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Stinkende Straßen und der Wunsch des Vergessens

Lyrik muss nicht immer erhaben sein; Lyrik muss nicht immer romantisch sein; und vor allem muss Lyrik nicht immer schön sein. Fabian Lenthes Gedichte sind nichts davon. Sie sind verstörend, sie thematisieren Armut, Elend, Isolation und das Leben auf der Straße. 25 neue Gedichte von ihm sind jetzt in einem dünnen Bändchen erschienen, zusammen mit ebenso vielen dazugehörigen Illustrationen des Künstlers Michael Blümel. Da draußen lautet ihr gemeinsames Werk schlicht.


Lenthe legt keine fein ziselierte Wortkunst vor, wie man es vom Gros des Mainstreams der Lyrik gewohnt ist. Bei ihm geht es um materielle, rohe Umstände, die als solche dargestellt werden. Seine Gedichte sind Momentaufnahmen prekärer Lebensumstände. Mal umfassen sie nur einen Augenblick, mal sind sie eine Reflexion des lyrischen Ichs auf immer gleiche sich wiederholende frustrierende Wochen, Monate oder gar Jahre. Es sind kleine Szenen verschiedener Figuren des Unterschichten-Milieus: dem Obdachlosen, dem eine Decke fehlt, dem frustrierten Trinker in der Bar, dem Pfandflaschensammler, der doch nur ein Bier will, alle umgeben von einer düsteren, schweißtriefenden Stadt, deren Atem einen die Luft raubt. „Sie [die Stadt] stinkt aus dem Maul/ Nach Wodka und Angst/ Zwischen den Zähnen/ Verwende Träume“, wie es in einem der stets unbetitelten Texte des leider unpaginierten Büchleins heißt. Zusammen ergibt dieses Prekariat einen urbanen Organismus. Diesen prägen dieselben Motive: Das ist nicht nur der ökonomische Mangel, sondern auch Frust, Depression und Trunkenheit, meist um zu vergessen. Das Vergessen überhaupt ist das dominanteste Motiv der Gedichte. Die Protagonisten wollen dies stets, wollen verdrängen, aber können nicht vergessen, können nicht dauerhaft ignorieren, dass sie nur von einem Tag auf den anderen leben, von der Hand in den Mund, und dass dies die ständige Wiederkehr des Immergleichen ist.

Stilistisch sind die Texte in dem Band in zweierlei Hinsicht auffällig: Erstens, sind sie oft roh in der Sprache, direkt, unbarmherzig in ihren Feststellungen. Sie ergreifen den Leser sowohl analytisch als auch emotional, haben eine depressive Wirkung. Doch trotz der häufigen vulgären Schilderungen, wird das Werk selbst nicht ordinär. Zwar lebt das lyrische Ich draußen, wo sich die Ratten zwischen den Freiern streiten, wo Liebe Geld kostet, wie es in einem bittereren, dunklen Gedicht heißt. Aber die einzelnen (banalen) Bilder und Analogien entfalten in der Summe eine zu große, auch tiefgreifende Wirkung; fantastische Metaphern zeigen geheime Träume, die unerfüllt bleiben müssen; und die Melancholie ist zu erschütternd, als dass die Schilderungen so profan blieben, wie es zunächst scheinen mag.

Dennoch ist die Rohheit und Vulgarität durchaus angebracht. Geschmacklosigkeit macht das Leben aus, die Zumutungen, denen die Protagonisten ausgesetzt sind, sind häufig geschmacklos und ernüchternd – und genau dies komprimiert Lenthe in seinen Gedichten. Doch zweitens, unterscheiden sich diese neuen Gedichte von denen seines Debütbandes In den Pfützen der Stadt wächst ein Stück Himmel. Zwar geht es in beiden Büchern um recht ähnliche Topoi, und beide ergeben eine Lyrik des Prekariats. In seinen ersten Gedichten gab es jedoch in den letzten Versen meist einen kleinen Wendepunkt, einen kleinen Hoffnungsschimmer, und sei es nur durch die kurze Unterbrechung der Isolation durch liebevolle Vereinigungen, die auf eine Ablenkung (oder gar Katharsis) durch Zärtlichkeit hoffen. Diese Elemente sind aus den neueren Gedichten fast komplett verschwunden. Was bleibt, sind Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit.

Gelungen wird dies von Blümel unterstrichen. Blümel ist unter anderem bereits bekannt dafür, dass er auch während Lesungen zeichnet. Hier hat er aber etwas noch Schwierigeres unternommen: Lyrik, die wohl abstrakteste Literaturform, zu bebildern. Dennoch schafft dieser Profi es mit Bravur, jedes Gedicht zu illustrieren. Seine schwarz-weißen Zeichnungen sind oft grob, wirr und düster. Menschen und Gegenstände verwachsen miteinander, auf den Gesichtern der Straßenmenschen zeichnen sich Zorn und desillusionierte Frust ab. Oft bleiben sie selbst vage, deuten etwa bestimmte Formen und Figuren nur an. Meist braucht es einen zweiten Blick, um besser das Verschwommene, das Verworrene zu erkennen. Bezüglich der Motive erinnern die Illustrationen an den Expressionismus der Weimarer Zeit. Arme, Obdachlose und Einbeinige dominieren die traurige städtische Landschaft. Dennoch bleiben Blümels Zeichnungen abstrakter, abgehakter, bewusst kritzlig. Ihnen wohnt eine gewisse Dringlichkeit inne, sie fassen eine starke Emotion, die in ihrer Grobheit (die die Grobheit der dargestellten Leben zeigt) Herz und Hirn erschüttern können. Sie machen sichtbar, was die bloße Fotographie nicht zu greifen vermag. Seine Kunst entfremdet und legt die Entfremdung der Protagonisten offen.

Da draußen ist ein bedeutendes Kooperationsprojekt zwischen Poesie und bildender Kunst, wie es selten noch vorkommt – und weder Lyrik noch solche unbequemen Zeichnungen erregen noch oft großes öffentliches Aufsehen. Dennoch ist gerade eine solche künstlerische Synthese ein gewagter stilistischer Vorstoß, der Aufmerksamkeit verdient. Denn beide betrachten ungeschönt gerade die sozialen (subalternen) Gruppen, die sonst keine Stimme haben und machen diese, wie es selten passiert, zum zentralen Punkt der Kunst. Gerade in der Kombination beider Kunstformen ergibt sich so etwas Neues: ein enges Zusammenspiel, das neue künstlerische Synergien freisetzt, im Ansatz eine Ästhetik des Hässlichen bietet, und neue Bedeutungszusammenhänge im Inhalt offenbaren kann.

So können Blümels zeichnerische Interpretationen, die manchmal sogar tierschürfender sind als die Texte des Bandes, dichterische Lücken füllen und bildstark das zeigen, was manchem Leser vielleicht erst verborgen blieb. Zugegeben, ich mag voreingenommen sein, da ich selbst in meinen eigenen Prosatexten gerne subalterne Gruppen portraitiere. Dennoch hat dies sicherlich eine intersubjektive Bedeutung, die im Literaturbetrieb gerne marginalisiert wird. Vielleicht sollten wir mehr solche Bücher lesen beziehungsweise ansehen und weniger bourgeoisere Romane zur Selbstfindung und Identitätsstiftung Jugendlicher auf teuren Reisen, die nichts mit unserer brutalen, materiellen Realität am Hut haben.

Da draußen von Fabian Lenthe und Michael Blümel erschien bei Rodneys Underground Press und hat 50 Seiten.

Coverbild: Rodneys Underground Press

Lyrik des Prekariats

Die deutsche Lyrik wird inzwischen dominiert von lieblichen Heile-Welt-Schilderungen oder banalen konsumistischen Poetry-Slams. Schluss damit! Fabian Lenthes Gedichte über das urbanisierte Prekariat liefern einen gelungenen Gegenentwurf, was Lyrik sein kann und soll.


Auch abseits des Poesie-Mainstreams um die wenigen prominenten Lyriker herum, erscheinen ab und an Dichter, die einem kaum beachteten Genre neue Perspektiven verleihen können, oder verlorengegangene Blickwinkel wieder eröffnen. Die sehr düstere Perspektive eines meist abgehalfterten lyrischen Ichs bietet uns beispielsweise Fabian Lenthes Debüt In den Pfützen der Stadt wächst ein Stück Himmel. Ganz anders als die populäre pseudotiefsinnige Wohlfühllyrik geht es in diesem Band um wahre gesellschaftliche Abgründe. Und genau das ist erfrischend für die sonst so brave deutsche Gedichtelandschaft.

Einhundert unterschiedliche lange und nichtbetitelte Gedichte liefert Lenthe in seiner neuen Sammlung. Ansonsten kommt deutsche Lyrik entweder gerne daher mit vermeintlich feinsinnigen Beobachtungen, überschätzten Naturbeschreibungen oder den mehr oder weniger banalen Darstellungsformen bei Poetry Slams, in der selbst die abstrakteste Literaturform noch in den Häppchen der Kulturindustrie konsumierbar gemacht wird (en passant sei bemerkt, dass all dies nach Auschwitz in der Lyrik, zumal der deutschen, eigentlich nichts verloren hat). Doch in selten beachteten Gedichtbänden wie In den Pfützen der Stadt wächst ein Stück Himmel geht es ums Ganze, um die harten Probleme des urbanisierten Prekariats: sei es die Einsamkeit in einer überfüllten Stadt, seien es materielle und finanzielle Nöte, sei es das schwierige Zusammenleben in heruntergekommenen Gegenden, seien es Alkoholismus, Beziehungsprobleme, Motivationslosigkeit und Depressionen oder das Gefühl, schlicht abgehängt zu sein.

Schonungslos reflektiert jeweils das lyrische Ich über die Abgründe des eigenen Lebens. Gewiss, die Vulgarität und Härte der Gedichte von Charles Bukowski, in dessen Tradition der Band inhaltlich und stilistisch in großen Teilen zu stehen scheint, erreicht Lenthe nicht. Doch das ist auch nicht nötig, um den braven Lyrikkonsumenten mit der sozialen Rohheit aus dem Schönheitsschlaf zu wecken.

Ein schöner Tag in der Hölle

Ausgangspunkt ist meistens eine alltägliche Beobachtung, die räumlich und zeitlich recht beschränkt ist: Es kann sich dabei um eine Warteschlange im Supermarkt des Problembezirks handeln, um die Einsamkeit in einer spärlich eingerichteten Wohnung, einen Mangel an Bier, oder eben eine verdreckte Pfütze, die in dieser Welt immer noch als Hoffnungsschimmer geilt. Solche kleinen Schimmer, die Lenthe immer wieder einmal aufblitzen lässt, markieren die Dialektik einiger guter Momente von kurzer Dauer zwischen langen Phasen der Verzweiflung – Momente, an die sich nostalgisch geklammert wird, aber die freilich nicht nachhaltig helfen. Es gibt eben kein Richtiges im Falschen!

Auch Lenthes Stil wirkt auf den ersten Blick nicht aufsehenerregend, abgeklärt, manchmal auch hilflos. Doch genau so sind auch die lyrischen Ichs. Anders könnte es nicht sein. Die gewählten Metaphern sind auch meist offensichtlich. Spannend ist dabei aber, wie er einem finsteren, stinkenden Alltag mit einem Dreh erforscht. Meist hängt Lenthe nämlich ein Gedicht plastisch an einer dominanten Metapher auf und denkt das mal mit einem tragikomischen Witz, mal mit einer banalen, aber auch rohen Beobachtung zusammen. Das einfache und harte Leben braucht eine einfache und harte Sprache. Dem Autor gelingt somit zweierlei: Erstens, seine Verse sind verständlicher und weniger chiffriert als die vieler anderer Gedichte; und zweitens, konstruiert er aus dem Ideal der sprachlichen Einfachheit meist eine tiefere doppelbödige Momentaufnahme eines „schöne[n] Tag[es] in der Hölle“, wie es in einem der Gedichte heißt.

Zu lange wurden materielle Fragen und die Probleme der Unterschicht im Kultursektor marginalisiert; nehmen sie schon in der Prosa keine sonderlich prominente Rolle ein, so werden sie in der Lyrik als erhabene Literaturgattung noch weniger beachtet – und wenn doch, dann eher anhand des jammervollen, selbstmitleidigen Blickes auf einen Schicksalsschlag. Dennoch gibt und braucht es eine materielle und damit auch fassbare Lyrik. Eine solche findet man ab und an bei Kleinverlagen. Und ein solches Projekt ist Lenthes Buch.

„In den Pfützen der Stadt wächst ein Stück Himmel“ von Fabian Lenthe erschien 2018 bei Rodneys Underground Press und hat 116 Seiten.

Beitragsbild: © Rodneys Underground Press