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Das Halbdunkle im Alltäglichen

Schon lange gilt Hartmut Lange als ein Meister der Novelle – einer Gattung, die ansonsten eher selten Beachtung in den Feuilletons findet. Lange ist bekannt für seine kurzen, konzentrierten Texte mit nihilistischem Einschlag, in denen den Protagonisten irgendetwas Unbewusstes – anhand des, für die Novelle unverzichtbaren Dingsymbols – sich ein Stück weit offenbart und zum Verhängnis wird. Nun hat Lange einen neuen Band mit sehr kurzen Novellen vorgelegt, in denen es genau um das Verborgene, Tiefe, Traurige und Erschreckende im Banalen und Alltäglichen gilt. „Der Lichthof“ heißt das dünne Bändchen.


Das Buch ist eine Sammlung mit vier Novellen und dem autobiographischen Text. Die Protagonisten der vier Geschichten erleben im Grunde nur Alltägliches. Selbst die seltsamen Dinge, die ihnen widerfahren, sind im Grunde keine „unerhörten Neuigkeiten“, von denen Goethe meinte, die sie seien essenziell für diese Gattung. So lebt etwa eine Frau in einer sanierten 160-Quadratmeter-Altbauwohnung nahezu allein, da ihr Ehemann ständig auf Geschäftsreisen ist und sie, ihm zuliebe, ihre Lohnarbeit an den Nagel gehängt hat. Ihr Alltag ist äußerst langweilig und eintönig. Jedoch legt das Badezimmer einen Blick auf einen unverputzten und eigenartig scheinenden Lichthof frei, den die Frau als hässlichen Schandfleck, aber gleichzeitig als gruselig empfindet, bis schließlich ihr Mann ihr per Post eröffnet, sich unwillentlich in eine andere Frau verliebt zu haben.

Die drei kürzeren Novellen dagegen beschäftigen sich etwa mit einem in die Jahre gekommenen Theaterschauspieler, der sich nicht mehr in seine Rollen hineinfühlen kann und am Meer vergebens auf Besserung hofft. Oder aber mit einer Frau, die eine seltsame Beziehung zu ihrem Navigationsgerät aufbaut und ganz den, auch oft fehlerhaften, Anweisungen folgt – zum Ärger ihres Mannes und Mitreisenden.

Abgeschlossen wird der Band durch die autobiographische Erzählung In eigener Sache. Hier erzählt der Autor von seinem Weihnachten 1944 in Nazideutschland, von den Bombardements und wie er all dies, was um ihm herum passiert und den weihnachtlichen Zauber zerstört, als Kleinkind (noch) nicht versteht. Von da aus folgt überblickhaft seine biographische Entwicklung und ein Einblick, wie dieses Weihnachten ihn geprägt hat.

Eine geheimnisvolle Reduziertheit

Alle versammelten Texte haben also gemein, dass die Protagonisten vor irgendetwas stehen, dass ihnen unerhört scheinen mag – auch wenn es mehr oder weniger banal ist. Und genau das können sie nicht zu verstehen. Dabei sind sie stets von einem gewissen Zwang oder Fetisch erfasst, der im Halbdunkeln bleibt und dessen Ursprung sowie Bedeutung auch nicht aufgeklärt wird; sei es nun der Ehemann, der sich verliebt und dies nicht steuern kann, sondern sein Gefühl einen Zwang auf ihn ausübt (sprich, Liebe gerade das Gegenteil von Freiheit und Unabhängigkeit ist), was wiederum seine Ehefrau genauso wenig begreift, wie den scheinbaren Makel des Lichthofs (der wiederum das Einzige in ihrer Umgebung ist, das nicht gestellt wirkt, sondern authentisch in seiner Heruntergekommenheit), oder sei es der unerklärliche Fetisch für eine defektes Navigationsgerät.

Und genau das ist es, was eine gute Novelle ausmacht: das konzentrierte Erzählen eines Zwangs, eines Determinismus, der tiefenpsychologisch, mystisch, technisch oder naturwissenschaftlich sein kann, oder auch eine Mischung aus all dem, vermittelt durch einen starken Symbolismus, der das zentrale Motiv zeigt, ohne es gänzlich aufzuklären. Insofern sind Langes Texte überaus gelungen und durch das Halbverborgene auch noch spannend – so alltäglich die erzählten Erlebnisse auch sein mögen. Dieses Kriterium erfüllt Lange auch stilistisch gekonnt. Schon seine Sprache drückt eine geheimnisvolle und verdichtete Reduziertheit aus, die ahnen lässt, dass da noch mehr ist, das unaussprechlich ist für den Verstand der Protagonisten. Auch das Psychologisieren an mancher Stelle und die häufige, melancholische Nachinnengewandtheit der Charaktere erklärt nur wenig.

Das Halbdunkel im Alltag wird im Lichthof in verschiedensten Facetten fast kurzweilig und meisterhaft erzählt. Gleichzeitig ist der dahinterstehende Determinismus wohl eines der größten Probleme der Gattung Novelle selbst. Der Mensch ist stets beherrscht und kann sich, trotz aller Versuche, nicht von diesem, wie auch immer gearteten Determinismus befreien. Das macht solche Novellen allzu vorhersehbar und manchmal auch sehr konstruiert. Darüber hinaus vermittelt sich hier oft ein unfreiheitliches, resignatives (oder bei Lange: nihilistisches) Weltbild, das doch hinterfragt werden müsste. Vielleicht braucht es auch eine neue Form der Novelle.

Der Lichthof von Hartmut Lange erschien am 26. Februar bei Diogenes und hat 96 Seiten.

Beitragsbild: © Diogenes Verlag

Neue Buchtipps für die Quarantäne

Lesen hilft so oder so. Ob zur Ablenkung in der Quarantäne oder zur Einordnung von Isolation, Wahnsinn, Leben und Tod. Moment, das Intro kommt dir bekannt vor? Gut aufgepasst: Vor sechs Wochen sind hier schonmal Buchtipps für die Quarantäne erschienen. Hier kommen neue.


Stefan Weigand empfiehlt …

Die Straße von Cormac McCarthy

Es gibt Bücher, die sind wie Kometen: Man begegnet ihnen, liest sie, stellt sie ins Regal – und Jahre später kommen sie wieder ins Leben zurück. „Die Straße“ ist für mich so ein Buch.

Bestimmt ist es mehr als vier Jahre her, als ich die Erzählung zum ersten Mal gelesen habe. Nun, in Corona-Zeiten, fiel das Buch mir wieder in die Hände. Ein kurzes Blättern, und die vielen Bilder und klaren Szenen waren gleich wieder präsent. Cormac McCarthy zeigt hier seine großartige Erzählkunst in Perfektion. Kein Wunder, dass er hierfür 2007 den Pulitzer-Preis bekam.

Die Story selbst ist schlicht. Das Szenario ist die USA in einer Endzeitsituation. Es gibt kaum noch Menschen, eine moderne Infrastruktur ist so gut wie nicht mehr vorhanden. In dieser Welt macht sich ein Vater mit seinem Sohn auf dem Weg. „Wenn er im Dunkel und in der Kälte der Nacht im Wald erwachte, streckte er den Arm aus, um das Kind zu berühren, das neben ihm schlief.“ Wenn ein Roman so beginnt, dann ist klar: Der Leser bleibt nicht auf Distanz, sondern soll mitkommen auf diesen Weg, der an die Küste führen soll. Man begibt sich nicht unbedingt gerne, aber eben unweigerlich in die Obhut der beiden.

Warum die Reise eigentlich an die Küste gehen soll? Was erwarten die beiden dort? Die Fragen bleiben unbeantwortet. Wie eine Sehnsucht, die gar nicht näher bestimmt ist, entwickelt sich dadurch der Sog, der den Roman so bestimmt.

Die Straße wirkt wie ein Vakuum: Sie zieht einen hinein in die Geschichte. Es gibt Begegnungen mit anderen Menschen; kalte Nächte und die Suche nach Essen dominieren den Alltag. Doch das Eigentümliche und auch wundervoll Rätselhafte an der Erzählung ist, dass das Vakuum tatsächlich leer bleibt. Vielleicht ist es so, dass in einer Welt, in der alles infrage gestellt ist, allein schon die Erkenntnis trägt: Jede Leere ist mehr als das Nichts.

Die Straße erschien in der Übersetzung Nikolaus Stingls mit 256 Seiten bei Rowohlt.

Bild: © Stefan Weigand

Katharina van Dülmen empfiehlt …

Die Zeit, die Zeit von Martin Suter

Die Tage in der Quarantäne sind alle gleich. Oder ist es immer derselbe Tag, den wir erleben? Denn wer sagt denn, dass Zeit vergeht? Martin Suters „Die Zeit, die Zeit“ basiert auf der Theorie, „dass es keine Zeit gibt. Es gibt nur die Veränderungen. Wenn diese ausbleiben, steht das, was wir Zeit nennen, still.“

Eigentlich will Peter Taler nur den Tod seiner Frau Laura rächen: Ihren Mörder finden, umbringen und dann Selbstmord begehen. Anders sein alter Nachbar und Zeitnihilist Knupp, der ebenfalls um seine Frau trauert: Der will nämlich einen Moment wiederherstellen, an dem Martha noch lebt, und  ihren Tod verhindern. Taler soll ihm helfen, sträubt sich aber zunächst. Doch Knupp hat etwas, das er braucht, um Lauras Mörder zu finden. Und was ist, wenn sein seltsamer Nachbar recht hat? Wenn es stimmt, dass die Zeit nicht existiert? Dass ein bestimmter Moment wiederhergestellt werden kann, indem alle Veränderungen aufgehoben werden? Dann bestünde ja die Chance, Laura wiederzusehen.

Das Faszinierende an Suter ist doch, dass er das scheinbar Unmöglichste, ja, Unglaubwürdigste, mit einer Leichtigkeit und einer Portion Sachlichkeit glaubhaft macht. Sei es ein rosaroter leuchtender Elefant oder eben das Zurückdrehen der Zeit – alles ist möglich, ergibt Sinn, ja, ist logisch, verständlich und spannend zugleich. „Die Zeit, die Zeit“ ist einer der besten Romane Suters. Und die Zeit in der Quarantäne sollte genutzt werden, um ihn zu lesen.

Dabei könnte es sein, dass die Leser٭innen der Ausgabe von 2012 einen anderen Schluss lesen als die einer Ausgabe nach 2015. Denn laut Tages-Anzeiger hat Suter das Ende noch einmal umgeschrieben. Das würde ja heißen, beide Fassung existieren trotz Veränderung zur gleichen Zeit. Explodierender-Kopf-Emoji.

Die Zeit, die Zeit erschien bei Diogenes und hat 304 Seiten.

Bild: Katharina van Dülmen

Martin Kulik empfiehlt …

Utopien für Realisten von Rutger Bregman

Nicht verzagen, Bregman fragen.

Der junge niederländische Historiker Rutger Bregman hat in den letzten Jahren Aufsehen erregt. Nicht nur durch seine Wutrede gegen die Reichen auf dem Weltwirtschaftsgipfel 2019 in Davos, sondern auch durch seine kämpferischen und visionären Bücher. Und es gibt wohl kaum einen besseren Zeitpunkt als jetzt, sich Gedanken darüber zu machen, wie unsere Zukunft aussehen sollte. Die COVID19-Pandemie sorgt dafür, dass einige der Utopien, die Bregman in seinem Buch „Utopien für Realisten“ vorstellt, gar nicht mehr so weit von unserem Alltag entfernt scheinen: so stellt er uns beispielsweise die 15-Stunden-Woche als Antwort auf die Digitalisierung der Arbeit und das bedingungslose Grundeinkommen als realistische Option vor.

Bregmans Rede in Davos:

Quelle: YouTube

Doch Bregman ist nicht nur utopischer Realist, sondern auch Optimist. In seinem aktuellen Buch „Im Grunde gut“ stellt er eine These vor, die sich in der aktuellen Lage noch bewähren muss – der Mensch, so Bregman, sei im tiefsten Kern seines Wesens gut. Damit meint er vor allem, dass der Mensch eben nicht nur auf den eigenen Vorteil bedacht, sondern ein soziales, sanftmütiges und solidarisches Geschöpf ist. In Zeiten, in denen im Supermarkt kein Klopapier mehr zu finden ist, sicher eine steile Behauptung, die dem Pessimismus der plötzlichen Krise aber erfrischend widerspricht. „Das wahre Problem unserer Zeit ist nicht, dass es uns nicht gut ginge oder dass es uns in Zukunft schlechter gehen könnte. Das wahre Problem ist, dass wir uns nichts Besseres vorstellen können.“, sagt Bregman. Versuchen kann man es ja mal …

Utopien für Realisten erschien in der Übersetzung Stephan Gebauers bei Rowohlt und hat 304 Seiten.


Gregor van Dülmen empfiehlt …

Miroloi von Karen Köhler

Karen Köhlers Debütroman Miroloi warnt vor sozialen Gefahren dauerhafter Isolation, und ist damit im Moment noch aktueller als bei seinem Erscheinen letzten Sommer.

Das Buch erzählt aus dem glücklosen Leben einer namenlose Protagonistin, die als Findelkind in einem fast völlig von der Außenwelt abgeschnittenen Dorf auf einer abgeschlagenen Insel aufwächst und systematisch gemobbt und misshandelt wird. Eigentlich ließe sich die Geschichte locker in ein historisches Setting übertragen, zumal sie Informations- und Machtmechanismen nachzeichnet, die geschichtlich schon zu manchem gedanklichen und gesellschaftlichen Rückschritt geführt haben. An manchen Stellen würde man sich das sogar wünschen. Doch Köhler wählt einen fiktiven Handlungsraum, um die Kausalketten, passend zum Thema, zu isolieren. Das hat den entscheidenden Vorteil, dass sie mit Konservatismus, religiösem Fanatismus und dem Patriarchat abrechnen kann, ohne konkrete Personen zu diffamieren. Auch wenn Miroloi teilweise karg und rau erzählt ist, ist Köhler damit ein lesenswertes, wichtiges Buch gelungen. Nicht zuletzt zeigt es uns, wie gut wir es haben, dass das Internet noch vor COVID-19 erfunden wurde. Besonderes Highlight: Miroloi wird mit einem Hannah-Arendt-Zitat eingeleitet und diesem voll und ganz gerecht.

Miroloi erschien bei Hanser und 463 Seiten.

Bild: © Katharina van Dülmen

Daniela Krien: Muldental

In Muldental erzählt Daniela Krien elf Geschichten, die sich im Kern mit der Frage „Schicksal oder Schuld?“ befassen und im weitesten Sinne mit der Vereinigung zwischen Ost- und Westdeutschland zusammenhängen. Der Roman lässt erahnen, dass unter die Oberfläche blicken noch nicht bedeutet, auch in die Tiefe zu schauen.


Die auf dem Cover von Muldental abgebildete junge Frau in Schwarz, die vor einem dämmergrauen Hintergrund in die Ferne schaut, scheint zum Verwechseln ähnlich mit dem bekannten Gemälde Lucas Cranachs des Älteren, das Martin Luther zeigt. Auch wenn Welten zwischen ihnen liegen, stehen beide im Zeichen des Umbruchs. In elf Kapiteln lässt Daniela Krien verschiedene Protagonisten sprechen. Würde man ihr Konzept auf eine simple Gleichung herunterbrechen, würde es „Eine Portion Realität, eine Portion Fiktion“ lauten.

Die Autorin wahrt Distanz zu ihren Protagonisten, indem sie als Außenstehende über sie schreibt. Dennoch zeichnet sie auf lakonische, doch unter die Haut gehende Weise ihre jeweiligen Innenwelten nach. Es bedrückt, da jede in irgendeiner Form isoliert erscheint und sich um eine mehr oder minder starke Verzweiflung dreht. Doch sind viele dieser Welten auch irgendwie miteinander verknüpft – in der Vergangenheit, im Jetzt oder in beidem. Muldental ist der Ort, der die Geschichten in sich versammelt wie eine Senke, die sich bei Regen stets mit Wasser füllt.

Zwar macht Krien es einem leicht, in die Realitäten der jeweiligen Protagonisten einzutauchen. Doch sind die Erzählungen alles andere als einfach einzuordnen. Der Subtext von Muldental vermittelt uns deutlich, wie wir einerseits leicht verleitet werden, uns ein Urteil über das Denken und Handeln anderer zu bilden und wie es uns andererseits herausfordert, einfach zuzuhören und zu versuchen zu verstehen. Oft ist es nämlich diese Auseinandersetzung, worauf es zuerst und vor allem ankommt.

Beitragsbild: © Lennart Colmer

Chris Kraus: Sommerfrauen Winterfrauen

Sommerfrauen Winterfrauen könnte ein sphärisches Jugendstil-Gemälde sein, das allegorisch von den vier Jahreszeiten schwärmt. Chris Kraus lässt jedoch eine ganz andere Geschichte erzählen, die eigentlich gar nichts mit dekorativer Malerei gemein hat. Wer dieses Buch aufschlägt, öffnet auch ein Tagebuch, das von den Irren und Wirren eines jungen Filmstudenten im New York der 1990er Jahre erzählt.


Schonungsloser Sex in New Yorks zwielichtigsten Ecken und am besten das jenseits biederer, heterosexueller Normen. Was für den Professor Lila von Dornbusch der einzige Weg ist, noch einen halbwegs interessantes Filmprojekt zu machen, stellt für seinen Studenten Jonas Rosen allenfalls einen letzten Ausweg dar. Ihn beschäftigen ganz andere Dinge, als er seine vierwöchige Reise nach New York antritt: Die Beziehung mit seiner Freundin Mah und die unüberschaubare US-Metropole, in der er irgendwie eine Unterkunft und Filmequipment für seine Mitstudenten und seinen idealistischen Professor organisieren soll. Zu allem Überfluss an Eindrücken ist da noch Tante Paula, die er besuchen muss: ehemaliges Kindermädchen seines Vaters, Auschwitz-Überlebende.

Chris Kraus erzählt ungezwungen von den Zwängen der Kunst und dem Leben, mit denen sich seine Protagonisten herumschlagen müssen. Jonas‘ persönliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit seines Großvaters wirft zwar einen schweren Schatten, zieht die Erzählung aber nicht – wie vielleicht zu erwarten wäre – in die Sackgasse des Schreckens. Dafür kreuzen sich zu viele rührende wie absurde Situationen während Jonas‘ Aufenthalt in New York, der kathartische Züge annimmt.

Nahezu lakonisch dokumentiert er das ambivalente Verhältnis zu seinem unsympathischen wie mitleiderregenden Herbergsvater, in dessen Wohnung sich Fäkalien und Kunst unweigerlich die Hand reichen. Nicht zuletzt ist da noch eine junge Frau, die sein Interesse weckt und seine Beziehung zu Mah nicht unberührt lässt. Wer schließlich am Ende des Buches angelangt ist, wird feststellen müssen, dass er nicht alles erfahren hat, was er sich erhofft hat.

Würde man den Roman in eine Malerei übersetzen, wäre er wahrscheinlich eine abstrakte Farbschlacht. Ein Chaos wie jenes in Jonas‘ Kopf, welcher zudem wegen eines zurückliegenden Unfalls verletzlich wie ein rohes Ei ist (Zufall?). Chris Kraus geht vor allem dahin, wo es wehtut und findet zugleich einen unaufgeregten Umgang mit der Schonungslosigkeit.

„Rosarot, wie ein Marzipanschweinchen, aber intensiver“ – Suters Elefant

Treffen sich ein Obdachloser, ein Elefantenflüsterer, ein Zirkusdirektor, ein Genforscher und ein rosaroter Mini-Elefant – willkommen in Martin Suters neuem Roman „Elefant“.


Martin Suter muss niemandem etwas beweisen. Seine Romane funktionieren ohne große mit Metaphern überladene Satzgefüge, wie wir sie etwa von Juli Zeh kennen. Sein Schreibstil ist schlicht. Seine Sätze sind kurz. Dafür wurde der ehemalige Werbetexter am Anfang seiner Karriere belächelt. Aber beweist es nicht Können? Denn bei Martin Suter sitzt jedes Wort. Jeder kleine Satz hat Bedeutung, eine Funktion. Mit dieser schlichten, fast sachlichen Sprache baut der Schweizer Autor Welten, die uns erst bekannt vorkommen und dann doch nicht: Plötzlich finden sich die Leser٭innen in der Business Class wieder, in einer Molekularküche oder jüngst in einem Labor eines skrupellosen Genforschers und der Wohnhöhle eines Obdachlosen. Schon lange belächelt niemand mehr den Bestsellerautor. Denn sein Erfolg gibt ihm recht.

Ein Perfektionist bei der Arbeit

Martin Suter arbeitet weniger wie ein Schriftsteller und mehr wie ein Journalist. Seine Geschichten sind präzise, ja, perfekt recherchiert. So hat der Obdachlose Schoch, den die Leser٭innen auf der ersten Seite des Romans „Elefant“ kennenlernen, wahrscheinlich mehr mit der Realität gemein als mit einer Romanfigur. Und wenn Schoch glaubt, dass dieser rosarote in der Dunkelheit leuchtende Mini-Elefant, der eines Nachts in seiner Schlafhöhle steht, seinem Alkoholkonsum geschuldet ist, wissen es Suter-Kenner٭innen besser: Es gibt für Außergewöhnliches in Suter-Welten immer eine Erklärung, eine bis ins kleinste Detail durchdachte Theorie. So ist es dann auch: Während Schoch seiner morgendlichen Routine auf den Straßen Zürichs nachkommt und die sonderbare nächtliche Begegnung längst vergessen hat, befinden sich die Leser٭innen bereits im Labor des Genforschers Roux. Dieser doktert mit Skalpell und Pinzette in den Eingeweiden einer auf dem Rücken liegenden und mit Gummibändern fixierten Ratte namens Miss Playmate herum. Ziel seiner Arbeit: der Nobelpreis. Am liebsten für einen rosaroten leuchtenden Elefanten – lebend, aber wenn es nicht anders geht auch tot.

Die Faszination des Durchdachten

Zu diesem Zeitpunkt weiß der Forscher noch nicht, dass ihm das Unvorstellbare gelingen wird. Die Leser٭innen sind ihm voraus. Oder doch nicht? Sie wissen ja nur, dass es einen rosaroten Elefanten geben wird. Aber nicht, wie es dazu kommt. Denn Suter wechselt nicht nur ständig zwischen den Handlungssträngen und Perspektiven der Figuren, wie dem Zirkusdirektor Pellegrini, der Tierärztin Valerie, dem Veterinär Reber und dem burmesischen Elefantenflüsterer Kaung, die er nach und nach in die Geschichte flicht. Er springt auch in der Zeit. Die Daten vor einem jeden Kapitel zeigen den Leser٭innen an, an welchem Zeitpunkt des Geschehens sie sich befinden. Und wenn sie sich anfangs fragen, warum eine bestimmte Passage erzählt wird, wird an späterer Stelle ihre Wichtigkeit für den Plot umso deutlicher. Denn, wie wir wissen, jeder Satz hat eine Funktion. Martin Suter erlaubt sich keine Fehler. Seinen Romanen geht ein ausführliches Konzept voraus: „Ich schreibe keinen ersten Satz ohne den letzten“ (Zeit-Interview). Dieses ist auch in „Elefant“ zu erkennen – und irgendwie doch nicht. Egal, wie sehr man sich beim Lesen auf das Analysieren der Sprache und Erzählweise konzentriert, früher oder später verfällt man dem Erzählten.

Spannung eines Sympathen

Nicht nur wegen des hohen Erzähltempos rast man durch den Plot. Je mehr sich die Handlung verdichtet, desto schneller liest man. Es gibt nämlich noch etwas, was Suter ziemlich gut kann: Spannung erzeugen. Dafür hat er einen Trick. Der ist zwar altbekannt, doch Suter treibt ihn auf die Spitze. Ebendann wenn sich die Leser٭innen an einen Handlungsstrang klammern, weil sie z. B. wissen wollen, wie eine Verfolgungsjagd ausgeht, wechselt er die Perspektive oder springt in der Zeit. Die Leser٭innen werden hingehalten. Diese Spannung ist unerträglich. Und führt dazu, dass der Roman innerhalb kurzer Zeit durchgelesen ist.

Es lässt sich noch viel zum Roman sagen, z. B. dass Suter verschiedene Sichten auf das Ungewöhnliche – hier der rosarote Mini-Elefant – zulässt: Glaube, in Form des Elefantenflüsterers Kaung, versus Wissenschaft, in Person des Genforschers Roux. Und dass er es sich nicht nehmen lässt, Gesellschaftskritik mit dem Aufgreifen aktueller Themen zu üben. Denn am Ende des Romans wissen die Leser٭innen nicht nur, was ein „mikrozephaler osteodysplastischer primordialer Zwergwuchs vom Typ II“ ist oder wie ein Elefant künstlich befruchtet wird, sondern auch dass das rosarote Elefäntchen kein Hirngespinst Suters ist. In seiner Danksagung erklärt der Autor, ein Hirnforscher habe ihm erklärt, dass es gentechnisch möglich sei, ein solches Tier zu erzeugen. Der Roman „Elefant“ ist die Arbeit eines Perfektionisten – eines sympathischen Perfektionisten. Denn schon allein für die Danksagungen, die Suter an jeden Roman anhängt, muss man ihn lieben.

Titelbild: © postmondän auf Instagram/Buchcover © Diogenes Verlag