Schlagwort: Indie Rock

US Emo, Level drei. Foxings Rundumschlag

2018. Die USA sind tief zerrissen in verfeindete Lager. Zumindest, was ihren Indie-Rock angeht. Gut, dass eine Band es schafft, die Subgenres zu einen. Auf Nearer My God trumpfen Foxing groß auf.


Vorweg eine These: Das neue Album einer Band ist immer dann automatisch ihr bestes, wenn in ihm alle früheren Alben aufgehen. Denn wo die alten mitgedacht sind, brauchen diese gar nicht mehr weiter angehört zu werden. Wenn dem so ist, ist Foxing nach zwei erfolgreichen Alben nun tatsächlich ein Genie-Streich gelungen. Sollte jemand wirklich seinen Musikgeschmack auf solche diskursiven Thesen reduzieren wollen, so bräuchte er sich nun weder jemals wieder die ersten beiden Foxing-Alben anzuhören noch irgendein anderes Album jüngerer US-Indierock-Geschichte. Denn auf Nearer My God ist schon alles mitgedacht, wodurch sich das Album sehr geschickt selbst in die Plattensammlung einräumt und dort sogar zum Bindeglied wird.

Nachdem Foxing auf Albatross noch teilweise hardcorige Songs ins Zentrum rückten, schien sich der Band-Fokus auf Dealer eher in Richtung ruhigerer, impulsiver Balladen zu bewegen, was ihnen immerhin Platz drei der US-Charts einbrachte, aber auch ein böses Omen fürs nachfolgende Album war. Denn wenn sie nun schon in diese Richtung gestartet sind – wohin soll der nächste Schritt führen? Auch Song eins von Album drei beruhigt nicht unmittelbar, beginnt tendenziell sogar eher unheilvoll, zumindest vor dem Hintergrund der Bandgeschichte, denn das Intro klingt definitiv nach weißem, wenn nicht sogar europäischem R’n’B, wie ihn zum Beispiel inzwischen die Arctic Monkeys oder die skandinavische Szene betreiben: gekonnt arrangiert, aber unterm Strich etwas dünn und künstlich. Zum Glück wechseln sie noch während des Songs das Genre, was sie auf dem Album zur Gewohnheit machen.

Immer wieder finden sich ungewohnte Elemente, mal gesampelter Gesang, dann Streicher, dann wieder der rifflastige Bombast-Rock, mit dem sie angetreten sind. Davon abgesehen gehen in Nearer My God auch verschiedenste Einflüsse der jüngeren US-amerikanischen Indie-Rock-Subkultur-Flügel auf: vom Indietronic, den Bands wie Owl City geprägt haben (zum Beispiel in der Vorabsingle Slapstick), bis zum guten alten Crossover á la Hot Action Cops oder Alien Ant Farm (zum Beispiel in der jüngsten Single Gameshark). Auch der Dance Rock kommt nicht zu kurz. Selten waren Songs eines dieser Genres so gut ausproduziert wie bei wie bei Foxing. Ein Glück, dass auch der vielseitig einsetzbare Frontmann Conor Murphy alle Flügelwechsel problemlos mitmacht, was das Album ebenfalls weiter glättet.

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Am häufigsten lässt sich dann aber doch wieder diese neue Emo-Welle heraushören, zu denen neben Foxing vor allem andere Südstaaten-Bands wie Blis. oder Microwave, aber auch Künstler wie The Hotelier oder The Antlers gehören. Gegenüber ihren schwarzgefärbten, kajalbelegten Vorbildern der 2000er-Jahre pflegen sie optisch zwar ein authentischeres Auftreten, akustisch lassen sie aber keine Punkte in Sachen Verzweiflung oder großen Gesten liegen. Obwohl die Betitelung als Emo vielen Bands seit jeher verhasst ist, zeichnet sich hier eben doch ab, dass Drama und Pathos feste Größen im US-Independent-Bereich sind. Foxing jedenfalls gelingt nicht nur die Selbstverortung im eigenen Schaffen, das seit ihrer Gründung auf das neue Album zugelaufen zu sein scheint, sondern auch die Bündelung des Genres, das keines sein will.

Bloß ein Manko hat das Ganze am Ende doch: Die in der Theorie sympathische Aktion, den Titelsong Nearer My God in fünf Sprachen als Singles herauszubringen, führt, vorsichtig ausgedrückt, zu irritierenden Ergebnissen, und fand zum Glück außerhalb des Albums statt. Klingt die japanische Variante aus der Ferne noch recht muttersprachlich, hat die deutsche, so zumindest ein subjektiver Eindruck, etwas Befremdliches. Aber auch hierzulande scheitern ja nach wie vor viele Projekte daran, deutschsprachigen Indie gut klingen zu lassen. Und auch Foxing können am Ende nicht alles können. Wie beruhigend.

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Nearer My God von Foxing erschien am 10. August 2018 bei Triple Crown Records.

Titelbild: © Hayden Molinarolo

Japanischer Indie, Filmmusik, Spirit Fest, Notwist und die Kunst. Im Gespräch mit Markus Acher

Markus Acher steckt mal wieder in zahlreichen Projekten, weiß nicht einmal mehr, wann er mit Notwist proben soll. Dabei machen sie doch grad ein neues Album. Aber alle Bandmitglieder sind derzeit viel unterwegs. Er selbst sucht den Austausch mit japanischen, britischen und US-amerikanischen Musiker*innen, welcher aktuell in Bands wie Spirit Fest oder Hochzeitskapelle aufgeht.

Die großen Fragen („Heißt es ‚Notwist’ oder ‚The Notwist’?“) wurden von dieser Seite bereits letztes Jahr im Interview geklärt. Am Rande des European Art Cinema Day, für den er in Berlin war, gab es wieder Gelegenheit für ein Gespräch. Höchste Zeit, weiter in die Tiefe zu gehen, über aktuelle Veröffentlichungen und seine künstlerische Arbeitsweise selbst zu sprechen.


Notwist gilt für viele, auch international, als relevanteste deutsche Indie-Band. Hättet ihr das bei der Gründung für möglich gehalten?

Nein, natürlich nicht. Als wir angefangen haben, waren da einfach Weilheim, Frust und Langweile und ein Rauswollen aus der Kleinstadt. Vor der eigentlichen Notwist-Besetzung gab’s schon eine frühere Besetzung, die stark von Underground und Punk beeinflusst: Velvet Underground und Camper Van Beethoven waren die Vorbilder. Das, wozu der Originalpunk geworden war, Deutschpunk zum Beispiel, hat mir nicht gefallen, aber über Frontline Mailorder habe ich die ganzen amerikanischen Hardcore-Bands kennengelernt. Aus diesen Einflüssen hat sich die Notwist-Trio-Besetzung gegründet.

Wir haben versucht, in diese Richtung zu gehen. Von der ersten Besetzung waren zu dem Zeitpunkt nur noch als Schlagzeuger Mackie Messerschmidt und ich dabei. Wir haben noch meinen Bruder als Bassisten gefragt, der kurz davor bei einer anderen Punkband aufgehört hatte. Das war so 1987. 1990 kam die erste Platte. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir an das erste Label kamen. Die haben uns irgendwo gesehen. Die Hardcore-Szene war ja damals noch sehr vernetzt und man kam als Vorband für amerikanischen Bands von einem Jugendzentrum zum anderen.

Setzt es euch, wenn ihr an neuer Musik arbeitet, unter Druck, dass die Songs mittlerweile ein so großes Publikum finden?

Schon ein wenig. Aber wir versuchen sowieso immer, einen Außenblick in unsere Arbeit miteinzubeziehen. Die letzte Instanz sollte sein, was man selbst gern hören würde. Aber mit zunehmendem Alter der Band und der Anzahl der Platten, die wir schon gemacht haben, fängt man natürlich an, zurückzublicken und zu schauen, ob man nicht das Gleiche schonmal gemacht hat, nur cooler und besser. Das ist eigentlich immer das größte Problem. Man will ja immer etwas machen, das man selber in der Form noch nicht gemacht hat, oder im besten Fall etwas, was es an sich sonst noch nicht gibt. Wir sind uns zwar bewusst, dass man nie etwas komplett selbst erfindet, sondern sich selbst irgendwo her zusammensucht, aber probieren immer, etwas zu finden, für das es zur bestimmten Zeit in genau dieser Kombination und dem Arrangement einen Grund gibt, es zu machen.

„Bestimmte Platten klingen für mich auch rein intuitiv eher farbig, andere monochrom. Also fange ich oft damit an, diese Aspekte zu hinterfragen und mit ihnen zu arbeiten.“

Markus Acher über sein Arbeit

Ist dieser Ansatz auch Ausgangspunkt dafür, dass ihr euch alle an so vielen weiteren Projekten beteiligt?

Ja. Es ist eine gute Art, sich Inspiration zu holen oder Verantwortung abzuwälzen. Zum Beispiel sind an dem Projekt Spirit Fest, mit den beiden Mitgliedern Saya und Takashi Ueno von Tenniscoats, Mat Fowler von Jam Money und Cico Beck (Joasihno, Aloa Input, You + Your D. Metal Friend, Notwist), Personen beteiligt, die sehr viel einbringen, genauso viel wie ich. In so einem Umfeld kann man einfach loslassen und weiß, dass etwas Cooles dabei herauskommt. Das Debütalbum erscheint im November bei Morr Music.

Und wie entsteht ein Projekt wie Spirit Fest? Habt ihr im Vorfeld Songs ausgetauscht oder ist alles in den zwei gemeinsamen Aufnahmewochen entstanden?

Bei Spirit Fest haben alle ihre eigenen Stücke mitgebracht, die schon komponiert und getextet waren. Aber dazu, wie wir sie arrangieren und aufnehmen würden, gab es vorher keinerlei Kommunikation. Letztendlich wusste ich auch nicht genau, was sie mitbringen und dass sie überhaupt etwas mitbringen. Aber ich bin schon lange großer Fan, habe die Band 2005 entdeckt, als wir mit Lali Puna zum ersten Mal in Japan waren. Damals habe ich mir einen Sampler namens Songs for Nao gekauft, auf dem sie selbst, aber auch viele Bands aus ihrem Umfeld versammelt sind. Dadurch bin ich auf sie aufmerksam geworden und habe angefangen, nach ihrer Musik zu suchen, ihre CDs zu bekommen, weil es mich extrem angesprochen und berührt hat.

Während der Aufnahmen in München, © Spirit Fest

2009 erschien eine gemeinsame Platte von Tenniscoats und The Pastels aus Schottland, von denen ich auch großer Fan bin. Durch diese und andere Kollaborationen der Band – etwa mit der schwedischen Band Tape, diversen japanischen Künstlern oder dem australischen Soundkünstler Lawrence English– ist die Idee zu diesem Projekt etwas näher gerückt. Ich habe, bevor wir nochmal mit Lali Puna in Japan waren, gesehen, dass sie inzwischen bei Afterhours veröffentlicht haben, einem befreundeten Label in Tokio, das auch Notwist-Alben lizensiert hat. Die haben für uns auf meine Bitte ein Treffen mit Tenniscoats organisiert. Wir haben uns auf Anhieb verstanden und sie haben gleich gefragt, ob wir nicht eine Kollaboration machen wollen. Als wir im letzten Jahr zum ersten Mal das Alien Disko-Festival organisiert haben, waren sie gleich die erste Band, die ich vorgeschlagen habe. Wir haben direkt ausgemacht, dass sie ein paar Tage eher kommen und wir die Gelegenheit nutzen, um Aufnahmen zu probieren.

Wie stießen Mat Fowler und Cico Beck zum Projekt?

Die habe ich eingeladen. Ich habe mich gefragt, was noch dazu passt. Mit Cico mache ich viel in München. Er ist ja inzwischen auch bei Notwist und ist ein sehr guter Musiker, der sich extrem gut in eine bestimmte Art von Musik einfühlen kann. Mit Mat habe ich mich auch gut angefreundet. Ich hatte mir die erste Platte von Jam Money direkt bei ihnen bestellt, weil noch kein Vertrieb sie hatte. Darauf hat er sofort geantwortet und schrieb, dass er auch Musik von uns kennt. Wir haben dann viel per E-Mail geschrieben. Irgendwann habe ich ihn gefragt, ob sie ein Album bei unserem Label Alien Transistor veröffentlichen möchten – was sie dann auch gemacht haben. Er ist ein guter Typ und hat einen total eigenen, kunstvollen Ansatz, Musik zu machen, sieht in jedem Gegenstand einen Klang, den er einbauen kann, und geht sehr spielerisch an die Musik heran. Er stellt immer wieder alles auf den Kopf und experimentiert sehr viel, zum Beispiel mit Spielzeuginstrumenten oder jetzt auf der Platte mit Steinen oder einem Radio. Er war für den generellen Klang der Platte sehr wichtig.

Das Video zu Hitori Matsuri liefert Eindrücke aus dem Studio

Quelle: YouTube

Die Musik, die Tenniscoats auf ihren eigenen Alben macht, lebt durch starke Präsenz, deine Projekte zeichnen sich ja eher durch Subtilität aus. Gerade mit Rayon hast du zuletzt ein sehr subtiles, bedrückendes Album veröffentlicht. Auf dem Album fügt es sich für mich zu einem intimen, aber auch optimistischen Sound zusammen. Hattet ihr im Vorfeld eine Intention, dass ein solches Album dabei herauskommt?

Mein Ansatz war wirklich bloß, dass ich ihre Musik nicht höher schätzen könnte. Wäre Neil Young zu Besuch gekommen, wäre ich wahrscheinlich weniger aufgeregt gewesen. Deswegen wollte ich eine Atmosphäre schaffen, die passt und das Besondere an der Band bestmöglich unterstützt. Und das besteht eben darin, dass sie unglaublich intensive Musik machen, auch wenn sie erstmal vielleicht einfach und nett klingt. Aber sie hat eine unglaubliche Tiefe und Traurigkeit, die einen aber gleichzeitig festhält. Man suhlt sich nicht darin, sondern sie ist vielleicht wirklich, wie du es beschreibst, optimistisch.

Wir sind dann auch nicht in eine normales, anonymes Studio gegangen, sondern zu einem Freund von uns, zu Nico, der mit Cico bei Joasihno spielt. Er hat ein Studio in seiner Wohnung, mit zwei Räumen. Im einen steht nur ein Mischpult, im anderen sein Bett und Mikrofone. Dort haben wir eng aneinander aufgenommen. Das hört man eben auch, es war sehr respektvoll. Alle haben wahnsinnig aufeinander gehört, was für alle eine außergewöhnliche Erfahrung war. Auch wenn es bei jedem Stück zusätzliche Overdubs gibt, ist ein Großteil der Platte und das Grundgerüst aller Songs aber eigentlich immer live gespielt und gesungen.

Ihr geht ja im Dezember gemeinsam auf Tour. Durch die räumlichen Distanzen stelle ich mir die Vorbereitung etwas schwierig vor. Schließt ihr euch vorher nochmal an einem bestimmten Ort ein, um die Konzerte vorzubereiten?

Zweimal haben wir ja schon zusammen live gespielt –in Köln und in München– und ich glaube, jeder weiß noch, was er da gespielt hat, und wir werden alle auch immer wieder Songs komponieren, die wir schnell, vielleicht schon während der Tour, erarbeiten. Einen Tag bevor die Tour in Genf startet, treffen wir uns dort schon und spielen alle Songs in einem Proberaum durch, den wir dafür angemietet haben, um es einmal wieder gespielt zu haben. Aber bei allen, die da mitspielen, gibt es nicht so etwas wie Fehler bzw. wenn jemand einen Fehler macht, ist das nichts Schlimmes oder wird nicht als Fehler betrachtet. Alles ist sehr offen und aus allem, was passiert, kann etwas gemacht werden. Tenniscoats selbst gestalten ihre Konzerte auch immer sehr offen und sie improvisieren gerne, was einen, wenn man es live sieht, in seinen Bann zieht.

Tourdaten:

Quelle: Facebook

Damit treffen in dem Projekt aber auch sehr unterschiedliche künstlerische Herangehensweisen aufeinander, oder?

Definitiv. Ich lerne bei jedem Projekt sehr viel, was mir auch sehr wichtig ist. Notwist zum Beispiel hat auch Freiräume, aber im Studio ist meistens alles sehr kontrolliert, und mit Tenniscoats ist es eben anders. Sie wissen ganz genau, was sie tun, aber sie haben eben eine grundsätzliche Offenheit, hören gerne zu, reagieren darauf, wenn etwas anders passiert, und nehmen es gerne auf. Bei Konzerten beziehen sie gern ihr Publikum mit ein, lassen es mitsingen. Das klingt zwar ziemlich hippiemäßig, ist es aber gar nicht, sondern anrührend und toll. Man kommt da schnell etwas ins Schwärmen.

Tenniscoats im Konzert:

Quelle: YouTube

Heute (15. Oktober) bist du aber wegen ganz anderer Kollaborationen in Berlin. Das IL KINO in Neukölln gestaltet zum European Art Cinema Day einen Thementag zu deinen bzw. euren Film-Soundtracks. Gezeigt werden neben der Notwist-Doku On / Off The Record, die Filme Was bleibt, Absolute Giganten, Solo Swim, N-Capace und Sturm, allesamt mit Soundtracks von Notwist bzw. von dir allein. Das sind sehr unterschiedliche Filme. Wie entscheidest du oder wie entscheidet ihr als Band, an welcher Filmproduktion ihr euch beteiligen möchtet?

Die Projekte, die wir auswählen, sind die thematisch für uns interessantesten, die uns auch als Idee oder Geschichte ansprechen, und bei denen wir uns etwas dazu vorstellen können. Wichtig ist uns auch, bei dem Regisseur oder der Regisseurin zu merken, dass wir miteinander gut klarkommen und verstehen, was sie erschaffen wollen. Uns ist wichtig, vorher zu erkennen, dass es eben keine schrecklichen, kitschigen Vorabendfilme werden. Mit Jörg Adolph, der unsere Musik auch abseits von Solo Swim schon in mehreren Dokus eingesetzt hat, oder Hans-Christian Schmid, dessen Filme Was bleibt und Sturm wir vertont haben, ist es inzwischen ein vertrautes und einvernehmliches Zusammenarbeiten, bei dem man ungefähr weiß, was der andere macht und kann.

Ist das dann die Arbeitsweise: Man stimmt seine Ideen ab und erarbeitet sie für sich allein?

Das ist ganz verschieden. Beim Dokumentarfilm zum Beispiel gibt es ja nicht so etwas wie ein Drehbuch, sondern man kennt das Thema, bekommt vielleicht schon erste Bilder zu sehen und eine Grundidee, was wichtig ist. Aber sehr viel mehr gibt es nicht. Man bekommt immer wieder neue Bilder zu sehen. Jörg aber verarbeitet die Musik sehr intensiv und lässt sich stark von ihr inspirieren. Dadurch entwickelt sich der Film mit der Musik, die man ihm gibt. Also geben wir ihm immer wieder Musik, er hört es sich an, und bei manchen Sachen sieht er, was im Film wie verarbeiten kann. Dadurch entsteht ein Dialog.

Das heißt bei Dokumentarfilmen ist die Musik viel stärker an der Entwicklung des Narrativs beteiligt als bei Spielfilmen?

Mehr noch: Musik und Bilder kommunizieren auf eine Art, die sogar eher ein Weggehen vom Narrativen ist, die Musik teilweise in den Vordergrund rücken lässt und die Bilder darauf zuschneidet. Bei Hans-Christian Schmids Filmen dagegen gibt es natürlich ein ganz klares Drehbuch, und es vor allem darum, mit der Musik auszudrücken oder zu verstärken, was in der Handlung vorkommt, aber man vielleicht in den Bildern allein noch nicht sieht. Man kann dadurch ein wenig in die Leute hineinsehen, interpretieren und etwas komponieren, was dienlich für die Geschichte, den Film und seine Figuren ist.

Eine aktuelle Kollaboration zwischen Hans-Christian Schmid und Notwist: die ARD-Serie Das Verschwinden

Quelle: YouTube

Was ist für dich als Künstler an diesen Kollaborationen der wichtigere Aspekt: dass sich beides am Ende zu einem sehenswerten Film zusammenfügt oder dass dich Bilder zu neuer Musik inspirieren, die dann auch wieder ohne die Bilder funktionieren? Ihr veröffentlicht ja teilweise auch Soundtracks.

Als wir mit Soundtracks angefangen haben, haben wir noch stärker auf die Musik an sich gehört. Aber je länger man weitermacht, desto mehr sieht man, dass die Musik für sich allein zu leer und langweilig klingt. Aber im Zusammenhang mit den Bildern, gerade wenn es um etwas Erzählerisches geht, kann ein einzelner Ton schon eine unglaubliche Wirkung haben und wahnsinnig viel auslösen. Deswegen würden wir auch nie alles, was wir für einen Film machen, veröffentlichen. Unser Soundtrack-Album Sturm ist so ein Mittelding. Im Nachhinein hätte ich aus heutiger Sicht auch nicht mehr die Platte in dieser Form und dem Umfang veröffentlicht. Aber Messier Objects war das Gegenteil und wir haben wirklich versucht, aus allem, was es von uns an Theater- und Hörspielmusik gibt, etwas zusammenzustellen, was wirklich musikalisch für sich steht und einen ganz neuen Zusammenhang ergibt. Man muss dafür nicht mehr wissen, dass eine bestimmte Stelle nun bei Solo Swim die weite des Meeres illustriert. Bei Messier Objects fügt sich ein wildes Durcheinander auf eine Art zusammen, die es wieder einen Sinn ergibt.

Die meistens Songs des Albums sind auch bewusst nicht beschriftet, um sie zu entkoppeln?

Genau. Es sollte keine Vorgabe geben, wie man es sich anzuhören hat. Es steht einfach für sich und man kann sich seine eigene Idee dazu machen.

Was auch teilweise in Messier Objects aufgeht, ist eure Zusammenarbeit mit Jette Steckel für das Deutsche Theater bei Sartres Das Spiel ist aus. Wenn jedes Projekt und jeder Film, wie du sagst, eine andere Arbeitsweise erfordert, wie funktioniert dann die Vertonung für ein Theaterstück?

Das Stück ist ein Zwischending, weil auch mit Filmsequenzen im Theaterstück gearbeitet wird. Der Anfang des Stücks wird komplett als Kurzfilm präsentiert, der im Endeffekt eine Art Stummfilm ist, bei dem die Handlung klar erzählt wird, aber dazu läuft ein fast 13 Minuten langes Stück von uns. Die Vorgabe war, dass die Musik hierzu einen starken Zug benötigt, aber trotzdem diese Spieldauer benötigt und zu den Bildern funktionieren muss. Wir haben also eine Weile gesucht, bis wir etwas hatten, das dem Film gerecht wird. Denn bei einem einfachen Loop hört man nach acht Wiederholungen weg – was ja auch das Schöne an Minimal ist: Man gelangt durch die Musik woanders hin und die Musik selbst ist eigentlich gar nicht mehr da. Aber bei dem Stück sollte die Musik auch einfach in gewisser Weise permanent stressig sein. Im Theaterstück selbst gab es dann auch Stücke von uns, die gesungen werden oder im Hintergrund laufen.

Mit Jette Steckel zu arbeiten, ist super. Sie ist sehr genau, hat eine genaue Vorstellung und ist gleichzeitig total offen. Sie hinterfragt in ihrer Arbeit auch immer wieder die Situation und Theater an sich, wie bei Das Spiel ist aus, wo ja das Publikum auf der Bühne sitzt und die Schauspieler im Zuschauerraum sind. Das macht großen Spaß und ist sehr ergiebig. Und bei Jette Steckel kann man, was sonst selten der Fall ist, eben auch sagen: „Es wäre vielleicht gut, wenn die Musik hier laut ist“. Und dann ist sie eben auch laut.

Notwist – Das Spiel ist aus 

Quelle: Soundcloud

Das ist beim Film wahrscheinlich anders.

Beim Film funktioniert das nicht. Da sind wir auch gar nicht mehr beteiligt, sondern es gibt eigens Sound-Designer. Bestimmte Frequenzen würden einen Dialog übertonen. Und sobald die Musik auffällt und man nichts mehr versteht, funktioniert es nicht mehr als Soundtrack.

Wie du letztes Jahr im Interview angedeutet hast, ist es für dich auch unabhängig von Film und Theater Teil des künstlerischen Prozesses, unterschiedliche Kunstformen zu transferieren. Wie genau beeinflussen dich visuelle Medien?

Das ist eher etwas Intuitives. Ich kann nicht benennen, was genau es macht. Bei Musik denke ich oft sehr visuell. Oft ist es ja so, dass man in der Stimmung eines guten Films noch eine ganze Weile verbleibt, und alles ist, wie in diesem Film. Oft sehe ich ein Bild, bei dem ich feststelle, dass es auf eine andere, eine visuelle Art sehr gut das ausdrückt, was ich bei einer Platte oder einem Lied suche oder ausdrücken möchte. Bestimmte Platten klingen für mich auch rein intuitiv eher farbig, andere monochrom. Also fange ich oft damit an, diese Aspekte zu hinterfragen und mit ihnen zu arbeiten. Ich befasse mich nie mit Kunsttheorien oder -konzepten, sondern es ist ein unterbewusstes Antriggern oder Ablenken, um auf andere Ideen zu kommen und es sich anders anhören zu können.

Wie würde deine Musik ohne diese Einflüsse klingen – also wenn du nur geschlossen im Studio arbeiten würdest?

Es wäre garantiert anders. Beziehungsweise würde es bei mir gar nicht funktionieren. Ich bin mir sehr bewusst, dass ich alles, was ich mache, im Endeffekt nur zusammenklaue. In Kleinteilen kommt auch jede Melodie von irgendwo her. Auf eine Art sollte man versuchen, das zu finden, was an einem Kunstwerk so berührt, dass es einem im Gedächtnis bleibt, und etwas ausdrückt, was man anders nicht ausdrücken kann. Etwas, das eine Kraft hat, Erfahrungen auszudrücken, die mit Worten sehr schwer bis gar nicht auszudrücken sind. Wenn man diesen Kern mit dem trifft, was man selbst macht, und nicht nur eine Form, zum Beispiel eine Musikrichtung, adaptiert, sondern überlegt, was einen an einem bestimmten Stück eigentlich berührt, kann das nur unbewusst funktionieren. Für mich ist es essenziell, viel zu hören. Aber ich bin eh ein Sammlertyp und in erster Linie Fan von ganz vielem, höre und schaue mir viel an, lese Bücher, sehe viele Filme. Ich bin kein Techniker. Denn sich technisch mit etwas auseinandersetzten ist ja auch so ein Ansatz, der zu etwas Großartigem führen kann. Nur eben nicht meiner.

Ein weiteres Nebenprojekt von Notwist: Hochzeitskapelle

Quelle: SoundCloud

Gibt es denn aktuell Werke, zum Beispiel Filme, die dich besonders inspirieren?

Filme momentan weniger, weil ich es zurzeit so selten ins Kino schaffe. Ich konnte mir bisher noch nicht einmal Blade Runner 2049 anschauen, den ich unbedingt sehen möchte. Ich bin großer Fan des Originalfilms. Es sind zurzeit eher Bücher und Platten – und Fotografen. Vitas Luckus aus Riga zum Beispiel, ein Fotograf, der sich tragisch umgebracht hat, von dem ich mir, als wir in Italien auf Tour waren, zwei Bücher mit seiner Werkschau gekauft habe. Das hat mich zuletzt sehr beeindruckt und ich sehe es mir immer wieder an. Platten gibt es viele. Gerade habe ich Oro Swimming Hour gehört, ein neues Duo aus England, das ein großartiges Album gemacht hat: Gitarre, Gesang, eine bestimmte LoFi-Ästhetik, Orgeln, unglaubliche Stücke.

Und das neue Album von Ryuichi Sakamoto habe ich mir öfter angehört, dem vielleicht berühmtesten japanischen Musiker. Er war früher bei Yellow Magic Orchestra, die, was sie wahrscheinlich nicht so gerne hören, als japanische Kraftwerk gelten. Sie haben in den 80ern viel mit Synthesizern gearbeitet, waren international, auch hier, sehr erfolgreich und haben eine Art sehr tanzbares Proto-Electro entwickelt. Und Sakamoto wurde vor allem durch den Soundtrack zu Merry Christmas, Mr. Lawrence mit David Bowie sehr berühmt. Er macht zwar viel pianolastige, aber eben auch stark experimentelle und avantgardistische Musik.

Besteht die Chance auf eine Zusammenarbeit?

Nein! Auf keinen Fall. Er ist viel zu groß! Wie Brian Eno. Ich muss ja sagen, schon die Zusammenarbeit mit Tenniscoats kam mir sehr egoistisch vor, weil ich einfach ein großer Fan bin. Beim Studioaufenthalt gab es schon Momente, in denen ich mir dachte, „Markus, was machst du denn da? Die haben so tolle Platten mit anderen gemacht. Was kannst du schon einbringen, was sie nicht eh auch schon gemacht haben oder machen können?“

Musiktipp von Markus Acher: Oro Swimming Hour

Quelle: YouTube

Woran arbeitest du aktuell?

An neuen Notwist-Sachen. Wir möchten nächstes Jahr wieder ein Album veröffentlichen. Beim Alien Disko Festival spielen wir im Dezember in München. Wir müssen dort fast spielen, weil viele bisher nicht so bekannte Projekte dort auftreten. Also hoffen wir, dass einige Notwist-Leute kommen, denen wir die anderen Projekte vorstellen. Wir spielen aber nicht ein normales Programm, wie letztes Jahr, sondern greifen viele unserer Filmkompositionen auf.

Werdet ihr dort auch schon neue Songs spielen?

Das weiß ich noch nicht. Leider sind alle vielbeschäftigt. Überhaupt Termine zum Proben zu finden, wird schon abenteuerlich. Die Zusammenstellung des Festivals war schon sehr viel Arbeit.

Aber ich nehme momentan auch Songs mit Odd Nosdam auf. Wir haben bereits fünf Lieder. Er kommt aus dem Umfeld des Anticon-Labels, bei denen Themselves sind, mit denen wir die Band 13&God gemacht haben. Deren Rapper Doze One hatte die Band cLOUDDEAD – eigentlich die Königsband des ganzen Kosmos. Odd Nosdam war in dem Trio der Produzent und hat eine ganz eigene Art zu produzieren. Super Typ. Er ist bei Notwist-Konzerten in Amerika mitgefahren und hat vor unseren Show aufgelegt oder gespielt. Wir sind in den Städten herumgezogen, sind zusammen in Plattenläden gegangen und haben uns Alben empfohlen und zugesteckt. Daraus haben sich Freundschaft und musikalischer Austausch entwickelt. Wir sind auf einem Nenner, nur dass er den Hiphop-Background hat, sowie Noise und Ambient, bei mir eher Indie und Jazz. Aber wir treffen uns in den Schnittmengen in der Mitte und schicken uns Songs hin und her. Irgendwann soll eine Platte dabei herauskommen. Ich weiß nicht wann und hoffe bald.

Es gibt noch ein weiteres Projekt, auch mit einem japanischen Musiker: Hochzeitskapelle. In der Band spielen wir rein akustisch, mit Tuba, Posaune, Banjo, Bratsche und Schlagzeug. Wir spielen in der Formation sehr gerne, weil es so unkompliziert ist und man sich einfach ohne Vorbereitung hinsetzen und rein akustisch losspielen kann: auf dem Markt, an der Isar, auf Geburtstagsfesten, in der Wirtschaft. Unter anderem spielen wir auch die Komposition eines japanischen Musikers, Kama Aina, der ganz tolle Musik macht. Wir mögen das Stück, genau wie viele andere Leute, sehr gern und haben ihm unser Album geschickt. In Japan habe ich ihn dieses Jahr getroffen, als ich Tenniscoats besucht habe. Nächsten Monat kommt er nach Deutschland und wir werden gemeinsam eine Platte mit Stücken aufnehmen, die er extra für Hochzeitskapelle komponiert hat und treten mit ihm auf einem Festival auf.

Dankeschön für das Interview.


Spirit Fests Debütalbum erscheint am 1o. November bei Morr Music und klingt in etwa so farbenfroh wie sein Cover aussieht:

Cover und Titelbild: © Spirit Fest

Superheroes, Ghostvillains + Stuff live. Notwist im Astra

Dass sie nicht nur eine der komplexesten Studiobands des Indie-Rock sind, sondern auch live seit Langem zu den Vielseitigsten zählen, macht Notwist zur Rarität. Nun bringt gerade ihr Live-Album sie in eine ungekannte Situation. Es macht sie erstmals berechenbar.


Was haben Max Punktezahl, Karl Ivar Rafseth, Cico Beck, Andi Haberl und Markus und Micha Acher gemeinsam? Allesamt sind sie Ausnahmemusiker, die in zahlreiche Projekte verstrickt sind. Und eines dieser Projekte ist bei allen jeweils seit Jahren glücklicherweise Notwist. Beim einen sind dies erst drei, beim anderen 28 Jahre. Doch es ist nur zu hoffen, dass bei allen noch zahlreiche folgen werden. Denn wer ihre Alben für vollendet hält, kennt ihre Konzerte noch nicht. Sänger Markus Acher sieht das wie folgt:

„Die Stücke sind ja zum Zeitpunkt einer Studio-Platte meist noch sehr neu, und nicht live gespielt. Und auch nur eine Momentaufnahme. Viele entwickeln ein Eigenleben und verändern sich sehr im Laufe der Jahre. […] Ich denke, manche Stücke haben erst nach einer langen Zeit ihre eigentliche Form gefunden.“

Markus Acher im Interview mit postmondän

Das Konzert am Sonntag im Astra nun war Teil einer kleinen Release-Tour für ihr im Herbst erschienenes Live-Album „Superheroes, Ghostvillains + Stuff“, die Zusatzshow zum Konzert im Lido am 6.11., das bereits nach kurzer Zeit ausverkauft war. Dass sie für diesen Zusatztermin erst drei Monate später Zeit fanden, spricht Bände darüber, in wievielen Töpfen die Bandmitglieder derzeit rühren. Doch ebendieser Umstand der späten Zusatzshow fasste das Konzert auch in einen sehr besonderen Rahmen. Denn er gewährte dem Publikum ausreichend Zeit, sich auf den Abend vorzubereiten. Was dieses erwarten konnte, ist bereits auf sechs Schallplattenseiten gepresst, die man nicht oft genug hören kann.

Dabei stehen Notwist doch eigentlich für Avantgarde, Progress und ständige Weiterentwicklung. Live bedeutete dies stets: das Aufbrechen von Kompositionen, die Beleuchtung einzelner Elemente aus immer neuen Richtungen. Dass sie über die Jahre immer mehr Stilelemente in ihre Musik aufnahmen und viele neue Richtungen gleichzeitig einzuschlagen schienen, machte sie nicht zuletzt zur unberechenbaren Liveband. Durch Ein- und Ausstiege verschiedener Musiker öffnete die Band sich ständig für das Neue. Doch darum ging es im Astra nun ausnahmsweise mal nicht, sondern um eine Präsentation der bereits eingefangenen Arrangements.

Wie diese sich nun wirklich live anfühlen, passt wiederum auf keine Platte. Zum einen sind da die ohnehin schon ausgefeilten Songs, in Versionen, die nun wirklich alles Vorstellbare aus diesen herausholen. Zum anderen die spürbare Leichtigkeit, in der sie vorgetragen werden. Ein virtuoses Verhältnis zu Dynamiken. Zur Perfektion präzise abgerufene Sounds und Effekte. Markus Acher, der seinen Gesang zwischendurch fast beiläufig live sampelt. Enthusiastische Musiker, die sich immer wieder in den Rausch der gemeinsamen Musik treiben lassen, ohne auch nur die Idee von Unkonzertriertheit zuzulassen. Die sechs völlig verschiedene Zugänge zur Musik haben und dennoch ein dichtes Zusammenspiel finden, obwohl sie sich gegenseitig größte Freiheit gewähren. Und gemeinsam alle Genres durchwandern, um dann doch wieder im Refrain von „Pilot“ zu landen. Und wieder. 13 Minuten und 13 Sekunden lang. Live wie auf Platte. Vor einem Publikum, das sich final nicht zwischen Tanzen und Staunen entscheiden kann.

Auch die Samples zwischen den Songs sind identisch zum Livealbum. Nur die Tracklist wird variiert und vor allem um alte Schätze erweitert. „Superheroes, Ghostvillains + Stuff“ ist ein Monument von Notwists Live-Kunst. Dass sie dieses zu allem Überfluss offensichtlich jederzeit aus dem Stand abrufen können, stellen sie jeden Abend ihrer laufenden Tour aufs Neue unter Beweis. Spannend wird sein, zu sehen, wie sie es anstellen, die Songs von deren „eigentlichen Formen“ aus, welche im Astra fraglos präsentiert wurden, in Zukunft wieder aufzubrechen und weiterzuentwickeln. Dass sie dies tun werden, steht mit Blick auf die Bandgeschichte fast außer Frage.

Und so laut, berauscht und tänzerisch es zwischenzeitlich wird, klingt die im Astra präsentierte Show am Ende der Zugabenreihe altbewährt mit „Consequence“ und „Gone Gone Gone“ andächtig und demütig aus, was einen bleibenden Eindruck manifestiert. Notwist-Konzerte gewähren ihrem Publikum eine kunstvolle und melancholische Perspektive der Welt, die noch für eine ganze Weile anhält. Could be enough, möchte man denken. If only we are pilots. Once a day.

Titelbild © Patrick Morarescu

Isolation Berlin – Großes Theater

Wenn Isolation Berlin auf die Bühne treten, sind sie und ihr Publikum gemeinsam einsam. Sie feiern Trostlosigkeit, Kälte und sich selbst. So auch am 17. Dezember 2016 im Columbia Theater Berlin.


Keine Frage, die Medien lieben sie. Weil sie keinem Trend folgen und doch den Zeitgeist treffen. Weil sie so traurig, schwermütig und tiefsinnig sind. Und weil sie das liefern, nach dem sich scheinbar alle gesehnt haben. Isolation Berlin haben in diesem Jahr viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Von einigen werden sie als die deutsche Indie-Rock-Entdeckung 2016 gehandelt. Neben Bands wie Drangsal, Annenmaykantereit, Von wegen Lisbeth und Milliarden waren sie für den Preis für Popkultur in der Kategorie „Hoffnungsvolle Newcomer“ nominiert. Den Preis gab es nicht, aber weiterhin gute Presse. Rezensionen und Bandporträts lesen sich fast wie ihre Songtexte selber. Kritiker٭innen verlieren sich in bedeutungsschwangeren Formulierungen wie „trügerische Euphorie“, „eisige Abgründe“ oder „eine blutrote U-Bahnfahrt von leichtem Walzer bis zur Endstation im Lärm“ (s. Spiegel online und Intro), wenn sie ihren Sound beschreiben. Als hätten die Schreiber٭innen Angst, den vier Musikern und ihrer Botschaft nicht gerecht zu werden. Auch der Vergleich mit Bands wie Ton, Steine, Scherben oder Tocotronic verringert nicht den Druck, etwas ganz Großes in den vier Mittzwanzigern zu sehen.

Dann stehen sie am 17. Dezember 2016 – als Abschluss eines erfolgreichen Jahres – auf der Bühne des ausverkauften Columbia Theaters in Berlin. Kein großes Hallo, kein euphorisches „Guten Abend, Berlin!“ Eher unaufgeregt, ja fast nüchtern abgeklärt singt Tobias Bamborschke, als hätte er nie etwas anderes getan: „Ich bin ein Produkt. Ich will, dass ihr mich schluckt. Dass ihr mich konsumiert. Euch in mich verliert“. Dabei hebt er bühnensicher die Arme in die Höhe und deutet dann ins Publikum. „Ich will, dass ihr mich liebt. Und auch die ganze Welt. Ich lebe für Applaus. Bis der Vorhang fällt.“ Eine unmissverständliche Ansage an das Publikum. Und ein geschickter Zug des ehemaligen Schauspielstudenten: Wie entzieht man sich zu Beginn eines Konzerts jeglicher Kritik? Man geht in strenger Selbstreflexion mit sich selbst ins Gericht und schreit das Urteil heraus.

Quelle: YouTube, © berlinconcert

Ja, er ist das Produkt. Genauer gesagt ist er das Zentrum eines guten Produkts. Während er mit gewaltiger Bühnenpräsenz alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, werden seine drei Mitspieler zu Statisten. Die Band interagiert nicht. Alle wirken konzentriert, versunken in ihrem Sound. Auf der Bühne ist kaum Bewegung. Und Tobias Bamborschke? Er weiß, was er da tut. Und wenn er singt, dass es schwerfalle aufzustehen, wenn man nicht wisse wieso, glaubt man ihm. Schließlich unterstreicht er die Schwere durch seine kraftlose und monotone Artikulation. Aber die Gefühle, die Melancholie, Traurigkeit und Trostlosigkeit, die er in all den Rock-Chansons beschreibt, gingen dem Konzert voraus. Auf der Bühne spielt er seine Rolle. Die Gesten sind einstudiert, etwa wenn er singt: „Siehst du da die dicke Frau?“ und in die Leere zeigt, als stünde sie dort. Er tut es nicht zum ersten Mal. Nur einmal, glaubt man, ein nicht geplantes Lächeln in seinem Gesicht zu erkennen: Nachdem ihm die Menge laut und textsicher „Der Schlachtensee ist lang. Und auch ohne dich ganz schön“ entgegensingt.

Isolation Berlin live im Columbia Theater Tobias Bamborschke live mit Isolation Berlin

Es ist nicht zu überhören: Isolation Berlin hat eine Fangemeinde. Sie kann jedes Wort mitsingen – ihres Debütalbums „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ und sämtlicher EPs. Diese Fanschar umfasst nicht etwa nur Student٭innen Mitte zwanzig – auch wenn sie die Mehrheit bilden. Bis 50 Jahre ist alles dabei. Und sie feiern ihre Band, die nur wenig mit ihnen in Aktion tritt. Sehr kurze Ansagen kündigen ihnen an, was sie ohnehin nach den ersten Tönen erraten würden: den Titel des nächsten Liedes. Danach gibt es Jubelschreie und Applaus, wie zu Beginn gefordert. Den letzten Song widmet der Sänger dem wichtigsten Menschen in seinem Leben: sich selbst. Das sorgt für den ersten Lacher des Abends im Publikum. Die letzten Zugaben performt Isolation Berlin mit ihrer geliebten Vorband Der Ringer und dann fällt der Vorhang.

Ja, Isolation Berlin beherrschen ihr Handwerk. Sie wissen, wie sie einen grauen, dumpfen Schleier über ihre Zuhörer٭innen legen und es mitziehen – in besungene Abgründe, in Weltschmerz und Selbstmitleid. Aber das Konzept ist durchdacht, die Abgründe sind geplant. Trotzdem oder gerade deswegen scheinen sich viele in ihnen und ihren Songtexten wiederzufinden – die manchmal naiv mit vorhersagbaren Reimen gerade herauserzählt und manchmal mit Methaphern und Pathos überladen werden. Vielleicht ist es das, was den Kritiker٭innen so imponiert und sie zu ebenso bildlichen Umschreibung ihrer Musik verführt: die naive und gleichzeitig ausgewachsene Melancholie. Trotzdem sollte sich doch eine٭r dazu hinreißen lassen, Isolation Berlin einen Wikipedia-Artikel zu schreiben. Was ist denn das für ein Produkt ohne Wikipedia-Eintrag?

Isolation Berlin im Columbia Theater

Bilder: © Anna Stuhrmann und Katharina van Dülmen

Trip Pop mal konzentriert. Warhaus im Musik & Frieden

Belgien macht sich derzeit immer beliebter. Während der wallonische Süden uns tatsächlich vor CETA bewahrt haben könnte, weiß Flandern mit seiner Musik-Szene zu glänzen. Mal wieder.


Ein paar Größen der Szene haben unlängst den Weg von Gent nach Berlin angetreten und standen am 19. Oktober als Warhaus im Musik & Frieden auf der Bühne. Aus mysteriösen technischen Gründen hatte es im PBHFCLUB, wo das Konzert eigentlich angesetzt war, nicht geklappt. Aber es beruhigt ja ungemein, mitzuerleben, dass eine Location spontan aushilft, wenn eine andere es dann doch nicht einrichten kann. Der souveränen Warhaus-Performance war von den Wirren ebenfalls nichts anzumerken. Dass die Band ganz nebenbei derzeit auf ihrer ersten Europa-Tour ist, sah man den scheinbar über Jahre gereiften Show-Routiniers auch nicht an. Stimmt ja auch nicht ganz. Denn wer steckt hinter Warhaus?

Auch wenn es als Soloprojekt des Balthazar-Sängers Maarten Devoldere promotet wird, verbirgt sich hinter dem Projekt bei genauerem Hinsehen ein kleines Kollektiv. Nicht nur auf der Bühne steht dabei Jasper Maekelberg, seines Zeichens Kopf der Indie-Band Faces On TV neben Devoldere. Er war auch Co-Produzent des Anfang September erschienenen Warhaus-Debüts We Fucked A Flame Into Being. Während Devoldere live die Show übernimmt, das Publikum animiert, den Songs mit seiner Aura und Pose eine Mitte gibt, rastet dieser neben ihm fast durchgehend aus. Maekelberg, der ständig zwischen E-Gitarre und Keyboards wechselt, in die stapfenden Grooves unruhige Rhythmen und Harmonien einwirft und in Loops stapelt, führt hier unbeirrt fort, was er mit Faces on TV aufgebaut hat.

Devoldere selbst, irgendwie ja schon Zentrum des Ganzen, bedient sich live einer unorthodoxen Eigenkonstruktion und spielt einen Fender-E-Bass, der mit nur einer Bass-Saite auskommt, dafür außerdem mit drei E-Gitarren-Saiten bespannt ist. Um die Frequenzen zu trennen, sind darauf in Handarbeit verschiedene Tonabnehmer montiert, die ebenfalls mehrere Lautsprecherausgänge erfordern. So gelingt es ihm, gleichzeitig Bass und Rhythmusgitarre abzudecken. Dritter im Bunde ist live dann Michiel Balcaen, der seit 2014 ebenfalls Schlagzeuger Balthazars ist. Am halb akustischen, halb elektronischen Drumset gibt er sich hier experimentierfreudiger als im Hauptprojekt, dabei stets fokussiert und versiert. Eine unsichtbare Vierte ist im Musik & Frieden zwar im Raum, betritt jedoch nicht die Bühne. Denn komplettiert wird Warhaus auf der Platte und einigen Konzerten in Gesangsfeatures von Devolderes Freundin Sylvie Keusch, hauptberuflich Sängerin von Soldier’s Heart, die nicht zufällig auch das Plattencover ziert oder im Film-Noir-Musikvideo zu A Good Lie eine Rolle spielt.

Quelle: Vimeo

Im Musik & Frieden gaben sich Warhaus als Trio nicht bloß reduziert, sondern hochkonzentriert, und lieferten eine Mischung aus monumentalem und verspieltem Groove-Rock ab, dessen verruchte Grooves nebulös aufbegehren und im ständigen Ausbruch begriffen sind. Damit werden sie auch live jener mittlerweile als „Trip Pop“ geführten Nische zwischen Stoner Rock und Trip Hop gerecht, die sich die Genter Szene um Balthazar und Faces On TV selbst erschlossen hat. Nicht nur ihre Musik, auch ihre Performance erscheint fast tänzerisch, und doch nie tanzend. Damit ähneln die drei in ihrer Erscheinung ein wenig bestimmten Statuen wie Berninis David oder Rodins Ikarus, also Standbildern, die in ihrer Haltung keine Ruhe, keinen Schwerpunkt finden und darin Bewegungen einfangen, ohne diese auszuführen.

Berninis David (© Galleria Borghese/Commons Wikimedia) und Rodins Ikarus (© Eugene Druet/Commons Wikimedia)

Berninis David (© Galleria Borghese) und Rodins Ikarus (© Eugene Druet), Quelle: Commons Wikimedia

Nicht nur umfasst dies die rhythmischen Zuckungen Devolderes, die einem Tanz entnommen scheinen, doch ständig im Ausfallschritt ersticken, sondern die gesamte Show. So komplex die Songs sich auch aufbäumen mögen, werden sie dennoch auf beeindruckend unaufgeregte Weise präsentiert. Dadurch gelingt es insgesamt trotz der Explosivität einzelner Elemente, über die gesamte Show hinweg eine gewisse Spannung zu halten. Ähnlich wie im Albumtitel We Fucked A Flame Into Being geht es auch live bloß um die Auslösung von etwas, nicht um das Ausgelöste selbst. Und zur Auslösung eines tanzenden Publikums reicht es allemal. So stellt sich ihre Musik als eine geschickte Form von Andeutungs-Rock heraus.

Ohne Frage ist es die besondere Wirkung Maarten Devolderes, die den Wiedererkennungswert des Projekts gestaltet. Dringt diese bei Balthazar – er ist dort ja nicht der einzige Sänger – nicht immer vollends durch, so ist bei Warhaus alles auf ihn zugeschnitten. Er füllt seine Nick-Cave- oder Tom-Waits-ähnliche Pose hier erstmals vollends aus. Aus dieser heraus ein reines Singer-Songwriter-Soloprogramm aufzubauen, wäre tatsächlich gewagt. Bei Balthazar ist sie nur ein Element unter vielen, das zwar strukturgebend ist, doch nicht maßgeblich zur Vielseitigkeit ihres Sounds beiträgt. Außerdem scheint es einer gewissen Reife zu bedürfen, Teil der angestrebten Riege zu sein. Denn was in Songs wie I Looked For You noch nach jugendlicher Naivität sympathisch klingt, entpuppt sich spätestens bei Warhaus doch auch als Männlichkeitsgehabe, als welches sein Auftreten durchaus anzuecken weiß.

Daher tut Maarten Devoldere gut daran, weitere Musiker in die künstlerischen Prozesse von Warhaus zu integrieren. Besonders ohne Maekelberg, der sich um die Virtuosität der Songs verdient macht, würde dem Projekt ein künstlerisches Standbein fehlen. Das Resultat dieser Zusammenarbeit kann sich hören lassen und besticht ohne Frage auch live. Und nicht umsonst wird We Fucked A Flame Into Being in Belgien bereits als Platte des Jahres gehandelt. Denn sie hat vor allem eines: Potenzial. Ein Nachfolger, von dem live bereits diverse Songs präsentiert wurden, ist schon in Vorbereitung, wird aber erst nach dem neuen Balthazar-Album erscheinen. So sperrig die Namen Balcaen, Devoldere, Kreusch oder Maekelberg auch klingen mögen. Wir werden von ihnen hören.

Quelle: YouTube

Titelbild: © Gregor van Dülmen (via instagram)

The Strokes – Future Present Past

The Strokes bauen eine Brücke zwischen den Zeiten. Bloß: Ist ihre neue EP nun ein Stück Konzeptkunst für sich oder bloß ein Teaser für mehr?


Erkennt noch jemand die fünf Herren auf dem Polaroid? Fast 15 Jahre ist es her, dass ihr Debütalbum Is This it? mit einem Schlag die langen 90er des Indie-Rocks beendete und die hochschwebenden Schöngeister von damals zurück in die Garage zwang. Was immer sich aus diesem halbwegs aktuellen Pressefoto über ihren Zustand ablesen lässt: The Strokes sind aktiv, kreativ und voller Tatendrang. Sagen sie zumindest selbst. Denn mit diesen Worten kündigte ihr Sänger Julian Casablancas unlängst neue Aktivitäten der Band an und löste Spekulationen über ein neues Album aus. Ob es kommt, ist noch immer ungewiss, zunächst testen The Strokes das Badewasser mit einer kleinen Vinyl-EP namens Future Present Past, die schon im Titel die Fragen aufwirft, was die Band gerade vorhat, wo sie im Moment eigentlich so steht und für was sie mal stand.

Denn Future Present Past kommt weitgehend aus dem Nichts. Da sie sich nicht die Mühe gemacht hatten, es zu promoten, ist ihr 2013er Album Comedown Machine ja eher untergegangen – und viele Konzerte spielen sie in letzter Zeit auch nicht. Bisher sind für dieses Jahr drei geplant, was einmal mehr für einen intensiven Studio-Aufenthalt spricht. Außerdem schienen ihre Solopfade sie zuletzt immer weiter voneinander wegzuführen. Wo sie momentan stehen, ist – so zumindest der mediale Eindruck – tatsächlich nicht so ganz klar, obwohl sie sich zumindest dem Zeitgeist bewusst zu sein scheinen und ihre Songs zeitgemäß präsentieren: auf buntem Vinyl und im Sonderformat. Sie erscheint haptisch nur als limitierte 10-Inch in drei verschiedenen Farbeditionen, was gleichzeitig das Sammlerherz erfreut, andererseits aber in der anhaltenden Hochphase von Vinyl-Hologrammen und bunten 180-Gramm-Editionen mit Farbübergängen eine ziemlich einfache Weise ist, um Songs gewinnbringend zu vermarkten. Aber vielleicht ist eine EP eben das beste Format, um einfach mal drei Singles gleichzeitig auf den Markt zu werfen und sich wieder ins Radiobewusstsein zu bringen. Aber greifen wir es mal wohlwollend als kleine Konzept-Platte auf. Vielleicht sollen die Songs ja tatsächlich im künstlerischen Sinne Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit der Band repräsentieren, was nur ein Soundcheck der Platte beantworten kann.

Komischerweise löste der Einstiegssong beim ersten Hören trotz aller Unterschiede zwischen den Bands bei mir zunächst eine Radiohead-Assoziation aus – hat das Grundriff von Drag Queen doch eine ähnlich ähnlich betäubende Wirkung wie Radioheads im Mai erschienene Single Burn the Witch, deren Pizzicato-Streicherarrangement ihr neues Album eröffnet und sein Publikum schon aufgrund des stilistischen Konventionsbruchs andächtig auf den verschobenen Status Quo der Band hebt. Ähnlich bei The Strokes, wenngleich etwas weniger extravagant, jener hohl dröhnende Bass-Sound, der wie eine Nebelschwade über Drag Queen liegt und die klaren Konturen aller anderen Spuren verhüllt. Zwar haben The Strokes immer mit Effekten gearbeitet, doch ihre früheren Resultate waren prägnanter. Aus dem Nebelspiel ergibt sich hier ein heroischer Sound, der The Strokes auf eine ungekannte Ebene hebt. Wie weit die Bandmitglieder zurzeit künstlerisch auseinanderstehen, zeigt dann spätestens ein Remix des Songs durch ihren Schlagzeuger Fabrizio Moretti, der mit der EP exklusiv mitgeliefert wird und eine völlig andere, von ihrer Schwere befreite Interpretation der Komposition vorstellt. Steht Drag Queen entsprechend der EP-Betitelung nun für die Zukunft der Strokes? Darüber lässt sich spekulieren, doch man kann es nur hoffen.

Dann müsste OBLIVION, der zweite Track, ihre Gegenwart markieren – die nach allem, was wir wissen – wahrheitsgemäß unbestimmt daherkommt. Ein interessanter Sound, dessen Strophen sich melodiös aufbäumen, jedoch allzu schnell in einem auf Dauer eher faden, da ziemlich repetativen, Refrain entladen und das Potenzial des Songs schon vor dem synthetisch-spielerischen Gitarrensolo verbraucht, das dahinter eher wie ein Fremdkörper wirkt. Threat of Joy, der jähe Abschluss-Song, kommt auch durchaus, womit das vermeintliche Konzept aufzugehen scheint, als Vertreter der Vergangenheit durch, denn der Song weist eine gewisse Schmiegsamkeit auf und hätte wohl auf jedem der bisherigen Strokes-Alben seinen Platz gefunden. Er lebt vor allem auf dem Zusammenspiel von Gesang und Schlagzeug, die hier wieder zueinander finden. Der Nebel aus Drag Queen verzieht sich in dem Song fast vollends zu einem Sonnendunst, der eine leichte Melancholie in einen Feel-Good-Sound legt. Ein klares Branding der Strokes, die ihre Diskographie nunmehr um drei vor allem soundtechnisch erfrischende Songs erweitern konnten.

Also: Das Badewasser stimmt schonmal, aber ob sich der Kauf wirklich lohnt, zeigt sich wohl erst im Nachhinein. Denn sollte der EP wirklich ein Album folgen, was nach Future Present Past mehr als wünschenswert wäre, reicht es vielleicht auch, das Geld für die EP erstmal aufzusparen und es später direkt in die LP zu stecken. Die Entscheidung zu buntem Vinyl und der 10-Inch-Sonderformatpresse diente wohl vor allem dazu, den drei Songs einen kostbaren Rahmen zu bauen und der 2013 versäumten Öffentlichkeitsarbeit diesmal mit allen Mitteln des Jahres 2016 entgegenzuwirken, welches ja neben der Neo-Vinyl-Ära ebenfalls das Jahr ist, in dem sich 23 Millionen Menschen gierig auf kurze Trailer stürzen. Einen limitierten Vinyl-Teaser für kommende Kostbarkeiten herauszubringen liegt also Strokes-untypischerweise voll im Trend.

Bloß ob ihrer kleinen Veröffentlichung wirklich noch eine große folgt, lässt sich mit Blick auf die Vergangenheit der Band auch nicht so richtig voraussagen. Es waren ja ebenfalls The Strokes, die Anfang der 2000er Albumspielzeiten wieder standardmäßig auf unter eine halbe Stunde drückten und, egal was im Festival-Timetable auch für eine Spielzeit steht, über Jahre hinweg niemals mehr als 12 Songs auf einem Konzert spielten. Sie sind stets für Überraschungen gut und meistens fallen diese zugunsten der Exklusivität ihrer Kunst aus, die sie wie eine Luxusmarke inszenieren. Am Weisesten wird es dann vielleicht doch sein, das Geld erstmal in die limitierte 10-Inch zu stecken, dann zum potenziellen Albumrelease gewinnbringend an eine Liebhaberin weiterverkaufen und davon die transparente Fanedition des Longplayers mit Hologrammen des Strokes-Logos und Julian Casablancas‘ neuer Frisur zu finanzieren.

Vielleicht gibt’s ja auch noch ein Schnapsglas und Postkarten-Set dazu, denkt ein Teil von mir. Mensch, was die mal wert sein wird …

Den Stream zur EP gibt’s auf jeden Fall hier.