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Otremba Funeral Service – Das Erbe der Science-Fiction

Hendrik Otremba singt bei Messer und feierte erst 2017 mit Über uns der Schaum sein Debüt als Autor. Jetzt legt er in diesem Nebenjob nach und präsentiert: Kachelbads Erbe. Damit hat er schon wieder ein Buch geschrieben, das im Grunde niemand erwartet hat. Denn hinter dem sperrigen Titel und merkwürdigen Cover verbirgt sich ein im Grunde nicht weniger sperrig aufgebauter Roman mit merkwürdigem Thema. Allerdings im besten Sinne.


Das Jahrhundert der Kryonik

Das Romanthema muss man sich als Autor auch erstmal zutrauen. Und Hendrik Otremba handelt es nicht bloß oberflächlich ab, sondern taucht tief hinein. Im Zentrum steht die Geschichte der Kryonik, erzählt anhand mehrerer Schicksale, die mit dieser wissenschaftlichen Bewegung eng verbunden sind. Die Schicksale liefern praktischerweise unterschiedliche Erzählperspektiven gleich mit und tragen zu einer Handlung bei, die sich durch einige kulturelle Epizentren des 20. Jahrhunderts windet, vom Wien der 20er über Mexiko, Deutschland, Frankreich, Spanien und Vietnam bis zum New York und Chernobyl der 80er-Jahre. Aber was war noch gleich die Kryonik?

Die Forschungsrichtung, welche ab den 1960er Jahren ein paar Institute und Firmen beschäftigte, ging und geht noch heute der Frage nach ewigem Leben nach: Es ist momentan, wie allgemein bekannt ist, ja leider noch nicht möglich, gestorbene Körper wiederzubeleben – aber könnte man Leichen nicht trotzdem schonmal einfrieren für den Fall, dass es doch eines Tages möglich sein wird? Wissenschaftlich betrachtet hätte man dadurch eine valide Forschungsgrundlage, wenn sich irgendwann realistische Möglichkeiten zur Reanimation von Leichen bieten sollten. Subjektiv betrachtet produziert dieser Gedanke Hoffnung auf Unsterblichkeit. Und tatsächlich lassen sich, ähnlich wie im altägyptischen Totenkult, auch heute noch Menschen in der starken Hoffnung auf Wiederbelebung ihrer toten Körper konservieren. Nur dass der mit der Wiedergeburt verbundene Glaube nicht, wie im Altertum, eschatologisch sondern modernetypisch wissenschaftspositivistisch ist: also nicht jenseitig, sondern diesseitig.

Kachelbads Erbe erschien bei Hoffmann und Campe:

Quelle: Instagram

Die ersten Einfrierungen im Sinne der modernen Kryonik fanden Ende der 1960er Jahre statt, und inzwischen lagern nicht wenige konservierte Leichen in Tanks, deren Seelen zu Lebzeiten von einer Auferstehung in einer besseren Zeit träumten – in der zum Beispiel körperliche Gebrechen heilbar oder vielleicht sogar Altern und Sterblichkeit insgesamt überwunden ist. Das Anliegen der modernen Kryonik liegt, im Gegensatz zur Mumifizierung im Altertum, stärker auf der funktionalen Erhaltung aller Organe als auf einer reinen Konservierung der äußeren Erscheinung. Es ist daher auch keine Pyramide, sondern eine Halle mit Tanks voll kahlrasierter Leichen, in dem die Handlungsstränge von Kachelbads Erbe zusammenlaufen.

Eine Science-Fiction-Geschichte

Eigentlich bedient sich der Roman damit eines klassischen Science-Fiction-Stoffs. Denn die Krynonik tauchte unter einem anderen Namen schon Ende des 19. Jahrhunderts in der Literatur auf: 1888 zum Beispiel ließ Edward Bellamy einen Protagonisten durch einen Magnetismus konservieren und das ferne Jahr 2000 besuchen. Auch späteren Autor*innen dienten kryonische Überlegungen für Zeitsprünge in Zukunftswelten, bis die Wissenschaft sich des Themas tatsächlich annahm. Zum Beispiel Stanisław Lem oder die Serie Futurama greifen es auf. Bei Hendrik Otremba, der sich mutig in die Reihe stellt, liegt der Fokus weniger auf den Science-Fiction- und stärker auf kulturgeschichtlichen Aspekten. Was bedeutet die Kryonik, die ja zumindest, was das Einfrieren betrifft, inzwischen tatsächlich angewendet wurde, als soziale Praxis, und welche Schicksale verband sie?

So begleitet Otremba einige Mitarbeiter des fiktiven Unternehmens Exit US, darunter ein gewisser H.G. Kachelbad, durch ihren Alltag Mitte der 1980er Jahre, als die erste große Öffentlichkeitswelle der Kryonik eigentlich schon wieder abgeebbt ist und die Praxis aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verschwinden beginnt, aber dennoch einige Aufträge offen sind. In der Kryonik wartet man ja meist den natürlichen Tod ab. Teil ihrer Tagesordnung ist es somit, nach dem Ableben von Klient*innen von Exit US die Leichen mit einem Kühlwagen abzuholen (der aus verschiedenen Gründen die Aufschrift „OTREMBA FUNERAL SERVICE“ trägt), diese auszubluten, das Blut durch ein Frostschutzmittel zu ersetzen, und in einen Tank mit -196° kaltem flüssigen Stückstoff einzulagern.

„Wenn die Sprache an ihre Grenze kommt, betreten wir eine neue Welt.“

Hendrik Otremba – Kachelbads Erbe

Da das Unternehmen zu dieser Zeit schon einige Jahre auf dem Markt ist, sind bereits zahlreiche Leichentanks zusammengekommen, die in einer Lagerhalle in Los Angeles stehen und regelmäßiger Wartung bedürfen. Nebenbei bieten sie als futuristischer Friedhof auf Zeit einen ausgezeichneten Schauplatz, an dem die Handlungsstränge von Kachelbads Erbe zusammenlaufen. Von dort aus richtet Kachelbads Erbe neben einem literaturwissenschaftlich obligatorischen Blick in die Zukunft auch ausführliche Rückblicke auf Lebensgeschichten der gefrorenen Leichen, ihren Platz in der Zeitgeschichte und die Gründe, die sie zur Kryonik brachten. Der Roman stellt große Fragen, thematisiert zum Beispiel die Grenzen der Sprache, etwa dann, wenn die Nachbereitung eines Lebens plötzlich wieder zu ihrer Vorbereitung wird. Oder fragt, was es eigentlich bedeutet, einen kleinen Gegenwartsmoment in der großen Seinsgeschichte zu durchlaufen. Aber er stellt auch sehr profane Fragen, die ebenfalls ihr Gewicht haben. Zum Beispiel: Was wird eigentlich aus den vielen Leichen, wenn ein Kryonik-Unternehmen sich wirtschaftlich nicht mehr trägt?

Die Kunst der Unsichtbarkeit

Und obwohl der Roman ein Science-Fiction-Thema aufgreift, glänzt er vor allem darin, vermeintlich Übernatürliches einzufangen und unter profanen Aspekten zu betrachten. Es mag zunächst aufstoßen, dass in einem Buch, das wissenschaftliche Sprache verwendet, plötzlich Unsichtbare, Zeitreisende und Seelenwanderer auftreten. Aber Otremba gelingt es, vermeintlich Übernatürliches logisch greifbar zu machen. Unsichtbarkeit zum Beispiel lässt sich von Seite zu Seite immer weiter als eine Eigenschaft nachvollziehen, die manche Menschen oder gesellschaftliche Gruppen zweifelsfrei tatsächlich haben, die man sich grundsätzlich aber auch antrainieren könnte. Auch die meisten anderen Phänomene, die auftreten scheinen zunächst undenkbar, später im Roman aber greifbar und völlig praktikabel. Die wenigen am Ende noch verbleibenden fantastischen Elemente lassen den komplexen Roman an einigen Stellen surreal verschwimmen.

Der fragmentarische Stil von Kachelbads Erbe, der auch an Buchprojekte wie Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen von Philipp Weiss oder Judith Schalanskys Verzeichnis einiger Verluste erinnert, und bei Otremba eine schlanke Form findet, ist in zwei Hinsichten geschickt gewählt. Zum einen kann der Autor damit zahlreiche Epochen abhaken, die er vermutlich selbst spannend genug findet, um ihnen ein Buch zu widmen, zum anderen lassen die Episoden kaum Aspekte unbeleuchtet, um den umkreisten Betrachtungsgegenstand, die Kryonik, auszuerzählen. Er achtet zwar auf den logischen Zusammenhalt zwischen den Fragmenten, traut das letztendliche Zusammenführen der Passagen zu einem Roman aber weitgehend seinen Leser*innen selbst zu. Diese werden mit jedem neuen Kapitel kurz mit dem Gefühl konfrontiert, plötzlich ein anderes Buch zu lesen. Was sich teilweise auch bewahrheitet. Als nachhaltig irritierend fällt höchstens eine aus der Sicht einer Katze erzählte Passage heraus, deren Weltbild trotz starkem Hang zur Verschmustheit und instinktiven Werturteilen doch sehr menschlich erscheint.

Sprünge im Erzählstil, die man während des Lesens ankreiden möchte, werden durch den Einbau von Metaebenen abgefedert. Diese schwanken zwischen wissenschaftlicher Beschreibung, surrealer Betrachtung und persönlichem Erzähler. Bloß manchmal würde man sich wünschen, dass der Roman noch stärker verschachtelt wäre und lieb gewonnene Charaktere noch zumindest ein zweites Mal zurückkehren würden. Aber nicht nur in seinem Thema, auch in seinem Aufbau bleibt der Roman durchgehend unbequem. Damit beweist Hendrik Otremba sein erzählerisches Talent. Zwischen den fragmentarisch zusammengefügten Kapiteln lässt er nicht zuletzt einen gesamten Roman unsichtbar werden.

Kachelbads Erbe von Hendrik Otremba erschien am 5. August 2019 bei Hoffmann und Campe und hat 432 Seiten. Er kostet 24 €, die ersten Seiten sind jedoch auch gratis vorgetragen verfügbar:

Quelle: YouTube
Titelbild: © Kat Kaufmann

Roadtrip durch sauren Regen – Otrembas „Über uns der Schaum“

Hendrik Otremba, bekannt als Sänger der Band Messer, ist unter die Schriftsteller gegangen und debütiert mit einem Detektivroman, der keiner sein will.


„Das ist die Arbeit, das ist der Preis. So geht’s bei Detektiven“

Eigentlich ist alles da – alles, was eine Detektivgeschichte braucht: eine Vorgeschichte mit vielen Toten, ein Detektivbüro, ein Auftrag, ein reicher, narzisstischer Auftraggeber mit unstillbaren Gier nach Anerkennung und Macht, der weiß, dass er die Frau seiner Begierde nicht kaufen kann, und es doch will. Einer, der kein Mitleid hat – außer das für sich selbst. Der perfekte Antagonist. Und ein Detektiv wie aus dem Buche. Einer, der zu viel raucht, zu viel trinkt, kaum Freunde, keine Familie hat und sich nicht nur wegen seiner Drogensucht und Depression, sondern schon von Berufswegen als Außenseiter am Rande der Gesellschaft bewegt und bewegen muss. Um die Femme fatale zu retten, wird er selbst zum Täter. Ja, das klingt nach einer Detektivgeschichte im Noir-Stil. Aber „Über uns der Schaum“ ist mehr als das.

„Etwas in diesem Haus saugt meinen Körper ein“

In seinem Debütroman zeichnet Hendrik Otremba ein düsteres, brutales Szenario, in dem der Detektiv seinen Auftrag nicht beenden kann, ohne sich selbst zu verraten. Die Tatsachen, dass die Prostituierte Maude, die Joseph Weynberg für seinen Auftraggeber Lang ausspionieren soll, seiner verstorbenen Liebe Hedy nicht nur äußerlich gleicht, lässt ihn selbst zum Mörder werden. Und auch die Auswirkungen der welteigenen Droge Portobin machen dem Protagonisten zu schaffen. Selbst in völliger Nüchternheit findet er kaum einen Zugang zu sich selbst, seinem Innenleben, zu seinen Ängsten und Bedürfnissen fernab seiner Sucht. In aller Härte werden die Leser*innen in eine Erzählung geworfen, in der nicht nur Tote zu Wort kommen, sondern bald schon der selbstentfremdete Ich-Erzähler nicht mehr zwischen Außen- und Innensicht, zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung unterscheiden kann. Denn immer häufiger zwingen seine Träume und Trips Weynberg in die dunklen Abgründe seiner selbst. Hier verschmelzen Fragmente seiner Vergangenheit mit denen seiner Gegenwart und seiner erdachten Zukunft. Immer undeutlicher werden die Grenzen zwischen Realität und Traum.

„Wer kann die Welt heut‘ nicht mehr sehen“

Doch was ist die Realität in „Über uns der Schaum“? Auf 280 Seiten erschafft Otremba eine bedrückende futuristische Welt, die den Leserinnen fremd ist und gleichzeitig erschreckend bekannt vorkommt. Er lässt eine Dystopie entstehen, in der Vergessenheit die Erinnerungskultur abgelöst hat, in der sauberes Wasser eine Sehnsucht bleibt und den Protagonisten in Träumen heimsucht. In der der Regen lebensgefährlich sauer ist. Und sich Weynberg und Maude statt mit nicht existierenden Smartphones mit einem Strahlenmessgerät auf die Flucht machen müssen. Ihr Ziel: Die Stadt Neu-Qingdao, die vielleicht ein besseres Leben verspricht. Doch als die Flüchtenden, getrieben von der Angst vor Lang und seinen Leuten, ihre namenlose Stadt irgendwo irgendwann verlassen, entfaltet sich die Unberechenbarkeit und Hoffnungslosigkeit der Welt in ihrer Gänze: Überall dort, wo einst Menschen gelebt haben, ist kein menschliches Leben mehr möglich. Verlassene Vororte, verseuchtes Wasser und eine verstrahlte Umwelt machen den Protagonistinnen ihren Roadtrip der anderen Art fast unmöglich. Als ihnen Langs Leute auf die Spur kommen, mischen sich Blut, Schweiß, Dreck und Nebel in die postapokalyptische Atmosphäre.

„Wenn man arm ist und die Worte sich aufeinander reimen“

Dass Otremba nicht nur Autor, sondern auch bildender Künstler und Musiker ist, ist nicht zu überlesen, zu übersehen und zu überhören. Die bildlichen Beschreibungen der Figuren erinnern nicht selten an seine Porträts, in denen er mit „Stift und Pinsel […] die Rippen hervorgeholt, ihnen mit Tusche und Wasserfarbe eine Textur gegeben“ hat und die Haut der Abgebildeten „ganz dreckig“ hinterlässt. Nicht nur Motive wie Angst, Dreck, Schmerz, Tod und Insekten und die prägnant rhythmische, kraftvolle und poetische Sprache lassen Parallelen zu Songs der Post-Punk-Band Messer entstehen. Auch die vom dichtenden Detektiv verfasste und fast jedem Kapitel vorangestellten Verszeilen finden sich in den Texten des Messer-Albums „Jalousie“ wieder, die aus der Feder Otrembas stammen. So liest sich die stets wiederkehrende Beschreibung der scheinbar ausweglosen Situation Weynbergs und Maudes wie der Refrain des klangvollen Werkes. Er holt die Leser*innen aus surrealen Sphären und tiefschwarzen Träumen zurück in die Realität des tragischen Helden – wohin auch immer diese führen mag.

„Über uns der Schaum“ von Hendrik Otremba ist im Verbrecher Verlag erschienen.

Alle Zitate stammen aus dem Roman.

Titelbild: © Buchcover „Über uns der Schaum“ / Verbrecher Verlag