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LA LA LAND – Wo Luxusprobleme noch Probleme sein dürfen

In seinem dritten Kinofilm „La La Land“ erzählt Damien Chazelle die Geschichte zweier Menschen, die davon träumen, ihre Kunst zum Beruf zu machen, einander auf diesem Weg begegnen und sich überraschenderweise ineinander verlieben.


Schauspielerin Mia (Emma Stone) und Jazzmusiker Sebastian (Ryan Gosling) könnten kaum unterschiedlicher sein. Sie, die sich vor Selbstzweifeln kaum zum Casting traut, er der völlig davon überzeugt ist, ein begnadeter Pianist zu sein, und es kaum aushält, in Restaurants den Hintergrundmusiker zu geben.

Schnell hat der charismatische junge Mann die unsichere, hübsche Schauspielerin von sich überzeugt. Frisch verliebt arbeiten sie nun Hand in Hand an ihrem Erfolg. Sie erhält durch ihn das Selbstvertrauen, das ihr zu fehlen schien, er die Motivation für Geld Musik zu machen um anschießend den Traum einer eigenen Jazz-Bar verwirklichen zu können.

Immer wieder untermalt Chazelle die romantischen Momente dieser scheinbar symbiotischen Beziehung mit Tanz und Gesangseinlagen, in denen die Hauptdarsteller*innen ihrer gegenseitigen Liebe Ausdruck verleihen. Doch aus jedem Traum gibt es ein Erwachen und allmählich müssen die beiden realisieren, dass sie sich in ihren Träumereien voneinander entfernt haben. Er, da er die nächsten Jahre mit einer erfolgreichen Band touren wird, anstatt seine Bar zu eröffnen und sie, da ihr klar wird, dass sie vielleicht doch nicht das einzigartige schauspielerische Talent ist, das sie zu sein glaubte.

Nach eigener Aussage versucht Chazelle nicht nur eine Geschichte über Träumer (und Träumerinnen) zu erzählen, sondern auch zu zeigen, wie schwierig es ist, die Balance zwischen „Leben“ und „Kunst“ zu halten. Leider hält er hierbei jedoch selbst nicht die Balance zwischen ernsthafter Auseinandersetzung mit universalen Problemen des Erwachsenwerdens und den Luxusproblemen zweier, dem gängigen Schönheitsideal entsprechender, ohne Geld- oder Gesundheitsproblem dahinlebender Erwachsener, die bemerken, dass es Teil des Erwachsenwerdens ist, seine Träume zu überdenken.

Eingebettet in die glitzernde Scheinwelt Hollywoods tanzen und singen sich die beiden von Szene zu Szene. Unterbrochen wird dieses „Musical“ durch wenige Dialoge, von denen ein kleiner Teil annähernd geistreich ist, es aber immerhin möglich macht, ein vages Bild der dargestellten Persönlichkeiten zu zeichnen. Genauer muss das Bild aber auch nicht sein, da keine der beiden, nur scheinbar in ihrer Perfektion gebrochenen, Personen als Identifikationsfigur für das Publikum erreichbar ist.

Über diese offensichtliche Schwäche des Filmes kann auch die aufwändige Musik und die tadellose schauspielerische Leistung von Emma Stone und Ryan Gosling nicht hinwegtäuschen. Auch der schleppende Versuch, die Lebenssituationen beider symbolisch mit Szenen wie einem Verkehrsstau zu untermalen, wird nur mit vollem Einsatz der Filmmusik in dieses Kinoerlebnis gepresst.

Über Geschmack lässt sich bekanntermaßen vortrefflich streiten und unmöglich sinnvoll diskutieren. Dennoch sollte man sich vor dem Besuch dieses Filmes eine einfache Frage stellen:

Möchte ich mir fast zweieinhalb Stunden auf Hochglanz polierte Luxusprobleme anschauen, oder nicht?

 

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Titelbild: © Studiocanal

Woody Allen: Irrational Man – oder: Warum eigentlich Kontinentalphilosophie?

Irrational Man“ ist Woody Allens 47ster Film als Regisseur. Selbst im Alter von 80 Jahren ist das ganz schön beachtlich. Doch sind die jährlichen Filme des Altmeisters den Kinogang überhaupt noch wert?


Woody Allens Art in den letzten Jahrzehnten Filme zu machen ist beständig. So beständig, dass man fast den Eindruck entwickeln könnte, dass es garnicht so schwer wäre, sich seinen eigenen Woody Allen Film nach dem Baukastenprinzip zusammenzubauen. Im Vordergrund stehen möglichst plakative und offensichtliche Figurenkonstellationen, die sich vor einer austauschbaren Diakulisse stetig verkomplizieren. Untermalt wird das Ganze von gefälliger Intellektuellenmusik und einem Griff in die Zitatekiste. Auch in „Irrational Man“ verlässt Allen seine ausgetretenen Pfade nicht:

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Abe Lucas (Joaquin Phoenix) ist der neue mysteriöse Dozent am fiktiven Snobcollege Brayden – Fachbereich Philosophie. Da gehört es quasi zum guten Ton, dass man ein wenig kaputt ist. Aber bei Abe läuft’s gar nicht mehr so recht. Der Weltschmerz ist groß, der Todesdrang stark und die Errektionen schwach. Zu ertragen ist das eigentlich nur mit jeder Menge Single Malt und Aufmerksamkeit durch Frauen, die ob seiner unwiderstehbaren Fuck-it-all Attitüde ohnehin rege Mühe haben ihre Höschen anzubehalten. Aber weh-oh-weh: Selbst die freie Auswahl zwischen der läufigen Mittvierzigerkollegin Rita (Parker Posey), die nur auf Abe gewartet hat, um ihren Ehemann zu betrügen und der hübschen Studentin Jill (Emma Stone), die vor lauter Faszination garnicht mehr weiß wo ihr der Kopf steht, kann ihn nicht so recht aus seiner Lustlosigkeit befreien.

Glücklicherweise rettet ihn nach der Hälfte des Filmes der Plotpoint und er findet dann doch seine Passion: Die Planung und Durchführung des „perfekten Mordes“ an einem joggenden Richter, ohne den die Welt nach Meinung des Moralexperten Lucas auf jeden Fall besser dran ist. Abe ist jetzt ein Macher und so richtig froh, dass er sich nicht mehr nur ausschließlich mit „französisch-intellektuellem Nachkriegsgeschwafel“ über Wasser halten muss und nebenbei auch wieder kopulieren kann.

An (pseudo)philosophischen Kurzdarbietungen fehlt es „Irrational Man“ nämlich nicht. Kant, Kierkegaard, Sartre, Dostojewski – jeder wird mal bemüht. Das Netz der phrasierten europäischen Denktradition verbindet die ganz großen Themen des Films: Weltschmerz, moralische Dilemmata, die Macht des Zufalls und die Einsicht, dass alle Theorie im Angesicht des praktischen Erfahrungshorizontes verblasst. Präsentiert wird das Ganze manchmal so unnachgiebig plakativ, dass selbst eine Studentin innerhalb des Films die unsichere Frage: „Warum eigentlich Kontinentalphilosophie?“, stellt. Die zögerliche Antwort lautet, dass das eben doch viel persönlicher sei als die verkopfte analytische Tradition. Zusätzlich wird durch das Abspulen der kleinen Zitatesammlung sehr effektiv die fast schon lächerliche Kulisse des gehobenen akademischen Snobmilieus vorgezeichnet und so der Weg für einige doch sehr amüsante Zwischenlacher bereitet. So findet „Irrational Man“ eine Plotführung, die trotz oder gerade aufgrund ihrer als Tiefsinn getarnten Plattheit das Interesse des Zuschauers nie verliert.

Im Laufe des Filmes wird die philosophische Litanei des Protagonisten Abe Lucas folgendermaßen beschrieben:

„Es ist ein Triumph des Stils. Einer tiefergehenden inhaltlichen Betrachtung hält sein Schreiben nicht stand.“

Das tut wohl genausowenig der wenig komplexe Streifen des in die Jahre gekommenen Regisseurs und Drehbuchautors Allen. Aber das sollte er ja vielleicht auch gar nicht. „Irrational Man“ ist nämlich trotzdem ganz unterhaltsam. Man muss sich einfach nur einen zynischen Woody Allen vor seiner Schreibmaschine vorstellen, der selber nicht so recht weiß, ob er seinen lethargisch weltschmerzelnden Hundeblick durch ein verschmitztes Lächeln stören soll, um so zu offenbaren, dass die beste Art mit dem Leben umzugehen vielleicht ist, es nicht vollständig ernst zu nehmen.