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Tour d’Amazement durch „House of Leaves“

Wollte man sich der Frage widmen, wie das Resultat einer Vermählung von Komplexitätsforschung mit Seltsamkeits- aussehen könnte, so ist Mark Z. Danielewskis vielbeachtetes Debüt House of Leaves, dessen stärkster Konkurrent wohl sein auf 27 Bände angelegtes Hypermultipostcyberpost-Opus The Familiar (2015) sein dürfte, ein durchaus anständiger Antwort-Kandidat.


 

Als House of Leaves im Jahre 2000 veröffentlicht wurde, hatte der äußerlich wie inhaltlich unkonventionelle, enzyklopädisch-ergodische Roman bereits Kultstatus, da er vom Autor, Derrida-Anhänger und Sohn des Filmregisseurs Tad Danielewski, zuvor im Internet zugänglich gemacht worden war. Das Buch, das sich in seinen Found-Footage-Horror-Elementen etwa an The Blair Witch Project und H. P. Lovecraft anlehnt und dessen metafiktionale Aspekte Borges’sche Züge tragen, galt von Beginn an als ein bedeutender Beitrag zur (postmodernen) Literatur und blieb nicht ohne Auswirkungen auf die Popkultur, darunter das vom Roman inspirierte, ebenfalls 2000 erschienene Indiepop-Album Haunted von Danielewskis Schwester, der Musikerin Ann „Poe“ Danielewski.

Zunächst fällt die experimentelle, zuweilen organisch-lebendig anmutende Typographie des Buches auf: Verschiedene Schriftarten, -größen und -farben finden Verwendung und gestalten das Layout sehr variabel. Buchstaben und Sätze stehen auf dem Kopf oder sind in Spiegelschrift abgedruckt, versammeln sich in Buchecken oder sind durchgestrichen. Textlabyrinthe mit überdurchschnittlich hoher Zeichendichte weichen fast leeren Seiten, die teilweise in Formationen angeordnete, an konkrete Poesie angelehnte Wörter oder Buchstaben enthalten, was die Lesegeschwindigkeit beeinflusst und als Narrationsstütze dient [Vgl. MS, S. 119 f.]. Im „Appendix“ des Buches sind diverse Fotocollagen, Grafiken, Gedichte, Briefe und Addenda abgedruckt. Im anschließenden, fast 50-seitigen „Index“ finden sich Lemmata mit Seitenangaben, wobei nicht nur besonders sinntragende Begriffe wie „Minotaur (red)“ (stets in roter Farbe gehalten) oder „New York“, sondern auch Adverbien, Adjektive, Pronomina, Konjunktionen etc. (z. B. „again“, „little“, „me“, „and“ oder „know“) aufgeführt sind, denen entsprechend lange Auflistungen von Seitenzahlen folgen. Außerdem wurden zahlreiche Wörter (beispielsweise das romaninterne Oxymoron „Minotaur (black)“) aufgenommen, die mit „DNE“ (= does not exist) markiert sind und im Haupttext entsprechend auch nicht vorkommen.

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Auswahlseite House of Leaves (Foto MK)

House of Leaves – Ein Labyrinth

Eine Inhaltsangabe gestaltet sich nicht unkompliziert, da der Plot außerordentlich verschachtelt ist: Der in Los Angeles lebende junge Tätowierer Johnny Truant (ein telling name) findet bei dem kürzlich verstorbenen, blinden Exzentriker Zampanò ein Manuskript, das ihn unverzüglich in seinen Bann zieht. Denn es handelt sich dabei um eine film- und kulturwissenschaftliche Abhandlung, die sich akademisch formvollendet (inklusive rund 500 Fußnoten, die teilweise selbst annotiert sind und sich häufig auf fiktive Werke beziehen) mit einem Dokumentarfilm namens The Navidson Record befasst. Weder der Leser noch Johnny haben je von diesem Film gehört, was selbstredend die Frage nach der Motivation für eine derartige Wissenschaftsfiktion bzw. -parodie/-satire aufwirft.

Nach einer 25-seitigen „Introduction“ durch Johnny, der den Leser über die Umstände des überaus seltsamen Fundes aufklärt, folgt der Hauptteil von House of Leaves – „The Navidson Record“ [HOL, S. 1–529] – in Form der Rekonstruktion jener vorgefundenen Dokumente, Notizen und Zettel Zampanòs, die zum einen von Johnny selbst besorgt und gelegentlich mit ergänzenden Fußnoten versehen, zum anderen aber auch von einer dritten Partei, den nicht näher spezifizierten „The Editors“, überwacht worden ist.

In The Navidson Record geht es um den Photographen und Pulitzerpreisträger Will Navidson, der mit seiner Lebenspartnerin und zwei Kindern in ein altes Haus in Virginia zieht. Nach zahlreichen journalistischen Einsätzen in Kriegsgebieten möchte er in seinem neuen Heim zur Ruhe kommen und eine Dokumentation über den auf diese Weise neu erwachsenden Familienzusammenhalt drehen. Zu diesem Zweck positioniert er an vielen Stellen im Haus bewegungsempfindliche Hi8-Kameras, aus deren gesammelten Aufzeichnungen später der angestrebte „Familienfilm“ redigiert werden soll. Ganz überraschend wird aber ihre Residenz, das titelgebende Haus, selbst zum unheimlichen Protagonisten der Geschichte, als die Familie nach der Rückkehr von einem kurzen Ausflug hinter einer Zimmerwand einen unerklärlichen Raum vorfindet, der vorher noch nicht da war. Weitere Untersuchungen dieses atopischen Phänomens [vgl. NTWHA, S. 176] ergeben, dass das Haus von innen größer zu sein scheint, als die Außenmaße und die physikalischen Gesetze es zulassen. Während Wills Frau nichts mit diesem „goddamn spatial rape“ [HOL, S. 55] zu tun haben möchte, ist Navidson von der unmöglichen Geometrie fasziniert. Ein Entfremdungsprozess setzt ein, als das Haus die beiden zu entzweien beginnt. Erst zieht Will Navidson seinen Bruder Bob hinzu, um die widersprüchlichen Messungen zu verifizieren, später werden unter der Leitung des erfahrenen Abenteurers Holloway Expeditionen in die wandlungsfähigen Untiefen des Hauses unternommen. Die dabei gemachten Videoaufnahmen offenbaren die Monstrosität der höchstwahrscheinlich endlosen Korridore weit unterhalb des ersten Stockwerks, und die „disruptive forces“ [ebd., S. 182] des unfassbaren Hausinneren zeigen erste Auswirkungen auf die Psyche der Beteiligten. Es sind gruselige Laute hörbar, die Wände und Hohlräume verschieben sich in unvorhersehbarer Weise und kreieren ein Spiel der Metamorphosen „between the absence of presence and the presence of absence“ [MS, S. 122]. Parallel dazu wuchern die Fußnoten aus allen bzw. in alle Richtungen und entfalten weitschweifige Kataloge von Gebäuden („[…] Befreiungshalle near Kelheim […]“, HOL, S. 127), bildenden Künstlern („[…] László Moholy-Nagy […]“, HOL, S. 125), Regisseuren („[…] Walt Disney […]“, HOL, S. 139) und Schriftstellern (King, Poe, Pynchon, Borges, Sartre, Lem u. v. m., HOL, S. 133 ff.), während zugleich blau eingerahmte Quadrate in den Textfluss eingelassen sind und in graphomanischer Art Tausende von Gegenständen aus verschiedenen Kategorien aufzählen, die sich nicht in den entstehenden und schwindenden Räumen des Hauses finden lassen und dadurch „the utter blankness found within“ [HOL, S. 119] konstituieren: „Not only are there no hot-air registers, […] no HVAC system at all, […] or plug-in receptacles, 3-prong grounded duplex or other, pots or pans or cans, […] or mansard; no westwort, ziggurat, brise-soleil, trompe l’oeil, […] tierceron rib, coffering, tholos, […] sala terrena, absidiole, rotunda, […] pastas, narthex, lunettes, dormers, cottage orné, pendentives, cheek-walls, cavetto, abutment, […] porticoes, peristyles, tablinums, compluviums, impluciums, atriums, alas, excedras, androns, fauces […]“ [HOL, S. 119 ff.].
Die in dieser Passage demonstrierte universallexikalische Gelehrsamkeit erinnert an die sinnfreien Vokabelkaskaden in Becketts Watt und bietet somit eine zum perversen Wahnwitz des Hauses passende Überspitzungsdynamik.

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Realität und Fiktion

Reale Werke (wie im Falle von Heideggers Sein und Zeit, HOL, S. 24) werden relativ selten angeführt. Viel häufiger erfindet Danielewski mehr oder minder unwahrscheinliche Autoren (Nupart Jhunisdakazcriddle, HOL, S. 126), prätentiös betitelte Monographien (Understanding the Self: The Maze of You, HOL, S. 114) und Verlage (die an Borges’ „Tlön“ erinnernde „Shtrön Press“, HOL, S. 16). In Fußnote 186 wird aus dem fiktiven Essay „It Makes No Differance“ mit dem auf Jacques Derridas Neologismus verweisenden Wortspiel im Titel zitiert und The Navidson Record mit Filmen wie The Shining, Brazil, The Exorcist, The Thing oder Das Boot verglichen.

Die von Johnny stammenden Fußnoten enthalten hingegen kurze Kommentare und Übersetzungen fremdsprachiger Passagen („162 ‚An honorable political solution’ – and as usual, pretentious as all fuck. Why french?“, HOL, S. 127) sowie persönliche Episoden aus seiner Vergangenheit oder Gegenwart in umgangssprachlicher und von wechselndem Scharfsinn charakterisierter Prosa. Sie gehorchen einem realistischen Ton und schaffen so Distanz zum Horror des Hauses.

Ganz zum Schluss gewinnt das Buch eine überraschende Zusatzdimension, als ab Seite 586 die mal paranoiden, mal überschwänglichen, aber stets eloquenten und ein hohes Maß an Bildung bezeugenden, an Johnny gerichteten Briefe seiner Mutter Pelafina H. Lièvre abgedruckt werden, die aufgrund psychischer Krankheit seit über zehn Jahren im The Three Attic Whalestoe Institute (vgl. Danielewski schmalen Ergänzungsband The Whalestoe Letters) interniert ist. Ein unbestimmtes Mysterium scheint diesen mitunter von erschreckend krankhaften typographischen Explosionen begleiteten Dokumenten innezuwohnen, was insbesondere durch ein gut verstecktes Akrostichon mit dem geheimnisvollen Inhalt „My dear Zampano who did you lose?“ [HOL, S. 615] in dem Brief vom 5. April 1986 belegt wird. Der unmittelbar aufkommenden Frage nach der Verbindung zwischen Pelafina, Zampanò und dem Haus folgt die gewichtigere Frage nach der tatsächlichen Urheberschaft der verschiedenen Buchsegmente. Für eindeutige Antworten scheint es jedoch nicht genügend Anhaltspunkte zu geben.

In seiner mehrfachen, zunehmend undurchsichtigen Schichtung und Vermischung von Intra- und Extradiegetischem funktioniert das Buch wie eine „material metaphor“ [WM, S. 116], sodass es selbst zum physisch-medialen „House of Leaves“ wird [vgl. CF, S. 145]. Der Authentifizierungskniff des vorgefundenen Dokuments, wie man ihn zum Beispiel aus Le manuscrit trouvé à Saragosse, Der Steppenwolf oder The House on the Borderland kennt, ist dabei nur ein Teil eines elaborierten Abstrusitätsmechanismus, in dem Truants Skepsis eine entscheidende, da die Simulation implizit verstärkende Rolle spielt. Dabei erkundet Danielewski in diesem Buch offenbar nicht nur die Grenzen zwischen verschiedenen Graden von Realität und Fiktion, sondern auch zwischen den Medien: Obwohl die Buchform echte Non-Linearität nicht zulässt, sind die hypertextuellen Aspekte von House of Leaves (das Wort „House“ sowie seine fremdsprachlichen Äquivalente sind, mit einer Ausnahme auf der vorletzten Seite in den „Credits“, stets blau gedruckt) für die erweiterten Möglichkeiten einer elektronischen Umsetzung geradezu prädestiniert. Das zumindest angedeutete Fehlen eines definitiven narrativen Ursprungs macht das Konzept von Anfang und Ende obsolet und postuliert multiperspektivische, das Rekursive begünstigende Diskontinuität. Im Idealfall müsste ein „relativistischer“ Umgang mit diesem Text möglich sein, der dem Leser jederzeit einen Blickpunktwechsel zwischen Danielewski, Truant, Zampanò, Navidson, Pelafina und den obskuren Herausgebern erlaubt. Hinzu kommt Zampanòs Blindheit und deren offensichtliche Auswirkung auf die Auseinandersetzung mit dem in erster Linie visuell wahrnehmbaren The Navidson Record, was die Seriosität der Prämisse der gesamten Geschichte untergräbt und das Wesen von House of Leaves zu einer monumentalen Farce erhebt.

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Die Ästhetik der Komplizierung

Das hier besprochene Werk konfrontiert uns mit Unerhörtem und fördert unser Staunen, indem es seinerseits jegliches Staunen kraft einer deadpan delivery präzise unterlässt. Danielewski schärft die Illusion mit einer realistischen Darstellung von Verwunderung sowohl über das seltsame Haus als auch über Zampanòs (para-)wissenschaftliche Erforschung des entsprechenden Filmdokuments The Navidson Record, indem er durch Zufall den intelligenten Jedermann Johnny Truant in die Groteske des Hauses, des Films über das Haus und schließlich der Auseinandersetzung mit dem Film über das Haus einbezieht. Truant stellt also das Gegengewicht zum Abnormen dar, positioniert sich in der Nähe des Lesers und erkundet das gegebene Mysterium aus einer der unsrigen Realität ähnlichen Perspektive heraus.
Es wird die Ästhetik der Komplizierung verherrlicht, die wirklichkeitsnahe und anspruchsvolle Erschaffung unmöglicher Konstellationen durch Anwendung typisierter Codes, Konventionen und Klischees des Dokumentarischen gefördert. Die messerscharfe Intelligenz des Autors einer solchen mockumentary, welche einen Spezialfall der Parodie darstellt, erfordert aber auch eine besondere kognitive Subtilität seitens des Rezipienten: “[T]hus a knowing laughter […] is generated” [STR, S. 183]. Das Missverhältnis zwischen Fiktionalität und dem psychologisch kunstvollen, zerebralen Leugnen selbiger erzeugt den notwendigen Spannungsbogen [vgl. STR, S. 181], in dessen Licht die mockumentary als machtvolle Demonstration des Intellektualismus des Urhebers erscheint. Sozusagen aus einer zweiten Ebene heraus greift der Autor unter einem ultimativ ironischen Brechungsindex auf verschiedene bekannte und unbekannte, einfache oder verwickelte Muster zu und gebraucht sie im Rahmen des von ihm unterwanderten Dokumentationsinstrumentariums punktgenau zum Zweck von ausgefallenem Humor und/oder radikaler Verstörung. Dabei experimentiert Danielewski auf die eine oder andere Weise mit Anti-Pragmatismus, aus dem künstlerische Hermetik folgt. Er ersinnt die Vorstellung einer akademischen Wucherung, die größte Energien in die Auseinandersetzung mit einem selbsterzeugten Phantom investiert. All diese Bestrebungen legen eine Art von Wissenschaftsskeptizismus nahe, der darauf abzielt, epistemologische Vorgänge teilweise oder ganz zu annullieren und an ihrer Stelle zumindest versuchsweise die (elitäre) Herrschaft der Kunst zu errichten.

QUELLEN:

Danielewski, Mark Z.: House of Leaves: A Novel, Full-Color Edition, New York, 2007 [HOL].

Hayles, N. Katherine/Burdick, Anne: Writing Machines, MIT Press, 2002 [WM].

Hayles, N. Katherine/Gannon, Todd: „Mood Swings: The Aesthetics of Ambient Emergence” in: The Mourning After: Attending the Wake of Postmodernism, Neil Brooks, Josh Toth (Hrsg.), Rodopi, 2007 [MS].

Kilborn, Richard: Staging the Real: Factual TV Programming in the Age of Big Brother, Manchester University Press, 2003 [STR].

Little, William G.: „Nothing to Write Home About: Impossible Reception in Mark Z. Danielewski’s House of Leaves” in: The Mourning After: Attending the Wake of Postmodernism, Neil Brooks, Josh Toth (Hrsg.), Rodopi, 2007 [NTWHA].

Tabbi, Joseph: Cognitive Fictions, Minnesota, 2002 [CF].

Beitragsbild: Danielewski, Mark Z.: House of Leaves, The Remastered Full-Color Edition, New York 2000. Foto MK


Daniel Ableev

Daniel Ableev, *1981 in Nowosibirsk; lebt als freier Seltsamkeitsforscher in Bonn. Veröffentlichungen in On- und Offline-Zeitschriften und –Anthologien; ausgezeichnet mit dem „KAAS & KAPPES“-Theaterpreis 2011 für D’Arquette; Mitherausgeber von „DIE NOVELLE – Zeitschrift für Experimentelles“. www.wunderticker.com / www.wunderticker.de

 

Fußnoten in Romanen

– muss das sein?

Fußnoten gehören vor allem in wissenschaftlichen Texten zum Standardrepertoir. Doch immer wieder versuchen Autoren sie auch in narratives Schreiben – etwa in Romane – einzubinden. Bei der Benutzung von Fußnoten in diesem Kontext stellen sich aber ganz neuartige Fragen über ihre grundlegende Funktion als literarisches Mittel. Können Fußnoten einen Roman bereichern oder machen sie ihn nur unnötig schwierig?


Was sind Fußnoten?

Fußnoten und Anmerkungen werden gegenwärtig in vielen akademischen Disziplinen als Standard des wissenschaftlichen Arbeitens gesehen. Fußnoten dienen hier dazu, Belege für Ausschnitte aus dem Haupttext anzugeben, zu erläutern, oder Informationen auszugliedern. Die Anmerkung, ob als Fußnote (im unteren Teil der Seite), als Randbemerkung oder als Endnote (am Ende des Buches), fällt klassisch unter die Definition des „Paratextuellen“ – d.h. sie ist dem Haupttext beigestellt und untergeordnet. Doch wie Dr. Sabine Zubarik (Die Strategie der Fußnote(n) im gegenwärtigen Roman, S. 12) treffend bemerkt, ist das „kreative wie auch subversive Potential [der Fußnote als Paratext] bereits in der Etymologie des Namens verankert“. Die altgriechische Präposition παρά kann nämlich sowohl mit „neben„, als auch im übertragenen Sinne mit „gegen“ oder „wider“ übersetzt werden.

Zubarik vertritt die These, dass sich die Fußnote aus einer Hilfs- und Nachweisfunktion (etwa im akademischen Bereich) ablösen kann und sich so nicht mehr dem Haupttext unterordnet:

„Statt der dezenten Unterordnung des Beigestellten zeigt sich Widerspruch, Überbordung und Störung“ [Zubarik, Fußnote(n) S. 9]

Besonders deutlich vollzieht sich dies bei der Benutzung von Anmerkungen im narrativen Schreiben. Im folgenden werden einige Autoren und Bücher betrachtet, die Fußnoten als literarisches Mittel nutzen.

James Joyce: Finnegans Wake

Auswahlseite Finnegans Wake

Auswahlseite James Joyce: „Finnegans Wake

James Joyces „Finnegans Wake“ gilt als eines der kompliziertesten Bücher der literarischen Moderne. Joyce nutzt neben unorthodoxen sprachlichen Mitteln  (Neologismen wie „bababadalgharaghtakamminarronnkonnbronntonnerronn-tuonnthuuntrovarrhounawnskawntoohoohoordenenthurnuk“ – „Donner“ aus zehn verschiedenen Sprachen zusammengesetzt), auch Fußnoten in einer konstitutiven narrativen Funktion. In Buch 2, Kapitel 2 nutzt der Autor drei Arten von Anmerkungen (am linken und rechten Rand, sowie unten), die für die Bemerkungen dreier Geschwister beim Erledigen ihrer Hausaufgaben stehen.

Fußnoten in SciFi und Fantasy: Terry Pratchett

Pratchett Guards Guards

Auswahlseite Terry Pratchett: „Guards! Guards!“

Viele Autoren von Science-Fiction- und Fantasyliteratur nutzen Fußnoten in ihren Büchern. Die Fußnote war für diese Bereiche ursprünglich interessant, weil man durch sie eine „Pseudowissenschaftlichkeit“ erzeugen kann – die Autorität der Fußnote, als Quellennachweis aus dem akademischen Bereich, wird in einen fiktionalen Raum überführt (vgl. etwa „physikalische“ Theorien zur „Erklärung“ eines Phänomens in der Welt des Buches).

Diese funktionale Einbindung wurde später immer wieder satirisch gebrochen (siehe etwa Abbildung). Terry Pratchett nutzt in seinen Scheibenweltromanen Fußnoten, um einen komischen Effekt zu erzeugen. Die Anmerkung bereitet durch ihre Verweis- oder Erläuterungsfunktion einen (oft wiederkehrenden) Witz vor. Manchmal widersprechen Fußnoten auch Aussagen des Textes und eröffnen so unterschiedliche narrative Ebenen.

David Foster Wallace: Infinite Jest

Auswahlseite David Foster Wallce: Infinite Jest

Auswahlseite David Foster Wallce: „Infinite Jest“

In David Foster Wallaces „Infinite Jest“ („Unendlicher Spaß„) findet sich nach dem Haupttext ein 200-seitiger Anmerkungsapparat, in dem über 300 Endnoten eingebunden sind, die sowohl erläutern/fiktive Quellen angeben, als auch narrative Nebenschauplätze einführen. Teilweise erstrecken sich einzelne Anmerkungen über mehrere Seiten und sind schon fast als eigenständige Kurzgeschichten zu lesen. Die detaillierte Ausschmückung der Welt von „Infinite Jest“ wird ganz wesentlich von diesen Anmerkungen getragen – der Roman wird oft als „enzyklopädisch“ beschrieben.

Bezeichnend für die zentrale Rolle von Fußnoten in David Foster Wallaces magnus opum ist, dass die gebundene deutsche Ausgabe von „Infinite Jest“ zwei Lesezeichen enthält, eines für den Haupttext und eines für die Anmerkungen.

Mark Z. Danielewski: House of Leaves

Beispielseite aus

Auswahlseite aus Mark Z. Danielewski: „House of Leaves“ (via readsbymandm)

„House of Leaves“ von Mark Z. Danielewski ist noch stärker von Fußnoten beherrscht. Zubarik beschreibt das Buch als „typographische(n) Exzess“ , „in dem alle nur möglichen Spielarten und Potentialitäten des Anmerkungsgebrauchs vorgeführt werden“ [Zubarik: Fußnote S. 10].

Der Autor benutzt Fußnoten hier nicht nur als Bezugspunkte für Nachweise (fiktiv und real) oder Erläuterungen, sondern schafft einen narrativen Bedeutungskontext, der das Buch übersteigt. Der Leser „verirrt sich“ im Netz der Verweise und repräsentiert so auf einer anderen Ebene eine Figur im Buch, die in einem Labyrinth gefangen ist. Zusätzlich beeindruckend ist dabei die Veränderung des Layouts parallel zur strukturellen Handlung des Buches. Nicht nur Anmerkungen bestimmten optisch das Format des Textes – er wird ständig verändert, aufgebrochen, gespiegelt und gegen sich selbst gestellt.

Funktionen von Fußnoten in Romanen

Die angeführten Beispiele machen klar, dass sich die Fußnote in literarischen Texten längst aus der Rolle des bloß Paratextuellen gelöst hat. Anmerkungen dienen nicht mehr als Zusätze für den Haupttext, sie sind ein zusätzliches literarisches Mittel, das mit seinem Störungspotential erheblichen Einfluss auf das Leseerlebnis des Rezipienten ausüben kann.

Positiv betrachtet erschließen Fußnoten ganz neue Möglichkeiten der Verschachtelung von Bedeutungsebenen im Roman. Spielt man ihrer Nachweisfunktion, können durch gezielte Kontradiktionen sogar Erzähler als unzuverlässig entlarvt werden und so entweder ein komischer Effekt, oder sogar eine Beeinflussung des Lesers, hinsichtlich der weiteren Rezeption, geschaffen werden. In gewisser Weise ist sogar ein Durchbrechen der „Vierten Wand“ – also eine direkte Kommunikation mit dem Leser möglich.

Anmerkungen sind, in diesen neuen Funktionen, oftmals nicht mehr bloß optionale Elemente des Textes. Um einen Fußnotenroman wirklich verstehen zu können, ist es zwingend notwendig die Anmerkungen als Teil des Textes ernstzunehmen. Doch genau dieser Umstand führt auch zu einer harschen Kritik an der Anmerkungspraxis im modernen Roman

Argumentation gegen Fußnoten in Romanen

„If you can’t say it in the main text of a novel, then you shouldn’t be saying it at all.“ Amanda Kendel (becomingafictionwriter.com)

Das obige Zitat ist so etwas wie das Motto der fiktiven Society for the Abolition of Footnotes in Novels. Die Emanzipierung der Fußnote, aus einem bloßen Beigestelltsein, ist nach dieser Auffassung exzessiv und störend. Die Beschränkung auf einen fließenden Haupttext ist vor allem einem reibungslosen Leseerlebnis geschuldet.  Dieses Argument ist auf den ersten Blick nachvollziehbar. Der Lesefluss wird allein durch das Springen im Text (auf das Ende der Seite oder gar des Buches) unterbrochen. In gewisser Weise infiltrieren Anmerkungen, zumindest wenn sie bedeutungskonstitutiv eingesetzt werden, den Text strukturell. Doch macht das die Fußnote als literarisches Mittel unnötig?

Komplizierte Bücher, wie etwa die angeführten Werke von Joyce und Foster Wallace, wären auch ohne die Benutzung von Anmerkungen eine schwierige Lektüre. Anmerkungen sind nur ein zusätzliches Mittel, um etwa die sprachlich-formale Anspruchsebene zu supplementieren und Bedeutungsebenen zusätzlich zu verschachteln. Ob man diese Art von Literatur mag, ist ein individuelles Urteil.

Im Falle von Danielewskis „House of Leaves“ allerdings konstitutiert die Anmerkungspraxis direkt im Text eine eigene Struktur. Der Autor will den Leser im Text ganz gezielt stören, um ein Gefühl des Verirrt-seins zu erzeugen, dass das Leseerlebnis mit der Narration verbindet. Der Autor erzeugt fast filmisch eine Atmosphäre von Angst und Verwirrung, die dem Horrorgenre gerecht wird.

Können Fußnoten als literarisches Mittel also Romane bereichern? Ich denke schon. Ob das im Einzelfall immer gelingt und für den Leser funktioniert, steht (wie auch viele Anmerkungen) auf einem anderen Blatt Papier.

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