Schlagwort: Electro

Tanzt, ihr Träumer. Lali Puna – Two Windows

Mit ihrem neuem Album Two Windows erklären Lali Puna ihre Galaxie innerhalb des Weilheimer Banduniversums endgültig für unabhängig und formen den intimen Electro-Sound, den sie machen, zu ihrem eigenen Antityp: tanzbaren Songs.


Two Windows ist nun zwar bereits Album Nummer fünf innerhalb von 19 Jahren, dennoch kommt es, gerade durch die Neuausrichtung der Band, ohne Abnutzungsspuren aus. Was das Album bemerkenswert macht, ist die seltsame von ihm ausgehende Stimmung – diese Mischung aus Selbstbewusstsein und Melancholie. Irgendwie schön, dass Lali Puna es geschafft hat, das eine auszuprägen, ohne das andere einzubüßen. Denn es ist unzweifelhaft noch immer dieselbe Band, die groß geworden ist mit verschüchterten Alben wie ihrem 2001er Scary World Theory, das genauso klingt, wie es heißt. Immer noch sind da der markante Gesang Valerie Trebeljahrs, der sich durch detailverliebte Electro-Arrangements gleitet.

Und Two Windows ist auch kein durchgängiges Tanzalbum geworden, sondern öffnet und schließt sich gekonnt von Song zu Song. Die Vielseitigkeit wird auch bestimmt durch sorgfältig ausgewählte Kooperationen, zum Beispiel mit Dntel oder MimiCof. Das künstlerische Zentrum wiederum bildet wie immer Sängerin Trebeljahr, die in guter Tradition von den langjährigen Mitmusikern Christian Taison“ und Christoph Brandner begleitet wird. Dass ein vierter, Notwist-Sänger Markus Acher, sich erstmals nicht an den Aufnahmen eines Lali-Puna-Albums beteiligte, hinterlässt auch Spuren und leitet womöglich den emanzipatorischen Ansatz des Albums erst ein. In zwei Jahren Studioarbeit entstand letztendlich eine intime Platte, die sich auch die Bezeichnung Post-Pop“ wirklich verdient; denn es eignet sich durchaus recht explizit bekannte Versatzstücke an und kokettiert mit dem Mainstream.

Am deutlichsten tut es dies im überraschenden Cover The Bucket, das die Komposition des Kings-of-Leon-Songs völlig ent- und rekontextualisiert und vom Festival-Rock zum Clubsong transportiert. Hätte furchtbar werden können, ist aber großartig. Nur ein kleines wenig subtiler passiert es im Song Deep Dream, der, wenn es auf den Refrain zugeht, in Phrasen mündet, wie sie sich eigentlich Kylie Minogue schon Ende der 80er patentieren ließ: „I should be so lucky“. Ergänzt um die beiden Silben „… in love“ ist der Refrain textlich fast provokant verpopt. Doch auch wenn Deep Dream tatsächlich ein tanzbarer Song ist, führen Lali Puna die Verse auf ihren tieftraurigen Kern, die Unerzwingbarkeit des Glücks zurück. Das Thema des Lieds wird also gleich mehrfach gebrochen und macht im Grunde viel zu nachdenklich für den kleinen, verträumten Popsong, der er eben auch ist. Aber es sind genau diese Reflexionen, die Lali Puna mit feinem Gespür an vielen Stellen in ihre Musik streuen, welche beim Hören wachhalten. Und auch Lust auf die anstehende Tour wecken. Vielleicht könnte man sich sogar in die neue Volksbühne trauen, wenn Lali Puna schon den Mut dazu aufbringen.

Quelle: YouTube
Ein paar Tourdaten (in Auswahl):

18.10.2017 Nürnberg (DE) Z Bau
19.10.2017 Köln (DE) Gebäude 9
25.10.2017 Frankfurt a.M. (DE) Zoom
22.11.2017 Wien (AT) Arena
24.11.2017 Wels (AT) Youki
25.11.2017 Leipzig (DE) Conne Island
26.11.2017 Berlin (DE) Volksbühne
28.11.2017 Hamburg (DE) Kampnagel
29.11.2017 München (DE) Kammerspiele

Titelbild: Patrick Morarescu

Zwischen Experiment, Soundtrack und Avantgarde. Ein Gespräch mit Midori „MimiCof“ Hirano

Wer ist Midori Hirano? Bereits seit ihren ersten Veröffentlichungen spannt die Musik der Japanerin einen Bogen zwischen Klassik und Ambient, und wirft insbesondere auch eine aufmerksame künstlerische Perspektive auf deutsche Erscheinungen der Musikgeschichte. Ihre Musik stellt nachdrücklich fest, dass diese sich nicht nur, wie allgemein angenommen, über Stilbrüche verstehen lassen, sondern auch als rückgekoppelte, geschlossene Kunst funktionieren.

Unter ihrem Pseudonym MimiCof entlädt sie die Spannung immer stärker in etwas Eigenes, führt uns tiefer ins Abstrakte und baut die Sphären, die sie vor langer Zeit betreten hat, zu synästhetischen Gebilden, mal Maschinen-, mal Welträumen aus. Das führte sie schon auf die Berlinale. Ihr neues Album „Moon Synch“ nun ist nicht zuletzt auch von ihrer Auseinandersetzung mit einem analogen Buchla-Synthesizer geprägt. Assoziationen zu Science-Fiction-Kino-Soundtracks oder Industrial Music bleiben schon deswegen nicht aus.

Doch es liegt in der Natur des Avantgarde, im Vorgefundenen bloß Vereinnahmungspotenziale zur Überwindung zu verstehen. Und so erlegt der schwere Industrial-Sound ihrem Projekt eine neue künstlerische Mitte auf, die „Moon Synch“ zu einem seltenen Fund macht – dem Ausgangspunkt eines aufschlussreichen Gesprächs.


Herzlichen Glückwunsch zu deinem neuen MimiCof-Album – wie lang hast du daran gearbeitet?

Dankeschön. Mit ein paar Pausen habe ich insgesamt vielleicht vier bis fünf Monate daran gearbeitet. Ich hatte zwei Residencies in Stockholm, einmal für zwei Wochen und einmal für eine Woche. Es gibt dort das DMS Studio, das einen großen Buchla-Synthesizer hat. Ich habe vorher nie mit einem analogen Synthesizer gearbeitet und war total interessiert, weil ich bisher nur digital am Computer gearbeitet habe.

Du bist extra für diesen Synthesizer nach Stockholm gekommen?

Genau, ich habe mich dafür auf diese Residency beworben und bin dann zum Glück angenommen worden.

Quelle: SoundCloud

Und während dieser Zeit in Stockholm sind sämtliche Songs des Albums entstanden?

Ich habe zunächst komplett ohne Ziel begonnen, mich mit dem Synthesizer auseinanderzusetzen, habe improvisiert und experimentiert, weil ich nicht wusste, wie er funktioniert. Das wurde mir im Studio aber gezeigt und ich habe es gelernt. Nach dem ersten Aufenthalt habe die Dateien mit nach Hause gebracht und sie ausgewertet, noch mehr Layer hinzufügt und sie digital bearbeitet.

Wie war es denn für dich, ein neues Instrument kennenzulernen?

Das war super. Ich habe ja klassische Musik studiert und früher viele Jahre lang Klavier gespielt. Aber das ist ein schon länger her, ich habe eine lange Pause vom Klavierspielen gemacht und meine Musik komplett am Computer komponiert. Mir wurde aber immer stärker bewusst, dass ich den Kontakt zu einem Instrument vermisse. Ich wollte jedoch nicht einfach zum Klavier zurück, sondern etwas anderes probieren.

Und gibt es Buchla-Synthesizer so selten, dass du dafür extra nach Stockholm musst?

Ja, tatsächlich. Die sind schon teuer und es gibt nicht so viele. Und es ist ein sehr altes Modell, aus den 60ern oder 70ern.

Der Buchla-Synthesizer im Stockholmer Elektronmusikstudion:

Quelle: Instagram

Im Gegensatz zu deinen vorherigen Alben gibt der Synthesizer deinem Sound ja auch eine durchaus neue Richtung, er klingt zeitloser und schwerer. Wie würdest du den Sound im Unterschied zu deinem 2012er MimiCof-Album „KotoLyra“ beschreiben?

Die beiden Alben sind komplett unterschiedlich. Bei „KotoLyra“ habe ich eher nur mit dem Computer komponiert und nur für wenige Stellen einen Synthesizer benutzt. Aber auf „Moon Synch“ geht es viel stärker in eine experimentellere Richtung. Es findet viel mehr zwischen analog und digital statt.

Würdest du auch sagen, dass es vom Sound her geschlossener klingt?

Ja, schon. Und es klingt viel physikalischer. Für mich hat es eine viel physikalischere Bedeutung.

Darauf sind ja auch die Songtitel wie „Spins“, „Rising“ und „Burning Lights“ angelegt, oder? Ist dies das Konzept des Albums geworden?

Am Anfang hatte ich kein Konzept, aber irgendwann habe ich das Ziel gefunden, dass der Sound etwas kosmischer wird. Im letzten Jahr habe ich ein anderes Album unter meinem wirklichen Namen Midori Hirano veröffentlicht, das „Minor Planet“ heißt. Und schon bei dem Albumnamen habe ich die Idee bekommen, ein zweites Album zu machen, das inhaltlich mit „Minor Planet“ verbunden ist. Aber das war eigentlich etwas zufällig.

Ambient-Musik ist ja oft sehr abstrakte, offene Musik, weshalb man beim Hören schnell die Tendenz hat, sich assoziativ durch Songtitel leiten zu lassen. Und Titel und Sound fügen sich auf „Moon Synch“ ja nun wirklich gut. Aber angenommen, jemand würde aber etwas ganz anderes, also nichts Kosmisches darin hören: Würde dich das stören oder findest du es schön, mit deiner Kunst Projektionsfläche zu bieten?

Ich freue mich, wenn jemand den Songs eine andere Bedeutung gibt. Jeder Mensch hat eigene Ideen zu jedem Stück.

Und ist es für dich wichtig, dich von Album zu Album in neue Richtungen zu entwickeln?

Es muss nicht immer anders sein. Es kommt nur darauf an, was ich gerade machen möchte. Das entscheide ich jedes Mal aufs Neue. Mein erstes Album habe ich schon vor zehn Jahren veröffentlicht. Und ich mache bei neuen Projekten gerne Sachen anders. Ich brauche manchmal die Veränderung.

als Midori Hirano:

Quelle: YouTube

War das der Grund für dich, anzufangen, auch das Pseudonym MimiCof zu benutzen?

Genau. Am Anfang habe ich immer nur als Midori Hirano Musik veröffentlicht. Dann kam ich nach Berlin, wo ich kein Klavier mehr hatte. Ich habe hier zunächst nur mit dem Computer und Geräten gearbeitet. In dieser limitierten Umgebung kam ich auf die Idee, etwas anderes zu machen, war stärker an elektronischer Musik interessiert und habe mir überlegt, mit einem neuen Projekt anzufangen. Deswegen habe ich als MimiCof angefangen. Heute sind für mich beide Projekte wichtig.

Und warum hast du dich damals für Berlin entschieden? Hatte das eine künstlerische Motivation?

Ich war, auch weil ich Klassik studiert habe, schon lange an deutscher Musik interessiert. Und noch mehr hat mich die Musikszene in Berlin interessiert.

… die elektronische?

Ja, schon. Außerdem war ich damals 29 Jahre alt und wollte etwas anderes in meinem Leben probieren.

Das hat ja künstlerisch auch sehr gut geklappt. Und obwohl du klassisches Klavier studiert hast, war die Musik, die du veröffentlicht hast, noch nie rein klassisch instrumentiert.

Ja, es war immer eine Mischung aus akustischer und elektronischer Musik. Auch mit Field-Recordings [aufgenommenen Alltagsgeräuschen] habe ich experimentiert, was ich auch immer noch gerne mache. Auf „Moon Synch“ nicht, aber auf „Minor Planet“ habe ich noch Field Recordings verwendet.

Aber auch Moon Synch ist ja ein wenig psychedelisch – mit maschinellen Klängen. Vom Höreindruck her könnten es auch echte Field Recordings sein, die du benutzt.

Ich habe auch tatsächlich darüber nachgedacht, Aufnahmen zu benutzen, aber der Klang des Buchlas hat mir so gut gefallen, dass ich nur damit gearbeitet habe.

Und du machst auch Film-Soundtracks.

Ja, manchmal schon. Nicht oft.

Einer der Filme lief sogar bei der Berlinale.

Ja genau, Vita Lakamaya, ein Animationsfilm.

Vita Lakamaya von Akihito Izuhara (Berlinale-Trailer):

Quelle: Vimeo

Wie entscheidest du, an welchen Projekten du mitwirken möchtest?

Ich beteilige mich nur, wenn jemand auf mich zukommt und fragt, ob er meine Musik verwenden kann. Der Regisseur von Akihito Izuhara kannte zum Beispiel meine Musik schon, weil wir uns schon kennengelernt haben. Er kam dann darauf, die Musik für den Film zu verwenden. So funktioniert es eigentlich immer: dass der Regisseur auf mich zukommt.

Würdest du sagen, dass deine Beteiligung an Filmsoundtracks deine Arbeit als Musikerin generell beeinflusst? Also dass auch deine Alben evtl. von visueller Kunst beeinflusst sind?

Ja, manchmal schon. Manchmal bin ich von bestimmten Bildern inspiriert, mit denen ich gearbeitet habe. Es gibt manchmal schon einen Zusammenhang. Ich sehe bestimmte Bilder, während ich komponiere. Ich mache das zwar abstrakt, schaue mir keine konkreten Bilder an, aber trotzdem fließen manche visuellen Ideen ein.

Apropos szenische Kunst – ein Song sticht aus dem abstrakten Konzept von „Moon Synch“ hervor: „Leaving the Country“ beginnt mit einem bedrückend klingenden, mechanischen Sound, welcher sich aber immer mehr auflöst. Ist dies das Gefühlsleben, das man hat, wenn man seine Heimat verlässt? Hast du daran gedacht bei dem Titel?

Vielleicht, ja, ein bisschen schon. Es muss nicht so traurig sein. Es geht ein bisschen um das Gefühl, vergänglich zu sein. Jeder Mensch stirbt irgendwann. Oder etwas geht kaputt. Das Gefühl, dass etwas endet. Alle gehen irgendwann weg. Dieses Gefühl hatte ich, als ich es komponiert hab, das wollte ich abbilden.

Und diese Art von Bedrückung klingt auf deinem Album ja auch an anderen Stellen immer wieder durch. Wie ist es, über mehrere Monate an einem so einnehmenden, impulsiven Projekt zu arbeiten? Belastet es dich auch?

Ja, es ist manchmal sehr anstrengend und man braucht viel Energie, um ein bestimmtes Stück zu machen. Vielleicht ist es eine Belastung. Aber man kommt damit zurecht. Ich habe nicht immer daran gedacht.

Quelle: YouTube

Und was auch sehr beeindruckend ist, ist dass du immer geschlossen und allein arbeitest. Du spielst alle Instrumente selbst, oder?

Beim allerersten Album haben Gastmusiker die Streichinstrumente aufgenommen. Aber ansonsten mache ich alles alleine, Klavier und Computer.

Erfordert es viel Disziplin, sich Tag für Tag damit zu beschäftigen?

Es ist wirklich schwer, denn es gibt zu viel Ablenkung. Aber ich versuche trotzdem immer etwas zu machen – zu spielen, etwas zu entwickeln. Aber das geht nicht jeden Tag.

Du stehst, während wir uns unterhalten, gerade direkt vor einer Japan-Tour, in der du dein neues Album präsentierst. Wie ist es, als Künstlerin in die Heimat zurückzukehren?

Ich kehre ungefähr einmal pro Jahr nach Japan zurück. Es ist eine Mischung aus Besuch und Tour. Meine Familie und viele Freunde sind noch dort.

Und ist es anders, vor denen zu spielen als hier in Europa?

Für mich ist es hier einfacher. Hier kann ich offener sein und freier auftreten – und arbeiten. In Japan gibt es auch viele Künstler*innen, die Musik in diese Richtung spielen. Aber ich bin auch hier, weil es dort viel schwieriger, viel stressiger ist, zu leben.

Du denkst also nicht darüber nach, zurückzukehren?

Momentan nicht. Vielleicht in zehn Jahren. Ich weiß es noch nicht.

Und zum Abschluss: Spielst du auch in Deutschland noch Release-Shows für das Album?

Das steht noch nicht fest. Ich plane meine Konzerte eigentlich immer noch unabhängig von Albumveröffentlichungen. Es kommt für mich eher darauf an, Anfragen zu bekommen, die ich spannend finde. Aber am 2. Juni spiele ich in Chemnitz und am 1. Juli in Bielefeld, zusammen mit Driftmaschine.


Eine Release-Show in Berlin ist inzwischen für den 23. Juni angekündigt. MimiCofs Album „Moon Synch“ erschien indes am 5. Mai bei Alien Transistor.

Titelbild: © Sylvia Steinhäuser

Das neue Boys-Noize-Album – Mayday

Sein neues Album Mayday führt Boys Noize zurück zu seinen musikalischen Wurzeln. Und nimmt seine Hörerinnen gleich mit zu ihren.


Wenn ich heute meinen fast vergessenen iPod Mini (Farbe Gold) aus irgendeiner Kiste krame, findet sich da nicht so viel elektronische Musik. Ja, er funktioniert noch (2005), allerdings wie so viele Apple-Geräte nur, wenn man permanent das Ladekabel anschließt. Ich scrolle also durch die musikalischen Schätze und Sünden meines 15-jährigen Ichs und höre vor allem Rock, Pop und Soul. Ein bisschen TLC hier, ein wenig Arctic Monkeys dort. Aber ein paar wenige elektronische Tracks gibt es doch und ein Song war damals relativ lange – einen ganzen Sommer – in jeder meiner Playlists: „Young Love“ von Kid Alex. Damals wusste ich noch nicht, dass Kid Alex eigentlich zwei sind und der eine, Alexander Ridha, eigentlich Boys Noize.

Quelle: Vimeo

Ich muss zugeben, dass ich den Track heute noch ziemlich cool finde. Vielleicht liegt es an der Melancholie meiner Jugend. „I take you to a special place where the girls are topless, topless, topless…“ Also mein 15-jähriges Ich hätte sich sicher niemals topless irgendwo gesonnt und heute mit meinem von feministischer Denke geprägten Ich könnte frau natürlich diesen Songinhalt ziemlich auseinandernehmen, aber was soll’s. Ich kann mich nicht daran stoßen, denn irgendwie schwebt der Text auf eine Wolke der Unschuld. Alexander Ridha musste, so steht es zumindest bei Wikipedia, den Text selbst einsingen, weil die Sängerin nicht zum Aufnahmetermin erschienen sei. Welch ein Glück, denn diese unbeholfene Stimme macht das Ganze ganz unprätentiös.

Eigentlich soll ich hier über Ridhas also Boys Noizes neues Album schreiben. Mach ich jetzt auch. Heute gehört elektronische Musik nicht mehr zur Ausnahme meiner CD-Sammlung. Von Boys Noize stand aber bis vor ein paar Tage noch nichts im Regal. Ich setze mich etwas zerknautscht und immer noch müde an den Schreibtisch. Kopfhörer auf und starte das Album. „Mayday“, da muss ich zuerst an das Mayday-Festival für elektronische Musik denken, das Anfang 2000 unter anderem von WestBam organisiert wurde. Aber der Künstler wollte wohl eher auf den internationalen Notruf im Sprechfunk hindeuten. Ich stelle mir vor, wie Ridha am Fenster steht und durch ein Megafon ruft: Mayday, Mayday! Hört euch mein neues Album an und ihr werdet gerettet! Und tatsächlich, der erste Track weckt mich auf. Aus der trägen schwülen Sommermüdigkeit Berlins oder der Langeweile, die sich im Laufe eines Masters ab und zu mal einstellt. Ich bin auf einmal wach und wackele in meinem Sessel hin und her. „Overthrow“ ist eine ziemliche Sahneschnitte und gut platziert, als erster Track holt es die Hörerin direkt ab. Keine Kompromisse.

Ich mache mir Sternchen hinter die Tracks, die mir besonders gut gefallen und bis zur Hälfte werden es irgendwie immer mehr. Die Mischung aus Techno und House macht jeden Track tanzbar und sorgt für eine gewisse Klarheit. Nichts Verschnörkeltes, nicht zu viel. Die Beats sind hart und eindeutig. Das macht Spaß. Was man aber auch heraushört, sind Ridhas frühere Verbindungen zur Indie- und Punkszene. Es gibt da immer etwas Rotziges. Ein Element, das jeden Track kratzig und provokativ macht. Einige Titel erinnern mich an die experimentellen Rave Bewegungen der 90er und 00er Jahre. In der zweiten Hälfte der 13 Tracks sind auch ein paar dabei, die mir teilweise zu einseitig sind. Aber das kann mensch durchaus verschmerzen. In „Midnight“ meine ich wieder Ridhas Stimme zu hören, hat er sich doch noch mal getraut, selbst zu singen?

Boys Noize aka. Alexander Ridha hat eine interessante Mischung aus Techno, House und Rockelementen produziert, die nicht super innovativ ist, aber eben durch die Verweise in die 90er und 00er Jahre einem Genre in der elektronischen Clubmusik huldig, das sich damals Uneindeutigkeit und Grenzgängertum auf die Fahne geschrieben hatte. Auf jeden Fall finde ich in 20 Jahren auf meinem Mp3-Player von heute den besten Track: „Euphoria“.
„Mayday, mayday macht, was euch gefällt“, höre ich Ridha durch sein Megafon rufen.

Quelle: YouTube

Quelle Titelbild: boysnoizerecords.com