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„Uncategorisable Outsiders in Pop“ – Markus Acher im Interview

Bevor vielleicht noch dieses Jahr ein neues Notwist-Album erscheint, steckt Markus Acher tief in der Label-Arbeit: In Kooperation mit Morr Music veröffentlicht sein Label Alien Transistor am 1. Mai das Sampler-Album Minna Miteru, ein Szeneportrait japanischen DIY-Pops. Darauf tummeln sich, so sagt er selbst, einige „unkategorisierbare Außenseiter des Pop“ aus dem Umfeld der Band Tenniscoats, die teilweise so tief im Underground zuhause sind, dass tatsächlich viele Stücke trotz Zeiten von Streaming-Diensten und scheinbar unbegrenzter Verfügbarkeit von Musik erstmals wirklich international verfügbar werden.

Dass dabei ein stilistisch entgrenztes, intensives Hörerlebnis entstanden ist, ist ein zweiter positiver Effekt und Anlass, Markus Acher ein paar Fragen zu stellen. Zum Beispiel darüber, was diese vielseitige Compilation eigentlich zusammenhält, warum sie ausgerechnet in Deutschland erscheinen musste, weshalb die Musik so wichtig ist, wie einflussreich sie für seine eigene Kunst ist – und wie hart der aktuelle Pandemie-Shutdown die Künstler٭innen, Kulturstätten und internationale Beziehungen der Independent-Musik trifft.

von Moritz Bouws und Gregor van Dülmen


Gemeinsam mit Morr Music veröffentlicht dein Label Alien Transistor die japanische Compilation Minna Miteru. Eingangs stellen wir uns die Frage, wie deine inzwischen ja doch sehr intensive Verbindung nach Japan überhaupt entstanden ist.

Einerseits haben es mir das Land, die Kultur und die Menschen natürlich gleich beim ersten Besuch sehr angetan. Aber die bleibende Verbindung kam über die Musik. Da habe ich einfach immer wieder so viel faszinierende und innovative Musik gehört, dass das Interesse nie abriss. Und über die Tenniscoats habe ich jetzt nochmal viele Musiker und Künstler kennengelernt, die ich sonst nie gefunden hätte.

In unserem letzten Gespräch hast du den Japan-Indie-Sampler Songs for Nao (Chapter Music 2004) erwähnt. Er brachte dich unter anderem auf Tenniscoats, mit denen du später die Band Spirit Fest gegründet und nun Minna Miteru kuratiert hast. Inwiefern würdest du sagen, dass der Sampler dein musikalisches Verständnis geändert hat?

Auf dem Sampler habe ich das erste Mal Musik der experimentellen Indie-Folk-Szene rund um die Tenniscoats gehört, und die hat mich sehr berührt. Sie haben keine Angst vor Melodien, aber auch keine Angst vor dem Ausprobieren und Scheitern. Die Beatles, Syd Barrett, Charles Mingus, TV Personalities, Bach, die Residents – da kann man so vieles heraushören, ohne dass es konstruiert klingt. Es gibt keine Berührungsängste, und doch ist es auch kein wildes, stilistisches Durcheinander. Erfahrene Musiker spielen ganz selbstverständlich mit Bekannten, die erst seit zwei Wochen ein Blasinstrument besitzen. Freunde machen zusammen Musik, um sich zu treffen, und die Bands covern sich gegenseitig. Trotzdem wissen sie alle genau, was sie wollen und vor allem auch nicht wollen. D.I.Y. ist sehr wichtig: Sie sind unabhängig und haben ein eigenes Netzwerk aus Freunden geschaffen. Das ist alles extrem inspirierend. Und wie gesagt, die Stücke – so viele unglaubliche Kompositionen und Melodien.

Spirit Fest (v. l. n. r.): Takashi und Saya Ueno, Cico Beck, Mat Fowler und Markus Acher, Foto: © Morr Music.

Beide Sampler umkreisen eine Tokioter DIY-Pop-Szene um das Majikick Label herum. Dennoch gibt es zwischen den Künstler٭innen auf Songs for Nao und Minna Miteru nur wenige Überschneidungen und deutliche Unterschiede in der Songauswahl. Siehst du die neue Auswahl eher als Fortsetzung oder Erweiterung?

Minna Miteru ist eigentlich beides. Songs for Nao hat sich ja zu großen Teilen auf Saya und Uenos Label Majikick und damit verbundene Bands konzentriert. Inzwischen ist viel passiert, und die Szene hat sich auch mehr aufgefächert. Musikalisch hat sich natürlich auch viel getan. Saya wollte bei ihrer Auswahl nicht nur ihre Freunde und eigenen Projekte vorstellen, sondern auch Musik, die sie gerne mag, interessant findet oder sie inspiriert hat. Während Songs for Nao eher der Blick eines Außenstehendem auf diese Szene war, ist Minna Miteru ganz Sayas musikalische Welt. Die Zusammenstellung erzählt genauso viel über sie und ihre Idee wie über die japanische Indie-Szene. Der rote Faden durch die Compilation ist ihre Offenheit und Neugier, die Suche nach Musik, die nicht einzuordnen ist, keine Grenzen kennt und keine Klischees bedient.

Viele der Songs klingen gleichzeitig experimentell und verspielt. Wie würdest du insgesamt das Hörerlebnis von Minna Miteru beschreiben?

Ich finde, Saya hat den Sampler wie ein langes zusammenhängendes Stück zusammengestellt, bei dem man nie weiß, was als nächstes kommt, aber trotzdem alles ganz logisch ineinanderfließt. Ich finde immer noch faszinierend, wie Elektronik, Blasinstrumente, akustische Gitarren und Stimmen zusammenspielen, und am Ende ein großes Ganzes ergeben. Da ist eine Freiheit in der Musik, die ich auch immer suche. Die Musik ist das Wichtigste, gleichzeitig nimmt sich niemand zu ernst. Alles ist Popmusik.

Welche٭r der Künstler٭in hat zuletzt ein Album herausgebracht, das man sich anhören sollte?

Oh…alle natürlich! 🙂 Also, von den Tenniscoats selbst gibt es natürlich viele wunderbare CDs, z. B. ihre Reihe Music Exists mit fünf Alben. Zuletzt haben sie ein Album nur mit ihrer Version von Jazz-Standards aufgenommen, als nächstes kommt ein Album mit elektronischen Beats. Die Band Yumbo ist eine ähnlich tolle Band mit vielen Mitgliedern, die sehr vielseitige experimentelle, unkategorisierbare Popmusik macht. Eddie Marcon ist auch eine wichtige Band, mit allen möglichen Seitenprojekten, die sehr aktiv ist. Da gäbe es noch viel mehr zu nennen.

Es ist nur leider schwierig, die CDs hier in Europa zu bekommen, das ist auch ein Grund, diesen Sampler zu machen. Er soll der Start für eine Reihe von Wiederveröffentlichungen und Compilations der Bands und Projekte sein.

Für einige beteiligte Künstler٭innen muss es eine Besonderheit sein, über zwei in Deutschland ansässige Labels vertrieben zu werden. Wie ist die Resonanz der Künstler٭innen auf eine Veröffentlichung in Europa?

Nach dem, was ich so mitbekomme, sind alle sehr glücklich darüber und freuen sich sehr. Einen vergleichbaren Sampler gab es ja auch in Japan lange nicht mehr. Er führt viele Leute zusammen, in Japan und außerhalb, und das ist eine schöne Sache.

Warum erschien Minna Miteru nicht bei einem japanischen Label?

Das war auch kurzzeitig angedacht, aber da die Idee ja war, diese japanische Szene nach außen zu tragen und außerhalb Japans vorzustellen, ist es so besser.

Minna Miteru erscheint am 1. Mai 2020, Kuratorin: Saya Ueno, Artwork: Takashi Ueno, Coverbild: © Morr Music/Alien Transistor.

Die Auswahl auf Minna Miteru basiert auf einem Songbook mit Stücken befreundeter Musiker٭innen der Tenniscoats. Könntest du uns mehr dazu erzählen: Fand das Songbook in Japan bereits den Weg an die Öffentlichkeit oder handelt es um ein privates Stück?

Das Songbook hat sich Ueno ausgedacht. Da er oft mit befreundeten Musikern zusammensaß und sie angefangen haben, mit der Gitarre Lieder zu singen, hatte er die Idee, ein Indie-Songbook mit den Liedern befreundeter Bands zu machen. Er hat die Liedtexte mit Gitarrenakkorden und eigenen Zeichnungen gesammelt und als Risoprint-Heft in kleiner Auflage veröffentlicht und verkauft. Ich fand das super und da ich einige Lieder nicht kannte, habe ich gefragt, ob ich eine CD davon haben kann. So kam die Idee zu dem Sampler zustande.

Korrespondiert das Artwork der Platte mit dem illustrierten Druck?

Das Risoprint-Heft und der Sampler jetzt haben nur noch ein paar wenige Bands gemeinsam, und dass Ueno die Illustrationen gemacht hat. Sonst sind die Lieder und Bands andere, auch das Artwork ist komplett anders.

Wie würdest du die Rolle der Tenniscoats in der japanischen Indie-Landschaft beschreiben? Kann dort von einer stark vernetzten Subkultur gesprochen werden?

Saya und Ueno sind Teil eines großen Freundeskreises, der sehr aktiv ist. Es gibt viele kleine Plattenläden, Cafés, Galerien und Clubs, in denen winzige Konzerte stattfinden, Ausstellungen, Performances und so weiter. Die Grenzen sind dabei nicht so streng gesteckt wie bei uns. Da können ein Folksänger, elektronischer Noise und ein Tanzperformance an einem Abend stattfinden, einfach weil die Musiker٭innen untereinander befreundet sind. Meistens wird dann auch noch sehr gut gekocht, selbstgenähte Kleidung, CD-Rs in Mini-Auflagen oder Siebdruckhefte verkauft. Tolle und inspirierende Orte. Leider werden auch in Japan viele die Auswirkungen der Corona-Krise wirtschaftlich nicht überleben, da die Regierung bislang keine Unterstützung für Künstler٭innen und Veranstaltungsorte bereitstellt.

Etwas später im Mai erscheint ja auch dein neues Album mit Spirit Fest, Mirage Mirage – alles Gute für den Release! Mit dem Album tauchst du natürlich auch selbst tief in die japanische Indie-Szene ein. Wann und wo ist das Album entstanden?

Wir haben die Platte letzten Sommer in München aufgenommen, ein paar Stücke auch schon im November davor, an ein paar freien Tagen während der Spirit-Fest-Tour in Tokio in Sayas Studio.

Mirage Mirage erscheint am 15. Mai 2020, Coverbild: © Morr Music/Alien Transistor/AFTERHOURS.

Auf Mirage Mirage sind diesmal auch einige Gastmusiker zu hören. Ihr arbeitet darauf außerdem verstärkt mit Field Recordings und Samples. Ist diese Offenheit voreinander und allem anderen typisch für eure Arbeitsweise?

Alle bei Spirit Fest sind sehr offen für alle seltsamen Ideen. Deswegen passt das auch immer sehr gut zusammen. Am Ende aber kommen dann doch oft Pop-Songs dabei heraus, das überrascht uns dann selbst. Mat Fowler (von Jam Money und Spillane Fete) macht ständig Field Recordings, auch um die Umgebung und den Aufnahmeprozess mit in die fertigen Stücke einbringen zu können. So kann man auf der Platte jetzt den Klavierstimmer, ein Kind im Treppenhaus und eine Unterhaltung mit einem alten Mann auf dem Hofflohmarkt vor dem Studio hören.

Es ist bereits das dritte Album in vier Jahren. Was denkst du, wie viele Spirit-Fest-Platten ihr noch veröffentlicht, bevor das neue Notwist-Album erscheint?

Spirit Fest hat ja eine ganz andere und viel spontanere Arbeitsweise, deswegen kann das, wenn wir mal zusammen sind, sehr schnell gehen. Leider wird das durch die Corona-Krise jetzt über einen längeren Zeitraum schwierig werden.
Aber eine neue Notwist-Platte ist auch so gut wie fertig. Sie müsste eigentlich, wenn alles klappt, dieses Jahr irgendwann noch rauskommen.

Glaubst du, wenn man genau hinhört, wird man auch bei den aktuell entstehenden Notwist-Songs Elemente von Minna Miteru heraushören können wird?

Ich denke, man hört das nicht eins zu eins. Aber das Verspielte und der Mut dieser Stücke haben mich schon sehr beeindruckt. Und das fließt bestimmt mit ein.

Vielen Dank für das Interview.


Titelbild: © Morr Music/Alien Transistor

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Alexander Tuschinksi, Filmregisseur, 31 Jahre, aus Stuttgart

Tuschinski arbeitet derzeit an seinem sechsten abendfüllenden Spielfilm „Fetzenleben“. Doch seine ersten Schritte beim Film ging er bereits mit 17 Jahren. Es entstanden Dokumentationen, Musikvideos, Romane und Musik. So gesagt kann man den Begriff „Filmregisseur“ nur als Oberbegriff verwenden. Er arbeitet international und mit Filmgrößen wie Helmut Berger (Ludwig II.) und Harry Lennix (Matrix Reloaded, Batman v Superman) zusammen. Seine Filme wurden wurde seit Anbeginn seines Schaffens mit vielen Preisen bedacht.

Ein Gast-Interview von Thomas Goersch


Hallo Alexander, du arbeitest derzeit am Spielfilm „Fetzenleben“, der auf deinem gleichnamigen Roman basiert. Der Film ist in großen Teilen frei improvisiert, übernimmt aber auch feste Textpassagen aus deinem Buch. Sozusagen eine Literaturverfilmung, die sich gleichzeitig wieder vom Buch wegbewegt. Diese Verwebung von Vorlage und Improvisation hört sich sehr ausgeklügelt an. Erzähle uns etwas über die Geschichte des Filmes. Wo hast du den Roman verwendet und wie passte dort die Improvisation hinein?

Hallo Thomas, als ich „Fetzenleben“ vor ein paar Jahren schrieb, dachte ich nicht daran, den Roman je zu verfilmen. Es gibt zwar eine äußere Handlung, aber die inneren Monologen und Beobachtungen der Hauptfigur sind meist im Vordergrund. Der Film ist deshalb sehr frei adaptiert und ändert vieles ab. Er behandelt die im Roman nur angedeutete Vorgeschichte des Erzählers mit dessen Ex-Freundin und verwendet teils Motive und Texte aus dem ersten Drittel des Buches. Roman und Film sind für mich daher zwar gleichwertige, aber komplett separate und sehr unterschiedliche Werke.

Anders als der Roman spielt der Film in Paris. Der Dreh dort im Sommer war ein Experiment. Ich wollte mir ganz ohne Drehbuch spontan Szenen ausdenken und sehen, wohin uns das treiben würde. Wir alle wohnten beim Dreh zusammen, es war für die Kreativität sehr fruchtbar. Nachts dachte ich mir neue Sequenzen aus, beim Frühstück besprachen wir sie und filmten sie dann bis spät abends. Wir drehten danach einige Szenen in Deutschland und im Herbst nochmal in Paris. Seit etwa drei Monaten schneide ich fast täglich den Film und komponiere die Filmmusik. Erst beim Schneiden bestimme ich die präzise Gesamtstruktur. Ich möchte die Geschichte nicht chronologisch „abarbeiten“, denn der Film soll ähnlich wie der Roman in assoziativen Gedankenfetzen erzählen. Teils ändere ich Szenenfolgen immer wieder ab, bis ich das Gefühl habe, die Reihenfolge ist perfekt. 

Du besetzt deine Filme immer sehr durchmischt, wenn man das so sagen darf. Da haben wir Film-Weltstars, Theaterleute und dann auch wieder totale Neulinge. In Fetzenleben hast du dich bei Aron Keleta und Theresa Mußmacher entschieden. Einen erfahrenen Theaterschauspieler und eine Schauspielschülerin. Wie entscheidest du dich für Schauspieler und warum gerade diese Wahl in „Fetzenleben“?

Aron sah ich Anfang des Jahres erstmals auf der Bühne und war begeistert von seinem intensiven Spiel und seiner charismatischen Ausstrahlung. Mit Theresa hatte ich bereits gedreht und dachte sofort, dass sie perfekt für die weibliche Hauptrolle wäre. Sie beide haben im Film eine unheimlich gute Chemie.

Allgemein besetze ich Rollen oft nach meinem spontanen Gefühl, wie die Person wohl im Film wirken wird, unabhängig von ihrer Ausbildung. Ich mag es, wenn alle Mitwirkenden kreativ auf einer Wellenlänge sind, am Set mit mir Ideen diskutieren und gerne viel ausprobieren. Viele Darsteller werden zu Freunden bzw. sind schon Freunde, die ich im Film besetze. Ich kenne inzwischen zahlreiche professionelle Schauspieler und auch Laiendarsteller, von denen einige schon seit mehr als zehn Jahren immer wieder bei meinen Filmen mitwirken. Auf Filmfestivals habe ich einige bekannte US-Schauspieler kennengelernt und war mit ihnen oft mehrere Jahre befreundet, bevor wir drehten. Manchmal schreibe ich auch Schauspieler direkt an, wie z. B. Helmut Berger. Ihn bewundere ich seit meiner Jugend und schrieb seinem Management, als ich eine Rolle für ihn hatte. Inzwischen sind auch wir Freunde und er hat in bisher zwei meiner Filme mitgewirkt.

„Fetzenleben“ wurde in großen Teilen in Paris gedreht. Und auch sonst bist du sehr international ausgerichtet. Du drehst Dokumentationen über weltweite Themen und stellst deine Filme auch auf der ganzen Welt auf Festivals vor und auch der Vertrieb deiner Filme im Ausland ist dir wichtig. Wenn ich mir deine Filme anschaue, haben sie auch keine deutsche Handschrift. Du wurdest einmal in der Machart mit „den frühen Filmen von Woody Allen“ verglichen. Gehst du in deiner Art und Weise Filme zu machen diesen Weg bewusst international an?

Ich denke, in jedem Land finden sich Künstler mit den verschiedensten stilistischen „Handschriften“. Aber ich höre diese Meinung zu meinen Filmen öfter. Ich denke, es hängt vielleicht mit meiner Bildsprache und meinem Erzählstil zusammen, die offenbar etwas „ungewohnt“ sind im Vergleich zu vielen Filmen, die z. B. aktuell in Deutschland entstehen. Darauf kalkuliere ich aber nicht, ich gestalte Filme intuitiv danach, was ich für die jeweilige Szene/das jeweilige Projekt als ästhetisch empfinde. Schon als Teenager sah ich beispielsweise gerne Independentfilme der 60er- und 70er-Jahre, vielleicht hat das mein Stilempfinden beeinflusst. Und meine Dokumentarfilme behandeln Themen und Personen, die ich meist einfach der Nachwelt filmisch „bewahren“ möchte.

Es fühlte sich seit meiner Jugend für mich intuitiv „richtig“ an, meine Filme weltweit laufen zu lassen. Es macht mir Spaß, wenn Menschen aus verschiedenen Ländern sie diskutieren. Allgemein mag ich es, Kunstwerke detailliert zu analysieren. Als Teenager war ich fasziniert von Analysen und Artikeln über Filme in oft englischsprachigen Medien. Ich glaube, es war schon immer ein mehr oder weniger unterbewusster Wunsch, dass meine Filme international gesehen und so potentiell irgendwann in den weltweiten Diskurs eingehen können.

Um von international mal direkt auf Deutschland zu kommen. Für dich regnet es schon seit Beginn deines Filmschaffens und bis heute Preise – und du läufst auf vielen Festivals. Diese Anerkennung findet dabei meistens im Ausland statt. Ich frage mal offen und frech: Haben deutsche Filmschaffende bei Festivals eher ein Problem mit deiner internationalen Schaffensart und erwarten vielleicht einen typisch deutschen Ansatz? Wie siehst du den deutschen Film? Hast du hier Berührungspunkte? Wie denkst du über die deutsche Filmwelt?

Meine Filme laufen zwar bisher öfter im Ausland, aber auch in Deutschland sind sie immer wieder auf Filmfestivals zu sehen und sie haben auch hier Preise gewonnen. Meine bisherigen Filme habe ich meist sehr „independent“, unabhängig von der allgemeinen deutschen Filmlandschaft, gedreht. Ich habe mich dabei auch nicht bewusst an aktuellen filmischen Trends hierzulande orientiert. Ich bin kein Freund von Verallgemeinerungen, daher unter Vorbehalt eine nicht-repräsentative Beobachtung: In Deutschland höre ich von Filmschaffenden auf Festivals tendenziell etwas öfter als z .B. in den USA starke Meinungen, wie ein Film „technisch richtig“ zu gestalten sei, gerade auch bei Stilfragen wie Bildsprache oder Drehbuch. Wenn ein Film davon abweicht, wird es schneller als „Fehler“ denn als bewusstes Stilmittel bewertet. In den USA wird der verspielte, oft unkonventionelle Stil meiner experimentelleren Filme auf Festivals fast durchweg von Zuschauern und Fachleuten gelobt, in Deutschland hatte ich nach Vorstellungen manchmal kontroverse Diskussionen mit einigen Leuten darüber. Ob man daraus einen Trend herauslesen kann oder ob das Einzelbeispiele sind, will ich nicht beurteilen, denn es gibt auch aus Deutschland viele sehr positive Stimmen zu meinen Werken und ich mag es, sie überall zu präsentieren.

Du bist einer dieser Filmregisseure, mit denen man nicht nur über das derzeitige Filmprojekt sprechen kann um dies zu promoten, sondern man muss bei dir auch über deine verschiedenen Stilmittel, außergewöhnlichen Projekte, wiederkehrenden Themen und „Konstantin“ sprechen. Hierzu gleich einige Teilfragen: 

Die Stummfilmzeit und Musik der 1920-ziger – in deinen Filmen hören wir immer wieder Musik der Schellack-Plattenzeit und auch bildlich Hommagen an die Stummfilmzeit. Und natürlich dein Kurzfilm „Woyzeck“. Erzähle uns etwas über deine Liebe zu dieser Filmzeit.

Ich liebe die Stummfilmästhetik. Regisseure probierten gerade ab den späten 1910ern teils extrem innovative Montagen und Kameratricks aus. Meine Faszination begann mit drei oder vier Jahren. Wir hatten zu Hause viele VHS-Kassetten mit Charlie-Chaplin-Filmen und anderen Stumm- und frühen Tonfilmen. Als Kind schaute ich sie gerne immer wieder, oft mit meinem Vater zusammen. Gerade in den USA bin ich mit vielen Film- und Musikhistorikern befreundet und diskutiere dort sehr oft Werke jener Epoche. Und wenn ich mit Freunden in Paris bin, führe ich sie immer zur Sammlung der Cinémathèque française zu den ersten Jahrzehnten der Filmgeschichte. 

„Mission: Caligula“ – einer deiner bekanntesten Dokumentarfilme. Aber viel mehr als eine Dokumentation, sondern mit sehr viel Vorgeschichte und, wie man auch sagen kann, Filmgeschichte. Erzähle uns die Hintergründe über das Entstehen.

Seit Jahren beschäftigt mich, wie der Film „Caligula“ gewesen wäre, wenn Tinto Brass ihn nach seinen Absichten fertiggestellt hätte. Ich wollte, dass mehr Menschen darüber erfahren, deshalb der Dokumentarfilm. Ich mag den Schnittstil von Tinto Brass’ experimentellen Filmen der 60er und 70er. Er drehte „Caligula“ 1976 eigentlich als provokante politische Satire. Gegen seinen Willen wurde der Film neu geschnitten, politische und satirische Szenen entfernt oder verändert und pornographische Szenen nachgedreht. Er ließ seinen Namen als Regisseur streichen und keine Fassung ähnelt seiner beabsichtigten. Vor über zehn Jahren begann für mich damit eine heute noch nicht abgeschlossene Odyssee. Im Lauf der Jahre freundete ich mich mit Tinto an, lernte Historiker und Beteiligte auf der ganzen Welt kennen und half dabei, das Archiv mit dem gesamten Rohmaterial und Tintos halbfertigem Rohschnitt von „Caligula“ wiederzuentdecken. „Mission: Caligula“ gibt es kostenlos im Internet. Ich bekomme seit der Veröffentlichung extrem viele positive und ermutigende Zuschriften von Fans, Filmhistorikern und anderen Interessierten. Schlussendlich hoffe ich, irgendwann eine Fassung von „Caligula“ zu veröffentlichen, die Tinto Brass’ Absichten entspricht.

Deine Spielfilme erzählen eigentlich immer recht normale Geschichten über Liebe, Partnersuche und Beziehungen, natürlich in ihren skurrilen Art. Das Ganze wird durch Elemente angereichert, die absurd in der Geschichte anmuten. Da fallen Menschen durch ein Zeitloch und stehen zwischen Panzern im 2. Weltkrieg auf. Oder mitten im Film kommt eine Szene einer amerikanischen Sitcom. Manchmal fragt man sich später: Und was hatte das jetzt mit dem Film zu tun? Wie kommst du auf so etwas?

Ich erzähle in Filmen gern entgegen von Erwartungshaltungen. Unerwartete stilistische Elemente, von denen du sprichst, setze ich intuitiv ein, wenn es sich für mich richtig anfühlt. Sie sind immer mit der Handlung verbunden und es muss zum Stil des Films passen, manches erzähle ich auch eher geradlinig. Die Sitcom, die du erwähnst, fasst z.B. in Timeless albern den Konflikt der Hauptfiguren zusammen und bricht dabei bewusst eine dramatische Szene auf. Die Weltkriegsszene illustriert im gleichen Film dagegen unerwartet, dass Probleme, welche gerade noch als Komödie gezeigt wurden, in der Realität furchtbare Auswirkungen haben können. Solche Elemente reißen Zuschauer manchmal aus der Handlungsillusion und regen, vielleicht vergleichbar mit Brechts epischem Theater, zum Reflektieren an. Viele Zuschauer mögen diesen Stil sehr, und andere lehnen ihn ab. Das gefällt mir, denn es wäre schlimm für mich, wenn die meisten Zuschauer einen Film bloß okay fänden und bald vergessen. Es ist aber kein fester Stil, bei jedem Film entscheide ich intuitiv aufs Neue, wie ich ihn nach meinem Empfinden interessant, unterhaltsam und wirkungsvoll gestalte.

Konstantin – eine Figur, die in deinen Filmen immer wieder auftaucht. Er ist ein undurchschaubarer Charakter und irgendwie ist er wie der kleine Teufel, der auf dem Rücken des Hauptdarstellers sitzt und Tipps gibt. Und irgendwie treibt er den Charakter auch mal in die falsche Richtung. Du spielt diesen Konstantin. Was verkörpert für dich diese Figur?  Was hat Konstantin mit dir gemeinsam? Wirst du auch weitere andere Charaktere in deinen Filmen spielen?

Konstantin bringt einen teils düsteren, teils absurden Humor in meine Filme. Er sagt schlimmste, ungefiltert-böse Dinge in einer unschuldigen, begeisterten Leichtigkeit und funktioniert als humoristischer Kontrast zur jeweiligen Hauptfigur. Er verkörpert in jedem Film etwas anderes. Meist kann man in ihm eine Seite der Hauptfigur sehen, welche diese nicht nach außen kehrt. Was die Figur Konstantin mit mir gemeinsam hat? Ich hoffe, neben Aussehen und Sprechweise nicht allzu viel. (lacht) Trotz manchmal durchdachter Gesellschaftskritik und manch sympathischer Unterstützung für den Protagonisten ist Konstantin nämlich vor allem eine rücksichtslose Figur, die andere nicht ernst nimmt und ein hedonistisches Leben ohne Rücksicht auf Mitmenschen propagiert. Ich bin offen, auch andere Figuren zu spielen, wenn es sich richtig anfühlt. Die letzten Jahre hatte ich aber immer wieder das Gefühl, dass meine Filme ein Element Konstantin brauchten. Ihn zu schreiben und zu spielen macht mir großen Spaß.

Am Ende muss immer eine Frage nach den Plänen stehen. Aber ich will lieber fragen: Bist du jemand, der plant? Hast du eine Ahnung, wo du in fünf Jahren bist? Gibt es Ziele?

Ich habe zwar einige grundsätzliche Ideen für die Zukunft, aber ich glaube, es kommen im Leben immer wieder unerwartet Dinge und Möglichkeiten, gegenüber denen man offen bleiben sollte und die alles verändern können. Deshalb halte ich mich mit genauen Prognosen zurück. Ich persönlich mag es, mir ambitionierte, aber machbare mittelfristige Ziele zu setzen und sie mit aller Energie zu verfolgen, also beispielsweise das jeweils nächste Projekt, sei es ein Film, sei es ein Buch, sei es in einem anderen Gebiet. Wenn man ein solches Ziel dann abschließt und präsentiert, eröffnen sich daraus oft neue, unerwartete Möglichkeiten. Ich vertraue sehr darauf, dass gute Dinge passieren, die man oft nicht vorhersehen kann, wenn man nur Gelegenheiten dafür schafft und aufmerksam bleibt. Was ich dir zu deiner Frage sagen kann – mein Ziel ist es, dass ich in fünf Jahren das tun werde, was mich zu dem Zeitpunkt glücklich machen wird. Was das sein wird, wird man dann sehen. Ich habe jedenfalls viele Interessen und Ideen für Projekte in den verschiedensten Bereichen und freue mich auf die Zukunft.

Mehr über Alexander Tuschinski auf seiner Website oder in der IMDb.


Thomas Goersch verkörperte weit über 200 Rollen in Kino-, Musikvideo- und Independent-Produktionen. Wegen seiner Vielschichtigkeit und seines Interesses an verschiedenen Genres engagierte man ihn wiederholt für ausländische Filmproduktionen, welche nicht selten einen stark künstlerischen oder experimentellen Ton aufweisen. Daneben ist er dem deutschsprachigen Fernsehzuschauer seit vielen Jahren als Moderator beim Verkaufssender 1-2-3.tv bekannt.

Otremba Funeral Service – Das Erbe der Science-Fiction

Hendrik Otremba singt bei Messer und feierte erst 2017 mit Über uns der Schaum sein Debüt als Autor. Jetzt legt er in diesem Nebenjob nach und präsentiert: Kachelbads Erbe. Damit hat er schon wieder ein Buch geschrieben, das im Grunde niemand erwartet hat. Denn hinter dem sperrigen Titel und merkwürdigen Cover verbirgt sich ein im Grunde nicht weniger sperrig aufgebauter Roman mit merkwürdigem Thema. Allerdings im besten Sinne.


Das Jahrhundert der Kryonik

Das Romanthema muss man sich als Autor auch erstmal zutrauen. Und Hendrik Otremba handelt es nicht bloß oberflächlich ab, sondern taucht tief hinein. Im Zentrum steht die Geschichte der Kryonik, erzählt anhand mehrerer Schicksale, die mit dieser wissenschaftlichen Bewegung eng verbunden sind. Die Schicksale liefern praktischerweise unterschiedliche Erzählperspektiven gleich mit und tragen zu einer Handlung bei, die sich durch einige kulturelle Epizentren des 20. Jahrhunderts windet, vom Wien der 20er über Mexiko, Deutschland, Frankreich, Spanien und Vietnam bis zum New York und Chernobyl der 80er-Jahre. Aber was war noch gleich die Kryonik?

Die Forschungsrichtung, welche ab den 1960er Jahren ein paar Institute und Firmen beschäftigte, ging und geht noch heute der Frage nach ewigem Leben nach: Es ist momentan, wie allgemein bekannt ist, ja leider noch nicht möglich, gestorbene Körper wiederzubeleben – aber könnte man Leichen nicht trotzdem schonmal einfrieren für den Fall, dass es doch eines Tages möglich sein wird? Wissenschaftlich betrachtet hätte man dadurch eine valide Forschungsgrundlage, wenn sich irgendwann realistische Möglichkeiten zur Reanimation von Leichen bieten sollten. Subjektiv betrachtet produziert dieser Gedanke Hoffnung auf Unsterblichkeit. Und tatsächlich lassen sich, ähnlich wie im altägyptischen Totenkult, auch heute noch Menschen in der starken Hoffnung auf Wiederbelebung ihrer toten Körper konservieren. Nur dass der mit der Wiedergeburt verbundene Glaube nicht, wie im Altertum, eschatologisch sondern modernetypisch wissenschaftspositivistisch ist: also nicht jenseitig, sondern diesseitig.

Kachelbads Erbe erschien bei Hoffmann und Campe:

Quelle: Instagram

Die ersten Einfrierungen im Sinne der modernen Kryonik fanden Ende der 1960er Jahre statt, und inzwischen lagern nicht wenige konservierte Leichen in Tanks, deren Seelen zu Lebzeiten von einer Auferstehung in einer besseren Zeit träumten – in der zum Beispiel körperliche Gebrechen heilbar oder vielleicht sogar Altern und Sterblichkeit insgesamt überwunden ist. Das Anliegen der modernen Kryonik liegt, im Gegensatz zur Mumifizierung im Altertum, stärker auf der funktionalen Erhaltung aller Organe als auf einer reinen Konservierung der äußeren Erscheinung. Es ist daher auch keine Pyramide, sondern eine Halle mit Tanks voll kahlrasierter Leichen, in dem die Handlungsstränge von Kachelbads Erbe zusammenlaufen.

Eine Science-Fiction-Geschichte

Eigentlich bedient sich der Roman damit eines klassischen Science-Fiction-Stoffs. Denn die Krynonik tauchte unter einem anderen Namen schon Ende des 19. Jahrhunderts in der Literatur auf: 1888 zum Beispiel ließ Edward Bellamy einen Protagonisten durch einen Magnetismus konservieren und das ferne Jahr 2000 besuchen. Auch späteren Autor*innen dienten kryonische Überlegungen für Zeitsprünge in Zukunftswelten, bis die Wissenschaft sich des Themas tatsächlich annahm. Zum Beispiel Stanisław Lem oder die Serie Futurama greifen es auf. Bei Hendrik Otremba, der sich mutig in die Reihe stellt, liegt der Fokus weniger auf den Science-Fiction- und stärker auf kulturgeschichtlichen Aspekten. Was bedeutet die Kryonik, die ja zumindest, was das Einfrieren betrifft, inzwischen tatsächlich angewendet wurde, als soziale Praxis, und welche Schicksale verband sie?

So begleitet Otremba einige Mitarbeiter des fiktiven Unternehmens Exit US, darunter ein gewisser H.G. Kachelbad, durch ihren Alltag Mitte der 1980er Jahre, als die erste große Öffentlichkeitswelle der Kryonik eigentlich schon wieder abgeebbt ist und die Praxis aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verschwinden beginnt, aber dennoch einige Aufträge offen sind. In der Kryonik wartet man ja meist den natürlichen Tod ab. Teil ihrer Tagesordnung ist es somit, nach dem Ableben von Klient*innen von Exit US die Leichen mit einem Kühlwagen abzuholen (der aus verschiedenen Gründen die Aufschrift „OTREMBA FUNERAL SERVICE“ trägt), diese auszubluten, das Blut durch ein Frostschutzmittel zu ersetzen, und in einen Tank mit -196° kaltem flüssigen Stückstoff einzulagern.

„Wenn die Sprache an ihre Grenze kommt, betreten wir eine neue Welt.“

Hendrik Otremba – Kachelbads Erbe

Da das Unternehmen zu dieser Zeit schon einige Jahre auf dem Markt ist, sind bereits zahlreiche Leichentanks zusammengekommen, die in einer Lagerhalle in Los Angeles stehen und regelmäßiger Wartung bedürfen. Nebenbei bieten sie als futuristischer Friedhof auf Zeit einen ausgezeichneten Schauplatz, an dem die Handlungsstränge von Kachelbads Erbe zusammenlaufen. Von dort aus richtet Kachelbads Erbe neben einem literaturwissenschaftlich obligatorischen Blick in die Zukunft auch ausführliche Rückblicke auf Lebensgeschichten der gefrorenen Leichen, ihren Platz in der Zeitgeschichte und die Gründe, die sie zur Kryonik brachten. Der Roman stellt große Fragen, thematisiert zum Beispiel die Grenzen der Sprache, etwa dann, wenn die Nachbereitung eines Lebens plötzlich wieder zu ihrer Vorbereitung wird. Oder fragt, was es eigentlich bedeutet, einen kleinen Gegenwartsmoment in der großen Seinsgeschichte zu durchlaufen. Aber er stellt auch sehr profane Fragen, die ebenfalls ihr Gewicht haben. Zum Beispiel: Was wird eigentlich aus den vielen Leichen, wenn ein Kryonik-Unternehmen sich wirtschaftlich nicht mehr trägt?

Die Kunst der Unsichtbarkeit

Und obwohl der Roman ein Science-Fiction-Thema aufgreift, glänzt er vor allem darin, vermeintlich Übernatürliches einzufangen und unter profanen Aspekten zu betrachten. Es mag zunächst aufstoßen, dass in einem Buch, das wissenschaftliche Sprache verwendet, plötzlich Unsichtbare, Zeitreisende und Seelenwanderer auftreten. Aber Otremba gelingt es, vermeintlich Übernatürliches logisch greifbar zu machen. Unsichtbarkeit zum Beispiel lässt sich von Seite zu Seite immer weiter als eine Eigenschaft nachvollziehen, die manche Menschen oder gesellschaftliche Gruppen zweifelsfrei tatsächlich haben, die man sich grundsätzlich aber auch antrainieren könnte. Auch die meisten anderen Phänomene, die auftreten scheinen zunächst undenkbar, später im Roman aber greifbar und völlig praktikabel. Die wenigen am Ende noch verbleibenden fantastischen Elemente lassen den komplexen Roman an einigen Stellen surreal verschwimmen.

Der fragmentarische Stil von Kachelbads Erbe, der auch an Buchprojekte wie Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen von Philipp Weiss oder Judith Schalanskys Verzeichnis einiger Verluste erinnert, und bei Otremba eine schlanke Form findet, ist in zwei Hinsichten geschickt gewählt. Zum einen kann der Autor damit zahlreiche Epochen abhaken, die er vermutlich selbst spannend genug findet, um ihnen ein Buch zu widmen, zum anderen lassen die Episoden kaum Aspekte unbeleuchtet, um den umkreisten Betrachtungsgegenstand, die Kryonik, auszuerzählen. Er achtet zwar auf den logischen Zusammenhalt zwischen den Fragmenten, traut das letztendliche Zusammenführen der Passagen zu einem Roman aber weitgehend seinen Leser*innen selbst zu. Diese werden mit jedem neuen Kapitel kurz mit dem Gefühl konfrontiert, plötzlich ein anderes Buch zu lesen. Was sich teilweise auch bewahrheitet. Als nachhaltig irritierend fällt höchstens eine aus der Sicht einer Katze erzählte Passage heraus, deren Weltbild trotz starkem Hang zur Verschmustheit und instinktiven Werturteilen doch sehr menschlich erscheint.

Sprünge im Erzählstil, die man während des Lesens ankreiden möchte, werden durch den Einbau von Metaebenen abgefedert. Diese schwanken zwischen wissenschaftlicher Beschreibung, surrealer Betrachtung und persönlichem Erzähler. Bloß manchmal würde man sich wünschen, dass der Roman noch stärker verschachtelt wäre und lieb gewonnene Charaktere noch zumindest ein zweites Mal zurückkehren würden. Aber nicht nur in seinem Thema, auch in seinem Aufbau bleibt der Roman durchgehend unbequem. Damit beweist Hendrik Otremba sein erzählerisches Talent. Zwischen den fragmentarisch zusammengefügten Kapiteln lässt er nicht zuletzt einen gesamten Roman unsichtbar werden.

Kachelbads Erbe von Hendrik Otremba erschien am 5. August 2019 bei Hoffmann und Campe und hat 432 Seiten. Er kostet 24 €, die ersten Seiten sind jedoch auch gratis vorgetragen verfügbar:

Quelle: YouTube
Titelbild: © Kat Kaufmann

Altes, neu vermischt

Es ist nun wirklich nichts Neues: Ein Musiker macht ein Album, nachdem er als selbstinszenierter und furchtbar sensibler Weltenbummler irgendwie inspiriert wurde und dann allzu bekannte, leicht verdauliche Häppchen einer vermeintlichen Authentizität kredenzt. Bonapartes neues und inzwischen siebtes Album Was mir passiert präsentiert solch eine Musik.


Tobias Jundt, dessen Künstlername Bonaparte ist, hat sich für dieses Werk auf die Reise in die Metropole Abidjan in der Elfenbeinküste gemacht, um dort polyvalente Energien und anarchische Beats zu finden. Natürlich wurde er bei der dortigen Musikszene fündig und produzierte allerlei musikalische Hybriden: Seine westliche Popmusik mischt er in 15 neuen Tracks mit der einheimischen Musik. Auch mit Musikern der Elfenbeinküste, wie Jean-Claude „IC Guitare“ Emanuel Bidy oder Tanoh Adjobi „Oanda“ Saint Pierre machte er Aufnahmen. Dabei entstand auch der titelgebende Song.

Ein Schlüsselmotiv des neuen Albums ist dabei der Reisende, der Wanderer, der auf Reisen seine eigene Identität und seine eigene Herkunft entdeckt. Allein dies klingt natürlich hochtrabend, aber ist nichts als abgeschmackte und bourgeoise Banalität eines selbstdarstellerischen Selbstfindungstrips. So besteht ein Großteil von Bonapartes Album aus Phrasen, die manchmal in zweitklassigen Wortspielen verarbeitet werden, und einer angeblichen künstlerischen Authentizität. Dabei flieht Bonaparte in einen ziemlich lahmen Jargon der Eigentlichkeit. Er textet über das Warten auf ein besseres Leben, plädiert dafür, manche Dinge im eigenen Leben passieren zu lassen und zu genießen. Er singt über seine Liebe zum Kochen (in Ich koche), beschreibt, wie eine sexuelle Affäre plötzlich zu Liebe wird (in Ins Herz geschlafen), oder über marode gewordene, aber ganz abstrakt geschilderte Lebensentwürfe (in Chateau Lafite). All das ist ja ganz nett, aber wo genau hier jetzt das innovative Moment oder die spezifische Authentizität des Künstlers sein soll, bleibt mehr als offen. Was ist daran das Besondere, Hörenswerte? Denn anstatt tiefgründige Gedanken zum Leben zu produzieren, bleiben nur Floskeln, die immerhin zuweilen mit einer gewissen Ironie vorgetragen werden oder flachen Wortwitzen (Newsflash: Nur schlechte Autoren schreiben Wortwitze!).

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Komplett verwerfen muss man die 15 Stücke inhaltlich aber nicht. Denn zumindest in zwei Songs sprengt er das langweilige Muster der Eigentlichkeit und wendet sich eher sozialen Problemen (politischer und kultureller Art) zu. Im Lied Big Data, das Bonaparte zusammen mit Farin Urlaub und Bela B singt, wird die digitale Sammelwut und der Verlust negativer Freiheitsrechte mit frechen, wenn auch oberflächlichen Versen kritisiert, mal ironisch, mal sarkastisch. Dieses Stück ist nicht schlecht, aber auch beinhaltet es keine Kritik, derer die Hörer sich nicht ohnehin schon bewusst wären. Da haben Die Ärzte schon Besseres geliefert. Für die eher geringe Qualität der Songs, ist es erstaunlich, welche Größen der zweitklassig singende Bonaparte sonst so für das Album hat gewinnen können: Sophie Hunger, Ruby Hazel und Fatoumata Diawara machen mit, machen die Texte aber auch nicht besser.

Spannender dagegen ist Bonapartes Das Lied vom Tod, der einzige gelungene Song, den der Künstler alleine zustande gebracht hat. Hier bemerkt er, dass alle Musikgenres tot seien, außer Techno, das aber komisch rieche. Ganz offen beschwert er sich hier, dass es keine Musik, keine Lieder mehr gebe, sondern zeitgenössisch nur noch der Beat entscheidend sei. Dabei wünsche er sich gerade ein Lied, zu dem er streiten, lachen und leben könne, also, stilistisch gar nicht so dumm, das Lied vom Tod – man könnte also sagen, das Lied, dass erstens das Sterben der Musik und den unaufhaltsamen Weg des Menschen in den Tod zu begleiten. Diese musikalisch vorgetragene Musikkritik hat durchaus etwas und zeigt, dass die Kunst, das Emotionale oder Aufrüttelnde der Musik – überspitzt formuliert – durch die reine Technik des Techno-Beats ersetzt werde.

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Bis auf einen Song also nichts Besonderes und keine feinfühlige Authentizität. Auch der Sound selbst ändert daran reichlich wenig. Er erschafft zwar Hybriden aus Popmusik, Berliner Beats und der Musik der Elfenbeinküste, aber dies bestenfalls eine mal annehmbare Neumischung, mal schon fast ein reines Hipster-Klischee. Eine Neumischung von Stil und Klängen machen noch keine neue Musik. Zugestehen muss man, dass dadurch manche Tracks abgefahren klingen, selbst wenn sie kitschig werden.

Bonaparte versteckt sich also hinter seiner neuen Selbstinszenierung – diesmal fast ausschließlich auf Deutsch. Inhaltlich ist das Album Was mir passiert eine Banalität, die als feinfühlig und tiefsinnig daherkommt, aber, eben bis auf ein bis zwei Songs, trivial ist. Dafür lohnt sich ein Albumkauf sicherlich nicht. Die Musik ist zwar auch nicht innovativ, aber der Sound ist wenigstens abwechslungsreich, selbstironisch-emotional und der Mischung zumindest kein purer Mainstream und manchmal auch ungewöhnlich – aber selten wirklich gut.

Was mir passiert von Bonaparte erschien am 14. Juni bei Columbia/Sony Music und hat 15 Tracks.

Titelbild: © Dadi Thierry Kouame

Farbenfrohe Melancholie – Black Sea Dahu live in Berlin

Mit ihrem Album White Creatures haben sich Black Sea Dahu vom etwas zu geheimen Geheimtipp zur Indie-Band der Stunde gemausert. Live entführen sie uns auf ihre Insel. Wie zum Beispiel am 10. Februar in der Kantine am Berghain.


Schon erstaunlich, was eine Namensänderung bewirken kann. Nicht, dass die Schweizer Band Black Sea Dahu, als sie noch JOSH hießen, keine gute Musik gemacht hätten. Aber von der haben nicht viele etwas mitbekommen. Und ihr neues Album White Creatures, das gleichzeitig Debüt von Black Sea Dahu und Album Nummer drei der daran beteiligten Musiker٭innen um Sängerin und Songwriterin Janine Cathrein ist, ist eindeutig das Beste. Was nicht daran liegt, dass sie plötzlich aus dem Nichts Gesang und Instrumente beherrschen oder der Marktstrategie eines großen Labels folgen. Sondern, dass die Band sich etwas zugetraut hat, sich Zeit genommen und Raum geschaffen hat, um ihre künstlerische Sphäre gemeinsam auszuloten und ein für allemal festzuhalten.

Black Sea Dahu im Nordmeer

Noch als JOSH starteten sie ein Crowfunding, um sich für die Aufnahmen auf eine einsame norwegische Insel zurückziehen zu können. Dort angekommen verbrachten sie intensive Tage voller Aufnahmesession, in denen sie hinsichtlich Arrangement und Produktion gemeinsam, das kann man sagen, wirklich alles aus den mitgenommenen Songs herausholten, was sich herausholen ließ. Und zurück kamen sie farbenfroh: als Black Sea Dahu mit White Creatures im Gepäck, das nun beim Berner Independent Label Mouthwatering Records erschien.

Und plötzlich brauchen sie sich keine Wohnmobil-DIY-Touren mehr selbst zu organisieren, sondern nehmen einfach die Konzerte der für sie gebuchten Europa-Tour wahr. Das Beste aber: Ihre Live-Performance schöpft unmittelbar aus den intensiven Sessions. Und das Publikum wird einfach unverhohlen mit auf die abgeschiedene, norwegische Insel mitgenommen, die ihnen zum perfekten Zusammenspiel verholfen hat. Der Plan ist also ganz gut aufgegangen.

Zwischen Singer-Songwriter, Country, Folk und Jazz

Ihre erfrischende genre-technische Unentschlossenheit und eine gewisse Grundspannung, die sich durchs gesamte Set zieht, unterstützen die Kurzweiligkeit ihrer Live-Performance. Sodass ihre Show in der Kantine am Berghain trotz holpriger (aber sympathischer (aber holpriger)) Ansagen, zur runden Sache wurde. Im weichen, zeitlos jazzigen Sound, der Welten vom Mainstream entfernt zu sein scheint, liegt ein breites Spannungsfeld, das gemeinsam erforscht wird. Bei Songs, die eher in eine Country-Richtung ausschlagen, wie zum Beispiel In Case I Fall For You, erinnert ihre Musik manchmal ein wenig an Bands wie Lola March, wenn auch melancholischer. Und dann wieder an überhaupt niemanden.

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Denn unterm Strich werden die sehr vielseitigen Kompositionen und Dynamiken des Albums durch einen der Band ureigenen Sound verbunden. Die tiefe, durchdringende Stimme von Janine Cathrein wirft einen Anker in die Musik, der auch stürmischer See standhält. Immer wieder ziehen sich die Songs auf ihren ungewöhnlichen, unaufgeregten Gesang und ihr Gitarrenspiel zurück und denen sich auf die sechsköpfige Band und mehrstimmigen Gesang aus.

Viel Aussagekraft für ihre Musik hat etwa der Song Pure, dem man noch anmerkt, dass er um ein Gefühl herum entstanden ist, das sich zunächst im persönlichen Songtext niederschlug. Der Song, der auch in schlichter Singer-Songwriter-Bearbeitung funktionieren würde, wird mit aller gebotenen Vorsicht andächtig mehrstimmig getragen. Instrumental hebt die Band dabei die rhythmisch extrem feine Dynamik aus der Gitarrenspur heraus und entfaltet sie so weit, bis aus der verträumten Komposition ein voluminöser Folksong wird. Der Wirkung des Songs scheinen Black Sea Dahu sich durchaus bewusst zu sein. Nicht umsonst fand er in der Kantine am Berghain Einsatz als Eröffnungssong. Er ist die Fähre zur Insel.

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Weiterlesen-Tipp:

Wikipedia: Das Schweizer Fabelwesen „Dahu“.


Black Sea Dahu sind noch eine Weile live unterwegs. Ihr Album White Creatures erschien am 12. Oktober 2018 bei Mouthwatering Records.

Titelbild: © Black Sea Dahu

Im leeren Raum

Josins Albumdebüt In the Blank Space war ein schlecht bewahrtes Geheimnis, klingt fast schon nerdig stilisiert und ist ein krasser Downer. Wie großartig.


Auf diesen Moment hatte Josin sich gut vorbereitet. Dass sie Klavier, Produktion, Synthesizer und Singen ganz gut beherrscht, kam ja inzwischen schon einige Jahre lang bei ihren Konzerten, auf EP- und Single-Veröffentlichungen durch. Nun erschien das überfällige Debütalbum der Perfektionistin, bei dem glücklicherweise eine goldene Regel greift: Wenn Perfektionist٭innen sich Zeit nehmen, lohnt sich das Warten. In the Blank Space heißt die Platte, die diesen Freitag beim Stockholmer Indie-Label Dumont Dumont sowie beim Londoner MVKA veröffentlicht wurde. Allein schon der Umstand, dass sie Josins Vielseitigkeit als Sängerin und Multiinstrumentalistin aufgreift und in einen künstlerisch geschlossenen Kontext setzt, macht es zu einem Album der Stunde.

Klassik und Ambient, Intuition und Diskurs

Josins sphärisch-stilisierte Musik klingt völlig eigen und intuitiv, was ja bekanntlich das Gegenteil von diskursiv ist. Dabei greift sie einen experimentellen Ansatz auf, nämlich Ambient Sounds und klassisches Klavierspiel zu verbinden, der in den letzten Jahren schon von mehreren zeitgenössischen Pianist٭innen, zum Beispiel Federico Albanese und Midori Hirano, aufgegriffen wurde. Diese Melange aus klarem Klavier und tragenden Electro Sounds entwickelt sich in Josins Musik weiter, zum einen offensichtlich, weil er von eindringlichem opernhaften Gesang getragen wird. Zum anderen, weil sich von Song zu Song der Fokus zwischen den drei Elementen verschiebt und keinen so klaren Ausgangspunkt hat wie die Kunst der anderen Musiker٭innen. In den Fokusverschiebungen, die auch Genregrenzen schlicht ignoriert, deutet sich die Komplexität ihrer anspruchsvollen Kompositionen an, die in Wahrheit noch viel weitergetrieben wird.

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Josins depressiver Mikrokosmos

In der insgesamt 40-minütigen Laufzeit von In the Blank Space wird der gesamte Mikrokosmos deutlich, den Josins Musik einnimmt. Mal introvertiert zusammengezogen, mal dramatisch entfaltet, erkundet das Album musikalisch viele Wege, um Unruhe zu erzeugen. Teils treiben, wie bei Healing, subtile Beats die Songs voran, teils bringt Josin mit dem Klavier allein eine innere Unruhe in ihre Musik, wie bei Once Apart (der übrigens ein bisschen an Rufus Wainwrights The Art Teacher erinnert). Bedrückende Texte tun ihr übriges. Auch wenn Josin bei Instagram und Facebook zeigt, dass sie Humor hat und noch nicht ganz an der Welt verzweifelt sein kann, ist ihr Album ein krasser Downer. Und die albumtitelgebende Leere fällt angespannt aus, weil sie stilisiert, weil sie künstlich ist, wie eine eingeredete Freiheit oder eine unter hohem Aufwand hergestellte Ruhe.

Ein insgesamt nicht mehr als melancholisch, sondern schon depressiv anmutender Gesamteindruck, zeigt facettenreich auf, was eigentlich alles geht, wenn man ein bisschen mehr kann als die anderen. Das Album begibt sich in die beste Gesellschaft mit anderen depressiven Künstler٭innen, die nicht viel auf Genres, dafür durch enormen Aufwand auf eine maximale Entfaltung intimer Kompositionen geben. Zum Beispiel Sóley und Hundreds, die Josin ja sogar schon bei Konzerten supportet hat. Andere Beispiele wären vielleicht Sufjan Stevens oder Thom Yorke, die sie allerdings bisher nicht supportet hat.

Einziger Wermutstropfen des Albums: Wer sich schon vor dem Release mit Josins Veröffentlichungen beschäftigt hat, erlebt wenig Neues. Zwar bietet der Albumkontext einen kunstvollen Rahmen, der viele Kreise schließt, doch bisher unveröffentlicht waren eigentlich nur zwei der Songs. Dass Josin die anderen sieben Kompositionen bereits social-media-freundlich entweder in EP-Form, als Singles oder Remixes zur Verfügung gestellt hatte, ist ja eigentlich dankbar, macht In the Blank Space aber im Nachhinein zu einem schlecht bewahrten Geheimnis. Anhören sollte man es sich dennoch.

Josins In The Blank Space erschien am 25. Januar 2019 bei Dumont Dumont und MVKA.

Titelbild: © Dumont Dumont

Lyrik des Prekariats

Die deutsche Lyrik wird inzwischen dominiert von lieblichen Heile-Welt-Schilderungen oder banalen konsumistischen Poetry-Slams. Schluss damit! Fabian Lenthes Gedichte über das urbanisierte Prekariat liefern einen gelungenen Gegenentwurf, was Lyrik sein kann und soll.


Auch abseits des Poesie-Mainstreams um die wenigen prominenten Lyriker herum, erscheinen ab und an Dichter, die einem kaum beachteten Genre neue Perspektiven verleihen können, oder verlorengegangene Blickwinkel wieder eröffnen. Die sehr düstere Perspektive eines meist abgehalfterten lyrischen Ichs bietet uns beispielsweise Fabian Lenthes Debüt In den Pfützen der Stadt wächst ein Stück Himmel. Ganz anders als die populäre pseudotiefsinnige Wohlfühllyrik geht es in diesem Band um wahre gesellschaftliche Abgründe. Und genau das ist erfrischend für die sonst so brave deutsche Gedichtelandschaft.

Einhundert unterschiedliche lange und nichtbetitelte Gedichte liefert Lenthe in seiner neuen Sammlung. Ansonsten kommt deutsche Lyrik entweder gerne daher mit vermeintlich feinsinnigen Beobachtungen, überschätzten Naturbeschreibungen oder den mehr oder weniger banalen Darstellungsformen bei Poetry Slams, in der selbst die abstrakteste Literaturform noch in den Häppchen der Kulturindustrie konsumierbar gemacht wird (en passant sei bemerkt, dass all dies nach Auschwitz in der Lyrik, zumal der deutschen, eigentlich nichts verloren hat). Doch in selten beachteten Gedichtbänden wie In den Pfützen der Stadt wächst ein Stück Himmel geht es ums Ganze, um die harten Probleme des urbanisierten Prekariats: sei es die Einsamkeit in einer überfüllten Stadt, seien es materielle und finanzielle Nöte, sei es das schwierige Zusammenleben in heruntergekommenen Gegenden, seien es Alkoholismus, Beziehungsprobleme, Motivationslosigkeit und Depressionen oder das Gefühl, schlicht abgehängt zu sein.

Schonungslos reflektiert jeweils das lyrische Ich über die Abgründe des eigenen Lebens. Gewiss, die Vulgarität und Härte der Gedichte von Charles Bukowski, in dessen Tradition der Band inhaltlich und stilistisch in großen Teilen zu stehen scheint, erreicht Lenthe nicht. Doch das ist auch nicht nötig, um den braven Lyrikkonsumenten mit der sozialen Rohheit aus dem Schönheitsschlaf zu wecken.

Ein schöner Tag in der Hölle

Ausgangspunkt ist meistens eine alltägliche Beobachtung, die räumlich und zeitlich recht beschränkt ist: Es kann sich dabei um eine Warteschlange im Supermarkt des Problembezirks handeln, um die Einsamkeit in einer spärlich eingerichteten Wohnung, einen Mangel an Bier, oder eben eine verdreckte Pfütze, die in dieser Welt immer noch als Hoffnungsschimmer geilt. Solche kleinen Schimmer, die Lenthe immer wieder einmal aufblitzen lässt, markieren die Dialektik einiger guter Momente von kurzer Dauer zwischen langen Phasen der Verzweiflung – Momente, an die sich nostalgisch geklammert wird, aber die freilich nicht nachhaltig helfen. Es gibt eben kein Richtiges im Falschen!

Auch Lenthes Stil wirkt auf den ersten Blick nicht aufsehenerregend, abgeklärt, manchmal auch hilflos. Doch genau so sind auch die lyrischen Ichs. Anders könnte es nicht sein. Die gewählten Metaphern sind auch meist offensichtlich. Spannend ist dabei aber, wie er einem finsteren, stinkenden Alltag mit einem Dreh erforscht. Meist hängt Lenthe nämlich ein Gedicht plastisch an einer dominanten Metapher auf und denkt das mal mit einem tragikomischen Witz, mal mit einer banalen, aber auch rohen Beobachtung zusammen. Das einfache und harte Leben braucht eine einfache und harte Sprache. Dem Autor gelingt somit zweierlei: Erstens, seine Verse sind verständlicher und weniger chiffriert als die vieler anderer Gedichte; und zweitens, konstruiert er aus dem Ideal der sprachlichen Einfachheit meist eine tiefere doppelbödige Momentaufnahme eines „schöne[n] Tag[es] in der Hölle“, wie es in einem der Gedichte heißt.

Zu lange wurden materielle Fragen und die Probleme der Unterschicht im Kultursektor marginalisiert; nehmen sie schon in der Prosa keine sonderlich prominente Rolle ein, so werden sie in der Lyrik als erhabene Literaturgattung noch weniger beachtet – und wenn doch, dann eher anhand des jammervollen, selbstmitleidigen Blickes auf einen Schicksalsschlag. Dennoch gibt und braucht es eine materielle und damit auch fassbare Lyrik. Eine solche findet man ab und an bei Kleinverlagen. Und ein solches Projekt ist Lenthes Buch.

„In den Pfützen der Stadt wächst ein Stück Himmel“ von Fabian Lenthe erschien 2018 bei Rodneys Underground Press und hat 116 Seiten.

Beitragsbild: © Rodneys Underground Press

Diskursrock als Kinderlied – Locas in Love mit Saurus X

Jede Band hat mal ein Album gemacht, mit dem sie ihren Sound definierten. Bei Locas in Love heißt es Saurus und hat zum zehnjährigen Jubiläum ein Reissue bekommen.


Zu ihrem zweiten Album Saurus ließen Locas in Love einen Rezensions-Generator programmieren. Wie könnte ich der Platte also besser gerecht werden, als davon Gebrauch zu machen und anschließend einen entspannten Feierabend zu genießen? Das klänge dann so:

„Locas In Love sind ja besonders unter ihren Kollegen hoch angesehen, aber nun melden sie sich mit ihrem zweiten Silberling zurück. Durchwachsen, weil orientierungslos präsentiert uns die Truppe um Björn Sonneberg Saurus (Sitzer/Virgin/EMI). Dabei gehen sie mit ehrlichen, unverkrampften Aussagen, die mitnichten honigsüß daherkommen zu Werke (…)“

Der Rest des Rezensionsgenerators ist ebenfalls Teil der Jubiläumsedition zum zehnjährigen Erscheinen von Saurus, genauso wie ein Haufen an weiteren Extras wie z. B. ein Songbook mit Akkorden zum Nachspielen der Lieder und einer genauen Entstehungsgeschichte des Albums voller Bilder, Texten und Zeitdokumenten, die erzählen wie das damals so war in den 2000ern Musik zu machen.

Und die Songs? Wenn ein typischer Locas-in-Love-Sound existiert, dann gibt es wohl kaum ein Lied, das ihn besser vorführt als der Saurus-Opener „Sachen“.

Quelle: Bandcamp

Aus dem Intro klingt die Strokes-Ära heraus, die sich gerade auf dem Zenit befand. Dieser Sound kommt nicht von ungefähr, denn das Album wurde von Peter Katis abgemischt, der schon den Indie-Rock Sound von The National, Interpol und The War on Drugs am Mischpult geformt hat. Zu den warm klingenden Gitarrenbendings singt Björn Sonnenberg über ein Treffen mit einem alten Bekannten. Es entspinnt sich ein Text zwischen WG-Küchengespräch und kritischer Selbstbeobachtung. So geht es auch in den ersten Refrain:

„Aber du kennst das ja selber/ und weißt ja wie du bist / wie es sich anfühlt, wenn man immer / so beschäftigt ist, mit Verpflichtungen, Erledigungen / und Freiwilligkeiten und Dingen / und den Fokus verliert / wir können ein Lied davon singen.“

Mit kurzen energetischen Ausbrüchen in der Bridge und einer lauter werdenden Soundwand gegen Ende, vereint der Song alle Elemente, die Indie-Rock gut gemacht haben. Doch die große Popkunst entfaltet die Band mit „Mabuse“. Über die eingängige – verdächtig an Sweet Jane von Velvet Underground erinnernde – Akkordfolge singt Bassistin Stefanie Schrank mit betont naiver Stimme einen Refrain, der die sanft plätschernden Akkorde konterkariert:

„Den Bankier bedroht, den Politiker entführt / Polizist k.o. geschlagen er hat kaum was gespürt / Mit meiner Handschrift, die Forderung geschrieben / dieses verdammte Deutschland hat mich dazu getrieben.“

Beim zweiten Durchlauf wird sie dabei noch von einem Kinderchor unterstützt und gemeinsam treiben sie den Kontrast auf die Spitze. Abgesehen von diesen beiden besten, versammelt Saurus eine Mischung an albernen, ernsten, traurigen und optimistischen Songs, die auch an ihrem zehnten Geburtstag noch eine emotionale und musikalische Wucht entfalten, die in der hiesigen Popmusik oft ihresgleichen sucht.

Quelle: Bandcamp

Tourdaten:

19.11.2017 Köln – BRITNEY powered by Schauspiel Köln
14.02.2018 Nürnberg – MUZ
15.02.2018 Frankfurt – Das Bett
16.02.2018 Karlsruhe – Jubez
17.02.2018 Freiburg – White Rabbit
21.02.2018 Fulda – Kreuz
22.02.2018 München – Milla
23.02.2018 AT-Wien – Flex
24.02.2018 Augsburg – Brechtnacht
Titelbild: Christian Faustus

Frühstück nach einer langen Nacht

Ganz still und dunkel war es um ihn – eine lange Zeit. Nun erzählt Gisbert zu Knyphausen auf seinem neuen Album Das Licht dieser Welt, das am 27.10. erscheint, von dieser langen Nacht und dem Morgen danach.


Er ist einer der sympathischsten Freiherrn Deutschlands. Und das nicht nur, weil er jährlich zum „Heimspiel Knyphausen“-Festival auf dem Weingut seiner Familie einlädt, sondern weil er es ohne großes Geklotze und aus ehrlicher Freude tut. Da man bei einem Freiherrn nicht so viele Vergleichsmöglichkeiten hat, kann man ruhig noch weitergehen: Der Freiherr zu Knyphausen ist einer der besten, aber auch einer der sympathischsten deutschen Liedermacher. Das kann jede*r bestätigen, die*der ihn einmal live erleben durfte. Denn wenn jemand ein großartiges Konzert im vollen Clubraum des Union-Berlin-Stadions abliefert, obwohl er kurz zuvor noch an Durchfall erkrankt war und sich dann zurückhaltend grinsend um Kopf und Kragen redet, weil er feststellt, dass das vielleicht doch eine etwas zu intime Information für die vielen unbekannten Gesichter im Publikum ist, dann ist das sympathisch.

„Wie es wird, kann nur der bucklige Winter entscheiden“

Sowieso war das besagte Konzert an einem unglaublich dunklen, kalten und verschneiten Januarabend 2017 in Berlin etwas Besonderes: Zu der Aufrichtigkeit mischte sich Dankbarkeit. Auf beiden Seiten. Das Publikum war dankbar, nach so langer Zeit wieder etwas von Gisbert zu Knyphausen hören zu dürfen. Überall wurde freudig getuschelt: „Oh, das ist mein Lieblingslied… ach, nee … das ist ein anderes. Aber das ist auch so schön!“ Und während er spielte und sang, so andächtig, traute sich kaum jemand zu atmen. Und Gisbert zu Knyphausen war sichtlich erleichtert und dankbar, einige seiner neuen Songs präsentieren und sein neues Album ankündigen zu können. Das sagte er dann auch so.

Vor sieben Jahren war sein zweites Album Hurra! Hurra! So nicht. erschienen. Dann hatte er mit Nils Koppruch die Band Kid Kopphausen gegründet und 2012 das erste und leider letzte Album herausgebracht.

„Nils‘ Tod kam vollkommen unerwartet, ein totaler Schock. Unser Album war gerade erst erschienen, wir hatten die ersten Konzerte gegeben, hatten einen Riesenspaß und Pläne für das ganze Jahr – und dann das … Sein Tod war ein großer persönlicher Verlust, auch beruflich stand ich danach erstmal vor dem Nichts. Ich beschloss, eine längere Auszeit zu nehmen, um Luft zu holen“, reflektiert er.

Er reiste viel – nach Russland, in den Iran, nach Albanien und Südfrankreich. Er las das Märchen Der Froschkönig für eine CD ein, spielte Bass in der Band von Olli Schulz und nahm mit Moses Schneider und Der dünne Mann als Band Husten eine EP auf. Und nun ist es endlich da, sein drittes Album Das Licht dieser Welt, das bereits Anfang des Jahres von der gleichnamigen Single angekündigt wurde.

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Hat sich die Melancholie jetzt ins Knie gefickt?

„So viel Lachen, Freude, Wunder? Und so eine fröhliche Gitarrenmelodie, eine lustige Trompetenpassage, zu der Gisbert zu Knyphausen heiter pfeift? Steht ihm zwar auch. Aber wo ist denn die ganze Melancholie hin?“, fragten sich sicher einige Fans, als sie den Song Das Licht dieser Welt das erste Mal hörten, der als Titellied für den Kinderfilm Timm Thaler diente und im Radio hoch- und runtergespielt wurde. Keine Angst, wenn man genau hinhört, ist er noch da, der Weltschmerz. Und auch all die anderen Themen, mit denen sich Gisbert zu Knyphausen in seinen ersten Alben beschäftigte, sind auf seinem neuen Album zu finden:

Sonnige Grüße aus Khao Lak, Thailand […] handelt von der Einsamkeit eines älteren Mannes in einer Großstadt […]. Das Licht dieser Welt ist […] eine Liebeserklärung an jede neue Existenz. Kommen und Gehen handelt vom Sterben, Stadt Land Flucht vom Suchen, Dich zu lieben von der Liebe […] und in Cigarettes & Citylights geht’s um die rasende Sehnsucht danach, endlich irgendwo anzukommen.“

Tino Hanemann

Weltschmerz, Einsamkeit, Liebe, Sehnsucht, die Suche nach einer Heimat, das Fernweh – alles Motive der Romantik. Ja, zu recht kann behaupten werden, Gisbert zu Knyphausen ist ein Romantiker der alten Schule durch und durch, schließlich ist er „Freund von Klischees und funkelnden Sternen“ (aus Freund von Klischees). Klingt negativ? Klingt nach Kitsch? Könnte man meinen. Besonders weil er in seinen neuen Liedern mit sanfter Stimme vom „Mondlicht“, einem „weitgesäumten Himmelszelt“, vielen „funkelnden Sternen“, „leise rauschendem Wind“, „Lächeln“, einem „Fenster mit Aussicht aufs Meer“, einem „hellblauen Himmel“, küssenden Pärchen und von ganz viel „Licht“ singt. Nein, das ist nicht kitschig – ganz im Gegenteil.

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„Die Welt ist grässlich und wunderschön“

Denn was ist Kitsch? Kitsch ist trivial, unaufrichtig. Kitsch blendet die Schattenseiten und das Wirkliche aus, wie man es zum Beispiel aus dem Schlager kennt. Und Gisbert zu Knyphausen ist nicht nur auf der Bühne und in seinen Texten ehrlich. Er kann auch etwas, das nur sehr wenigen Singer-Songwritern gelingt. Er bricht diese romantischen Motive, er spielt mit den Bildern: Ja, da liegen sich Unter dem hellblauen Himmel ein Junge und ein Mädchen im Arm, aber es werden auch die Stecker der Geräte eines Kranken gezogen. Und wenn jemand über den Strand schwebt, dann ist er „umnebelt von Whiskey“ und sieht dabei aus wie „eine eiernde Frisbee“ (aus Stadt, Land, Flucht). Und dann fängt nunmal ein hellblauer Tag ohne das süße Mädchen an, denn es „lag tot in Mutters Arm“ (aus Kommen und Gehen). Schließlich war „[d]iese Welt […] nie gerecht und das Glück hält nie lange an“ (aus Kommen und Gehen).

Mit seinen Texten erschafft er Bilder, die ganz plötzlich dunkel werden, wie in Kommen und Gehen. Aber auch Bilder, die mal dunkel waren und wieder hell werden, wie in Dich zu lieben, Sonnige Grüße aus Khao Lak, Thailand und Teheran Smile. Und unvollkommene Bilder, die jede*r für sich selber weiterdenken muss, wie in Niemand, Stadt Land Flucht und Keine Zeit zu verlieren. „Die Lieder handeln von der ewigen Sinnsuche, dem Nicht-einfach-nur-sein-Können, vom Tod und dem Umgang damit, und wie man es schafft, mehr Licht und Optimismus in sein Leben zu lassen“, beschreibt er selbst das Album.

„Und jetzt schau nicht so gequält – das sieht scheiße aus!“

Aber waren seine Songs nicht immer schon angesiedelt zwischen „Die Welt ist nicht fair“ und „Jetzt jammer doch nicht immer so rum!“? Man erinnere sich an sein Lied Spieglein Spieglein seines ersten Albums, in dem er bissig fragt: „Glaubst du du bist so interessant, wie du dich suhlst in deinem Schmerz? Blablabla!“ Wieder ein Spielen – ein Spielen mit der Grenzen zwischen Melancholie und Selbstmitleid. Der Grenze zwischen verzweifeltem Pessimismus und ja, was eigentlich? Optimismus? Klar, ist jedenfalls mit seinen lyrischen Ichs und lyrischen Dus, die immer noch etwas Zuversicht in sich tragen, geht er nicht so hart ins Gericht wie mit jenen, die in Selbstmitleid zerfließen. Auch auf dem neuen Album ist ab und zu mal ganz leicht dieser bissiger Ton zu hören. Etwa wenn er singt: „Du willst eine verlorene Seele sein, obwohl du ahnst, damit bist du nicht allein.“ (aus Keine Zeit zu verlieren). Oder wenn er seinen Protagonisten als „elend wankende[n], am Wohlstand erkrankender[n] Mann“ (aus Stadt Land Flucht) beschreibt. Doch mit genau diesem ganz leichten Zynismus schafft es Gisbert zu Knyphausen, die Situationen seiner Figuren noch ein Stück bitterer darzustellen.

„You’re digging a new hole, that you can crawl in and then call it your home“

Und das ist neu. Gisbert zu Knyphausen zeichnet in fast allen neuen Songs Figuren und bedient sich ihrer Gefühle: „Überwiegend über mich zu singen, schien mir ermüdend, außerdem hatte ich auf den ersten beiden Alben schon so vieles gesagt, das ich nicht noch einmal durchkauen wollte. Darum der Wechsel der Perspektive, die Hinwendung zu den Geschichten anderer Leute, die Erweiterung des Themenspektrums“, begründet er diese Entscheidung. Die beiden englischen Songs seien ebenfalls aus künstlerischer Neugierde entstanden. Und musikalisch? Auch hier hat er sich neuer Ausdrucksmöglichkeiten bedient. Neben der gisbertesken Gitarre haben sich neue Instrumente und damit auch ein neuer, an einigen Stellen für Gisbert zu Knyphausen außergewöhnlich wuchtiger Sound untergemischt: Bläser sind zu hören, eine Ukulele, eine E-Gitarre und ein -Bass, ein Vibraphone, Synthesizer und Klavier. Das letzte Stück des Albums Carla Bruno ist sogar ausschließlich instrumental, ein Klavierstück.

„Aber wir sehen uns wieder – ganz bestimmt – irgendwann“

Bevor Gisbert zu Knyphausen seine Zuhörer*innen jedoch in das Klavierstück, ins letzte Lied, entlässt, macht er noch einmal mit einem Zitat aus dem Märchen Die Bremer Stadtmusikanten deutlich, worum es wirklich geht: „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“, zum Beispiel im U-Bahn-Schacht, auf der Linksabbieger-Spur und in der Hosentasche. Und dabei plätschert der Song so leicht, humorvoll und unschuldig dahin. Ein Song, den Nils Koppruch begonnen und Gisbert zu Knyphausen nun beendet hat. Aber die letzte Stimme des Albums ist nicht seine eigene, sondern die seines verstorbenen Freundes.

Das Licht dieser Welt ist ein aufrichtiges und damit wahnsinnig berührendes Album. Denn auch wenn Gisbert zu Knyphausen die Geschichten anderer erzählt, so ganz glaubt man ihm nicht, dass er nicht weiß, wovon er da spricht. Er breitet textlich wie musikalisch die gesamte Gefühlspalette aus, um sie dann leise wieder zusammenzurollen – und beweist damit einmal mehr sein großartiges Können.

Und nun sollte man ein Glas Weißwein vom Weingut Baron Knyphausen heben. Darauf, dass „wir alle hier sind, obwohl uns niemand braucht“ (aus Keine Zeit zu verlieren) und jede*r für sich lernen muss, ein Niemand zu sein. Darauf, dass es ganz plötzlich ganz dunkel werden kann. Dass aber – auch wenn es schwer zu glaube ist – immer ein neuer Morgen anbricht – mit viel Licht. Und dass dann vielleicht jemand da ist, der Frühstück macht. Auf das Leben, auf die Liebe, auf das Licht, auf den Pathos, der keiner ist, aber mal einer sein darf – zumindest, wenn er von einem der sympathischsten Freiherrn Deutschlands kommt.

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Alle Zitate in den Überschriften stammen aus Liedern von Gisbert zu Knyphausen.

Titelbild by Franz Deelmann – Own work, CC BY-SA 3.0 de

Kettcar. Am Ende der Geduld

Das neue Kettcar-Album heißt Ich vs. Wir und ist ein scharf einschlagendes, Musik gewordenes böses Erwachen. Musikalisch besinnt sich die Band auf alte Zeiten, textlich ist sie besonnen wie nie.


Dabei kommen sie nicht ohne Proto-Kettcar-Phrasen wie „Irgendwann ist immer nur ein anderes Wort für nie“ oder die Mitsingparole „Das Beste ist immer der Feind des Guten“ aus. Bloß drumherum hat sich einiges verändert. Die über vier Alben ausgebreiteten Themen wie das Älterwerden ohne den Selbstverrat, Linksbleiben in Phasen des Reichtums, die Adressierung von Ängsten oder die Verarbeitung von Verlusten rücken in den Hintergrund. Im Vordergrund steht das Konkrete: die Selbstbestimmung im Hier und Jetzt.

Denn die scheint für die Band ein ernsthaftes Problem darzustellen. Zum Vergleich: Im Sommer ’89, als die Bandmitglieder um die 20 waren und politisches Engagement noch klare Formen wie Fluchthilfe am Eisernen Vorhang fand, konnte man im Freundeskreis noch mit Leidenschaft und bis weit über die Schmerzgrenze über die Sehnsüchte und Gefahren einer deutschen Wiedervereinigung diskutieren. Heute ist man in dieser Diskussion trotz fast 30 Jahren Erfahrung kaum reicher an Erkenntnissen. Und die politische Debatte selbst ist diffus geworden. Außerdem ist sie deutlich zu weit nach rechts gerückt, wird irrational und populistisch geführt. Als kritisch denkender, sozialer Mensch durchlebt man da schon mal Zyankali-Tage, an denen doch recht deutlich wird, dass Menschen keinen Sinn ergeben. Was tun? Hier gibt es mehrere Möglichkeiten.

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Option 1: Eskapismus.

Zum Flughafen fahren, in die Ankunftshalle setzen, Leute bei Begrüßungsszenen beobachten. Wie sie etwas Aufrichtiges tun. Sie als echte Menschen mit echten Gefühlen betrachten. Sich klarmachen, dass sie nicht alle und nicht immer eine Meute sind. Das funktioniert so lange gut, bis die letzte Nachtmaschine abgefertigt wurde. Und selbst Fußballgucken hat seine Grenzen. Als langjährige St.-Pauli-Fans stehen Kettcar ja exemplarisch für linke Fußballkultur, die den Sport liebt, sich an nationalistischen Fußballkulturen aber soweit hochschaukeln kann, dass die Mannschaftsausstellung zum metaphorischen Politikum wird und einen im Länderspiel aller sportlichen Grundlage entbehrend plötzlich gegen Deutschland sein lässt. Aus Panik.

Option 2: Gedanken sortieren.

Wie kann es eigentlich zu egoistischen Massenbewegungen kommen? Steht da nicht Ich vs. Wir? Wie formen viele Ichs ein Wir der Einzelinteressen und formieren daraus dann auch noch eine Wagenburg? Das wäre ja auch praktisch zu wissen, um eine Gegenbewegung zu bilden. Aber einem widersprüchlichen Gedankengang kann man nunmal nicht mit Rationalität Herr werden, sondern verheddert sich bloß und kommt in derselben Starre aus, die ja Ausgangspunkt des Ganzen war. Es hilft nur eins.

Option 3: Handeln.

„Mama sagte, achte auf deine Gedanken, denn sie werden deine Worte. Und mit ein paar Worten fing das Ganze an.“

Kettcar – Benzin und Kartoffelchips

Aber wie denn nun? Nur weil man Unsinn nicht sortieren kann, bleibt man ja ein rationalen Denkens fähiges Wesen. Da wird man ja wohl nicht die Geduld verlieren und sich zu Gewalt hinreißen lassen. Denn mit einem Jahr im Gefängnis ist ja auch keinem geholfen.

„Mama sagte, achte auf deine Worte, denn sie werden deine Taten. Wir waren nicht betrunken, nicht in der Unterzahl.“

Kettcar – Benzin und Kartoffelchips

Wobei man ja auch nicht gleich zuschlagen muss. Den Revolver entsichern wäre ja auch erstmal eine Maßnahme. Und mit dieser Maßnahme endet das Album dann auch. Weiter kann Kunst, zumal Indie-Pop-Rock, nicht gehen. Was das Album aber besonders macht, sind die vielen Stellen, an denen genau dieser eine Schritt zu weit höchst elegant umtanzt wird. Man spürt sehr deutlich die Wut der Band darüber, hier überhaupt nochmal in den Ring treten zu müssen. Hatte man nicht damals, zum Beispiel mit …But Alive, schon alles gesagt? Aber wenn schon, denn schon. Also produziert man es aus, denkt es zu Ende, nimmt alle sinnvollen und notwendigen Perspektiven ein, lässt dieses eine Mal wirklich nichts aus. Das Scheitern, das Zweifeln, die Wut, die Ursachen, die Konsequenzen oder den steten Versuch, einfach nur klarzukommen, den Mutspruch:

„Keine einfache Lösung haben, ist keine Schwäche. Die komplexe Welt anerkennen, keine Schwäche. Und einfach mal die Fresse halten, ist keine Schwäche, nicht zu allem eine Meinung haben, auch keine Schwäche.“

Kettcar – Den Revolver entsichern

Option 4: Ich vs. Wir veröffentlichen.

Der bemerkenswerteste Song der Platte bleibt trotz reicher Auswahl die Vorab-Single Sommer ’89, auch wenn die meisten im Kettcar-Publikum ihn vermutlich inzwischen schon totgehört haben. Doch seine konsequent prosaischen Strophen, die vom Schlagzeug durch die Handlung getrieben werden, sind nicht das einzig innovative Arrangement des Albums. Es fällt musikalisch vielseitig aus, lebt durch Ideenreichtum, nicht zuletzt spannende Gitarrenparts. Im Sound scheint es zwar ein bisschen, als entwickelten Kettcar sich im Kreis und wären viel näher an ihrem Frühwerk ausgekommen als am teilweise experimentelleren Vorgänger Zwischen den Runden. Aber sie entwickeln vieles weiter und machen einfach viel mehr daraus als früher.

Auf Ich vs. Wir kommt am Ende niemand zu kurz. Bloß wer sich davon angegriffen fühlt, hat Grund zur Sorge. Es gibt Schlimmeres.

Quelle: YouTube

Kettcars Album Ich vs. Wir erscheint heute bei Grand Hotel van Cleef.

Titelbild: © Andreas Hornoff