Schlagwort: Heinz Strunk

Was nehmen wir mit von 2019? Eine postmondäne Leseliste

Bevor wir uns mit 2020 auseinandersetzen, haben sich sieben postmondänler nochmal gefragt: Welche Bücher haben uns dieses Jahr beschäftigt? Wir müssten, könnte man nach 2016, 2017 und 2018 meinen, schon eine gewisse Routine in diesem Ritual haben. Doch in diesem Jahr ist eine auffallend bedrückende Liste zusammengekommen, die sich um Themen dreht wie Gewalt, Tod, Bedrohung, Verschwörungstheorien, Depression, Heimatliebe, Heimatverluste und Online-Kniffel.

von Moritz Bouws, Stefan Weigand, Katharina van Dülmen, Lennart Colmer, Martin Kulik, Gregor van Dülmen und Dominik Gerwens.

Manifest gegen die Heimat

Moritz über Eure Heimat ist unser Albtraum von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah (Hrsg.)

Ich bin privilegiert. Ich bin weiß. Ich bin jung. Ich bin männlich – ich habe es mir im binären Geschlechterkonstrukt mit einem heteronormativen Lebensstil bequem gemacht. Und ich habe keinen sogenannten Migrationshintergrund – zumindest keinen, der nicht vor mehr als dreihundert Jahren auszumachen ist. Trotzdem – oder gerade deswegen – ist mir der Begriff der „Heimat“, wie vielen von euch Leser٭innen, insbesondere im aktuellen Diskurs, zuwider. Denn er verfolgt ein Ideal einer homogenen, christlichen und weißen Gesellschaft, in der Männer das Zepter in der Hand halten und Frauen für die Volksvermehrung verantwortlich sind. Andere Lebensrealitäten tauchen in dieser Utopie schlichtweg nicht auf, wie Aydemir und Yaghoobifarah im Vorwort von „Eure Heimat ist unser Albtraum“ feststellen, das Anfang des Jahres erschien.

Wie fühlt es sich an, zu den anderen zu gehören? In Zeiten, in denen das vormalige Innenministerium ohne nennenswerte Diskussion zum Heimatministerium getauft wird. Wie fühlt es sich an, im ach so liberalen Deutschland als Jüdin, als Muslim, als transidenter Mensch zu leben? In Zeiten, in denen die Alternative für Deutschland zur dritt- oder bald zweitstärksten Kraft geworden ist. Wie fühlt es sich an, als Teil des anderen als Bedrohung wahrgenommen zu werden?

Der Essayband „Eure Heimat ist unser Albtraum“ bietet diese Perspektive. In vierzehn Beiträgen schildern nicht ganz unbekannte Vertreter٭innen vorwiegend aus dem kulturschaffenden Bereich ihre eigenen Erfahrungen und Sichtweisen, durch die sich auch einige Leser٭innen mit ihrem weltoffenen Selbstverständnis auf die Füße getreten fühlen dürfen. In diesen schnelllebigen Zeiten, in denen die Orientierung schwerfällt und kategorisierte Denkmuster gerade recht kommen, ist die kritische Selbstreflektion wichtiger denn je. Somit ist „Eure Heimat ist unser Albtraum“ ein bedeutendes Manifest, das Wachsamkeit, Sensibilität und Weitblick für das kommende Zusammenleben in unseren Gesellschaften verleiht.

Eure Heimat ist unser Albtraum erschien 2019 im Ullstein Verlag.

Endzeit im Kammerspielmodus

Stefan über Milchzähne von Helene Bukowski

Mit manchen Büchern ist es so, dass man erste ein paar Hürden überspringen muss, bis man zu ihnen findet. Doch dann ist man wirklich am richtigen Platz. Mit „Milchzähne“ von Helene Bukowski ging es mir so. Erst der Titel: Vielleicht ein Jugendroman oder eine Geschichte für Kinder? Komisch! Dann erzählen die ersten Seiten von Gemüseanbau, von Kaninchenzucht, von Nachbarn, die Obst tauschen, und von dem Brennnesselsud, mit dem man die Beete düngt. Bin ich jetzt in ein Landlust-Setting geraten?

Doch das Buch ist bitterernst. Die Geschichte spielt in einer Siedlung, in der die Menschen beschlossen haben, für sich zu bleiben. Das Mädchen Skalde lebt mit ihrer Mutter Edith am Rande dieser Gegend, die am Ende der Welt zu liegen scheint. Immer wieder ist von der sengenden Hitze die Rede, es drohen Felder zu verdorren. Endzeitstimmung. Dazu kommt die unheimliche Bedrohung, die von der Gemeinschaft selbst ausgeht. Die Menschen hier wollen keine Fremden bei sich. Um sicherzugehen, haben sie die letzte Brücke über den Fluss vor Jahren gesprengt. Aber dann schafft es doch jemand: Ein junges Mädchen taucht auf, wie aus dem Nichts, und alles gerät aus den Fugen. Skalde beschließt, das Kind aufzunehmen, und stellt dabei nicht nur das Selbstverständnis der Gemeinschaft auf die Probe, sondern eben auch deren Menschlichkeit.

© Stefan Weigand

Man kann gar nicht glauben, dass es das Romandebüt einer jungen Autorin ist. Helene Bukowski, 1993 in Berlin geboren, schreibt schnörkellos und gefühlvoll zugleich und setzt die Figuren und die Handlung in ein klaustrophobisches Kammerspiel. Das Buch hat mich deshalb gepackt, weil es eine wahnsinnig dichte Atmosphäre aufbaut und zugleich eine geschickte Parabel zu den Themen Herkunft, Identität und der Offenheit einer Gemeinschaft ist. Klar, die Gefahr ist da immer, dass ein Buch moralisch oder gar belehrend auftritt. „Milchzähne“ kommt hier gut durch. Das gelingt, weil die Erzählung geschickt Leerstellen lässt – man erfährt nicht, was die Gefahr ist, wo denn genau die Gegend liegt oder welche Gründe die selbst auferlegte Abschottung der Gemeinschaft hat. Eine ergreifende Erzählung, die nicht zuletzt wegen ihrer poetischen Zwischentexte berührt: „Mit dem Kind im Haus sind die Nächte heller geworden. Die Dunkelheit ist jetzt weich wie ein Mantel aus Pelz. Ich lege sie mir um die Schultern.“

Milchzähne erschien 2019 bei Blumenbar im Aufbau Verlag.

Realitäten

Katharina über Befreit von Tara Westover

Tara Westover erzählt, wie sie als Jüngste von sieben Geschwistern einer Mormonen-Familie am Hang des Buck Peaks im US-Bundesstaat Idaho aufwächst. Wie sie auf dem Schrottplatz ihres Vaters arbeitet und von ihrer Mutter alles über Kräuter lernt, statt in die Schule zu gehen. Sie erzählt von familiärer Gewalt und schrecklichen Unfällen, nach denen nie ein Krankenwagen gerufen, sondern immer nur auf Gott gehofft wird. Und davon, wie sie sich auf die apokalyptischen „Tage des Gräuels“ durch den Y2K-Fehler vorbereitet – Essens- und Spritvorräte bunkert, Fluchtrucksäcke packt und sich mithilfe von Waffen kampfbereit macht. Und das alles in ständiger Angst. Vor den Illuminaten. Vor der Regierung. Und vor dem FBI, die all jene erschießen, die sich nicht ihrem System beugen. So ihr Vater.

Doch wie rekonstruiert man die eigene Geschichte, wenn man unter einem Patriarchen aufgewachsen ist, der seine Wirklichkeit als allgemeingültig deklarierte und keine andere zuließ (Viel später glaubt Tara, ihren Vater in einer Vorlesung zum Thema Bipolore Störung wiederzuerkennen.)? Wenn man nicht mehr unterscheiden kann zwischen jenen Geschichten, die man gehört und jenen, die man erlebt hat? Wenn die Geschwister von demselben Erlebnis ganz anders berichten, als man selber es tun würde? Tara Westover legt all ihre Zweifel und das Misstrauen ihrer eigenen Erinnerung gegenüber offen. Und es gruselt einen besonders, wenn sie schreibt:

„Meine früheste Erinnerung ist keine. Vielmehr etwas, was ich mir eingebildet hatte und mich dann daran erinnerte, als wäre es tatsächlich so geschehen. Das Erinnerte entstand  (…) aus einer Geschichte, die mein Vater derart detailliert erzählte, dass jeder von uns (…) eine eigene Kinoversion davon gebastelt hat, einschließlich Gewehrschüssen und Schreien.“ (S. 19)

und

„Wenn ich meine Tagebücher aus jener Zeit lese, kann ich die Entwicklung nachverfolgen – die einer jungen Frau, die ihre Geschichte umschrieb. In der Wirklichkeit, die sie sich zurechtbastelte, war alles in Ordnung gewesen (…).“ (S. 187)

Doch irgendwann entflieht Tara der Vorbestimmung ihres Vaters, der sagte, eine Frau müsse heiraten und dürfe nicht arbeiten. Ganz abgesehen natürlich von der Arbeit auf dem familieneigenen Schrottplatz und im Haus. Sie sucht sich kleine Nebenjobs, kauft sich vom selbstverdienten Geld Bücher und bringt sich selbst Mathematik bei. Letztendlich schafft sie die Aufnahmeprüfung fürs College. Ihre lesenswerte Autobiografie widmet sie dann ihrem Bruder Tyler, der sie immer ermutigte und ihr zeigte, wie sie sich durch Bildung ihre eigene Realität schafft, ihre eigene Geschichte schreibt und sich befreit.

Befreit erschien 2018 im Kiepenheuer & Witsch.

Depression und Kaputtheit

Lennart über Serotonin von Michel Houellebecq

Vor wenigen Jahren habe ich mit Unterwerfung (2015) Houellebecq für mich entdeckt. Darauf habe ich fast jedes seiner Bücher verschlungen. Auch wenn sich ein roter Faden durch die versch(r)obenen Wesenszüge und Weltansichten seiner Hauptprotagonisten zieht, hat mich das zunächst nicht weiter gejuckt. Wohlfühlliteratur interessiert mich nicht – Houellebecqs Schilderungen der Kaputtheit fesselten mich. Serotonin las ich also mit einer gewissen Vorahnung und mit diesem Buch kippte auch mein Houellebecq-Erlebnis. Mir erzählt er nichts Neues mehr, vielmehr überspannt er mit Serotonin den Bogen; übertreiben kann auch jeder Groschenroman von Bastei-Lübbe.

Serotonin erschien 2019 bei DuMont.

Lennart über Frau im Dunkeln von Elena Ferrante

Auch wenn es fern liegt, Ferrante und Houellebecq zu vergleichen, gelingt es Ferrante meiner Meinung nach besser als Houellebecq, Facetten der Depression zu erzählen. Kein anderer Ort als der sommerliche Strand scheint ferner von einem solchen Narrativ zu sein, doch Ferrante macht genau dieses Idyll zu einem zwielichtigen Schauplatz ihrer Protagonistin. Zudem schafft sie eine Perspektive, die mehr mit Empowerment zu tun hat als mit Verbitterung. Das ist erfrischend.

Frau im Dunkeln erschien 2019 im Suhrkamp Verlag.
Quelle: Instagram

Schwaches Licht, starkes Teemännchen

Lennart über Das Licht von T. C. Boyle

An das neue Buch eines meiner Lieblingsautoren habe ich hohe Erwartungen gehabt. Die Adaption einer historischen Begebenheit durch Boyles absurden Filter zu lesen, hat mir im Jugendalter schon wahnsinnig gut gefallen – mit Wassermusik (1990) fing alles an, mit vielen, vielen weiteren Romanen von Boyle ging es schließlich weiter. Das Licht hingegen zähle ich zu den schwächeren Geschichten. Verspricht der Prolog, der im Grunde ein Vorspiel darstellt, noch viel, wirkt die Entwicklung der zentralen Protagonisten zuweilen zäh, der Spannungsbogen flach.

Das Licht erschien 2019 bei Hanser.

Lenn über Das Teemännchen von Heinz Strunk

Diese sympathische wie schräge Kurzgeschichtensammlung erschien zwar schon im letzten Jahr, aber sie gehört definitiv zu meinen persönlichen Lese-Highlights des Jahres. Nach dem fesselnden, doch sehr verstörenden Trip in Der Goldene Handschuh (2016) und dem seicht-schrulligen Roman Jürgen (2017) packte mich das schmale, schwarze Buch mit seinem Mikrokosmos der Eigenartigkeiten. Strunk vermengt realitätsnahe wie fantastische Elemente des einfachen Seins zu einem grau-bunten Eintopf.

Das Teemännchen erschien 2018 bei Rowohlt.

Don’t fear the Reaper

Martin über So sterben wir von Roland Schulz

Die Beschäftigung mit unserem Tod ist eines der letzten großen Tabus: Aus dem Unvorstellbaren ist das Unsagbare geworden. Seltsam eigentlich, ist doch kaum etwas so sicher wie die eigene Vergänglichkeit. Doch was genau passiert, wenn wir unseren letzten Atemzug nehmen? Wie fühlt sich Sterben an? Und was passiert eigentlich im Anschluss, wohin wird der Leichnam gebracht, womit müssen sich Angehörige auseinandersetzen?

Die Beschäftigung mit dem Ende des Lebens ist eine sehr intime und private Angelegenheit. Roland Schulz hat mit „So sterben wir“ ein Buch geschrieben, das uns nicht nur drängende Fragen rund um das Sterben beantwortet, sondern auch den richtigen Stil gefunden hat, um uns dieses schwere Thema näherzubringen. Schulz spricht die Leser٭in in der zweiten Person an, schildert einfühlsam, ohne dabei jemals zu belehren oder komplexe emotionale Reaktionen vorzuschreiben.

„Tage vor deinem Tod, wenn noch niemand deine Sterbestunde kennt, hört dein Herz auf, Blut bis in die Spitzen deiner Finger zu pumpen. Wird anderswo gebraucht. In deinem Kopf.“

Schulz bringt uns dazu, über etwas nachzudenken, worüber wir zunächst nicht nachdenken wollen. So wird die Lektüre seines Buches zu einer kraftvollen Selbstermächtigung: Angst haben wir nur vor dem Unbekannten. Allein die Auseinandersetzung mit dem Sterben macht es uns etwas leichter, diesem unvermeidlichen Ereignis würdevoll entgegenzutreten.

So sterben wir erschien 2019 im Piper Verlag.

Poesie im Dunkeln

Gregor über Du bist nicht allein von Aref Hamza

In Du bist nicht allein sucht Aref Hamza nach Worten, um seine Fassungslosigkeit über den Bürgerkrieg in seiner Heimat Syrien, das Leeregefühl eines ausgelöschten Alltags, die qualvolle Flucht und die Einsamkeit des Exils zu verarbeiten. Er findet sie in ca. 80 Gedichten, von denen jedes für sich so erdrückend ist, dass eine zusammenhängende Lektüre fast unmöglich ist. In teils rohen, klaren Beschreibungen, teils erdrückenden Metaphern umkreist er immer wieder seine eigene Fassungslosigkeit darüber, dass sich ein banaler Alltag so stark verdunkeln konnte und sich alles Gekannte in Tod und Zerstörung auflösen. Eine Umfrage durchfließt seine Texte: Wie konnte es soweit kommen?

Du bist nicht allein erschien 2018 im Secession Verlag.

Gregor über Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong

Weit mehr Aufmerksamkeit als Aref Hamzas Band erfuhr 2019 die Veröffentlichung des aus Vietnam stammenden US-Autors Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios. Vuong gelingt das Meisterstück, seine poetische Sprache, für die er bereits mehrere Lyrikpreise erhielt, in Prosa zu überführen. Er präsentiert uns einen offenen Brief an seine Mutter und reißt seine Leser٭innen in die Lebenswelt seines eigenen Außenseitertums als homosexueller Sohn einer ausländischen Analphabetin hinein, in einer Gesellschaft, die immer weniger für Minderheiten übrig hat. Seiner Sprache gewährt er, was das Bruch so fremdartig und gut macht, den radikalen Freiraum, sich schonungslos mitten durch seine Erinnerungen zu wühlen, und fern von räumlichen und zeitlichen Strukturkomponenten Zusammenhänge herzustellen, die für ihn sein Leben ausmachen und eindrucksvoll Verzweiflung, Einsamkeit, Andersartigkeit, Gewalt und Verlorensein verbildlichen. Seine Leser٭innen nehmen kurz Teil am Schicksal einer kleinen Familie, das auch nach Jahrzehnten noch fremdbestimmt von den Spätfolgen eines Bürgerkriegs ist.

Auf Erden sind wir kurz grandios erschien 2019 bei Hanser.

Kleines Denkmal des Egalen

Gregor über Das Leben ist eins der Härtesten von Giulia Becker

Wer sind eigentlich die Leute, die die Bestenlisten beim Online-Kniffel anführen? Oder die, die nachts dem Teleshopping erliegen, bis ihre Wohnungen in unnützen Gegenständen versinken? Deren sozialer Anker Selbsthilfegruppen für aus Eigenverschulden in Not Geratene sind? Oder die, deren größter Lebenstraum ein Besuch im Tropical Island ist? Jedenfalls allesamt Personengruppen, denen viel zu selten Bücher gewidmet werden, da im Grunde alles, was ihnen passiert, den meisten Autor٭innen und ihren Leser٭innen völlig egal sein kann. Giulia Becker macht es trotzdem. Das Beeindruckende: Nicht nur die Charaktere von Das Leben ist eins der Härtesten, auch die Handlung ist fast schon obszön irrelevant. Eine Herausforderung, die die Autorin spielerisch annimmt. Ohne Ende schöpft sie erzählerisches Potenzial aus Detailbeschreibungen der verschrobenen Empfindungen und Lebensstilen ihrer Protagonist٭innen. Ihrem Glauben, Wollen und Hoffen werden ungekannt viel Wohlwollen und Aufmerksamkeit geschenkt. Man will aufschreien und wegsehen, liest aber einfach immer weiter. Auch wenn die Handlung so undramatisch verpuffen mag wie von Anfang an vermutet, ist durch Das Leben ist eins der Härtesten viel gewonnen – nicht zuletzt ein besseres Verständnis für Lebensweisen außerhalb der eigenen Filterblase.

Das Leben ist eins der Härtesten erschien 2019 bei Rowohlt.

Ungeheure Erinnerungskultur

Dominik über Monster von Yishai Sarid

Menschen lieben Monster. Sie erzeugen wohliges Schaudern in Geschichten, bevölkern als personifizierte Verdrängungen des Unterbewussten die Romane von Stephen King. Und das Beste ist: Nach dem kathartischen Erlebnis eines Kinobesuchs oder eines Lektüreerlebnisses lässt man sie wieder in die Dunkelheit verschwinden, aus der sie gekommen sind. Das Monster aus Yishai Sarids Roman hingegen ist real, es verschwindet auch nicht – denn wir alle haben es heraufbeschworen.

Auslöser der kurzen Erzählung ist eine Art Verzweiflungstat. Mit einem Faustschlag streckt der Ich-Erzähler, ein erfahrener Tourguide, der regelmäßig Exkursionen in ehemaligen NS-Vernichtungslagern leitet, einen Dokumentarfilmer nieder. Wie konnte es soweit kommen? Rückblickend erklärt sich der Historiker seinem Chef, dem Direktor der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, und erläutert ihm und den Leser٭innen, welche Erfahrungen er mit Menschen gemacht hat, die Gedenkstätten des Holocaust besuchen. Das Bild, welches der Ich-Erzähler von den Menschen im Angesicht des nackten Grauens zeichnet, ihre egozentrischen Rückschlüsse aus dem Erlebnis mit dem radikal Bösen, sie sind der eigentliche Faustschlag und das Erschütternde dieses zutiefst verstörenden Lektüreerlebnisses.

Quelle: Instagram

Sicherlich, die eingefahrenen Muster der Erinnerungskultur, ihr Erstarren im Zeremoniell, all das ist ein auch in Deutschland seit langem bekanntes Problem – man denke nur an Shahak Shapiras Yolocaust-Aktion von 2017. Doch wie drastisch die Entfremdung zwischen den Intentionen offiziellen Gedenkens und der Wirkung auf alle Romanfiguren hat, rückt die Dringlichkeit der Revision des Gedenkens an die Shoa eindringlich vor Augen: Da ist zuerst einmal der Ich-Erzähler, ein relativ junger Historiker, kein akademisches Genie und auch eher ambitionslos, der eher durch Zufall an sein Fachgebiet Holocaust Studies gerät. Mehr und mehr wird er jedoch in den Bann des Monsters gezogen, das der Erzählung ihren Titel gibt und dem er vor allem deshalb nicht entrinnen kann, weil er sich einem janusköpfigen Ungeheuer stellen muss: So gelingt es ihm immer weniger, sich von den Schicksalen der Opfer des Menschheitsverbrechens emotional zu distanzieren – zugleich entfremdet er sich zunehmend von den Menschen, die er durch die Stätten des Verbrechens führt und die bestenfalls mit Indifferenz  reagieren. Und so sind es vor allem die Lebenden, die das Grauen des Monsters erzeugen, von ignoranten Jugendlichen in ihrem vom „Handyflimmern erfüllten Denken“ selbst im Angesicht der Krematorien bis hin zum realitäts- und inhaltsleeren Formeln staatlicher Institutionen – „Hoffnung einflößen statt Verzweiflung“.

Sarids Erinnerungsdystopie ist essayistisch gehalten, provokant, thesenhaft und finster, aber er ist keinesfalls zynisch. Die Zeitzeugen sterben, das gesamtgesellschaftliche Bewusstsein und auch Wissen über den Holocaust schwindet. Der Holocaust als negativer Gründungsmythos der Bundesrepublik und das aus ihm erwachsende Postulat des „Nie Wieder“ verliert seine identitätsstiftende Wirkung zunehmend durch seine Aushöhlung. Eine Antwort hierauf gibt der Roman nicht, denn auch wird deutlich, dass die Erinnerung der Opfer und der Täter niemals dieselbe ist und damit auch das Gedenken niemals ein Gemeinsames sein kann. Der Faustschlag am Ende des Romans zumindest, er trifft nicht nur das Gesicht des deutschen Dokumentarfilmers und verdeutlicht die Aktualität und die Verzweiflung und die Wut, die die offene Wunde der Shoah nach wie vor bewirkt – wer da noch vom „Schuldkult“ und einer „erkinnerungskulturellen Wende um 180 Grad“ redet, macht sich selbst zum Teil des Monsters.

Monster erschien 2019 bei Kein & Aber.

 

Quellen Titelbild: Cover „Milchzähne“ © Blumenbar/Aufbau Verlag, Cover „Serotonin“ © DuMont,Cover „Frau im Dunkeln“ © Suhrkamp Verlag, Cover „Eure Heimat ist unser Albtraum“ © Ullstein Verlag,Cover „Befreit“ © KiWi Verlag, Cover „Das Licht“ © Carl Hanser Verlag, Cover „So sterben wir“ © Piper Verlag, Cover „Monster“ © Kein & Aber, Cover „Das Leben ist eins der Härtesten“ © Rowohlt Verlag, Cover „Auf Erden sind wir kurz grandios“ © Carl Hanser Verlag

Was nehmen wir mit von 2017? Eine postmondäne Leseliste

Ein Jahr geht vorüber. Eines der seltsamen Männer (und Frauen). Eines, in dem zahlreiche belanglose, aber auch wichtige Romane und Sachbücher erschienen. Alte wurden wieder aktuell. Wir haben uns zusammengesetzt und nachgedacht, welche Bücher uns in diesem Jahr besonders beschäftigt haben. Der Weg nach 2018 führt über warmen Schaumwein, Portraits ostdeutscher Provinz, Identitätssuchende, Gaukler, Zauberer und revolutionäre Dichter zu Kryptowährungen und Hundeexperimenten.

von Lennart Colmer, Katharina van Dülmen, Nicholas Babakitis, Martin Kulik, Lukas Lehning, Dirk Sorge, Gregor van Dülmen, Florence Wilken und Dominik Gerwens

Liebesglück im digitalen Zeitalter

Lennart über Heinz Strunks Jürgen

Dieses Jahr war ein Jahr der seltsamen Männer. Die seltsamsten unter ihnen bekleiden hohe Ämter in der Politik oder in der Unterhaltungsindustrie. Aber es gibt auch diese anderen seltsamen Männer, die kleinen Männer des Alltags, diese Typen der letzten Generation urwüchsiger Namen wie Bernd oder Heinz. Letzterer zum Beispiel beglückte Liebhaber der kauzigen Literatur in diesem Jahr passenderweise mit Jürgen.

Die Unbedarftheit dieses Romans matcht sich mit den Herausforderungen des Lebens, die im Alltag manchmal zu kurz kommen. Der gleichnamige Antiheld des Romans besticht den Leser mit einer Mischung aus Geschmacklosigkeit und Sympathie: Wer hat es schon einfach im reifen, mittleren Alter, dazu mit einer pflegebedürftigen Mutter in der Wohnung und einem Job als Parkwächter, während die Liebe des Lebens dort draußen warten könnte?

Jürgen greift die Verquickung von Lovestory und Roadmovie auf, um sie auf ein Level zu bringen, das man von Heinz Strunk durchaus erwarten kann. Trocken und sensibel zugleich nimmt er den Leser mit auf Jürgens Reise nach dem Liebesglück, das im digitalen Zeitalter überall zu finden sein könnte. Zum Beispiel in Polen. Hart an Geschlechterklischees vorbeischrappend, merkt man, dass es sich hier um „arme Willis“ handelt, die eine Schulter zum Anlehnen suchen (die nicht von Mutti stammt). Prickelnd wie ein nicht mehr ganz eisgekühlter Schaumwein und herzerwärmend wie Omas selbstgestrickte Socken!

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Zauberer ist nicht gleich Zauberer

Katharina über Sten Nadolny – Das Glück des Zauberers

„Literarisch belanglos“, „eine große Enttäuschung“, „ermüdend“ – bei den Rezensionen zu Das Glück des Zauberers muss Bestseller-Autor Sten Nadolny einiges einstecken. Zu unrecht? Ja! Denn wenn der Deutschlandfunk den Briefroman mit Harry Potter vergleicht, dann wurde eindeutig die falsche Lesart gewählt und aufgrund falscher Erwartungen kritisiert. Pahroc behauptet zwar ein Zauberer zu sein – ein Meisterzauberer sogar – mit Harry Potter hat er aber wenig gemein. Im Alter von über 100 Jahren schreibt er seiner Enkelin zwölf Briefe über sein ereignisreiches Leben von 1905 bis 2017. In kindgerechter Sprache schildert er das Weltgeschehen und erklärt, wie es von jenen erlebt wird, die durch Wände gehen, einen langen Arm machen oder fliegen können. Die Zauberer besitzen Fähigkeiten, die sich in den Kriegsjahren als Überlebenshilfe erweisen. In die Geschichte eingreifen und so den Schrecken abwenden, können sie aber nicht. Es bleibt also alles, wie es war. Und das wird dem ehemaligen Geschichtslehrer Sten Nadolny vorgeworfen: Er würde nur Altbekanntes erzählen. Natürlich erfindet er das 20. Jahrhundert nicht neu, macht es jedoch aus ungewöhnlicher Perspektive erfahrbar. Denn folgt man den versteckten Hinweisen dorthin, wo Pahroc „nur“ ein warmherziger Außenseiter ist, der nicht mithilfe von Übersinnlichem, sondern durch menschliches Handeln und Flucht in die Phantasie die Kriege verkraftet, bleibt eine Frage: Bis wann können und müssen Einzelne ins Geschehen eingreifen, um Schreckliches rechtzeitig abzuwenden?

Blockchain und Bitcoin unkryptisch erklärt

Nicholas über David Golumbia – The Politics of Bitcoin. Software as Right-Wing Extremism

Bitcoin, eines der „Buzzwords“ des Jahres 2017, ist eine Kryptowährung, die im letzten Jahr vielfach diskutiert wurde, aber trotzdem für einen Großteil der Menschen eine rätselhafte Entwicklung der digitalen Wirtschaft bleibt. Während ich diese kurze Rezension schreibe, stürzt der Bitcoin-Kurs und seine loyalen Anhänger und Investoren werden nicht müde in einer verzweifelten Panik ihre Thesen und Obsessionen mit einer Währung zu verteidigen, die bereits aufgrund ihrer Konstruktion deflationäre Tendenzen zeigt, entgegen des Glaubens ihrer Anhänger Fiatgeld entspricht und sich gerade mehr wie eine Handelsware als reines tauschbares Geld verhält.

In seiner kurzen Auseinandersetzung analysiert David Golumbia Bitcoin, ohne sich utopischen Illusionen und kontroversen Wirtschaftstheorien hinzugeben, und stellt klar verständlich dar, wie Bitcoin und „Blockchain“-Technologie funktionieren. Neben dieser Darstellung von Bitcoin behandelt Golumbia die Beziehung der Kryptowährung zur rechtsradikalen Politik und den damit ideologisch zusammenhängenden Ideen zur Marktwirtschaft, Zentralbank, Inflation, zu verschiedenen Verschwörungstheorien und dem Mythos des Goldstandards der Österreichischen Schule.

Auf 80 Seiten liefert Golumbia ein Grundverständnis der Technologie, Politik und Wirtschaftstheorie des Bitcoins, und verschafft einen Einblick in die Probleme, die mit seinem Hype einhergehen und den Bitcoin aktuell betreffen. Um eine kritische Perspektive auf Bitcoins oder Kryptowährungen allgemein zu erfahren, ohne sich dem übereifrigen Fetischismus der Tech-Industrie hinzugeben, gilt Golumbias The Politics of Bitcoin als meine Empfehlung des Jahres 2017.

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Aussergewöhnliches Debüt

Martin zu Ausser sich von Sasha Marianna Salzmann

„Wer bin ich?“, das ist eine Frage, die in der Literatur öfter mal gestellt wird. Das große Thema der Identitätssuche wurde mit Sasha Marianna Salzmanns Debütroman nicht neu erfunden. Ausser sich erzählt von der Sehnsucht nach Grenzüberschreitung, dem Bruch mit Konventionen und der Suche nach den eigenen Wurzeln. Doch am Ende fasziniert das Buch vor allem sprachlich. Die Prosa des Romans ist verschachtelt, lebendig und wild – verworrene Sinneseindrücke durchbrechen immer wieder Wahrnehmungen der Hauptfigur, die Zeitwahrnehmung wird verzerrt, Halluzinationen vermischen sich mit Realität, Erinnerungen mit Wahnvorstellungen. Eine fordernde Lektüre, die sich lohnt.

Gesellschaft unterm Brennglas

Lukas über Unterleuten von Juli Zeh

In Ihrem über sechshundert Seiten starken Gesellschaftsroman Unterleuten erschafft Juli Zeh eine beeindruckend detailreiche kleine Welt. In einem fiktiven Dorf in der Nähe von Berlin lässt sie verschiedenste Charaktere miteinander agieren. Alteingesessene Dorfbewohner treffen auf zugezogene Großstädter. In der Vergangenheit verhaftete Ostdeutsche auf junge Weltverbesserer aus dem Westen und über allem schwebt die übermäßige Vergangenheit, eine alte nur teilweise beigelegte Dorffede.

Am Beispiel des Dorfes, in dem jeder mit jedem verknüpft zu sein scheint, entwickelt Juli Zeh eine kluge Analyse verschiedener gesellschaftlicher Konflikte. Tradition gegen Moderne, Unternehmertum gegen Naturschutz, Ost- gegen Westdeutschland und Stadt- gegen Landleben. Derdie Leserin wird zur Beobachterin verschiedener Personen die jeder mit ihrer eigenen Biografie dazu beitragen eine krimihaft spannende Geschichte zu entfalten, die es ermöglicht, sich fast beiläufig mit den unüberwindbaren Gegensätzen, die hier aufeinander prallen, zu beschäftigen.

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Die ewige Übergangsgesellschaft

Dirk über Simple Storys von Ingo Schulze

Seit der Erstveröffentlichung von Ingo Schulzes Roman Simple Storys sind knapp 20 Jahre ins wiedervereinigte Land gegangen. Der Roman wurde 2015 bereits zum zehnten Mal neu aufgelegt und er ist heute noch lesenswert, denn er handelt von einer „Übergangsgesellschaft“, die noch immer nicht ganz übergegangen ist.

Schulze erzählt in 29 kurzen Geschichten von der Unruhe nach der Wende Anfang der 1990er Jahre in der „ostdeutschen Provinz“, in der thüringischen Kleinstadt Altenburg. Ohne Sentimentalität und Ostalgie beschreibt Schulze sehr kühl, welche Risse in Biografien entstehen, wenn ein politisches System abrupt endet und mit einem anderen vereinigt werden soll. Die Protagonistinnen in Schulzes Geschichten sind müde Taxifahrerinnen, frustrierte Journalisteninnen, ehemalige parteitreue Lehrerinnen und hasenfüßige Politiker*innen. Sie werden angetrieben von Erwartungen und Ängsten, wurschteln sich irgendwie durch, müssen sich neu orientieren oder resignieren. Drohende Arbeitslosigkeit, schlechte Infrastruktur und eine unaufgearbeitete Vergangenheit prägen ihren Alltag.

Altenburgs Einwohnerzahl ist seit der Wende von 50.000 auf 32.000 gesunken. Die absolute Zahl der über 65-Jährigen hat im gleichen Zeitraum zugenommen. Wer es kann, sucht sein Glück woanders. Es handelt sich um eine abgehängte Region. Viele Phänomene, die Schulze beschreibt, betreffen jedoch nicht nur die ostdeutsche Provinz. Es gibt westdeutsche Provinzen, in denen es ebenso trostlos aussieht. Und auch sogenannte Metropolen haben immer mehr Mühe, ihren provinziellen Charakter zu verstecken. Dadurch ist das Buch heute noch aktuell.

Kehlmanns Krieg und Frieden

Gregor zu Tyll von Daniel Kehlmann

Während zahlreiche Neuerscheinungen des Jahres sich noch mit dem 500. Jahrestag der Reformation aufhalten, betrachtet Daniel Kehlmanns jüngster Roman schon deren Spätfolgen: den Dreißigjährigen Krieg. Kehlmanns Erzählung richtet ungewöhnliche Perspektiven auf das Leben dieser Zeit, die die Konflikte und Dimensionen des Kriegs ausleuchten und einem recht eleganten roten Faden folgen. Der Autor bedient sich des Kunstgriffs, die folkloristische Figur Till Eulenspiegel, bzw. Tyll Ulenspiegel, wiederzuerwecken – ein Kunstgriff insofern, alsdass der historische Tyll Ulenspiegel, wenn überhaupt, einige Jahrhunderte früher gelebt haben muss. Der Schriftstellertrick des verbindenden Elements ist jedoch glücklich. Kehlmanns Tyll kommt aus einer Müllerfamilie, lernt das Dorfleben mit allen Verspanntheiten kennen, nutzt seine Erfahrungen des ständischen Lebens als fahrender Gaukler, gewinnt einen Überblick über die Lande, dient als Soldat, lebt als Mönch, leistet seiner Berufung als Hofnarr Folge. Seine Späße entblößen und erforschen die mutmaßlichen Horizonte der Personen, denen er begegnet, was das Buch eben auch so reizvoll macht.

Daniel Kehlmann hält sich nicht mit detailgetreuen Rekonstruktionen der Lebensweisen auf, umkreist auch Tyll Ulenspiegels Kunstbiographie nur grob und holt zu einer breiten Gesellschaftskritik aus. Immer wieder nimmt er mit den Perspektiven verschiedenster Protagonisten auch ihre Weltbilder ein: Menschen, die ihr Dorf als den Umfang der relevanten Welt erleben, Adlige, die Konfessionen und Kronen aus Opportunismus wechseln, Philosophen, die als Hexer hingerichtet und Drachenforscher, die als Gelehrte verehrt werden – und ein Krieg, der mitten hindurch tobt. Schlicht: eine nicht allzu ferne Gesellschaft, von der wir nur ein paar Generationen und Ideen entfernt sind.

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Was macht den Menschen zum Hund?

Florence über Michail Bulgakows neuübersetzten Roman Das hündische Herz. Eine fürchterliche Geschichte

Ende jeden Jahres erzählen wir uns die Geschichte einer heiligen Geburt. Eine Jungfrau bringt einen kleinen Menschen zur Welt, der später Begründer einer Religion wird. Auch in Bulgakows Frühwerk Das hündische Herz (dritte Fassung 1929-1940) wird etwas geboren, gibt es einen Schöpfungsakt. Auch hier passiert ein Wunder, dessen Konsequenzen für die Beteiligten nicht abzusehen sind. Allerdings endet alles doch ganz anders. Der Stall ist ein Operationssaal in einer Moskauer Wohnung der 1920er Jahre. Die Zeugen des Spektakels sind nicht Schafe und Hirten, sondern das Hausmädchen und zwei Ärzte. Der Professor Filipp Filippowitsch Preobraschenski ist Spezialist für Eugenik. Am 23.12.1924 transplantiert er zusammen mit seinem Assistenzarzt dem Straßenhund Lumpi menschliche Hoden und eine menschliche Hypophyse. Der Hund verwandelt sich allmählich in einen Menschen, der jedoch im ständigen Konflikt mit seinen Schöpfern steht. „Hundeglückspilz“ kann sich Lumpi schon bald nicht mehr nennen. Als dieser auch noch mit den Bolschewiki sympathisiert, muss der Professor einsehen, dass er sein Experiment nicht mehr unter Kontrolle hat.

Bulgakow gesellt sich mit seiner fantastisch skurrilen Erzählung zu Autoren wie Mary Shelley oder Nikolai Gogol. Kurzweilig, aber nicht schwarz oder weiß, alle Charaktere erzeugen mal Mitleid mal Ablehnung beim Leser. Die Spannung zwischen der ungezügelten Neugier des Wissenschaftlers und dem gesunden Menschenverstand und die dokumentarischen Anspielungen auf Personen zu dieser Zeit machen aus dieser Geschichte nicht nur eine bissige und blutige Gesellschaftskritik, sondern richtet auch einen philosophischen Blick auf die Frage, was den Menschen zum Menschen bzw. den Menschen zum Hund macht – oder war es umgekehrt?

Die Traumwelt des sozialistischen Märchenfürsten

Dominik zu Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen von Volker Weidermann

Deutschland im November 1918: In München bricht die Revolution aus. Ausgerechnet ein Dichter und Theaterkritiker setzt sich an ihre Spitze – und wird später selbst zum Opfer der Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Woher rührt die aktuelle Begeisterung für geschichtliche Stoffe und vor allem historische Biographien? Es reicht ein Blick auf die Spiegel-Bestsellerliste Belletristik: Auch im zurückliegenden Jahr hatte der historische Roman Hochkonjunktur. Bereits der Vorgängerroman Weidermanns, Ostende, hatte sich mit dem Spannungsfeld von Zeitgeschehen und Literatur beschäftigt und die „Geschichte einer Freundschaft“ zwischen Stefan Zweig und Joseph Roth rekonstruiert.

Auch Weidermanns neues Buch ist hauptsächlich von Dichtern bevölkert, und so prallen die Wahrnehmungswelten von Thomas Mann, Oskar Maria Graf und Rilke mit auf die harte Realität der Revolutionswirren. Träumer offenbart die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit oft sehr präzise, wenn schlaglichthaft die Gedankenwelten der Protagonisten und ihrer Irrungen – dies gilt insbesondere für Thomas Mann – beleuchtet werden. Hierbei erzählt der Roman dermaßen souverän und elegant, dass der Übergang zwischen collagierten Primärquellen und Fiktionalisierung geradezu fließend erscheint. Die Erzählinstanz unterlässt es bewusst, die Aussagen zu kommentieren oder zu ausführlich in den historisch-ereignisgeschichtlichen Rahmen der Nachkriegszeit einzuordnen.

So sucht das Buch auch keine eindeutige Antwort zu finden, etwa auf die Frage, ob die Münchener Räterepublik von vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen ist – es fühlt sich eher in die Stimmungen und Haltungen ein, als die vielen subjektiven Wahrheiten zu beurteilen. Und vielleicht liegt hierin auch die Faszination, die historische Stoffe ausüben. So fraglich es ist, ob man wirklich aus der Geschichte für die Gegenwart lernen kann, so unzweifelhaft ist doch das Bedürfnis, sich in der Vergangenheit zu spiegeln und die Erfahrungen der Zeitgenossen mit den Problemen der Gegenwart zu parallelisieren.

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Titelbild: Cover: „Tyll“ © Rowohlt Verlag, Cover: „The Politics of Bitcoin. Software as Right-Wing Extremism“ © University of Minnesota Press, Cover: „Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen“ © Verlag Kiepenheuer & Witsch, Cover: „Das hündische Herz“ © dtv Verlagsgesellschaft, Cover: „Ausser sich“ © „Suhrkamp“, Cover: „Jürgen“ © Rowohlt Verlag, Cover: „Simple Storys“ © Berlin Verlag, Cover: „Das Glück des Zauberers“ © Piper Verlag.

Was nehmen wir mit von 2016? Eine postmondäne Leseliste

Bevor auch wir im Jahr 2017 ankommen, haben wir uns einmal zusammengesetzt und darüber nachgedacht, welche Bücher uns das letzte Jahr über beschäftigt haben. Immerhin hat 2016 ja eine vielseitige Literaturlandschaft hinterlassen. Andererseits spielte die Geschichte auch älteren Werken ungeahnte Aktualität zu. Anbei also ein paar persönliche Leseempfehlungen fürs neue Jahr aus der postmondän-Redaktion. Übrigens ohne Verkaufs-Links.

von Martin Kulik, Lenn Colmer, Dirk Sorge, Moritz Bouws, Katharina van Dülmen, Gregor van Dülmen und Dominik Gerwens


Morgen mehr Sprache, Mut und Zauberei

Martin zu …
„Morgen mehr“ von Tilman Rammstedt

Tilman Rammstedt hat experimentiert. Über mehrere Monate hat er einen Fortsetzungsroman geschrieben, bei dem sich die geneigten Abonnenten jeden Tag auf einige Seiten bester rammstedtscher Prosa freuen konnten. Während man sich am Anfang des Projektes noch fragte: „Packt der Tilman das denn überhaupt, jeden Tag was Neues?“, war bald klar: Wenn jemand einen solch chaotischen Ritt durch ein Buch wagen kann, dann definitiv Tilman Rammstedt. Am Ende ist ein liebevoller Roman voller Fantasie entstanden, der nach jedem Leseabend nur eine Frage offenlässt „Morgen mehr?“ – bitte, Herr Rammstedt?

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„Fallensteller“ von Saša Stanišić

„Auf so einen bist du nie vorbereitet, mit seinem Gepäck voll Allerlei: Sprache, Mut und Zauberei“, das ist der letzte Satz der Erzählung Fallensteller, die dem Erzählband von Saša Stanišić seinen Namen stiftet. Dieses Zitat kann durchaus als Sinnspruch für das Erleben dieses eindrucksvollen Werkes gelten – Stanišić erschafft in seinen Geschichten eine literarische Spiegelwelt voller Seltsamkeiten, Anlässen zum Wundern und Staunen. Sein unberechenbarer Stil ist dabei ein Abbild seiner eigenen Biographie – voller Unwegsamkeiten, Brüchen und einer melancholisch angehauchten Heiterkeit.

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Cover: „Morgen mehr“ © Hanser Literaturverlage,
Cover: „Fallensteller“ © Luchterhand

Handschuhe, Verfolgung, Hools und das Politikum Ernährung

Lenn zu …
„Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk

Lakonisch zeichnet Strunk seine Version des damals realen Vielfachmörders Fritz „Fiete“ Honka. Geballte menschliche Abgründe treffen sich im Siff der Hamburger Absteige Der goldene Handschuh und enden vereinzelt in der mit Klosteinen gespickten Wohnung Honkas. Die auf 10 Seiten ausführlich beschriebene Hafenrundfahrt lässt Protagonist und Leser vorübergehend befreit durchatmen und doch ist man irgendwie froh, wenn man das Buch zur Seite legen kann. Bis der lang anhaltende Schmiersuff verflogen ist, vergehen immerhin noch ein paar Tage.

„Hier sitzen welche, die erst lachen, wenn Blut fließt, und wer lacht nicht gern.“

Heinz Strunk – Der goldene Handschuh

„Hart auf hart“ von T.C. Boyle

Typisch, dass es sich auch bei diesem Boyle-Roman um keine Schönwettergeschichte handelt. Eingebettet in einem Nationalpark der USA kreuzen und streifen sich drei Erzählstränge, die mit komplexen und doch einfach gestrickten Persönlichkeiten verknüpft sind. Jede beschleunigt mit ihrer je eigenen paranoiden Sicht den Leseflussabwärts – spannend, rasant, widerspenstig.

„Hool“ von Philipp Winkler

Man kann förmlich die überfüllten Aschenbecher und den Ranz schalen Alkohols beim Lesen schmecken wie in Strunks Der goldene Handschuh, doch Winklers Quasi-Coming-of-Age-Roman erzählt eine ganz andere Geschichte. Nicht minder von Gewalt und Frustration geprägt stellt sich die Welt des Protagonisten Heiko Kolbe dar, der nicht einsehen will, dass die besten Jahre seiner Hooligan-Clique angelaufen sind. Eine konsequent erzählte Geschichte.

„Die Vegetarierin“ von Han Kang

Die durch und durch graue Maus Yong-Hye verzichtet auf tierische Produkte und beeinflusst mit ihrer Entscheidung das Familienleben. Klingt erstmal ziemlich berechenbar, aber der Schein trügt. Neben dem südkoreanischen, traditionellen Familienmodell wird das desaströse wie faszinierende Innenleben von Yong-Hye zum strudelähnlichen Mittelpunkt der neurotischen Geschichte. Einerseits ist sie leicht zu lesen, enthält andererseits mehr Fleisch als so manch einer ertragen kann.

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Han Kang, © Baek Dahum

Wissen am Ende der Wahrheit?

Dirk zu „Verschwörungstheorien: Eine philosophische Kritik der Unvernunft“ von Karl Hepfer

Obwohl dieses Buch schon 2015 erschien, ist es für 2016 (und 2017?) mindestens genauso aktuell, denn die Themen Lügenpresse, Postfaktizität und Verschwörungstheorien hängen eng miteinander zusammen. Karl Hepfer schreibt in gut verdaulicher Sprache über die Struktur von Verschwörungstheorien und ihre erkenntnistheoretischen Besonderheiten und Probleme. Durch die Lektüre wird verständlich, warum Anhänger einer Verschwörungstheorie argumentativ kaum von ihrer Überzeugung abgebracht werden können und warum es so schwierig ist, echte Verschwörungen von fiktiven zu unterscheiden. Zum Glück ist es kein akademisches Buch – denn dafür ist das Thema zu wichtig!

Mehr zum Postfaktischen bei postmondän:

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Kosmopolitisches Flanieren in NYC

Moritz zu „Open City“ von Teju Cole

Während heutzutage, sehen wir es mal durch die diesjährigen Wahlergebnisse bestätigt, der Okzident mancherorts um seine vermeintliche Monokultur fürchtet, gelang dem nigerianisch-amerikanischen Schriftsteller Teju Cole bereits 2011 mit der Veröffentlichung seines Flaneur-Romans ein Plädoyer für Diversität – ohne dabei die Problematik der Suche nach Identität im großstädtischen Dickicht und ideologischer Kollektive auszusparen. Protagonist ist der junge Psychiater Julius, der seine Freizeit nutzt, um durch die endlose Zivilisation New York Citys zu streifen und somit ein Portrait des urbanen Amerikas kurz vor Obamas erster Wahl zeichnet. Die skizzierten Charaktere, denen Julius begegnet, spiegeln sowohl in positiver als auch negativer Hinsicht die verschiedensten Daseinsweisen im ethnischen, gebildeten, ökonomischen sowie biographischen Kontext wider. Nicht selten werden die Leser٭innen mit universellen Stereotypen konfrontiert, die denkwürdig erscheinen. Im Mittelpunkt steht jedoch die sukzessive Offenbarung des Protagonisten, der sich vom naiven Beobachter zu einer selbstreflektierenden Figur wandelt, die sich aufgrund ihrer schwer zu definierenden Herkunft mehr und mehr in der Bodenlosigkeit verliert. Ein Stück, das zwar auf melancholische Weise, aber mit Weitsicht einen gegenwartsnahen Abriss des urbanisierten Weltbürgertums präsentiert und dabei zugleich als intimer Reiseführer durch die einflussreichste Metropole fungiert.

Kindheit – der unsichtbare Feind?

Katharina zu „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells

Wer früh seine Eltern verliert, kämpft ein Leben lang: nicht nur mit der Trauer, sondern auch gegen die Angst vorm Verlassenwerden und vorm Alleinsein selbst. So auch Jules, der Protagonist in Benedict Wells „Vom Ende der Einsamkeit“, seine Schwester Liz und sein Bruder Marty. Und wenn jede٭r mit der Angst und der Trauer auf seine٭ihre Weisen umgeht und da kein Platz ist für die Trauer und die Angst eines٭einer anderen? Dann bleibt die Einsamkeit. Um ihr zu entkommen, flüchtet sich Jules in seine Träumerei; Liz tröstet sich mit Sex und Drogen; Marty verschanzt sich in seiner Computerwelt. Trotzdem finden die Geschwister, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten, immer wieder irgendwie zusammen. Und auch andere scheinen die Traurigkeit in die Flucht schlagen zu können – wie Jules‘ Schulfreundin Alva. Aber immer wenn es aussieht, als sei das Ende der Einsamkeit gekommen, schlägt das Schicksal wieder zu.

Jules‘ Lebensgeschichte ist nicht linear erzählt. Der Ich-Erzähler puzzelt sie anhand seiner Erinnerungen zusammen. Dabei lesen sich seine Schilderungen fast wie die Beschreibung eines Fotos, das erst einmal nichts mit ihm zu tun hat. Keine großen Gefühlsausbrüche, keine sentimentalen Entladungen – leise bahnt sich die Geschichte ihren Weg. Seine Gefühle, aber auch die Handlungsmotive seiner Mitmenschen hinterfragt der Protagonist selten. Das sind Leerstellen, die der٭die Leser٭in füllen muss und dann mit Empathie zu kämpfen hat. Und ja, das sind die Stellen, an denen man als Leser٭in von seinen٭ihren eigenen Emotionen und nicht von denen der fein gezeichneten Charaktere überwältigt wird.

„Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind, dachte ich. Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.“

Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

 „Wunderkind“ oder „Ausnahmetalent“ wurde Benedict Wells von Kritiker٭innen genannt, wenn es um seine Romane „Spinner“, „Becks letzter Sommer“ oder „Fast genial“ ging. Bei „Vom Ende der Einsamkeit“ sprechen sie bereits vom Meisterwerk des 32-Jährigen und belohnt wurde dieses noch 2016 mit dem Literaturpreis der Europäischen Union.

Benedict Wells Vom Ende der Einsamkeit Rezension

Benedict Wells, © Bogenberger / autorenfotos

Verstörendes vom Rockstar-Literaten

Gregor zu „Die Toten“ von Christian Kracht

Kein wirklicher Geheimtipp, da bereits Hermann-Hesse- und Schweizer-Buchpreis-tragend, ist Christian Krachts „Die Toten“. Zwar ordnet sich das Buch durch zahlreiche Querverweise selbst in den Literaturzirkus und Feuilettondebatten ein und machte sich so rasch zum medialen Selbstläufer, besonders zugänglich ist es dennoch nicht. Das wiederum macht es lesenswert. Besonders unbequem ist der Anfang der 1930er Jahre angesiedelte Roman darin, die Lebenswelt seiner beiden zentralen Protagonisten, eines Schweizer Filmemachers hier, eines japanischen Kulturbeamten da, auch ästhetisch nachzuzeichnen. Beide bewegen sich persönlich wie künstlerisch im Anbruch von Nationalsozialismus und Faschismus zwischen den ästhetischen Vorlieben Japans und Deutschlands, die sie zu bedienen suchen – nicht zuletzt der beiden Kulturkreisen gemeinsamen Faszination für das Tote. Doch nicht nur ihre Handlungen, auch die Ästhetik des Buchs selbst folgt diesen Motiven, was den٭die Leser٭in oftmals wohlwollend zynisch ausbuchstabiert gegen die Wand schleudert.

„Das Leiden des Offiziers in dem Film war gleichzeitig verzückt und unerträglich, eine Transfiguration des Schreckens zu etwas Höherem, Göttlichem – die Deutschen würden das doch gut verstehen in ihrer makellosen Todessehnsucht.“

Christian Kracht – Die Toten

Der Roman verstört wiederum nicht nur sprachlich, sondern schon in seiner Form. In drei Teilen zwingt er zunächst ein aufs Brutalste verlangsamtes Erzähltempo auf, das den biografischen und historischen Rahmen seiner Haupthandelnden detailreich einholt, bevor der Romanplot sie unumschweiflich aufeinanderprallen und interagieren lässt und im letzten Teil einander eilig entreißt und in knappen Shortcuts weiterverfolgt. Dass Kracht dabei genialerweise der Dramaturgie des dreiaktigen japanischen No-Theaters folgt, lässt sich für Unkundige bloß durch eine kurze Erwähnung desselben im Text erahnen. Und dass „Die Toten“ trotz aller Verstörungsdimensionen keinen Absatz lang versäumt, seine Leser٭innen zu unterhalten, rundet den Lesegenuss erst ab und lässt einen selbst in der verstörenden Wohligkeit des Morbiden zurück.

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Cover: „Die Toten“ © Kiepenheuer & Witsch,
Cover: „Mario und der Zauberer“ © Fischer Verlage

Wer „Kracht“ sagt, muss auch „Mann“ sagen. Gerade heute

Dominik zu „Mario und der Zauberer“ von Thomas Mann

Christian Krachts in den 1930er Jahren angesiedelter Roman „Die Toten“ weist nicht nur die oft angesprochene sprachliche Nähe zu den Werken Thomas Manns auf. Dessen Novelle „Mario und der Zauberer“ spielt auch noch im gleichen Zeitraum und ist auch aus gegenwärtiger Perspektive ähnlich lesenswert. Denn 2016 war wieder einmal viel Kracht. Zwar entzündete sich an „Die Toten“ nicht ein ähnlicher Literaturskandal wie im Anschluss an die Rezension von Georg Diez zum Vorgänger „Imperium“, diskutiert wurde trotzdem kontrovers, nur ging es dieses Jahr vor allem um die oft als manieriert empfundene Sprache, die aufs eine oder andere Mal in die Nähe Thomas Manns gerückt wurde.

Christian Kracht – ein zynischer Adapteur Thomas Manns?

 

Doch so ratlos der ironisierende Sound des Romans oft Kritikerrunden zurückließ, umso weiterführender ist vielleicht eine andere Parallele zu Thomas Mann: „Die Toten“ zeichnet ein Bild zweier sich faschisierender Gesellschaften an der Schwelle zum Totalitarismus in den frühen 1930er Jahren. „Mario und der Zauberer“ setzt zur gleichen Zeit ein, die Handlung spielt sich hingegen in Italien ab, wo Mussolini bereits den Umbau zum Faschismus vollzogen hatte. So lassen sich die Geschehnisse der Novelle als Warnung an jene „heißen“ Gesellschaften an der Schwelle zur Diktatur verstehen, die im Mittelpunkt von Krachts Geschichte stehen.

Recht sachlich berichtet der Ich-Erzähler der Novelle von den „atmosphärisch unangenehm[en]“ Stimmungen und Ereignissen eines Badeurlaubs im italienischen Torre di Venere. Beginnend mit kleineren Unstimmigkeiten, der die Familie des Erzählers ausgesetzt ist über Konfrontationen mit anderen Badegästen über die öffentliche Moral und Sitte, nimmt die Novelle immer weiter Fahrt auf und steigert sich – fast dem Aufbau des klassischen Dramas folgend – vom unangenehmen Sich-nicht-willkommen-Fühlen hin zu offenen und öffentlichen Diskriminierungen. Schon will die Familie abreisen, begeht jedoch einen fatalen Fehler, der zum Wendepunkt ohne Umkehr wird: Ihren bizarren Höhepunkt erfährt die Handlung im Besuch einer Zauberveranstaltung des Zauberers Cavaliere Cipolla, dessen bizarre Show trotz diskriminierender und erniedrigender Psychotricks und Hypnosespielen kein einziger Gast verlässt und die auf einen katastrophalen Schluss hinausläuft.

Auch Mann beherrschte die Pose des Literatur-Dandys

 

Das Publikum also als „Volksgemeinschaft“? Schon klar, man sollte sich immer vor allzu platten und offensichtlichen Analogien hüten. Liest man den Text dennoch bewusst politisch, so denkt kommt schon der Gedanke an Aufstieg der Identitären Bewegung in Europa, insbesondere der Neuen Rechten in der Bundesrepublik auf. Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang die Brüche und Diskontinuitäten in der politischen Biographie des Autors. Denn der frühe Thomas Mann, jener, der 1915 – 1918 die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ geschrieben hatte, lässt sich bedenkenlos ebenjener deutschnationalen Strömung der „Konservativen Revolution“ einordnen, die nicht nur teilweise zu intellektuellen Steigbügelhaltern und Sekundanten der NS-Ideologie werden sollte, sondern auch zum Vorbild neurechter Think Tanks der AfD wie Götz Kubitscheks „Institut für Staatspolitik“ geworden ist; jener Institution in Schnellroda, die Björn Höcke 2015 die Bühne für seine Rede vom „afrikanischen Ausbreitungstyp“ bot.

Man stelle sich einmal vor, Thomas Mann wäre nicht zu Kriegsbeginn ausgemustert worden, sondern im Ersten Weltkrieg gefallen. Statt der Abwendung von den Denkern der Konservativen Revolution und dem Bekenntnis zu Weimar wären die polemischen Äußerungen zum Einmarsch ins neutrale Belgien, die Bejahung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges und die Ansicht, dass niemals „der mechanisch-demokratische Westen bei uns Heimatrecht“ erhalten werde.

Manns Abwendung von den Nationalisten und sein Bekenntnis zur Demokratie erfolgte allerdings bereits 1922. Trotzdem stellt sich die Frage, wie politisch man die Novelle, die Alfred Kantorowicz immerhin als „Gipfelung seiner formalen Kunst“ bezeichnete, denn nun lesen kann. Sicherlich wird man dem Buch nicht gerecht, wenn man es ausschließlich als Parabel über den italienischen Faschismus liest. Der Autor selbst hat sie bisweilen als nahezu autobiographisches Ferienerlebnis dargestellt, bei dem er nur den Schluss umgedichtet habe. Wie stark Erzähltes und Erlebtes nun auch zusammenhängen mögen, das hieraus entstehende Sozialgefüge erweist sich als erschreckend präzise Warnung vor ideologisiertem Denken und Populismus allgemein.

Die Geschichte im Sinne einer Gleichsetzung Cipolla – Mussolini zu verstehen, würde ihr nicht gerecht, sie greift weit darüber hinaus und skizziert berichtend die Sozialdynamik sich totalisierender Gesellschaften. Sie erfährt ihren Reiz und gewiss auch ihre überzeitliche Aktualität, weil sie auch das Verlangen nach geschlossenen und totalen Weltbildern thematisiert. So wird in der Zauberveranstaltung das Verhältnis des Diktators zur gleichermaßen elektrisierten wie paralysierten Masse erfasst. Wie auch immer man das Ende der Novelle, das hier nicht vorweggenommen werden soll, auch interpretiert, so ist doch ein Detail erwähnenswert: Es sind nicht die aufgeklärten, intellektuellen und gebildeten, ja verstehenden, Kreise des Bürgertums – denen ja auch der Ich-Erzähler entstammt –, die dem Spuk des Cavaliere ein Ende machen, sondern der Kellner Mario. Dem Großteil der Zuschauer gelingt es in ihrer Trägheit und Willenlosigkeit nicht, die nur allzu offensichtliche Katastrophe abzuwenden.

Es ist sicherlich kein Anzeichen von Alarmismus, hier Gegenwartsbezüge erkennen zu wollen.


Titelbild: Cover: „Die Toten“ © Kiepenheuer & Witsch, Cover: „Vom Ende der Einsamkeit“ © Diogenes Verlag, Cover: „Mario und der Zauberer“ © Fischer Verlage, Cover: „Fallensteller“ © Luchterhand, Cover: „Verschwörungstheorien“ © transcript Verlag, Cover: „Die Vegetarierin“ © Aufbau Verlag, Cover: „Hool“ © Aufbau Verlag, Cover: „Hart auf hart“ © Hanser Literaturverlage, Cover: „Der goldene Handschuh“ © Rowohlt Verlag, Cover: „Open City“ © Suhrkamp Verlag

FRAKTUS – Das Newcomer-Comeback des Jahrzehnts

Nach vier Jahren sind sie zurück, aber eigentlich auch nach über zwanzig Jahren. Spielt aber nicht so die Rolle, denn FRAKTUS haben weitaus mehr zu bieten als nur sieben Buchstaben.


Dienstag, der 19.01.2016, 20:17 – Die Kesselhalle des Bremer Kulturzentrums Schlachthof ist brechend voll. Schnell ist man Teil eines alternativen Mittdreißiger-Kulturabends geworden – was auch für Mittzwanziger wie mich gilt. Jeder, der hier ist, weiß um den historischen Moment und brodelt voll introvertierter Vorfreude. Doch langsam werden einige Stimmen laut (Dickie Starshine aka Dickie Schubert aka Rocko Schamoni wird sie später als angebliche Hannoveraner enttarnen, die sich unter das moderat feiernde Bremer Publikum gemischt haben). Wo bleiben die Herren der Schöpfung FRAKTUS, die hier und heute Abend ihren großen Tourauftakt geben werden?

Allzu lange Zeit haben sie sich dann doch nicht gelassen. Torsten Bage aka Heinz Strunk, Dickie Schubert und Bernd Wand aka Jacques Palminger betreten in roten Overalls und mit grün leuchtenden Helmen die Bühne und ernten ein großes, erwartungsvolles Hallo. Seit ihrem Film FRAKTUS – das letzte Kapitel der Musikgeschichte (2012) hat sich das in die Jahre gekommene Hamburger bzw. Brunsbütteler Trio in zehntausende anfällige Herzen eingraviert. Hartnäckige Ruhmsucht und unerschütterliche Bodenständigkeit geben sich die Hand; ganz getreu der Mottos „Erfolg ist out“ und „Fraktus sind nicht nur nett, sondern Internet!“ (D. Schubert). Der Opener ist der gleichnamige Song des frisch gebackenen Albums Welcome to the Internet und die verzerrte, dröhnende Stimme Dickie Starshines verkündet verheißungsvoll und nostalgisch zugleich das (leicht modifizierte) Alte Testament der Digital Natives. Wer hat das Internet erfunden? Richtig. Dickie Starshine. Wir ahnten es schon immer.

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Das Eis bricht gleich zu Anfang, als der König des Kabelmodems seinen Text kolossal durcheinanderbringt und das Bremer Publikum damit aus der fast ehrfürchtigen Schockstarre reißt. Das döspaddelige Dreiergespann mit Wumms unterm zukunftsweisenden Fahrradhelm hat seine Hupfdohlen zu Hause gelassen und fährt dafür mit einer multimedialen Show auf, die überschaubar aber wirksam ist. In „Saugetücher“ glänzt Bage durch eine Querflöteneinlage à la Jethro Tull auf Acid, der brachial pulsierende Song „Maler und Lackierer“ ist ton-, licht- und videotechnisch in eine Chucky die Mörderpuppe-Ästhetik getaucht. Und die Jungs von FRAKTUS wären einfach nicht sie selbst, würden sie sich nicht zur Belustigung aller anfangen zu kabbeln. Gründe? Finden sie schon. Dass sie auf sympathische Art und Weise kindisch sind, schützt nicht vor Zweifeln an der Jugendfreigabe. Dickie raucht fast Kette und prostet dem Publikum zu, aus dem stellenweise ein vertrauter harziger Geruch strömt: „Is‘ dir der Saft ausgegangen, muss man Saft nachkippen!“

Ein paar Hits später ist es Zeit für Werbung und die eingefleischten Fans wissen sofort Bescheid. Bernd Wand preist die Bananensäge® jetzt auch als Schlüsselanhänger an, Mr Starshine präsentiert seinen für Raucher ausgebauten Flötel® und überraschenderweise kehrt Torsten Bage die pädagogisch wertvolle Seite der Band hervor: Das smartphonetaugliche Game Smirkey’s Dope House soll Jugendlichen in vier Leveln einen kontrollierten Umgang mit Drogen näherbringen. Die musikalischen Filmstars beweisen nicht nur sicheren Umgang mit interaktiven, digitalen Medien, sondern auch einen einfühlsamen Umgang mit ihrem Publikum. „Nicht erschrecken!“, raunt Bernd „Optiker for life“ Wand schließlich naiv-verschwörerisch ins Mikrofon, „Ich habe eine Bombe mitgebracht.“ Besagte Bombe explodiert untermalt mit „geheimnisvoller Zauberwaldmusik“ tatsächlich – es ist eine Handvoll goldener Lametta, die das Lied „Mary Poppins“ einleitet, welches ohne dieses Intro wahrscheinlich vollkommen untergangen wäre. Dahingegen ließ das stampfende, stark an Kraftwerk erinnernde „Musik aus Strom“ sofort den Schlachthof erbeben. Das an frühe EBM angelehnte, angeblich indizierte Stück „Die Toten schauen dir beim Wichsen zu“ hinterfragt subtil die Privatsphäre beim Eigenliebemachen. Die technoiden Drei geizen letztlich nicht mit Zugaben, die den Abend wohlgeformt abrunden: Der alte, neue Klassiker „Affe sucht Liebe“ lässt die Kesselhalle nochmal schön aufkochen, bevor das versöhnliche, rührende „Freunde sind Friends“ ein elektrisch knisterndes, warmes Gefühl in der Brust eines jeden Konzertbesuchers entfacht. Eine Hommage an FRAKTUS selbst, aber auch an die Freundschaft allgemein. Gut zu wissen, dass Dickie, Bernd und Torsten trotz aller Ungleichheiten und Uneinigkeiten ein stets unzertrennliches Trio sind. Quasi die Drei Amigos der deutschen Elektropop-Szene.

Die Experimentierfreude von FRAKTUS ist nach wie vor grenzenlos und doch bewegt sie sich irgendwie im Rahmen. Die elektronische Sterilität des Albums ist glücklicherweise in analoger Form, also live, nicht zu spüren. Es lohnt sich, die drei „Originals“ im Schweiße ihres professionellen Angesichts zu erleben – das haltlose Rumblödeln am Stimmverzerrer z.B. hat gut und gerne einige Minuten in Anspruch genommen. Die Mitglieder von FRAKTUS sind in erster Linie Unterhalter mit dem Prädikat ‚hervorragend bräsig und besonders gut‘. Auch ohne den Film hätte die Band einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichen können, doch letzten Endes scheint der cineastische Kickstart Voraussetzung für den erreichten Kultstatus gewesen zu sein. Damit wäre FRAKTUS meines Wissens die erste Kombo, die den (verpönten) Musikerfolg über das visuelle Vergnügen erlangt hat. Zu guter Letzt möchte ich mich einfach für das North German Fun Elelctro Event bedanken. Thank you, Fraktus. Ich hoffe, ihr bleibt den freien Kulturgängern und Freunden des gepflegten Trashs noch ein Weilchen erhalten. Und ich erahne bereits die Antwort – sie öffnet als Hologramm Dickie Starshines in epischer Slowmotion die Augen: „Not for that!“