Schlagwort: Diskurspop

Diskursrock als Kinderlied – Locas in Love mit Saurus X

Jede Band hat mal ein Album gemacht, mit dem sie ihren Sound definierten. Bei Locas in Love heißt es Saurus und hat zum zehnjährigen Jubiläum ein Reissue bekommen.


Zu ihrem zweiten Album Saurus ließen Locas in Love einen Rezensions-Generator programmieren. Wie könnte ich der Platte also besser gerecht werden, als davon Gebrauch zu machen und anschließend einen entspannten Feierabend zu genießen? Das klänge dann so:

„Locas In Love sind ja besonders unter ihren Kollegen hoch angesehen, aber nun melden sie sich mit ihrem zweiten Silberling zurück. Durchwachsen, weil orientierungslos präsentiert uns die Truppe um Björn Sonneberg Saurus (Sitzer/Virgin/EMI). Dabei gehen sie mit ehrlichen, unverkrampften Aussagen, die mitnichten honigsüß daherkommen zu Werke (…)“

Der Rest des Rezensionsgenerators ist ebenfalls Teil der Jubiläumsedition zum zehnjährigen Erscheinen von Saurus, genauso wie ein Haufen an weiteren Extras wie z. B. ein Songbook mit Akkorden zum Nachspielen der Lieder und einer genauen Entstehungsgeschichte des Albums voller Bilder, Texten und Zeitdokumenten, die erzählen wie das damals so war in den 2000ern Musik zu machen.

Und die Songs? Wenn ein typischer Locas-in-Love-Sound existiert, dann gibt es wohl kaum ein Lied, das ihn besser vorführt als der Saurus-Opener „Sachen“.

Quelle: Bandcamp

Aus dem Intro klingt die Strokes-Ära heraus, die sich gerade auf dem Zenit befand. Dieser Sound kommt nicht von ungefähr, denn das Album wurde von Peter Katis abgemischt, der schon den Indie-Rock Sound von The National, Interpol und The War on Drugs am Mischpult geformt hat. Zu den warm klingenden Gitarrenbendings singt Björn Sonnenberg über ein Treffen mit einem alten Bekannten. Es entspinnt sich ein Text zwischen WG-Küchengespräch und kritischer Selbstbeobachtung. So geht es auch in den ersten Refrain:

„Aber du kennst das ja selber/ und weißt ja wie du bist / wie es sich anfühlt, wenn man immer / so beschäftigt ist, mit Verpflichtungen, Erledigungen / und Freiwilligkeiten und Dingen / und den Fokus verliert / wir können ein Lied davon singen.“

Mit kurzen energetischen Ausbrüchen in der Bridge und einer lauter werdenden Soundwand gegen Ende, vereint der Song alle Elemente, die Indie-Rock gut gemacht haben. Doch die große Popkunst entfaltet die Band mit „Mabuse“. Über die eingängige – verdächtig an Sweet Jane von Velvet Underground erinnernde – Akkordfolge singt Bassistin Stefanie Schrank mit betont naiver Stimme einen Refrain, der die sanft plätschernden Akkorde konterkariert:

„Den Bankier bedroht, den Politiker entführt / Polizist k.o. geschlagen er hat kaum was gespürt / Mit meiner Handschrift, die Forderung geschrieben / dieses verdammte Deutschland hat mich dazu getrieben.“

Beim zweiten Durchlauf wird sie dabei noch von einem Kinderchor unterstützt und gemeinsam treiben sie den Kontrast auf die Spitze. Abgesehen von diesen beiden besten, versammelt Saurus eine Mischung an albernen, ernsten, traurigen und optimistischen Songs, die auch an ihrem zehnten Geburtstag noch eine emotionale und musikalische Wucht entfalten, die in der hiesigen Popmusik oft ihresgleichen sucht.

Quelle: Bandcamp

Tourdaten:

19.11.2017 Köln – BRITNEY powered by Schauspiel Köln
14.02.2018 Nürnberg – MUZ
15.02.2018 Frankfurt – Das Bett
16.02.2018 Karlsruhe – Jubez
17.02.2018 Freiburg – White Rabbit
21.02.2018 Fulda – Kreuz
22.02.2018 München – Milla
23.02.2018 AT-Wien – Flex
24.02.2018 Augsburg – Brechtnacht
Titelbild: Christian Faustus

Isolation Berlin – Großes Theater

Wenn Isolation Berlin auf die Bühne treten, sind sie und ihr Publikum gemeinsam einsam. Sie feiern Trostlosigkeit, Kälte und sich selbst. So auch am 17. Dezember 2016 im Columbia Theater Berlin.


Keine Frage, die Medien lieben sie. Weil sie keinem Trend folgen und doch den Zeitgeist treffen. Weil sie so traurig, schwermütig und tiefsinnig sind. Und weil sie das liefern, nach dem sich scheinbar alle gesehnt haben. Isolation Berlin haben in diesem Jahr viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Von einigen werden sie als die deutsche Indie-Rock-Entdeckung 2016 gehandelt. Neben Bands wie Drangsal, Annenmaykantereit, Von wegen Lisbeth und Milliarden waren sie für den Preis für Popkultur in der Kategorie „Hoffnungsvolle Newcomer“ nominiert. Den Preis gab es nicht, aber weiterhin gute Presse. Rezensionen und Bandporträts lesen sich fast wie ihre Songtexte selber. Kritiker٭innen verlieren sich in bedeutungsschwangeren Formulierungen wie „trügerische Euphorie“, „eisige Abgründe“ oder „eine blutrote U-Bahnfahrt von leichtem Walzer bis zur Endstation im Lärm“ (s. Spiegel online und Intro), wenn sie ihren Sound beschreiben. Als hätten die Schreiber٭innen Angst, den vier Musikern und ihrer Botschaft nicht gerecht zu werden. Auch der Vergleich mit Bands wie Ton, Steine, Scherben oder Tocotronic verringert nicht den Druck, etwas ganz Großes in den vier Mittzwanzigern zu sehen.

Dann stehen sie am 17. Dezember 2016 – als Abschluss eines erfolgreichen Jahres – auf der Bühne des ausverkauften Columbia Theaters in Berlin. Kein großes Hallo, kein euphorisches „Guten Abend, Berlin!“ Eher unaufgeregt, ja fast nüchtern abgeklärt singt Tobias Bamborschke, als hätte er nie etwas anderes getan: „Ich bin ein Produkt. Ich will, dass ihr mich schluckt. Dass ihr mich konsumiert. Euch in mich verliert“. Dabei hebt er bühnensicher die Arme in die Höhe und deutet dann ins Publikum. „Ich will, dass ihr mich liebt. Und auch die ganze Welt. Ich lebe für Applaus. Bis der Vorhang fällt.“ Eine unmissverständliche Ansage an das Publikum. Und ein geschickter Zug des ehemaligen Schauspielstudenten: Wie entzieht man sich zu Beginn eines Konzerts jeglicher Kritik? Man geht in strenger Selbstreflexion mit sich selbst ins Gericht und schreit das Urteil heraus.

Quelle: YouTube, © berlinconcert

Ja, er ist das Produkt. Genauer gesagt ist er das Zentrum eines guten Produkts. Während er mit gewaltiger Bühnenpräsenz alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, werden seine drei Mitspieler zu Statisten. Die Band interagiert nicht. Alle wirken konzentriert, versunken in ihrem Sound. Auf der Bühne ist kaum Bewegung. Und Tobias Bamborschke? Er weiß, was er da tut. Und wenn er singt, dass es schwerfalle aufzustehen, wenn man nicht wisse wieso, glaubt man ihm. Schließlich unterstreicht er die Schwere durch seine kraftlose und monotone Artikulation. Aber die Gefühle, die Melancholie, Traurigkeit und Trostlosigkeit, die er in all den Rock-Chansons beschreibt, gingen dem Konzert voraus. Auf der Bühne spielt er seine Rolle. Die Gesten sind einstudiert, etwa wenn er singt: „Siehst du da die dicke Frau?“ und in die Leere zeigt, als stünde sie dort. Er tut es nicht zum ersten Mal. Nur einmal, glaubt man, ein nicht geplantes Lächeln in seinem Gesicht zu erkennen: Nachdem ihm die Menge laut und textsicher „Der Schlachtensee ist lang. Und auch ohne dich ganz schön“ entgegensingt.

Isolation Berlin live im Columbia Theater Tobias Bamborschke live mit Isolation Berlin

Es ist nicht zu überhören: Isolation Berlin hat eine Fangemeinde. Sie kann jedes Wort mitsingen – ihres Debütalbums „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ und sämtlicher EPs. Diese Fanschar umfasst nicht etwa nur Student٭innen Mitte zwanzig – auch wenn sie die Mehrheit bilden. Bis 50 Jahre ist alles dabei. Und sie feiern ihre Band, die nur wenig mit ihnen in Aktion tritt. Sehr kurze Ansagen kündigen ihnen an, was sie ohnehin nach den ersten Tönen erraten würden: den Titel des nächsten Liedes. Danach gibt es Jubelschreie und Applaus, wie zu Beginn gefordert. Den letzten Song widmet der Sänger dem wichtigsten Menschen in seinem Leben: sich selbst. Das sorgt für den ersten Lacher des Abends im Publikum. Die letzten Zugaben performt Isolation Berlin mit ihrer geliebten Vorband Der Ringer und dann fällt der Vorhang.

Ja, Isolation Berlin beherrschen ihr Handwerk. Sie wissen, wie sie einen grauen, dumpfen Schleier über ihre Zuhörer٭innen legen und es mitziehen – in besungene Abgründe, in Weltschmerz und Selbstmitleid. Aber das Konzept ist durchdacht, die Abgründe sind geplant. Trotzdem oder gerade deswegen scheinen sich viele in ihnen und ihren Songtexten wiederzufinden – die manchmal naiv mit vorhersagbaren Reimen gerade herauserzählt und manchmal mit Methaphern und Pathos überladen werden. Vielleicht ist es das, was den Kritiker٭innen so imponiert und sie zu ebenso bildlichen Umschreibung ihrer Musik verführt: die naive und gleichzeitig ausgewachsene Melancholie. Trotzdem sollte sich doch eine٭r dazu hinreißen lassen, Isolation Berlin einen Wikipedia-Artikel zu schreiben. Was ist denn das für ein Produkt ohne Wikipedia-Eintrag?

Isolation Berlin im Columbia Theater

Bilder: © Anna Stuhrmann und Katharina van Dülmen

#Trümmer #Interzone #Google #Diskurspop

Was passiert eigentlich mit dem guten alten Diskurspop, wenn ein Teil des Pop-Diskurses gar nicht mehr für Menschen schreibt, sondern für Algorithmen? Das neue Trümmer-Album Interzone für seinen Teil klingt, als würde der Online-Journalismus wieder von der Musik aus zurückschwappen, die er beschreibt, und rechnet auf subtile Weise brutal mit seinen Kritiker٭innen ab.


Als Trümmer die Interzone betraten, kam das bisher spannendste deutschsprachige Indie-Album dieses Jahres dabei heraus. Es ist weder subversiv noch eskapistisch, geht aber mit Bestimmtheit in eine Richtung, die Trümmer schon vor ein paar Jahren eingeschlagen haben. Wie auf ihrem selftitled-Debüt Trümmer setzen sie dabei vor allem auf eines: intuitive Texte. Teilweise so intuitiv, dass es weh tut. Musikalisch hingegen lösen sie, mittlerweile zu viert, das Versprechen ihrer ersten Platte ein und klingen gereift und besonnener. So zusammengewürfelt, wie ihre Bandmitglieder wirken, ist auch ihre gemeinsame Musik schwer zu fassen, da sie in einigen Teilen sehr originär ist, in anderen doch auch jede Menge abruft. Vielleicht lässt sich zunächst über das Erbe, das Trümmer antreten, ein Zugang zur Platte gewinnen.

Die diskursive Hamburg-Tradition

Bisweilen wird die Band ja der Hamburger Schule zugeordnet, was sie selbst schon aufgrund des Generationsunterschieds zurückweisen. Denn Hamburger Schule, das waren doch ein paar Bands der 90er und 2000er, eine offene Gemeinschaft von Sängern, denen das Geschichtenerzählen und Kodieren von Inhalten wichtiger ist als ihr Gesangsstil, umgeben von ein paar Musikern, die gern britische Bands aus den 80ern hören, ihre Einflüsse musikalisch nachvollziehen wollen und dabei in neue Kontexte transportieren. Oftmals kommt dabei Musik heraus, die sich selbst verortet, sei es musikalisch durch übertragene Motive und Sounds, oder textlich, wenn sich Motive zu Slogans bündeln, die eine bestimmte Szene ansprechen sollen und die Musik so selbst zum Teil der Szene werden lässt. Viele der Bands liefern die kulturelle Einordnung ihrer Musik gleich in derselben mit, was die diskursiven Tendenzen des Genres ausmacht und sie oftmals bei Kritiker٭innen aufgrund der offenen Kommunikation gut wegkommen lässt.

Dass Hamburger Schule und Diskurspop überhaupt noch Maßstäbe sind, nach denen eine junge Band wie Trümmer bewertet wird, haben sie sich großteils selbst zuzuschreiben, nicht nur, weil sie in Hamburg wohnen. Bereits der Titel ihrer Platte Interzone ist diskursiv und wurde von der gleichnamigen Kurzgeschichtensammlung von William S. Burroughs übernommen, der ja bereits zu Lebzeiten eine Ikone der Popkultur war. Auch ihr Sound, der sich immer wieder zu einem melancholischen Gitarrenpop-Tanz öffnet, kommt sicher auch nicht vor 80er-Bands wie Joy Division und Sonic Youth zurück. Aber Trümmer nehmen die Richtung, aus der sie kommen, auch mit auf völlig neue Wege. Es ist fraglich, ob Joy Division sich mit ihrem Erbe anfreunden könnten, unfraglich ist jedoch, dass sie auf Interzone einmal mehr in einen neuen Zeitgeist geworfen werden. Denn entgegen der Hamburger Tradition setzen Trümmer keineswegs auf kryptische Ausdrücke oder Slogans. Sie begegnen den immer gleichen Themen der Popkultur auf andere Weise und markieren dabei eine Veränderung der Sprache, die so seltsam vertraut ist, obwohl sie dem Deutsch-Indie bisher weitgehend fremd war.

Zertrümmerte Texte?

Die reflexive Verortung geschieht bei Trümmer assoziativer. Sie saugen bestimmte Themengebiete auf, formen sie jedoch nicht zu Slogans, sondern übernehmen eher die damit verbundenen Wortfelder und formen sie zu Stimmungsbildern. Dabei entstehen teilweise schrille Collagen, in denen es kein Narrativ ist, das unterschiedliche Ausdrücke miteinander verbindet, sondern manchmal vielleicht einfach bloß ihr Klang. Ein Beispiel ist Nitroglyzerin:

Mein Herz pocht schneller, schneller
Wir sind somewhere in between
Die Sterne leuchten heller, heller,
Wir sind Nitroglyzerin

Unsere Augen sind wie schwarze Teller
Die Welt ist schnell, doch wir sind viel viel schneller
Alles ist so verdammt komplex,
Komm wir machen lieber Love

Trümmer – Nitroglyzerin

Quelle: YouTube

Trümmer fassen in ihren Texten einen gewissen Mut zur Direktheit, der es schafft, diverse Themen abzudecken, ohne sie wirklich jemals anzusprechen. Sie richten die Aufmerksamkeit weg von den Gesamtkontexten hin zu einzelnen Phrasen und Wörtern. Was dabei auf der Strecke bleibt, sind solche veralteten Spielereien wie strukturierte Versmaße, abwechslungsreiche Reimschemen und 98 Prozent des Rhetorische-Mittel-Repertoires. Ihre Texte bilden teilweise eher ein fast panisches Gehangel zwischen Wörtern, die sie interessant finden. Die resultierenden Melodien sind flüchtige Erscheinungen. Bereits auf ihrem Debütalbum hat das brutale Ausmaße angenommen:

Ich singe ein Lied und es handelt von uns
Eine Melodie, die niemals verstummt
Wir verlassen den Alltag und das falsche Spektakel
Denn wir sind viel schöner als das ganze Debakel

Die Türen und Fenster öffnen sich
Und die Morgensonne fällt auf dein Gesicht
Wir verlangen vom Leben, dass es uns gehört
Und wir fangen einfach auf, was in der Luft rumschwirrt.

Trümmer – Morgensonne

Interessante Wortfelder werden hier leer aneinandergereiht und finden assoziativ zueinander (Alltag-Falschheit // Spektakel-Schönheit // Ganzheit-Debakel // Leben-Einfachheit), womit der Text sehr wohl Gefühle transportieren oder Bilder auslösen kann. Aber die Schlagwörter wie „Spektakel“ und „Debakel“ scheinen doch eher ihres ähnlichen Klanges als ihrer Bedeutung wegen ihren Weg in den Text gefunden zu haben. Und als Freund der nunmehr alt wirkenden Hamburger Schule hat man wirklich eine schlechte Zeit auf den Konzerten. „Er hat Spektakel ins Mikro gebrüllt. Jetzt nuschelt er etwas. Bitte jetzt nicht Debakel brüllen. Nicht Debakel. O, Debakel, natürlich. Sich – Gesicht. Cool.“

Gleich der Eröffnungstrack von Interzone setzt diese Form des Songwritings fort:

Wir sind die Kinder, vor denen uns die Eltern warnten
Wir explodieren in den allerschönsten Farben
Wir sind die Kinder, vor denen uns die Eltern warnten
Und wir eskalieren in den allerschönsten Phasen

Trümmer – Wir explodieren

Der Text ist nicht nur assoziativ oder intuitiv, sondern naiv, aber auch mutig: Denn aus Liebe zur Schönheit des Wortes wird die Hässlichkeit des Textes in Kauf genommen. Nicht, dass Bands wie Element of Crime oder Tomte für saubere Reime stehen. Aber woran es bei Trümmer fehlt, ist die Ironie. Da steht kein alter weiser Mann mit nordischem Akzent und einer Trompete unter dem Arm auf der Bühne, von dem schon drei Romane erschienen sind – einer, bei dem man, wenn er etwas nicht kann, denkt, er will es bloß nicht. Sondern ein enthusiastischer Marty McFly-Verschnitt, der mit seinem selbstbewussten Auftritt vielmehr eine Art Welpenschutz geltend zu machen scheint. Trümmers Frontmann Paul Pötsch erreicht seine Präsenz nicht durch Charisma, sondern durch Enthusiasmus. Seine Entschlossenheit, die er mit seinen drei Mitmusikern teilt, baut den Texten einen so stringenten Rahmen, dass man sich fragen könnte, ob die Band hier wirklich schlicht so kühn ist, schlechte Songtexte als bewusstes Stilmittel einzusetzen. Sie könnten doch vielleicht besser auf Englisch singen, wenn sie nichts zu sagen haben, möchte man ihnen raten. Aber so simpel ist es auch wieder nicht.

Sie haben nicht nichts zu sagen, sondern suchen bloß in einem weitgehend ins Abstrakte entglittenen Genre nach neuen Ausdrucksformen, und die finden sich dort, wo Popkultur momentan vor allem stattfindet: in Sozialen Medien. Damit schaffen sie es, gerade noch von alten Freund٭innen der Hamburger Schule verstanden zu werden, aber lassen diese sich auch ziemlich alt und konservativ fühlen, da denen der Zugang zu einem Verständnis fehlt, warum man diese Sprache in Songtexten benutzen sollte. Aber sie schaffen vor allem auch einem neuen Publikum Zugang. Und ein Gutes hat dieses schlagwortbasiertes Schreiben ja ganz augenscheinlich. Es vereinfacht die Öffentlichkeitsarbeit. Da reicht dann ein Facebook-Post mit dem Inhalt „euphorie + pisse = amore“ und jede٭r weiß Bescheid, was passiert – zumindest alle, Bescheid wissen sollen.

Quelle: Facebook

Sie verorten sich damit nicht bloß nur in einer fast schon nostalgisch wirkenden Kultur von Freund٭innen melancholischen Indie-Rocks, sondern auf der Höhe der Social-Media-Kultur, die momentan den gesellschaftlichen wie medialen popkulturellen Alltag bestimmt. Apropros Öffentlichkeitsarbeit: Ziemlich aufschlussreich an der neuen Platte ja auch der Meta-Track Grüße aus der Interzone, in dem sich die Problematik des guten Lebens auftut, das weder darin zu liegen scheint, endlich den verpassten Anschluss an die Leistungsgesellschaft zu finden („Das Leben ist ein Spiel // Ich hab leider verloren“), noch darin liegen kann, endgültig abzurutschen („Ich hab leider keine Zeit // Verzweifelt zu sein“). Gesucht wird eine neue Sphäre zwischen beiden Extremen, ein Raum zwischen anbiedern und aufgeben. Wer könnte diese Problematik glaubhafter vortragen als eine junge Band, die momentan ja einiges auf die Kunst setzt? Gefunden wird dieser Zufluchtsort in: einer Kneipe.

Was im Song nach einer unbestimmten transzendentalen Ausflucht klingt („Ich schick dir Grüße aus der Interzone“), wird mit etwas Kontextwissen ziemlich konkret und profan. Denn Trümmer haben im Zuge ihres Album-Releases tatsächlich eine Kneipe eröffnet – die Interzone-Bar, die das Hamburger Nachtleben in den letzten Tagen direkt mal um eine Konzertreihe bereichert hat. Wird nun in der Kneipe das Album oder im Album die Kneipe promotet? Auch wenn es ohne Frage ein guter Song ist, scheinen die mit ihm verfolgten Interessen außerhalb der Musik zu liegen. Ihr eigenes Konzert am Release-Tag der Platte war sogar live bei Facebook verfolgbar. Interzone in der Interzone. Das vieldimensionale simultane Kunstwerk im Jahr 2016.

Quelle: Youtube

Das Spiel mit den Erzählebenen setzt sich auf dem Album auch an anderen Stellen fort. Europa Mega Monster Rave etwa klingt erstmal nach Tokio Hotel. Nicht nur der Titel. Infantil, inhaltlich überwunden geglaubt, aber seltsam entschlossen. Der Song bedient in seinen Strophen ein paar subversive Wortfelder, drückt aber, sobald er auf den Refrain abbiegt nicht viel aus außer, dass man zu ihm sicher gut pogen kann. Aber er ist von äußeren Bedingungen eingeklammert, ist er doch der Rock-Oper Vincent entnommen, die Trümmer letztes Jahr für ein Engagement im Berliner Haus der Kulturen der Welt komponiert hatten. Dadurch wird es zum Stück im Stück und drückt vielleicht etwas für die Dramatik des Stücks Relevantes aus, das im Transfer verloren ging. Prallt also sämtliche Kritik an ihm ab? Müsste ich erst Vincent kennen, um das Europa Mega Monster Rave bewerten zu können? Aber wenn sie es nun auf der Platte präsentieren, stellen sie es doch selbst außerhalb des Erzählkontextes.

Heißt das, ich darf es auch für sich alleinstehend kritisieren? Aber müsste ich das nicht ohnehin selbst entscheiden dürfen? Und ist ein Tokio-Hotel-Vergleich eigentlich eine Beleidigung? Das ist doch schlagwortbasiertes Songwriting at it’s best. Und vielleicht macht der Song Trümmer ja international erfolgreich. Im Plattenkontext wirkt er dennoch eher störend und gibt zumindest einem seiner Hörer das Gefühl, nicht für ihn geschrieben worden zu sein. Dass die Texte an anderen Stellen eher eindimensional erscheinen, tut diesem Höreindruck keinen Abbruch, denn manche expliziten Verortungen fallen doch eher plump aus:

Lass uns unsterblich werden, bevor wir sterben,
Wie Rio Reiser von den Scherben

Trümmer – Nitroglyzerin

Die gesamten Texte der Platte erinnern an suchmaschinenoptimierte Texte, bei denen virales Potenzial wichtiger als Lesbarkeit ist, die aber eben auch nicht ganz an einer potenziellen menschlichen Leserschaft vorbeigeschrieben sein sollten. Wenn Trümmer sich textlich auf die Sprache der Onlinemedien einlassen, stellt sich die Frage, wie es denn um das Sprachniveau in Onlinemedien steht? Dass dieser Artikel digital veröffentlicht wird, erlaubt eine Introspektion.

Der SEO-Turn

Nach dem prägnanten Teaser, der alles andeutet und nichts aussagt und vielleicht für den Klick auf diesen Artikel verantwortlich ist, tauchte im ersten Textabsatz dieses Textes viermal das Wort Trümmer auf, weil dem Verfasser selbiges von einem SEO-Tool empfohlen wurde, das mit eigenen Algorithmen die Algorithmen von Suchmaschinen berechnet. Damit Google weiß, dass es in diesem Artikel um die Band Trümmer geht und dieser Text in all seiner Seltsamkeit möglichst weit oben erscheint, wenn jemand was über Trümmer und Interzone lesen will. Außerdem tauchen die Begriffe „subversiv“ und „eskapistisch“ auf, die gemeinsam die Skala bilden, auf der momentan fast alle Bands bewertet werden, die jedoch im Falle Trümmers im Grunde keine Rolle spielen. Aber sollte jemand einen der Begriffe zusammen mit Trümmer googeln, ist dieser Artikel hoffentlich am Start. Leser٭in und Verfasser werden also schon rein sprachlich durch zwei Algorithmenmaschinen voneinander getrennt. Vielleicht ist diese Textstelle ja sogar noch weit genug oben, um eine Schlagwortblase mit beliebten falschen Schreibweisen des Bandnamen zu präsentieren, damit auch hastig tippenden Leser٭innen diese Seite nicht verwehrt bleibt.

Trümer, Truemmer, Trmümer, Türmmer, Trümme, Rtümmer.

Und „Trümmre“ (persönlicher Favorit) nicht zu vergessen. Wobei solche Schlagwortblasen bei Leser٭innen schon wieder als relativ störend empfunden werden und man sie sich ja nicht dauerhaft vergraulen will. Ständige Wiederholungen von Schlüsselworten sind da subtiler. Die Einleitung las sich doch fast, als wäre sie für Menschen geschrieben. Je weiter nach unten dieser Text nun fortschreitet, desto egaler werden die Algorithmen. So richtig wichtig sind sie ohnehin nicht, da sich dieser Artikel sich auf einer nach wie vor non-kommerziellen Freizeitseite befindet.

Wichtig für das Ranking sind auch Schlagworte in Zwischenüberschriften. Trümmer. Interzone. Scheiße.

Romantisch fällt der Blick zurück auf die Zeit, als Artikel noch von Menschen für Menschen geschrieben wurden, falls es diese idealisierte Kommunikationsform jemals gab. Herrscht hier nun ein Sprachverfall vor? Die Sprache hat an Direktheit und Unabhängigkeit eingebüßt. Wer beides beim Schreiben für Ideale hält, macht sich in digitalen Zeiten auch schnell unabhängig vom Publikum, das buchstäblich keinen Zugang mehr findet. Herrscht denn umgekehrt ein Fortschritt vor? Es scheint doch eine Errungenschaft der Sprache zu sein, aus sich selbst heraus die Reichweite der vermittelten Information festzulegen. Schade ist bloß, dass sie dazu auf einen kommerziellen und undurchsichtigen Apparat zurückgreifen muss, der selbst außerhalb der Sprache steht.

Zusätzliche Mittlungsapparate mit eigenen sprachlichen Gesetzen bilden die Sozialen Netzwerke. Facebook etwa ist selbst für Slogans zu schnell geworden, sondern machte erst den pictorial-, dann den Emoji-Turn mit, um immer multimedialere Ausdrucksformen anbieten und bedienen zu können. Eine Herausforderung des Online-Journalismus ist es ohne Frage, immer aktuell zu sein, und oftmals schon zum finanziellen Selbsterhalt auf die aktuellen Schlagwörter und Hashtags zu ranken, also auf die sich massiv verbreitenden Sprachwandel des Internets zu reagieren, ohne die Stammleserschaft zu vergraulen, was oftmals zu sarkastischen Facebookposts führt, die offen für verschiedene Lesarten sind. Denn im Facebook eine Rolle spielen zu wollen, bedeutet schon, selbst bei der Popkultur mitmachen zu müssen. Durch ein ironisierendes Aufgreifen von Jugendbegriffen in Posts oder Artikeln werden diese nur umso mehr verbreitet. Dieses Dilemma der Popkulturkritiker٭innen hauen ihnen Trümmer, auf die schon aus Zwecken der Suchmaschinenfreundlichkeit mal wieder zurückgekommen werden sollte, nun um die Ohren, wenn sie so etwas singen wie:

Wir sind Dandys im Nebel
Keiner weiß, was wir tun
Wir sind Dandys im Nebel
Wir haben den Swag im Blut

Trümmer – Dandys im Nebel

Wie die einen sich verpflichten, die selbstverständliche Verwendung bestimmter nicht-ignorierbarer Phrasen durch Ironisierung zumindest ein Stückweit kritisch betrachten zu können, während sie selbst in der Popkultur gefangen sind, verpflichten Trümmer sich, es wieder ernst zu meinen. Dandys im Nebel ist ein melancholischer Song. Denn sie sind eben der nicht-ironische Teil der Popkultur, über die die anderen schreiben. Und Diskurspop verortet sich nunmal selbst.

Aus der immer stärkeren Vereinsamung der٭des Lesenden zwischen den Maschinen des Internets wird bei Trümmer eine Einsamkeit der٭des Hörerenden im offenen Verbund unzusammengehöriger Phrasen. Es ist nicht nur die vierte Wand der Rock-Oper, die einen Zugang zum Europa Mega Monster Rave erschwert. Die Wand liegt eher in der vermittelnden Distanz einer in sich selbst bereits digitalisierten Kommunikation und in der Herausforderung, zum Erschließen der Texte mit der Geschwindigkeit von Social-Media-Trends mithalten können zu müssen und zu wollen, was Trümmer selbst nur auf Kosten sinnvoller Textstrukturen gelingt. Die alte Herausforderung des Diskurspops, sich über die Musik hinaus umfassend mit der Popkultur beschäftigen zu müssen, um mitzuhalten, erreicht hier eine neue Dimension.

Vom Wesen eines Popsongs

Nun könnte man Trümmer womöglich vorwerfen, mit der Art, wie sie Texte schreiben, ein wesentliches Element ihres Genre zu zerstören, nämlich die Errungenschaften der poetischen Tradition. Aber liegt darin wirklich ihr Wesen? Die Bands der Hamburger Schule haben den Eindruck erweckt, es ginge nur um Texte bei dem Ganzen. Und ihre Texte waren so einnehmend, dass bisweilen kaum noch auffiel, was um sie herum passiert. Dass Kettcar musikalisch dem Mainstreampop gar nicht so fern sind wie ihre Texte vermuten lassen. Dass Tomte fast immer dieselben Sounds benutzen und ihre Songs nachlässig arrangiert und produziert sind. Dass Tocotronic sich überhaupt erst auf ihre alten Tage Gedanken über ihren Sound gemacht zu haben scheinen und man auf frühen Konzerten Glück haben musste, um ihre Texte überhaupt zu verstehen.

Denn so provokant sie sind, sind Trümmers Texte doch nicht so einnehmend, dass sie darüber hinwegtäuschen könnten, dass bei Interzone ebenfalls eine musikalisch anspruchsvolle und sorgfältig aufgenommene Platte herausgekommen ist. Zwei rifffreudige Gitarristen, ein versierter Schlagzeuger, ein Bassist mit Sinn für Melodien schaffen einen dezenten, funkigen Post-Pop bis Post-Punk, der zu jedem Zeitpunkt hinter den zwar aufwühlenden, aber doch nicht allzu prägnanten Texten voluminös durchdringt. Es stellt sich die Frage, ob sie damit nicht wieder bei einer ursprünglicheren Version ihres Genres ankommen. Ihre Texte sind da allenfalls ein untermalendes Element, das teilweise alles gefährdet und zu Kitsch auflöst, aber dieselben Texte sind es eben auch, welche Trümmers an und für sich zeitlosen Sound mitten in den Zeitgeist schleudert und aus Interzone ein mehr als aktuelles, vielleicht wegweisendes Indie-Album macht. Wenn es im Jahr 2016 noch aktuellen deutschsprachigen Diskurspop gibt, dann machen Trümmer ihn.

Titelbild: © Alexandra Kinga Fekete