Schlagwort: Hanna Arendt

Momentaufnahme des Antisemitismus

So mancher Dichter und Denker aus dem 19. Jahrhundert scheint verloren zu sein. Zum Glück haben wir Literaturarchäologen wie Martin A. Völker, die die Werke solcher Figuren aufspüren und neu herausgeben. Und was passt besser in unsere Zeit als ein literarischer Hybridtext über das rassistische Phänomen des Antisemitismus?!


In Zeiten, in denen der Rechtsextremismus wieder salonfähig wird, in Zeiten, in denen Religionskritik fast nur noch rassistisch kommuniziert wird, erscheint es umso dringlicher das Phänomen des Antisemitismus zu untersuchen – nicht allein wegen einem impliziten Antisemitismus, der in manchen Teilen der Gesellschaft vorherrscht, sondern auch um Parallelen zum Antiislamismus von nationalistisch-christlicher Seite aufzuzeigen. Schon Hannah Arendt sah den Antisemitismus des 19. Jahrhunderts als eine der entscheidenden Ursprünge und Säulen des Aufstiegs des Totalitarismus. So überrascht es nicht, dass sich auch zahlreiche Schriftsteller und Philosophen im 19. Jahrhundert mit der Thematik Antisemitismus beschäftigt haben. Leider wurden einige dieser Texte später nur noch wenig beachtet.

Martin A. Völker jedoch ist Literaturarchäologe. Er gibt immer wieder scheinbar vergessene Bücher neu heraus. Sein neuester Fund ist Gerhard von Amyntors kurzer Text Eine moderne Abendgesellschaft von 1881, den Völker mit dem Untertitel Plauderei über Antisemitismus betitelt hat. Die Wahl eines Textes von Amyntor drängt sich da auf, da er erstens, heute kaum noch Beachtung und Rezeption findet und gerade er sich immer wieder in Essays und Romanen mit Antisemitismus beschäftigt hat.

Wie der Untertitel schon andeutet, diskutiert eine zeitgenössische Abendgesellschaft über die Rolle der Juden im Deutschen Kaiserreich – und zwar insofern in einer Plauderei, als dass sie sehr assoziativ und sprunghaft verläuft. Im ersten Teil des Textes hat Amyntor nach eigener Aussage wortwörtlich (auch wenn dies zu bezweifeln ist) den Dialog dieses Tischgesprächs auf dramaturgische Weise wiedergegeben, an dem er teilgenommen, sich aber still verhalten hatte. Anonymisierte Protagonisten diskutieren hier, die benannt werden als Licentiat, Alte Jungfer, Arzt, Literat, Maler oder Geheimrat. Begonnen wird mit einer Religionskritik, die sich ein religiös homogenes christliches Reich wünscht, um sich sofort in rassistische Äußerungen zu ergehen über angebliche Nasenformen und die vermeintliche Geldgier von Juden. Immer wieder werden diese Formen von religiösen Antijudaismus und rassistischen Antisemitismus miteinander vermengt und sind schon gegen Mitte des Dialogs nicht mehr differenzierbar. Bis auf den Literaten sprechen sich alle gegen Juden und das Judentum aus, alleine schon des guten Tons wegen oder um ihre Ressentiments gegenseitig zu pflegen. Dies passiert natürlich – was das Ganze sehr realistisch erscheinen lässt – in unterschiedlichen Graden.

Während der Centrumsmann noch etwas gemäßigt wird (schließlich wurden Mitglieder des Zentrums im Bismarckschen Kaiserreich auch noch des internationalen und systemoppositionellen Ultramontanismus bezichtigt, und hatten als politische Minorität somit selbst zu kämpfen), demonstrieren die Alte Jungfer und der Arzt ihren Antisemitismus frei und stolz, beziehungsweise unterstellt Letzterer diesem sogar noch eine historische Rationalität, die sich durch angebliche Ausnahmen wie den gut integrierten Moses Mendelssohn nicht widerlegen ließen. Der sich in der Minderheit befindende Literat ist als ihr Antagonist zwar des Antisemitismus unverdächtig, argumentiert aber weniger für Vielschichtigkeit, sondern meint auf sehr selbstgefällige Weise, dass Juden von Natur aus (also ebenso eine biologische oder zumindest kulturelle Annahme für ein sogenanntes Volk) konservativ seien und ergo bei juridischer und sozialer Gleichheit zur Stabilität des Reiches beitrügen, anstatt gegen die ungerechten Regeln dieses Systems zu rebellieren. Kurz gesagt, mehr als utilitaristisch-konservative Argumente bietet auch der Schriftsteller nicht auf, und kritisiert das Phänomen Antisemitismus auch nicht kategorisch oder systemkritisch.

Man könnte sagen, Amyntor hat dies aus gutem Grunde niedergeschrieben, scheint dies doch ein repräsentatives Gespräch unter der nationalen Bourgeoisie über Juden im 19. Jahrhundert gewesen zu sein. Den Grund, warum er dies niederschrieb, erfährt man jedoch im zweiten Teil, der sich vom dramaturgischen Dialog zu einer autobiographischen Erzählung wandelt. Als sich nämlich die Diskussion nur noch in wilden und chaotischen Rufen entlässt, entfernt sich der Beobachter (Amyntor) mit seiner attraktiven Tischnachbarin, die ihn daraufhin informiert Halbjüdin zu sein, und dementsprechend ihre Angst vor solchen Umtrieben äußert. Sie bittet ihn das Gespräch niederzuschreiben, und er garantiert ihr, kein Antisemit zu sein, sondern sie nach wie vor zu schätzen.

Auf den letzten Seiten wandelt sich der Text erneut zu einer sehr kurzen essayistischen Stellungname Amyntors über den Antisemitismus seiner Zeit, den er etwa als explosive Geschmacklosigkeit und pharisäische Niederträchtigkeit tituliert. Auch scheint er hier ein Theodor W. Adornos und Max Horckheimers Dialektik der Aufklärung zumindest in einem Gedanken zu antizipieren, da er im Antisemitismus eine Verbindung aus Aufklärung und Hexenverfolgung ausmachen will. Dennoch scheint Amyntor die judenfeindlichen Äußerungen Martin Luthers zu relativieren.

An sich handelt es sich hierbei um eine kurze und nicht sonderlich komplexe Momentaufnahme eines rassistischen Phänomens, mit einer teilweise recht oberflächlichen und banalen Beschreibung. Empfehlenswert wird die Neuherausgabe des Büchleins erst durch Völkers angegliederten Essay zu Amyntors Leben und Werk, der jedoch beinahe so lang ist wie der eigentliche literarische Hybridtext. Hier geht es um die partiell elitäre Ästhetik des Dichters, seine Abneigung gegen Emile Zola, woher das Pseudonym Amyntor stammt; daher nämlich, dass dieser Dichter sich als Verteidiger in schwierigen Lagen sieht, und der Name als dessen lateinischer Ursprung fungiert. Auch geht es um seine Auseinandersetzung mit der sozialen Frage und der Judenfrage, und hier stellt er sich sowohl gegen den Sozialdarwinismus als auch den Marxismus und nimmt stattdessen eine Haltung eines sozialreformerischen Konservatismus ein, was höchst paradox erscheint. Jedenfalls gelingt es Völker in einer sehr komprimierten, aber eloquent-sachlichen Manier die wichtigsten Punkte zu beschreiben, die es braucht, um diesen verlorengegangenen Dichter – auch wenn es sich nicht um einen verlorengegangenen Schatz handeln mag – neu zu entdecken, kann dieser doch teilweise einem das Handwerkszeug geben, um den neuen Rechtsextremismus zu bekämpfen.

Titelbild: © Elsinor Verlag