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Von Amateur zu Amateur. DIY-Kult-Filmemacher Dirk Oetelshoven und Jens Barlag im Interview

Anarchie war immer eine der Urtriebfedern des Films“ – zumindest aber ist sie es für den No-Budget-DIY-Epos Amateure. Den Film drehte Dirk Oetelshoven, als die fetten Jahre vorbei waren, in Ko-Regie mit Jens Barlag. Warum sie dies taten, wie der Film sich im anarchischen Kino verortet und warum ausgerechnet Robbie Williams mitspielt, erzählen sie im Interview.

Zur Orientierung: Dirk Oetelshoven, geboren 1968 in Remscheid, ist seit Schulzeiten fasziniert von Film und Theater, als Darsteller sowie als Regisseur und Autor. Die ersten Erfahrungen sammelte er mit den Theatergruppen „Hootons wilde Komödianten“ und „Brot & Spiele“. Mit der Letzteren hat er viele preisgekrönte Kurzfilme gedreht. Nach dem Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln arbeitet er u. a. auch als Cutter für TV und Kino (z. B. Die fetten Jahre sind vorbeiDie Summer meiner einzelnen Teile). Dirk ist verheiratet mit der Videokünstlerin Magdalena von Rudy und lebt zusammen mit ihr und ihren beiden Söhnen in Wuppertal. Jens Barlag, geboren 1967 in Nordhorn, Germany, wiederum studierte an der Kunsthochschule für Medien Köln von 1995 bis 2000. Um ihren 2009 veröffentlichten gemeinsamen Film Amateure dreht es sich im Folgenden.


Euer Film Amateure ist „so geil, du lachst Kotze“. Was ist sonst noch so alles zum Kotzen/Lachen/Klotzen/Koten/usw.?

Dirk

Worte mit K sind komisch; „Kruzifix“, „Karambolage“ ist komisch. „Kakerlake“ ist sogar sehr komisch. „Amateure“ ist nicht komisch. Also das Wort, mein ich …

Jens

Ich finde „kotzen“ und „koten“ nicht witzig und „Kotze lachen“ erst recht nicht, sondern eher ekelig. Allerdings ist „Amateure“ auch nicht witzig, den Film meine ich.

Als Alternativtitel kämen in Frage: „Schaben“, „Suppenhelden mit Schlumpfhoden“ oder „Tragödem – Desolat-Aggregationen“ – wie wichtig ist das Depressive in der Kunst?

Dirk

Um es mit Mel Brooks zu sagen: Tragödie ist, ICH haue mir mit dem Hammer aus Versehen auf den Daumen. Das tut weh, ich bin schlecht gelaunt etc. Komödie ist, DU wirst vom Bus überfahren und stirbst!

Jens

Ich mag traurige Lieder, traurige Filme und traurige Menschen.

Welche Bedeutung haben das sog. Fremdschämen und verwandte Geschmackskniffe?

Dirk und Jens

Besser Fremdschämen als fremdenfeindlich!

Nur Dirk

Aber ernsthaft: Ich glaube, wenn Trump, Putin, Erdogan, Wilders, Petry, LePen, Farage, Johnson, Imperator Palpatine für den Bruchteil einer Sekunde spüren könnten, was sie in anderen Menschen für Gefühle auslösen, sie würden sich vor Scham in Meerschaum auflösen. Nicht in diesen schönen weißen Meerschaum, sondern diesen öligen, gelben, nach Fäulnis und Fisch stinkenden Meerschaum.

Jens

Ich glaube nicht, dass die Damen und Herren wasserlöslich sind, aber schön wäre es. Fremdschämen ist immer scheiße und fremdenfeindlich ist noch mehr scheiße.

Einer der Superhelden im Film heißt TRAFO, seine Sidekick-Freundin LUX; ein anderer nennt sich AKKU. Ergeben die drei in Kombination irgendeine relevante Gerätschaft, von der ich wissen sollte?

Dirk

Das ist doch klar: Natürlich die WDR-2-Schütteltaschenlampe!

Jens

Als der Film gedreht wurde, war das iPhone noch nicht erfunden, wir waren immer unserer Zeit ein Stück voraus.

Was steckt hinter dem Plakat von Robbie Williams in Jürgens Wohnung (außer Tapete natürlich)?

Dirk

Dahinter steckt der vergebliche Versuch unserer Praktikantin, auch Ausstatterin sein zu wollen.

Jens

Ich dachte immer, dass die Praktikantin zu faul war, das Bild abzuhängen.

Ich habe polnische „Vogelmilch“ probiert und war enttäuscht – deutsche Süßigkeiten sind doch gar nicht so übel?

Dirk

Vergiss es. Nur der Mangel macht’s. Aus ihrem Bonbon-Stanniolpapier basteln die Polen wahre Kunstwerke! Kleine bunte Kirchen oder Paläste. Wow!

Jens

Sorry, da bin ich raus.

Was ist vom Bedingungslosen Grundeinkommen zu halten, das immerhin für 1000 Gramm Brot und 12 Spiele reichen müsste?

Dirk

Nur her damit, und dabei gehts mir gar nicht ums Geld, sondern: Wie sähe eine Welt aus, in der jeder nur noch das macht, was ihm Spaß macht? The Walking Dead oder Star Trek: The Next Generation?

Jens

Anarchie war immer eine der Urtriebfedern des Films, auch wenn ich das erst Jahre später begriffen habe.

Wodurch sollte der übliche Büroalltag am ehesten ersetzt werden, um alle akuten gesellschaftlichen Probleme endlich in den Griff zu bekommen: Nazighuule, Macrogol oder Antihistaminika-Horrortrips?

Dirk

Definitiv Nazighuule. Endlich mal ein Wort, das man nicht googeln kann!

Ansonsten vertrau‘ ich auf die Entwicklung der KI, die uns alle Arbeit abnehmen wird. Ich hör jetzt schon mal auf zu arbeiten, damit es schneller geht. Doch auch die KI wird irgendwann die Schnauze voll haben, also sollte die KI vielleicht nicht zu I sein.

Jens

Und wir singen im Atomschutzbunker: „Hurra, diese Welt geht unter!“ Auf den Trümmern das Paradies.

Wie schneidet Helges Jazzclub im Vergleich zu seinen anderen Filmen ab?

Jens

Muss zugeben, dass das der einzige Schneider ist, den ich noch nicht zu Ende gesehen hab. Was sagt das über mich?

Dirk

Im Wendekreis der Eidechse dagegen ist ein kleines Meisterwerk meiner Ansicht nach. Hugos Ansicht nach auch! (Mein Sohn, 10.)

Jens

Mit Helge Schneider konnte ich nie was anfangen, Terror 2000 finde ich weitaus besser.

Was ist zum zeitgenössischen deutschen Film zu sagen?

Dirk

Hallo, zeitgenössischer deutscher Film, aber ich kann heute leider wieder nicht, sorry …

Jens

Jetzt mal eine ernste Antwort: Da gibt es eine Menge Dreck, aber ein, zwei Perlen sind dabei.

Welche Geheimtipps des (nicht ausschließlich deutschen) Indie-Kinos wären nennenswert?

Dirk

Super von James Gunn natürlich, auch wenn er alles geklaut hat von uns, aber man muss auch gönnen können.

Jens

Da schließe ich mich an.


Den gesamten Film Amateure gibt’s hier:

Quelle: YouTube

Lommbock. Bestandsaufnahme des deutschen Gourmet-Kinos

Wer dachte, dass nach Lammbock nichts mehr kommt, hat seine Rechnung ohne Kiffer gemacht. Denn die bewegen sich langsam. Aber sie bewegen sich.


Und so finden 16 Jahre später alle wieder zueinander. Stefan (Lucas Gregorowicz) und Kai (Moritz Bleibtreu), einstige Betreiber einer Würzburger Pizzeria mit Namen „Lammbock“. Genauso die beiden Dauercamper Frank (Wotan Wilke Möhring) und Schöngeist (Antoine Monot Jr.) sowie Stefans Exfreundin Jenny (Alexandra Neldel). Die beiden waren schon bei Lammbock nicht mehr zusammen, aber so richtig hat das nie mit ihnen aufgehört. Dass inzwischen aus dieser kleinen Schauspielriege in den Klammern, die bei Lammbock noch an ihren Anfängen stand, Berühmtheiten unterschiedlichster Formate geworden sind, macht ein wenig den Reiz des Films aus.

Unter ihnen befindet sich ja nicht zuletzt einer der wichtigsten deutschen Gegenwartsdarsteller. Zwei haben inzwischen die Fronten gewechselt und sind, der eine für den Polizeiruf, der andere beim Tatort, unter die Kommissare gegangen. Andere haben sich als Tech-Nick oder Wanderhure Namen gemacht und Werbefernseh- bzw. Sat1-FilmFilm-Geschichte geschrieben. Dass Christian Zübert, dem wiederkehrenden Regisseur der Reihe, die Entwicklungen des deutschen Kinos nicht entgangen sind, zeigt auch das Fingerspitzengefühl, mit dem er den Cast, um „Freistatt“-Darsteller Louis Hoffmann etwa, auffrischt. Aber alle einfach zusammenzuwerfen und machen zu lassen reicht natürlich nicht. Worum geht’s hier?

Das Drehbuch macht aus Lommbock zunächst eine Bestandsaufnahme. Natürlich war Lammbock einst, wenn man es runterbricht, bloß ein gut gemachter Genrefilm, der zwei chaotische Freunde, die eigentlich nur Spaß, Gras und Ruhe suchten, mit den Wirren der sie umgebenden bürgerlichen, versteiften Gesellschaft konfrontierte. Nach eineinhalb Stunden war alles gesagt. Aber nur mal angenommen, die Biografien unserer Helden von einst hätten doch über die damals präsentierten 90 Minuten hinausgereicht: Wie wären sie verlaufen? Als Marihuana-Produzenten und gewiefte Dealer hätten sie es in Würzburg wohl nicht weit gebracht. Das Drogengeschäft hat sich geändert, wurde inzwischen von richtigen Geschäftsleuten übernommen. Und eigentlich waren die beiden ja schon in Lammbock zu alt für ihren Lebensstil und mussten sich mit dem an sie herangetragenen Anspruch auseinandersetzen, eine Erwachsenenpersönlichkeit auszuprägen.

Im drogenfeindlich präsentierten Bayern gab es da eigentlich nur zwei Optionen: anbiedern oder auswandern. Und während sich Kai nun für das erste entschied, wählte Stefan das zweite. Beide wohlgemerkt im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Denn so richtig glaubt sich weder der bayerische Patchworkfamilienvater noch der millionenschwer verlobte, in Dubai lebende Geschäftsmann seine Rolle. Dass Dubai ohnehin keine gute Idee für Drogenfreunde ist, sei an dieser Stelle vorweggenommen. Als Letzterer nun für Papierkram mal wieder in die Heimat reist, eskaliert die Situation im Grunde unmittelbar. Denn wie sehr man sich auch weiterentwickelt hat, fällt man doch auf vertrautem Terrain rasch in alte Rollen. Erschreckend vieles scheint mit feinen Unterschieden ohnehin beim Alten zu sein. Aus der Pizzeria Lammbock ist der Asia-Imbiss Lommbock geworden. Und während Kai und Stefan im Film einen stetig wachsenden Haufen vermeidbarer Probleme aus dem Weg schaffen müssen, gelingt es ihnen, wie schon in Film eins, sich zu den wichtigen Fragen vorzuarbeiten, denen, die das eigentliche Problem sind: Was wollen sie eigentlich vom Leben? Lommbock stellt indes nicht nur Lebenspläne infrage, sondern zerschießt sie systematisch, was aber völlig okay ist, da diese eben einfach nicht gut waren.

Ein bisschen fühlt sich der Film dabei an wie ein Klassentreffen. Eines, bei dem man als Filmzuschauer das Privileg genießt, als unsichtbarer Betrachter bloß zusehen zu dürfen und zu staunen, was da aus all den Hoffnungen von früher geworden ist. Das Blöde am Unsichtbarsein, Sam wird das bestätigen, ist allerdings, dass man nicht eingreifen kann. Und so wird man wieder wehrloser Zeuge gewohnt unangenehmer Szenarien. Auch wenn die vielleicht nicht an die Überraschungsparty-Staubsauger-Szene von einst heranreichen, kommt Lommbock doch ohne Frage für seine Kosten auf. Elegante Twists spielen hierbei eine wichtige Rolle. Und Wotan Wilke Möhring gelingt es womöglich gar, seinen kleinen Sidekick zur Rolle seines Lebens auszubauen.

© Wild Bunch Germany

An selbstreferenziellen Verweisen mangelt es ebenfalls nicht. Schwächen hat der Film höchstens darin, als unabhängige Geschichte zu funktionieren. Vielleicht kommt er auch gegen sein prägnantes Vorbild etwas aufgeblasen daher. Aber geben wir dem Ganzen doch nochmal 16 Jahre. Lummbock, das große Trilogie-Finale, bügelt alles aus. Und wer weiß: Bis dahin ist Louis Hofman Dschungelkönig und Alexandra Neldel Oscarpreisträgerin. Mit etwas Glück sitzen Kai und Stefan dann (Achtung: Spoiler) hoffentlich auch nicht mehr im Gefängnis.

Merke: Lommbock fällt elegant zwischen die Zielgruppen und funktioniert in erster Linie als Fan-Arbeit eines Kultfilms, ist aber nicht nur für Liebhaber von Playstations und Gourmetpizzen unbedingt empfehlenswert. Geheimtipp: Vorher nochmal Lammbock gucken. Ist zurzeit auch bei Netflix. Zufälle gibt’s.

Titelbild: © Wild Bunch Germany

Hitlers Hollywood – Eine Geschichte des deutschen Films

Mit einem reißerisch anmutenden Titel wird ein dokumentarisches Portrait des deutschen Films vom Zerfall der Weimarer Republik bis zum Untergang des Dritten Reichs gezeichnet. Dieser Zeitraum geht einher mit der vollständigen Dekadenz einer hinsichtlich Innovation und Fortschritt einst weltführenden Institution kultureller Produktion. Welche Rolle hatte der deutsche Schauspielfilm als Propagandamittel und warum konnte er vermutlich dadurch bis heute nie an seinen ehemals progressiven und avantgardistischen Charakter anknüpfen? Eine Annäherung mit Verweis auf aktuelle Diskurse der filmischen Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit.


„Hitlers Hollywood“. Was hat sich Rüdiger Suchsland – seines Zeichens nicht zuletzt aufgrund seiner Tätigkeit für überregionale Tages- und Wochenzeitungen viel gelesener Filmkritiker – bei der Titelauswahl für sein neuestes selbst produziertes Werk gedacht? Ohne ihm dies an dieser Stelle zu unterstellen, werden böse Zungen mit dem Vorwurf des Pathos sagen: Hitler geht immer. Denn die moderne Personifizierung des Bösen garantiert hohe Einschaltquoten und Auflagezahlen. Oder aber ist es in heutigen Zeiten des Clickbaitings ein legitimes Mittel, mit vermeintlich profanen Namensgebungen ein breiteres Publikum für einen gesellschaftsrelevanten Diskurs zu gewinnen?

Ganz abwegig erscheint diese Intention nicht, denn die Kontinuität von faschistischen und menschenfeindlichen Denkweisen in der europäischen Zivilgesellschaft macht deutlich, dass eine Auseinandersetzung mit der ach so ruhmvollen Vergangenheit der deutschen Nation(en) immer Aktualität und deswegen Relevanz besitzt. Denn der Weg des Vergessens ist offenkundig der bequemere und so manche٭r Mitbürger٭in wird nicht müde, die eigene Müdigkeit zu betonen, die Verantwortung für die ((Ur-)Groß-)Elterngeneration für einen Teil mitzutragen. Dies ist keine neue Erkenntnis und deswegen braucht dieser Aspekt gewiss nicht diskutiert zu werden.

Histotainment oder die Knoppisierung der Geschichte

Unterhalten werden möchten die deutschen Medienkonsument٭innen offensichtlich dennoch. Und geht es um Entertainment, so bietet sich die nationale Vergangenheit mit den Jahren 1933 bis 1945 als Spitze des Eisberges geradezu als ein unversiegbares Füllhorn an. In diesem Zusammenhang geht es jedoch nicht um Schuld oder ein Verantwortungsgefühl, das nicht weiter als Last empfunden werden möchte. Die Ausstrahlung diverser TV-Produktionen, die sich inhaltlich mit der nationalsozialistischen Ära auseinandersetzen, setzt dies jedoch auch nicht voraus. Außerordentlich fragwürdige Projekte, wie die 2013 im ZDF und ORF ausgestrahlte und eine breite Öffentlichkeit erreichende Trilogie Unsere Mütter, unsere Väter arbeiten konsequent an einem naiven Bild der ideologiebefreiten deutschen Jugend. Andere Beispiele für diese Depolitisierung und einem damit einhergehenden tendenziellen Schuldfreispruch der Zivilgesellschaft sind Dresden (2006), Die Flucht (2007) oder Die Gustloff (2008).

Einen wichtigen Beitrag zu dieser Entwicklung des deutschen Opfermythos leistete zweifellos der Publizist und Populärhistoriker Guido Knopp, der sich für zahlreiche Produktionen mit dem vermeintlichen Anspruch des Dokumentarischen, von denen die ebenfalls im ZDF erscheinende Reihe History die wohl bekannteste ist, verantwortlich zeichnet. Knopp hat mit seiner Herangehensweise in gewisser Weise gar ein eigenes Genre geschaffen, mit dem sich die dunkle und so fern scheinende Vergangenheit wunderbar gemütlich auf dem heimischen Sofa konsumieren lässt: das Histotainment. Hierbei geht es, wie der Name bereits verrät, nicht um Bildungsarbeit und Aufklärung im Sinne geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern primär um den Unterhaltungscharakter bei der Aufarbeitung der damaligen Ereignisse.

So ist es nicht verwunderlich, dass die führenden Vertreter des NS-Regimes und deren persönlichkeitsbildende Anomalien einen großen Raum einnehmen, während die Zivilgesellschaft folglich als das verführte oder gar wehrlose Volk präsentiert wird. Auch die Flucht vor der Roten Armee aus den damals ostpreußischen Gebieten sowie die Bombardierungen der deutschen Großstädte durch die alliierte Luftwaffe spielen in der knoppisierten Weltgeschichte eine eklatant große Rolle und werden in emotionalisierender sowie dramatisierender Ausprägung dargeboten.

Das Potential des Dokumentarischen

Das alles hat wenig mit Ansätzen gemein, die beispielsweise Claude Lanzmann in wegweisender Form verfolgte. Das über neunstündige Dokumentarmonument Shoah, das der französische Filmemacher über ein Jahrzehnt zusammenstellte und 1986 veröffentlichte, übt sich in einer Sachlichkeit, die für die unaussprechlichen Geschehnisse zwar unmöglich erscheint, dadurch jedoch ein angemessenes Distanzverhältnis gegenüber dem Zuschauenden schafft, um das nicht Darstellbare zu repräsentieren. Lanzmanns politisches Interesse liegt in diesem Kontext nicht darin, einen Film der Trauer oder Therapie zu schaffen, sondern aktuelle Zeitzeugenberichte Überlebender in ein Objekt der Massenkultur zu transformieren. Die Rezeption eines Dokumentarfilms wiederum ist stets von der Perspektive des Betrachters abhängig. So schildert der Film- und Theaterregisseur Andres Veiel, der sich in seiner Arbeit u. a. thematisch mit der Kontinuität von Gewalt auseinandersetzt, dass einige Zuschauer Schwierigkeiten mit einer Abstraktion des Dargestellten hätten, für andere hingegen „ist genau diese Reduktion die Stärke des Films. Für sie entwickelt der Film eine dokumentarische Kraft allein durch die vorgetragenen Interviews“.

Um nun eine Brücke zurück zu Rüdiger Suchslands jetzt erscheinenden Film „Hitlers Hollywood“ zu schlagen, sei noch die Begrifflichkeit der „Propaganda“ erwähnt. Der Terminus erschien zum ersten Mal im Zusammenhang der Gegenreformation und bezog sich auf die Glaubensvermittlung. Unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise und Kriegsgefahr war „Propaganda“ in den 1930er Jahren in einem didaktischen Sinne noch positiv konnotiert, was sich erst in der Nachkriegszeit änderte. Denn der Dokumentarfilm wurde schließlich während der Kriegstage im Interesse des Krieges, Faschismus, Stalinismus sowie beispielsweise der Atombombe genutzt.

Dass dies auch für den Schauspielfilm gilt, erkennt Suchsland und setzt dementsprechend an diesem Punkt an. Denn während dem Dokumentarfilm dies in den meisten Fällen entgegengehalten wird, wird dem Spielfilm eine Grenzüberschreitung zwischen dem Fiktionalen und Dokumentarischen grundsätzlich zugestanden. Der französische Philosoph François Niney kommt zurecht zu dem Schluss, dass der „Gebrauch von ebenso vagen wie weiten Kategorien wie ‚real‘, ‚imaginär‘, ‚Fakt‘ und ‚Fiktion‘ einen Berg von epistemologischen Problemen auf[wirft]“. Letztendlich verweisen auch fiktionale Werke wie Romane oder Spielfilme auf die Realität. Das macht Suchsland an seiner Betrachtung der deutschen Filmgeschichte während des Nationalsozialismus fest und untersucht diesen auf Elemente wie Propaganda, Gleichschaltung oder Antisemitismus.

Quelle: YouTube

Zwischen Agitation und passivem Widerstand

Anders als Knopp & Co. verfolgt der deutsche Filmkritiker das Ziel, frei von emotionaler Verklärung und Dramatik, vor allem im Hinblick auf Propaganda ein Portrait des deutschen Films zu zeichnen und in diesem Zuge dessen Parallelen zum Auf- und Niedergang des NS-Regimes zu ziehen, was durchaus gelingt. Zu Beginn der Regierung der NSDAP prägen Eigenschaften wie Kameradschaft und selbstmörderische Aufopferung das Bild. Diesbezüglich erscheint der Tod als das zentrale Stilmittel des Films. Anders als die während der Weimarer Republik entstandenen Werke zeichnen sich die Filme, für die von Anfang an Propagandaminister Joseph Goebbels Verantwortung trägt, wenig überraschend durch Kitsch, Ironiefreiheit und verkrampfte Fröhlichkeit aus.

Untermalt werden die präsentierten Beispiele von Suchsland mit Gedankenspielen von namhaften und teils fachnahen Persönlichkeiten wie Siegfried Kracauer, Susan Sontag, Hannah Arendt, Theodor W. Adorno und Walter Benjamin. Frühwerke wie „Hitlerjunge Quex“ aus dem Jahr 1933 haben unzweifelhaft propagandistische Zwecke und lassen die vorangegangene Periode der Weimarer Republik als eine Zeit des Chaos und der Anarchie zurück. Die Urängste vor diesen beiden Szenarien werden durch eine Ästhetisierung der Politik bedient. Die Heroisierung der Gleichschaltung und Ordnung erfolgt unter anderem in Leni Riefenstahls Film zum Nürnberger Reichsparteitag 1934.

Laut Suchsland wurden im nationalsozialistischen Deutschland ca. 1.000 Filme produziert, von denen etwa 500 als Komödien und Musikfilme einzuordnen sind, während der Rest Melodramen und Abenteuerfilme waren. Zynisch bemerkt der Regisseur, dass Horror- oder Fantasyfilme kaum Beachtung fanden, da sie sich zu nah an der Realität bewegten. Hervorgehoben wird zudem die Rolle der UFA, die Hitler und seiner Gefolgschaft durch die eigenen Wirkungskreise zunächst zur Macht verhalf und später aufgrund der Verstaatlichung zum zentralen Organ filmischer Produktion im Deutschen Reich wurde. Rückwärtsgewandtheit und nationale Isolation kann dem deutschen Film zu jener Zeit zumindest in technischer und personeller Hinsicht nicht vorgehalten werden. Neuartige Schnitttechniken schufen etwas Irreales hin zu einem Verschwimmen der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit und verhalfen dem Film somit zu einer illusionistischen Charakteristik. Viele Stars des damaligen deutschen Films waren darüber hinaus Ausländer, wie beispielsweise Marika Rökk oder der bis in die 2000er Jahre allseits beliebte Johannes Heesters.

Berücksichtigung finden in der damaligen Filmindustrie selbstverständlich Filmschaffende, die bestens für die NS-Propaganda geeignet schienen: Heinz Rühmann, dessen infantile Charaktere suggerierten, dass die Realität doch nur halb so schlimm sei. Ferdinand Marian als Hauptfigur der Verfilmung von „Jud Süß“, der sich in die Liste der 1940 veröffentlichten unmissverständlich rassistisch-antisemitischen Werke wie „Die Rothschilds“ oder „Der ewige Jude“ einreihte und die Endlösung in der Judenfrage propagandistisch vorbereitete. Die schwedische Schauspielerin Kristina Söderbaum, die als Idealbild der „arischen Frau“ aufgrund des Schicksals ihrer Charaktere den Beinamen „Reichswasserleiche“ erhielt. Und nicht zuletzt deren Ehemann Veit Harlan, der als Regisseur die Perfidität auf höchstem Niveau beherrschte und gegen Kriegsende als Speerspitze mit der Vereinigung von Krieg und Liebe die Bombenangriffe der Alliierten romantisierte und Verschwörungen gegen Kriegsgegner großzügigen Platz einräumte.

Zu den gleichgeschalteten Akteuren gesellen sich jedoch Personen, die sich in diverser Form von der einheitlichen Propaganda unterschieden. Hans Albers, vom äußeren Erscheinungsbild prädestiniert für die Propagandamaschinerie, verkörperte aufgrund seines Witzes und seiner actionlastigen Szenen in gewisser Weise den Anti-Nationalsozialisten. Auch der spätere schwedische Weltstar Ingrid Bergman bereute die einstige Kooperation in „Die 4 Gesellen“ (1938), was sie unter anderem im US-amerikanischen Klassiker „Casablanca“ (1942) untermauerte, indem sie dort eine Antifaschistin verkörperte. Gustaf Gründgens unternahm den zu seiner Vita passenden janusköpfigen Versuch zwischen Kollaboration und Widerstand.

Auch die Rolle der Frau wies gelegentlich feministische Züge auf. So behandelt Wolfgang Liebeneiner in „Großstadtmelodie“ (1943) den Werdegang einer Frau, die entgegen der Konventionen ohne Kinderwunsch und mit freundschaftlicher Beziehung zum männlichen Geschlecht sowie selbstbewusster Ausstrahlung ihre Karriereziele verfolgt. Auch wenn diese Aspekte als eine Form des passiven Widerstands interpretiert werden könnten, reicht es freilich nicht für den Titel des Gerechten unter den Völkern. Zum einen offenbarten sich keine Filmschaffenden, die sich öffentlich gegen das Regime stellten, zum anderen erschien aktiver Widerstand aufgrund des Zensurapparates und der drohenden Konsequenzen im Inland ohnehin nahezu unmöglich. Somit war Subversion, wenn überhaupt, nur in äußerst dezenter Form realisierbar: „Die Schauspieler waren die Hofnarren, die mehr als andere die Wahrheit aussprechen konnten. Aber eben nur am Hofe.“

In den letzten Kriegsjahren verweist der Versuch, sich im Genre des Fantasyfilms zu bedienen, eindeutig auf den Wunsch nach einer Gegenwelt. Harlans Morbidität bezeichnet Suchsland als kümmerliche abgebildete Sehnsucht ohne Zielsetzung. Die bis dahin teuerste und aufwendigste deutsche, in Agfacolor gedrehte, Produktion „Kolberg“ aus dem Jahr 1945 verleugnet die Vorahnungen des bevorstehenden Untergangs zwar nicht, heroisiert denselben jedoch und stellt Elemente wie den Opfertod oder schlichtweg Resignation in den Mittelpunkt. Ohne auf die nach dem Krieg folgende weitere Entwicklung des deutschen Films einzugehen, stellt Suchsland somit die offene Frage, wieviel nach 1945 vom deutschen Film weiterlebte. Denn die viel zitierte Stunde Null habe es in diesem Fall nicht gegeben. Gegen Kriegsende verlor der deutsche Film gleichbedeutend mit dem bevorstehenden Zerfall des Regimes sukzessiv an Wirkung und filmischer Leistung. Eine Dekadenz, von der sich der einst international äußerst erfolgreiche und progressive Film vielleicht bis heute nicht erholt hat.

Ergiebiges Sammelsurium mit bedeutender Schwäche

Sicher ist, dass „Hitlers Hollywood“ – trotz des für manchen wohl abschreckend wirkenden Titels – ein brauchbarer Dokumentarfilm bleibt, indem er ein Panorama des nationalsozialistischen Films malt und dabei sowohl die Gleichschaltung als auch Ansätze vermeintlichen Widerstands sowie die Tragweite einzelner Akteure beschreibt. Als problematisch kann es erachtet werden, dass es sich bei Suchslands Werk um eine Anhäufung chronologischer Informationen handelt, deren historische Einordnung jedoch an zahlreichen Stellen vermisst wird. Für nicht unwesentliche Teile der Bevölkerung, die der Beschäftigung mit der Thematik ohnehin vertraut sind, wird dies aufgrund des mitgebrachten Vorwissens zweifellos keine allzu große Hürde sein.

In Zeiten, in denen Vaterlandsliebe mit Übergehen der 1930er und 1940er Jahre vereinbart werden soll und kann, politische und historische Bildung also weitaus weniger als nur defizitär vorhanden ist, bleibt diese ausgelassene offensichtliche Kategorisierung zumindest in Teilen problembehaftet. Dies gilt gerade dann, wenn ein solcher Film der breiten Öffentlichkeit präsentiert wird, was angesichts der relevanten Materie eigentlich auch der Fall sein sollte. Erwartet werden darf außerdem nicht, dass „Hitlers Hollywood“ bedeutende neue Erkenntnisse liefert. Vielmehr ist er als ein Zeugnis einer der weitreichendsten Epochen des deutschen Films zu betrachten. Diese Funktion erfüllt er in vollem Maße.

Filmstart in den deutschen Kinos am 23.02.2017

Literatur:

Niney, François (2012): Die Wirklichkeit des Dokumentarfilms. 50 Fragen zur Theorie und Praxis des Dokumentarischen, Marburg: Schüren.

Renov, Michael (2004): The Subject of Documentary. Minneapolis, MN: University of Minnesota Press.

Veiel, Andres (2006): Die Grenzen des Darstellbaren, in: Zimmermann, Peter/Hoffmann, Kay (Hg.): Dokumentarfilm im Umbruch. Kino – Fernsehen – Neue Medien, Konstanz: UVK, 274-277.

Titelbild: Hilde Krahl in Wolfgang Liebeneiners „Großstadtmelodie“

„Du wirst ihr nichts tun!“ – Der Eid

Wie weit würden Sie gehen? Wenn Sie erpresst werden? Wenn ihre Familie bedroht wird? Wenn Sie sehen, wie ihre Tochter in einen Sumpf aus wilden Partys und Drogen rutscht? Wenn dem Rechtsstaat die Beweise fehlen, um die Gefahr abzuwenden, die Sie kommen sehen?


Eigentlich hat Finnur (Baltasar Kormákur) ein angenehmes und reibungsloses Leben. Mit seiner Frau Margarét Bjarnadóttir und ihrer gemeinsamen Tochter Hrefna lebt er in einem schicken Haus am Rande von Reykjavik, und sein Beruf als Chirurg ermöglicht der Familie einen komfortablen Alltag. Nur seine Tochter aus erster Ehe macht ihm Sorgen. Anna (Hera Hilmar) ist bereits volljährig, von zuhause ausgezogen, und obwohl er zu ihr ein liebevolles Verhältnis hat, scheint sie sich von ihm zu entfernen. Als sie dann zur Beerdigung seines Vaters verspätet und verkatert erscheint und sich noch vor der Trauerfeier von ihrem neuen Freund Óttar (Gísli Örn Garðarsson) abholen lässt, bekommt Finnur ein ungutes Gefühl.

Wenige Tage später wird sich dieses Gefühl bestätigen. Nachts erhält er einen panischen Anruf seiner Tochter. Von Drogen völlig verwirrt und halb betäubt sei sie auf einer Party überfallen worden. Doch die Polizei findet keine Anzeichen auf Gewalt an ihr und sie selbst kann oder will sich an nichts erinnern. Als Finnur der Sache nachgeht, offenbart sich ihm, dass Óttar mit Drogen handelt. Als er diesen zur Rede stellt und fordert, Anna in Ruhe zu lassen, bedroht dieser erst ihn, dann Anna und schließlich auch Solveig und Hrefna. Zum Handeln gezwungen, sieht sich Finnur vor eine schwierige Frage gestellt. Wie weit ist er bereit zu gehen, um seine Familie zu schützen? Mit der gleichen Präzision, die ihn in seinem Beruf befähigt Leben zu retten, geht er nun Schritt für Schritt gegen Óttar vor. Doch hierbei bricht er nicht nur mit dem hippokratischen Eid, den er als Arzt geschworen hat.

Quelle: YouTube

In 102 Minuten führt uns Kormákur, der nicht nur ein beeindruckender Schauspieler ist, sondern in seinem vierten Film auch die Regie übernimmt, durch eine schonungslos realistische Erzählung. Keiner der Charaktere – selbst Óttar nicht – ist nur gut oder nur böse gezeichnet. Jede٭r spielt seine oder ihre Rolle realistisch, unaufgeregt und lebensnah. Unterstützt wird dieses detailreiche Schauspiel durch eine filmästhetische Mischung aus düsteren nordischen Schneelandschaften und glänzenden Personenaufnahmen, die ein wenig an Hollywood erinnern. Auf die Frage, warum der Film unbedingt auf Island spielen musste, antwortet der geborene Isländer Kormákur: „(…) nur in Island kann sie so wunderbar klaustrophobisch sein.“ Damit sich einem diese spezielle Stimmung wirklich erschließt, sollte man den Film allerdings unbedingt im Original (mit Untertiteln) ansehen. Schon der deutsche Trailer vermittelt einen Eindruck davon, wie viel sonst von der Stimmung des Films verloren geht. Am Ende dieses Thrillers verlässt man das Kino mit einer Frage an sich selbst: Wie dicht ist eigentlich die zivilisatorische Decke, die wir uns umgelegt haben und wie handeln wir, wenn jemand diese Decke mit Gewalt zerschneidet?

Würden Sie für ihre Familie, für ihr Kind töten?

© Alamode Film

The Invitation – zwischen Dinnerparty-Kammerspiel und Sektenhorror

Im Folgenden ein paar Argumente für Karyn Kusamas Sektiererei „The Invitation“, eines der Highlights von 2016.


Was sind Kulte doch creepy. Die eindrucksvollsten (Horror-)Filme entstammen nicht selten dem Subgenre „Sektenhorror“. Ob sinistre Klassiker wie The Wicker Man, Rosemary’s Baby, Suspiria, Eyes Wide Shut oder weniger bekannte Perlen (Martyrs, Faults, Sound of My Voice) – das Konzept einer bösartig-eigensüchtigen, perfide manipulierenden Elite, die meist über mehr als bloß einen Wissensvorteil verfügt, ist faszinierend. Dasselbe gilt für die poetische Kraft von Verschwörungstheorien, deren „I want to believe“-Ästhetik neben der TV-Legende X-Files auch Geheimtipps zu einer treuen, mitunter kleinen Fanbase (vgl. Nowhere Man) verhalf.

In dem neuen Film von Karyn Kusama (zu deren Werken das vielgelobte Boxerindrama Girlfight sowie die vielverrissene Zeichentrickadaption Aeon Flux gehören) findet, ähnlich wie in Ben Wheatleys fiesem Kill List, eine Genre-Metamorphose statt. Das Dinnerparty-Kammerspiel, ebenfalls ein kataklysmusfreundliches Subgenre, beginnt als Familiendrama: Nach dem Unfalltod seines Sohnes vor zwei Jahren ist Will (Logan Marshall-Green) immer noch traumatisiert, und nun lädt seine immerzu lächelnde Ex-Frau Eden (Tammy Blanchard), die Mutter des Verstorbenen, gemeinsam mit ihrem neuen, überaus suspekten Ehemann David (Michiel Huisman, Game of Thrones) das erste Mal seit der Tragödie Will sowie einige gemeinsame Freunde zu einem Wiedersehen ein. Der Umstand, dass Eden nach ihrem Suizidversuch längere Zeit in der titelgebenden Sekte in Mexiko verlebt hat, dominiert schon bald die Zusammenkunft. Dementsprechend will sich Ungezwungenheit nicht so recht einstellen, zumal als denkbar unpassender Icebreaker ein Indoktrinationsfilmchen vorgeführt wird. Vielleicht erscheint es zunächst enttäuschend, wie plump der Kultanführer darin die Clubmitgliedschaft bewirbt, worauf kein halbwegs gebildeter Mensch hereinfallen würde. Doch das ist nur der Beginn einer wunderbaren Entwicklung über einen vor lauter Verhängnis unerträglich fesselnden Psychothriller hin zu einem entfesselten, möglicherweise etwas zu blutigen Horrorfinale.

Quelle: Vimeo

Dabei ist vor allem das Schauspiel des zunehmend paranoiden, von seinem Verlust irreparabel gezeichneten Hauptdarstellers intensiv. Aus ein paar seltsam deplatzierten Worten erwächst unwiderrufliche Apokalyptik, Omen verdichten sich – das Grauenhafte ist kurz davor, in die Realität hinüberzuwechseln. Die ins Ungeheuerliche verweisenden letzten Sekunden (seltsame Broadchurch-Parallele inklusive) mögen zwar durchaus artifiziell-übertrieben anmuten, verstören aber nachhaltig. Eine relevante Eigenschaft, die der Film mit den eingangs erwähnten Meisterwerken teilt.

Titelbild: © Drafthouse Films

„In Trumpland“

Für eine Umstimmung der Trump-Wähler hat der Film von Michael Moore nicht gereicht. Doch gibt er uns einen Eindruck davon, was uns im Trumpland erwartet?


Auf Kuschelkurs mit Hillary begibt sich Michael Moore in „Trumpland“, einem Film, der potentielle Trump-Wähler überzeugen sollte, doch noch für Clinton zu stimmen. Was den Titel betrifft, scheint Moore eine Vision gehabt zu haben, die über Nacht nun leider Realität geworden ist: Wir befinden uns in Trumpland. Die USA haben sich eine Trump-Regierung an den Hals gewünscht – ähnlich stimmten in einer „Zeit“- Umfrage nur Frankreich und Russland, wobei ersteres mehr verblüfft.

Aber was steckt hinter dem filmischen Trumpland von Michael Moore und wird es den hochgeschraubten Erwartungen gerecht? Vermag es auch nur einen Trump-Wähler umzustimmen? Offensichtlich nicht.

Das Filmerlebnis im Babylon startet mit einer Orgel-Einlage, die positiv stimmt und an unbeschwerte Zeiten in nostalgisch möblierten Etablissements erinnert. Dann tritt ein Mann vor das Publikum und preist seine „Berlin for Bernie“-Kampagne an, die mittlerweile auf einen anderen Namen hört, nämlich „progressive democrats abroad“. T-Shirts mit Bernie-Aufdruck können erworben werden und alle applaudieren für den Mann, der die kostenlose Vorführung von „Trumpland“ möglich machte. Endlich startet der Film. Die One-Man-Show, die in einem Theater stattfindet, beginnt mit einer Reihe von Clichés über Republikaner und Demokraten. Während erstere als besonders organisiert, zielstrebig und aufgeräumt gelten, scheinen letztere unentschieden und grüblerisch. Auf die ersten vagen Lacher folgt tosendes Gelächter, als Moore die Räumlichkeiten des Theaters einweiht: Links oben wurde ein Séparée für alle Mexikaner und mexikanisch aussehenden Menschen eingerichtet, die dort sitzend darauf warten können, wie im Laufe des Theaterstücks langsam eine Mauer aus Pappe um sie herum gebaut wird. Auf der anderen Seite wurden alle Muslims und muslimisch Aussehenden separiert, über deren Köpfe eine Drohne fliegt – all das zur Beruhigung der anwesenden Republikaner oder wenn man ehrlich ist, zur Belustigung der überwiegend demokratisch orientierten Theatergäste.

„Don’t get gay married if you don’t like“

Moore steigt ein und legt die Karten auf den Tisch: Er selbst hätte für Sanders gestimmt, er sei kein Hillary-Fan, und so fällt es ihm zunächst gar nicht leicht, drei positive Dinge über die Frau zu sagen. Damit ist man dann auch an dem zentralen Thema des Abends angelangt: dem Frau-Sein.

Im Folgenden wird man Zeuge wie Moore versucht die anwesenden Republikaner weiter einzubeziehen, so erteilt er hilfreiche Lektionen über Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe: „Don’t get gay married if you don’t like, and don’t get an abortion if you don’t want one“. Über die Generation der Millenials ist Moore sichtlich begeistert und befreit sie von der Verantwortung für die Schandtaten seiner eigenen Generation. Doch im besonderen Fokus steht das Frau-Sein. Frauen könnten jetzt auch Single sein, bräuchten Männer nicht mehr, wären noch nie Amok gelaufen und hätten auch die Atombombe nicht erfunden. Wäre also eine Welt die bessere, die von einer Frau regiert würde? Es scheint so. Gut, dass Hillary sich anbietet, die Welt scheint gerettet, denn sie ist bekanntlich eine Frau. Auch wenn die Überredungsversuche Moores eher emotionaler als argumentativer Art sind, lernen wir die Person Hillary Clinton von einer neuen Seite kennen: als verletzliches Lamm, dem in der Vergangenheit oft Unrecht getan wurde und doch so willensstarke Persönlichkeit, die ihre politischen Ziele klar verfolgt. Welche das sind, bleibt größtenteils außen vor. Trump-Wählern mit Rationalität beizukommen wird gar nicht erst versucht.

Das Gesundheitssystem oder die Frage – was ist Terror?

Eine Ausnahme stellt der interessante Schwenk zum Thema Gesundheitssystem dar, wobei auch hier die Emotionalität im Vordergrund steht – es wird daran erinnert wie viele, nämlich 1 Mio., Amerikaner innerhalb von 20 Jahren ihr Leben verloren haben, ganz einfach weil sie nicht versichert waren und sich den Arztbesuch oder teure Medikamente und OPs nicht leisten konnten. „Was ist Terror?“, fragt Moore im Anschluss einmalig provokativ und erhält Standing Ovations, als er daran erinnert, dass fast jeder jemanden kennt, den er an das Gesundheitssystem Amerikas verloren hat. Bemerkenswert ist wirklich, dass Clinton, angespornt, das Gesundheitssystem zu verbessern, einst nach Estland reiste, um herauszufinden, woran es liegt, dass dort so viel weniger Frauen bei Geburten sterben – weltweit hat Estland die niedrigste Quote. Wir sehen also eine junge Clinton, die ambitioniert in die Welt hinausgeht, um etwas zu ändern. Leider bleibt es bei diesem kurzen Intermezzo, dann geht es wieder um ihre Rolle als Frau, in der sie es so viel schwerer hat als ihre männlichen Kollegen. Interessante Anekdoten über die Begegnungen Moores und Clintons können leider auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Film es wohl kaum vermochte, einen waschechten Trump-Wähler umzustimmen.

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Bildquelle: trumplandmovie.com

Clinton als politischer Papst Franziskus?

Politisch wird es erst dann als Moore das Publikum fragt, was es an Hillary auszusetzen gibt und jenes antwortet „she’s too cosy with Wall Street/Bengasi/Iraq War“ usw. Doch auch hier geht Moore nur auf den Vorwurf ein, sie sei nicht vertrauenswürdig, wobei er bemerkt, dass dieser Vorwurf fehl am Platz ist, insofern nicht die Wahl zur neuen besten Freundin, sondern die Präsidentschaft auf dem Spiel stünde. Moores anfänglich noch zaghaftes Gesäusel über Clinton mündet in einem Lobgesang zu ihrer Person, in dem er sogar von Liebe spricht. Den Bemühungen zum Trotz, uns alle einzulullen, horchen wir noch einmal auf als sie plötzlich als politische Version von Papst Franziskus angepriesen wird, der als Vertreter moderner Werte schlechthin vorgestellt wird. Die Wahlkampfmaschine Moore fordert eine Revolution, die Hillary den Rücken stärkt, damit diese in Beyoncés Boots den USA den Weg aus dem Schlamassel weist. Eigentlich ein schöner Gedanke. Schade nur, dass Clintons Frau-Sein allein nur wenig mit ihrer (außen-)politischen Agenda zu tun hat. Moores Pathos verhallt und sein Fazit lautet: Wähl‘ Clinton, auch wenn du sie hasst – hass‘ sie ruhig weiter, aber wähl sie trotzdem! Ein ehrlicher Moment, ein Moment, mit dem sich auch viele Deutschen identifizieren können, die eigentlich Sanders wollten, im Rennen um den Sieg nun aber das kleinere Übel auswählten.

Was bleibt, ist der Witz, mit dem Trump begegnet wird. Und so sehr man geneigt ist, in das Gelächter einzustimmen, so sehr muss man sich im Nachgang der Wahl fragen, ob es nicht gerade dieser Umgang mit einer Person wie Trump ist, der ihm letztlich zum Sieg verholfen hat. Fest steht, dass wir in nächster Zeit wohl eher weniger zu lachen haben.

 

Bildquelle Titelbild: trumplandmovie.com

24 Wochen – Julia Jentsch, Bjarne Mädel und eine Entscheidung

Wenn selbst in den leichtesten Szenen eine große Bedrückung liegt, handelt es sich um großes Kino. Bis der Druck zur Belastung wird. 24 Wochen von Anne Zohra Berrached.


Schon Arthur C. Danto stellte in seinem Aufsatz Moving Pictures die Frage, ob die konkrete Filmvorführung Teil einer Filmbesprechung sein sollte. Aufgrund automatisierter Vorführungsprozesse und der Austauschbarkeit von Vorführungen beschließt er, es nicht zu tun, und viel spricht ohnehin nicht dafür. Dennoch färbt es die Erfahrung eines Films, wenn bei einem einzigen Kinobesuch gleich zwei Personen ohnmächtig werden und mit Hilfe anderer vorzeitig den Saal verlassen müssen, während der Film fast hintergründig gnadenlos weiterläuft. Dies mag mutmaßlich auf ein Lüftungsproblem des Kinos (dessen Identität geschützt werden soll) zurückzuführen sein, aber es fällt schwer, die Möglichkeit auszublenden, dass es auch mit dem vorgeführten Film zusammenhängen könnte: 24 Wochen. Denn der Film weist, obwohl er auf konkrete Gewaltdarstellungen verzichtet, tatsächlich eine gewisse Brutalität auf, die auch für sein Publikum zur körperlichen Belastung werden kann.

Sein brutalstes Stilelement ist, dass der Film eigentlich alle Kriterien erfüllt, eine unbeschwerte Komödie zu sein. Vom Cast bis hin zu den Dialogen. Auch das Grundsetting um eine junge, erfolgreiche Familie in der Medienszene, die ihr zweites Kind erwartet, scheint zu stimmen. Und selbst Julia Jentsch, dem Publikum vor allem bekannt durch nachdenkliche, komplexe Rollen, gibt hier die unkritische Stand-Up-Komikerin Astrid Lorenz. Bjarne Mädel wiederum schafft es seit Jahren wie wenige andere, seine Rollen vollständig auszufüllen und gleich mehrere von ihnen – sei es Berthold “Ernie” Heisterkamp oder Tatortreiniger Heiko “Schotty” Schotte – zu popkulturellen Persönlichkeiten erwachsen zu lassen. In 24 Wochen jedoch tritt er in ungekannt ernsthafter, zurückgenommener Rolle auf und verkörpert Markus Häger, den Manager und Ehemann Astrids. Gerne würde man den beiden eine Weile in ihren antitypischen Rollen zusehen, und erfahren, wie sie diese entwickeln. Doch das Drehbuch hat andere Pläne und konfrontiert die beiden Charaktere mit ihren Inkohärenzen: Astrid mit ihrer Oberflächlichkeit, Markus mit seiner Zurückhaltung.

Beide werden gezwungen, eine folgenreiche und ethisch komplexe Entscheidung zu treffen, die ein wehrloses Wesen betrifft, für das sie die volle Verantwortung haben, nämlich das ungeborene Kind, das sie erwarten. Nicht nur ist dieses geistig behindert, worauf beide sich einlassen können, auch stellen Ärzte einen schweren Herzfehler fest, der unmittelbar nach der Geburt mehrere risikoreiche Operationen am offenen Herzen notwendig macht. Die deutsche Rechtsprechung gewährt den beiden allein schon durch die geistige Behinderung die Option einer Spätabtreibung, also einer künstlich eingeleiteten Geburt nach der 23. Schwangerschaftswoche, bei der dem Neugeborenen durch eine Kaliumchlorid-Spritze jede Überlebens-Chance genommen wird. Weiß man bereits durch Ankündigungen und Teaser, dass es sich bei dem Film um ein Drama über eine Abtreibungsfrage handelt, so beeinflusst dies von Anfang an den Eindruck der fast überzeichnet heilen Welt der Protagonisten. Auch verfärben sich die Anfangseinstellungen, die Comedy-Auftritte Astrids zeigen, in welchen sie ihr flaches Programm präsentiert und noch angesichts ihres Schwangerschaftsbauch darüber witzelt, ob sie nun einen Jungen oder ein Mädchen bekommt, und wie sie es am besten rollengerecht erziehen würde.

Schnell wird deutlich, dass man hier Julia Jentsch dabei zusehen kann, ihre komplexeste Rolle überhaupt zu entwickeln. Die Anspannung, die die beiden Protagonisten im Laufe des Films übermannt, ist dem Filmpublikum von Anfang vor Augen. Ein weiteres beeindruckendes Stilelement des Films besteht darin, dass sämtliche Mediziner und Pflegemitarbeiter nicht von Schauspielern, sondern echten Fachkräften verkörpert werden. Mit schonungslos fachgerechter Sachlichkeit konfrontieren sie die beide mit ihrem Schicksal, was für das Filmpublikum eine zermürbend realistische Wirkung hat. Nebenbei schafft Regisseurin Anne Zohra Berrached mit dem Film auch ihren eigenen Kosmos, da sie Figuren aus ihrem Debüt-Film Zwei Mütter wieder auftauchen lässt. Sie treffen in einer Kinderstation auf Astrid und Markus und nehmen Einfluss auf sie.

Den größten Einfluss auf die beiden übt jedoch ihr privates Umfeld aus, das schnell seine Leichtigkeit und scheinbare Offenheit verliert. Ebenfalls spielt der mediale Druck, der auf ihnen lastet, eine erhebliche Rolle. Daher sind auch die Cameo-Auftritte einiger deutscher Comedians wie etwa Dieter Nuhr etwas irritierend. Denn in seiner Ganzheit betrachtet liest der Film sich durchaus als Kritik am oberflächlichen Medienbetrieb, konkret der Comedy-Szene, deren Vertreter zwar in der Lage sind, mit Witzen über Beziehungen und Rollenbilder Alltagskonflikte zu relativieren, echten Problemen und wirklichen Herausforderungen in Beziehungen jedoch in keiner Weise gewachsen sind. Für Astrid und Markus stellen die ärztlichen Diagnosen ein jähes Erwachen aus dieser Scheinwelt dar. Schnell erkennen sie, dass sie in ihrer Situation alleine sind und dass sie es nicht einmal schaffen, gemeinsam zu einer rationalen Entscheidung zu finden. Doch sie finden eine.

Sicher ist es möglich, den Film auch ohne Ohnmachtsanfall zu Ende zu sehen, trotzdem gelingt Berrached mit 24 Wochen die vielleicht bedrückendste und einnehmendste deutsche Produktion seit Sebastian Schippers Victoria.

Quelle: YouTube

Titelbild: © Friede Clausz, Neue Visionen Filmverleih

Irritat-451 mit Augäpfelgelee – ein Interview mit Zeha Schröder

1968 wird C(hristoph) H(enrik) Schröder in Wuppertal geboren, 1987 schlägt er die Familienlaufbahn als Bandwirker und Gummiumspinner aus und inszeniert mit 19 Jahren erstmals am Stadttheater seiner Heimatstadt. Ab 1989 Studium von Musikwissenschaft, Philosophie, Kunstgeschichte, Altgriechisch. Nach bundesweiter Arbeit als freischaffender Regisseur gründet er 1999 mit F(reuynde) + G(aesdte) eines der wenigen „reinrassigen“ Location-Theater Deutschlands. 2012 erhält er mit F + G einen Innovationspreis der bundeseigenen Stiftung „Land der Ideen“. 2013 präsentiert er zu Büchners 200. Geburtstag dessen Gesamtwerk. Er lebt in einem Steinhaus an der Ems und einem Holzhaus am Polarkreis. Und außerdem in diesem Irritat-451 von einem Interview.

Die Fragen stellt Daniel Ableev.


Für 2014 steht ja Kafkas Verwandlung auf dem „F + G“-Programm. Glaubst du, das ist ein guter Aufhänger für ein Gespräch über das Experimentelle in der Kunst?

 

Schwer zu sagen. Kafka selber ist sicher in mancher Hinsicht ein Experimenteller. Speziell bei der Verwandlung bleibt mir die Spucke weg, wie er groteske Phantastik und Familiendrama und schwarzen Humor miteinander verquirlt. Das ist in Sachen Style schon ziemlich „niedagewesen“. Aber was mache ich als Regisseur daraus? Wo ist die Balance zwischen Respekt vor dem Text und dem eigenen, neuen, letztlich respektlosen Kniff? – Wir sprechen uns nach der Premiere! …

Wie viel Experimentalitätshunger hattest du, als du F + G gründetest, abgesehen von dem Grundkonzept „Theater an ungewöhnlichen Orten“?

Genau 6417 Gramm bei Geburt des Theaters … Also, puh, ich  mein, wie soll man das quantifizieren? Es war definitiv so, dass ich Sachen radikal anders machen wollte, als ich es vorher als freischaffender Regisseur bei anderen Ensembles erlebt hatte. Aber das bezog sich größtenteils auf Organisationsstrukturen, Teamwork und so. Klar, solche Locations wie ein Burgturm, eine Kneipe oder eine Seebühne, die wir ja ganz anders „bespielen“ müssen als einen normalen Bühnenraum, die haben per se immer viel Experimentelles und vor allem Unwägbarkeiten mit reingebracht. Aber rein künstlerisch wollten wir nicht das Theaterrad neu erfinden. Mir kommt das immer etwas suspekt vor, wenn Künstler sagen: in all den Tausenden Jahren abendländischer Kultur hat’s das noch nie gegeben, was ich hier vorhabe! Ich definier das Experimentelle lieber umgekehrt: wir gehen mal los ins Unbekannte und gucken, was wir da finden. Wenn es komplett neu ist: klasse. Wenn es mich zu eher „konventionellen“ Inszenierungslösungen bringt: auch in Ordnung. Wichtig ist, dass es gut ist und passend – nicht um jeden Preis neu und unerhört.

Völlig einleuchtend. Dennoch: Was war aus deiner Sicht das (inszenatorisch/inhaltlich, oder auch logistisch) Kühnste, was ihr bis dato gemacht habt?

Darf ich drei aus 52 nennen? Logistisch: eine schräge Musicalinszenierung im Freilichtmuseum, bei der die Handlung sich ständig verzweigte und die parallelen Handlungsstränge nach 5 oder 7 Minuten wieder sekundengenau aufeinander treffen mussten. Ästhetisch: eine Moby-Dick-Version, bei der wir im Innenraum einer denkmalgeschützten Kirche ein 2000-Liter-Bassin mit Milchwasser gefüllt haben, das durch einen Glasboden von unten elektrisch beleuchtet wurde. (Jeder Elektriker wäre ausgerastet.) Inhaltlich: eine Stückrecherche auf den Spuren des Tunguska-Events, wo wir 2009 mit vier sibirischen Trappern eine Woche lang knietief durch die Sümpfe gestapft sind auf der Suche nach nem abstürzten UFO. Na ja, oder nach sonst irgendwelchen mysteriösen Funden. Und ich hab sogar was Spektakuläres entdeckt, aber das hab ich erst zuhause kapiert.

Was ich dich unbedingt mal fragen wollte: Hast du in Tunguska eigentlich irgendwas Spektakuläres entdecken können?

Hahaha! … Ja. Aber das hab ich erst zuhause kapiert. – Du willst nicht zufällig wissen, was …?

Ich bin zwar nicht so der Fan von revolutionären Entdeckungen, Paradigmenwechseln und dergleichen, aber wenns unbedingt sein muss … Oder um es mit den Worten meines unironischen Ichs zu sagen: VERRAT ES SOFORT!!!

Nee, lieber nicht. Pause. Na gut, ausnahmsweise. Lange Pause. Aber es ist ein Geheimnis!! – Also, ich muss ein bisschen ausholen: Im Vorfeld unserer Recherche hatten wir damals Gerüchte gelesen, dass seit dem Tunguska-Event von 1908 irgendwas mit dem Magnetfeld in der Region nicht ganz richtig tickt. Die Rede war von drehenden Kompassnadeln, stehenbleibenden Quarzuhren usw. Als wir unsere Trapper darauf ansprachen, die ja zum Teil schon seit Jahrzehnten da durch die Wälder streifen, hieß es: „Alles Quatsch und Legendenbildung, nie was Außergewöhnliches bemerkt.“ Okay, gut so weit. Wieder zuhause in Deutschland, hab ich ein zerbrochenes Fahrtenmesser auf einen Tisch gelegt, das ich da im Wald gefunden hatte und das bestimmt ein paar Jahre da rumgelegen hatte, bevor es in meine Tasche gewandert ist. Auf dem Tisch lag fünf Zentimeter weiter eine kleine Metallfeder, so ähnlich wie die Federn in Kugelschreibern. Und das Ding ist regelrecht zum Messer rüber gesprungen und hat sich an die Klinge geklebt. Das Messer ist nach ein paar Jahren ruhigem Liegen in der Region zum Powermagneten mutiert. Cool, oder? Oder nicht? Ist das zu banal? Und was hat das mit experimenteller Kunst zu tun?

Nun, ist vielleicht kein unheimlicher Fall für die X-Akten, aber spannend und ein bisschen gruselig ist das schon – ich hatte so ein Erlebnis jedenfalls noch nicht. Experimentalität dürfte vielleicht in der Sprungkurve zu suchen sein, die die plötzlich angezogene Metallfeder hingelegt hat.

Interessant. Willst du damit andeuten, dass die Experimentalität eines Vorgangs durch seine Sprungkraft, also letztlich durch die Direktionskonstante bestimmt wird? Dann wäre nach dem Hooke’schen Gesetz die Direktionskonstante D, also die Experimentalität, definiert als Quotient aus der künstlerischen Kraft F und der Länge des Kunstwerks ΔL. Sprich: D gleich F durch Delta L. Das würde auch bedeuten: je mehr künstlerische Wucht sich auf je weniger Theaterminuten verteilt, desto experimenteller. Was wiederum eine schlüssige Erklärung dafür wäre, warum Hooke selber sich so in die Micrographia gestürzt hat: möglichst viel Art Power fokussiert auf ganz kleine Objekte. – War es das, was du damit sagen wolltest?

Eigentlich wollte ich darauf hinaus, dass es sich bei Peter Greenaway möglicherweise um einen sog. Rühlvogel handelt. Diesbezüglich zwei Fragen: Was ist für dich ein Rühlvogel? Und was macht Greenaway, der nicht nur zur Avantgarde, sondern auch zu deinen Favoriten zählt, in deinen Augen so besonders?

Also, dass Greenaway ein führender Rühlvogel sein soll, sogar Leiter der europäischen Sektion, das hab ich schon öfter gehört – halte ich aber für ein böses Gerücht. Ich mein, ich sehe da kaum Parallelen, außer eben, dass er sich wie ein Rühlvogel von Eklektizismen ernährt. Aber das tun wir beide ja auch, ohne welche zu sein. (Oder bist du etwa einer?) Was allerdings stimmt: er gehörte, neben Bausch und Ciulli, zu meinem persönlichen Dreigestirn – damals, als ich noch klein war, also Anfang der Neunziger. Ich hab ihn mal darauf angesprochen, dass er Linkshänder ist, genauso wie der Draughtsman im Kontrakt des Zeichners. Seine Antwort war: „Kein Wunder, das ist ja auch immer meine eigene Hand, die in den Naheinstellungen zu sehen ist.“ Und das wäre wohl auch meine Antwort auf deine Frage: das Spezielle an Greenaway oder genauer: das, was geblieben ist, obwohl ich mich von dem Tableaukino und Bildertheater des Dreigestirns inzwischen meilenweit entfernt habe – das ist seine persönliche Codierung. Viele Künstler gerade in den Darstellenden Künsten versuchen ja, allgemeinverständlich und globalwirksam zu sein. Das ganze System Hollywood baut darauf auf, und das funzt ja auch und hat seine Berechtigung. Aber dann gibt es die anderen: ein Greenaway-Film ist eine verschlüsselte Nachricht, und der Dechiffrierungscode, den niemand komplett kennt, das ist er selbst: der Künstler. Ich mag das, auch in der eigenen Arbeit. Ich finde das wichtiger als einen bestimmten konstanten Stil, also die sog. „künstlerische Handschrift“.

Ich komme mir hin und wieder auch wie ein Rühlvogel vor, ehrlich gesagt. Deine kunsttheoretischen Ausführungen finde ich interessant. Und schade, dass Greenaway nichts über das Schicksal von Prof. Klandestine Fallobst zu berichten wusste. Ein hartes Versäumnis?

Na ja, einerseits andererseits. Ich meine, dafür hat er immerhin das Leben von Tulse Luper haarklein rekonstruiert. Also, der arme Mann kann sich ja nicht um alles kümmern! – Wusstest du übrigens, dass Luper mit vollem Vornamen „Tulse Henry Purcell“ heißt? Immerhin DER Purcell, der mit seiner Frostgeistarie den Grundsound für Greenaways Koch, Dieb usw. geliefert hat. Und dessen Dido, geschrieben 1689 für ein ohlala Mädchengymnasium, gute dreihundert Jahre später meine allererste Operninszenierung war. So schließt sich der Kreis …

Du hast eine Oper inszeniert?! Und was war eigentlich das anspruchsvoll zu timende Musical, von dem du vor ein paar Fragen gesprochen hast?

Ähm, ja. Nein. Drei Opern. Aber reden wir jetzt nicht zu viel über mich und zu wenig über das Experimentelle?

Du verlierst ein paar Worte über deine Operntätigkeit, und ich mache im Gegenzug einen auf Metawechsel und frage dich: Welchen konversationsdramaturgischen Move (oder Kniff, oder „Rühl“) sollte ich an dieser Stelle wagen, um unser Gespräch zu einem wahrhaft experimentellen Interview werden zu lassen?

Also gut, mit den Opern war das so — oh! ah! holy fu**! Puh, das war knapp, das hätte böse enden können. Sorry, ich war kurz abgelenkt, mir sind nach deiner Frage zwei Rentiere im Dunkeln fast auf die Motorhaube gesprungen, daraufhin hab ich mich spontan gegen Rentierfrikassee und auch gegen das entgegenkommende Auto entschieden und bin zwei Meter tief im Straßengraben gelandet, wo ich dann eine halbe Stunde im Schneesturm auf den Trecker warten musste, der mich da rausgezogen hat. DAS IST KEIN WITZ! Ähm … Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, die Opern. Also, Purcells Dido und Aeneas, das war wirklich experimentell, das hab ich mit Sprechschauspielern und ohne Sänger als eine Art Playbackoper inszeniert. Der Soundtrack lief die ganze Zeit durch, und die Darsteller haben dazu agiert, teils pantomimisch oder mit Taubstummenzeichen, teils auch sprechend. Die beiden anderen Opern waren Webers Freischütz und Rossinis Barbier von Sevilla als Hochschulprojekte mit Studenten der Berliner Universität der Künste (was damals noch die HdK war). Da bestand das Experimentelle eher darin, mit Sängern so zu arbeiten, dass sie aus der typischen Arienstatik mal rauskommen und sich natürlich bewegen und verhalten. Der Hauptdarsteller hat damals wochenlang gewettert, dass da so ein Sprechtheaterfuzzi seine Finger drin hat und dass das, was ich vorhabe, gar nicht klappen kann. (Wobei, bitte, ich hatte zumindest ein komplettes Musikwissenschaftsstudium auf dem Buckel.) Aber immerhin, nach der Premiere – und nach dem Applaus von 1.200 entzückten Leutchen – ist er zu mir gekommen und hat so was gesagt wie: „Okay, du hattest recht, hat doch geklappt.“ Das fand ich sehr sportlich von ihm … So. Und jetzt dein Move!

Ist es nicht ziemlich experimentell, wenn ein selbsternannter Seltsamkeitsforscher mit 32 Jahren zum ersten Mal Kafkas Verwandlung liest?

Denkst du dabei an jemand bestimmten? Und wie ist es dir beim Lesen ergangen?

Na ja, streng genommen hab ich noch nicht zu Ende gelesen … Aber ich behaupte mal, dass Herr Kafka die tolle Eigenschaft hat, einen psychologisch vielschichtigen und feinsinnigen, regelrecht dokumentarischen Surrealismus (vielleicht nicht ganz das richtige Wort) zu pflegen, dessen zwei Hauptpotentiale – zu verstören und zu berühren – zueinander in wechselseitiger Beziehung zu stehen scheinen. Apropos – warum fühlst du dich vom Genre der Mockumentary eigentlich so angezogen?

Huch – tu ich das?! Könnte sein. Denkst du an was Konkretes, abgesehen von der Verwandlung?

Ib blaube, bich entbinnen zu bönnen, dass du Zelig sehr mochtest und Fraktus sehen wolltest. Ich kenne bisher nur den ersteren. Schon mal daran gedacht, eine Pseudoku auf die Bühne zu bringen?

Na gut, ertappt; und die X-Files, meine Darlings, haben ja auch durchgängig was „Mockumentarisches“ … Also, dran gedacht schon, aber bisher ist der richtige Stoff noch nicht aufgetaucht. (Oder ich hatte Tomaten auf den Augen und hab ihn nicht erkannt.) Andererseits sind die echten Dokus, die ja rund zwei Drittel unseres Spielplans ausmachen, auch immer eine großartige Sache. Auf der Recherche für ein Stück durch die Sahara zu streifen oder auf den Äußeren Hebriden in umtosten Felsklippen zu hängen, macht ja auch nicht wenig Spaß!

Wie ist das bei dir? Würdest du sagen, dein Pinguinmädchen Alu ist eine Mockumentation? Vielleicht sogar eine autobiografische Mockumentation?

Autobiografisch, ja. Damals floss das Aluminium noch aus allen Öffnungen, so ähnlich wie das Spice in Dune. Aber das einst Erlebte ist endgültig zu Kunst erstarrt, so ähnlich wie der Masterstorch im Gebärmutterprisma. Damit wären wir auch schon beim Thema: Welche Synonyme für „experimentell“ fallen dir ein?

Uff. Deine Fragen, Kollege … Also, Word hat mir gerade „versuchsweise“ und „probeweise“ angeboten, aber auch „geprüft“ und „bestätigt“. Letzteres sehe ich radikal anders. Könnte „ungeprüft“ ein Synonym sein? Ich sag’s mal so: Mein Synonym für das Experimentelle wäre kein Wort, sondern ein Bild – die Taube auf dem Dach. So gesehen, sollte eh alle Kunst experimentell sein. Der Spatz in der Hand – das, was wir schon können, was „geprüft und bestätigt“ ist – das ist künstlerisch uninteressant. Wenn Yves Klein hundertmal dasselbe blaue Bild malt, dann bete ich für ihn, dass er dabei immer noch nen neuen Dreh hat. Also entweder in jedem einzelnen Gemälde nen neuen Strich. Oder von mir aus besteht das Experiment auch in der Serie, im steten Tropfen, im Versuch, hundertmal exakt denselben Strich zu ziehen. Aber wenn nur das erste Blaubild ein Experiment war und der Rest fürs Konto: dann kommt er ins Künstlerfegefeuer und der Fitzliputzli zwingt ihn, viertausend Jahre lang gelbe Bilder zu machen. Selbst schuld!!

Aber wenn gerade jene von dir mit Vorsicht bis Abscheu „genossenen“ epigonalen Geometrien den Kern des Künstlerisch-Experimentellen bilden, was dann? Oder ist der Gedanke, Stumpfsinn zur neuen Originalität zu erklären, zu fies (oder gar viehisch)?

Nun ja … – ja.

Und wie doof (oder gar bestialisch) würdest du mich finden, wenn ich dich darum bäte, Argumente dafür zusammenzutragen, warum Musik/Tonkunst nichts weiter als primitive Scheiße ist? Immerhin sind das bloß Schallwellen, die unsere beknackten Innenorgane kitzeln und unseren beschissenen Hirnchen irgendwelche erlesenen Feinheiten suggerieren usw.

Ist das ein FSK18-Interview?!? Hoffentlich. Falls ja: Das schweinische Kitzeln aller möglichen inneren Organe ist ja an sich schon ein Wert, ob nun Prommelfell oder Trostata. Erst recht, wenn Musik im Spiel ist. – Oh, und jetzt, wo ich sowieso im Fettnapf steh, lass uns über Peinlichkeit sprechen. Peinlichkeit und Experimentalität wohnen ja eh quasi Wand an Wand … Einer meiner peinlichsten musikalischen Momente war der, als ich mit, weiß gar nicht, 16 oder 17 Jahren in München in der Philharmonie gesessen und relativ viel Unruhe generiert hab, weil mich Celibidaches Dirigat von Bruckners Vierter in eine, ähm, peinlich, mehr oder minder konvulsivische Trance versetzt hat. Da saß also dieser langhaarige leptosome Teen im ersten Rang, zuckend und japsend und mit geschlossenen Augen, und drumherum eine Schar von wohlbetuchten bajuwarischen Konzertabonnenten, die sich von mir gelinde gesagt auf die Füße gepisst fühlten wie weiland Henry Hathaway von John Wayne. Und ich? Hab davon nix mitgekriegt, ich war wirklich in einer anderen Welt, in Brucknistan oder was weiß ich. Komplett weggebeamt. Das und nichts anderes ist Musik: die größte Macht der fühlenden menschlichen Welt. Ich kann über Tonfolgen ins Heulen kommen, buchstäblich, keine Metapher. Ich mach nur deshalb ersatzweise Theater, weil ich so ein elend dilettantischer Musiker bin. Wenn ich deine Instrumentbeherrschung hätte, würdest du keine einzige Inszenierung von mir sehen können. Ergo: Prostata, Bruckner, Heulkrampf – genug Argumente?

Dein leidenschaftliches Plädoyer für jenes Phänomen, das ich soeben für überbewertet erklären wollte, lässt mich augenblicklich verstummen. Doch will ich als starker Vertreter der Denkschule der Psychopathischen Skepsis anmerken, dass ich – von informationellem Flüsterschwachsinn umgeben – nichts unhinterfragt lassen will, daher die Frage: Hatte dein Bruder schon mal Sex mit Außerirdischen?

Nun ja … – nein.

An dieser Stelle sei ein Intermezzo zwecks Sagung von „dass dieses unser Gespräch erdenklich positiv ist“ erlaubt: Es ist erhellend, ergiebig, erstaunlich, erogen, erheiternd, erratisch, erfreulich, und natürlich – erdogan. Daher wäre es erwünschenswert, wenn es noch möglichst lange währen würde. Übrigens waren mir vorhin die beiden Wörter „Celibidaches“ und „Dirigat“ nicht geläufig, sodass ich im ersten Moment annahm, es handle sich bei den beiden um Namen eines fremdländischen Musikers, immerhin reimt sich Dirigat auf Montserrat. Erst das genauere Hinsehen gab mir die Erkenntnis, dass „Dirigat“ von „dirigieren“ kommt, analog zu Eregat/erigieren, Manipulat/manipulieren oder Systemat/systematisieren. Thymian.

Oh pardon. Ich wollte dich mit meinem Irritat nicht irritieren. Apropos, wusstest du übrigens, dass es sich bei den Irritieren um die verstörendsten Kreaturen des Universums handelt? Das männliche Irritier erreicht nur ein Vierhundertstel von der Größe des Weibchens, ist aber dabei zwölf Mal so schwer. Seine graphithaltigen Borsten werden auf manchen Planeten geerntet und als Bleistifte verwendet, und das Augäpfelgelee ist eine Delikatesse, die nur Halbgöttern und jungfräulichen Königinnen vorbehalten ist. Sowie Theaterregisseuren, natürlich.

Es ist ja so, dass heutzutage jegliche Kunst (darunter auch die Irritiere) in binärer, digitaler Form (Brits 8 Brytes) vorliegt. Empfindest du es nicht auch als eine extrem unökonomische Masche, dass beispielsweise eine mp3 erst in Elektrizität umgewandelt wird, dann über den Lautsprecher oder Kopfhörer in Schall, dann zurück in Elektrizität und schließlich in ein gehirnfähiges, im Folgenden provisorisch als *.geh bezeichnetes Informat? Könnte man nicht diese ganzen „Mittelsmänner“ umgehen, indem man jegliche der oben beschriebenen Umwandlungen für obsolet erklärt? Ist es nicht ein legitimer menschlicher Wunsch, alles Wiss- und Erfahrbare, also egal ob Star Wars oder das Preisschild an einem neuen Mountainbike bei Fahrrad Franz, zu uniformieren, um anschließend diesen ultramassiven Entropiebrei über irgendeine Form von Schlauchapparat zu internalisieren? Eins sein mit der Existenz und all ihren …?

Sehr interessante Frage, großartige Frage. Deine Fragen werden immer besser, sie erreichen allmählich die kritische Temperatur von Irritat 451. Insbesondere die letzte Rückumwandlung von Ohrschall in Hirnstrom hatte ich erfolgreich verdrängt. Und wir kennen das ja aus der Wechselstube: Wenn du Drachmen in Pesos in Drachmen in Pesos in Drachmen wechselst – dann sind wegen der Wechselgebühren hinterher keine Drachmen mehr übrig, siehe Griechenland. Fortgesetztes Hin- und Hertransformieren von Hertz in Watt hätte also letztinstanzlich entweder totale Stille oder totale Debilität zur Folge. Kein Schall mehr. Oder aber kein Hirnstrom. Lieber intelligent im ewigen Silentium oder hirntot im Klangparadies? Ich wähle Tor zwei. Was war nochmal deine Frage?

Wollt ihr das Totale Hirntot?! Eigentlich hätte ich hier 3 Experimentalnüsse in petto, die ich dir zum Knacken anbieten möchte, damit du sagst, was deiner Meinung nach drin ist: Nuss 1: „Menschelnde Würmer“, Nuss 2: „1 Kilo Zucht“ & Nuss 3: „Umbro ist ein idiotisches Wort, das einem wohl einfällt, wenn man zu wenig geschlafen hat und überarbeitet ist …“. Und wenn du vorhin auf die Frage „Hatte dein Bruder schon mal Sex mit Außerirdischen?“ mit „Ich habe keinen Bruder geantwortet hättest“ … öhm, ich meinte: „Ich habe keinen Bruder.“ geantwortet hättest, dann hätte ich „Also ja.“ entgegnet, um damit einen unaussprechlich grotesken Akt anzudeuten, der mit dem Verschwinden bzw. Niegewesensein eines Menschen/Kindes in unmittelbarem Zusammenhang steht.

Na gut. Diesmal wähle ich Nuss Drei. Das Problem beim Umbro wie generell bei jedem schlötbaren Neologismus ist ja, dass er sich im Moment der Niederschrift bereits in ein Hapaxlegòmenon verwandelt, bzw. durch meine reziproke Reprise bereits in ein Bislegòmenon. Er geht gewissermaßen vom Labor direkt in den Bestand, zumindest ins Archiv, er existiert aus eigenem Recht. Die Schöpfung negiert mithin den Schöpfer, da geht es dem Dichter nicht besser als dem Herrgott. Die einzige Möglichkeit, diesem kataklysmischen Verhältnis der Sprache zu ihrer Herkunft zu entkommen, bestünde darin, das eigene Heureka zu taggen wie Vespucci das neue Indien: Amerika. Dann würdest du aber keinen Umbro gebären (Trislegòmenon!), sondern allenfalls einen Ableff. Wäre das etwa besser als das Niegewesensein?

Dann frage ich mich, wie wohl ein selbstrefentielles Tagging aussehen würde, wenn ich einen Ableff entdecken würde? „Abafall“? Und wie sähe ein korrekter Metadatensatz für die Interviewfrage „Was hältst du als ‚Freier’ eigentlich von Stadttheatern?“ aus?

Letzteres ist eine so provokante wie tiefsinnige Frage. Offen gestanden, es ist wahrscheinlich die kühnste Interviewfrage, die mir als Freier, wie auch als Freiem, je gestellt wurde. Eine ehrliche Antwort darauf würde den Schlüssel liefern nicht nur zu meinem gesamten inszenatorischen Schaffen, sondern zum Verständnis experimenteller Kunst allgemein und auch des Universums. Umso bedauerlicher, dass ich dieses zugegeben erdogane Tastaturtelefonat nun umgehend beenden muss. Einerseits wegen der ridikulösen, ja nachgerade (stadt-)theatralischen Ferngesprächstarife, andernteils auch aufgrund der Tatsache, dass das Essen fertig ist. Der Theoretisch ist schon gedeckt, was wiederum sehr praktisch ist. Es gibt gesottenen Ableff und Augäpfelgelee vom männlichen (!) Irritier: exquisit lecker, wenn auch sehr schwer im Magen liegend. – Abschließend kannst du mich aber gern noch fragen, ob ich dir verrate, was ein experimentell kalauernder Gesprächspartner am Ende des Telefonats tut.

Wie, das solls gewesen sein? Dabei hatte ich doch noch so viele Fragen an dich: Was ist deine wildeste und möglicherweise geheimste (Theater-)Vision, die du eines Tages zu realisieren hoffst? Verrätst du mir, was ein experimentell kalauernder Gesprächspartner am Ende des Telefonats tut – nen Platten auflegen? Was ist das experimentellste Stück Kunst, das du je gesehen hast und gut fandest?

Okay, okay, diese drei noch. Meine wildeste Theatervision: längst geschehen, ich hab doch schon hundert Inszenierungen aufm Buckel. Das experimentellste Stück (Theater-)Kunst: Oscar Wildes Salome als Berliner Puppentheater mit Müllobjekten, extrem weird! Und was war nochmal die dritte Frage? Na komm, sei nicht so!

Danke dir, lieber Zeha, für dieses amüsante Gespräch, das zwischen Tief- und Unsinn tunnelt wie ein experimenteller Thunfisch.

Wie, und die Antwort interessiert dich nicht???????????????????????????

DOCH!

Ja dann, anders klappt es leider nicht, frag mich nochmal, ob ich dir verrate —

Verrätst du mir, was ein experimentell kalauernder Gesprächspartner am Ende des Telefonats tut?

tut, tut, tut, tut, tut, tut, tut …

A B C D E F G H I J ……………….

(Fühlst du, wie das „K“ lauert?!)

;oP

Zäh D und das Plektrum des Schicksals

„The Pick of Destiny“ hatte vor zehn Jahren bei den Kritikern abgelost, aber eigentlich ist es eine richtig feine Komödie um die nicht ganz autobiographische Genese des selbstherrlichen Comedy-Duos TENACIOUS D. Die Songs jedenfalls sind ganz großes Kino.


Jack Black und Kyle Gass wagen einen Ausbruch aus der (selbstverschuldeten) Softrockigkeit, indem sie um einiges härter und gar metallischer zur Sache gehen als auf ihrem selbstbetitelten Erstling, der noch komplett unplugged war. Der Soundtrack zum gleichnamigen Film „The Pick Of Destiny“ ist eine zwar kleine, aber humoristisch und musikalisch sehr wertvolle Rock-Oper geworden! Gaststars sind diesmal nicht nur Foo Fighter Dave Grohl am Schlagzeug, sondern auch noch die Rock-Ikonen Meat Loaf und Ronnie James Dio, die kurze Gesangsparts in dieser fiktiven Entstehungsgeschichte von TENACIOUS D übernehmen.

JB entflieht seinem katholischen Zuhause, um sich den Traum vom Rock ’n‘ Roll zu erfüllen und sein Leben der Musik zu widmen. Er trifft auf KG, der zwar überaus flink Gitarre spielen kann, aber doch alles andere als ein Star ist, zumal er eine Perücke mit langen Haaren trägt, um seine nicht ganz so coole Glatze zu verbergen. Nach einigen Cock Push-ups geht es auf die Suche nach dem grenzenlose musikalische Inspiration verleihenden „Plektrum des Schicksals“, welches zufälligerweise von allen großen Gitarristen der Rockgeschichte zum Anschlagen der Saiten benutzt worden ist. Dieses Ding ist nämlich nichts anderes als ein Satanszahn, den ein Mittelaltermensch – so die Legende – dem Höllenherrscher vor langer Zeit herausgeschlagen hat. So viel zur Story, nun zu den fast ausschließlich hitverdächtigen und überaus abwechslungsreich komponierten Songs, die intelligent Rock-Zitate und originelle Eigenideen kombinieren: Es geht los mit „Kickapoo“ (irgendwie ein typisches Jack-Black-Wort).

Neben Gesangsparts für Meat und Ronny gibt es hier vier Minuten lang einen hervorragenden Album-Eröffner zum Liebgewinnen. Es geht mit Akustik-Gitarre los, allmählich wird die Musik aggressiver, bis schließlich E-Gitarre und Schlagzeug das metallastige Hörerlebnis komplettieren. Weiter geht es mit dem kleinen Klassik-Medley „Classico“, das sich schnell als ein perfektes Musicomedy-Vehikel für Jack Black herausstellt. Andere Höhepunkte sind: „Master Exploder“ – stimmgewaltig bläst Jack Black einem auch ohne Mikro (ganz wörtlich) das Hirn heraus; „Break In-City“ stellt mit dem superben „Infiltrate! Storm The Gate!“-Refrain die volle Breitseite HM dar; „Beelzeboss“ – das theatralisch-vielseitige und mit einem derbe Sprüche klopfenden Endgegnersatan (beispielsweise „Now I’m complete and my cock you will suck!“ – überhaupt haben die gesamten Lyrics auf dieser Platte einen latent asozialen Touch) aufwartende Meisterwerk, das geschmackvoll ausgeklügelt und mannigfaltig entertainend ist. In der Single-Auskopplung „POD“ besingen die offensichtlich auf Abkürzungsspielchen stehenden JB und KG, wie sie es geschafft haben, an den Pick of Destiny heranzukommen.

„The Metal“ schließlich ist der krönende Abschluss des Albums und die unzweideutige Liebeserklärung an ein großartiges Musikgenre: ein perfektes Riff und der kongeniale Liedtext, der aufzählt, was und wer alles zu schwach war, um den heiligen Metal vom Thron zu stoßen, machen diese Hymne vollkommen.

Alles in allem ein vollwertig durchknallendes Hard-’n’-Heavy-Musical der Sonderklasse! Also: Liebt TENACIOUS D, denn sie übertreiben gar nicht so sehr, wenn sie sich selbst als die beste Band der Welt bezeichnen!

Titelbild: © Sony BMG

Overseas Rap-Rave Innovation

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Inzwischen glaubt man sich an DIE ANTWOORD gewöhnt zu haben und dennoch schaffen es die südafrikanischen Künstler immer wieder, sämtliches Augen- und Ohrenmerk jener auf sich zu lenken, die sich über den Rand des Mainstreams hinauslehnen und für provokanten Pop-Trash zu haben sind. Nachdem bereits DJ Muggs auf ihrem letzten Album mitwirkte, ist auf Mount Ninji And Da Nice Time Kid ein zweites Mitglied von Cypress Hill dabei. Ob die Liebe zum Weed die Kooperation gefestigt hat? Möglich wär’s.


Candy, Coffie, Satan. Das niedlich-böse Image von DIE ANTWOORD lässt an überdrehte Comics und die Prolls von New Kids denken. Ihre Musikvideos beginnen oft mit einem grotesken Plot. In Baby’s On Fire zum Beispiel sitzt Yolandi mit den Eltern und „Bruder“ Ninja am Tisch und dankt dem lieben Gott für Muttis Essen, ausverkaufe Konzerte in den USA und Satan – das ist übrigens der Familienhund.

Im Video zu Banana Brain bestickt die ahnungslose Mama ein Tuch mit „Jesus is die Antwoord“, während Töchterchen Yolandi Tee mit einer ausreichenden Portion Schlafpillen serviert und danach mit Bad Boy Ninja auf eine abgefuckte Rave-Party geht.

Ein Mash Up der Superlative

Sie raven und rappen auf Afrikaans sowie auf Englisch und haben darüber hinaus weitere südafrikanische Sprachen und Akzente im Repertoire. Sie drehen die Bad Boy Attitüde des Gangsta Raps gerne mal bis zum Anschlag auf und lassen zuweilen wie im Rock, Metal oder Gothic die Dämonen tanzen. Hinzu kommt das schrille Kindfrau-Image, das sich ¥o-Landi Vi$$er (im Gegensatz zu Björk) beherzt zu eigen macht. Der irritierende Bruch: Sixteen Jones, die reale, gemeinsame Tochter von ¥o-Landi und Ninja, ist ein semi-aktives Member der Crew.

Das neuste Album Mount Ninji And Da Nice Time Kid erfüllt alles, was das Herz eines DIE ANTWOORD Fans begehrt: Es wird geflucht, gequietscht, gerappt und ausgeteilt. Mit ihrer penetranten Kinderstimme spielt Yolandi wie eh und je mit Klischees und Gegensätzen. Besonders grotesk wirkt das im Track Daddy.

Der Mini-Track Wings On My Penis wurde geschrieben und gerappt von Lil Tommy Terror, der zum Aufnahmezeitpunkt 6 Jahre alt war. Im darauffolgenden Skit U Like Boobies? preist ¥o-Landi ihm die (natürlich nicht jugendfreien) Angebote des ominösen „rat hole“ an, um darauf im Tim-Burton-Kirmes-Style mit Jack Black und Ninja Rats Rule zu rappen. Hier erkennen wir, dass DIE ANTWOORD auch junge Talente zu fördern weiß.

Die Schönen und die Biester

Einerseits sehen sich DIE ANTWOORD als rats, womit sie eine Stufe tiefer wären als die underdogs, andererseits ziehen sie sich mit amerikanischen Stars wie Dita Von Teese dicke Fische an Land. Sie war bereits im Musikvideo zu Ugly Boy neben weiteren Größen aus der US-Popwelt zu sehen und ist nun auch auf dem neuen Album zu hören. Gucci Coochie erscheint wie das weibliche Gegenstück zum 2012 releasten Single-Track XP€N$IV $H1T.

Vor ein paar Jahren dissten DIE ANTWOORD Lady Gaga im Clip zu Fatty Boom Boom. Daraufhin war sie beleidigt, da sie ursprünglich DIE ANTWOORD als Tour-Support dabei haben wollte. In diesem Diss wurde wohl eher mit ihrem kolonialen Großmut als Pop-Queen und nicht mit ihrer Genialität als Popkünstlerin abgerechnet.

Dass DIE ANTWOORD einen Hang zur (Selbst-)Ironie haben, zeigt sich vor allem in ihren Skits. Im Opener des kürzlich releasten Mixtapes Suck On This rufen Yolandi und Ninja die Amerikaner zur richtigen Aussprache ihres Bandnamen auf; im Track Jonah Hill unterbrechen sie sich bei der Aufnahme, um eine sinnfreie Diskussion mit God vom Zaun zu brechen. Da fehlt nur noch Ninja, der trocken einen Pimmelwitz auf Afrikaans vorträgt.

X, Y, Zef

Seit dem Musikvideo zu I Fink U Freeky sind sie wohl zum international bekanntesten Act der südafrikanischen Zef-Culture geworden. Erfunden hat DIE ANTWOORD Zef aber nicht, sondern lediglich populär gemacht.

Ebenso wenig tauchten sie aus dem Nichts auf. Es war einmal die Kombo Max Normal, im Endstadium auch als MaxNormal.TV bekannt, in der Watkin Tudor Jones Jr. aka Max Normal aka Ninja bereits mit Yolandi Visser und Justin de Nobrega aka DJ Hi-Tek aka God agierten. Auf dem letzten Album dieser Formation sind bereits DIE ANTWOORD-typische Klänge und Flows zu vernehmen. Hier zum Beispiel ist Yolandi mit einer etwas moderateren Stimme zu hören; außerdem zitiert sie eines ihrer musikalischen Vorbilder (Marilyn Manson).

Ninja und ¥o-Landi können aber auch anders: Ihre nachdenkliche und verletzliche Seite zeigen sie in Tracks wie Donker Mag oder Darkling, der wohl der traurigste Song auf dem neuen Album ist. Romantische Rave-Songs wie I Don’t Care sind eher rar, erweitern jedoch den Blick auf das Spektrum ihres Schaffens.

Weirdo Cinema

Da DIE ANTWOORD ebenso viel Wert auf ihre visuelle Performance legen, sei zum Abschluss ihre bisherige cineastische Laufbahn umrissen.

Nachdem sie in Harmony Korines Kurzfilm Umshini Wam (2011) in creepy Pokémon-Overalls und Rollstühlen durch die Gegend trollten, erschien Neill Blomkamps Chappie (2015) in den Kinos. Hier spielten ¥o-Landi und Ninja zentrale Rollen und natürlich wieder sich selbst.

Besonders schräg (und liebenswert) wird der Film durch die Storyline, in der Ninja und Yolandi einen ausrangierten Polizeiroboter adoptieren und großziehen. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass er letztendlich nicht seine ursprünglich zugedachte Funktion erfüllt und ganz nach Mommies und Daddys Vorbild handelt.

Titelbild: © Le Colmer, Pfotenmodel: Herrmann