven Narration.

Zwar handelt es sich bei dem Buch um eine alternative Geschichtsschreibung, also eher ein umfassendes pessimistisches Gedankenexperiment in Romanform, an dessen Ende zweifellos die Zerstörung Tokios stehen wird – so ist es nämlich Tradition in der japanischen Science Fiction. Doch so unrealistisch ist das politische Szenario nicht einmal. Dass die USA sich oligarchisieren, also ihren Staat Wirtschaftsbossen überlassen, sowie sich und andere mit ihrer Außenpolitik ruinieren und aus Ostasien raushalten, ist spätestens in der Ära des Trump-Wahnsinns nicht unplausibel. Murakami zeigt uns damit, wie sich auch industrialisierte, als stabil geltende Staaten (wie Japan oder die USA, man kann aber auch die europäischen Nationen leicht hinzufügen) zu failed states entwickeln können, und die Bevölkerung dann leichte Beute für Invasoren aufstrebender fremder Mächte und innerländischer Warlords ist.

Man kann sogar so weit gehen zu behaupten, dass der Autor uns die mögliche Folge der Perversionen von imperialistischem Krieg, kapitalistischer Oligarchisierung der Politik und Verarmung der Gesellschaft dank Währungskursen trocken und auch ein bisschen amüsiert aufzeigt. Böser, drastischer, pessimistischer und brillanter als Murakami hätte man die Weiterentwicklung des Weltsystems nicht denken, aber vor allem nicht erzählen können. In Liebe, Dein Vaterland, Band 1 ist ein Zukunftsroman, der noch seinesgleichen sucht.

In Liebe, Dein Vaterland, Band 1, Die Invasion von Ryū Murakami wurde von Ursula Gräfe ins Deutsche übersetzt. Der Band erschien im September beim Septime Verlag Wien und hat 456 Seiten. Band 2, Der Untergang, ist fürs Frühjahr 2019 angekündigt.

Unbequeme Schattenseiten. Nakamuras „Die Maske“

Jüngst erschien der japanische Bestseller Die Maske in deutschsprachiger Ausgabe. Im Prinzip stellt dessen Autor Fuminori Nakamura in dem Roman bloß simple Charakterfragen: Wie geht man damit um, wenn das eigene Leben dazu vorbestimmt ist, den größtmöglichen Schaden anzurichten? Und: Kann ein Identitätswechsel helfen, seine innere Bestimmung zu überwinden?


Es soll ja Familien geben, die sich der Weltverbesserung verpflichtet haben, für die der eigene Wohlstand nur Mittel zum Zweck ist, Gutes zu tun und die Welt zu verbessern. Wenn es diese wirklich gibt, dann gibt es sicher auch Familien wie den Kuki-Clan, der sich neben dem Anhäufen von Reichtümern noch ein zweites Ziel gesetzt hat: Übel und Verderben über die Welt zu bringen. In einer alten Familientradition zeugen daher die männlichen Kukis in hohem Alter noch ein Kind, das sie sehr bewusst darauf drillen, Schaden an der Menschheit zu verüben. Wer die Mutter ist, erfahren diese liebevoll als „Geschwüre“ gerufenen Kinder oftmals gar nicht. Geschickt webt Nakamura die Familienchronik jener Kukis in die jüngere Weltgeschichte ein, in der die sympathische Unternehmerfamilie aus Japan sicher ihren Platz gefunden hätte. Familienmitglieder tauchen etwa bei den Massakern der großen Kriege auf oder bei Terroranschlägen. Nicht immer zielen die Verbrechen der Familie auf einen persönlichen Vorteil. Ihre konsequente Haltung gegen die Menschenrechte hat ihnen dennoch nicht dabei geschadet, enorme Reichtümer anzuhäufen.

Krieg als moralisch integres Geschäft

Gerade erst machte sich einer der Kuki-Söhne in einem afrikanischen Bürgerkrieg verdient, den er mit geschäftsmännischer Präzision im Grunde selbst erst organisiert hat. Welchen kleinen Staat es hier traf und welcher politischen Richtung er hilft, spielt kaum eine Rolle – weder für ihn noch für den Roman. Viel spannender an Letzterem ist, wie Nakamura die Mechanismen moderner Kriege als Geschäftsmodell nachzeichnet. Das Investionsobjekt: ein Machtvakuum, am besten nach einer Revolution. Die Investition: Unterstützung einer Rebellengruppe mit Waffen und strategischer Beratung. Das Geschäft: Zerstörung der Ordnung, der Infrastruktur, ganzer Städte, des gesamten Staats, bis zum Aufbau einer neuen Regierung. Der Lohn: die Etablierung der hauseigenen Firmen in den Wiederaufbau. Ein Millionengeschäft.

Auch wenn dieser konkrete ferngesteuerte Krieg Fiktion sein mag, bleibt ein unangenehmer Geschmack. Zumal Nakamura auch hier nicht die Verortung des Geschäftsmodells in realen Kriegen scheut. Zwar verzichten die meisten Regierungen heute auf Propagandaministerien, aber dass Kriegsparteien teilweise Werbeagenturen beschäftigen, um Fake News zu verbreiten und international für Kriegseinsätze zu werben, ist ja bekannt. Allein mit den inneren Konflikten der Beteiligten an solchen Kampagnen ließen sich ganze Bücher füllen. Aber anstatt moralisch zerrissene Charaktere zu portraitieren, zeichnet Nakamura in seinem Roman zahlreiche integre Persönlichkeiten, die mit sich selbst im Reinen sind und nach ihrer Berufung handeln: Geschwüre eben. Das ist dann schon wieder literarisch interessant.

Maskiert durch die Unterwelt

Als ein solches Geschwür kommt auch Fumihiro Kuki, Hauptfigur des Romans, zur Welt. Und schon nach wenigen Seiten entsteht Eindruck, dass es sich hier nur um eine Ausreißergeschichte mit Rachefeldzug handeln kann. Denn Fumihiros Vater, der selbst als jüngster Sohn, als Geschwür, in die Welt trat, drillt seinen Sohn schon in jungen Jahren leidenschaftlich zu seiner Bestimmung. Etwa nimmt er ein Mädchen aus dem Waisenhaus im Familienanwesen auf, lässt beide Kinder Seite an Seite aufwachsen, misshandelt sie aber im Wissen des Sohnes. Dass sich daraus nicht über Romanlänge eine komplett fatalistische Geschichte abspielen wird, will man beim Lesen natürlich schon deswegen hoffen, weil der Roman bereits bei einer breiten Öffentlichkeit eingeschlagen und zum Bestseller geworden ist. Dass es Fuminori Nakamura gelingt, seiner Figur Fumihiro trotz dieser Grundvoraussetzungen mit einem komplexen und nicht komplett gutmütigen Charakter auszustatten, ist andererseits eine der großen Leistungen des Romans.

Titelgebend ist übrigens der Umstand, dass Fumihiro aus gegebenen Anlässen, vor allem, um unerkannt wirken und gegen den Familienfluch kämpfen zu können, einen Identitätswechsel einschlägt. Da er dabei einen radikalen Weg wählt, der ihm selbst viel abverlangt, klappt zumindest das auch teilweise ganz gut. Da sich der gesamte Roman jedoch im Yakuza-Zwielicht aus Drogen, Rotlicht und Gewalt mit Akteuren wie Bandenmitgliedern, Undercover-Polizisten und Privatdetektiven bewegt, stellt sich für ihn auch die neue Identität als nicht ganz unproblematisch heraus. Im Prinzip beschränkt er sich im Roman immer mehr auf zwei einfache Grundhandlungen: das Anrichten kalkulierter Schäden auf der einen und die Begrenzung anderer Schäden auf der anderen Seite.

In Japan feierte bereits eine aufwendige Verfilmung des Stoffs Kinopremiere. Aus gutem Grund, denn der Roman beleuchtet sehr geschickt gesellschaftliche Schattenseiten. Nicht zuletzt wird die extrem hohe Selbstmordrate in Japan thematisiert. Und die Geschichte birgt mehr als genug Potenzial, um ein spannender Film zu werden, auch wenn der Roman selbst dieses noch nicht ganz auszuschöpfen weiß. Da das Setting am Ende doch entfremdet und die Geschichte absurd bleibt, manchmal auch logisch etwas herausfordernd ist, fällt es ab und an schwer, sich die Dramatik des Stoffs einzuverleiben. In puncto unvorhersehbaren Wendungen und einer Handlung, die durch ihre Merkwürdigkeit fasziniert, lässt Nakamura allerdings keine Punkte liegen.

Die Maske von Fuminori Nakamura erschien am 28. Februar 2018 im Diogenes Verlag.

Titelbild: © Lucas Allmann auf Pexels

Im wirren Strudel der Ideen

Nachdem bereits der im Januar dieses Jahres in Deutschland erschienene erste Band von Haruki Murakamis Roman Die Ermordung des Commendatore für Furore sorgte, ist nun der zweite Band mit dem Untertitel Eine Metapher wandelt sich herausgekommen. Schon der erste Band war im Vergleich zu sonstigen Werken des gefeierten japanischen Schriftstellers recht banal und langatmig. Es blieb zu hoffen, dass der zweite Band die Buchreihe retten würde. Doch auch diese Hoffnung hat Murakami enttäuscht.

Zur Erinnerung: Philips Besprechung des ersten Bands findet ihr hier.


Band zwei schließt direkt an die Begebenheiten des ersten Parts – diese Ereignisse zu nennen, wäre zu viel des Guten, denn im Grunde hatte sich bislang nicht viel ereignet – an. Der Ich-Erzähler, ein namenloser Porträtist, der in einer japanischen Provinz im Haus des Vaters eines früheren Kommilitonen wohnt und dessen Scheidung gerade am Laufen ist, soll die 13 Jahre alte Marie porträtieren und das Mädchen dabei dem reichen Exzentriker Menshiki näherbringen, der vermutet ihr Vater zu sein. Daneben versucht der Künstler, gebannt von dem Bild Die Ermordung des Commendatore, das Tomohiko Amada, der Vater des Freundes, in dem Haus gemalt und versteckt hat, der Biographie Amadas nachzuspüren sowie dessen traumatischer Vergangenheit im erfolglosen Widerstand gegen das NS-Regime während seiner Zeit in Wien.

Daneben erscheint ihm immer wieder eine groteske kleine Figur, eine Miniatur des Commendatore aus dem Bild, die eine Idee darstellt und rätselhafte Tipps gibt. Schließlich entstehen natürlich diverse Komplikationen und der Ich-Erzähler wird von diesen, in deren Mitte er sich durch Passivität befindet, mitgerissen, was ihn, wie so oft bei Murakami, in Parallelwelten führt, um Marie, die vermeintlich in Schwierigkeit ist, zu retten. Der Porträtist gelangt so in die dunkle und enge Welt der Ideen und Metaphern, voller unterbewusster Gefahren und Fallen.

Murakami, der doch auch ein Meister der Kurzprosa und des pointierten und gleichzeitig melancholischen Schreibens ist, kommt leider auch in Band zwei nicht zum Punkt. Das und die Belanglosigkeit vieler Handlungsstränge waren schon im ersten Band ein Problem. Allzu lange beschäftigt er sich mit den Bemerkungen eines nicht besonders willensstarken und fast schon flachen Charakters des Ich-Erzählers und seinen Wahrnehmungen der anderen Protagonisten. Die Auflockerungen durch das unregelmäßige Erscheinen des Commendatore, die wohl bizarr sein sollen, wirken dabei auch nur lächerlich.

Zwischen Nationalsozialismus und Ehebruch

Im Grunde plätschert ein Großteil des Romans vor sich hin, während sich die verschiedenen Erzählstränge ziemlich berechenbar und ohne sonderliche Wendepunkte fortentwickeln. Besonders absurd wirkt dabei das Ende. Der Porträtist muss, um ein Schicksal zu erfüllen und Marie zu retten, den Commendatore vor den Augen des geistig umnachteten Amada ermorden, um das Bild nachzuvollziehen und in die Ideenwelt zu gelangen. Dadurch soll er Marie retten, die verschwunden ist, aber im Endeffekt nur in einer sehr misslichen Lage ist, da sie Menshiki hinterherspionierte. Die Ideenwelt hält dabei Reminiszenzen an Murakamis Roman Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt bereit, und die Ereignisse um die Geliebte des Ich-Erzählers schließen nahtlos an seinen grandiosen Roman Afterdark an. Im Vergleich zu diesen beiden Werken, die man getrost zumindest als höchst lesenswert bis meisterhaft titulieren kann, bleiben die Schilderungen des Mysteriösen und Fantastischen verhältnismäßig blass, passend zum langweiligen und willensschwachen Hauptprotagonisten. Getoppt wird diese Blässe nur noch durch Murakamis Vorliebe für große weibliche Brüste, etwas das immer wieder und nicht so subtil wie in seinen anderen Büchern eine dominante Rolle spielt.

Das einzig Spannende, aber auch Spekulative an Die Ermordung des Commendatore bleibt die Frage, inwiefern die Ereignisse, etwa der Abstieg in die Ideenwelt und Maries Rettung durch den Commendatore, zusammenhängen und was überhaupt in den Bänden geschehen ist, was erzählenswert wäre, außer dass der Porträtist technisch-künstlerisch Fortschritte gemacht hat. Der Ich-Erzähler ist gefangen in einem wirren Strudel, den die Ideen und Figuren, die ihn umgeben, die er aber nicht ausreichend versteht, konstruieren. Immerhin regt dies, wenn man schon die vielen hundert Seiten der beiden Bücher durchgelesen hat, zum weiteren Nachdenken an, und die Lösung ist wohl irgendwo zwischen dem Nationalsozialismus, bildender Kunst, klassischer Musik und unehelichem Sex zu finden – es hätte wohl doch ein bisschen präziser und pointierter sein können.

Sprachlich und stilistisch ist Band zwei gelungen, ähnlich wie Band eins, dennoch scheint Murakami auch hierbei momentan nicht auf seinem sonstigen Niveau zu sein. So gelingt es ihm nicht mehr, Romantik, Sehnsucht, Mystik und existenzielle Fragen der Freiheit zusammenzudenken und poetisch, verdichtet zum Ausdruck zu bringen. Realistisch und feinsinnig beobachtet schildert er zwar die Wahrnehmungen des Ich-Erzählers, die natürlich von seinen künstlerischen Fähigkeiten definiert sind, aber der sprachliche Tiefgang, etwa zu den eigentlichen Bedeutungen der auftretenden Metaphern und Ideen, fehlt. Murakami hat sich in den sehr beschränkten Verstand und den nahezu nur äußerlichen und oberflächlichen Beobachtungen des Ich-Erzählers gefangen.

Was ergo als großer Künstlerroman intendiert ist, reicht so leider auch nicht zum Entwicklungsroman oder zur Hommage an die Kunst in Zeiten politischer Katastrophen oder existenzieller Krisen. Vielleicht hätte es Murakamis Lesern besser getan, anstatt dieses langatmige und langweilige Werk zu schreiben, eine neue vielseitige Erzählungssammlung zu schreiben.


Haruki Murakamis Die Ermordung des Commendatore, Bd. II: Eine Metapher wandelt sich, übersetzt von Ursula Gräfe, erschien am 14. April 2018 beim Dumont Verlag Köln.

Titelbild: © Dumont-Verlag

Von Fleischfalten und Schraubenknochen – Dempow Torishima: SISYPHEAN

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Cronenberg trifft Kafka trifft Ligotti trifft H. R. Giger in Dempow Torishimas Roman „Sisyphean“, einem japanischen New-Weird-Roman, der nun in englischer Übersetzung erhältlich ist und eine Zukunft voller Biotechnologie und Genmanipulation schildert, in der Fleisch, Haut und Körperflüssigkeiten das Baumaterial der Wahl zu sein scheinen.

Ein Gastbeitrag von Dennis Mombauer.


Der Haikasoru-Verlag hat sich zum Ziel gesetzt, ausgewählte japanische Literatur einem englischsprachigen Publikum zugänglich zu machen – den jüngsten Beitrag dazu leistet nun „Sisyphean“ (Kaikin no to) von Dempow Torishima. Der Roman ist etwa 300 Seiten lang und erschien ursprünglich 2011 in Japan. Er ist nun seit März 2018 in der englischen Übersetzung von Daniel Huddleston sowohl gedruckt als auch als eBook erhältlich.

Es ist schwer, der einzigartigen, exquisiten Fremdartigkeit des Romans und seines Universums in einer Rezension gerecht zu werden: er ist ein Vorstoß in unerforschte Regionen, ein unglaublich dichtes und komplexes Experiment in Sprache und Inhalt, das in der mir bekannten Literatur seinesgleichen sucht. Auf nur 300 Seiten entfaltet Torishima ein (von ihm selbst auch wunderbar illustriertes) Universum aus Raumfahrt und Bio-Horror, japanischer Mythologie und alptraumhaften Arbeitsabläufen, Genmanipulation und Sinnsuche, das viel Zeit zum Lesen und noch mehr zum Verstehen benötigt.

In vier Teilen werden die Geschichten eines Arbeiters in einer Organfabrik, eines jungen Taxonomisten in einer Welt von Mutanten, eines unsichtbaren „Dodgejobbers“ und einer Karawane von Yeti-Kreaturen erzählt, die jeweils eine andere Facette des Universums beleuchten.

Wuchern und Wachsen

Dabei zieht sich eine cronenbergsche Groteskheit durch den Roman, tropft und sickert von jeder Seite in einer Flut organischer Apparaturen und symbiotischer Biotechnologie. Allein in den ersten Abschnitten finden sich stringbeasts und coffin eels, bloodtide wayfarers, skinboad-panelled walls, fabric knitted with muscle fiber, corpuscytes, synthorganic digestive tracks, winedregs, meatpleats, slimecakes und skingloves, stillveins cords, guidejuices, neurofungi und vieles mehr.

Reizüberflutung und Abnutzungseffekte

Der Einfallsreichtum und das schiere Ausmaß von Torishimas Vorstellungskraft überwältigen zu Beginn des Romans vollständig, und die erste Hälfte verlässt sich auf die Neugier der Leser, in eine andere Welt einzutauchen. Dabei stellen sich jedoch auch Probleme ein: Die ausführliche Beschreibung von Räumen, Lebewesen und Gerätschaften erzeugt einen Abnutzungseffekt und erzielt manchmal paradoxerweise das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung. Das Fremdartige wird durch die Flut bizarrer Details nicht fremdartiger, sondern gewöhnlicher – und damit langweiliger. Was beispielsweise Thomas Ligotti mit wenigen wohlplatzierten Sätzen erzielt und was den Leser bis ins Mark erschüttert, stellt sich hier nicht im selben Maße ein.

Weniger Beschreibung hätte dem Roman an vielen Stellen gut getan: der Präsident in der ersten Geschichte erinnert beispielsweise an Ligottis „Our Temporary Supervisor“ oder auch „The Town Manager“, ist aber so sehr im (zugegebenermaßen höchst fremdartigen) Detail beschrieben, dass wenig Geheimnisvolles übrig bleibt. Und doch: Sätze wie „He showed the worker their still-beating hearts—about the size of sesame seeds—as they floated clear of the puffy cloads of red now spreading out in his fingers.” oder “The President did perceive sounds by way of a different sort of system, but it tended to interpret the worker’s voice as static.” sind brillant.

An manchen Stellen kommt es zum Fremdwort-Overload, so dass Sätze aus dem Zusammenhang gegriffen völlig unverständlich wirken: “He could see the groundship’s coaxer holding an emerald-hued magatama that it had extracted from the corpse of a canvasser.” An anderen Stellen wirken die Benennungen irritierend und (unfreiwillig?) komisch, beispielsweise wenn von Marrowpens mit Marrowink, Landsoup, Cobbleshell Roads, Exoshelletons oder Bonemeal Bread die Rede ist, oder driften gar ins Alberne ab (der Bonedriver löst die Screwbones).

Im Bio-Büro

Bemerkenswert ist, dass der Roman trotz aller Fremdartigkeit in weiten Teilen überraschend wiedererkennbare Probleme und Arbeitserfahrungen schildert, vor allem im ersten Viertel teilweise beinah enttäuschend banal ist – verärgerte Chefs und Schlafmangel, lange Schichten, die in der Erinnerung zusammenlaufen und sich vermischen; strikte Hierarchien, mechanische Abläufe und die Aufsicht übermächtiger Vorgesetzter; ein zu kaltes Büro, Arbeitszwang trotz Krankheit, alternativloses Kantinenessen, ungeliebte Kollegen und übermächtige Bosse, die in einer anderen Welt zu leben scheinen. Es ist dabei vielleicht kein Wunder, dass dieser Roman aus der japanischen Kultur geboren wurde: die komplette Aufopferung für die Firma („should the product not be ready on time, he would be the one literally cutting his own stomach open”) erinnern stark an das Klischee japanischer Firmenloyalität und an Karōshi, Todesfälle durch Überarbeitung.

Fazit

Die Handlung ist geschickt zusammengefügt und enthüllt die Mechanismen der Welt aus verschiedenen Perspektiven. Nach und nach erschließen sich die Vorgeschichte und die Hintergründe des Universums, was zwar unweigerlich eine gewisse Entzauberung mit sich bringt, aber auch für zahlreiche Aha-Effekte sorgt. Die verschiedenen Elemente sind nicht willkürlich eingestreut, sondern gehören mit System zusammen, und Torishima bedient sich einer Formensprache und Ideenwelt, die zumindest für mich sehr unverbraucht wirkt und einen frischen Hauch in die doch immer noch überwiegend westlich zentrierte Fantasy und Science Fiction bringt.

Von mir trotz gewisser Längen und hoher Anforderungen eine klare Kaufempfehlung: es gibt nichts Vergleichbares.


Autorenfoto MombauerDennis Mombauer, Jahrgang 1984, wuchs »am Rhein« auf und zog studienbedingt nach Köln, wo er heute lebt und arbeitet. Er schreibt Kurzgeschichten, Romane und Flash Fiction und ist Mitherausgeber von »Die Novelle – Zeitschrift für Experimentelles« (http://novelle.wtf/de/). Dort Beiträge zu experimenteller Genre-Literatur und eigene experimentelle Texte. Diverse Veröffentlichungen in englisch- und deutschsprachigen Zeitschriften und Anthologien.

 

Ein literarischer Meisterkoch wärmt Altes neu auf

Normalerweise ist man von dem japanischen Schriftsteller Haruki Murakami, der seit Jahren als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gilt, Meisterwerke zu zwischenmenschlichen Beziehungen und psychischen Abgründen gewöhnt. Sein neuer Roman Die Ermordung des Commendatore, dessen erster Band Eine Idee erscheint nun in deutscher Sprache vorliegt, ist dagegen leider eine Enttäuschung. Denn zu sehr spielt Murakami mit etablierten Motiven, sein Buch bringt nur wenig Neues.


Der Erzähler des Romans ist diesmal namenlos und Porträtmaler. Nachdem seine nichtssagende Ehe in eine Scheidung mündete, reist der Protagonist ziellos durch Japan, bis er schließlich in die Berge zieht, in eine Hütte des Vaters eines früheren Kommilitonen. Isoliert in den Bergen, sich unfähig zu jeder Art von Malerei fühlend, ergeben sich hier nun mehrere Handlungsstränge, die noch nicht ersichtlich miteinander koinzidieren. Zum einen beauftragt ihn der exzentrische und dubiose IT-Millionär Wataru Menshiki für ein besonderes Porträt, jedoch mit anderen Zielen im Hinterkopf. Ebenso versucht der Erzähler seine sexuelle Vergangenheit und seine eigentümliche Beziehung zu seiner toten Schwester in Rückblenden aufzuarbeiten. Und, vielleicht am wichtigsten, auch wenn dies eher so nebenbei geschieht, findet der Maler auf dem Dachboden ein altes Gemälde: Die Ermordung des Commendatore. Dieses Bild, das eine Szene aus der Oper Don Giovanni adaptiert, zieht ihn fortan in den Bann und bringt ihn in Kontakt mit einer unklaren materialisierten Idee aus einer anderen, zeitlosen Welt.

All diese Motive, ein farbloser Ich-Erzähler, ein Einzelgänger, der gerne ein Künstler wäre, Parallelwelten, schlechter Sex und nicht aufgeklärte mystische Geheimnisse, sind dem Murakami-Leser keinesfalls neu. Auch der enttäuschte Künstler, der sich in die Natur zurückzieht, ist nicht gerade eine kreative Idee. Generell ist vieles in dem Roman berechenbar. Es scheint, als ob der Meisterkoch der Literatur nur ein altes Gericht wieder aufgewärmt hätte. Frisch ist daran nur sehr wenig: etwa, dass der männliche Erzähler, diesmal fasziniert ist von einem Mann, nämlich Menshiki, aber auch überfordert, und dass er diesmal kein erfolgloser Schriftsteller oder Architekt ist, sondern Porträtist, der gerne freie Kunstwerke zeichnen und malen würde.

Insgesamt scheinen dieses Mal die Figuren farblos gestaltet zu sein. Während es in seinen früheren Romanen charakteristisch war, dass der Ich-Erzähler farblos war oder sich so empfand – so etwa in seinem melancholischen Roman Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki –, sind nun alle Figuren mehr oder weniger farblos. Das könnte einerseits dazu dienen, ihnen bei der Auflösung im zweiten Band, der im April erscheinen soll, Tiefe zu verleihen und sie nun geheimnisvoll zu gestalten; andererseits hat der Künstler prinzipiell Probleme Gesicht oder Charakter von Menshiki auf einer Metaebene zu malen. Es scheint, dass nur der Commendatore als Idee und die Vergangenheit des Hausbesitzers literarische Plastizität besitzt.

Doch selbst wenn dies Methode und womöglich einen Sinn hat, den der Leser noch nicht durchschaut, so ist es doch über einen ganzen Roman hinweg ziemlich langatmig. Daher ist es wohl auch keine gute Idee, das Projekt zweibändig zu gestalten, denn dadurch entstehen lästige Längen, und auch spannende Cliffhanger zählen – das zeigt auch sein an sich epochaler dreibändiger Roman 1Q84 – nicht zu Murakamis Stärken. Dafür ist sein Stil im neuen Werk modifiziert: Er beschreibt nun, seinem Erzähler angemessen, seine Umwelt wesentlich bildhafter, plastischer, farbiger, und in seiner literarischen Verarbeitung von Gemälden und Opern, generiert er eine künstlerische Kombination auf einer Metaebene.

Tatsächlich ist das Abdecken verschiedenster Kunstformen die größte Stärke von Die Ermordung des Commendatore, Bd. 1. Denn natürlich bleibt Murakami ein genialer Stilist. Jedoch scheinen ihm die Ideen für Neues auszugehen, so als ob ihm (hoffentlich nur zwischenzeitlich) die Luft während der Produktion ausgegangen ist. Darum ist auch im ersten Teil dieses Werkes noch kein großer Gehalt ersichtlich. Kreativ, innovativ, tiefsinnig und grandios sind eher seine anderen Romane und Erzählungen.


Haruki Murakamis Die Ermordung des Commendatore, Band I: Eine Idee erscheint, übersetzt von Ursula Gräfe, erschien am 22. Januar 2018 beim Dumont Verlag Köln.

Titelbild: © Dumont Verlag

Suizidale Meditationen

Marion Poschmanns Die Kieferninsel ist erzählt wie ein System aus Informationen, die am Ende einer Reise das Bewusstsein durchströmen wie ein komplexer Traum. Oder grüner Tee.


Worum geht es inhaltlich? Der Kulturwissenschaftler Gilbert Silvester wird von einer Information aus seinem Privatleben aus der Bahn geworfen und entscheidet sich kurzerhand für eine Japanreise. Das Gute ist: Er hat Geld und Semesterferien, braucht im Grunde nur einen Konferenzvortrag abzusagen und kann so lange in Japan bleiben, wie er möchte. Das Schlechte: Eigentlich passt eine Japanreise nicht in sein Weltbild. Zum einen probiert er Länder mit überdurchschnittlichem Teekonsum zu meiden.

„Eine Tradition der Sichtbarkeit, der Vorhandenheit, der Deutlichkeit. In Kaffeeländern lagen die Dinge offen zutage. In Teeländern spielt sich alles unter dem Schleier der Mystik ab.“

Zum anderen forscht er momentan zu dem Thema „Bartmode und Gottesbild“, und japanische Männer tragen keine Bärte. Dazu sind Silvester drei Theorien bekannt.

„Die langweiligste war biologistisch: Manchen asiatischen Völkern fehlte ein Gen oder was auch immer für den Bartwuchs verantwortlich zeichne, so daß sie, wenn überhaupt, nur äußerst spärliche Bärte entwickelten, die in ihrer Spärlichkeit nicht als Statussymbol taugten und daher lieber abrasiert würden.“

Die beiden anderen sind spannender. Doch im Grunde genügt ihm die erste schon, um kurz nach seiner Ankunft in Tokio Anschluss zu finden und in Yosa Tamagotchi, einem jungen Mann mit mysteriösem Schnurrbart, dessen Bedeutung ihm schnell klar wird, einen Reisebegleiter zu finden. Viel Spaß haben beide nicht gemeinsam, da der Japaner eine noch deutlich ernstere Lebenskrise durchmacht als Silvester. Dennoch macht es beim Lesen Spaß, sie einander in ihrer Unterschiedlichkeit begegnen zu lassen. Gemeinsam starten sie eine Reise durch ein Japan, dessen Natur von mystischer Schönheit zu sein scheint, dessen Kultur Gilbert Silvester bzw. Marion Poschmann aber als äußerst zwanghaft auffasst: beginnend mit einem Ordnungs- und Reinigungszwang, in den auch die Unterdrückung der Körperlichkeit spielt, über einen Höflichkeitszwang bis hin zu dem Zwang, sich um jeden Preis in der Gesellschaft beweisen zu müssen und den Freitod als notwendige Konsequenz für Scheitern zu akzeptieren.

Ihr Reiseplan ist ein Kompromiss aus zwei Routen: einem klassischen Pilgerpfad des legendären Haiku-Dichters Matsuo Bashō und dem neuzeitlichen Complete Manual of Suicide mit den beliebtesten und würdigsten Selbstmordorten Japans. Der gemeinsame Plan führt über Hochhaussiedlungen, durch Wälder, berühmte Bahnhöfe zu beeindruckende Klippenküsten, wo sie immer wieder auf historische Tempel treffen und zur Erkentnissicherung selbst Haikus schreiben. Der Bildungsreisende möchte seinem zugelaufenen Schützling durch seine eigene Faszination die japanische Lebensweise wieder nahebringen machen und ihn an seinen kulturellen Meditationen teilhaben lassen. Zwar ist dies in seinem eigenen Weltbild ein herzensguter Ansatz, aber es ist wohl auch nicht ohne Grund keine gängige Therapieform.

Japan als kultureller Spiegel?

Auffällig ist trotz der Originalität des Settings eine Ähnlichkeit der Geschichte zu Christian Krachts Die Toten. Beide Romane erzählen von Japanaufenthalten, die in Tokio beginnen und auf die kleineren Inseln des Nordens führt. Sie leben von einer ähnlichen Begeisterung für die japanische Kultur, insbesondere die darin verankerte vermeintliche Todessehnsucht. So kommen beide Texte schon während der ersten Seiten auf Seppuku, jene rituelle, brutale Samurai-Tradition des Ehrenselbstmords, zu sprechen. In dessen Tradition sehen Poschmann wie Kracht oder zumindest ihre Hauptcharaktere die Morbidität des modernen Japans begründet.

Doch während erstere nun in ebendieser einen zentralen Unterschied zur deutschen Gesellschaft sieht, markiert letzterer hier die wesentliche Gemeinsamkeit. Ein paar weitere Unterschiede sind dabei zu berücksichtigen: Die Toten spielt in den 1930er-Jahren, Die Kieferninsel heute. Und Christian Kracht ist im Gegensatz zu Marion Poschmann selbst kein Deutscher, sondern genau wie sein Hauptcharakter Emil Nägeli Schweizer. Schreibt er über „die deutsche Kultur“, tut er dies aus vermeintlicher Objektivität heraus als Provokateur. Marion Poschmann scheint ein solches Vorgehen fremd und geht in ihrer Arbeit deutlich subtiler und bescheidener vor. Die Kieferninsel und Die Toten haben am Ende vielleicht nur die eine große Gemeinsamkeit: Sie verraten viel mehr über deutsche Kultur, Denkmuster und Sehnsüchte als über japanische.

Wer meditiert hier?

Gilbert Silvester als deutscher Proto-Geisteswissenschaftler etwa stellt sich als beileibe nicht weniger verspannt und zwanghaft heraus als das von ihm kritisierte Umfeld heraus. Bemerkenswert an Die Kieferninsel ist vor allem ihr Erzählstil, der sicher nicht allen gefallen wird, andererseits aber wohl ausschlaggebend für alle Literaturpreise ist, die das Buch noch erhalten könnte. Im Prinzip setzt sich der gesamte Roman bloß aus Eindrücken zusammen, die zu allen besuchten Orten den zum Verständnis wichtigen gedanklichen Rahmen herstellen. Absätze machen nicht unmittelbar klar, ob in ihnen die erzählte Geschichte vorangetrieben oder der erinnerte oder kulturelle Rahmen weiter beleuchtet wird, der sie umgibt. E-Mails heben sich bloß durch Anredeformeln vom Fließtext ab. Und Dialoge mit Anführungszeichen zu kennzeichnen wäre für das Buch ebenfalls zu explizit. Sie fügen sich viel lieber stumm ein in den Informationsstrom. Liest man Die Kieferninsel, muss man sich ständig neu orientieren, in welcher Zeit und auf welcher Ebene man sich nun grad befindet. Dabei ist die Erzählweise deutlich sortierter und schärfer als ein blank notierter Stream of Consciousness.

So eingenommen man beim Lesen von den gewohnten Erzählkonventionen ist, mit denen das Buch bricht, und so kryptisch es dagegen wirkt – es scheint doch recht nah daran zu kommen, wie man tatsächlich eine solche Reise erleben würde. Oder wie man das Erlebte am besten ausdrücken könnte, wenn man die Reise eben nicht zu einer Geschichte fiktionalisiert, sondern einfach reflektiert, wie sie einem vorkam. Das Buch funktioniert als Meditation für alle Beteiligten: für seine Charaktere, seine Autorin, seine Leser٭innen. Jede٭r muss die eigenen Zwänge selbst erfahren. Das muss man erstmal wollen. Aber es könnte einen verändern.

Quelle: YouTube

Aufgeführte Zitate stammen aus Die Kieferninsel von Marion Poschmann. Der Roman hat 165 Seiten und erschien im Suhrkamp Verlag.

Titelbild: © Suhrkamp Verlag

Zwischen Experiment, Soundtrack und Avantgarde. Ein Gespräch mit Midori „MimiCof“ Hirano

Wer ist Midori Hirano? Bereits seit ihren ersten Veröffentlichungen spannt die Musik der Japanerin einen Bogen zwischen Klassik und Ambient, und wirft insbesondere auch eine aufmerksame künstlerische Perspektive auf deutsche Erscheinungen der Musikgeschichte. Ihre Musik stellt nachdrücklich fest, dass diese sich nicht nur, wie allgemein angenommen, über Stilbrüche verstehen lassen, sondern auch als rückgekoppelte, geschlossene Kunst funktionieren.

Unter ihrem Pseudonym MimiCof entlädt sie die Spannung immer stärker in etwas Eigenes, führt uns tiefer ins Abstrakte und baut die Sphären, die sie vor langer Zeit betreten hat, zu synästhetischen Gebilden, mal Maschinen-, mal Welträumen aus. Das führte sie schon auf die Berlinale. Ihr neues Album „Moon Synch“ nun ist nicht zuletzt auch von ihrer Auseinandersetzung mit einem analogen Buchla-Synthesizer geprägt. Assoziationen zu Science-Fiction-Kino-Soundtracks oder Industrial Music bleiben schon deswegen nicht aus.

Doch es liegt in der Natur des Avantgarde, im Vorgefundenen bloß Vereinnahmungspotenziale zur Überwindung zu verstehen. Und so erlegt der schwere Industrial-Sound ihrem Projekt eine neue künstlerische Mitte auf, die „Moon Synch“ zu einem seltenen Fund macht – dem Ausgangspunkt eines aufschlussreichen Gesprächs.


Herzlichen Glückwunsch zu deinem neuen MimiCof-Album – wie lang hast du daran gearbeitet?

Dankeschön. Mit ein paar Pausen habe ich insgesamt vielleicht vier bis fünf Monate daran gearbeitet. Ich hatte zwei Residencies in Stockholm, einmal für zwei Wochen und einmal für eine Woche. Es gibt dort das DMS Studio, das einen großen Buchla-Synthesizer hat. Ich habe vorher nie mit einem analogen Synthesizer gearbeitet und war total interessiert, weil ich bisher nur digital am Computer gearbeitet habe.

Du bist extra für diesen Synthesizer nach Stockholm gekommen?

Genau, ich habe mich dafür auf diese Residency beworben und bin dann zum Glück angenommen worden.

Quelle: SoundCloud

Und während dieser Zeit in Stockholm sind sämtliche Songs des Albums entstanden?

Ich habe zunächst komplett ohne Ziel begonnen, mich mit dem Synthesizer auseinanderzusetzen, habe improvisiert und experimentiert, weil ich nicht wusste, wie er funktioniert. Das wurde mir im Studio aber gezeigt und ich habe es gelernt. Nach dem ersten Aufenthalt habe die Dateien mit nach Hause gebracht und sie ausgewertet, noch mehr Layer hinzufügt und sie digital bearbeitet.

Wie war es denn für dich, ein neues Instrument kennenzulernen?

Das war super. Ich habe ja klassische Musik studiert und früher viele Jahre lang Klavier gespielt. Aber das ist ein schon länger her, ich habe eine lange Pause vom Klavierspielen gemacht und meine Musik komplett am Computer komponiert. Mir wurde aber immer stärker bewusst, dass ich den Kontakt zu einem Instrument vermisse. Ich wollte jedoch nicht einfach zum Klavier zurück, sondern etwas anderes probieren.

Und gibt es Buchla-Synthesizer so selten, dass du dafür extra nach Stockholm musst?

Ja, tatsächlich. Die sind schon teuer und es gibt nicht so viele. Und es ist ein sehr altes Modell, aus den 60ern oder 70ern.

Der Buchla-Synthesizer im Stockholmer Elektronmusikstudion:

Quelle: Instagram

Im Gegensatz zu deinen vorherigen Alben gibt der Synthesizer deinem Sound ja auch eine durchaus neue Richtung, er klingt zeitloser und schwerer. Wie würdest du den Sound im Unterschied zu deinem 2012er MimiCof-Album „KotoLyra“ beschreiben?

Die beiden Alben sind komplett unterschiedlich. Bei „KotoLyra“ habe ich eher nur mit dem Computer komponiert und nur für wenige Stellen einen Synthesizer benutzt. Aber auf „Moon Synch“ geht es viel stärker in eine experimentellere Richtung. Es findet viel mehr zwischen analog und digital statt.

Würdest du auch sagen, dass es vom Sound her geschlossener klingt?

Ja, schon. Und es klingt viel physikalischer. Für mich hat es eine viel physikalischere Bedeutung.

Darauf sind ja auch die Songtitel wie „Spins“, „Rising“ und „Burning Lights“ angelegt, oder? Ist dies das Konzept des Albums geworden?

Am Anfang hatte ich kein Konzept, aber irgendwann habe ich das Ziel gefunden, dass der Sound etwas kosmischer wird. Im letzten Jahr habe ich ein anderes Album unter meinem wirklichen Namen Midori Hirano veröffentlicht, das „Minor Planet“ heißt. Und schon bei dem Albumnamen habe ich die Idee bekommen, ein zweites Album zu machen, das inhaltlich mit „Minor Planet“ verbunden ist. Aber das war eigentlich etwas zufällig.

Ambient-Musik ist ja oft sehr abstrakte, offene Musik, weshalb man beim Hören schnell die Tendenz hat, sich assoziativ durch Songtitel leiten zu lassen. Und Titel und Sound fügen sich auf „Moon Synch“ ja nun wirklich gut. Aber angenommen, jemand würde aber etwas ganz anderes, also nichts Kosmisches darin hören: Würde dich das stören oder findest du es schön, mit deiner Kunst Projektionsfläche zu bieten?

Ich freue mich, wenn jemand den Songs eine andere Bedeutung gibt. Jeder Mensch hat eigene Ideen zu jedem Stück.

Und ist es für dich wichtig, dich von Album zu Album in neue Richtungen zu entwickeln?

Es muss nicht immer anders sein. Es kommt nur darauf an, was ich gerade machen möchte. Das entscheide ich jedes Mal aufs Neue. Mein erstes Album habe ich schon vor zehn Jahren veröffentlicht. Und ich mache bei neuen Projekten gerne Sachen anders. Ich brauche manchmal die Veränderung.

als Midori Hirano:

Quelle: YouTube

War das der Grund für dich, anzufangen, auch das Pseudonym MimiCof zu benutzen?

Genau. Am Anfang habe ich immer nur als Midori Hirano Musik veröffentlicht. Dann kam ich nach Berlin, wo ich kein Klavier mehr hatte. Ich habe hier zunächst nur mit dem Computer und Geräten gearbeitet. In dieser limitierten Umgebung kam ich auf die Idee, etwas anderes zu machen, war stärker an elektronischer Musik interessiert und habe mir überlegt, mit einem neuen Projekt anzufangen. Deswegen habe ich als MimiCof angefangen. Heute sind für mich beide Projekte wichtig.

Und warum hast du dich damals für Berlin entschieden? Hatte das eine künstlerische Motivation?

Ich war, auch weil ich Klassik studiert habe, schon lange an deutscher Musik interessiert. Und noch mehr hat mich die Musikszene in Berlin interessiert.

… die elektronische?

Ja, schon. Außerdem war ich damals 29 Jahre alt und wollte etwas anderes in meinem Leben probieren.

Das hat ja künstlerisch auch sehr gut geklappt. Und obwohl du klassisches Klavier studiert hast, war die Musik, die du veröffentlicht hast, noch nie rein klassisch instrumentiert.

Ja, es war immer eine Mischung aus akustischer und elektronischer Musik. Auch mit Field-Recordings [aufgenommenen Alltagsgeräuschen] habe ich experimentiert, was ich auch immer noch gerne mache. Auf „Moon Synch“ nicht, aber auf „Minor Planet“ habe ich noch Field Recordings verwendet.

Aber auch Moon Synch ist ja ein wenig psychedelisch – mit maschinellen Klängen. Vom Höreindruck her könnten es auch echte Field Recordings sein, die du benutzt.

Ich habe auch tatsächlich darüber nachgedacht, Aufnahmen zu benutzen, aber der Klang des Buchlas hat mir so gut gefallen, dass ich nur damit gearbeitet habe.

Und du machst auch Film-Soundtracks.

Ja, manchmal schon. Nicht oft.

Einer der Filme lief sogar bei der Berlinale.

Ja genau, Vita Lakamaya, ein Animationsfilm.

Vita Lakamaya von Akihito Izuhara (Berlinale-Trailer):

Quelle: Vimeo

Wie entscheidest du, an welchen Projekten du mitwirken möchtest?

Ich beteilige mich nur, wenn jemand auf mich zukommt und fragt, ob er meine Musik verwenden kann. Der Regisseur von Akihito Izuhara kannte zum Beispiel meine Musik schon, weil wir uns schon kennengelernt haben. Er kam dann darauf, die Musik für den Film zu verwenden. So funktioniert es eigentlich immer: dass der Regisseur auf mich zukommt.

Würdest du sagen, dass deine Beteiligung an Filmsoundtracks deine Arbeit als Musikerin generell beeinflusst? Also dass auch deine Alben evtl. von visueller Kunst beeinflusst sind?

Ja, manchmal schon. Manchmal bin ich von bestimmten Bildern inspiriert, mit denen ich gearbeitet habe. Es gibt manchmal schon einen Zusammenhang. Ich sehe bestimmte Bilder, während ich komponiere. Ich mache das zwar abstrakt, schaue mir keine konkreten Bilder an, aber trotzdem fließen manche visuellen Ideen ein.

Apropos szenische Kunst – ein Song sticht aus dem abstrakten Konzept von „Moon Synch“ hervor: „Leaving the Country“ beginnt mit einem bedrückend klingenden, mechanischen Sound, welcher sich aber immer mehr auflöst. Ist dies das Gefühlsleben, das man hat, wenn man seine Heimat verlässt? Hast du daran gedacht bei dem Titel?

Vielleicht, ja, ein bisschen schon. Es muss nicht so traurig sein. Es geht ein bisschen um das Gefühl, vergänglich zu sein. Jeder Mensch stirbt irgendwann. Oder etwas geht kaputt. Das Gefühl, dass etwas endet. Alle gehen irgendwann weg. Dieses Gefühl hatte ich, als ich es komponiert hab, das wollte ich abbilden.

Und diese Art von Bedrückung klingt auf deinem Album ja auch an anderen Stellen immer wieder durch. Wie ist es, über mehrere Monate an einem so einnehmenden, impulsiven Projekt zu arbeiten? Belastet es dich auch?

Ja, es ist manchmal sehr anstrengend und man braucht viel Energie, um ein bestimmtes Stück zu machen. Vielleicht ist es eine Belastung. Aber man kommt damit zurecht. Ich habe nicht immer daran gedacht.

Quelle: YouTube

Und was auch sehr beeindruckend ist, ist dass du immer geschlossen und allein arbeitest. Du spielst alle Instrumente selbst, oder?

Beim allerersten Album haben Gastmusiker die Streichinstrumente aufgenommen. Aber ansonsten mache ich alles alleine, Klavier und Computer.

Erfordert es viel Disziplin, sich Tag für Tag damit zu beschäftigen?

Es ist wirklich schwer, denn es gibt zu viel Ablenkung. Aber ich versuche trotzdem immer etwas zu machen – zu spielen, etwas zu entwickeln. Aber das geht nicht jeden Tag.

Du stehst, während wir uns unterhalten, gerade direkt vor einer Japan-Tour, in der du dein neues Album präsentierst. Wie ist es, als Künstlerin in die Heimat zurückzukehren?

Ich kehre ungefähr einmal pro Jahr nach Japan zurück. Es ist eine Mischung aus Besuch und Tour. Meine Familie und viele Freunde sind noch dort.

Und ist es anders, vor denen zu spielen als hier in Europa?

Für mich ist es hier einfacher. Hier kann ich offener sein und freier auftreten – und arbeiten. In Japan gibt es auch viele Künstler*innen, die Musik in diese Richtung spielen. Aber ich bin auch hier, weil es dort viel schwieriger, viel stressiger ist, zu leben.

Du denkst also nicht darüber nach, zurückzukehren?

Momentan nicht. Vielleicht in zehn Jahren. Ich weiß es noch nicht.

Und zum Abschluss: Spielst du auch in Deutschland noch Release-Shows für das Album?

Das steht noch nicht fest. Ich plane meine Konzerte eigentlich immer noch unabhängig von Albumveröffentlichungen. Es kommt für mich eher darauf an, Anfragen zu bekommen, die ich spannend finde. Aber am 2. Juni spiele ich in Chemnitz und am 1. Juli in Bielefeld, zusammen mit Driftmaschine.


Eine Release-Show in Berlin ist inzwischen für den 23. Juni angekündigt. MimiCofs Album „Moon Synch“ erschien indes am 5. Mai bei Alien Transistor.

Titelbild: © Sylvia Steinhäuser