Schlagwort: Deutsche Literatur

Japanisches Kammerspiel nahe Berlin: Kühmels Kintsugi

„Wo in leuchtenden Lettern LOVE draufsteht, ist nie LOVE drin.“

Miku Sophie Kühmel – Kintsugi

Kintsugi, das lernt man in Miku Sophie Kühmels Debütroman, ist ein japanisches Kunsthandwerk, in dem zerbrochenes Porzellan durch den Einsatz von Gold repariert wird. So kunstvoll, dass die goldgeaderten Tassen, Vasen, Teller oder Schalen wirken, als hätte erst der Bruch ihnen zu Vollendung verholfen. Die Metapher wäre schon stark genug, um auf ihr allein einen Roman über zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen. Doch Miku Sophie Kühmel geht noch ein paar Schritte weiter in die japanische Ästhetik hinein und unterstellt die Kapitel jeweils verschiedenen traditionellen Idealen, zum Beispiel „iki“, der Verführung roher Feinheit angesichts des Todes, oder „karumi“, der Leichtigkeit im Gewicht der Dinge. Parallel wechselt zwischen den Kapiteln die Perspektive und die Handlung wird, unterbrochen von szenischen Passagen, viermal hintereinander von allen Hauptpersonen einzeln ausgeleuchtet und eingeordnet. Dadurch verschiebt sich nicht nur die Ausgangssituation, sondern jedes Kapitel wirkt sich auf die Wahrnehmung jedes anderen aus und beeinflusst es im Voraus oder Nachhinein.

Doch was erzählt der Roman eigentlich? Ein Paar, Max und Reik, treffen ihren Freund Tonio und dessen Tochter Pega in ihrem Ferienhaus nahe Berlin. Max arbeitet als Archäologe im akademischen Mittelbau, Reik als Künstler, der schon in jungen Jahren seinen Durchbruch hatte, was den beiden unter anderem den Luxus des Ferienhauses verschaffte. Tonio, ein Jugendfreund Reiks, ist Pianist ohne künstlerischen Durchbruch, dessen Lebensfokus auf der Erziehung seiner Tochter liegt, die aus einer Teenager-Romanze hervorging. Letztere, Pega, ist inzwischen Anfang zwanzig, beim Vater ausgezogen und im Studium. Eigentlich suchen die vier bei dem Treffen nur Ruhe vom Leben in Berlin und versuchen, den Garten auf den Frühling vorzubereiten. Statt Ruhe finden sie Konfrontation, sowohl untereinander als auch mit den eigenen Konflikten, die sich immer weniger gut ausblenden lassen.

Auch das Buchcover interpretiert die Kintsugi-Ästhetik:

Quelle: Instagram

Kühmel lässt auch nicht einfach nur ein Paar und eine befreundete Kleinfamilie aufeinandertreffen, dafür ist ihr Roman zum Glück zu komplex erzählt. Alle kennen sich viel zu lange und sind einander jeweils einzeln eng verbunden. In Kintsugi treffen sich vier Personen, von denen einer den anderen um seinen künstlerischen Erfolg beneidet, ein anderer den einen um dessen Tochter. Von denen zwei davon überfordert sind, dass ihre alte Ausrede, homosexuelle Paare dürfen nicht heiraten, plötzlich nicht mehr greift. Von denen drei die Erziehung der vierten übernommen haben, einer diese für sich reklamiert und eine sich inzwischen fertig erzogen fühlt. Und denen allen klar wird, dass sie freie erwachsene Menschen sind und ihre Beziehung zueinander neu definieren können, ja, sogar müssen. Die wesentlichsten Konfrontationen, deren Wirkung auf die Psyche Kühmel fein ausarbeitet, betreffen neue Lebensphasen und den individuellen Mut, sich diesen zu stellen.

Was Miku Sophie Kühmels Roman so gut macht, und ihm bereits Literaturpreise einbrachte, ist seine wortgewaltige Erzählweise, die von der Kapitelstruktur bis zum kleinsten Nebensatz allem eine Bedeutung beimisst. In langen Passagen, die immer wieder von der Gegenwart in die Vergangenheit ausholen, gelingt es ihr, die passenden Horizonte herzustellen und genau die nötigen Worte auszuwählen, um das für die Handlung Wichtige zu herauszufiltern.

Immer wieder staunt man, welche Worte es dann sind, die sie für maßgeschneiderte Beschreibungen findet. Eine Stärke entfaltet auch das Zusammenspiel individueller Perspektiven auf vermeintlich gemeinsam Erlebtes, ohne einer objektiven Erzählinstanz zu bedürfen. Da der Roman in wenigen Ereignissen viel Bedeutung findet, zwingt er zu genauem Lesen, bestraft das Überfliegen von Passagen mit dem Zwang, zurückzublättern, wodurch er gefühlt nochmal ein paar hundert Seiten länger wird. Das wiederum ist aber eher ein Vorteil als eine Strafe, denn so lässt sich das Beenden des Romans noch ein wenig hinauszögern. Vielleicht gewinnt Miku Sophie Kühmel mit ihrem Debütroman morgen sogar den Deutschen Buchpreis, vielleicht nicht. Aber es sind erst Romane wie Kintsugi, die solchen Preisen überhaupt Bedeutung verleihen.

Kintsugi von Miku Sophie Kühmel erschien im Verlag S. Fischer und hat 304 Seiten.

Wilhelm Genazino: „Außer uns spricht niemand über uns“

Genanzino Außer uns spricht niemand über uns

Im neuen Roman von Wilhelm Genazino flaniert der Ich-Erzähler durch die verstaubte Realität seines Daseins. Eine Geschichte der Belanglosigkeit zwischen Dinkelbrot, Fluchtreflex und Konjunktiv-Kommunikation.


Außer uns spricht niemand über uns – ein Titel, der den misanthropischen Grundton von Genazinos neuem Roman schon erwarten lässt. Der Erzähler, ein gescheiterter Schauspieler mittleren Alters, der sich mit unregelmäßigen Minijobs als Radiosprecher über Wasser hält, schlendert durch sein Leben. Obwohl er dabei reichlich ziellos erscheint, ist er auf der ständigen Suche nach Bedeutsamkeit und findet doch nur Belanglosigkeit.

Bezeichnend für die Lähmung des Erzählers ist seine Beziehung zu der Telefonistin Carola. Da pendelt sich eine zwischenmenschliche Beziehung irgendwo zwischen dem Verlangen nach Nähe und einem immer mehr abflauenden Begehren ein. Doch ausgesprochen wird wenig – und wenn überhaupt, dann meistens nur in der Konjunktiv-Kommunikation mit sich selbst.. Das „Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn…“ nimmt einen Großteil des Buches ein. Irgendwo zwischen Dinkelbrot-für-Carola-Kaufen und Mittagsschlaf-vor-dem-Wunschkonzert-Planen kommen dem Erzähler auf einmal Gedanken, ob er seine Freundin nicht heiraten sollte, oder wie es wäre, wenn sie ein Kind kriegen würden. Doch diese Gedanken bleiben im privaten Monolog eines Charakters, der die ewige Wiederkehr des Gleichen als Grundkonstante seines Lebens akzeptiert hat und sich auch insgeheim garnichts anderes wünscht, als ziellos umherzuflanieren:

„Ich musste vertuschen, dass ich etwas anderes als ein umherschweifender Mensch nie hatte werden wollen. Mein oberstes Ziel war, der Penetranz des Wirklichen zu entkommen.“

Das erkennt irgendwann auch Carola, die sich mit dem Status-Quo ihres Partners nicht mehr so recht abfinden will. Carola wartet nicht, dass etwas passiert. Sie macht. Und manchmal macht sie dann eben auch harsche Vorwürfe:

„Sie warf mir vor, dass meine häuslichen Sitten mehr und mehr verwahrlosten. Ich war beinahe fassungslos. Konnte sie ein Zeichen oder einen Grund für meine angebliche Verwahrlosung nennen? Sie sagte: Der Grund ist meiner Meinung nach dein mehr und mehr vergammelndes Leben.“

Doch gänzlich kann sich Carola nicht von der Faszination dieses Lotterlebens lösen. Denn das vergammelnde Dasein des Erzählers hat durchaus Struktur. Auf den Vorwurf, er würde halbgelesene Bücher irgendwann einfach mit dem Fuß unter ein Regal stoßen, erwidert er ganz lässig, dass er aber gleichzeitig auch jede verstaubte Bücherecke, die man in seiner Wohnung erkennt, einem Autor und Buchtitel zuweisen könne. Das beschwichtigt Carola und regt zum gemeinsamen Kichern und Kuscheln ein.

Doch irgendwann wird es ihr dann doch zu bunt. Nach einem Schwangerschaftsabbruch, der zwar im inneren Monolog des Erzählers mit allerlei Theorien der Untreue versehen wird, aber in der direkten Kommunikation nie so richtig zum Thema avanciert, stellt Carola klar: Sie will wieder schwanger werden und zwar diesmal „so richtig“. Der Erzähler reagiert darauf in seiner ganz eigenen ewigen Widerkehr des Gleichen: Überhaupt nicht. Die Verweigerung der Konfrontation ist die persönliche Fluchtstrategie eines Menschen, der schon seit langer Zeit genug hat. Von so gut wie Allem.

„Ich fühlte, dass mein Innenleben auf Flucht angelegt war. Einen besonderen Grund zur Flucht brauchte ich schon lange nicht mehr.“

Der Höhepunkt dieser Realitätsflucht besteht darin, dass der Erzähler die folgenden drastischen Entwicklungen seines Beziehungslebens ohne allzu große Emotionsregung hinnimmt. Geradezu beiläufig erscheinen Trennung, Schmerz und Tod, wenn doch das einzige Glück des Erzählers – nach eigener Aussage – in der Beobachtung von Nichtigkeiten während seines Streifzugs durch das kleinstädtische Frankfurt besteht.

Und genau das ist die Essenz von Außer uns spricht niemand über uns. Der Reiz dieses Romans besteht nicht in einer konsistenten und überzeugenden Plotkonfiguration, sondern in den feinen Darstellungen eines überaus menschlichen Typus: Der Sinnsuchende in einer Welt, in der die Blaumeisen schon längst grau geworden sind.  Mit seiner feinen Prosa schafft es Wilhelm Genazino auf tragik-komische Weise menschliche Ängste, etwa vorm Altern, vorm Alleinsein oder einem gesellschaftlichen Verfall zu illustrieren. Gleichzeitig vermittelt er aber auch das diffuse Gefühl von Glück, das sich in den Beobachtungen des Alltags verbirgt.


Beitragsbild: Carl Hanser Verlag

Wilhelm Genazino:“Außer uns spricht niemand über uns“

Carl Hanser, München 2016 | ISBN: 978-3-446-25273-8

Wir danken dem Carl Hanser Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars

Sprache, Mut und Zauberei: Saša Stanišić – Fallensteller

Sasa Fallensteller

Saša Stanišić hat unter dem Titel „Fallensteller“ einen fulminanten Erzählband veröffentlicht, der seine sprachliche Virtuosität ein mal mehr eindrucksvoll illustriert.


„Auf so einen bist du nie vorbereitet, mit seinem Gepäck voll Allerlei: Sprache, Mut und Zauberei“, das ist der letzte Satz der Erzählung Fallensteller, die dem kürzlich erschienen Erzählband von Saša Stanišić seinen Namen stiftet. Dieses Zitat kann durchaus als Sinnspruch für das Erleben dieses eindrucksvollen Werkes gelten – Stanišić erschafft in seinen Geschichten eine literarische Spiegelwelt voller Seltsamkeiten, Anlässen zum Wundern und Staunen. Sein unberechenbarer Stil ist dabei ein Abbild seiner eigenen Biographie – voller Unwegsamkeiten, Brüchen und einer melancholisch angehauchten Heiterkeit.

Saša Stanišić kam im Alter von 14 Jahren nach Deutschland. Geboren wurde er in Višegrad, einer kleinen Stadt in Bosnien, aus dem er mit seiner Familie 1992, nach der Besetzung durch die Serben, floh. Schnell wurde klar, dass der junge Saša ein außergewöhnliches literarisches Talent besitzt – heute ist er ein vielfach ausgezeichneter Autor und vor allem für seine zwei Romane Wie der Soldat das Grammofon repariert (2006) und Vor dem Fest (2014) bekannt. In Fallensteller präsentiert der Schriftsteller nun zwölf Erzählungen, die teilweise als Fortsetzungsgeschichten gelesen werden können. Stanišić setzt seine Verweise aber nicht nur innerhalb des Erzählbandes, sondern knüpft auch an seine vergangenen Werke an.

Schauplatz der umfangreichsten Erzählung des Bandes – Fallensteller – ist das schon aus Vor dem Fest bekannte Dorf Fürstenfelde, welches mit direktem erzählerischen Bezug eingeführt wird:

„Fürstenfelde. Einwohnerzahl: gerade. Es ist Zeit vergangen, seit du bei uns warst. Jetzt gibt´s wieder was zu erzählen. Jetzt ist der Fallensteller da.“

In Vor dem Fest hatte Saša Stanišić reale Personen des kleinen Dorfes in der Uckermark mystifiziert und den Figuren seines Romans damit eine besondere Tiefe gegeben. Der Ort irgendwo im brandenburgischen Nichts wird in Fallensteller um eine mysteriöse Person erweitert, die nur in Reimen spricht:

„Über das öde Land, querfeldein, marschiert durch die Dunkelheit einer, verwegen muss er sein, strauchdiebisch oder verwirrt, sonst ginge er nicht unbeirrt, hätte überm Kopf ein Dach, nicht Sterne, miede nicht die Dörfer, ach, jede Laterne, schliche nicht geduckt jenseits unsrer weltlichen Wacht.“

Dieser geheimnisvolle Vagabund behauptet von sich die mannigfaltigen der Dorfbewohner lösen zu können, indem er listig ausgetüftelte Fallen bereitstellt. Der reimende Selbstdarsteller liefert eine Show ab, deren Faszination sich die Dorfbewohner sich zunächst nicht entziehen können, obwohl einige doch felsenfest davon überzeugt sind, einem trickreichen Betrüger aufzusitzen.

„Auch nach einem Mal drüber träumen glaubte er an einen Trick, und dass der Kerl ein Betrüger sei. Allein, wie der angezogen war: Mantel und Hut, ganz klar eine Verkleidung. Ehrliche Menschen verkleiden sich nicht […]“

Schnell fühlt man sich als Leser diesem Eindruck verbunden. Stanišić inszeniert sich selbst als seine Figur: Ein mysteriöser Sprachkünstler, dessen Handwerk im Erstellen von listigen Fallen besteht.

Die verkleidende Sprache, die der Fallensteller Stanišić für seine einzelnen Erzählungen wählt, stellt ihn als virtuosen Illusionist dar. Mit seiner literarischen Kunst verschachtelt Stanišić mühelos Ebenen und lockt den Leser in die Untiefen seiner prosaischen Fallgruben. Das Wundern, das Zweifeln, die Magie der Sprache führen den Leser in eine faszinierende Welt, in welcher der Leser dem Ränkespiel des Autors manchmal ausgeliefert scheint und nicht mehr klar zwischen „Realität“ und Fiktion unterscheiden kann. Stanišić projiziert sich selbst in seine Geschichten und provoziert auch ganz gewollt diese direkten Assoziationen beim Leser.

Gerade in der abschließenden Geschichte In diesem Gewässer versinkt alles drängt sich eine biographische Anlehnung an den Autor auf. Der Ich-Erzähler erinnert sich dort an seine Kindheit, die stark vom Verhältnis zu seinem Großvater und den Brüchen innerhalb seiner Familie geprägt sind und der Flucht aus einem vom Kriege gebeutelten Land bestimmt worden war. Der Großvater schenkt dem Jungen ein blaues Hemd, das zum Sinnbild seiner magisch anmutenden Stärke und Beständigkeit in einem Kontext avanciert, in dem sonst alles versinkt  – das Hemd trägt den Jungen über ein Fluss aus den Tränen seiner Mutter hin zu einer neuen Heimat.

„[…] in diesem Gewässer versank sonst alles, Steine sowieso, aber auch Bälle, Bäume, Kühlschränke, einmal ein Ochse mitsamt dem Karren, der blöde Fluss, Kanarienvögel flogen hinein und versanken, ein Fahrrad, das dem Jungen versprochen worden war, im Sommer die Wolken, Schnee im Winter und zur Schneeschmelze einmal eine Brücke und im Frühling einmal ein Vater. Das hat der Junge aber nicht selbst gesehen, er hätte aber Anspruch darauf gehabt, denn es war sein eigener.“

Es ist diese faszinierende Bandbreite sprachlicher Verspieltheit, die jede einzelne Geschichte in Fallensteller zu etwas Besonderem macht. Heiterkeit und Melancholie liegen nah beieinander. Illusion und Fiktion überlappen. Manchmal überliest man bedeutungsschwangere Metaphern obgleich ihrer Unaufdringlichkeit fast, in anderen Fällen lässt Stanišić sie gezielt ins Leere laufen. Es ist wahrhaftig ein Buch voller Sprache, Mut und Zauberei.


Titelbild: Luchterhand Verlag

Wir bedanken uns beim Luchterhand Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Juli Zeh: „Unterleuten“ – Dorfroman im Kommunika­tions­zeitalter

Juli Zeh hat mit „Unterleuten“ einen Gesellschaftsroman geschrieben. Einen Roman, der den Mikrokosmos des Dorflebens in all seinen Eigenarten und Besonderheiten seziert. Dass gerade die Sozialdynamiken des Dorfes die Folie für diesen Gesellschaftsroman bilden, ist kein Zufall, denn das dichte Netz aus Perspektiven, Gerüchten und Geschichten exemplifiziert eine Art der Kommunikation, die mehr denn je unsere Realität konstituiert.


Über Juli Zeh, die Dorfflucht und den Gesellschaftsroman

Autorin Juli Zeh (Spieltrieb, Corpus Delicti) hat vor einigen Jahren den Schritt gewagt, über den viele ausgebrannte Stadtmenschen abends mit einer Flasche Rotwein nachdenken – sie ist vor 10 Jahren mit ihrem Mann von Leipzig in ein kleines Dorf irgendwo im brandenburgischen Havelland gezogen. In Zehs neuem Wohnort läuft alles ein wenig anders als in der städtischen Umgebung. Der Weg zum nächsten Arzt ist ein Kurzurlaub und die neuen Nachbarn kaufen ihre Kartoffeln nicht im Biomarkt, sondern bauen sie an.

In den nächsten Jahren berichtet Zeh immer mal wieder, wie anders das Leben auf dem Land funktioniert. Ein ganz anderer Lebensraum sei das, mit vollkommen unterschiedlichen Kommunikationsformen und -normen. Das „Dorf“ als verallgemeinerte Antithese zum urbanisierten Großstadttypus (heutzutage oft „Berlin“) ist literarisch interessant, weil es dem (urbanisierten) Leser eine Parallellwelt eröffnet, die seit Jahrzehnten, unbeeindruckt von sonstigen gesellschaften Umwürfen, nach ihren eigenen Regeln funktioniert und damit eine seltsame Form von Freiheit suggeriert. Eine Welt, die wohl dem Großteil der Leserzielgruppe fremd erscheint, die in ihren grundlegenden Strukturen allerdings erhebliches Identifikationspotential bietet.

Genau deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sich ein Trend entwickelt hat, der die Gesellschaft nicht mehr in der Stadt, sondern im Dorf spiegelt. Als zugespitzte These formuliert: „Es könnte sein, dass Gesellschaftsromane überhaupt nur noch als Dorfromane möglich sind.“ (Jörg Magenau für Deutschlandradio Kultur). Nach Saša Stanišić, der in „Vor dem Fest“ 2014 das Dorfleben im uckermärkischen „Fürstenfelde“ thematisierte, folgt Juli Zeh nun mit dem fiktiven brandenburgischen „Unterleuten“.

Die Menschen in „Unterleuten

In Unterleuten gibt es nicht viel. 250 Einwohner, einige Brutpaare der seltenen Vogelart „Kampfläufer“, einen mittelgroßen Agrarbetrieb und den „Märkischen Landmann“ – der soziale Mittelpunkt des Dorfes. Die Einwohner setzen sich zwar aus einer bunten Mischung von Urunterleutenern und Zugezogenen zusammen, dennoch ist das Dorf bis auf wenigen Kontakt mit den Nachbargemeinden relativ abgeschottet: „Unterleuten las keine Zeitungen, sah kaum fern, benutzte das Internet nicht, interessierte sich nicht für Berlin, rief niemals die Polizei und vermied überhaupt jeden Kontakt mit der Außenwelt – aus einem schlichten Grund: weil es die Freiheit liebte.“ Die Bewohner von Unterleuten sind vor allem mit einem beschäftigt: sich selbst.

Juli Zeh erzählt ihren Roman aus der Perspektive seiner Protagonisten. Zwar gibt es eine auktoriale Erzählerin, doch die Einzelkapitel zeigen immer den Blickpunkt einzelner Personen(gruppen), sei es aus der Innen- oder Außenperspektive. Schnell wird klar, dass die Bewohner von Unterleuten zwar die Freiheit lieben, doch dass sich die allgemein diffuse Freiheitsvorstellung vom Dorfleben, welche die Zugezogenen gegen großstädtische Erfahrungen des Parkplatzsuchens und Ubahnfahrens stellen, auf die Ebene der persönlichen Freiheit hinbewegt. Alle Protagonisten haben ihre eigene Geschichte der privaten Entfaltung zu erzählen. Und diese Geschichten müssen gerade im Mikrokosmos Dorf zwangsläufig kollidieren.

Da gibt es beispielsweise Gerhard Fließ, einen ehemaligen Soziologie-Professor, der eine Studentin geheiratet hat und mit Frau nebst Tochter der Stadt – und damit seinem alten Leben – eine „Kündigungserklärung“ überreicht hat, nach Unterleuten ausgesiedelt hat. Fließ arbeitet nun für den Vogelschutzbund und eine seiner Lieblingsbeschäftigungen ist seinen Nachbarn ihre Bauprojekte aus Naturschutzgründen zu untersagen. Die anfängliche Dorfidylle der jungen Familie Fließ wird aber schnell gestört, als Bodo Schaller, ein dicklicher und grober Automechaniker, nebenan einzieht und beginnt Autoreifen zu verbrennen.

Oder aber Linda Franzen (deren Nachname wohl eine Hommage an die Gesellschaftsromane von Jonathan Franzen ist), eine junge und ehrgeizige Frau, die seit ihrer Ankunft in Unterleuten vor ein paar Jahren von der Idee besessen ist, ein altes Gutshaus zu einer Pferdeoase für ihren Oldenburger Hengst „Bergamotte“ umzuwandeln. Linda steht aus diesem Grunde mit dem Unternehmensberater und Großgrundbesitzer Konrad Meiler in Kontakt, der zwar zögerlich ist, sein Land zu verkaufen, aber von der jungen selbstbewussten Linda fasziniert ist. Linda ist ein getriebener Erfolgsmensch, so zitiert sie beispielsweise regelmäßig aus dem Erfolgsratgeber eines gewissen Manfred Gortz und macht sich dessen Grundsätze in all ihren kleinen Projekten zu eigen.

Unterleuten“ ist durchzogen von einem engen Netz von interpersonellen Bezügen. Neben den vorgestellten Personen gibt es noch Dutzende weitere, die mit ihren persönlichen Geschichten und Konflikten die Handlung des Romans bestimmen.

Perspektivität – Was ist Gut und Böse?

Das Dorf funktioniert nach seinen eigenen Regeln. Das wird für die Zugezogenen im Kontakt mit den Dorflern schnell deutlich. Während die Einen ihre Aussteigerträume pflegen, kochen die Anderen ihr ganz eigenes Süppchen. Doch die hässliche Fratze des sozialen Dorflebens wird erst sichtbar, als die abgeschottete Idylle von Unterleuten auf breiter Front bedroht wird: Durch die angekündigte Errichtung eines Windparks in der Peripherie von Unterleuten sind die Bewohner des Dorfes dazu gezwungen, nicht nur übereinander, sondern miteinander zu reden.

In der Entwicklung der verschiedenen Konflikte zeigt sich am Ende, dass auch die Einstellung zu Gewalt auf dem Dorf anders ist. Aus den kleinen Nicklichkeiten werden Katastrophen. Juli Zeh stellt mit „Unterleuten“ auch die Frage nach dem Ursprung unserer moralischen Vorstellungen. Wann ist etwas Gut oder Böse – und hängt das davon ab, aus welcher Perspektive man die Welt betrachtet? Grundsatz von Zehs Moralkritik ist, dass „alle immer nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem etwas schreckliches passiert.“

Unterleuten“ liest sich abschnittsweise wie eine pfiffige Soap-Opera mit Thrillerelementen. Der Fokus auf die interpersonellen Bezugslinien offenbart auch Einsichten über die Art unserer Kommunikation.

Der „Dorffunk“ – eine besondere Art der Kommunikation

Die Kommunikation im Dorf lebt von einer seltsamen Asymmetrie aus selbst veranschlagter Informationsfülle und totaler Ahnungslosigkeit. Juli Zeh nennt diese besondere Art der Kommunikation „Dorffunk“:

„‚Dorffunk‘ [ist] eine globale Gerüchteküche. Jeder glaubt, alles über alles und jeden zu wissen, während es in Wahrheit nur Milliarden von Geschichten sind, die wir uns pausenlos gegenseitig erzählen. Sie werden zu einem undurchdringlichen Netz aus Legenden, Anekdoten und Fiktionen, welches unsere Realität ausmacht.“ Juli Zeh, 3. Mai 2016 via www.unterleuten.de

Wenn man nun also den Dorfroman als genuine Form des Gesellschaftsromans akzeptiert, so müsste der „Dorffunk“ uns eine tiefere Einsicht in das Kommunkationsverhalten des modernen Menschen geben. Wir leben im Kommunikationszeitalter, Informationen sind im Internet immer und überall verfügbar – genauso wie die ständige Möglichkeit zum Austausch und zur Selbstdarstellung. Primäre Kommunikation ist nicht mehr der direkte Kontakt zum Anderen, sondern vielmehr die Darstellung  und Reproduktion von Geschichten, die weitergegeben werden. Das Resultat ist oftmals mit Informationsdynamiken des Internets vergleichbar: Jeder versucht eine möglichst gute Geschichte zu erzählen und durch fehlende Nachprüfbarkeit verschwimmt die Grenze zwischen Virtualität und Realität.

Der digitalisierte Mikrokosmos von „Unterleuten“

Bezeichnend für diese These über Kommunikation ist, dass Juli Zeh „Unterleuten“ als Kunstwerk versteht, dass die Grenzen des Buchdeckels transzendiert:

„Die Erzählung „Unterleuten“ geht weiter, in Büchern, in Zeitungen, im Internet. Wenn Sie ihr folgen, werden Sie überall auf Teile von „Unterleuten“ stoßen. Weil die Gesellschaft nicht mehr so funktioniert wie zu Zeiten von Balzac, Thomas Mann oder John Updike, ist „Unterleuten“ als Gesellschaftsroman des 21. Jahrhunderts ein literarisch-virtuelles Gesamtkunstwerk.“ Juli Zeh, 3. Mai 2016 via www.unterleuten.de

Dieser Anspruch ist vom Luchterhand Verlag nun auch wirklich angestoßen worden. Auf www.unterleuten.de ist die Digitalisierung des Mikrokosmos „Unterleuten“ zusammengetragen. Neben zahlreichen Einzelvorstellungen des Dorfes und seiner Bewohner gibt es auf der Seite auch Querverweise auf die im Buch vorkommenden Entitäten. Das fiktive Dorf „Unterleuten“ erwacht im WorldWideWeb zum Leben. So haben beispielsweise einige wichtige Vereinigungen und Orte eigene Weppräsenzen (vgl. vogelschutzbund-unterleuten.de oder maerkischer-landmann-unterleuten.de). Es gibt eigene Facebook-Accounts für die Figuren aus dem Buch, auf denen die Figuren „private“ Bilder von sich posten, oder mit Panoramaaufnahmen von ihrem schönen Unterleuten schwärmen.

Sogar die Journalistin, die am Ende des Buches als Zusammenträgerin aller Informationen über Unterleuten offenbart wird, beschwert sich online über fehlende Wertschätzung ihres Beitrags von Seiten der Autorin.

Juli Zeh hat es zusammen mit ihrem Verlag geschafft eine Metaebene außerhalb des literarischen Werkes zu erschaffen, welche die ausgesprochenen Grundsatzfragen aktualisiert: Was bedeutet persönliche Identität? Wo ist die Grenze zwischen Realität und Fiktion, wenn unsere Kommunikation zu einem schlecht funktionierenden Dorffunk pervertiert ist?

Die Grenze zwischen Realität und Fiktion

Die Antwort auf diese Fragen, die zumindest von der Autorin und dem Verlag fossiert werden suggeriert ein faktisches Verschwimmen der Grenze zwischen Realität und Fiktion. Auf die Spitze getrieben ist dieses Verschwimmen in der Person von Manfred Gortz. Gortz wird in „Unterleuten“ immer wieder als Autor des Ratgebers „Dein Erfolg“ zitiert. Er hat eine eigene Homepage, betreibt einen Youtube-Channel, er ist auf Facebook und Twitter aktiv und verkauft sein Buch auf Amazon.

Trotzdem haben etwa die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Existenz von Manfred Gortz in Frage gestellt. Doch Gotz wehrt sich mit einem Video-Statement:

Die Antwort auf die Grundsatzfragen aus Juli Zehs exzellentem Roman „Unterleuten“ wird prägnant von Gortz formuliert: „Entscheiden Sie selbst! Der Mensch ist eine Geschichte, die er sich selbst erzählt.“ (Manfred Gortz im Youtube-Statement)


Beitragsbild: Foto M.K.

Wir danken dem Luchterhand Verlag für die Bereitstellung des Leseexemplars von „Unterleuten„.