Schlagwort: Globalisierung

Was kostet’s dich, Mensch? – Reiz der Fotografie

Die Frage nach unserer Verortung und Vernetzung in der globalisierten Welt ist allgegenwärtig. Die 56. Biennale in Venedig hatte sich bereits diesem Themenkomplex zugewandt. Damit am Puls der Zeit zu sein, dachte sich auch gute aussichten – Junge Deutsche Fotografie 2015/16, ein nun zwölf Jahre altes Projekt für zeitgenössische Fotografie. Aktuell ist die durch Deutschland und Europa reisende Ausstellung unter dem Motto Quo vadis, Welt? – Reflexion und Utopie in den Hamburger Deichtorhallen im Haus der Photographie zu sehen.


Wer sich mit Kunst beschäftigt, übt sich automatisch in Kompromissbereitschaft und Toleranz. Das, was ich wahrnehme, muss mir nicht gefallen, muss sich nicht mit meinen Interessen oder Ansichten decken. Ich kann es scheiße oder belanglos oder beides finden – über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Solange der Künstler für seine Arbeit eine adäquate Form gefunden hat, die mir seine Sichtweise ermöglichen kann, ohne meine Phantasie dabei einzuschränken, hat er oder sie alles richtig gemacht. Zumindest bleibt es auf diese Art spannend, denn ich kann meine Perspektive wechseln, ohne meine eigene wirklich zu verlassen. Bei aller Lobpreisung der Toleranz durch Kunst: the magic moment lautet Zeitgeist. Wer ihn trifft, hat einfach nur Schwein. Van Gogh ist nur einer von vielen, den man darum bedauert, dass seine Kunst erst nach seinem Tod erfolgreich wurde. Ob er darüber glücklich wäre, heute in jeder zweiten Arztpraxis und in jedem dritten Café zu hängen, wird sich wohl nie klären. Dafür können wir hinterfragen, warum zum Beispiel Jeff Koons vor allem bei den Oligarchen so gut ankommt. Manchmal sind Hype und Zeitgeist nicht zu trennen.

Kommen wir zurück zu den guten Aussichten, die uns das gleichnamige Projekt verspricht. Klingt ein bisschen naiv, wenn man den Titel nicht auf die Gewinner des Wettbewerbs, sondern auf das diesmalige Motto bezieht; diese heitere Betonung wäre andererseits ein Stoß in die Rippen der kritischen Gesellschaftsbeobachter, deren Sorgenfalten auf der Stirn allmählich lächerlich zu wirken scheinen. Ja, die Welt verändert sich, aber das hat sie immer schon getan. Heute haben wir die Möglichkeiten, jederzeit überall zuzusehen und da bleibt ein gepflegter Brainfuck auf Dauer nicht aus.

Die Relevanz des Handwerks

Die Fotografie als künstlerisches Medium hat im Laufe ihrer vergleichsweise kurzen Geschichte viel erlebt. Magie ging immer schon von ihr aus. Ob frühe Kunstfotografie, wie Man Ray sie betrieb, sinnliche, provokative Modefotografie à la Helmut Newton oder Fotografie als Cindy Shermans Spiel mit Inszenierung und Identität. Wozu noch malen? Die US-amerikanischen Fotorealisten eigneten sich in den 1960er/70er Jahren die Exaktheit der abgebildeten Realität mit Pinsel und Farbe an. Martin Kippenberger war einer, der in den 1980ern dann auf die derzeit wieder verpönte Malerei schiss, indem er erst recht malte. Und zwar scheiße (im Sinne von nicht altmeisterlich). Absichtlich. „Seine Bilder vom mickrigen Alltag duldeten keine malerische Idylle. ‚Schlechte Themen‘, sagt er, ,erfordern gute Malweise.‘“, schrieb Jörg-Uwe Albig in der art 7/86.

Gut, aber was ist mit der Fotografie? Welche künstlerische Relevanz hat sie in Zeiten von Pop-Journalismus, durchdesignten Lifestyle-Magazinen und tumblr? Will uns gute aussichten – Junge Deutsche Fotografie etwas zeigen, was nur die Fotografie kann oder geht es rein um das, was reflektierte, weltgewandte Fotografen heute beschäftigt?

Sieht aus wie abstrakter Print, ist aber Fotografie: Digits of Light zeigt variierende schwarzweiße und bunte geometrische Muster auf kleinen ungerahmten und großen gerahmten Formaten, die Kolja Linowitzki mithilfe des Smartphones ganz klassisch analog in der Dunkelkammer erzeugt hat. Alte und neue Technik verschränken sich auf reduzierte, irgendwie poetische Weise.

Gelungen, denke ich mir, bis ich einen kleinen Flachbildschirm an der gegenüberliegenden Wand entdecke, der ein zweiminütiges Video präsentiert, in dem ich Linowitzkis Arbeitsprozess in Zeitraffer aus der Vogel-klebt-in-der-Ecke-Perspektive bewundern oder viel eher nachvollziehen kann.

Überflüssig, denke ich mir, denn das ist nicht mehr und nicht weniger als eine Dokumentation seiner Arbeitsweise. Wertet das die Arbeiten auf oder ab? Genügt es nicht, dass der Betrachter die Information der Herangehensweise nachlesen kann, falls es ihn interessiert?

In diese Dokumentations-Falle können Künstler, die ergebnisorientiert arbeiten, schnell tappen. Dieses mulmige Gefühl, dass es den Werken an Überzeugung und Präsenz mangeln könnte. Diese stichelnde Sorge, dass nicht jeder die Intension verstehen könnte. In Folge der Torschusspanik zieht er oder sie das Ass der Ehrfurcht vor dem Handwerk aus dem Ärmel und hofft die Zweifel endlich zu bezwingen. Oh mann. Immerhin hätte ich das Video fast übersehen. Das hinter Digits of Light stehende Konzept ist ausgetüftelt, im Grunde jedoch simpel. Schön anzusehen sind die filigranen, komponierten Belichtungsspuren allemal.

Das Ideal der Ruhe

Unser Alltag ist anstrengend, chaotisch, vor allem ungewiss und irgendwann ist auch mal mit der ganzen Feierei Schluss – Ruhe. Wir suchen Ruhe. Die Ruhe, die einst Caspar David Friedrich malte und heute durch diverse Photoshop-Filter gejagt wird, um dann tumblr mit dem Endergebnis zu fluten. Eins mit uns selbst durch die Natur, indem wir eins mit ihr sind. Spiritualität als scheinbarer Gegensatz zum urbanen Zombieismus. Jewgeni Roppel suchte die Spiritualität auf seine Reise durch West-Sibirien. Einige Fotografien hat er gerahmt, hoch und tief gehängt, andere direkt auf die Wand geklebt. Gegenüberstellungen von Mensch und Natur. Verschmelzung von Mensch und Natur. Auch in seiner Videoarbeit gibt es Überblendungen, Überlappungen von Naturaufnahmen, vorbeiziehenden Zügen, Gesichtern und Funkenflug. Während der visuelle Part nur fünf Minuten dauert, ist der auditive Teil zwei Stunden lang. Interessante Idee! Leider habe ich keine Zeit und offen gesagt auch keine Lust, mir die wispernde, mäandernde Soundcollage vollständig anzuhören. Ob mir dabei was entgeht? Auch wenn die Stimmung im Haus der Photographie einer kathedralen Stimmung nahesteht, fällt es mir schwer, mich im Rahmen einer Ausstellung auf ein spirituelles Erlebnis einzulassen. Magnit hat Roppel seine Reihe genannt, wie eine russische Supermarktkette. Das wirft ein etwas differenziertes Licht auf die Sache.

Tellerrandgeschichten

Franz Beckenbauer hatte gar nicht mal die Unwahrheit über Katar gesagt; also zumindest laufen die Bauarbeiter dort nicht mit Kugeln an den Beinen rum. Nicht auf Gregor Schmidts brillanten Aufnahmen. Ein Airforce-Testflug, in knallgelben Overalls an der Straße stehende Arbeiter oder sich aus dem Wüstenstaub schälende Silhouetten von halbfertigen Gebäuden fangen katarische Momente einprägend ein. Die Fotografien sind irgendwie schön. Kompositorisch schön, farbig schön. Und dahinter lauert die Tristesse, der Geruch von Korruption und eingefahrenen Gesellschaftsstrukturen. Hätte FIFA und der Korruptionsskandal nicht auf dieses arabische Emirat medienwirksam aufmerksam gemacht, würden die meisten Betrachter wahrscheinlich mit Fragezeichen über den Köpfen vor Schmidts Reihe Waiting for Qatar stehen. Große, gerahmte Abzüge, die zwischen stiller, politischer Bestandsaufnahme und ästhetischer Fotografie stehen.

Auch Lars Hübner hat seinen fotografischen Fokus aufs Ausland gerichtet. Die Abzüge sind in schlichte, helle Holzrahmen gefasst; Bäume wurden entwurzelt und zurechtgedrechselt, um in Innenräumen nackt als Präsentationsmedium zu dienen… Zugegeben etwas dramatisch gedacht, doch die Rahmung unterstützt in gewisser Weise die Fotos selbst. Hier gibt es nichts weiter zu sagen. Nothing to declare thematisiert Taiwans kapitalistisch bedingte Zerrissenheit zwischen Alltag und Freizeit, zwischen Traditionen und westlichen Einflüssen. Davon gibt es leidlich viele Länder, warum speziell Taiwan? Hat Hübner eine bestimmte Bindung zu diesem Land oder einfach einen günstigen Flug erwischt? Ich muss unwillkürlich an Slavoj Žižeks Auseinandersetzung mit dem heutigen Kapitalismus denken, den ich noch unbedingt lesen will. Lars Hübner hat es bestimmt schon getan.

Kyun-Nyu Hyuns einfach betitelte und doppeldeutige Konzeptarbeit Nahrungsaufnahme dokumentiert akkurat jede ihrer vom 1. Januar bis zum 6. August 2015 zu sich genommenen Mahlzeiten. Die jeweils postkartengroßen Aufnahmen sind preiswert produziert und in strenger, mosaikartiger Anordnung auf die Wand geklebt. Abbild der Mahlzeit; Datum; Uhrzeit. Die Algorithmen der großen sozialen Netzwerke wüssten wahrscheinlich anhand dieser Datenfülle 99,9% über Hyuns Dasein. Beiläufigkeit, Transparenz und Kontrolle liegen heutzutage näher als vor der digitalen, barrierefreien Vernetzung. Andererseits brauche ich kein Algorithmus zu sein, um die Person ein gutes Stück näher kennen zu lernen, die hier freizügig ihre Mahl-Zeiten preisgibt. Die Welt war noch nie so klein wie morgen.

Hipster blättern gerne durch die NEON. Ich blättere gerne durch die NEON. Ein Zugeständnis?

Wer weiter oben konservative Kritik am üppigen visuellen Angebot einer populären Plattform gewittert hat: Nein, ernsthaft, ich mag tumblr. Ich denke, Reizüberflutung an sich ist nicht das Problem und massenhafter Bilderkonsum auch nicht. In der Regel will das niemand wirklich zugeben, der sich für etwas kritischer, kultureller oder künstlerischer hält als der Durchschnitt – aber Hand aufs Herz: Liegt das Problem vielleicht nicht eher in der Unfähigkeit einer adäquaten Bewertung? Was ist eine adäquate Bewertung überhaupt, wer bildet die Maßstäbe? Warum werde ich den Eindruck nicht los, dass ich eine Ausstellung besucht habe, die im Großen und Ganzen so aussieht wie ein aufgeschlagenes NEON Heft? – Ah, richtig. In der diesmaligen Jury von gute aussichten saß auch Amélie Schneider, Bildchefin besagten Magazins.

Sie sind einfach cool, diese Fotografien in der NEON. Sie zeigen das Leben wie es cool ist und wer sich damit nicht so recht identifizieren mag, kann immerhin noch sagen, dass es gute gemachte Fotografien sind: Schön scharf mit Blitz, schön verwackelt ohne Blitz, so lässig professionell eben. Am wichtigsten erscheinen aber das Motiv und seine Inszenierung. Am besten so, dass der Betrachter gar nicht erst das Gefühl bekommt, es sei in Szene gesetzt. Hashtag Authentizität. Meine alten NEONs habe ich immer ausgeschlachtet, meistens, um aus den Bildern Collagen zu machen, die mir als Skizzen oder Ideenzunder dienen. Dadaisten wie Hannah Höch oder John Heartfield machten im Gegensatz dazu Collagen, die in die Kunstgeschichte eingingen. Maja Wirkus‘ Collagen sind schon mal durch gute Aussichten in die Deichtorhallen gekommen. Graustufige Flächen, die sich bei genauerem Hinsehen als Gebäude- oder innenarchitektonische Fragmente enttarnen. Wie bei Aras Göktens Arbeiten bin ich mir nicht sofort sicher, ob es analoge oder digitale Collagen sind. Gökten verunsichert noch mehr, denn der Unterschied zwischen Collage und Realitätsabbild ist nicht mehr auszumachen. Seine Fotografien wirken zum Teil entmenschlicht, wie unbewohnte Neubauten.

Angenommen, gute aussichten ist der Spiegel dessen, was den momentanen deutschen Zeitgeist ausmacht, der durch die Linse auf die Welt schaut – dieser Weltblick wäre genau der, der ihn in seiner Gestalt beschreiben würde: Es geht nicht mehr nicht-global. Unsere Augen sind überall, während uns als Gesamtpaket schlichtweg jegliche Kapazitäten fehlen, um überall zu sein. Wir sehen quantitativ viel mehr als die Menschen vor hundert Jahren und damit auch mehr, was uns begeistert, was uns abstößt und uns Angst macht. Die für 2015/16 ausgewählten Positionen von gute aussichten – Junge deutsche Fotografie sind so individuell wie westlich-universell. Sie zeigen nichts, was uns durch die Medien nicht schon bekannt wäre und bemühen sich zugleich um eine einzigartige Perspektive.

Globalize! Die Kunst der Partizipation

„All The World‘s Futures” lautete das Motto der inzwischen zu Ende gegangenen Biennale di Venezia. All die kleinen und großen Konflikte zwischen global und lokal, zwischen traditionell und individuell sind weltweit brandaktuell und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die diesmalige, älteste internationale Kunstausstellung besonders politisch akzentuiert war. Chefkurator war Okwui Enwezor, der auch die documenta 11 kuratierte und sich aktiv daür einsetzt, die afrikanische und asiatische Kunst mit in das Boot der westlichen Kunst zu holen. Oder sollte man besser sagen, ebendieses Boot aus dem Spotlight zu rücken? Manche Länderpavillons hatten mich tatsächlich daran zweifeln lassen, ob ich mich wirklich auf der Biennale befand oder in einem ethnologischen Museum. Okwui, bei aller Liebe, aber das habe ich nicht so ganz verstanden.

Horizonte definieren

Nicht-westliche Künste sollten dieselbe Achtung bekommen wie die euroamerikanisch geprägten. In dem Punkt lobe ich Enwezors Bemühen um einen ganzheitlichen Blick. Wenn ich mir aber nochmal den mosambikanischen oder indonesischen Pavillon ins Gedächtnis rufe, kann ich nicht anders, als verwirrt zu sein… Generell nichts Schlechtes, jedoch hatte ich nicht das Gefühl, dass das die Absicht des Kurators oder gar der jeweiligen Pavillons war. Darüber hinaus ist ein Unterschied, ob man die Einbindung solcher Ausstellungen als Erweiterung des westlichen Horizonts versteht oder als Ausbreitung desselben. Ein großes Thema, das ich aber nur kurz anschneiden möchte. Das westliche Kunstverständnis gleicht einem riesigen Server, der vielfältige und komplexe Informationen verschiedenster Wissenschaften und Disziplinen aus Vergangenheit und Gegenwart speichert und damit hantiert. Künstler unserer Zeit haben permanent auf diesen Server zuzugreifen, um zu vergleichen, zu reflektieren, zu werden. Das ist die Devise. Aber schließt dieses Verfahren, um es mal kurz so simpel zu bezeichnen, Künstler nicht-westlicher Kulturen aus oder bekommt es in Zeiten der Globalisierung nicht zwangsläufig einen erweiterten Charakter? Kulturelle Identitäten und der Umgang mit ihnen scheinen derzeit präsenter und empfindlicher denn je. Stuart Hall, ein Begründer der Cultural Studies, schrieb bereits vor 23 Jahren:

„Auch in den spätesten Formen der Globalisierung sind es nach wie vor die Vorstellungen, Artefakte und Identitäten der westlichen Moderne, die von den Kulturindustrien der westlichen Gesellschaft einschließlich Japans geschaffen werden (…). (…) Doch waren Gesellschaften der Peripherie immer für westliche Kultureinflüsse offen und sind es mehr denn je. Die Idee, sie seien ‚abgeschlossene‘ Räume – ethnisch rein, kulturell traditionell, bis gestern noch nicht von den Brüchen der Moderne aufgewühlt – ist eine westliche Illusion über die ‚Anderen‘: Es ist eine vom Westen aufrechterhaltene ‚koloniale Illusion‘ über die Peripherie, ihre Eingeborenen ‚rein‘ und ihre exotischen Plätze ‚unberührt‘ haben zu wollen.“

Quelle: Die Frage der kulturellen Identität, S. 214

Ein interessanter wie erschreckender Gedanke, den Hall hier aufwirft: Denken wir selbst heute noch kolonialer als wir glauben? Und was würde Okwui Enwezor dazu sagen? Letzten Endes bringt uns das jetzt in der Betrachtung von „All The World’s Futures“ auch nicht weiter. Beleuchten wir stattdessen den wahren, perfiden Gegner der Kunst: den Kunstmarkt!

Schatten beleuchten

Es ist kein Geheimnis, dass der Kunstmarkt gut und gern mal die Fäden in der Hand hat, wenn es um den Aufstieg und den Fall eines Künstlers geht. Gerade internationale Veranstaltungen mit derartigem Ruf, wie ihn die Biennale in Venedig trägt, bieten einen Nährboden für Kunsthype und horrende Verkaufssummen. In Bezug auf die 56. Biennale äußerte sich Enwezor dazu folgendermaßen:

„Die klare Unterscheidung zwischen den Begriffen ‚Idee‘ und ‚Ware‘ ist meine Positionierung zum Thema Kunstmarkt. Und mit dieser Unterscheidung agiere ich im Interesse der Öffentlichkeit und nicht im Interesse des Marktes, der privaten Interessen folgt. (…) Wir kommen nicht mehr weit, wenn wir die Kunst als Schmuck begreifen.“

Eine standfeste Position, aber keine Kriegserklärung, wie er selbst klarstellt. Eher ungewöhnlich für einen Kuratoren, brachte Okwui Enwezor sogar eine eigene künstlerische Idee ein, dessen Auseinandersetzung mit dem Kunstmarkt poetischer Natur ist, wie er selbst sagt. Über die gesamte Laufzeit der Biennale ließ er Marx‘ Das Kapital verlesen.

„Die Konzepte von Karl Marx sind nicht einfach, aber gegenwartsrelevant. (…) Es ist, als ob die Zeit flüchtig ist, und die Themen bleiben. Seit fast einhundertfünfzig Jahren reibt sich die Kunst am Kapital und begleitet die Umwälzungen im Namen des kapitalistischen Fortschritts.“

Quelle: fr-online

Die Message entspringt einem klugen Kopf – Enwezor weiß, wovon er redet. Wer den Artikel der Frankfurter Rundschau zur Konzeption der Biennale ein wenig aufmerksamer gelesen hat, dem wird nicht entgangen sein, dass der Kurator auf die Erschöpfung des Ausstellungsbesuchenden abgezielt hat, um eine Fokussierung zu provozieren. Etwas, was uns gerade im medialen Zeitalter immer schwerer zu fallen scheint. Eine raffinierte Idee, die Enwezor gelungen ist. Andererseits birgt eine große Grundidee aber auch die Gefahr, sich in den Vordergrund zu drängen, sodass die Fragmente – in diesem Fall die einzelnen künstlerischen Positionen – einem spürbaren Druck ausgesetzt sind und dadurch an Geltung verlieren können. Anders gesagt verspachtelt zu didaktische Kunst schnell Spielräume im Fühlen und Denken. Das ist „All The World’s Futures“ auch gelungen. Es sind nicht die für (oder gegen) Okwui Enwezor als Chefkurator sprechenden Fakten, die das Gesamtbild der 56. Biennale abschließen, letzten Endes ist es der Eindruck des Besuchers.

Absurdes hinterfragen

Jedem, der die Biennale in Venedig mal besuchen möchte, kann ich nur empfehlen, es im November zu tun. Jedem, der etwas Geld sparen, dem geballten Tourismus ausweichen und sich ausschließlich auf die Biennale und nicht auf Venedig konzentrieren will (Notiz am Rande: Letzter Punkt bezieht sich auf das Wetter, denn mein Aufenthalt dort wurde begrüßt, begleitet und verabschiedet von sehr dichtem Nebel…). Allein das Ausmaß der gesamten Kunstausstellung ist überwältigend: Will man sich den Giardini mit den Länderpavillons, die ein herrliches Retro- äh, Kolonialfeeling aufkommen lassen, und die Arsenale ansehen, sollte man sich pro Bereich einen Tag Zeit nehmen. Für die übrigen, in der Stadt verstreuten Lokalitäten kann man getrost einen dritten Tag einplanen. Damit Kunst selbst in diesem Artikel nicht zu kurz kommt, möchte ich mich abschließend einem meiner Favoriten widmen.

Quelle: YouTube

„Never Say Goodbye“, zu der die Arbeit „Farewell, Spring and Autumn Pavilions“ gehört, wurde vom taiwanesischen Künstler Wu Tien-chang im Palazzo delle Prigioni präsentiert. Die Videoinstallation wirkt in jeder Hinsicht absurd und trotzdem verliert sie dadurch nicht an Substanz. Das romantisierte, fetischisierte Abbild eines jungen Matrosen (er trägt wohlbemerkt einen Matrosenanzug aus weißem Latex), ist in einen kitschigen, blinkenden Rahmen gesetzt und wird von ebensolcher Musik begleitet. Der Matrose bleibt jedoch kein Matrose, der träumend durch seine Heimat geht. Als Soldat wird er sein Land verlassen und vielleicht nicht wiederkehren. Wu Tien-chang erzählt hier wortwörtlich in Bildern, an denen wir hängen bleiben. Nicht, weil uns der Kern, seine Botschaft trifft, sondern weil diese Bilder aus Fragmenten zusammengesetzt sind, welche selbst in Bildern sprechen. Die Metaphorik verlinkt uns erst zu den Aussagen seines Werks, das sich unter anderem mit dem taiwanesischen Verständnis von Leben und Tod und im weiteren Sinne auch mit der Globalisierung befasst.

„People say that art is subjective but to me, art is objective. It’s precise. That’s why I advocate a ‘seamless seam’. There is a seam between two things in opposition. (…) I think that localization is not opposed to globalization. There is a seam between them. The ‘seamless seam’ is to be accomplished by outstanding artists.”

Wu Tien-chang, Quelle: YouTube