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Das Konzept des Fortsetzungsromans – Tilman Rammstedt: „Morgen mehr“

Tilman Rammstedt und ich haben so einiges gemeinsam. Irgendwann mal in Tübingen Philosophie studiert.. Leben jetzt in Berlin… Nachtaktiv… Ingeborg-Bachmann-Preis… Ach ne, den hab ich ja garnicht. Bin aber auch kein Autor, wie der Tilman Rammstedt. Allerdings muss man als Autor ja Bücher veröffentlichen und das ist manchmal garnicht so einfach – seit Rammstedts letztem Roman „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“ sind nun immerhin auch schon ein paar Jährchen vergangen. Glücklicherweise hat sich Tilman Rammstedt jetzt mit den pfiffigen Leuten der Hanser Literaturverlage zusammengetan, die die Idee hatten, ihren Autor quasi zum Zwangsschreiben zu verdonnern und nebenbei noch ein sowohl aus Leser- als auch aus Marketingsicht interessantes Projekt zu starten: Tilman Rammstedt schreibt einen Fortsetzungsroman.


 

„Morgen mehr“ von und mit Tilman Rammstedt

Jo Lendle, seines Zeichens Chef des Hanser Verlags, beschreibt den Arbeitsalltag mit Autor Rammstedt folgendermaßen:

„Zu den erfreulichsten Momenten in dem von freudvollen Momenten nicht gänzlich freien Leben eines Lektors gehört die Arbeit an einem neuen Buch von Tilman Rammstedt. Morgens kommt man in den Verlag, da wartet, von einem knappen Verzweiflungsseufzer begleitet, im Posteingang das noch schreibwarme Ergebnis der vergangenen Nacht. Man liest in stillvergnügtem Glück die neuen Seiten, ruft den Autor an, kritisiert zum Schein einen Halbsatz, ein Komma, ein stilistisches Detail, preist dann vollmundig das täglich klarer sich abzeichnende Ganze, worauf Tilman Rammstedt sich – grummelnd, übermüdet, aber halbwegs mit der Nacht versöhnt – zur Ruhe legt.“

(Jo Lendle: morgen-mehr.de – Aufwachen mit Tilman Rammstedt)

Die morgendlichen Mails, die sonst nur Jo Lendle zu Gesicht bekommt, sollen bei dem neuen Buch Rammstedts „Morgen mehr“ mit der Welt geteilt werden und zwar tagesaktuell. Ab dem 11.01.2016 werden jeden Werktag zwei Seiten des Romans veröffentlicht. Dabei sein (per Email oder Whatsapp, als Text oder vom Autor gelesen) kann jeder, der sich über die Crowdfunding Plattform Startnext ein Abonnement sichert. Preislich startet das Ganze bei 8€ (nur Lese/Hörtexte). Für 20€ bekommt man nach Abschluss des Projektes auch eine vollständig lektorierte Fassung des Buches zugeschickt, welche später auch von Nicht-Abonnementen ganz normal im Buchhandel erworben werden kann.

Zwar bleibt zu vermuten (und auch zu hoffen), dass sich da im Laufe des Projektes noch so einiges ändert, aber einen groben Inhaltsteaser gibts auch schon:

„Es ist Sommer 1972. Seit Jahren schon. Die Farben verblassen, die Musik leiert, und ein Mann sehnt sich nach der Zukunft. Er vermisst all das, was es noch nicht gibt: Navigationssysteme, Glutenintoleranz, die Nostalgie nach klareren Zeiten. Er vermisst auch seine Frau, die er noch nicht hat, seine Kinder, die es nicht gibt. Er will nicht länger warten. Er beschließt, die Uhr nach vorne zu drehen. Und zwar nicht nur seine eigene, sondern die Koordinierte Weltzeit, an der sich alle Uhren orientieren. Dafür muss er nach Paris. In einem gestohlenen Taxi fährt er durch ein merkwürdiges Europa und sammelt auf dem Weg all diejenigen ein, die auch endlich in die Zeit fallen wollen, am besten mit Karacho.“

(Hanser News zu „Morgen mehr“)

Ok. Klingt Rammstedtsch.

Das Konzept des Fortsetzungsromans: Ein Dinosaurier?

Einen Roman in kleinen Stücken zu veröffentlichen ist nicht neu. Der sogenannte Fortsetzungs- oder Feuilletonroman hat in der europäischen Weltliteratur Tradition und boomte vor allem im 19. und 20. Jahrhundert. So sind beispielsweise Werke wie „David Copperfield“ und „Oliver Twist“ von Charles Dickens, genauso wie „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde, vor der Buchveröffentlichung seriell in Zeitschriften erschienen. Fjodor Dostojewski schrieb gar einen Großteil seiner Bücher auf diese Weise – und das immer unter Zeitdruck.

Zeitlich wenig aktueller war das experimentelle Fortsetzungsprojekt der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zusammen mit Science-Fiction Autor Andreas Eschbach: „Exponentialdrift„. Von September 2001 bis Juli 2002 erschienen wöchentlich neue Textstücke von Eschbach in der FAS. Die Handlung bezog sich dabei oft auf tagesaktuelle Geschehnisse. Die Resonanz der Leser blieb allerdings hinter der Erwartungen zurück. Eschbach, der  zum Start des Projektes durch die Veröffentlichung von „Eine Billionen Dollar“ eine starke mediale Präsenz innehatte, zieht im Nachwort der Buchfassung von „Exponentialdrift“ ein ernüchtertes Fazit zum Konzept des klassischen Fortsetzungsromans:

„Völlig falsch eingeschätzt haben alle Beteiligten, glaube ich, das Bedürfnis nach der Form des Fortsetzungsromans. Es stimmt, seit Charles Dickens hat das niemand mehr gemacht – aber vermutlich aus gutem Grund. […] Ich glaube, dass der klassische Fortsetzungsroman – einige wenige Spalten in einer Zeitung – eine überholte Form ist.“

(Andreas Eschbach: „Exponentialdrift“ Making Of)

Oha. Wikipedia konstatiert gar: „Gegenwärtig (Stand 2014) ist der Fortsetzungsroman so gut wie ausgestorben.“ Hat Hanser sich da ein konzeptuell verstaubtes Dinossauriergerippe ausgebuddelt, um seinen prokrastinierenden Autor doch noch zum Schreiben zu zwingen?

Der Fortsetzungsroman als Marketingstrategie: Von #Hashtagliebhabern und Autoren in Ketten

Obwohl sich „Morgen mehr“ nach Eigenaussage klar in die Tradition des klassichen Fortsetzungsromans stellt, stellt es trotzdem ein Novum dar. Im Gegensatz zu den üblichen seriellen Veröffentlichungen in Printmedien beschreitet Hanser mit dem Projekt die große weite Welt des digitalen Nutzers, oder anders: das Buch soll eine „experimentierfreudige Klientel ansprechen – #ZumBeispielSolcheDieHashtagsMögen“. Den Bedürfnissen dieser Zielgruppe sind nun auch einige  Faktoren angepasst, die für eine Rückkehr des Konzeptes Fortsetzungsroman eine entscheidende Rolle spielen könnten.

Der Hauptkritikpunkt der Leserschaft von Eschbachs „Exponentialdrift“ in der FAS war die wöchentlich Veröffentlichungsfrequenz relativ kurzer Textstellen. Bei „Morgen mehr„werden nun jeden Werktag zwei Seiten versprochen (toi toi toi, Herr Rammstedt!) – und zwar nicht nur als Text, sondern auf Wunsch auch als vom Autor eingelesene Audiodatei. Genau die richtige Länge um die tägliche Dosis Rammstedt als festes Tagesritual zu etablieren – am Frühstückstisch, der Mittagspause oder in der Ubahn.  Und noch besser: Die Zielgruppe der #Hashtagliebhaber kommuniziert über sowas gerne. Zum Beispiel über Twitter,  Facebook oder auf einem Blog und kurbelt natürlich damit ordentlich die Werbetrommel. Klappt ja ganz gut, wie man sieht.

Das Konzept von „Morgen mehr“ als Fortsetzungsroman ist nicht neu, aber im digitalen Kontext durchaus innovativ und trifft (vielleicht) den Zeitgeist. Ein großer Teil der Strategie im gegenwärtigen Buchmarketing ist die Vermarktung von Autoren und ihrer Schreibpraxis. Ein Fortsetzungsroman gibt dem Leser die Möglichkeit, sich dem kreativen Entstehungsprozess des Buches viel näher verbunden zu fühlen. Und zwar inklusive möglicher Schaffensflauten. Gerade jemandem wie Tilman Rammstedt, der sich schon mit Büchern wie „Der Kaiser von China“ ein etwas kurioses Image aufgebaut hat, traut man tatsächlich zu, dass er, wie in einer Bilderserie des Hanser Verlags prognostiziert, an Tag 22 des Projektes völlig verzweifelt versucht sich hanebüchen lustige Wendungen für das Kapitel des nächsten Tages aus den Fingern zu saugen und es am Ende trotzdem gut wird. Man ist gar neugierig, ob der übernächtigte Rammstedt denn nun tatsächlich jeden Tag zwei Seiten hinkriegt, oder ob irgendwann eine peinlich  berührte Entschuldigungsmail von Verleger Jo Lendle im Emailpostfach wartet.

Dementsprechend selbstironisch wird der Roman auch beworben. Häufig wiederkehrende Themen: Verschiedene Phasen der Rammstedtschen Auflösung in den Ketten seiner Veröffentlichungsverantwortung, Verwirrung ob der geplanten Planlosigkeit des Projekts und ein vollkommen verzückter Lektor, der eben für ein paar Monate mal „ein wenig früher aufstehen muss“.

Der Plan für „Morgen mehr“ steht also. Und ich bin gespannt auf das Experiment und freue mich morgens von den neuesten Rammstedtschen Schreibergüssen geweckt zu werden – ganz egal, ob der Autor nun wirklich jede Nacht schweißgebadet vor dem leeren Word-Dokument sitzt, oder ob das nicht doch alles strukturfester ist als suggeriert. In jedem Fall mal was Anderes!

Und was sagt eigentlich Tilman Rammstedt dazu?  Kein sehr guter Plan, sagt er laut eines aktuellen Youtubevideos von Hanser.

Er soll aber nicht so viel sagen, er soll verdammt nochmal schreiben. Seinen neuen Roman. Tag für Tag.

Na dann mal los, Herr Rammstedt.