Schlagwort: Gesellschaftsroman

Die Klassenfrage kehrt zurück in die Literatur

Spätestens seit Anke Stellings Roman Schäfchen im Trockenen ist es in der deutschen Literaturszene wieder legitim, sozioökonomische und -kulturelle Selbstreflexionen zu verfassen, um den eher elitären Schriftstellerhabitus von Menschen, die doch meist in prekären Verhältnissen leben, zu hinterfragen. Doch nun hat der Journalist etwas wesentlich Gewagteres vorgelegt: eine Autobiographie über seine Jugend und Kindheit in Armut, eine Autobiographie, in der er die Klassenfrage stellt. Sein Buch Ein Mann seiner Klasse bringt endlich wieder Leben, ökonomische Fragen und gesellschaftliche Probleme zurück in die Literatur.


Baron schreibt im Grunde sogar mehr als eine Autobiographie, nämlich die Geschichte seiner Familie. Er berichtet, wie sich seine Eltern im Arbeitermilieu von Kaiserslautern kennengelernt und ein Kind nach dem anderen bekommen haben. Der Leser erfährt, dass die Mutter Dichterin werden wollte, aber ihr schulisches und soziales Umfeld es ihr vergätzt haben und sie schließlich depressiv wurde. Wir erfahren, dass der Vater ein Alkoholiker war, der Frau und Kinder verprügelte und nirgendwo hohes Ansehen besaß. In diese Familie wurde der Autor hineingeboren.

Nach dem frühen Tod der Mutter an Krebs kamen die Kinder zur Tante mütterlicherseits – die immer noch zur Unterschicht gehörte, aber resolut und ehrgeizig war und ihren Schwager verabscheute. Während sein Bruder immer wieder Drogenprobleme hatte, schafft Christian Baron es aber schließlich, auch durch die Förderung einer anderen, wohlhabenden und gebildeten Tante, das Abitur zu machen, und interessiert sich bald für Journalismus – jedoch nicht ohne in einer höheren Schule stets als Außenseiter zu gelten, als derjenige, der aus einer Unterschichtenfamilie kommt und vom Bildungssystem systematisch diskriminiert wird.

Das Buch erzählt nicht nur von sozialem Elend und der Armut, am Ende des Monats nicht mehr genug Nahrung zu haben, weil der Schläger-Vater zu viel vom wenigen Geld versoffen hat, und davon, zu Hause keine Förderung zu erhalten, sondern auch davon, in ständiger Angst leben zu müssen. Es geht auch um Barons Selbstreflexion. Denn er entschuldigt nicht nur dauernd die Passivität der Mutter, die selbst das Opfer ihres Ehemannes ist und gleichzeitig aber die Kinder, aufgrund ihrer Depression, schützt; er liebt auch seinen Vater bedingungslos. Nie wollte er ihn loswerden, egal wie bösartig der Patriarch war; nein, Baron will immer, dass sein Vater sich ändert. Diese ständige Ambivalenz durchströmt das ganze Buch. Und er wird sich bewusst, dass – was keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung ist – der Vater ein „Mann seiner Klasse“ war, nie Aufstiegschancen hatte, nur Armut kannte und selbst bereits aus der Familie eines prügelnden Alkoholikers stammte.

Gewalt, Armut und Pathos

Barons Buch bildet also nicht einfach ein Milieu ab. Dabei erklärt er gar nicht einmal sonderlich viel, sondern beschreibt nur sehr genau – doch gerade dies gibt Ein Mann seiner Klasse eine große Kraft und dennoch einen explanatorischen Wert, den man selbst herausziehen kann, so deutlich ist die Schilderung. Denn Barons Stil und Sprache sind, selbst noch bei den Elementen der akademischen Selbstreflexion, einfach, simpel und klar. Baron gibt soziale Zustände exakt wieder, ohne Fremdworte nutzen zu müssen: ein stilistisches Bekenntnis zur Arbeiterklasse. Diese Klarheit wird ein bisschen unterminiert durch einige pathetische Elemente und der einseitigen Festsetzung des Vaters als Täter und der depressiven Mutter als Opfer – aber davon, dass sie ihre Kinder beschützt hat, liest man nichts. Doch es wäre natürlich zu viel erwartet von einer offenen Autobiographie, die so unangenehme, persönliche und doch gesellschaftlich relevante Themen berührt, wenn man hier noch eine nüchterne Analyse, statt dem kindlichem Pathos, das Baron als Junge fühlte, erwarten würde.

Obgleich es eine Autobiographie über die eigene Kindheit und Jugend ist, hat Baron es nicht nur geschafft, die eigene Entwicklung und Selbstfindung zu skizzieren. Seine Vergangenheit ist ein pars pro toto für eine ganze soziale Schicht oder Klasse. Ein Mann seiner Klasse steht dafür, als Junge in Armut, Not und damit auch Angst und Unfreiheit aufzuwachsen. Das Buch steht für Kinder, die früh männliche Gewalt erfahren. Das Buch steht für psychische Aufarbeitung dieses Leids, und für Liebe, Erinnern und die Suche nach Versöhnung mit der Familie und der Vergangenheit in einer widersprüchlichen Welt der Gewalt, sozialen Ungleichheit und Exklusion. Genau das ist der Verdienst: dass Baron die lange vergessene Klassenfrage wieder zurück in das öffentliche Bewusstsein rückt und dabei ohne ganz ohne Resignation oder Hass auskommt. Gegenüber diesem Debüt sehen andere deutsche, bourgeoise Debütromane – die meist davon handeln, wie ein rich kid auf Selbstfindungstrip geht, oder wie jemand mal als Kind gehänselt wurde – alt und abgeschmackt aus. Barons Klassenautobiographie gibt der Literatur ein wichtiges Stück Leben, Seele, Authentizität und die Behandlung manifester sozialer (statt nur individueller) Probleme zurück.

Ein Mann seiner Klasse von Christian Baron erschien am 31. Januar 2020 im Claassen Verlag und hat 288 Seiten.

Coverbild: © Claassen Verlag

Schellenmann – ein Schwäbisch Noir

Philipp Böhms Schellenmann überzeugt vor allem durch seinen sphärischen Schreibstil, der expressionistische Unschärfe erzeugt. Und ein ungewöhnliches Romandebüt freisetzt.


Philipp Böhms Debütroman Schellenmann spiegelt eine Situation, die der Autor und vielleicht auch einige seiner Leser٭innen selbst ganz gut kennen: Die Jugend in einer Kleinstadt geht zu Ende, die wichtigste Lebensentscheidung besteht für einen Moment in der Frage: bleiben oder wegziehen? Das gespiegelte Bild jedoch verzerrt sich durch den Umstand, dass Protagonist Jakob sich fürs Dableiben entscheidet. Statt herauszuwollen und einer Ausbildung nachzugehen, folgt er seinem Freund Hartmann ungelernt in die Fabrik am Stadtrand. Von der er noch nicht einmal genau weiß, was produziert wird, deren Maschinen im ganzen Betrieb fast niemand wirklich versteht und deren Charaktere Böhm ihn in ihren Eigenheiten studieren lässt.

Fremd bleiben sie ihm und den Leser٭innen dennoch. Wie alles fremd bleibt, in dieser Stadt, in die Jakob erst ein paar Jahre vor Einsetzen der Handlung zugezogen ist. Das eigentliche Problem am Bleiben jedoch ist, wie er dann auch erfahren muss, dass um einen herum ja trotzdem vieles wegbricht. Und sei es nur die endende Jugend oder das Wegziehen von Freund٭innen. Bei Böhm wird es noch dramatischer: Selbst die Natur scheint zu protestieren und Jakob forttreiben zu wollen, was dramatische Züge annimmt.

Die Überspitzung dieses Konflikt führt Philipp Böhm auch ein Stück weit ins Fantastische, vielleicht, weil er eine Realität durchspielt, die er selbst hätte wählen können, die ihm dann aber selbst zu abstrakt und unrealistisch erscheint. Ein wertvolles Stilmittel dieser Fantasie ist die von ihm in die Handlung eingefügte Figur des Schellenmanns, die er sich aus der schwäbisch-allemannischen Fastnachts-Folklore leiht. In dieser tritt der Schellenmann, auch „Gschell“ genannt, seit einigen Jahrhunderten als Repräsentant des Sommers und Gegenspieler des Federahannes auf, der den Winter verkörpert. Letzterer soll mit lauten Glocken ferngehalten werden, die ersterer am Körper trägt. Auch in Böhms Schellenmann will ein Sommer nicht enden und hält an, bis selbst die Tiere beginnen, vor sich hinzusterben, und der Schellenmann Realität wird – eine Entscheidung des Autors, die maßgeblich dazu beiträgt, dass man als Leser٭innen mitfühlen kann, wie fremd Jakob, dem Zugezogenen, sein Umfeld eigentlich ist – die Riten, Verspanntheiten und Dynamiken eines verschlossenen Raums.

Der Roman lebt inhaltlich vor allem durch die persönliche Inhaltsebene und seine Porträts der Mikrokosmen Kleinstadt und Fabrik. Die noch größeren Stärken hat das Debüt aber in seinem Sprachstil, der es schafft, einen Farbfilter über die Handlung zu legen. Beschrieben wird so wenig wie möglich, was zum einen ein gewisses Desinteresse der Protagonist٭innen an ihrer Umwelt aufarbeitet, die eben nicht die spannende weite Welt ist, sondern der kleine, bedeutungslose Ort, an dem eben wohnt. Zum anderen setzt es Bilder frei.

Und wo doch etwas beschrieben wird, da ist es karg, unwirtlich und im Grunde auch nicht so richtig beeinflussbar, sondern einfach eine nutzlose Gegebenheit. Wie die Blätter und Zigarettenstummel in der Ecke des Fabrikhofs, die sich nach jedem Fegen neu sammeln oder „zusammgeknüllte Burger-Tüten, Bierflaschen, Umsonstzeitungen, Flip-Flops, Eierkartons“, die den Bach entlangtreiben – „und dann die Eichhörnchen“.

Ein einziges Manko dieses ausgereiften Erzählstils ist, dass die Handlung hinter ihm teilweise nur unscharf und benommen durchscheint und der eigentliche Plot, in dem immerhin auch noch eine Figur spurlos verschwindet, eher hintergründig wird. Das nimmt Böhm jedoch in Kauf, um der über allem schwebenden Warum-Frage und inneren Unruhe des Erzählten auf mehreren Ebenen gerecht werden zu können.

Wo es Schellenmann an Spannung fehlt, springt eine durchdringende Anspannung ein. Philipp Böhms Roman, der sich expressionistisch liest, entromantisiert das Idyll, stellt aber gleichzeitig die Sinnsuche junger Menschen überhaupt in Frage: Wieso löst es so einen starken inneren und äußeren Widerstand aus, sein Glück nicht in Selbstverwirklichung zu suchen, sondern einfach nur zu probieren, sich an dem Ort, an dem man lebt, einzurichten und ein kleines bisschen weniger fremd zu fühlen?

Schellenmann von Philipp Böhm erschien 2019 im Verbrecher Verlag und hat 224 Seiten.

 

 

Juli Zeh: „Unterleuten“ – Dorfroman im Kommunika­tions­zeitalter

Juli Zeh hat mit „Unterleuten“ einen Gesellschaftsroman geschrieben. Einen Roman, der den Mikrokosmos des Dorflebens in all seinen Eigenarten und Besonderheiten seziert. Dass gerade die Sozialdynamiken des Dorfes die Folie für diesen Gesellschaftsroman bilden, ist kein Zufall, denn das dichte Netz aus Perspektiven, Gerüchten und Geschichten exemplifiziert eine Art der Kommunikation, die mehr denn je unsere Realität konstituiert.


Über Juli Zeh, die Dorfflucht und den Gesellschaftsroman

Autorin Juli Zeh (Spieltrieb, Corpus Delicti) hat vor einigen Jahren den Schritt gewagt, über den viele ausgebrannte Stadtmenschen abends mit einer Flasche Rotwein nachdenken – sie ist vor 10 Jahren mit ihrem Mann von Leipzig in ein kleines Dorf irgendwo im brandenburgischen Havelland gezogen. In Zehs neuem Wohnort läuft alles ein wenig anders als in der städtischen Umgebung. Der Weg zum nächsten Arzt ist ein Kurzurlaub und die neuen Nachbarn kaufen ihre Kartoffeln nicht im Biomarkt, sondern bauen sie an.

In den nächsten Jahren berichtet Zeh immer mal wieder, wie anders das Leben auf dem Land funktioniert. Ein ganz anderer Lebensraum sei das, mit vollkommen unterschiedlichen Kommunikationsformen und -normen. Das „Dorf“ als verallgemeinerte Antithese zum urbanisierten Großstadttypus (heutzutage oft „Berlin“) ist literarisch interessant, weil es dem (urbanisierten) Leser eine Parallellwelt eröffnet, die seit Jahrzehnten, unbeeindruckt von sonstigen gesellschaften Umwürfen, nach ihren eigenen Regeln funktioniert und damit eine seltsame Form von Freiheit suggeriert. Eine Welt, die wohl dem Großteil der Leserzielgruppe fremd erscheint, die in ihren grundlegenden Strukturen allerdings erhebliches Identifikationspotential bietet.

Genau deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sich ein Trend entwickelt hat, der die Gesellschaft nicht mehr in der Stadt, sondern im Dorf spiegelt. Als zugespitzte These formuliert: „Es könnte sein, dass Gesellschaftsromane überhaupt nur noch als Dorfromane möglich sind.“ (Jörg Magenau für Deutschlandradio Kultur). Nach Saša Stanišić, der in „Vor dem Fest“ 2014 das Dorfleben im uckermärkischen „Fürstenfelde“ thematisierte, folgt Juli Zeh nun mit dem fiktiven brandenburgischen „Unterleuten“.

Die Menschen in „Unterleuten

In Unterleuten gibt es nicht viel. 250 Einwohner, einige Brutpaare der seltenen Vogelart „Kampfläufer“, einen mittelgroßen Agrarbetrieb und den „Märkischen Landmann“ – der soziale Mittelpunkt des Dorfes. Die Einwohner setzen sich zwar aus einer bunten Mischung von Urunterleutenern und Zugezogenen zusammen, dennoch ist das Dorf bis auf wenigen Kontakt mit den Nachbargemeinden relativ abgeschottet: „Unterleuten las keine Zeitungen, sah kaum fern, benutzte das Internet nicht, interessierte sich nicht für Berlin, rief niemals die Polizei und vermied überhaupt jeden Kontakt mit der Außenwelt – aus einem schlichten Grund: weil es die Freiheit liebte.“ Die Bewohner von Unterleuten sind vor allem mit einem beschäftigt: sich selbst.

Juli Zeh erzählt ihren Roman aus der Perspektive seiner Protagonisten. Zwar gibt es eine auktoriale Erzählerin, doch die Einzelkapitel zeigen immer den Blickpunkt einzelner Personen(gruppen), sei es aus der Innen- oder Außenperspektive. Schnell wird klar, dass die Bewohner von Unterleuten zwar die Freiheit lieben, doch dass sich die allgemein diffuse Freiheitsvorstellung vom Dorfleben, welche die Zugezogenen gegen großstädtische Erfahrungen des Parkplatzsuchens und Ubahnfahrens stellen, auf die Ebene der persönlichen Freiheit hinbewegt. Alle Protagonisten haben ihre eigene Geschichte der privaten Entfaltung zu erzählen. Und diese Geschichten müssen gerade im Mikrokosmos Dorf zwangsläufig kollidieren.

Da gibt es beispielsweise Gerhard Fließ, einen ehemaligen Soziologie-Professor, der eine Studentin geheiratet hat und mit Frau nebst Tochter der Stadt – und damit seinem alten Leben – eine „Kündigungserklärung“ überreicht hat, nach Unterleuten ausgesiedelt hat. Fließ arbeitet nun für den Vogelschutzbund und eine seiner Lieblingsbeschäftigungen ist seinen Nachbarn ihre Bauprojekte aus Naturschutzgründen zu untersagen. Die anfängliche Dorfidylle der jungen Familie Fließ wird aber schnell gestört, als Bodo Schaller, ein dicklicher und grober Automechaniker, nebenan einzieht und beginnt Autoreifen zu verbrennen.

Oder aber Linda Franzen (deren Nachname wohl eine Hommage an die Gesellschaftsromane von Jonathan Franzen ist), eine junge und ehrgeizige Frau, die seit ihrer Ankunft in Unterleuten vor ein paar Jahren von der Idee besessen ist, ein altes Gutshaus zu einer Pferdeoase für ihren Oldenburger Hengst „Bergamotte“ umzuwandeln. Linda steht aus diesem Grunde mit dem Unternehmensberater und Großgrundbesitzer Konrad Meiler in Kontakt, der zwar zögerlich ist, sein Land zu verkaufen, aber von der jungen selbstbewussten Linda fasziniert ist. Linda ist ein getriebener Erfolgsmensch, so zitiert sie beispielsweise regelmäßig aus dem Erfolgsratgeber eines gewissen Manfred Gortz und macht sich dessen Grundsätze in all ihren kleinen Projekten zu eigen.

Unterleuten“ ist durchzogen von einem engen Netz von interpersonellen Bezügen. Neben den vorgestellten Personen gibt es noch Dutzende weitere, die mit ihren persönlichen Geschichten und Konflikten die Handlung des Romans bestimmen.

Perspektivität – Was ist Gut und Böse?

Das Dorf funktioniert nach seinen eigenen Regeln. Das wird für die Zugezogenen im Kontakt mit den Dorflern schnell deutlich. Während die Einen ihre Aussteigerträume pflegen, kochen die Anderen ihr ganz eigenes Süppchen. Doch die hässliche Fratze des sozialen Dorflebens wird erst sichtbar, als die abgeschottete Idylle von Unterleuten auf breiter Front bedroht wird: Durch die angekündigte Errichtung eines Windparks in der Peripherie von Unterleuten sind die Bewohner des Dorfes dazu gezwungen, nicht nur übereinander, sondern miteinander zu reden.

In der Entwicklung der verschiedenen Konflikte zeigt sich am Ende, dass auch die Einstellung zu Gewalt auf dem Dorf anders ist. Aus den kleinen Nicklichkeiten werden Katastrophen. Juli Zeh stellt mit „Unterleuten“ auch die Frage nach dem Ursprung unserer moralischen Vorstellungen. Wann ist etwas Gut oder Böse – und hängt das davon ab, aus welcher Perspektive man die Welt betrachtet? Grundsatz von Zehs Moralkritik ist, dass „alle immer nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem etwas schreckliches passiert.“

Unterleuten“ liest sich abschnittsweise wie eine pfiffige Soap-Opera mit Thrillerelementen. Der Fokus auf die interpersonellen Bezugslinien offenbart auch Einsichten über die Art unserer Kommunikation.

Der „Dorffunk“ – eine besondere Art der Kommunikation

Die Kommunikation im Dorf lebt von einer seltsamen Asymmetrie aus selbst veranschlagter Informationsfülle und totaler Ahnungslosigkeit. Juli Zeh nennt diese besondere Art der Kommunikation „Dorffunk“:

„‚Dorffunk‘ [ist] eine globale Gerüchteküche. Jeder glaubt, alles über alles und jeden zu wissen, während es in Wahrheit nur Milliarden von Geschichten sind, die wir uns pausenlos gegenseitig erzählen. Sie werden zu einem undurchdringlichen Netz aus Legenden, Anekdoten und Fiktionen, welches unsere Realität ausmacht.“ Juli Zeh, 3. Mai 2016 via www.unterleuten.de

Wenn man nun also den Dorfroman als genuine Form des Gesellschaftsromans akzeptiert, so müsste der „Dorffunk“ uns eine tiefere Einsicht in das Kommunkationsverhalten des modernen Menschen geben. Wir leben im Kommunikationszeitalter, Informationen sind im Internet immer und überall verfügbar – genauso wie die ständige Möglichkeit zum Austausch und zur Selbstdarstellung. Primäre Kommunikation ist nicht mehr der direkte Kontakt zum Anderen, sondern vielmehr die Darstellung  und Reproduktion von Geschichten, die weitergegeben werden. Das Resultat ist oftmals mit Informationsdynamiken des Internets vergleichbar: Jeder versucht eine möglichst gute Geschichte zu erzählen und durch fehlende Nachprüfbarkeit verschwimmt die Grenze zwischen Virtualität und Realität.

Der digitalisierte Mikrokosmos von „Unterleuten“

Bezeichnend für diese These über Kommunikation ist, dass Juli Zeh „Unterleuten“ als Kunstwerk versteht, dass die Grenzen des Buchdeckels transzendiert:

„Die Erzählung „Unterleuten“ geht weiter, in Büchern, in Zeitungen, im Internet. Wenn Sie ihr folgen, werden Sie überall auf Teile von „Unterleuten“ stoßen. Weil die Gesellschaft nicht mehr so funktioniert wie zu Zeiten von Balzac, Thomas Mann oder John Updike, ist „Unterleuten“ als Gesellschaftsroman des 21. Jahrhunderts ein literarisch-virtuelles Gesamtkunstwerk.“ Juli Zeh, 3. Mai 2016 via www.unterleuten.de

Dieser Anspruch ist vom Luchterhand Verlag nun auch wirklich angestoßen worden. Auf www.unterleuten.de ist die Digitalisierung des Mikrokosmos „Unterleuten“ zusammengetragen. Neben zahlreichen Einzelvorstellungen des Dorfes und seiner Bewohner gibt es auf der Seite auch Querverweise auf die im Buch vorkommenden Entitäten. Das fiktive Dorf „Unterleuten“ erwacht im WorldWideWeb zum Leben. So haben beispielsweise einige wichtige Vereinigungen und Orte eigene Weppräsenzen (vgl. vogelschutzbund-unterleuten.de oder maerkischer-landmann-unterleuten.de). Es gibt eigene Facebook-Accounts für die Figuren aus dem Buch, auf denen die Figuren „private“ Bilder von sich posten, oder mit Panoramaaufnahmen von ihrem schönen Unterleuten schwärmen.

Sogar die Journalistin, die am Ende des Buches als Zusammenträgerin aller Informationen über Unterleuten offenbart wird, beschwert sich online über fehlende Wertschätzung ihres Beitrags von Seiten der Autorin.

Juli Zeh hat es zusammen mit ihrem Verlag geschafft eine Metaebene außerhalb des literarischen Werkes zu erschaffen, welche die ausgesprochenen Grundsatzfragen aktualisiert: Was bedeutet persönliche Identität? Wo ist die Grenze zwischen Realität und Fiktion, wenn unsere Kommunikation zu einem schlecht funktionierenden Dorffunk pervertiert ist?

Die Grenze zwischen Realität und Fiktion

Die Antwort auf diese Fragen, die zumindest von der Autorin und dem Verlag fossiert werden suggeriert ein faktisches Verschwimmen der Grenze zwischen Realität und Fiktion. Auf die Spitze getrieben ist dieses Verschwimmen in der Person von Manfred Gortz. Gortz wird in „Unterleuten“ immer wieder als Autor des Ratgebers „Dein Erfolg“ zitiert. Er hat eine eigene Homepage, betreibt einen Youtube-Channel, er ist auf Facebook und Twitter aktiv und verkauft sein Buch auf Amazon.

Trotzdem haben etwa die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Existenz von Manfred Gortz in Frage gestellt. Doch Gotz wehrt sich mit einem Video-Statement:

Die Antwort auf die Grundsatzfragen aus Juli Zehs exzellentem Roman „Unterleuten“ wird prägnant von Gortz formuliert: „Entscheiden Sie selbst! Der Mensch ist eine Geschichte, die er sich selbst erzählt.“ (Manfred Gortz im Youtube-Statement)


Beitragsbild: Foto M.K.

Wir danken dem Luchterhand Verlag für die Bereitstellung des Leseexemplars von „Unterleuten„.